Drittes Kapitel

Wie Fabian nicht wußte, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen,

die nicht Fische essen dürfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. -

Der junge Prinz.

Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem

kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl

noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebüsch

heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer

stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide

in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich

selbst, "ist der Nußknacker auf seinem großen Pferde auch schon vor

mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,

den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich

ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Geflügelten Roß' und hält

er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die

Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche

lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel

fertig!" -

Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Straßen, auf

dem Wege nach dem "Geflügelten Roß" lauter lachenden Gesichtern

zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und

ernst vorüber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem

"Geflügelten Roß" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,

miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war überzeugt, daß der

Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein müsse, da gewahrte er,

einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, daß soeben das sehr

kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall geführt wurde. Auf den

ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn

nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,

den Fabian fragte, wußte ebensowenig etwas davon als die übrigen,

denen Fabian nun erzählte, was sich mit ihm und dem Däumling, der

ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten

indessen, daß ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, keineswegs

angelangt. Wohl wären aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr stattliche

Reiter auf schönen Pferden im Gasthause zum "Geflügelten Roß"

abgestiegen. "Saß der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben nach dem

Stall geführt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," erwiderte einer,

"allerdings. Der, der auf jenem Pferde saß, war von etwas kleiner

Statur, aber von zierlichem Körperbau, angenehmen Gesichtszügen und

hatte die schönsten Lockenhaare, die man sehen kann. Dabei zeigte er

sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er schwang sich mit einer

Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde herab, wie der erste

Stallmeister unseres Fürsten." - "Und," rief Fabian, "und verlor nicht

die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor die Füße?" - "Gott behüte,"

erwiderten alle einstimmig, "Gott behüte! - was denkst du Bruder!

solch ein tüchtiger Reiter wie der Kleine!" - Fabian wußte gar nicht,

was er sagen sollte. Da kam Balthasar die Straße herab. Auf den

stürzte Fabian los, zog ihn heran und erzählte, wie der kleine Knirps,

der ihnen vor dem Tor begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben

angekommen sei und von allen für einen schönen Mann von zierlichem

Gliederbau und für den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du

siehst," erwiderte Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber

Bruder Fabian, daß nicht alle so wie du über unglückliche, von der

Natur verwahrloste Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du

mein Himmel," fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von

Spott und Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuß

hohes Kerlein, der einem Rettich gar nicht unähnlich, ein schöner

zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar mußte, was Wuchs und Ansehen

des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestätigen. Die andern

versicherten, daß der kleine Reiter ein hübscher zierlicher Mann sei,

wogegen Fabian und Balthasar fortwährend behaupteten, sie hätten nie

einen scheußlicheren Däumling erblickt. Dabei blieb es, und alle

gingen voll Verwunderung auseinander.

Der späte Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen

nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wußte er nicht

wie, heraus, daß er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn

auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du glücklicher," rief

Fabian, "ei, du überglücklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,

die hübsche Mamsell Candida, sehen, hören, sprechen!" - Balthasar,

aufs neue tief verletzt, riß sich los von Fabian und wollte fort. Doch

besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruß mit Gewalt

niederkämpfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, daß du mich

für einen albernen verliebten Gecken hältst, ich bin es vielleicht

wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte Wunde, die

meinem Gemüt geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise berührt,

im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen könnte. Darum,

Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir nicht mehr den

Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du nimmst, mein

lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich tragisch, und

anders läßt sich das auch in deinem Zustande nicht erwarten. Aber um

mit dir nicht in allerlei häßlichen Zwiespalt zu geraten, verspreche

ich, daß der Name Candida nicht eher über meine Lippen kommen soll,

bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur so viel erlaube mir

heute noch zu sagen, daß ich allerlei Verdruß vorausgehe, in den

dich dein Verliebtsein stürzen wird. Candida ist ein gar hübsches

herrliches Mägdlein, aber zu deiner melancholischen, schwärmerischen

Gemütsart paßt sie ganz und gar nicht. Wirst du näher mit ihr bekannt,

so wird ihr unbefangenes heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die

du überall vermissest, scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche

Träumereien geraten, und das Ganze wird mit entsetzlichem

eingebildeten Weh und genügender Verzweiflung tumultuarisch enden.

