Zweites Kapitel

Von der unbekannten Völkerschaft, die der Gelehrte Ptolomäus

Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universität Kerepes. -

Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und

der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.

In den vertrauten Briefen, die der weltberühmte Gelehrte Ptolomäus

Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten

Reisen befand, ist folgende merkwürdige Stelle enthalten:

"Du weißt, mein lieber Rufin, daß ich nichts in der Welt so fürchte

und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche

die Kräfte meines Körpers aufzehren und meinen Geist dermaßen

abspannen und ermatten, daß alle Gedanken in ein verworrenes Bild

zusammenfließen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine

deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in

dieser heißen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise

fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf

der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem

rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee

geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stöße, die es hier gab,

in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so daß mein Kopf voller

Beulen einem mit Walnüssen gefüllten Sack nicht unähnlich war,

erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, nicht

eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus auf

den harten Boden stürzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, und

durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die hohen

Türme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, da

nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens an

dem großen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und

schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kümmern. Ich hielt, wie es

dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurück und rief dem Kerl bloß sanftmütig

zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er möge bedenken, daß Ptolomäus

Philadelphus, der berühmteste Gelehrte seiner Zeit, auf dem St- säße,

und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du kennst, mein lieber

Rufin, die Gewalt, die ich über das menschliche Herz übe, und so

geschah es denn auch, daß der Fuhrmann augenblicklich aufhörte zu

lamentieren und mir mit Hülfe des Chausseeinnehmers, vor dessen

Häuslein sich der Unfall begeben, auf die Beine half. Ich hatte zum

Glück keinen sonderlichen Schaden gelitten und war imstande, langsam

auf der Straße fortzuwandeln, während der Fuhrmann den zerbrochenen

Wagen mühsam nachschleppte. Unfern des Tors der Stadt, die ich in

blauer Ferne gesehen, begegneten mir nun aber viele Leute von solch

wunderlichem Wesen und in solch seltsamer Kleidung, daß ich mir die

Augen rieb, um zu erforschen, ob ich wirklich wache oder ob nicht

vielleicht ein toller neckhafter Traum mich eben in ein fremdes

fabelhaftes Land versetze. - Diese Leute, die ich mit Recht für

Bewohner der Stadt, aus deren Tor ich sie kommen sah, halten durfte,

trugen lange, sehr weite Hosen, nach Art der Japaneser zugeschnitten,

von köstlichem Zeuge, Samt, Manchester, feinem Tuch oder auch wohl

bunt durchwirkter Leinwand, mit Tressen oder hübschen Bändern und

Schnüren reichlich besetzt, dazu kleine Kinderröcklein, kaum den

Unterleib bedeckend, meistens von sonnenheller Farbe, nur wenige

gingen schwarz. Die Haare hingen ungekämmt in natürlicher Wildheit auf

Schultern und Rücken herab, und auf dem Kopf saß ein kleines seltsames

Mützchen. Manche hatten den Hals ganz entblößt nach der Weise der

Türken und Neugriechen, andere dagegen trugen um Hals und Brust ein

Stückchen weiße Leinwand, beinahe einem Hemdekragen ähnlich, wie Du,

geliebter Rufin, sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben

wirst. Ungeachtet diese Leute sämtlich sehr jung zu sein schienen, war

doch ihre Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und

mancher hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort

ein Stutzbärtchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Röcke mancher

ragte ein langes Rohr hervor, an dem große seidene Quasten baumelten.

