Dazu rauchte das Öllicht so schrecklich, daß wir Kopfschmerzen bekamen

und zu ersticken meinten. Wir waren noch zu ungöttlich für diese

göttliche Armut, in die wir so plötzlich aufgenommen worden waren.

Und der Körper, der immer langsamer als der Geist ist, wollte die

Kasteiungen dieser Nacht nicht willig ertragen und wurde störrisch.

Ich hatte meine Taschenuhr neben dem Reisebündel, das mein Kopfkissen

war, auf den Fußboden gelegt, aber in dieser Hütte schienen die Stunden

nicht wandern zu wollen. Sie blieben hocken, und die Uhrzeiger vergaßen

fortzurücken. In dieser Armut war ein ewiger Stillstand an Stelle der

Zeit zu spüren.

So wie es kein Hausgerät gab, schien auch hier keine Uhr nötig zu sein.

Die Nacht war eine einzige große Stunde und der Tag eine einzige große

Stunde, die saß bei der Armut, auf dem leeren gestampften Erdboden,

beharrlich zwischen den vier leeren Wänden der Hütte. Und deshalb war

es gleich, was man in dieser Zeitlosigkeit erlebte.

Und da wir nicht schlafen konnten und einer den anderen sich in seinem

Hüttenwinkel herumwälzen hörte, riefen wir uns zu, daß es vernünftiger

wäre, in der Mondnacht weiterzureiten. Lieber wollten wir am Tage

versuchen, ungeplagt von Rauch und Hühnerflöhen, auf einer weichen

Wiese in frischer Luft zu schlafen und die Nachtruhe nachzuholen.

Die Hirten, die noch nicht ihr Lager aufgesucht hatten, staunten nicht,

als wir im schönen Mondschein weiterreiten wollten. Nur unser Führer,

der eben schlafen gehen wollte, brummte ein wenig.

Wir ritten um Mitternacht von der Hütte fort. Die schöne erfrischende

Nacht machte uns eine Weile munter, aber das Mondlicht schläferte die

Augen bald wieder ein. Und als wir das Steinfeld der untergegangenen

Stadt verlassen hatten und unter Baumschatten an einem Bergabhang

ritten, wußte ich bald nicht mehr, wie ich meine Augen vor Müdigkeit

offen halten sollte.

Der Mond schien den Schlaf durch die Baumblätter zu schicken. Die

weißen Milchflecken des Mondlichtes am Weg, durch die wir ritten, waren

wie ein über uns ausgegossener Schlaftrunk. Und der Schlaf duftete

aus den Büschen und sank aus den ruhenden Bäumen herab auf uns, und

zeitweise fürchtete ich, vom Pferde zu fallen, denn der wiegende Gang

des Tieres erhöhte die Schlaflust.

Wir hörten aus einer Schlucht herauf, an der wir entlang ritten, ein

ununterbrochenes Rauschen. Ich wußte nicht, kam das Geräusch von einem

Wasser oder vom Wind im Laub. Es war da im Finstern ein Lärm in einem

Tal, der ununterbrochen neben uns lebte. Der Weg senkte sich mehr und

mehr, und bald sah ich durch die Zweige ein breites Bachbett; das

andere Ufer lag in Finsternis, unbeleuchtet vom Mond.

Das Wasser vor mir schien endlos breit zu sein. Das schnelle Wasser

sprang über Felsenblöcke und zeigte viele buckelige Strudel, die im

Mondlicht silberschäumend kreiselten.

Die Luft wurde immer frischer und feuchter, und dann stand mein Pferd

still. Der Weg endete vor dem wilden Wasser. Der Führer, der hinter uns

zurückgeblieben und wahrscheinlich auch im Gehen halb eingeschlafen

war, kam auf mein Rufen herabgerannt und sagte, daß wir das Wasser

durchqueren müßten.

Dann rief er durch die hohlen Hände über das Wasser hinüber:

„~Compatriot!~“ Drüben sah ich bald Feuerschein aufleuchten, als wenn

man die Türe eines im Innern brennenden Hauses öffnete.