- Übrigens bin ich ebenso wie du auf morgen zu unserm Professor

eingeladen, der uns mit sehr schönen Experimenten unterhalten wird! -

Nun gute Nacht, fabelhafter Träumer! Schlafe, wenn du schlafen kannst

vor solch wichtigem Tage wie der morgende!"

Damit verließ Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.

- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Unglücksmomente

voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;

denn beider Wesen und Gemütsart schien in der Tat Anlaß genug dazu zu

geben.

Candida war, jeder mußte das eingestehen, ein bildhübsches Mädchen,

mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen

Rosenlippen. Ob ihre übrigens schönen Haare, die sie in wunderlichen

Flechten gar fantastisch aufzunesteln wußte, mehr blond oder mehr

braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut

der seltsamen Eigenschaft, daß sie immer dunkler und dunkler wurden,

je länger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter

Bewegung, war das Mädchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld,

die Anmut selbst, und man übersah es bei so vielem körperlichen Reiz

sehr gern, daß Hand und Fuß vielleicht kleiner und zierlicher hätten

gebaut sein können. Dabei hatte Candida Goethes "Wilhelm Meister",

Schillers Gedichte und Fouqués "Zauberring" gelesen und beinahe alles,

was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das

Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Françaisen

und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen

Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mädchen etwas aussetzen,

so war es vielleicht, daß sie etwas zu tief sprach, sich zu fest

einschnürte, sich zu lange über einen neuen Hut freute und zuviel

Kuchen zum Tee verzehrte. Überschwenglichen Dichtern war freilich noch

vieles andere an der hübschen Candida nicht recht, aber was verlangen

die auch alles. Fürs erste wollen sie, daß das Fräulein über alles,

was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambüles Entzücken

gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was

weniges ohnmächtle oder gar zurzeit erblinde als höchste Stufe der

weiblichsten Weiblichkeit. Dann muß besagtes Fräulein des Dichters

Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Fräulein) selbst aus dem

Herzen geströmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst

auch wohl Verse machen, sich aber sehr schämen, wenn es herauskommt,

ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem

wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in

die Hände spielte, der dann auch seinerseits vor Entzücken darüber

erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische

Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit

entgegen finden, daß ein Mädchen lachen, essen und trinken und sich

zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem

heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehänge zu tragen

und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas

zubereitetes Gras genießen, beständig hungrig sein, ohne es zu fühlen,

sich in grobe, schlecht genähte Kleider hüllen, die ihren Wuchs

verbergen, vorzüglich aber eine Person zur Gefährtin wählen, die

ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -

Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb

ging ihr nichts über ein Gespräch, das sich auf den leichten luftigen

Schwingen des unverfänglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht

herzlich über alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter

ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht ungeachtet,

der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es

wirklichen Anlaß dazu, ein tiefes inniges Gefühl hindurch, das nie

in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir,

geliebter Leser, die wir nicht zu den Überschwenglichen gehören, das

Mädchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich

anders verhalten! - Doch bald muß es sich ja wohl zeigen, inwiefern

der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder nicht! -

Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen

die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher

als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin

an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender

Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der

Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er

mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf

Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.

Fabian lächelte ein wenig, als er, der Verabredung gemäß, zur

bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn

zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen

gezackten Kragen von den feinsten Brüßler Kanten umgetan, sein kurzes

Kleid mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Samt. Und dazu trug

er französische Stiefeln mit hohen spitzen Absätzen und silbernen

Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und dänische

Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm

über alle Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das

kleine Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.

Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins

Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen

Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, wie

man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fräulein!" seufzte

Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida selbst,

eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber an mit

leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und Maraschino, Zwieback

und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen Sie doch nur

gefälligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf Rum und Maraschino,

Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte

der begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der

innigsten Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach

Worten, die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben

empfand. Da faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer

baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum,

daß er mehr Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich,

und rief mit donnernder Stimme: "Bester Lukas Kranach, saufen Sie

nicht das schnöde Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total

- dort im andern Zimmer hat unser tapfere Mosch eine Batterie der

schönsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir

sofort spielen lassen!" - Er schleppte den unglücklichen Jüngling

fort.

Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin

entgegen, ein kleines, sehr seltsames Männlein an der Hand führend und

laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit

den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht

schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es

ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität

gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian und Balthasar

erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der

vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war.

"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das

Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer

Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren

Gegner."

"Schäme dich," erwiderte Balthasar, "schäme dich, daß du den

verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hörst, die seltensten

Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was

die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte." Dann wandte er sich

zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß

Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?"

Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der

Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so daß

er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf in

den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in

seltsam schnurrendem Baßton: "Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon

Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde

gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste Reiter

bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß ich

als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht und

Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège! - hm

hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er

sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestützt, glitt aber

aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Füße.

Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte

dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen gellenden

Schrei aus, daß es im ganzen Saal widerhallte und die Gäste

erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar

und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so

entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr

Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas

wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben

machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze

Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel

sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten

ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe

hinaus.

Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame

ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch für

Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!"

Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor

Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu

sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, der

so entsetzlich gemauzt.

Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit.

Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr

Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.

Sich zur Erde bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den

gemißhandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr

dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"

- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr

Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm

der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Tröste mir," sprach

der Professor zu dieser, "tröste mir doch den guten Balthasar, der

ganz betreten ist über alles Unheil, was geschehen."

Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit

niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm

die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: "Es sind aber auch recht

komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten."

Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida

ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war

verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und

Katzengeschrei. - Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt.

Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback,

den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das

von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge

sehnsüchtig Hoffen! -

Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger

Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück und

suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.

Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute

setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen

eine Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa

gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze

funkelnde Blicke um sich warf.

Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem

Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken.

Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen

Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und

Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der geehrten

Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis

seiner Muse, vorzulesen.

Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich

Neues in der Stadt zugetragen, die Mädchen den letzten Ball bei dem

Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der

neuesten Hüte einig worden, da die Männer unter zwei Stunden nicht

auf weitere Speis- und Tränkung rechnen durften, so wurde Balthasar

einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß

nicht vorzuenthalten.

Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.

Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit

voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und

mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die

innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als leise

Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Männer:

"Herrlich - vortrefflich - göttlich!" ihn überzeugten, daß sein

Gedicht alle hinriß.

Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - welche

Gedanken - welche Fantasie - was für schöne Verse - welcher Wohlklang

- Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, für den göttlichen Genuß" -

"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern

stürzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein kleiner

Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - bitte

recht sehr - müssen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, die ich

erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der Professor der

Ästhetik schrie: "Vortrefflicher - göttlicher Zinnober! Herzensfreund,

außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! -

Komm an meine Brust, schöne Seele!" - Damit riß er den Kleinen vom

Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn. Zinnober betrug sich

dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen auf des

Professors dickem Bauch herum und quäkte: "Laß mich los - laß mich los

- es tut mir weh - weh - weh ich kratz' dir die Augen aus - ich beiß'

dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief der Professor, indem er den

Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, holder Freund, keine zu weit

getriebene Bescheidenheit!" - Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch

herangetreten, der nahm Zinnobers Händchen, drückte es und sprach sehr

ernst: "Vortrefflich, junger Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug

sprach man mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's,"

rief nun wieder der Professor der Ästhetik in voller Begeisterung

aus, "wer ist's von euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein

Gedicht, das das innigste Gefühl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt

durch einen Kuß?"

Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem

Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit blauen

Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn plötzlich erfaßt,

"ja, Zinnober - göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige Gedicht

gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der

herrliche Lohn, den du erhalten!" -

Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu mir

den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und

ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich

Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume

liegen - ob wir närrisch sind - zupfe mich an der Nase oder rüttle

mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!" -

"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll

gebärden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte.

Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine

vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief Balthasar

mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du denn?"

"Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen war

vortrefflich, und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. - Überhaupt

scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr

wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur

betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich

vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere

Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger

wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über

den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde

dich als Dichter mit dem Dichter!"

"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem

verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?"

"So," sprach Fabian, "so verschließest du dich denn aller Vernunft.

Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben

muß, da ich laute Beifallsrufe vernehme."

Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.

Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in

der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein

physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die

ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,

den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit stolzem

Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte. Man

wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges

Kunststückchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den

Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr

Zinnober!" -

Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal

stärker als die übrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr

Zinnober!"

Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf

der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt,

die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und

ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den

vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.

Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als

den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen

lobte.

Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen

den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige

Männlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den

dünnen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren

hingerichtet, aber nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen,

der, sich auf den Fußspitzen hebend, immer wieder herabsank und so

hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.

Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen

Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt

hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die

eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der

ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr

geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein

vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem

Geblüt, vielleicht gar ein Königssohn!" - In dem Augenblick wurde

gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt

hin zur Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem

Speisesaal.

In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre

Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 5 / 12 题