ganz nah das freundliche sonnenbeleuchtete Maintal mit den Türmen der
Vaterstadt und mit den Weinbergen. Ich glaubte bei den Hahnenschreien,
das Schiff könne mitten im Sturm jeden Augenblick friedlich zu Hause
landen.
Ich vergaß immer wieder die ungeheuren Meilenstrecken, die zwischen mir
und Europa lagen, und ich und die Heimat waren einander so nah, wie es
mir meine Hand vor meinen Augen war, sobald mitten im Sturmtag jene
Schiffshähne krähten.
Süße Zuversicht erfüllt den, für den es kein anderes Weltall gibt als
das Herz. Im Herzen gibt es nicht Raum und nicht Zeit, sondern nur
herznahes Gefühl. Über Raum und Zeit fort zeigt dir dein Herz deinen
ewigen Besitz.
Als ich in späteren Jahren einsam um die Erde reiste und meine Frau in
Europa zurücklassen mußte, da war nicht ein Tag, nicht eine Stunde in
den sieben Reisemonaten und auf den sieben Meeren bei allen Wundern
der Welt, an denen mir nicht mein Herz überall das Gesicht und die
Gestalt von ihr zeigte, die ich vermißte.
Überall in der Fremde deutete das Herz zuerst auf seinen Besitz, und
dann ließ es erst meine Augen die Bilder der Fremde wie mit vier Augen
genießen, mit den Augen von ihr, die in der Heimat zurückgeblieben, und
mit meinen reisenden Augen. --
* * * * *
Wenn ich jetzt morgens oder abends auf meinem Berg stehe, kann mir die
Sonne keine entwurzelnde Sehnsucht mehr von Osten herbringen, und sie
zieht meine Augen abends nicht nach Westen über unbekannte Grenzen in
die Leere fort. Ich bin zufrieden, endlich in der Heimat angekommen zu
sein.
Ich sehe gern in mich hinein, wie in einen Brunnen, auf dessen Spiegel
ganz unten das Bild der Sonne wie eine Mondscheibe tanzt. Und neben ihr
tanzen auch am Tage alle Sterne. Und ich kann in meinem Innern nicht
mehr Tag und Nacht voneinander trennen. Es sind alle Zeiten und alle
Räume in der Lebensseligkeit des Heimgekehrten.
Die Nachtstunde, die den Fluß unter meinen Fenstern lauter rauschen
läßt, ist nicht dunkler als die Mittagsstunde, die die Glocken über
der Stadt läuten läßt. Der Wintertag, der den Schnee ans Fenster
treibt, ist dir nicht kälter als der Sommertag, der das Kornfeld gilbt,
sobald du angekommen bist beim innersten Wesen aller Dinge, bei der
Schöpferkraft des Liebesgefühls, das die Krone aller Gefühle ist.
Du dachtest zum Beispiel, die Sonne scheint, und du und deine Geliebte,
ihr möchtet in das Grüne unter die Bäume gehen. Aber es regnet im
nächsten Augenblick, und, unter der Türe stehend, streckst du die Hand
aus und fühlst die Regentropfen. Du weißt aber bald nicht mehr, daß
du den Wunsch hattest, unter die Bäume zu gehen, weil die Wolken den
Wunsch hatten zu regnen, und die Sonne den Wunsch hatte auszuruhen, und
weil du nichts Lieberes unter den Bäumen gesehen hättest als die Augen
jener, die du liebst, und die mit dir auf der Türschwelle steht.
Aug’ in Aug’ mit ihr quält dich nichts. Und ihr laßt beide wunschlos
den Regen fallen, denn keine anderen Wege sind von Wichtigkeit und von
äußerstem Wert als der Weg von Blut zu Blut bei Zweien, die sich lieben.
Diese Wunschlosigkeit in der Liebeslust und in der Heimatlust zu
erkennen, zu pflegen, zu erhalten, das hat Lebenssinn.
Wenn zwei Liebende sich befriedigen, werden ihre Sinne überall
allgegenwärtig im Weltall. Auch wenn die beiden ihr Haus nicht
verlassen, auch wenn sie an dem kleinsten Erdfleck Seite an Seite
leben. Sie sind überall allgegenwärtig und allklug, weil sie Besitzer
der Urkraft des Lebens sind, der Liebeskraft, aus welcher das Weltall
entsprungen und aus welcher alle Leben immer wieder entspringen.
