Es gibt bei uns auch genug künstlerische Bilder am Wege und ebenso

genug unbewußtes Verschmelzen mit dem Weltall. „Du findest es daheim

in den Bauernstuben, in den Handwerkerstuben, in den Studierstuben“,

sagte mein Herz ernst zu mir und zeigte meinen Gedanken warme runde

Heimatsbilder, viele und freundliche, buntfarbig wie die verschiedenen

Anemonenblumen auf den griechischen Wiesen.

Aber noch schämte ich mich vor mir selbst und vor meinem

Reisegefährten, der mich bei jedem Aufenthalt in den griechischen

Landschaften, in den Bergen, bei den Ruinen, in den Tälern und am Meere

immer gefragt hatte, wo ich mich denn jetzt im Peloponnes niederlassen

wollte. Und immer wieder hatte ich antworten müssen: „Hier nicht.“

Und dann waren wir wieder weiter geritten. Ich glaubte zuletzt, da

ich schon vorher in Mexiko keine Heimat gefunden hatte, und ich nun

einmal in Griechenland war, ich müßte wenigstens eine lange Zeit hier

in diesem Lande ausharren, um mich nicht vor mir und meinen Freunden

qualvoll lächerlich zu fühlen.

Als wir im Eisenbahnzug am Tag vor dem Ostersonntag nach Athen fuhren,

und ich erklärt hatte, nirgends im Peloponnes bleiben zu wollen, sagte

ich deshalb, noch einmal mein Herz verleugnend, ich wollte mir in der

Nähe von Athen ein Weinberghaus suchen.

* * * * *

In Athen wurde uns dann bekannt, daß draußen ein einsames verlassenes

kleines Klostergebäude am Fuße des Hymättos liege. Dieses hieß Cäsaria.

Jenes Haus war einmal in ältester Zeit unter Kaiser Hadrian ein

Lustschlößchen gewesen. Später ist es ein Kloster geworden. Das Gebäude

war jetzt noch Eigentum eines großen Klosters in Athen. Wir mußten in

jenem Kloster die Schlüssel für Cäsaria holen. Wir wollten das Haus

besichtigen, das man mir verpachten sollte.

Der kurze Augenblick in jenem großen griechischen Kloster, in dem wir

die Schlüssel verlangten, ist mir unvergeßlich.

Nach einem viereckigen sonnigen Hof hin lagen die offenen Zellen

der Mönche. Große schattige Bäume standen mächtig und ruhig bei

den Zellentüren. Die dicken Stämme der Bäume waren wie große Urnen

anzusehen. Aus diesen quollen die Blätterkronen, als wüchse der Friede

hier Blatt an Blatt aus der Erde.

Die Zellentüren standen offen, und ich sah in jedem kleinen

weißgetünchten viereckigen Raum einen Betpult und ein schmales Bett. An

der Wand hing ein Holzkreuz, und in einer Nische stand ein Wasserkrug.

Köstliche heilige Einfachheit herrschte hier.

Einige Mönche mit langen grauen Bärten saßen im Hof unter den Bäumen

und lasen, und ein alter stattlicher Mönch mit weißem Haupthaar und

weißem Bart gab uns vertrauensvoll die Schlüssel.

Wie schade ist es, dachte ich, daß wir Künstler nicht in solcher

Einfachheit mit unseren Frauen leben wie die Mönche hier. Diese leben

wie jene drei Frauen, die ich im Peloponnes mit ihren Flachskunkeln

in der Hand, im Frühlingstag arbeitend, unter einem Ahornbaum, in

der Haustür und am Brunnen fand, und die mir wie an den Quellen der

Ewigkeit sitzend sind erschienen.

So müßten wir Männer, in äußerer Einfachheit den Mönchen ähnlich, und

unsere Frauen, jenen drei Wockenspinnerinnen ähnlich, im herrlichsten

Frieden leben können, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, den

Vorbildern aller Götterbegriffe ähnlich, wenn wir uns zur edelsten

Bedürfnislosigkeit entschließen könnten.

Sauberkeit und Ordnung am Körper, in der Kleidung und im Hause

müßten die Grundbedürfnisse bleiben bei täglicher Arbeit. Und die

Quellen des Weltallfriedens und der künstlerischen Freuden wären dann

unerschöpflich.