„Dort ist eine Mühle,“ erklärte der Führer, „und die Müllerknechte

werden uns hinüberholen.“

Es war nicht gerade behaglich, mitten in der Nacht durch ein

angeschwollenes, unbekanntes Frühlingswasser reiten zu müssen, wenn

man den Weg am Tage noch nie gesehen hatte.

Unsere Rufe waren beantwortet worden, und nachdem sich die Stimmen

eine Weile gegenseitig, über das Wasserbrausen weg, zugeschrieen

hatten, erschienen Männer im Mondschein, bis zu den Hüften mitten im

Wasserschaum stehend, und sie winkten und schrieen von neuem.

Wir ritten vorwärts, den Pferden die Zügel freigebend, da die

Tiere die Furt suchten und behutsam die unter den Schaumstrudeln

liegenden Übergangssteine mit den Hufen fanden. Indessen schrieen die

Müllerknechte, und die Felsen echoten, und die Wasserwirbel johlten und

zischten betäubend. Es war als ritten wir durch einen überkochenden

Hexenkessel.

An den mondhellen Stellen sah ich neben mir die rasende Flut

vorbeischießen. Dann empfingen uns die Müllerknechte bei den tiefsten

Strudeln und stemmten sich gegen die Pferde und schoben diese und uns,

die wir mit hochgezogenen Beinen im Sattel saßen, da das Wasser bis an

den Sattel reichte, durch die nächtige Wasserwildnis.

Drüben empfing uns die vorweltlichste Mühle. Die Mühlenhütte war

niedrig, aus mächtigen Eichenstämmen roh zusammengefügt, und drinnen im

einzigen Raum prasselte ein mächtiges Feuer und brannte lichterloh. Um

die Flammen saßen Männer, die uns zunickten.

Diese Mühle mit dem brüllenden Wasser vor der Tür, am gestampften Boden

das hochwallende prunkvolle Feuer darinnen, das mit ungeheurem Leben

den Raum füllte, die alten verwitterten Müllerknechte, alles zusammen

erinnerte mich mit einem Male an Odysseus Abenteuer bei den Zyklopen.

Die Nacht draußen unter der offenen Tür, mit dem hochgehängten Mond,

mit der johlenden Wasserstimme, schien einer der einäugigen Zyklopen

zu sein, der jeden Augenblick hereinkommen konnte, um am Feuer

niederzusitzen und einen von uns Menschen, die wir hier als Gefährten

des Odysseus Unterkunft nahmen, zu verzehren.

Nachdem wir unsere Kleider an der Feuerwärme getrocknet hatten, war

die Nacht schon am Verschwinden. Und als wir in die Morgendämmerung

hinaustraten, um wieder auf den Pferden aufzusitzen, da war alles

verwandelt und alltäglich. Da war nichts Besonderes ringsum, als

ein mit gurgelndem Hochwasser angeschwollenes Bachbett, ein plumpes

hölzernes Mühlenhaus und stumme schattige Baumgruppen davor, die sich

vom morgengrauen Himmel abhoben.

Der Zyklopenspuk war verschwunden, das Feuer fortgeflogen, und wir

ritten gemächlich auf einer breiteren Straße unter den Bäumen wieder

weiter in die Berghöhen hinauf.

* * * * *

Am Spätnachmittag desselben Tages kamen wir noch nach dem Hafenort

Kalamata am Mittelmeer. Hier waren dunkle Orangengärten am Meerufer,

voll reifer Früchte, reichbeladen wie Apfelbäume im August.

Nach zwei Ruhetagen ritten wir über einen hohen Gebirgspaß, an

Abgründen vorbei, in das düstere und kühle Tal von Sparta. Den

Spartanern war wenig Sonne gegönnt. Ganz nahe der neuen Stadt, die

hauptsächlich aus Kasernen besteht, erhebt sich im Osten und Westen ein

mächtiger Bergwall. Die Sonne kommt spät in das Tal hinunter und geht

am hohen Nachmittag schon zeitig aus dem Tal fort. Sparta liegt dem

heißen Wind von Süden und dem eisigen Wind von Norden offen.

