Viertes Kapitel

Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den

Kontrabaß zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu

auswärtigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten

und zurückbehaltenen Wundern fürs Haus. - Balthasars Bezauberung durch

einen Stockknopf.

Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde saß

Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach

schäumend fortbrauste zwischen Felsstücken und dicht verwachsenem

Gestrüpp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den

Bergen; das Rauschen der Bäume, der Gewässer ertönte wie ein dumpfes

Winseln, und dazwischen kreischten Raubvögel, die aus dem finstern

Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich nachschwangen

dem fliehenden Gewölk. -

Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des

Waldes die trostlose Klage der Natur, als müsse er selbst untergehen

in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefühl des tiefsten

unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,

und indem häufige Tränen aus seinen Augen tröpfelten, war es, als

blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten

schneeweiße Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den kühlen

Grund.

Da schwebte aus weiter Ferne durch die Lüfte daher heller fröhlicher

Hörnerklang und legte sich tröstend an seine Brust, und die Sehnsucht

erwachte in ihm und mit ihr süßes Hoffen. Er sah umher, und indem die

Hörner forttönten, dünkten ihm die grünen Schatten des Waldes nicht

mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen des Windes, das

Flüstern der Gebüsche. Er kam zu Worten.

"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit

leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht

alle Hoffnung! - Nur zu gewiß ist es, daß irgendein düstres Geheimnis,

irgendein böser Zauber verstörend in mein Leben getreten ist, aber

ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darüber untergehen! Als

ich endlich hingerissen, übermannt von dem Gefühl, das meine Brust

zersprengen wollte, der holden, süßen Candida meine Liebe gestand, las

ich denn nicht in ihren Blicken, fühlte ich nicht an dem Druck ihrer

Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte kleine Ungetüm sich

sehen läßt, ist ihm alle Liebe zugewandt. An ihr, der vermaledeiten

Mißgeburt, hängen Candidas Augen, und sehnsüchtige Seufzer entfliehen

ihrer Brust, wenn der täppische Junge sich ihr nähert oder gar ihre

Hand berührt. - Es muß mit ihm irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis

haben, und sollt' ich an alberne Ammenmärchen glauben, ich würde

behaupten, der Junge sei verhext und könne es, wie man zu sagen

pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht toll, daß alle über das

mißgestaltete, durch und durch verwahrloste Männlein spotten und

lachen und dann wieder, tritt der Kleine dazwischen, ihn als den

verständigsten, gelehrtesten, ja wohlgestaltetsten Herrn Studiosum

ausschreien, der sich eben unter uns befindet? - Was sage ich! geht es

mir nicht beinahe selbst so, kommt es mir nicht auch oft vor, als sei

Zinnober gescheut und hübsch? - Nur in Candidas Gegenwart hat der

Zauber keine Macht über mich, da ist und bleibt Herr Zinnober ein

dummes, abscheuliches Alräunchen. - Doch! - ich stemme mich entgegen

der feindlichen Macht, eine dunkle Ahnung ruht tief in meinem Innern,

irgend etwas Unerwartetes werde mir die Waffe in die Hand geben wider

den bösen Unhold!" -

Balthasar suchte den Rückweg nach Kerepes. In einem Baumgange

fortwandernd, bemerkte er auf der Landstraße einen kleinen bepackten

Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weißen Tuch freundlich

zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,

weltberühmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines

vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels über alle Maßen hochschätzte und

bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," rief

Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr

Balthasar, mein teurer Freund und Schüler, gut, daß ich Sie hier noch

treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu können."

"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht

Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"

"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins

Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die

Leute sämtlich närrisch sind, der einem großen Irrenhause gleicht. -

Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie über Land gegangen,

sonst hätten Sie mir beistehen können gegen das rasende Volk, dem ich

unterlegen."

"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"

rief Balthasar.

"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.

Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehört, es hat

Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,

ganz vorzüglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes

- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten

Erde, Viotti selbst hätte mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,

bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich

erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich höflichst zu

bedanken. - Aber! was muß ich sehen, was muß ich hören! - Alles, ohne

mich nur im mindesten zu beachten, drängt sich nach einer Ecke des

Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, göttlicher Zinnober! - welch

ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche Fertigkeit!' -

Ich renne hin, dränge mich durch! - da steht ein drei Spannen hoher

verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: 'Bitte, bitte,

recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kräften stand, bin

freilich nunmehr der stärkste Violinist in Europa und den übrigen

bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat denn

gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer

fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und ihn

fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stürzen sie auf mich

los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und Mißgunst.

Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle einstimmig

rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - göttlicher Zinnober! -

sublimer Komponist!' Noch ärger als zuvor schrie ich: 'Ist denn alles

rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich - ich - der

weltberühmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun packen sie

mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia mein' ich,

von seltsamen Zufällen, bringen mich mit Gewalt in ein Nebenzimmer,

behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. Nicht lange

dauert es, so stürzt Signora Bragazzi hinein und fällt ohnmächtig

nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie geendet,

erdröhnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' und alle

schrien, keine solche Sängerin gäb' es mehr auf Erden als Zinnober,

und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' -

Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich

meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.

Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino

Zinnober, so sagen Sie ihm gefälligst, er möge sich nicht irgendwo in

einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar würd' ich

ihn sonst bei seinen Käferbeinchen packen und durchs F-Loch in den

Kontrabaß schmeißen, da könne er denn zeit seines Lebens Konzerte

spielen und Arien singen, wie er nur Lust hätte. Leben Sie wohl,

mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht beiseite!"

- Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen erstarrten

Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.

"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'

ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext

und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger

Mensch vorüber, bleich - verstört, Wahnsinn und Verzweiflung im

Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem

Jünglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher

schnell nach in den Wald.

Kaum zwanzig - dreißig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius

Pulcher gewahr, der unter einem großen Baume stehen geblieben und

mit himmelwärts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht länger

dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede

Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung

- Geliebte." -

Und damit riß der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus

dem Busen und drückte sie sich an die Stirne.

Balthasar stürzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die

Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,

was ist dir, was tust du!"

Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich selbst

kommen. Er war halb ohnmächtig niedergesunken auf den Rasen; Balthasar

hatte sich zu ihm gesetzt und sprach tröstende Worte, wie er es nur

vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu wissen.

Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn

Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords

in ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann:

"Du kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedrängte Lage, du weißt,

wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten

gesetzt, die bei dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten offen;

du weißt, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiß ich mich darauf

vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich

zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.

Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur mündlichen

Prüfung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, mißgeschaffenen Kerl,

den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober kennen wirst. Der

Legationsrat, dem die Prüfung übertragen, trat mir freundlich entgegen

und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu erhalten wünsche, habe

sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns _beide_ daher prüfen.

Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben von Ihrem Mitbewerber

nichts zu befürchten, bester Referendarius, die Arbeiten, die der

kleine Zinnober eingereicht, sind erbärmlich!' Die Prüfung begann,

keine Frage des Rats ließ ich unbeantwortet. Zinnober wußte

nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte und quäkte er

unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, indem er

ungebärdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom hohen Stuhl

herab, so daß ich ihn wieder hinaufheben mußte. Mir bebte das Herz vor

Vergnügen; die freundlichen Blicke, die der Rat dem Kleinen zuwarf,

hielt ich für die bitterste Ironie. - Die Prüfung war beendigt. Wer

schildert meinen Schreck, mir war es, als wenn ein jäher Blitz mich

klaftertief hineinschlüge in den Boden, als der Rat den Kleinen

umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - welche Kenntnis -

welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu mir: 'Sie haben mich

sehr getäuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie wissen ja gar nichts!

Und - nehmen Sie es mir nicht übel, die Art, wie Sie sich zur Prüfung

ermutigt haben mögen, läuft gegen alle Sitte, gegen allen Anstand! -

Sie konnten sich ja gar nicht auf dem Stuhl erhalten, Sie fielen ja

herab, und Herr Zinnober mußte Sie aufrichten. Diplomatische Personen

müssen fein nüchtern sein und besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!'

- Noch hielt ich alles für ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es,

ich ging hin zum Minister. Er ließ mir heraussagen, wie ich mich

unterstehen könne, ihn noch mit meinem Besuch zu behelligen, nach der

Art, wie ich mich in der Prüfung bewiesen - er wisse schon alles!