Welche festliche künstlerische Beobachtung des Weltalls, welch

festliches Miterleben mit Pflanzen, Tieren und Menschen wäre jenen

Menschenherzen möglich, jenem Mann und jener Frau, die in solch

äußerster Schlichtheit ihr tägliches Leben führen wollten!

Später, auf meiner Weltreise, traf ich diese Schlichtheit in Asien bei

Millionen Menschen, sowohl im warmen Indien, als in dem in gemäßigter

Zone liegenden Japan. Überall fand ich diese möbelleeren, aber von

künstlerischen Gedanken erfüllten, kleinen Wohnungen, in welchen

als erster Schmuck die peinlichste Sauberkeit herrschte und die

feinfühligste Lebensordnung.

Zwischen leeren Wänden saßen in jenen Ländern gefühlvoll fleißige

und allem Weltalleben klug nachfühlende Menschen. Und die Leere der

japanischen Zimmer war so reich wie die Leere des blauen Himmels es

ist, die nie langweilt.

Die Japaner hatten die Maße der Höhe, Breite und Tiefe ihres Hauses

klug und fühlend um die Menschenfigur ausgedacht, so daß das Zimmer wie

eine Schachtel zum Verpacken eines köstlichen Kunstwerkes wurde, eine

Schachtel, die gerade so viel Raum bietet, als der Gegenstand Schutz

braucht.

Das kleine Gebäude von Cäsaria lag bei einer winzigen Kapelle. Die

stammte noch aus den ersten Jahren des Christentums. Die Kreuze und

die Bilder darinnen waren ungemein liebevoll, einfältig und rührend

kindlich gläubig gearbeitet. Das einstöckige Haus neben der Kapelle

wurde von einigen Hirtenfamilien bewohnt. Aber hier herrschte

Verwahrlosung überall. Die Dielen waren so zerrissen, daß man durch die

Stockwerke hindurchsehen konnte, und das Gesindel, das da hauste, war

nicht vertrauenerweckend. Die Hirten beim Hause trugen Gewehre über den

Schultern, Revolver und Dolche in den Gürteln. So standen sie zwischen

ihren Herden und schossen nach Vögeln und Feldmäusen und benahmen sich

bei unserem Erscheinen, als müßten sie uns mit ihren Büchsen das Echo

vom Hymättosgebirge hören lassen.

Hinter dem Haus zog ein ungeheuerer Bergabhang hinauf, der seit

Jahrhunderten schon abgeholzt war und kahl und sonnenverbrannt in die

Lüfte starrte.

Einige Schritte von der Türschwelle fort, unter dürftigen Laubbäumen,

sickerte aus einem alten marmornen Widderkopf eine Quelle. Dort bei

einem großen alten Trog knieten Weiber, alte Männer und Kinder; die

wuschen unter viel Geschnatter und Geschimpf ihre Wäsche.

Es führte kein eigentlicher Weg zu diesem Haus. Wir hatten von der

großen Landstraße quer durch Felder einen Pfad suchen müssen. Ich

hatte geglaubt, ein einsames einfaches leeres Klosterhaus zu finden,

und war erstaunt über die uns mißtrauisch begrüßende, verwilderte

Hirtengesellschaft, die da, büchsenknallend und freche Reden führend,

das verwahrloste Haus wie eine Räuberhöhle erscheinen ließ.

Da war kein Garten, kein Wald in der Nähe, nur dürftiges Buschwerk

war da und ein heißer steinerner Bergabhang und flache Felder davor.

„Wollen Sie hier auch nicht bleiben?“ fragte mich mein Reisegefährte.

„Nein,“ sagte ich, „hier erst recht nicht.“ „Was wollen Sie dann tun?“

--

Die Frage war leicht gestellt, aber ich mußte in meiner Brust einen

schweren Kampf kämpfen, um die Antwort zu finden, die ich mir selbst

geben sollte. Ich kam mir gedemütigt vor, weil ich so viele Pläne

gemacht hatte, und weil nun alle meine Gefühle und Gedanken, wenn ich

aufrichtig zu mir war, nichts mehr von jenen Plänen wissen wollten.