* * * * *
Seit ich diese süße Weisheit erfahren, wendete sich mein Sinn in der
Dichtung dem Besingen und Preisen dieses edelsten und schöpferischsten
Gefühles aller Gefühle zu.
Die mir liebsten Gedichte, die ich von anderen Dichtern lese, sind die
Gedichte, die das erhöhte Gefühl, das Liebesgefühl, mit seinen tausend
und abertausend Stimmungen, gesteigert aus Sehnsucht, Zweifel und
Erfüllung verkünden und die zugleich die Natur besingen.
Als ich von Griechenland zurückgekehrt war, kam mir eine kleine neue
Ausgabe der Geschichten von „Tausendundeine Nacht“ in die Hände. Ich
hatte einige der Geschichten früher schon in Sammelbänden gelesen, aber
niemals gewußt, daß in diese Geschichten die schönsten Liebeslieder
eingestreut sind. Denn man hatte in den früheren Ausgaben jene kurzen
Lieder nicht mitgedruckt.
Diese kleinen arabischen Lieder aus „Tausendundeine Nacht“ wurden
dann meine Lehrer. Ich mußte sie lesen und immer wieder lesen und sie
ihr, die ich liebe, immer wieder vorlesen. Und dann wurden die Verse
noch schöner, wenn ich sie von Herz zu Herz hinsagte. Dann waren sie
nicht bloß geistvoll, rhythmisch und innig. Dann waren sie wie von
ihr und mir geboren. Dann hatten sie ihre und meine Augen und hatten
Menschenhände und Menschenstimme und waren nicht mehr kleine gedruckte
Gedichte, sondern wurden lebende Wesen.
Wie die Amsel, die auf die Fensterbank geflogen kommt, die vorher
irgendwo unsichtbar gesungen hatte, und die von der Fensterbank sich
einsingt in die Menschenbrust, wo ihr Lied wohnen bleibt, so zahm
wurden die kleinen Gedichte, und so wunderbar verschwanden sie in uns
und sangen dort fort und fort.
Aus den kleinen Reclambänden von „Tausendundeine Nacht“, in welchen ich
diese schönsten, nur den Liebenden verständlichen Lieder, die mit der
Liebe leiden und jubeln können, gefunden hatte, schnitt ich alle diese
Gedichte heraus und klebte sie in ein dauerhaftes, in Leder gebundenes
Buch.
Und diese Gedichte, deren Dichter tot und verschollen sind, deren
Namen ich nicht kenne, deren Lebenszeiten ich nicht kenne, waren
meine Lieblingsgedichte in jenen Jahren. Jene toten Dichter und die
von ihnen geliebten Frauen gingen als gute Freunde bei uns umher, und
ich versuchte ihnen nachzutun und zu dichten in ihrem Sinn kurz und
eindringlich. --
* * * * *
_In Japan gilt ein gutes Gedicht als höchste nationale Leistung in
Friedenszeiten._ Von Japan, wo der Kaiser und die Kaiserin jährlich mit
dem Volk sich um einen Preis in der Dichtung bewerben, von Japan, das
unsere Maschinenkunst und unsere Kriegskunst angenommen hat, können wir
Europäer diese Friedenskunst erlernen.
_Kunstwerke bedeuten dort Heldentaten in Friedenszeiten. Mit möglichst
wenig Worten in der Dichtung eindringlich viel sagen, mit möglichst
wenig Linien und Farben viel in der Malerei ausdrücken, mit wenig Tönen
in der Musik Unendliches geben_ -- dieses hätten wir in der nächsten
Zukunft von den Künstlern des Ostens zu lernen.
Auch die Art, wie Kunstwerke zu genießen sind, und daß sie nur in einer
Art genossen werden können, dies wollen wir von jenen lernen, die seit
Hunderten von Jahren die Künste inniger pflegten als wir.
Ein Gedicht des Kaisers wird in Japan fünfmal vorgelesen, ein Gedicht
der Kaiserin dreimal, ein Gedicht eines Bürgerlichen zweimal.