Lachendes Licht und von allen Windrichtungen spielende Lüfte umgeben

das Auge Hellas’: Athen. Aber wie menschenunfreundlich dagegen das

düstere Tal um Sparta.

Die Ritte vorher durch Arkadien und von Kalamata bis Sparta waren mir

wertvoller als die anderen Wege nachher, die wir teils im zweispännigen

Wagen, teils mit der Eisenbahn zurücklegen mußten.

Der Weg durch Arkadien an den Wiesentälern und dem Strahl der

rauschenden Quellen vorbei, und der Aufenthalt bei weltabgeschiedenen

Hirten auf den Berghöhen blieben mir so festlich in Erinnerung wie

einst Jahre vorher die Frühlingstage und Segelfahrten an der Westküste

Schwedens, in Bohuslän, und wie die einsamen Ritte und Wege zu den

Aztekenpyramiden und Vulkantälern Mexikos.

Als wir Arkadien verlassen und später von Sparta einen Wagen

genommen hatten, um die berühmten Ruinen von Thyrinx, Epidaurus und

Mykene zu erreichen, fühlte ich mich wieder den gutbürgerlichen

Menschen zurückgegeben, nachdem wir bisher in Arkadien von den edlen

Armutgöttern der Hirten mit nur Luft und Sonnenschein genährt worden

waren.

Wir wohnten von nun ab wieder in kleinen griechisch-europäischen

Gasthäusern, wanderten in Tripolitza, dem gewerbetreibenden

Provinzstädtchen, durch die lange Gasse der Leinwandhändler, durch

die Gasse der Kupferschmiede, durch die Gasse der Töpfer und durch

die Gasse der Seiler. Jede Gasse war von einem Handwerk bewohnt, und

die Meister jeder Gasse, die da in ihren kleinen offenen Werkstätten

arbeiteten, waren sich gute Nachbarn.

Sie saßen wie eine Gemeinde in ihrer Gasse, und jede Gasse hatte einen

anderen Handwerkergott über sich, für den die Meister und Gesellen in

Ehre und in Zucht arbeiteten, und der ihnen Käufer und tägliches Brot

ins Haus schickte.

Hier lebten die Menschen für die Menschen, wie Würmer bei den

Würmern. Ihre Arbeit adelte sie, ihre Herzen waren gut, aber sie

waren lebensgeängstigter und lebensgeknechteter als die Herzen jener

weltfernen Hirten in Arkadien, die sich mit der Mutter Erde begnügten

ihr Leben lang und der Erde nichts gaben und ihr nichts nahmen als den

menschlichen Herzschlag vom ersten Lebenstag bis zum letzten.

In bedürfnisloser Seligkeit waren die Hirten Arkadiens freie Männer

in ihrer Armut, während die Handwerker in Tripolitza, die mit einem

Auge nach den Käufern spähen mußten und die nur mit dem anderen bei

der Arbeit blieben, in ihren Gassen nur mit halbem Herzschlag, nur mit

halber Ruhe an der Erde saßen.

Mein Herz sehnte sich bald nach der feierlichen Armutsstille, nach

der sorglosen Bedürfnislosigkeit Arkadiens zurück. Aber dann wurde es

von großen Ruinen getröstet, die es auf der Weiterreise mit alter

festlicher Vergangenheit unterhielten.

Bei dem Städtchen Nauplia, in dessen Nähe einst die alte Burg von

Thyrinx gelegen, bestiegen wir die Reste der grimmigen Feste, deren

Mauern aus so ungeheuren Felsblöcken gebildet sind, daß man heute noch

nicht versteht, wie jene Zyklopenmauern haben entstehen können. Hier

waren keine Säulen, keine schönbehauenen Bildwerke. Hier war nur die

irdische Kraft, der Männer Trotz und der Männer Stärke vergangener

Zeiten zu bewundern.