Mein Herz drängte nur heftig nach der Vereinigung mit meiner Frau und

mit meiner Heimat.

Wir gaben die Schlüssel von Cäsaria dann wieder im Kloster ab. Der

weißbärtige Mönch nickte, als er hörte, daß ich nicht daran denken

wollte, dort zu wohnen, und er fand es ganz in der Ordnung, daß ich

wieder nach Hause reisen wollte. Herrlich friedlich war es in mir nach

diesem Entschluß. Auf dem Rückweg vom Kloster nach Athen beleuchtete

die Abendsonne vor uns den fernen Akropolishügel. Der lag goldrötlich

über den blauschattigen Feldern und verdunkelte sich mehr und mehr,

als wollte er vor meinen Augen verschwinden und wollte sich in einen

fränkischen Hügel, in den Marienberg, der das Schloß über der Stadt in

Würzburg trägt, verwandeln.

Von den Bergwänden des Hymättos hallten Käuzchenschreie und Eulenrufe

in der Abenddämmerung.

„Eulen nach Athen tragen“, fuhr es mir durch den Sinn. Ich hatte,

wie das Sprichwort sagt, gehandelt. Die Eulen waren meine unruhig

flatternden Pläne gewesen, die ich umsonst nach Athen getragen. Ich

ließ sie jetzt für immer fortfliegen, und sie riefen mir von Cäsaria

zum letztenmal nach. Aber ich kehrte ihnen den Rücken und ging im

weichen Staub der Landstraße weiter.

Dabei machte ich in meiner Zufriedenheit die Wahrnehmung, daß jener

alte Staub der athenischen Straßen einen wunderbar süßen Geruch hat.

Wie Wohlgeruch aus alten Räucherurnen, so stieg ein Duft von der Erde

hier auf. Ich fragte mich, ob sich der Staub am Boden hier noch an jene

Abende erinnert, da die Griechen köstliche Rauchopfer vor den edlen

Menschengestalten ihrer Heimatgötter auf den Hausaltären anbrannten.

Nirgends auf der Welt fand ich wieder, daß der Erdstaub so süß,

getrockneten Blumen ähnlich, duftete wie hier auf den Landstraßen um

Athen.

Befreit vom Ballast unmöglicher Pläne, kam ich jetzt nach Athen reicher

zurück, als ich fortgegangen war. Ich nahm mir nun vor, nur noch einige

Tage die Schönheiten Athens zu sehen, und dann auf kürzestem Weg nach

meiner fränkischen Heimat, nach Deutschland zurückzukehren. Dort wollte

ich meine Frau erwarten, und dann würden wir endlich in der Heimat

unsere Heimat finden.

Ich besuchte am nächsten Nachmittag noch Eleusis, denn dort waren

alljährlich zum Osterfest alte Ostertänze auf dem Marktplatz zu sehen.

Eleusis ist nach einer kurzen Bahnfahrt von Athen aus erreichbar. Die

Bahn läuft am Meer entlang neben der alten heiligen Straße der Pilger.

Als wir nachmittags durch die kleine Provinzstadt wanderten, hing

an verschiedenen Häusern das gebratene Osterlamm an einem Nagel am

Türpfosten. Der Hausherr stand daneben mit einem Messer und schnitt

Bratenstreifen ab, die er unter seiner Familie austeilte.

Aus einer Türe trat ein Hausvater freundlich lachend auch an uns

Fremdlinge heran und reichte jedem von uns ein Stückchen Lammbraten

zum Ostergruß. Wir mußten es aus seinen Händen annehmen und es mit

den Händen zum Munde führend verzehren, wie es nach uraltem Brauch

die Landbewohner in Griechenland tun, die keine Tischgeräte anwenden,

ähnlich wie es bei uns einst im Mittelalter noch Sitte war.

Vor allen Türen saßen die Leute in Gruppen und aßen fröhlich das

Osterfleisch. Es hatte sie alle das festliche Osterlicht auf die

Straßen gelockt. Munter und unterhaltend lachten, plauderten und

grüßten sich die Nachbarn vor den kleinen Häusern.