Andere hatten diese Röhre hervorgezogen und kleine - größere -

manchmal auch sehr große wunderlich geformte Köpfe unten daran

befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes

Röhrchen hineinblasend, auf geschickte Weise künstliche Dampfwolken

aufsteigen zu lassen wußten. Andre trugen breite blitzende Schwerter

in den Händen, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere

hatten kleine Behältnisse von Leder oder Blech umgehängt oder über den

Rücken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, daß ich, der ich

durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein Wissen

zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die seltsamen

Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, schrien ganz

gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine entsetzliche

Lache auf. - Das verdroß mich. Denn, geliebter Rufin, gibt es für

einen großen Gelehrten etwas Kränkenderes, als für einen von dem Volke

gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren mittelst eines

Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich zusammen in der mir

angebornen Würde und sprach laut zu dem sonderbaren Volk um mich her,

daß ich hoffe, mich in einem zivilisierten Staat zu befinden, und

daß ich mich an Polizei und Gerichtshöfe wenden würde, um die mir

zugefügte Unbill zu rächen. Da brummten sie alle; auch die, die bisher

noch nicht gedampft, zogen die dazu bestimmten Maschinen aus der

Tasche, und alle bliesen mir die dicken Dampfwolken ins Gesicht,

welche, wie ich nun erst merkte, ganz unerträglich stanken und meine

Sinne betäubten. Dann spachen sie eine Art Fluch über mich aus, dessen

Worte ich ihrer Gräßlichkeit halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht

wiederholen mag. Nur mit tiefem Grausen kann ich selbst daran denken.

Endlich verließen sie mich unter lautem Hohngelächter, und mir war's,

als wenn das Wort: Hetzpeitsche in den Lüften verhalle! - Mein

Fuhrmann, der alles mit angehört, mit angesehen, rang die Hände und

sprach: 'Ach mein lieber Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so

gehen Sie beileibe nicht in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu

sagen pflegt, würde ein Stück Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr

Sie bedrohen, geprü-' Ich ließ den Wackern nicht ausreden, sondern

wandte meine Schritte so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem

nächsten Dorfe. In dem einsamen Kämmerlein des einzigen Wirtshauses

dieses Dorfes sitze ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses

alles! - Soviel es möglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von

dem fremden barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren

Sitten - Gebräuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon

manches höchst Seltsame erzählen lassen und werde Dir getreulich alles

mitteilen etc. etc."

Du gewahrst, o mein geliebter Leser, daß man ein großer Gelehrter und

doch mit sehr gewöhnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, und

doch über Weltbekanntes in die wunderlichsten Träume geraten kann.

Ptolomäus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht einmal

Studenten und wußte nicht einmal, daß er in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim

saß, das bekanntlich dicht bei der berühmten Universität Kerepes

liegt, als er seinem Freunde von einer Begebenheit schrieb, die sich

in seinem Kopfe zum seltsamsten Abenteuer umgeformt hatte. Der gute

Ptolomäus erschrak, als er Studenten begegnete, die fröhlich und

guter Dinge über Land zogen zu ihrer Lust. Welche Angst hätte ihn

überfallen, wäre er eine Stunde früher in Kerepes angekommen, und

hätte ihn der Zufall vor das Haus des Professors der Naturkunde

Mosch Terpin geführt! - Hunderte von Studenten hätten, aus dem Hause

herausströmend, ihn umringt, lärmend disputierend etc., und noch

wunderliche Träume wären ihm in den Kopf gekommen über diesem Gewirr,

über diesem Getreibe.

Die Kollegia Mosch Terpins wurden nämlich in ganz Kerepes am

häufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er

erklärte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei

Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras wächst etc., so

daß jedes Kind es begreifen mußte. Er hatte die ganze Natur in ein

kleines niedliches Kompendium zusammengefaßt, so daß er sie bequem

nach Gefallen handhaben und daraus für jede Frage die Antwort wie aus

einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begründete er zuerst

dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen glücklich

herausgebracht hatte, daß die Finsternis hauptsächlich von Mangel an

Licht herrühre. Dies, sowie, daß er eben jene physikalischen Versuche

mit vieler Gewandtheit in nette Kunststückchen umzusetzen wußte und

gar ergötzlichen Hokuspokus trieb, verschaffte ihm den unglaublichen

Zulauf. - Erlaube, mein günstiger Leser, daß, da du da viel besser wie

der berühmte Gelehrte Ptolomäus Philadelphus Studenten kennst, da du

nichts von seiner träumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach

Kerepes führe vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben

sein Kollegium beendet. Einer unter den herausströmenden Studenten

fesselt sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen

wohlgestalteten Jüngling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus

dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist

mit beredten Worten spricht. Beinahe keck würde sein Blick zu nennen

sein, wenn nicht die schwärmerische Trauer, wie sie auf dem ganzen

blassen Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen

verhüllte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt

besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der

zierliche blendendweiße Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das auf

den schönen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut paßt. Gar hübsch

steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, seinem

Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen Gesichtsbildung

nach wirklich einer schönen frommen Vorzeit anzugehören scheint

und man daher nicht eben an die Ziererei denken mag, wie sie

in kleinlichem Nachäffen mißverstandener Vorbilder in ebenso

mißverstandenen Ansprüchen der Gegenwart oft an der Tagesordnung ist.

Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf den ersten Blick

so wohlgefällt, ist niemand anders als der Student Balthasar,

anständiger, vermögender Leute Kind, fromm - verständig - fleißig -

von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwürdigen Geschichte, die ich

aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu erzählen gedenke. -

Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar

aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,

statt auf den Fechtboden, in das anmutige Wäldchen zu begeben, das

kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,

ein hübscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,

rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.

"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder

heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam

umherirren, während tüchtige Burschen sich wacker üben in der edlen

Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, laß doch endlich ab von

deinem närrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter

und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein

paar Gängen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich

wohl mit dir."

"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,

und deswegen will ich nicht mit dir grollen, daß du mir manchmal auf

Steg und Weg nachläufst wie ein Besessener und mich um manche Lust

bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehörst nun einmal zu den

seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, für einen

melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und

kurieren wollen, wie jener Hofschranz den würdigen Prinzen Hamlet, der

dem Männlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das Flötenblasen

zu verstehen, eine tüchtige Lehre gab. Damit will ich dich, lieber

Fabian, nun zwar verschonen, übrigens dich aber recht herzlich bitten,

daß du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier und Hieber einen

andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg fortwandeln lassen

mögest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so entkommst du mir

nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht auf den

Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Wäldchen. Es ist die

Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Trübsinn aufzuheitern.

Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn nicht anders

haben willst."

Damit faßte er den Freund unter den Arm und schritt rüstig mit ihm

von dannen. Balthasar biß in stillem Ingrimm die Zähne zusammen und

beharrte in finsterm Schweigen, während Fabian in einem Zuge Lustiges

und Lustiges erzählte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer

zu geschehen pflegt beim lustigen Erzählen in einem Zuge.

Als sie nun endlich in die kühlen Schatten des duftenden Waldes

traten, als die Büsche wie in sehnsüchtigen Seufzern flüsterten,

als die wunderbaren Melodien der rauschenden Bäche, die Lieder des

Waldgeflügels fernhin tönten und den Widerhall weckten, der ihnen aus

den Bergen antwortete, da stand Balthasar plötzlich still und rief,

indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum und Gebüsch

liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - unbeschreiblich

wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verblüfft an, wie einer, der

nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar nicht weiß, was

er damit anfangen soll. Da faßte Balthasar seine Hand und rief voll

Entzücken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir auch das Herz auf, nun

begreifst du auch das selige Geheimnis der Waldeinsamkeit?" - "Ich

verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," erwiderte Fabian, "aber wenn

du meinst, daß dir ein Spaziergang hier im Walde wohl tut, so bin ich

völlig deiner Meinung. Gehe ich nicht auch gern spazieren, zumal in

guter Gesellschaft, in der man ein vernünftiges lehrreiches Gespräch

führen kann? - Z.B. ist es wohl eine wahre Lust, mit unserm Professor

Mosch Terpin über Land zu gehen. Der kennt jedes Pflänzchen, jedes

Gräschen und weiß, wie es heißt mit Namen und in welche Klasse es

gehört, und versteht sich auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief

Balthasar, "ich bitte dich, halt ein! - Du berührst etwas, das mich

toll machen könnte, gäb' es sonst keinen Trost dafür. Die Art, wie

der Professor über die Natur spricht, zerreißt mein Inneres. Oder

vielmehr, mich faßt dabei ein unheimliches Grauen, als säh' ich den

Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit König und Herrscher ein

selbst gedrehtes Strohpüppchen liebkost, wähnend, die königliche Braut

zu umhalsen! Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine

abscheuliche Verhöhnung des göttlichen Wesens, dessen Atem uns in der

Natur anweht und in unserm innersten Gemüt die tiefsten heiligsten

Ahnungen aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Gläser,

seine Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeißen, dächt' ich nicht

daran, daß der Affe ja nicht abläßt mit dem Feuer zu spielen, bis er

sich die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefühle ängstigen

mich, pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und

wohl mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als

jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Häuser über meinem Kopf

zusammenstürzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus

der Stadt. Aber hier, hier erfüllt bald mein Gemüt eine süße Ruhe.

Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue

des Himmels, und über mir, über den jubelnden Wald hinweg ziehen die

goldnen Wolken wie herrliche Träume aus einer fernen Welt voll seliger

Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner eignen Brust

ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in geheimnisvollen

Worten spricht mit den Büschen - mit den Bäumen, mit den Wogen des

Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die dann in süßem

wehmütigen Bangen mein ganzes Wesen durchströmt!" - "Ei," rief Fabian,

"ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von Wehmut und Wonne und

sprechenden Bäumen und Waldbächen. Alle deine Verse strotzen von

diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr fallen und mit Nutzen

verbraucht werden, sobald man nichts weiter dahinter sucht. - Aber

sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, wenn dich Mosch Terpins

Vorlesungen in der Tat so entsetzlich kränken und ärgern, sage mir

nur, warum in aller Welt du in jede hineinläufst, warum du keine

einzige versäumst und dann freilich jedesmal stumm und starr mit

geschlossen Augen dasitzest wie ein Träumender?" - "Frage mich,"

erwiderte Balthasar, indem er die Augen niederschlug, "frage mich

darum nicht, lieber Freund! - Eine unbekannte Gewalt zieht mich jeden

Morgen hinein in Mosch Terpins Haus. Ich fühle im voraus meine Qualen,

und doch kann ich nicht widerstehen, ein dunkles Verhängnis reißt mich

fort!" - "Ha - ha," - lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein

- wie poetisch, wie mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich

hineinzieht in Mosch Terpins Haus, liegt in den dunkelblauen Augen

der schönen Candida! - Daß du bis über die Ohren verliebt bist in des

Professors niedliches Töchterlein, das wissen wir alle längst, und

darum halten wir dir deine Fantasterei, dein närrisches Wesen zugute.

Mit Verliebten ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten

Stadium der Liebeskrankheit und mußt in späten Jünglingsjahren dich zu

all den seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem

Himmel sei es gedankt! ohne ein großes zuschauendes Publikum auf der

Schule durchmachten. Aber glaube mir, mein süßes Herz -"

Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefaßt

und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus

aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald

führte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,

in eine Staubwolke gehüllt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, sich

in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte

Schindmähre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die müssen

wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit stellte er

sich mitten in den Weg.

Näher und näher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten

ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf

dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian

erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben

Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und

ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die

Beine. Mauerstill stand das große Pferd und beschnüffelte mit lang

vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande wälzte

und endlich mühsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte

der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs

auf Brust und Rücken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen

Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespießter Apfel, dem

man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies seltsame

kleine Ungetüm vor sich stehen sah, brach er in ein lautes Gelächter

aus. Aber der Kleine drückte sich das Barettlein, das er vom Boden

aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian mit

wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist dies

der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete Balthasar

mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, die er

zusammengesucht hatte. Alles Mühen des Kleinen, die Stiefel

anzuziehen, blieb vergebens, er stülpte einmal übers andere um und

wälzte sich stöhnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel

aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Höhe und steckte,

ihn ebenso niederlassend, beide Füßchen in die zu schwere und weite

Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die

andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und

schritt nach dem Pferde hin, dessen Zügel er faßte. Alle Versuche,

den Steigbügel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das große Tier,

blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat

hinzu und hob den Kleinen in den Steigbügel. Er mochte sich wohl einen

zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, als

er oben saß, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. "Nicht so

hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs neue in ein

schallendes Gelächter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr allerliebster

Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich den Sand von den

Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie desgleichen sind,

so ist es Tusch, daß Sie mir wie ein Hasenfuß ins Gesicht lachen, und

Sie müssen sich morgen in Kerepes mit mir schlagen!" "Donner," rief

Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist mal ein tüchtiger Bursche,

ein Allerweltskerl, was Courage betrifft und echten Komment". Und

damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und Sträubens ungeachtet, in

die Höhe und setzte ihn aufs Pferd, das sofort mit seinem Herrlein

lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt sich beide Seiten, er

wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," sprach Balthasar,

"einen Menschen auszulachen, den die Natur auf solche entsetzliche

Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter dort. Ist er wirklich

Student, so mußt du dich mit ihm schlagen, und zwar, läuft's auch

sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, da er weder Rapier

noch Hieber zu führen vermag." - "Wie ernst," sprach Fabian, "wie

ernst, wie trübselig du das alles wieder nimmst, mein lieber Freund

Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine Mißgeburt auszulachen.