Und auch in Mykene, wo noch das Löwentor an der Burg des Agamemnon

steht und die Grundmauern der Säle und Kammern auf leichter Anhöhe

bei einer sonnigen sandigen Ebene lagen, war Trotz und Kraft in den

Steinmauern, die von unendlichem Machtbewußtsein der Menschen sprachen,

die zu allen Tagen sich untereinander das Leben abtrotzen mußten, und

die sich immer leichter gegen die Elemente und gegen wilde Tiere wehren

konnten als gegen das Raubtier Mensch.

Von Nauplia ritten wir in zwei Tagereisen nach Epidaurus hin und

zurück. In einem lieblichen Hügelwinkel lagen noch die schönen weißen

marmornen Mauern der Hallen und Säulengänge und die Badebecken des

alten Heil- und Badeortes der Griechen. Der Gott der Ärzte, der Gott

Äskulap, hatte hier seinen Weiheort, wo einst warme Quellen die Kranken

Griechenlands herbeilockten.

Der kleine Bergwinkel war mit weißem Marmor bepflastert. Die Ruinen

leuchteten, wie aus Schnee gebildet, unter dem jungen Grün vieler

Bäume, die den Ruinenplatz umgaben.

Da waren noch die Wandelgänge für die Genesenden; die Säulen waren zwar

umgestürzt, aber die Pflasterplatten noch gut erhalten. In den Nischen

standen noch die marmornen Halbrundbänke, auf denen die Kranken geruht

haben. Und jeder Bank gegenüber stand ein mächtiger Marmorsockel,

darauf sich einst eine Bildergruppe aus Marmor befunden hat, deren

Anblick die Sterbenden und die Genesenden erquicken konnte.

Immer gingen in diesem Lande die Künstler als oberste Herren allen

Lebensbetätigungen zur Seite. Dem Menschen, der in Delphi seelische

Erhebung gesucht hatte und Heilung von seinen Sorgen, waren die

Kunstwerke dort am Wege vom Meer zur Parnaßhöhe, so wie die Kunstwerke

hier in Epidaurus, wo die Körperkranken am warmen Erdenatem Linderung

der Körperschmerzen suchten, Tröster und Beglücker des Menschenherzens

gewesen.

Die Festlichkeit, die jedes Künstlerherz angeboren mit auf die Welt

bringt, umgab feierlich nicht bloß Athen, die Hauptstadt des Geistes,

sondern auch die nationalen Wallfahrtsorte Griechenlands, Delphi,

Olympia und Epidaurus.

In den Bäderanlagen in Epidaurus waren noch die Röhrenleitungen und

auch die großen gemauerten Wasserbecken sichtbar und gut erhalten, in

denen viele Kranke zugleich hatten baden können. Es standen da noch

Steine mit Inschriften, sowie Altäre.

Aus Fürsorglichkeit für die Kranken waren da keine Treppenstufen

bei den Tempeleingängen angebracht. Damit die Bahrenträger die

Schwerkranken, ohne sie zu stoßen, auf ihren Betten in den Tempel

bringen konnten, waren, statt der sonst üblichen vier, fünf

Tempelstufen, schräg gelegte Steinplatten aus Marmor da, die sanft zur

Höhe der Tempeleingänge anstiegen.

Unter einigen Bäumen nahe der Anlage befand sich noch das herrliche,

besterhaltenste Theater Griechenlands, dessen Sitzreihen, kühl und

vor der Sonne geschützt, hier im Bergwinkel in lauschigem grünen

Hügelversteck zu beträchtlicher Höhe anstiegen.

Dieses Theater sah wie neu aus, als hätten die Zuschauer gestern

erst ihre Plätze nach einer Vorstellung verlassen. Und doch weilten

zweitausend Jahre hier im Halbrund bei mir, als ich dort auf den

Marmorstufen saß. Diese Sitzreihen hatten viele Menschengeschlechter

in der Ferne vorüberwandern fühlen, seit das letzte Wort von dem Altar

gesprochen wurde, der da unten, festlich gebildet von Künstlerhand, in

der Mitte der marmornen Bühne stand.