Gegen zwei Uhr versammelten sich auf der einen Seite des Marktplatzes

die jungen Mädchen der Stadt, auf der anderen Marktseite die jungen

Männer. Die Mädchen hatten die Haare in zwei lange Zöpfe geflochten,

und die bänderdurchflochtenen Zöpfe reichten ihnen bis auf die Fersen.

Viele bunte Seidenbänder waren in die Zöpfe geschlungen, und mit

eingeflochtenen schwarzen Roßschweifen waren die Zöpfe auch künstlich

verlängert worden.

Jedes Mädchen faßte mit gekreuzten Händen nach den Händen ihrer

beiden Nachbarinnen, und ebenso taten die Burschen. Und nach einer

uralten Melodie, die die Mädchen und die Burschen sich zusangen und

beantworteten, bewegten sich die beiden breiten Reihen von jeder

Seite des Marktplatzes einander entgegen, und die vielen Füße tanzten

langsam, rhythmisch vor und zurück, je nach dem Takte des einfachen

Liedes.

Das Lied war feierlich und leicht klagend, und seine Melodie bewegte

sich nur in ein paar Tönen. Aber die wunderbare Einförmigkeit und

Einfachheit des uralten Tanzes und des Osterliedes, das schon die Väter

und Vorväter bei der Wiederkehr des Frühlings hier auf dem Marktplatz

getanzt und gesungen hatten, war unergründlich festlich stimmend auch

für die Ohren eines Fremden.

Ich nahm das Lied als Abschiedsgruß von Griechenland in meinen Ohren

mit nach Deutschland. Und ich summte es noch lange gern vor mich

hin auf den Feldwegen daheim, als meine Frau und ich uns wieder

zusammengefunden hatten und auf dem Gut bei Würzburg wohnten, am

Nikolausberg, wo einst meine Mutter gestorben ist.

* * * * *

Es war im Mai 1898, als ich dann nach langen Irrfahrten in der mir

angeborenen Heimat gelandet bin. Zwei Jahre waren wir, meine Frau und

ich, von Hotel zu Hotel und von Land zu Land gezogen und hatten es noch

nie zusammen erlebt, auf altem Erinnerungsboden zu wohnen, in eigener

Küche ein nach persönlichem Geschmack hergerichtetes Mahl auf dem Feuer

zu haben, am häuslich gedeckten Tisch zu essen und vor den Türen Wege

zu gehen, die nicht ins Unbekannte, ins Unklare führten.

Hier kannte ich die Ziele eines jeden Feldwegs und jeder Landstraße.

Ich konnte meiner Frau unterwegs berichten, was uns erwartete, wenn wir

vom Haus am Berg aus nach Osten, nach Westen, nach Norden oder Süden

gingen.

Die Hähne, die im Gutshof krähten, waren Heimathähne, deren Laute

ich mit mir in der Fremde herumgetragen hatte. Und immer, wo ich auf

den Reisen in den Wanderjahren einen Hahn hatte krähen hören, war

das Bild jenes Gutshofes in mir aufgestiegen. Und Hahnenschreie, wo

ich sie auch hörte, hatten mir immer zugerufen, heimzukommen in die

Vaterstadt, dorthin, wo ich einst sprechen, gehen, denken, handeln und

träumen gelernt hatte. Die Häuser kannten mich alle noch, sie, die mit

ihren Fensterscheiben immer am gleichen Fleck standen und die Menschen

betrachteten, die in ihnen heranwuchsen und von ihnen fortgingen.

Wenige von den Fortgehenden aber waren wiedergekommen, und wenige

nickten ihnen zu.

Ich fühlte bei meinen Wegen durch die Stadt, daß diese Häuser, die mir

bei meinem Kinderspiel und bei meinem Schulweg zugesehen hatten, die

meine Jünglingsgedanken mitgedacht hatten, und die mich nun mit meiner

Frau zusammen übers Pflaster wandern sahen, daß diese Häuser mein

Besitz waren. Sie waren durchdrungen und in Besitz genommen von den

Gedanken meiner früher hier verlebten Jahre.

Und als ich nun so hinging, war mir, als steckten die verschiedenen

Häuser an ihren Ecken, Türen, Gesimsen, Dächern, Hauswinkeln,

Dachrinnen, Fähnchen heraus, beschrieben mit bunten Sätzen, alten

Gesprächsresten, alten Gedankensätzen und alten Vorsätzen.