Wenn ich dieses berichte, so bin ich nicht der Meinung, daß gerade
diese Unterschiede nachahmenswert sind. Sondern ich will nur darauf
hinweisen, daß ein Gedicht nicht vom einmaligen Vorlesen, wie es bei
unseren öffentlichen Vorlesungen geschieht, verstanden oder voll
aufgenommen werden kann. Wie man den edlen Wein langsam auf der Zunge
kosten muß, um seine Blume festzustellen, so ist es mit einem edlen
Gedicht, es will langsam und nachdenklich aufgenommen sein. Und zum
langsamen Kunstgenießen muß das europäische Publikum erst erzogen
werden.
Zweimal und mehr muß jedes gute Gedicht gelesen werden, ehe sein Sinn
und seine Schönheit im Herzen des Zuhörers keimen können. Ein gutes
Gedicht kann immer wieder anders und neu, innerlich und äußerlich,
im Gefühlssinn und im Wortlaut, genossen werden. Ein Gedicht ist
unerschöpflich, unergründlich wie das Himmelsblau, wie das Meerblau,
wie ein Menschenauge, wie ein Sternhimmel. Bei allen diesen Leben
können wir von unendlichen Lebenswerten träumen, so auch bei dem
Gedicht und bei jedem Kunstwerk, wenn wir es langsam und öfters auf
uns wirken lassen. --
Ich erinnere, daß man mir einmal, als ich Kind war, kleine Holzformen
geschenkt hatte, die, in feuchtem Sand gepreßt, hübsche Sandkuchen
gaben. Diese Sandkuchen bereitete ich auf einem Brett und freute mich
ihrer Figuren. Aber wie erstaunt war ich, daß die Figuren, sobald die
Sonne das Brett beschien, in kleine Sandhäufchen zerfielen.
Ich fand diesen Zerfall unerhört, und er grämte mich jedesmal
bitterlich. Wenn die Figuren noch so schön scharf geschnitten in
Schneckenform und Sternform vor mir lagen, nach ein paar Stunden waren
sie in formlose Sandhäufchen zerkrümelt.
Ich sann damals vergebens darüber nach, wie ich die Form im Sand
festhalten könnte. Meine Lust und meine Kraft waren gründlich beleidigt
von der unüberwindlichen Vergänglichkeit, die mir da beim Spiel
entgegenarbeitete, ohne daß ich sie hindern konnte.
Und ich grübelte nach und meinte, es müßte da doch etwas geben, was nie
zerfallen dürfte, etwas, das ewig seine Form behalten müßte. Und ich
sagte mir, daß ich, wenn ich groß sein würde, keine Arbeit tun möchte,
die zerfallen könnte. Ich wollte mich nicht von der Vergänglichkeit
kränken lassen. Wenn meine Arbeit, die ich mit aller Lust getan,
spurlos verschwinden sollte, so würde mir das Leben keinen Spaß machen.
Derart grübelte ich als Kind betrübt vor den kleinen Sandhäufchen, aber
ich wußte nicht, was ich tun müßte und was von allem auf Erden immer
unzerstört fortdauern könnte.
Als ich erwachsen war, fand ich, daß von allem das Liebesgefühl das
Unvergänglichste und Ursprünglichste ist und bleibt. Das Weltall
verjüngt sich immer wieder durch Liebe. Liebe ist die Schöpferkraft
des Alls. Wenn du von Liebe singst, können die Menschen der kommenden
Zeiten dein Lied miterleben, und das Lied wird nicht veralten, sobald
du es vom tiefsten Gefühl durchdrungen dichtetest.
So wie du ein vielhundertjähriges kleines Liebeslied von Walter von der
Vogelweide, das Lied „Tantaradei“, heute noch beim Lesen erlebst, als
dichtete es nicht ein Toter, sondern dein Herz, so werden alle Lieder,
die das tiefe Liebesgefühl besingen, warm bleiben wie ein lebender
Körper, auch wenn das Herz, das das Lied gesungen, längst ein Häufchen
zerkrümelter Staub ist.
