Erstes Kapitel

Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie

Fürst Paphnutius in seinem Lande die Aufklärung einführte und die Fee

Rosabelverde in ein Fräuleinstift kam.

Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der

Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes

Bauerweib. Vom Hunger gequält, vor Durst lechzend, ganz verschmachtet,

war die Unglückliche unter der Last des im Korbe hoch aufgetürmten

dürren Holzes, das sie im Walde unter den Bäumen und Sträuchern mühsam

aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu atmen vermochte,

glaubte sie nicht anders, als daß sie nun wohl sterben, so sich aber

ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. Doch gewann sie bald

so viel Kraft, die Stricke, womit sie den Holzkorb auf ihrem Rücken

befestigt, loszunesteln und sich langsam heraufzuschieben auf einen

Grasfleck, der gerade in der Nähe stand. Da brach sie nun aus in laute

Klagen: "Muß," jammerte sie, "muß mich und meinen armen Mann allein

denn alle Not und alles Elend treffen? Sind wir denn nicht im ganzen

Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, alles sauer vergessenen

Schweißes ungeachtet in steter Armut bleiben und kaum so viel

erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei Jahren, als mein

Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstücke in der Erde fand,

ja, da glaubten wir, das Glück sei endlich eingekehrt bei uns und nun

kämen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe stahlen das Geld,

Haus und Scheune brannten uns über dem Kopfe weg, das Getreide auf

dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Maß unseres Herzeleids

vollzumachen bis über den Rand, strafte uns der Himmel noch mit diesem

kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und Spott des ganzen Dorfs

gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge drittehalb Jahre gewesen

und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht stehen, nicht gehen und

knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze. Und dabei frißt die

unselige Mißgeburt wie der stärkste Knabe von wenigstens acht Jahren,

ohne daß es ihm im mindesten was anschlägt. Gott erbarme sich über ihn

und über uns, daß wir den Jungen großfüttern müssen uns selbst zur

Qual und größerer Not; denn essen und trinken immer mehr und mehr wird

der kleine Däumling wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein,

nein, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! -

Ach könnt' ich nur sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an

zu weinen und zu schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz übermannt,

ganz entkräftet einschlief. -

Mit Recht konnte das Weib über den abscheulichen Wechselbalg klagen,

den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten

Blick sehr gut für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz

hätte ansehen können, war nämlich ein kaum zwei Spannen hoher,

mißgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querüber gelegen,

heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wälzte. Der Kopf stak

dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat

ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen

die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein

gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel

entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze

Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar

kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens

ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen

kundzutun schienen. -

Als nun, wie gesagt, das Weib über ihren Gram in tiefen Schlaf

gesunken war und ihr Söhnlein sich dicht an sie herangewälzt hatte,

begab es sich, daß das Fräulein von Rosenschön, Dame des nahegelegenen

Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges daherwandelte.

Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm und mitleidig,

bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr gerührt. "O du

gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und Not gibt es doch

auf dieser Erde! - Das unglückliche Weib! - Ich weiß, daß sie kaum das

liebe Leben hat, da arbeitet sie über ihre Kräfte und ist vor Hunger

und Kummer hingesunken! - Wie fühle ich jetzt erst recht empfindlich

meine Armut und Ohnmacht! Ach, könnt' ich doch nur helfen, wie ich

wollte! - Doch das, was mir noch übrig blieb, die wenigen Gaben, die

das feindselige Verhängnis mir nicht zu rauben, nicht zu zerstören

vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, die will ich kräftig und

getreu nützen, um dem Leidwesen zu steuern. Geld, hätte ich auch

darüber zu gebieten, würde dir gar nichts helfen, arme Frau, sondern

deinen Zustand vielleicht noch gar verschlimmern. Dir und deinem Mann,

euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum

nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstücke aus der Tasche,

er weiß selbst nicht wie, er hat davon nichts als großen Verdruß und

wird, je mehr Geld ihm zuströmt, nur desto ärmer. Aber ich weiß es,

mehr als alle Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, daß du jenes

kleine Untierchen gebarst, das sich wie eine böse unheimliche Last an

dich hängt, die du durch das Leben tragen mußt. - Groß - schön - stark

- verständig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,

aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit

setzte sich das Fräulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den

Schoß. Das böse Alräunchen sträubte und spreizte sich, knurrte und

wollte das Fräulein in den Finger beißen, _die_ sprach aber: "Ruhig,

ruhig, kleiner Maikäfer!" und strich leise und linde mit der flachen

Hand ihm über den Kopf von der Stirn herüber bis in den Nacken.