Pflichten und Erinnerungen standen dort bunt, mal rot, mal gelb, mal

blau hingeschrieben auf die beweglichen Wimpeln, die da, nur für

mein inneres Auge sichtbar, die ganze alte Stadt reich und lustig

schmückten. Da war Kindertorheit und Jünglingsernst, Jünglingstorheit

und Mannesernst, Mannestorheit und der Ernst lieber Toten für mich

durch alle Gassen verbreitet.

Grundzufrieden war ich dann, wenn ich hinaus vor die Stadt zum Berg

zurückkehrte und in der Ferne am Hügelabhang den Giebel des Hauses sah,

unter dem meine Frau und ich jetzt lebten. Die Sonne, die wir dort oben

auf- und untergehen sahen, kam nicht mehr aus dem Unbekannten, denn

auch die Landschaft hier war mein Besitz, sowie es die Gassen der Stadt

und die Häuser waren.

Wo überm Maintal, auf fernen Äckern, morgens die Sonne in der

Frühdämmerung hergewandert kam, da war ich oft mit meinen Füßen

selbst gewandert, und ich kannte die Ortschaften und die Waldstrecken

und die Namen der Orte und der Berge so gut wie die Namen meiner

Familienangehörigen. Die Sonne kam also nicht aus dem Grenzlosen,

Atemlosen, Namenlosen jeden Morgen zu mir.

Ich kannte auch ihren Tagesweg. So weit mein Auge nach Süden und

Westen sehen konnte, kannte ich von mittags und bis zum Abend, und

bis zu ihrer Untergangsstunde, die Landwege, die Waldwege, die das

Himmelsfeuer durchwanderte, so genau wie die Sonne selbst. Und ich

wußte, was ihr Licht rundum tagsüber zu arbeiten hatte. Ich kannte die

großen Kornstrecken, die verschiedenen Weinlagen, die Obstpflanzungen

und die Baumschulen, wo die Sonne überall tüchtig zu tun bekam, um

Frucht reifen zu lassen.

Und die arbeitende Stadt im Tal, wo gefahren und gebaut, geboren,

geliebt und gestorben wurde, kannte ich innen und außen und wußte,

wie die Sonne dort die verschiedenen Straßen zu den verschiedenen

Tagesstunden beleuchtete und erwärmte oder mit kühlen Schatten bedeckte.

Ich sah auch über den Bergen dem Mainfluß nach, der, in Windungen

fließend, die Sonne auf seinem Wasserrücken spiegelnd, weit bis nach

Norden strahlte. Und ich saß stundenlang auf dem Gutshof an der

Terrassenecke bei der Fahnenstange, wo ich vor vielen Jahren mit

meinem Freunde gestanden, und wo wir wunderlustig gewesen, und freute

mich jetzt, heimgekommen zu sein aus der Unendlichkeit. Denn ich

hatte damals nicht die Liebe gekannt, nur Lebenspläne und noch keinen

Lebensbau. Und hier an dieser Terrassenecke, wo ich damals meinen

Freund zum Wunderwirken an jenem Augustnachmittag erwartet hatte, wurde

mir jetzt klar, daß ich auch körperlich und nicht bloß geistig in meine

festliche Weltanschauung hineingewachsen war.

Jeder Morgen, der über der Stadt im Tal aufging, der den Tau auf den

Kleefeldern vor dieser Terrasse bläulich aufblitzen ließ, redete nicht

mehr vom Gedanklichen des Lebens, nicht mehr von Hoffnungen und Plänen,

sondern von der innerlichsten Innigkeit jedes Tages.

Wenn die Giebelfenster des Gutshauses in den Morgenstunden blitzten,

wenn die Fliederbäume, die altgekrümmten, an der Terrassenmauer blühten

oder abblühten; wenn das Finkenpärchen, das in der großen Kastanie

nistete, sein Nest bauend, ab- und zuflog, wenn die Pfauenhenne

oben am Berg, unter einem Busch versteckt, wochenlang brütete und

der Pfau einsam auf der Terrassenmauer stolzierte und schrie, da er

Regen erwartete; wenn Türen im Hause zuschlugen, Ketten der Pferde

und der Kühe in den Ställen rasselten; wenn nur ein Strohhalm der vom

Einfahren, der letzten Ernte vom Vorjahr draußen am Weg an den wilden

Rosenbüschen hängen geblieben war, dem Vorübergehenden zuwinkte,

-- dann war alles das nicht ein zwischen Himmel und Erde geborener

vorüberflatternder flüchtiger Augenblick.

