Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blühte.
Auf den Wegen erzählten die wochenjungen Anemonen von den Augen der
jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von
allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach
Olympia gezogen waren.
Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit.
Und der Himmel, unter dem sich die Blumen für ein kurzes Hochzeitsfest
erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest
zugleich ist, bestätigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der
Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antönend,
vorübergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume
am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend,
wenn es sich gerufen fühlt.
So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter
schönen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweißen stattlichen
Birkenstämmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevölkert
waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. Überall kamen unserem
Geist die Geister fröhlich wandernder Griechen aus der Vergangenheit
entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll
seelenbevölkert.
Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorüber.
Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem
kleinen haushohen Hügel in weitem Bogen und freiem Sprung von grüner
Höhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser köstliche Wasserstrahl
kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es
würde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den
Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben hätten
und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frühlingsblau
vorübergezogen wären.
Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen
weißgekalkten Bauernhäuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und
patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter
Landmann, verbeugte sich unter der Tür. Er konnte uns kein Mahl bieten,
auch nicht für Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und
getrockneten Feigen.
Ein Gläschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir
kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und
kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saßen vor
dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln
am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen,
das wir bei uns hatten.
Denn die kräuterduftende Luft hier, die Luft aus den grünen Bäumen und
die Luft aus der kühlen Frühlingserde und aus dem kühlen Frühlingsgras
erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete,
kam sich frisch genährt vor. Diese Luft ließ im Magen keinen Hunger
aufkommen.
Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals
habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen müssen. Und am Abend
jener Tage war ich nicht müde. Es war, als würden wir hier vom Himmel
unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genährt.
Einmal ließen wir uns abends in einer Hirtenhütte, wo wir die Pferde
eingestellt hatten und wo wir übernachten sollten, ein Huhn auftischen.
Der Hirte briet es uns am Spieß über einem kleinen offenen Feuer, das
auf einem Stein am gestampften Erdfußboden brannte. An dem mageren
Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenröhren und am Feuer
gedörrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen
schon übersatt. Es war, als nährte einen schon der Geruch des Feuers,
der an dem dürren Huhn haftete.
Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata
kein europäisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein
Bergnest, das an einem abschüssigen Gebirgshang mühsam von unseren
Pferden erklettert wurde. In der Abenddämmerung, als schon die Sonne
untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstädtchen,
zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hieß Andritzina.
Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Höhe, bei
einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen können. Und wie wir
noch dort vor der Haustüre auf- und abstampften, um die im unbequemen
Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter,
ein düsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener
einsamen Haustüre ab.
Während er mit dem Hausherrn, der unter der Türe erschien, mit
griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht
verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand
den Sattel seines Pferdes rückte, daß ihm an dieser Hand neben dem
kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.
Die Sonne war eben im trüben Bergdunst untergegangen. Der
schwarzbärtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht
verstand, die düstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere
totstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf
unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Räubereien,
wo man europäische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst,
nachdem man großes Lösegeld gefordert, freigelassen hatte.
Ich trieb unseren Führer zur Eile an, da es mir unangenehm schien, wenn
jener Mensch mit dem seltsamen sechsten Finger an der rechten Hand uns
wie ein Spuk im heranbrechenden Abend folgen würde. Ich sagte meine
Befürchtungen, als wir weiter geritten waren, meinem Reisegefährten,
der sich gewundert hatte, daß ich mein Pferd so eilig anspornte. Und
wir trieben dann unsere beiden Pferde lebhaft vorwärts, so daß wir den
Führer weit hinter uns ließen.
Wir hörten bald auch schon die klappernden Hufe des fremden Reiters,
der uns folgte, auf den Steinen des ausgetrockneten Bachbettes, das wir
in der Abenddämmerung eben durchquert hatten. Da es nur einen Weg nach
Andritzina gab, konnten wir das Reiseziel nicht verfehlen. Immer aber,
wenn ich mich umsah, bemerkte ich zwei, drei Reiter mehr, die über den
kahlen Anhöhen im Halbdunkel aufgetaucht waren, und die zuletzt in
einiger Entfernung hinter uns einen kleinen Trupp von acht bis zehn
Reitern bildeten.
Mein Herz sagte einfach: „Das sind nur Reisende wie wir auch;
Handelsleute, heimkehrend von irgendeinem weitentfernten griechischen
Marktflecken.“
Aber ich sah unseren Führer nicht mehr. Er schien spurlos verschwunden
zu sein. Bisher war er den ganzen Tag neben unseren Pferden mit seinem
kleinen, gewandten Bedientenschritt hergegangen.