Wo ist das Gebäude, dachte ich, das Theater, in Berlin, in London, in

Petersburg, in Paris, in Neuyork, das nach zweitausend Jahren noch

wie neu wirken würde? Das so edel, einfach und erhaben in seiner

Einteilung, in der Vereinigung von Zuschauerwelt und Darstellerwelt

ist, daß es noch ein Vorbild sein kann künftigen Theatern?

Mein Reisegefährte sprach unten auf dem Steinplatz der Bühne bei dem

Altar einige Sätze, und ich verstand oben auf der fernsten Sitzreihe

in dem muschelförmigen Halbrund auch das schwach geflüsterte Wort.

Ich glaube, daß die Einheit des angewendeten Materials im griechischen

Theaterrund -- denn es ist zum Bau nur Stein verwendet worden --

den Klang melodisch und ungestört zu einem einzigen Hall für das

Menschenohr sammelt. Auch der einheitliche Holzbau in chinesischen und

japanischen Theatern fördert den Schall, der nicht zerstückelt und

zerstört klingt. Während unsere Theater, die eine Zusammensetzung aus

Eisen, Holz, Stein, Kalkbewurf bilden, den Schall, der von der Bühne

kommt, nicht einheitlich weiterschwingen können.

Ich glaube, daß diese Einheit des Materials wichtiger ist als alle

akustischen Berechnungen. Man stelle sich vor, daß wir uns eine

Ohrmuschel zusammensetzen würden aus Steinchen, Eisenteilen, Ton und

Holzstückchen. Wie unmöglich würde der Klang in diesem Ohr einheitlich

gefaßt werden können!

Als ein großes Ohr ist aber der muschelartige Zuschauerraum jedes

griechischen Theaters gedacht, dessen Halbrundform ganz unerläßlich

ist unter freiem Himmel, wo die Geräusche der Bäume, der Winde und

des Naturlebens das Bühnengespräch noch besonders beim Auffangen des

Schalls stören können. Unsere menschliche Ohrmuschel aber ist auch

nichts anderes als ein amphitheaterartiges Halbrund aus einheitlichem

Material, das vom Lebensdrama den Schall aufnimmt.

An dieses mußte ich immer denken, so oft ich in Griechenland, in

Delphi, in Olympia, in Epidaurus und in Athen eines der großen alten

Theater besuchte und mich die gute Schallverteilung in dem weiten

steinernen Halbrund unter offenem Himmel immer wieder zum Staunen

brachte und zum Vergleichen aufforderte mit heutigen europäischen

Theatern. --

Wir ritten von den Bäderanlagen noch einige Stunden weiter fort in

ein Fischerdorf am Meer, wo wir übernachteten. Als wir gegen Abend

in den Ort kamen, hing an einigen Türpfosten an einem Nagel ein

frischgeschlachtetes Lamm. In der Hauptgasse an mancher Tür stand

der ländliche Hausherr bei seinem Osterlamm. Es war Karfreitag, und

der Lammbraten für das Osterfest wurde überall vorbereitet, und die

Familie, die Kinder und die Frauen, stand andächtig und spielend und

plaudernd um den Vater, der das geschlachtete Tier abhäutete.

Unser Reiseführer, der neben den Pferden herlief, erklärte uns, daß

die Landleute hier nur einmal im Jahr Fleisch zu sehen bekämen, zum

Osterfest. Man kann sich leicht die Erwartung vorstellen, mit der die

Augen der Familienmitglieder das geschlachtete Lamm am Türpfosten

betrachteten.

In Einfachheit lebten die Menschen hier friedlich, und die unbewußte

Bedürfnislosigkeit machte ihre Gebärden schlicht und frei von Begierde.

Das Meer vor der Türe speiste sie täglich, ebenso der Feigenbaum und

das kleine Kornfeld hinter dem Haus.

Außer einigen Holzhockern fand sich fast kein Hausrat bei den meisten

Leuten. Der Herdstein am gestampften Fußboden in einer Zimmerecke gab

dem Haus das natürlichste Gerät. Ruhe und Wärme kamen von diesem edlen

Stein, der in schlichter Nützlichkeit nur eine Aschenhöhlung zeigte,

und der seit Homers Zeiten keine andere Form angenommen hatte.