* * * * *
Solche Erkenntnisse waren in anderen Zeiten unnötig, weil sie
Selbstverständlichkeiten gewesen sind. Die Menschen anderer
Jahrhunderte haben sich nie über die Liebeskraft Gedanken machen müssen
und nie der Liebe Schöpferkraft betonen müssen.
Aber dieses war anders im letzten Jahrzehnt des neunzehnten
Jahrhunderts, wo man achselzuckend von Liebesdichtern, Liebesliedern
und von jeder selbstverständlichen Liebesinnigkeit sprach. Die
Menschen damals und viele auch heute noch meinten, das Liebesgefühl
wäre dichterisch so gründlich ausgebeutet worden, daß man nicht mehr
darüber dichten, nichts mehr darüber sagen könne.
Denn viele schlechte seichte Romane und weichliche, aber nicht
leidenschaftsstarke Liebeslieder waren in der letzten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts so reichlich verbreitet worden, daß man
derartige Bücher und Gedichte gut genug für schwache Frauen fand, aber
nicht ausreichend zur Erquickung für den Mann.
Der Wert jener schwächlichen Liebesliteratur war aber im letzten Grunde
für Männer wie für Frauen, welche vom Gedicht echte Empfindung und
keine Empfindsamkeit erwarteten, gleich Null. Und so verbreitete sich
die irrtümliche Ansicht, daß die Liebesdichtung sich ausgelebt habe.
Und man meinte, daß die Liebesdichter nur Sonne -- Wonne und Herz --
Schmerz reimen könnten. Diese Ansicht wäre wohl zutreffend gewesen,
wenn die Dichter schwache, idealistisch empfindsame Naturen geblieben
wären, deren es so viele vor dem Umwerten aller Werte gab, ehe
in den achtziger Jahren künstlerische Selbstzucht einsetzte, die
sowohl die Musiker und die Maler, wie die Dichter packte und allen
europäischen Ländern neues Kunstleben gab. In Deutschland waren es
Liliencron, Dehmel, Stefan George, Wedekind, die die Liebe in neuer
Weise verkündeten, teils in gesteigerter Leidenschaft, teils in
überraschenderer Ausdrucksweise, mit treffenderem und gewagterem neuen
Bilderreichtum und mit neuen Vergleichen.
Aber erst dem neuen Jahrhundert blieb es vorbehalten, die neue
Liebesnote dieser Dichter und ihre künstlerische Schönheit
anzuerkennen. In den zehn Jahren von 1890-1900, in welche Zeitspanne
meine Wanderjahre fallen, und über die ich hier meine Gedanken
niederlegte, kämpften jene Dichtergeister noch um ihren Lorbeer. Die
Kritik und die Volksmeinung schlug damals mit Disteln nach denen, die
das Liebesfeuer in der Dichtung nicht untergehen lassen wollten, und
die die Verkünder der herzlichen Leidenschaft blieben.
Spätere Jahrzehnte werden sich kaum vorstellen können, welches Kämpfen
um die selbstverständlichsten Gefühle die Dichter und alle Künstler der
neunziger Jahre durchmachen mußten.
Denn unter den Bürgern herrschte damals eine allgemeine Abkehr in der
Kunst von den Liebesempfindungen fort. Man wollte nur Tagesfragen
bedichtet wissen, Soziales, Politisches, Philosophisches. Und
dasselbe forderte man von Roman und Drama, in denen es sich immer um
Entwicklung von Problemen und nicht um das Aufeinanderprallen von
leidenschaftlichen Gefühlen handeln sollte.
Jetzt neigt die Zeit wieder dem Gedichtelesen zu und dem
Leidenschaftlichen in der Dichtung. Die verschiedenen neuen Dichter
haben ihre verschiedenen neuen Formen gefunden, und das bedichtete
Liebesgefühl darf wieder seinen selbstverständlichen ersten Platz
einnehmen, und der bedichtete Gedanke erhält den zweiten Platz, wie es
zu allen Zeiten früher selbstverständlich war.
Wäre die Welt immer in harmonischem Gleichgewicht erlebt worden,
hätte man nicht Götterlehren über Götterlehren seit Tausenden von
Jahren gegründet und eingerissen, dann würde das Menschengeschlecht in
festlicher Selbstverständlichkeit das Dasein erleben und immer wieder
erlebt haben. Aber Götterfurcht und Menschenfurcht haben das, dem
Menschen ebenso wie allen Leben, angeborene Weltfestlichkeitsgefühl
getrübt.