Nun wurde auch mein Reisegefährte, er, der vorher keine Angst hatte,
von meinen Räubervorstellungen angesteckt. Es war zu verlockend, sich
auf diesen düsteren, abgeholzten, menschenleeren Höhen, auf welchen
selten ein verkümmerter Baum, ein Busch oder eine Agavenpflanze im
Abenddunkel stand, Räubergeschichten hinzudenken.
Wir hörten immer in einiger Entfernung hinter uns die Steine klappern
und die Reiter, die die Pferde antrieben, schnalzten mit der Zunge.
Sonst war in der Weltverlorenheit des dunstigen toten Abends auf
diesen kahlen Berghöhen kein Laut zu hören, keine Abendglocke, kein
heimziehendes Gefährt. Von Fabriken oder Eisenbahnen war hier natürlich
keine Spur.
Der vorsichtige Verstand, der Hausherr meines Körpers, erzählte mir
immer lebhafter, was er über das heutige Räuberwesen Griechenlands in
den Zeitungen gelesen hatte.
Mein Reisegefährte konnte unseren Führer ebenfalls nicht mehr
entdecken, und sein Verschwinden gab uns die Versicherung, daß er
wahrscheinlich an jenem letzten Berghaus absichtlich zurückgeblieben
war. Es war mir nun klar: der Führer hatte in Olympia räuberische
Landsleute von unserem Vorhaben, durch den Peloponnes reiten zu wollen,
benachrichtigt. Meistens wird dieser Ritt nur von großen Gesellschaften
ausgeführt und selten von einzelnen fremden Reisenden.
Die Räuber hatten wahrscheinlich verabredet, wenn der Abend des ersten
Tages hereinbräche, uns einzuholen und abzufangen, um ein Lösegeld
zu erpressen. Deshalb war unser Führer, der Hoteldiener, bereits
zurückgeblieben, um, im Falle die Sache mißglücken würde, nicht Zeuge
der räuberischen Schandtaten gewesen zu sein.
Also faselte mein Verstand ganz ernstlich, indessen mein Herz, das
durch sein Gefühl immer allwissend, immer ruhig und gleichmütig war,
beschwichtigend vor sich hinmurmelte: „Die friedlichen Handelsleute tun
euch nichts. Achte doch auf den wunderbaren sanften dunkelnden Abend,
an dem alle Hast der Welt eingeschlafen scheint. Nie mehr wirst du hier
in Arkadien reiten. Nur selten kommt man zu einem so schönen Abendritt.
Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des
Führers neben den Pferden her. Du fürchtest, ihr könntet von rückwärts
von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft
der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird
dich einfangen können, weil dich die Liebe begleitet.“
„Schweig,“ befahl der Verstand dem Herzen. „In einem wildfremden Land,
und in einem Land wie diesem, ist es gefährlich, im Abend zu träumen.
Im Dunkel soll man Augen und Ohren doppelt offen haben.“
Unsere armen Pferde aber wußten nicht, ob sie hinstürzen oder fortjagen
sollten, weil wir sie so unmäßig antrieben. Hinter uns wurden die Wege
immer dunkler. Nur auf der Höhe, auf der die Pferde auf gewundenen
Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber
noch nicht sahen, war noch mattes Dämmerlicht. Es war noch so hell, daß
ich meinen Reisegefährten neben mir und die Straße vor mir erkennen
konnte. Bergabwärts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in
Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.
Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwänden stehenden fernen
Hütten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwärts, und bei den
ersten Fenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, daß wir
noch nicht gefangen genommen waren. Denn jetzt war es für die Räuber zu
einem Überfall zu spät, da in diesem Ort, das wußten wir, sogar eine
Telegraphenstation war. Also würden wohl auch Gemeindevorsteher und
andere anständige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.
Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen
Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffällig
aufzugeben, damit man wissen sollte, daß wir dort erwartet würden,
und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen
Herbergen verschwinden lassen könnte.
In der späten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen
Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf
dem armseligen Telegraphenamt ab.
Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde
der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Führers
an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit
aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr
hatten erkennen können.
Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklärte immer
gesetzt und altklug: „Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes
beendet haben, sollst du mich nicht verlachen.“ --
In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten übernachteten wir.
Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und düsteren Hauses.
Durch die breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die
unteren Räume hinunter auf die Köpfe der Griechen sehen, die dort bei
einer Kerze zusammensaßen.
Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns
hatten, und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir
ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht
gleich gewöhnen konnten.
Die Weinkrüge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt
wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengroß, aus
rötlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur
Hälfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise öfters solche
Krüge in den Hausgängen der Bauernhäuser in einer Ecke lehnen, und
diese geheiligten altväterlichen Krüge schienen jedes neuzeitliche
Bauernhäuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.
Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der
Herberge im kalten Abend angezündet worden war, schickte uns beißenden
Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen
suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Müdigkeit und Rauch
betäubt, einschliefen.
Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung
als in der Folge gefährlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken
auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter
Volksstämmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen
waren.
Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen
und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend
Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten
mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte
mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so daß ich einige Stunden
geglaubt hatte, ich würde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen
Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre
verbringen wollen.
Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddüsterheit, seit der Mann mit
den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden
unter mir hier von Räubervorstellungen, die ich auch in den nächsten
Tagen nicht mehr ganz überwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir
das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah
ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie
unmöglich war es dann erst für eine europäische Frau, für meine Frau,
mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt
zu führen.
Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die
Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt.
Und ich sagte mir vom nächsten Morgen an: ich will jetzt als
Vergnügungsreisender, wie mein Reisegefährte es ist, sorgenfrei über
die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft
denken. Ich werde bei meiner Rückkunft nach Athen, vielleicht in der
Nähe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghaus finden,
wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.
Von diesem Entschluß an war es mir, als legte ich ein schweres Gepäck
ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten
fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien
bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen
betrachten müssen.
* * * * *
Am nächsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war
ich dem Räuberabenteuer dankbar, daß es mich wenigstens in Gedanken
auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte.
Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich fröhlich in die taufrische
Frühhelle.
Das alte verwitterte Bergstädtchen lag rosig verklärt auf seiner
wagehalsigen Höhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte
alltägliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen könnten, wenn
sie die goldglänzenden Scheiben ihrer Hütten über den Bergabhängen
öffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und fröhlich, schienen
diese Menschen auf dieser Berghöhe zu sein, so wie es die Vögel immer
im Vergleich zu erdgebundenen vierfüßigen Tieren sind.
Ferne Bergspitzen gen Süden hin, drüben über den lilablauen Abgründen
des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser
Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.
Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit
unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten,
so merkten wir doch noch nicht, daß uns irgend etwas fehlte. Mein
Reisegefährte hatte sich vom Führer einen Kranz getrockneter Feigen
kaufen lassen, und diesen hängte er über den Arm. So zum Morgenimbiß
Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bäume wurden
immer spärlicher, und die Steinblöcke wuchsen immer reicher in die Luft.
Wir hatten jetzt außer dem Hotelführer noch einen jungen griechischen
Hirten als Führer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand
-- an welchen oben eine Muschel geschnitzt war -- vor unseren Pferden
aufrecht und wegkundig einherschritt und uns über die Bergpässe führte.
Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedelung war auf viele Meilen zu
finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen
Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weißen marmornen Löwenkopf
sprudelte, zwei Hirten bei großen Hammelherden. Diese arkadischen
Hirten hatten keine andere Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die
sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine umbunden trugen.
Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflöten in der
Hand, und sie verwunderten sich so wenig über unser Erscheinen,
so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, für die sie ihre
Flöten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende
Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft,
der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natürlichfestlichen
Weltallzusammenleben getrennt haben.
Der Mensch der Städte, der da, nur mit seinesgleichen beschäftigt,
auch nur seinesgleichen als lebenswürdig betrachtet, hat diese Geste
verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten
mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und
unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer
des Weltallgebäudes nennen könnten, die mit mehr Welt leben als jeder
Städter, brachte kein Überraschtsein, keine Verwunderung hervor.
Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle
Platz, und sie setzten sich, einen Gruß murmelnd, ein wenig weiter fort
in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.
Nach einer Weile, während wir den alten tausendjährigen Löwenkopf
an der schön umfaßten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser
erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten,
spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hörten nur noch die
Hammelherde über eine ferne Geröllböschung fortziehen, deren Steine
unter den vielen Füßen rasselten.
Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen
Höhe eine einsame prächtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von
Bassä genannt. In der Nähe des Tempels ragte hier und da ein uralter
Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne Äste, und
sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung
war, den Eichenhain um das Heiligtum.
Hier mag auch am Steinboden einst Rasen und Erde gewesen sein,
aber die Stürme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde
reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und
wie ein zerbrochenes Knochengerüst stand die Tempelruine, von der Sonne
silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshöhe.
Die Säulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung
und stolz in ihren Linien. Hinter den Säulen aber, im Tempel, lag ein
wüstes Durcheinander von kantigen und brüchigen Blöcken, die einst der
Giebel und die Dachplatten gewesen sind.
Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mächtige Fernsicht
gegen Süden bis zu den letzten Ausläufern des Peloponnes und bis
zum Mittelmeer hin. Da drunten in mächtigen Tälern, wo üppige
Pappelgruppen, Platanenwälder und Wiesenflächen mit blaudunklem
Grün und goldgelbem Grün wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner
Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, über dem
weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den
laubreichen Tälern.
Über einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten
nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflöte. Die Morgenluft
brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stücke einer lieblichen
weltvergessenen Melodie noch lange über die Höhe nach.
* * * * *
Von nun an änderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern
der Weg. Wir verließen die Kahlheit und kamen in erdreicheres,
belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhängen, hinter
üppigen, gelbblühenden Ginsterbüschen, der neugierige Kopf eines
langbärtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrün über die Büsche
hinaufschnupperte. Es war, als sähe uns ein behaarter Faun mit spitzen
Ohren und schlauem Auge, halb von den Büschen verdeckt, an. Dann
verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben
Ginsterblüten.
Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gestützt
am Wege oder eine Hütte. Und beide, Haus und Mensch, standen
totenstill. Nur ihr fortrückender Schatten lag neben ihnen am Wege in
der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.
Der Tempel von Bassä ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia
und Kalamata den Landschaftsweg schmückt. Auch die alten Stadtmauern
von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht
denselben entzückenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer
kahlen silbrigen Gebirgshöhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von
Bassä.
Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhütte, die auf dem
Trümmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kümmerlichen Ölbäumen
stand. Hier sollten wir übernachten. Hier war es, wo man uns das
dürftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste
warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.
Die Hütte bestand aus zwei höhlenartigen Räumen. In dem einen Raum
kauerte die Hirtenfamilie in der Nähe des Feuers. Nur ein Stein am
Fußboden war der einfache Herd. Der Rauch zog zum Fensterloch oder zum
Türloch ins Freie.
In dem hinteren fensterlosen Raum wurden uns zum Schlafen Pferdedecken
auf den gestampften Erdboden gelegt. An einem Holzspan, der zwischen
die Mauersteine gesteckt war, hing ein ölgefülltes Eisennäpfchen.
Darinnen brannte mit dünnem Rauchflämmchen ein Docht. In den Winkeln
standen ein paar alte Ziegenkrippen und einige Futtersäcke.
Die Einfachheit gefiel mir außerordentlich. Der harte gestampfte
Fußboden unter den Pferdedecken war zwar für die vom Ritt müden Glieder
nicht verlockend. Doch lag eine Weihe, ein göttlicher Armuternst in dem
Häuschen, in dem es keinen Tisch, keinen Stuhl und kein Gerät gab.
Der armen Hirtenfamilie war die Mutter Erde im wahrsten Sinne Mutter
vom Geburtstage an bis zum Sterbetage. Die Leute hockten bei der Erde,
sie aßen bei der Erde, sie kochten bei der Erde und schliefen bei der
Erde. In einem Haus, in dem man nichts besaß als das Leben und die
Erde, hatte ich bisher noch nie übernachtet.
Es war Friede und leises Plaudern am Abend bei den Leuten, die da im
Herdrauch auf ihrer Türschwelle hockten und unserem Führer zuhörten.
Von der toten Stadt, die draußen rund um die Hütte lag, stand keine
Säule mehr aufrecht, stand keine Mauer mehr, und die tausendjährige
Sonnenhitze und die kalten Nachtfröste hatten die Stadtreste längst
wie mit Hämmern zu Steingeröll zermürbt. Hier und da ragte am Rand
eines Steinfeldes ein kümmerlicher Baum auf, oder es lag da eine andere
Hirtenhütte ebenso arm wie die, welche uns aufgenommen hatte.
Ich habe den Namen jener staubgewordenen Stadt vergessen und will nicht
in Büchern nachschlagen. Ich will nur das, was noch von dieser Reise in
meiner Erinnerung lebend haftet, wiedergeben und nicht mehr.
Die Pferdedecken, in die wir uns nachts zum Schlafen eingewickelt
hatten, kratzten uns. Und auch die Erdmutter, die wir immer mit unseren
Stiefelabsätzen getreten hatten, wollte uns auf dem Fußboden nicht so
ruhig schlafen lassen wie die Hirten, die die Erde zeitlebens barfuß
mit weichem Schritt gestreichelt hatten. Es war mir beim Liegen auf dem
Fußboden, als teile die Erde meinen vom Ritt müden Knochen harte Püffe
aus.
Vorher waren in diesem Raum die Hühner eingesperrt gewesen, und die
zurückgebliebenen Hühnerflöhe machten sich nun mit blutdürstigem
Vergnügen über uns Fremdlinge her.