Wie in den japanischen leeren Zimmern, wo nur eine Blumenvase in einem

Winkel oder ein Bild der einzige Schmuck sind und nirgends ein Gerät

zu finden ist, so war es hier bei den griechischen Landleuten. Eine

wohltuende Leere herrschte in den Häusern. Der Sinn der Frauen richtete

sich nur auf das Notwendigste, ebenso der Sinn der Männer. Und ihr

Auftreten und ihre Rede blieben in dieser Bedürfnislosigkeit würdevoll

und einheitlich.

Und diese Griechen im Peloponnes gingen auch, von alter Vergangenheit

geadelt, so würdevoll frei und gesittet aufrecht, köstlich harmonisch

im Geist und im Herzen, viel edler als das Landvolk in Italien,

das erhitzter, begierdevoller und unklarer hinlebt. Unendliche

unvergängliche Hoheit sprach aus der Haltung der griechischen

Landleute, die ich da am Wege und auf den Türschwellen bei einsamen

Bauernhäusern antraf.

Nur einmal fand ich im Gebirge flüchtige Unbescheidenheit, das

war auf dem Wege nach Kalamata. Es war in früher Morgendämmerung,

nachdem wir die Mühle verlassen hatten, hoch im Gebirge, als wir auf

eine Hirtengesellschaft stießen. Mehrere Hirten hausten dort mit

ihren Weibern und Kindern in Zelten. Es war noch grauer Morgen vor

Sonnenaufgang, als wir, nach einem mühevollen Aufstieg, auf einem öden

Geröllplatz jenen Menschen begegneten. Wir hätten gern ein wenig Milch

getrunken und beauftragten unseren Führer, bei den Hirten zu fragen, ob

sie uns Milch verkaufen wollten.

Es war aber noch nicht gemolken worden, da die Herde noch abseits

zerstreut im Gestein schlief. Unser plötzliches Erscheinen machte

die Hirten starr. Daß wir vor Sonnenaufgang erschienen, das hat die

dürftigen Leute so verwundert, daß sie zum mindesten glaubten, der

König von Griechenland wäre mit seinem Gefolge unterwegs. Sie redeten

uns mit „Fürst“ und „Prinz“ an, und sie glaubten dabei, es würde über

ihre Zelte Gold regnen.

Sie forderten für eine kleine Schale Milch, die sie endlich

herbeibrachten, Gold und Gold und wieder Gold. Schließlich mußten wir

die Leute durch den Führer zurechtweisen und ihnen Vernunft zureden

lassen. Sie meinten aber, wenn man aus Athen käme, müsse man vom König

kommen, und der König sei Besitzer von goldenen Schlössern, und wohin

der König gehe oder ein Königlicher, müsse er auch Gold mitbringen.

Und die Frauen der Hirten, die nur ihre Köpfe aus den Zeltfalten

heraussteckten, und die Kinder, die unter dem Zeltsaum

herauskrabbelten, alle begehrten Gold für den Napf Milch. Ich glaube

heute, da sie eben aus dem Schlaf aufgewacht, waren sie noch nicht ganz

von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit zurückgekehrt.

Denn so lange diese Einsamen lebten, ist sicher noch nie jemand vor

Sonnenaufgang, wie aus der Erde gewachsen, vor ihrem Zelte erschienen,

geradenwegs aus Athen kommend. Sie begnügten sich jedoch endlich mit

einigen Frankenstücken, die sie gern annahmen, wobei sie immer noch das

Wort „Gold“ murmelten und sich zurückgesetzt fühlten, weil von dem vom

Himmel gefallenen Morgenbesuch nur Silber und kein Gold kam.

Aber dann, als wir weiter ritten, und je weiter wir uns von ihnen

entfernten, desto fröhlicher dankten sie uns, und ehe wir ganz

verschwanden, riefen sie uns lange Danksprüche nach. So kindlich

handelten diese Leute, wenn in ihnen unerwartet Begierden erweckt

wurden, denen ihr Herz nicht gewachsen war, und die eigentlich nicht

ernst gemeint waren. Denn nur ihre Träume schrieen nach Gold.