Die Menschen haben ergründen wollen, anbeten wollen, hinein
geheimnissen wollen, _da wo nichts anderes herrscht als das
geheimnislose, freie und in sich selbst andächtige Weltalleben, bei
dessen Festlichkeit wir alle zusammen Anbeter und Angebetete, Schöpfer
und Geschöpf zugleich sind_. So wie im Liebesverhältnis zwischen Mann
und Frau jeder Anbeter und Angebeteter zugleich ist.
Alle Leben, die ihr um euch seht, die Leben der großen Sterne und der
kleinsten Atome, sie schreiben ihre Lebenszeile. Und die Weltallrune,
an der alle Leben schreiben, an der wir alle leidenschaftlich
mitschreiben, sie zu entziffern, braucht es keiner Wissenschaft -- nur
Liebesgefühl.
Wer das Liebesgefühl erkannt hat, wer sich als Mann mit seiner Frau
als Angebeteter und Anbeter zugleich fühlt, dem offenbart sich die
Weltallgeheimschrift in ihrer unendlichen Klarheit, ohne Wissen und
ohne Denken, im einfachen herzlichen Festlichkeitsgefühl.
Und die Frau wie der Mann sind in diesem Gefühl gleichwertig klug,
gleichwertig weise, und sie gewinnen in der Liebeserkenntnis alles
Wissen aller Unendlichkeiten ohne Grübeln.
_Die Furcht vor Göttern und die Furcht vor Menschen wird auf der
Welt für alle Zeiten überwunden sein, sobald die Menschheit wieder
die Weisheit der Weltallfestlichkeit annimmt, die den Völkern im
Urzustand bereits Eigentum war._ Bei selbstverständlichem Welternst
und selbstverständlicher Weltfestlichkeit wird die im Liebesgefühl
selbstbewußt gewordene Menschheit nie mehr verarmen.
* * * * *
Ich will in einigen Sätzen noch einen Überblick geben zum Verständnis
jener Weltanschauung, die ich für die kommende halte:
_Die Anschauung von der Weltfestlichkeit befiehlt dir nichts. Sie
läßt dich als freigeborener Mensch, nur der eigenen Verantwortung
unterworfen, frei handeln, nachdem sie dir festgestellt hat, wer
du bist, und gesagt hat: du bist der Besitz aller, und du selbst
besitzt alles._
_Daraus ziehe dann jeder ernste Mensch selbst die Schlüsse
für seine Verpflichtungen und seine Ansprüche an die
Lebensfestlichkeit._
_Die lebensfestliche Weltanschauung sagt dir: dein Lebensheil
liegt in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Dein Heil erwartet
dich nicht erst nach dem Tode. Denn du warst, du bist und du wirst
ewiger Mitgenießer, Miterleber und Mitschöpfer des Weltalls sein.
Du trägst die Ewigkeit in dir. Du bist kein schwaches Geschöpf.
Du bist Schöpfer und Geschöpf immer zugleich gewesen und wirst es
bleiben in Unendlichkeit._
_Du brauchst nicht auf deine Erlösung zu warten. Du hast dich mit
allen Leben zugleich selbst geschaffen, und du erlöst dich von
Leben zu Leben selbst, von tätigem Fest zu tätigem Fest._
_Dein Wesen ist Schöpferkraft; Ewigkeit ist dein Weg; und
Seligkeit ist dein Urzustand._
_Du nimmst Strafe und Lob von dir selbst und von allen, die mit
dir leben, in Empfang. Aber deine Strafe und dein Lob, beide sind
nicht ewig, so wie es deine Gestalt nicht ist, in der du Strafe
und Lob erlebst._
_Du verwandelst dich von Leben zu Leben, denn du willst immer
schaffen, und dieses ist deine Lust und deine Seligkeit._
Sind jemals unter früheren Weltanschauungen Verbrechen,
Schlechtigkeiten, Kriege und Kämpfe abgeschafft worden? Nein. -- Und so
wird auch diese Weltanschauung nicht die notwendigen Verwandlungen,
nicht den Lebenswechsel, abschaffen können oder abschaffen wollen.