Sondern: das Licht und die Schatten, die Geräusche und die Ruhe, die

Tagesfarben und die Dunkelheit der Nacht, die Gerüche, die Kälte und

die Wärme kamen mir wie Rhythmen der Zufriedenheit meines Herzens vor

und kamen mir künstlerisch zum Bewußtsein. Jeder Augenblick brachte die

Anfänge von Gedichten, Liedern und Geschichten mit.

Und wenn ich mir nur ein wenig Zeit nahm und in mich hineinhorchte,

dann konnte ich ein neues Liebeslied singen und konnte es ihr, der

geliebten Frau, bringen, die, ohne daß sie mit den Lippen oder mit den

Augen danach fragte, mit dem Herzen darauf wartete.

Ein wenig am Berg hinauf, vom Haus fort, steht ein großer stattlicher

Nußbaum. Unter diesem Baum saß ich jetzt oft in den Vormittagstunden

und schrieb mir manches Lied auf, und dann kam meine Frau vom Hause her

mit einem Körbchen und brachte mir, wie eine Maurerfrau ihrem Maurer,

Frühstück auf meinen Arbeitsplatz und setzte sich zu mir unter den

Schatten des Nußbaums. Dann aber glaubte ich erst recht nicht mehr, daß

irgendein Mensch das Leben anders als festlich ansehen konnte.

In jenen Jahren, die ich im Sommer auf jenem Gut und im Winter in

meiner Landeshauptstadt, in München, mit meiner Frau verbrachte,

schrieb ich zwei Liedersammlungen, die ich dann als mein erstes reifes

Gedichtbuch unter den Titeln „Die ewige Hochzeit“ und „Der brennende

Kalender“ erscheinen ließ. Mit diesem Buch beginnt die Dichtungsarbeit

meiner Mannesjahre. Die vorbereitende Zeit der suchenden Jahre war für

meine Dichtung beendet, als man das neue Jahrhundert schrieb.

Wenn ich auch noch manche Reise im ersten Jahrzehnt des neuen

Jahrhunderts und die Weltreise im Jahr 1905-1906 rund um die

Erde machte, so ist doch nie mehr in mir der Gedanke oder der

Wunsch aufgestiegen, mich irgendwo für immer in der Fremde fest

niederzulassen. Alle weiteren Reisen unternahm ich aus dem Bedürfnis,

Länder und Völker zu sehen. Aber die Heimat stand mir bei allen Reisen

immer wieder als Endziel vor Augen.

Und die Heimat gab mir die Verinnerlichung und die rechte

Lebensandacht. Nur auf den Wegen, auf denen man in der Jugend

gewandert, kann man im Mannesalter aus dem Chaos der Eindrücke

das Hauptsächliche vom Nebensächlichen trennen, das Wichtige vom

Unwichtigen und die künstlerische Linie eines jeden in der Fremde

erlebten Eindruckes finden. Die Heimat mit ihrer ernsten und von den

besten jugendlichen Vorsätzen durchwärmten Sonnenluft verbrennt die

unnützen Stoffe, deren Wichtigkeit und Unwichtigkeit man in der Fremde

nur schwer unterscheiden kann.

Man baut auf dem Jugendboden, auf dem man geboren, auf dem man aus dem

Unergründlichen, aus dem Unendlichen zur Endlichkeit, sich einst selbst

geschaffen hat, am fruchtbringendsten und sichersten das weitere Leben

auf, nachdem man sich aus der Fremde genügend Weisheit geholt hat.

Ich erinnere mich noch eines Morgens, da ich mit meiner Frau in dem

Atelier in der Rue Boissonade, eben jung verheiratet, in Paris wohnte,

als zum erstenmal die Heimatsehnsucht in mir ausbrach. Es war an jenem

Hochsommermorgen, an dem ich, früh aufgestanden, allein durch mein

stilles Stadtviertel zum Park Montsouris ging, zu jenem Park, in dem

ich die beiden vornehmen Japanerinnen eines Morgens antraf.