Allmählich glättete sich während des Streichelns das struppige Haar

des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in

hübschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den

Kürbisrücken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest

eingeschlafen. Da legte ihn das Fräulein Rosenschön behutsam dicht

neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen

Wasser aus dem Riechfläschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und

entfernte sich dann schnellen Schrittes.

Als die Frau bald darauf erwachte, fühlte sie sich auf wunderbare

Weise erquickt und gestärkt. Es war ihr, als habe sie eine tüchtige

Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief

sie aus, "wie ist mir doch in dem bißchen Schlaf so viel Trost, so

viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab

hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb

aufpacken, vermißte aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in

demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich

quäkte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor

Erstaunen die Hände zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer

hat dir denn unterdessen die Haare so schön gekämmt! - Zaches - Klein

Zaches, wie hübsch würden dir die Locken kleiden, wenn du nicht solch

ein abscheulich garstiger Junge wärst! - Nun, komm nur, komm! - hinein

in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer über das Holz legen, da

strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste die Mutter an und

miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! - Klein Zaches!"

schrie die Frau ganz außer sich, "wer hat dich denn unterdessen reden

gelehrt? Nun! wenn du solch schön gekämmte Haare hast, wenn du so

artig redest, so wirst du auch wohl laufen können." Die Frau huckte

den Korb auf den Rücken, Klein Zaches hing sich an ihre Schürze, und

so ging es fort nach dem Dorfe.

Sie mußten bei dem Pfarrhause vorüber, da begab es sich, daß der

Pfarrer mit seinem jüngsten Knaben, einem bildschönen goldlockigen

Jungen von drei Jahren, in seiner Haustüre stand. Als der nun die Frau

mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer Schürze

baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten Abend, Frau

Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere Bürde

geladen, Ihr könnt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein wenig

aus auf dieser Bank vor meiner Türe, meine Magd soll Euch einen

frischen Trunk reichen!" - Frau Liese ließ sich das nicht zweimal

sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund öffnen, um

dem ehrwürdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein

Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und

dem Pfarrer vor die Füße flog. Der bückte sich rasch nieder und hob

den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was

habt Ihr da für einen bildschönen allerliebsten Knaben! Das ist ja

ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schönes Kind zu

besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn

und schien es gar nicht zu bemerken, daß der unartige Däumling gar

häßlich knurrte und mauzte und den ehrwürdigen Herrn sogar in die

Nase beißen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verblüfft vor dem

Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und

wußte gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"

begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,

treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen unglücklichen

Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem

abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte

der Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da für tolles Zeug, liebe

Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie

gar nicht und weiß nur, daß Sie ganz verblendet sein muß, wenn Sie

Ihren hübschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Küsse mich,

artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches

knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen

Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem

Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist

so gut, du tust so schön mit den Kindern, die müssen wohl alle dich

recht herzlich lieb haben!" "O hört doch nur," rief der Pfarrer, indem

ihm die Augen vor Freude glänzten, "O hört doch nur, Frau Liese,

den hübschen verständigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem Ihr so

übelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was aus

dem Knaben machen, sei er auch noch so hübsch und verständig. Hört,

Frau Liese, überlaßt mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege und

Erziehung. Bei Eurer drückenden Armut ist Euch der Knabe nur eine

Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen

Sohn!" -

Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein Mal

über das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber Herr

Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, daß Sie die kleine Ungestalt

zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien wollen,

die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die Frau die

abscheuliche Häßlichkeit ihres Alräunchens dem Pfarrer vorhielt, desto

eifriger behauptete dieser, daß sie in ihrer tollen Verblendung gar

nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk eines solchen

Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz zornig mit Klein

Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die Türe von innen

verriegelte.

Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustüre und

wußte gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um aller

Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm würdigen

Herrn Pfarrer geschehen, daß er in meinen Klein Zaches so ganz und

gar vernarrt ist und den einfältigen Knirps für einen hübschen,

verständigen Knaben hält? - Nun! helfe Gott dem lieben Herrn, er

hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich selbst

aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie trägt! - Hei! wie leicht

geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr darauf sitzt

und mit ihm die schwerste Sorge!" -

Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Rücken, lustig und

guter Dinge fort ihres Weges! - -

Wollte ich auch zurzeit noch gänzlich darüber schweigen, du würdest,

günstiger Leser, dennoch wohl ahnen, daß es mit dem Stiftsfräulein von

Rosenschön, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengrünschön, eine ganz

besondere Bewandtnis haben müsse. Denn nichts anders war es wohl, als

die geheimnisvolle Wirkung ihres Kopfstreichelns und Haarausglättens,

daß Klein Zaches von dem gutmütigen Pfarrer für ein schönes und

kluges Kind angesehn und gleich wie sein eignes aufgenommen wurde.

Du könntest, lieber Leser, aber doch, trotz deines vortrefflichen

Scharfsinns, in falsche Vermutungen geraten oder gar zum großen

Nachteil der Geschichte viele Blätter überschlagen, um nur gleich mehr

von dem mystischen Stiftsfräulein zu erfahren; besser ist es daher

wohl, ich erzähle dir gleich alles, was ich selbst von der würdigen

Dame weiß.

Fräulein von Rosenschön war von großer Gestalt, edlem majestätischen

Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr Gesicht, mußte man es

gleich vollendet schön nennen, machte, zumal wenn sie wie gewöhnlich

in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen seltsamen, beinahe

unheimlichen Eindruck, was vorzüglich einem ganz besondern fremden

Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem man durchaus

nicht recht wußte, ob ein Stiftsfräulein dergleichen wirklich auf der

Stirne tragen könne. Dabei lag aber auch oft, vorzüglich zur Rosenzeit

bei heiterm schönen Wetter, so viel Huld und Anmut in ihrem Blick, daß

jeder sich von süßem unwiderstehlichen Zauber befangen fühlte. Als ich

die Gnädige zum ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnügen hatte,

war sie dem Ansehen nach eine Frau in der höchsten, vollendetsten

Blüte ihrer Jahre, auf der höchsten Spitze des Wendepunktes, und ich

meinte, daß mir großes Glück beschieden, die Dame noch eben auf dieser

Spitze zu erblicken und über ihre wunderbare Schönheit gewissermaßen

zu erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr würde zutragen

können. Ich war im Irrtum. Die ältesten Leute im Dorf versicherten,

daß sie das gnädige Fräulein gekannt hätten schon so lange als sie

dächten, und daß die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht älter,

nicht jünger, nicht häßlicher, nicht hübscher als eben jetzt. Die Zeit

schien also keine Macht zu haben über sie, und schon dieses konnte

manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches andere trat hinzu,

worüber sich jeder, überlegte er es recht ernstlich, ebensosehr

wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die er verstrickt, gar

nicht herauskommen mußte. Fürs erste offenbarte sich ganz deutlich

bei dem Fräulein die Verwandtschaft mit den Blumen, deren Namen sie

trug. Denn nicht allein, daß kein Mensch auf Erden solche herrliche

tausendblättrige Rosen zu ziehen vermochte, als sie, so sprießten auch

aus dem schlechtesten dürresten Dorn, den sie in die Erde steckte,

jene Blumen in der höchsten Fülle und Pracht hervor. Dann war es

gewiß, daß sie auf einsamen Spaziergängen im Walde laute Gespräche

führte mit wunderbaren Stimmen, die aus den Bäumen, aus den Büschen,

aus den Quellen und Bächen zu tönen schienen. Ja, ein junger

Jägersmann hatte sie belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten

Gehölz stand und seltsame Vögel mit buntem glänzenden Gefieder, die

gar nicht im Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und

in lustigem Singen und Zwitschern ihr allerlei fröhliche Dinge zu

erzählen schienen, worüber sie lachte und sich freute. Daher kam es

denn auch, daß Fräulein von Rosenschön zu jener Zeit, als sie in das

Stift gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend

anregte. Ihre Aufnahme in das Fräuleinstift hatte der Fürst befohlen;