Aber sage mir, darf solch ein knorpliger Däumling sich auf ein Pferd

setzen, über dessen Hals er nicht wegzuschauen vermag? Darf er die

Füßlein in solch verrucht weite Stiefeln stecken? darf er eine knapp

anschließende Kurtka mit tausend Schnüren und Troddeln und Quasten,

darf er solch ein verwunderliches Samtbarett tragen? darf er solch ein

hochmütiges, trotziges Wesen annehmen? darf er sich solche barbarische

heisere Laute abzwingen? - Darf er das alles, frage ich, ohne mit

Recht als eingefleischter Hasenfuß ausgelacht zu werden? - Aber ich

muß hinein, ich muß den Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn

der ritterliche Studiosus einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit

dir ist doch heute einmal nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" -

Spornstreichs rannte Fabian durch den Wald nach der Stadt zurück. -

Balthasar verließ den offenen Weg und verlor sich in das dichteste

Gebüsch, da sank er hin auf einen Moossitz, erfaßt, ja überwältigt von

den bittersten Gefühlen. Wohl mocht' es sein, daß er die holde Candida

wirklich liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes

Geheimnis in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor

sich selbst verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig

darüber sprach, war es ihm, als rissen rohe Hände in frechem Übermut

die Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu berühren er nicht

gewagt, als müsse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zürnen. Ja,

Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhöhnung seines ganzen

Wesens, seiner süßesten Träume.

"Also," rief er in Übermaß seines Unmuts aus, "also für einen

verliebten Gecken hältst du mich, Fabian! - für einen Narren, der in

Mosch Terpins Vorlesungen läuft, um wenigstens eine Stunde hindurch

mit der schönen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde

einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte und

sie noch erbärmlicher aufzuschreiben, der die Bäume verdirbt, alberne

Namenszüge in ihre glatten Rinden einschneidend, der in Gegenwart des

Mädchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern nur seufzt und

ächzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' er an Krämpfen,

der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar den Handschuh,

den sie verlor, auf der bloßen Brust trägt - kurz, der tausend

kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du mich, und

darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich samt

der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand der

Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"

Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein

glühender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme flüsterte ihm in dem

Augenblick sehr vernehmlich zu, daß er ja nur eben Candidas wegen in

Mosch Terpins Haus gehe, daß er Verse mache an die Geliebte, daß er

ihre Namen einschneide in das Laubholz, daß er in ihrer Gegenwart

verstumme, seufze, ächze, daß er verwelkte Blumen, die sie verlor, auf

der Brust trage, daß er mithin ja wirklich in alle Torheiten verfalle,

wie sie ihm Fabian nur vorrücken könne. - Erst jetzt fühlte er es

recht, wie unaussprechlich er die schöne Candida liebe, aber auch

zugleich, daß seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im äußern

Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie

zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er

mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, daß er sich darüber

sehr zu ärgern begann. Träume, die ihn sonst umfingen, waren verloren,

die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, er rannte

zurück nach Kerepes.

"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den

Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der

Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme führte.

Candida begrüßte den zur Bildsäule Erstarrten mit der heitern

freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher

Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleißigste,

mir der liebste von meinen Zuhörern! - O mein Bester, ich merk' es

Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich

einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiß wieder botanisiert in

unserm Wäldchen! - Was Ersprießliches gefunden? - Nun! - lassen Sie

uns nähere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit

willkommen - Können zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine

Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich

ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit

Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gesprächen erlustigen

wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen

sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders

empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a

revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -

Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt

der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.

Balthasar hatte in seiner Bestürzung nicht gewagt, die Augen

aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,

er fühlte den Hauch ihres Atems, und süße Schauer durchbebten sein

innerstes Wesen.

Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzücken der holden

Candida nach, bis sie in den Laubgängen verschwand. Dann kehrte er

langsam in den Wald zurück, um herrlicher zu träumen als jemals.

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 4 / 12 题