Der Posten, zu dem ich mich gedrängt, sei schon vergeben an Herrn

Zinnober! - So hat mir irgendeine höllische Macht alle Hoffnung

geraubt, und ich will ein Leben freiwillig opfern, das dem dunklen

Verhängnis anheimgefallen! Verlaß mich!" -

"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst höre mich an!"

Er erzählte nun alles, was er von Zinnober wußte seit seiner ersten

Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen

ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo

Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiß," sprach er dann, "daß allem

Beginnen der unseligen Mißgeburt irgend etwas Geheimnisvolles zum

Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein

höllischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit

festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiß, wenn nur der Mut

vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluß. Laß uns

vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -

"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,

ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiß! - Doch

Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen

- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? Hat

denn nicht vor vielen Jahren Fürst Paphnutius der Große die Aufklärung

eingeführt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche aus dem Lande

verbannt, und doch soll noch dergleichen verwünschte Contrebande sich

eingeschlichen haben? - Wetter! das müßte man ja gleich der Polizei

anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, nein - nur der

Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fürchte, ungeheure Bestechung

ist schuld an unserm Unglück. - Der verwünschte Zinnober soll

unermeßlich reich sein. Er stand neulich vor der Münze, und da zeigten

die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: 'Seht den kleinen hübschen

Papa! - dem gehört alles blanke Gold, was da drinnen geprägt wird!'"

"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem

Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!

- Wahr, daß Fürst Paphnutius die Aufklärung einführte zu Nutz

und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches

Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurückgeblieben. Ich meine,

man hat noch so fürs Haus einige hübsche Wunder zurückbehalten.

Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkörnern die höchsten,

herrlichsten Bäume, ja sogar die mannigfaltigsten Früchte und

Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl

noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blättern und

Flügeln die glänzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten

Schriftzüge zu tragen, von denen kein Mensch weiß, ob es Öl ist,

Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann

die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!

Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen

Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer

auf und ab, und eine seltsame Stimme flüstert, ich sei selbst ein

Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu

allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort

und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die

Gewässer zu mir sprechen, und mich umfängt selige Himmelslust!" -

"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn zu

achten, streckte die Arme aus, wie von inbrünstiger Sehnsucht erfaßt,

nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche doch nur,

o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des Abendwindes

durch den Wald ertönt! - Hörst du wohl, wie die Quellen stärker

erheben ihren Gesang? wie die Büsche, die Blumen einfallen mit

lieblichen Stimmen?" -

Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von

der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es

wehen Töne durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,

welche ich in meinem Leben gehört und die mir tief in die Seele

dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Büsche, nicht die

Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand

in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."

Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer stärker und

stärker anschwellenden Akkorde, die immer näher hallten, den Tönen

einer Harmonika, deren Größe und Stärke aber unerhört sein mußte. Als

nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel

dar, so zauberhaft, daß sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -

stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den

Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges

Barett mit schönen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich

einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Räder

schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die

herrlichen Harmonikatöne, die die Freunde schon aus der Ferne gehört.

Zwei schneeweiße Einhörner mit goldenem Geschirr zogen den Wagen, auf

dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan saß, die goldnen Leinen im

Schnabel haltend. Hintenauf saß ein großer Goldkäfer, der mit den

flimmernden Flügeln flatternd, dem wunderbaren Mann in der Muschel

Kühlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden vorüberkam, nickte

er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus dem funkelnden

Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, ein Strahl auf

Balthasar, so daß er einen brennenden Stich tief in der Brust fühlte

und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -

Der Mann blickte ihn an und lächelte und winkte noch freundlicher als

zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebüsch verschwand,

noch im sanften Nachhallen der Harmonikatöne, fiel Balthasar, ganz

außer sich vor Wonne und Entzücken, dem Freunde um den Hals und rief:

"Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers

versuchten Zauber bricht!" -

"Ich weiß nicht," sprach Pulcher, "ich weiß nicht, wie mir in diesem

Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich träume; aber so viel ist

gewiß, daß ein unbekanntes Wonnegefühl mich durchdringt und daß Trost

und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 6 / 12 题