Begierden, gute und böse, werden mit jedem neuen Menschen, mit jedem
neuen Tier, mit jedem neuen Lebewesen neu geboren.
Das Wasser, das vom Himmel regnet, verdampft wieder in den Himmel
zurück. Es stirbt mit jedem Lebewesen aus dem Leben ein Herd von
Begierden. Aber mit jedem Neugeborenen kommt ein neuer Begierdeherd ins
Leben.
_Das Leben wird nicht besser und nicht schlechter, denn es war seit
Ewigkeit festlich in seinem Wechsel von Licht und Schatten, in seinem
Wechsel von Schuld und Unschuld eine Festlichkeit._
Aber, wenn ihr Menschen die Verantwortlichkeit des Lebens in Zukunft
auf euch selbst nehmt, wenn ihr wißt, daß ihr euch schafft, daß
ihr eure Leiden wollt wie eure Freuden; daß es nichts Besseres für
euch gibt als das, was ihr schon besitzt, -- diese Erkenntnis von
der Weltfestlichkeit wird euch das Leben aufmerksamer, inniger,
teilnehmender aber auch sanfter, ruhiger und verzichtender im Wandel
von Leben zu Leben genießen machen. Diese Erkenntnis wird euch
aufrichten. Denn ihr wißt nun, ihr seid im tiefsten Grund allwissend
und allgegenwärtig. Ihr seid der Herr eures Glückes und eures Unglücks.
Ihr seid Schöpfer und Geschöpf der Weltschöpfung. Und alle, die ihr um
euch seht und hört und fühlt, sind es mit euch.
_Welch eine Feststimmung bringt euch dieses Bewußtsein, daß ihr Herr
und Genosse der Ewigkeit und aller Leben seid!_
_Keine tote Welt, keine toten Dinge, keine Einsamkeiten bedrücken euch
mehr. Ihr wißt, euer Leben liegt von euch gewünscht, erschaffen und
erhalten auf dem Weg der Tätigkeit, der Liebe und der Weisheit, von
Leben zu Leben, ewig vor euch._
Wenn ihr nun in euren Zimmern und auf allen Wegen, wo ihr unterm Himmel
weilt, wißt, daß ihr sogar mit allen Gegenständen Gedanken, Eingebungen
und Erhebungen, unbewußt und bewußt, austauschen könnt und zugleich
wißt, ihr seid von allen Leben, auch von den sogenannten toten Dingen,
verstanden und gefühlt, und es wird euch von ihnen geantwortet, -- _so
werdet ihr mehr von euch sehen als je, mehr fühlen und mehr erleben
als je, und ihr werdet der Welt mehr Augen, mehr Hände, mehr Ohren und
mehr Herzen geben, und auch der sogenannten toten Welt um euch, der
ihr früher aus Unverständnis das Leben abgesprochen habt. Und dieses
bewußte oder unbewußte Verstehen- und Sprechenlernen mit allen Dingen
bedeutet sowohl eine nützliche als eine künstlerische Bereicherung
eures Daseins. Unerschöpfliche Lebenseindrücke und Lebenserregungen
sind euch damit erschlossen, wenn ihr euch als den Besitz aller fühlt
und zugleich wißt, daß ihr alles besitzt._
Jetzt sind es bald dreiundzwanzig Jahre, daß ich diese Erkenntnis
mit mir trage. Aus meinen Wanderjahren wird jeder ersehen, wie
schwer es mir war, mich an das neue Licht zu gewöhnen, und wie ich
das Festlichkeitsgefühl noch nicht besaß, als ich es nur im Geiste
aufgenommen hatte, und wie die Erkenntnis vom Fest des Lebens erst
allmählich von meinem Körper Besitz ergriff. Mir war es zuerst, wie es
Aladdin ergangen ist in jenem Märchen, als der Berg Sesam sich öffnete,
und der junge Mann die Haufen von kopfgroßen Edelsteinen vor sich im
Dunkeln leuchten sah. Ich wußte nicht, wo ich zuerst zugreifen sollte,
bis die Weltanschauung selbst von mir Besitz nahm.