der Baron Prätextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen

Nähe jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher

nichts dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel

quälten. Vergebens war nämlich sein Mühen geblieben, in Rixners

Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengrünschön

aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der

Stiftsfähigkeit des Fräuleins, die keinen Stammbaum mit zweiunddreißig

Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz zerknirscht, die

hellen Tränen in den Augen, doch sich um des Himmels willen wenigstens

nicht Rosengrünschön, sondern Rosenschön zu nennen, denn in diesem

Namen sei doch noch einiger Verstand und ein Ahnherr möglich. - Sie

tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht äußerte sich des gekränkten

Prätextatus Groll gegen das ahnenlose Fräulein auf diese - jene Weise

und gab zuerst Anlaß zu der bösen Nachrede, die sich immer mehr und

mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen zauberhaften Unterhaltungen im

Walde, die indessen sonst nichts auf sich hatten, kamen nämlich

allerlei bedenkliche Umstände, die von Mund zu Mund gingen und des

Fräuleins eigentliches Wesen in gar zweideutiges Licht stellten.

Mutter Anne, des Schulzen Frau, behauptete keck, daß, wenn das

Fräulein stark zum Fenster heraus niese, allemal die Milch im ganzen

Dorfe sauer würde. Kaum hatte sich dies aber bestätigt, als sich das

Schreckliche begab. Schulmeisters Michel hatte in der Stiftsküche

gebratene Kartoffeln genascht und war von dem Fräulein darüber

betroffen worden, die ihm lächelnd mit dem Finger drohte. Da war dem

Jungen das Maul offen stehen geblieben, gerade als hätt' er eine

gebratene brennende Kartoffel darin sitzen immerdar, und er mußte

fortan einen Hut mit vorstehender breiter Krempe tragen, weil es sonst

dem Armen ins Maul geregnet hätte. Bald schien es gewiß zu sein, daß

das Fräulein sich darauf verstand, Feuer und Wasser zu besprechen,

Sturm und Hagelwolken zusammenzutreiben, Weichselzöpfe zu flechten

etc., und niemand zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur

Mitternachtsstunde mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie

das Fräulein auf einem Besen brausend durch die Lüfte fuhr, vor ihr

her ein ungeheurer Hirschkäfer, zwischen dessen Hörnern blaue Flammen

hoch aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe

zu Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das

Fräulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit

sie die gewöhnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Prätextatus ließ

alles geschehen und sprach lächelnd zu sich selbst: "So geht es

simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen

sind, wie der Mondschein." Das Fräulein, unterrichtet von dem

bedrohlichen Unwesen, flüchtete nach der Residenz, und bald darauf

erhielt der Baron Prätextatus einen Kabinettsbefehl vom Fürsten des

Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, daß es keine Hexen

gäbe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte für die naseweise Gier,

Schwimmkünste eines Stiftsfräuleins zu schauen, in den Turm werfen,

den übrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei

empfindlicher Leibesstrafe von dem Fräulein Rosenschön nicht schlecht

zu denken. Sie gingen in sich, fürchteten sich vor der angedrohten

Strafe und dachten fortan gut von dem Fräulein, welches für beide,

für das Dorf und für die Dame Rosenschön, die ersprießlichsten Folgen

hatte.

In dem Kabinett des Fürsten wußte man recht gut, daß das Fräulein von

Rosenschön niemand anders war, als die sonst berühmte weltbekannte Fee

Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende Bewandtnis:

Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land zu

finden, als das kleine Fürstentum, worin das Gut des Baron Prätextatus

von Mondschein lag, worin das Fräulein von Rosenschön hauste, kurz,

worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter Leser, des

breiteren zu erzählen eben im Begriff stehe.

Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Ländchen mit seinen

grünen, duftenden Wäldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen

rauschenden Strömen und lustig plätschernden Springquellen, zumal da

es gar keine Städte, sondern nur freundliche Dörfer und hin und wieder

einzeln stehende Paläste darin gab, einem wunderbar herrlichen Garten,

in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von jeder

drückenden Bürde des Lebens. Jeder wußte, daß Fürst Demetrius das Land

beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung,

und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, die die volle

Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schöne Gegend, ein mildes Klima

liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser wählen als in dem

Fürstentum, und so geschah es denn, daß unter andern auch verschiedene

vortreffliche Feen von der guten Art, denen Wärme und Freiheit

bekanntlich über alles geht, sich dort angesiedelt hatten. Ihnen

mocht' es zuzuschreiben sein, daß sich beinahe in jedem Dorfe,

vorzüglich aber in den Wäldern sehr oft die angenehmsten Wunder

begaben und daß jeder, von dem Entzücken, von der Wonne dieser Wunder

ganz umflossen, völlig an das Wunderbare glaubte und, ohne es selbst

zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbürger blieb.

Die guten Feen, die sich in freier Willkür ganz dschinnistanisch

eingerichtet, hätten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges

Leben bereitet. Das stand indessen nicht in ihrer Macht. Demetrius

starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in der Regierung.

Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters einen stillen

innerlichen Gram darüber genährt, daß Volk und Staat nach seiner

Meinung auf die heilloseste Weise vernachlässigt, verwahrlost wurde.

Er beschloß zu regieren und ernannte sofort seinen Kammerdiener

Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den Bergen seine

Börse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch aus großer Not

gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich will regieren,

mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den Blicken

seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Füßen und sprach

feierlich: "Sire! die große Stunde hat geschlagen! - durch Sie steigt

schimmernd ein Reich aus mächtigem Chaos empor! - Sire! hier fleht

der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen unglücklichen Volks

in Brust und Kehle! - Sire! - führen Sie die Aufklärung ein!" -

Paphnutius fühlte sich durch und durch erschüttert von dem erhabenen

Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riß ihn stürmisch an seine

Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres - ich bin dir sechs

Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glück - mein Reich! - o treuer,

gescheuter Diener!" -

Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit großen Buchstaben drucken und

an allen Ecken anschlagen lassen, daß von Stund' an die Aufklärung

eingeführt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester

Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie

geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister

beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Türe er

abschloß.

"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fürsten gegenüber auf einem

kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnädigster Herr! - die

Wirkung Ihres fürstlichen Edikts wegen der Aufklärung würde vielleicht

verstört werden auf häßliche Weise, wenn wir nicht damit eine Maßregel

verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die Klugheit gebietet.

- Ehe wir mit der Aufklärung vorschreiten, d. h. ehe wir die Wälder

umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die

Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr

Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die

Kuhpocken einimpfen lassen, ist es nötig, alle Leute von gefährlichen

Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter

Albernheiten verführen, aus dem Staate zu verbannen - Sie haben

Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fürst, denn ich weiß, daß Ihr

durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der Himmel eine sanfte Ruhe im

Grabe schenken möge, dergleichen fatale Bücher liebte und Ihnen, als

Sie sich noch der Steckenpferde bedienten und vergoldete Pfefferkuchen

verzehrten, in die Hände gab. Nun also! - Aus jenem völlig konfusen

Buche werden Sie, gnädigster Herr, wohl die sogenannten Feen kennen,

gewiß aber nicht ahnen, daß sich verschiedene von diesen gefährlichen

Personen in Ihrem eignen lieben Lande hier ganz in der Nähe Ihres

Palastes angesiedelt haben und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was

sagt Er? - Andres! Minister! - Feen! - hier in meinem Lande?" - So

rief Fürst, indem er ganz erblaßt in die Stuhllehne zurücksank. -

"Ruhig, mein gnädigster Herr," fuhr Andres fort, "ruhig können wir

bleiben, sobald wir mit Klugheit gegen jene Feinde der Aufklärung zu

Felde ziehen. Ja! - Feinde der Aufklärung nenne ich sie, denn nur sie

sind, die Güte Ihres seligen Herrn Papas mißbrauchend, daran schuld,

daß der liebe Staat noch in gänzlicher Finsternis darniederliegt. Sie

treiben ein gefährliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich

nicht, unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das

die Leute ganz unfähig macht zum Dienste in der Aufklärung. Dann haben

sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, daß sie schon

deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden dürften. So z.B.