Auf dem Hinweg beim Bronzedenkmal des mächtigen Löwen von Belfort war

an einer Straßenecke in der frühen Morgenstunde ein Geflügelmarkt. In

Holzkäfigen eingepfercht, steckten die Hähne und die Hennen ihre roten

Kämme zwischen den Gitterstäbchen durch, und einige Hähne krähten im

Sonnenschein.

Beim Anblick und bei dem Geruch der Hühner und beim gewaltigen und doch

melodischen Krähen der Hähne tauchten die würzburger Heimatberge vor

mir auf.

Und es war mir, als müßte um die Straßenecke der Weg nicht zum Park

Montsouris, sondern zu jenem Gutshof führen, wo ich in meiner Kindheit

mit meiner Mutter zusammen die ersten Hahnenschreie gehört hatte, wo

ich zum erstenmal Korn und Klee hatte wachsen sehen, wo meine Mutter

dann gestorben war und mir die Mutter Erde als ihre Stellvertreterin

hinterlassen hatte.

Dort in der Ferne bei den Hecken, dort bei Steinbruch und Hügeln, am

Kleeacker und am Kornfeld, wo ich als mutterloses Kind gewandert war,

fehlte mir meine gestorbene Mutter nie.

Die warme Güte der Äcker, die immer am selben Fleck stillstehenden

alten Bäume, die nur ihren Schatten ein wenig wandern ließen, weiche

taumelnde Schmetterlinge und summend arbeitende Bienen, gütig duftende

Kräutlein, reifende kleine Erdbeeren und reifende Brombeeren, die

Lerchen im blauen Himmel, die Finken und Ammern im Gebüsch, die

Schnecken am Weg und die weißen Sommerwolken über den Baumkronen

am Himmel, die Ameisen, die über meine Stiefelspitzen liefen, die

knallende Peitsche des pflügenden Bauers, die wiehernden Pferde im

Acker -- sie alle waren mir Liebkosungen der Mutter Erde. Sie waren

meinem Lebenssinn erquickend und festlich. Im Sonnenschein, im Regen,

im Wind, im Gewitter, in allen Stunden und in allen Wandlungen aller

Jahreszeiten, war es mir auf dem Heimatberg, als hätte ich in allen

Natureindrücken Hunderte von Müttern gefunden, die lieb und zutraulich

mit mir plauderten, mit mir spielten, mich belehrten, mir die Zeit

vertrieben und mir Lebenslust gaben.

Und bei jenem Hahnenschrei, dem ich in Paris an jenem Morgen bei den

hohen Weltstadthäusern nachhorchte, riefen jetzt alle diese hundert

Mütter vom Heimatberg aus der Ferne her. Deutlich wie die Sonne in

jenem Augenblick über Paris und Würzburg zugleich leuchtete, so

deutlich sah ich durch jenen Hahnenschrei von Paris nach Würzburg, von

meinen Mannesjahren zu meinen Jugendjahren zurück.

Und ein tiefes Heimweh wurde mir zum erstenmal bewußt. Dieses Heimweh

war schon lange irgendwo in meinem Dasein wie eine offene blutende

Wunde gewesen. Es war mir, als hätte ich plötzlich Blut an meinen

Fingern entdeckt, und wußte jetzt erst, daß ich verwundet war. Und ich

erschrak. Seit jenem Hahnenschrei habe ich die Wunde des Heimwehs nie

mehr aus den Augen gelassen.

Noch einmal später, auf der Rückreise von Mexiko, als wir bei einem

vierwöchigen Orkan die ungeheuren einsamen Wasser des atlantischen

Ozeans kreuzten, riefen mir, wenn der Sturm sich mittags für einige

Stunden etwas legte, um am Abend mit doppelter Wildheit einzusetzen,

einige Hähne, die bei der Schiffsküche in Käfigen als lebender

Mundvorrat eingesperrt waren, mit heiligem Krähen die Heimathügel der

Vaterstadt über die Wasserberge her.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 20 / 22 段