Die da glauben, der Mensch allein führe ein inneres Leben, nur er
sei fühlend, nur er sei klug und gerecht, denen erwächst ein Stolz,
der blind und unzugänglich gegen die anderen Leben im Weltall macht.
_Wer sich dünkt, mehr und besser zu sein, edler als die Tiere und die
Pflanzen und die Erde und alle Dinge, weil er ein Mensch ist, dieser
Mensch hat dadurch, daß er so denkt, den Anschluß an die Welt und an
sich selbst an seinen eigenen Urzustand eingebüßt._
Als Kinder haben wir den Anschluß an die Welt unbewußt mitgebracht.
Aber mit zu kurzem Weltverstehen schneiden wir später den Anschluß ab
an unsere eigene angeborene Ewigkeit, den Anschluß an die angeborene
Weltallfestlichkeit, den feierlichen Anschluß zum Verständnis aller
Leben, die außerhalb der Menschheit liegen.
_Nichts weiter als den uns angeborenen und nur zeitweise verloren
gegangenen Anschluß an das Weltall, an des Weltalls festliches Leben,
will ich mit meinem „Gedankengut aus meinen Wanderjahren“ in den Lesern
dieses Buches erwecken und ins Bewußtsein zurückrufen._
* * * * *
In den siebzig Tagen und Nächten, während ich das Zimmer nicht
verlassen konnte und ich dieses Buch bedacht und geschrieben habe,
kam täglich nach Sonnenuntergang der Venusstern, der in diesem Winter
ungewöhnlich stark leuchtend war, in das dunkle Fensterviereck
meines Zimmers. Der Stern hat mit seinem begeisterten Licht treu zu
meinen Gedanken gehalten und mir Kraft und Ausdauer gegeben, sie
niederzuschreiben. Der Stern stand wie ein geschliffener Stein im
Dunkeln, funkelnd wie das Ziel meiner Gedanken.
Ich stelle mir vor, ich hätte den blitzenden Punkt in einen Ring fassen
können und hätte diesen der Frau an den Finger gesteckt, die mit ihrem
Leben mein Herz in der Hand hält, dann würde sie nun ans Ende der
letzten Zeile dieses Buches den Ringstein, den Venusstern, als Siegel
aufdrücken, als Bestätigung der erlebten Wahrheiten meiner Worte.
Möge der Liebesgeist und der lebensstärkende Glanz dieses Sternes durch
diese Blätter leuchten und im Namen aller Leben, aller Sterne und im
Namen unserer Erde diesem Buch das Geleit geben.
_Würzburg_, Ostern 1913
_Max Dauthendey_
_Werke von Max Dauthendey_
Der Geist meines Vaters
Aufzeichnungen aus einem begrabenen Jahrhundert
Geheftet 4 Mark 50 Pf., gebunden 6 Mark
Raubmenschen
Roman
Geheftet 5 M. 50 Pf., geb. in Leinen 7 M., in Halbfranz 9 M.
Die acht Gesichter am Biwasee
Japanische Liebesgeschichten
Geh. 3 M. 50 Pf., in Pappband 5 M., in Halbfranz 6 M. 50 Pf.
Lingam
Japanische Novellen
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Die geflügelte Erde
Ein Lied der Liebe und der Wunder um sieben Meere
Geheftet 10 Mark, in Leinen 12 Mark 50 Pf.
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Geheftet 2 M., gebunden 3 M. 50 Pf., in Halbfranz 5 M.
In sich versunkene Lieder im Laub
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Geheftet 2 Mark 50 Pf., gebunden 3 Mark 50 Pf.
Lusamgärtlein
Frühlingslieder aus Franken
Geheftet 2 Mark 50 Pf., gebunden 3 Mark 50 Pf.
Die ewige Hochzeit -- Der brennende Kalender
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Der weiße Schlaf
Lieder der langen Nächte
Geheftet 2 Mark, gebunden 3 Mark
Bänkelsang vom Balzer auf der Balz
Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark, auf Bütten 10 Mark
Die Spielereien einer Kaiserin
Drama in vier Akten, einem Vorspiel und einem Epilog
2. Auflage. Geheftet 3 Mark, gebunden 4 Mark 50 Pf.