Wir Fremde aber sind für diese weltfremden Hirten keine richtigen

Fremden aus dem königlichen Athen gewesen, da wir nicht königliches

Gold auf unsere Wege regnen ließen. Jene Hirten wollten ihre Träume

erleben.

Es war nur dieses eine Mal hoch im Gebirge, daß wir dem ausgesprochenen

Goldverlangen begegneten. Gewöhnlich waren die Anforderungen

zufriedengestellt bei landesüblicher Preiseinhaltung.

Noch heute sehe ich gern im Geist die einfachen ländlichen

Häuslichkeiten, in die wir in Griechenland am Wege kurze Einblicke

bekamen.

Bei Epidaurus saß an einer Landstraße auf der Hausschwelle eine Frau,

die von einer mit Hanf umwickelten Kunkel, die sie auf ihre eine Hüfte

stützte, den Garnfaden drehte. Auf einer Böschung seitlich vom Hause,

unter einem großen Platanenbaum, stand aufrecht eine andere Frau; sie

hielt auch eine Kunkel im Arm und arbeitete wie die erste.

Und am Rande eines großen steinernen Brunnentroges, aus dem unsere

Pferde getränkt wurden und in den das Wasser aus dem Felsen sickerte,

saß eine dritte Frau und hielt gleichfalls eine hanfumwickelte Kunkel

und arbeitete. Über den drei Frauen stand der Frühlingshimmel, und

der Frühlingssonnenschein machte den Himmel hinter dem Haus und durch

die Blätter des Platanenbaumes leuchten, als wäre dort ein gläsernes

Fenster, das ins Weltall hinaussah.

Von dem hellen Weltraum draußen kam seligste Einfachheit, weise

Lebensfreude, Lebensernst und Lebensruhe; und nicht das Licht allein,

sondern diese dreifache Seligkeit beschien und bewachte die drei

stillen, ihre Hanffäden drehenden Frauen.

Da war keine Hast, keine Unruhe, kein wild erwartetes Morgen, keine

sinnlose Eile um den Brunnen, um den Platanenbaum und um das Haus.

Und solche, von unbewußter Menschenweisheit geschmückte, natürlich

festliche Landschaftsbilder, fand ich viele auf jener Reise durch den

Peloponnes. Sie erquickten den Wandernden mehr als ein erfrischender

Schluck Wasser aus der klarsten Quelle.

Wo die Quellen des Weltalls ungestört, fern von gepeitschter Lebensjagd

und frei von sinnlosen Bedürfnissen, friedlich rinnen dürfen, dort ist

immer für das künstlerische Herz das Weltallfest vollkommen. Denn der

Künstler trägt in sich das ursprünglichste Herz und sehnt sich nach

harmonischer Ursprünglichkeit auf allen Lebenswegen.

Während ich reitend, von meinem Bergpferdchen herab, solche Bilder, die

in Weltallruhe eingerahmt waren, in mich aufnahm, wurde mir zugleich

die Sehnsucht nach der Heimat und nicht nach der Fremde von solchen

Blicken gestärkt. Ich sah mit Neid, wie die einfachen Landleute alle,

ebenso wie die Handwerksleute der Städte, an ihrem Stück Erde hingen,

und mit Frieden an der ihnen angeborenen Erdscholle ihr Stück Brot aßen

und ihre Hände still bei der Arbeit rührten.

Je mehr ich Einblick bekam in die fremden Häuslichkeiten am fremden

Wege, desto mehr wurde in mir der Glaube bestärkt, daß auch mir als

Künstler nur die Heimat fortgesetzt Frieden und Kraft geben konnte.

Ich erinnerte mich daran, daß ich auch auf den fränkischen Landstraßen

und auch bei den bayrischen Bergen und Seen und auf deutscher

Heimaterde überall dieselbe edle Einfachheit der Sitten, dieselbe

Arbeitsvertiefung beim Volk, dieselbe Schlichtheit der Gebärden, die

Helligkeit alter vergangener Gebräuche und auch edle Bedürfnislosigkeit

finden könnte.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 19 / 22 段