entblöden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfällt, in den

Lüften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwänen, ja

sogar geflügelten Pferden. Nun frage ich aber, gnädigster Herr,

verlohnt es sich der Mühe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen

und einzuführen, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,

jedem leichtsinnigen Bürger unversteuerte Waren in den Schornstein

zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnädigster Herr, - sowie die

Aufklärung angekündigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Paläste werden

umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefährliche Habe und

schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, welches, wie

Sie, gnädigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen werden, das

Ländchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem Lande, Andres?"

so fragte der Fürst. "Zurzeit nicht," erwiderte Andres, "aber

vielleicht läßt sich nach eingeführter Aufklärung eine Journaliere

dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr der Fürst fort,

"wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart finden? - Wird das

verwöhnte Volk nicht murren?" - "Auch dafür," sprach Andres, "auch

dafür weiß ich ein Mittel. Nicht alle Feen, gnädigster Herr, wollen

wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten,

sie aber nicht allein aller Mittel berauben, der Aufklärung schädlich

zu werden, sondern auch zweckdienliche Mittel anwenden, sie zu

nützlichen Mitgliedern des aufgeklärten Staats umzuschaffen. Wollen

sie sich nicht auf solide Heiraten einlassen, so mögen sie unter

strenger Aufsicht irgendein nützliches Geschäft treiben, Socken

stricken für die Armee, wenn es Krieg gibt, oder sonst. Geben Sie

acht, gnädigster Herr, die Leute werden sehr bald an die Feen, wenn

sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr glauben, und das ist das

beste. So gibt sich alles etwanige Murren von selbst. - Was übrigens

die Utensilien der Feen betrifft, so fallen sie der fürstlichen

Schatzkammer heim, die Tauben und Schwäne werden als köstliche Braten

in die fürstliche Küche geliefert, mit den geflügelten Pferden kann

man aber auch Versuche machen, sie zu kultivieren und zu bilden zu

nützlichen Bestien, indem man ihnen die Flügel abschneidet und sie

zur Stallfütterung gibt, die wir doch hoffentlich zugleich mit der

Aufklärung einführen werden." -

Paphnutius war mit allen Vorschlägen seines Ministers auf das höchste

zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgeführt, was beschlossen

war.

An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingeführten Aufklärung,

und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Paläste der Feen, nahm

ihr ganzes Eigentum in Beschlag und führte sie gefangen fort.

Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, daß die Fee Rosabelverde die

einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die Aufklärung

hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre Schwäne

in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstöcke und andere

Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wußte nämlich auch, daß sie

dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit

großem Widerwillen, fügte.

Überhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum

die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche

übertriebene Freude äußerten und ein Mal über das andere versicherten,

daß ihnen an aller Habe, die sie zurücklassen müssen, nicht das

mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entrüstet, "am Ende ist

Dschinnistan ein viel hübscherer Staat wie der meinige, und sie lachen

mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklärung, die jetzt erst

recht gedeihen soll!" -

Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs über das Land

umständlich berichten.

Beide stimmten darin überein, daß Dschinnistan ein erbärmliches Land

sei, ohne Kultur, Aufklärung, Gelehrsamkeit, Akazien und Kuhpocken,

eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres könne aber einem

Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als gar nicht zu

existieren.

Paphnutius fühlte sich beruhigt.

Als der schöne blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee

Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius

selbst sämtlichen Bauerlümmeln im nächsten Dorfe die Kuhpocken

eingeimpft hatte, paßte die Fee dem Fürsten in dem Walde auf, durch

den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloß zurückkehren wollte.

Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzüglich aber mit einigen

unheimlichen Kuntstückchen, die sie vor der Polizei geborgen, dermaßen

in die Enge, daß er sie um des Himmels willen bat, doch mit einer

Stelle des einzigen und daher besten Fräuleinstifts im ganzen Lande

vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich an das Aufklärungsedikt zu kehren,

schalten und walten könne nach Belieben.

Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise in

das Fräuleinstift, wo sie sich, wie schon erzählt worden, das Fräulein

von Rosengrünschön, dann aber, auf dringendes Bitten des Baron

Prätextatus von Mondschein, das Fräulein von Rosenschön nannte.

Klein Zaches, genannt Zinnober: Ein Märchen · 第 3 / 12 题