Ich ritt hier nicht im April im Jahr 1897. Ich ritt hier im April eines

Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blühte.

Auf den Wegen erzählten die wochenjungen Anemonen von den Augen der

jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von

allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach

Olympia gezogen waren.

Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit.

Und der Himmel, unter dem sich die Blumen für ein kurzes Hochzeitsfest

erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest

zugleich ist, bestätigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der

Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antönend,

vorübergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume

am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend,

wenn es sich gerufen fühlt.

So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter

schönen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweißen stattlichen

Birkenstämmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevölkert

waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. Überall kamen unserem

Geist die Geister fröhlich wandernder Griechen aus der Vergangenheit

entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll

seelenbevölkert.

Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorüber.

Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem

kleinen haushohen Hügel in weitem Bogen und freiem Sprung von grüner

Höhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser köstliche Wasserstrahl

kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es

würde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den

Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben hätten

und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frühlingsblau

vorübergezogen wären.

Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen

weißgekalkten Bauernhäuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und

patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter

Landmann, verbeugte sich unter der Tür. Er konnte uns kein Mahl bieten,

auch nicht für Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und

getrockneten Feigen.

Ein Gläschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir

kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und

kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saßen vor

dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln

am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen,

das wir bei uns hatten.

Denn die kräuterduftende Luft hier, die Luft aus den grünen Bäumen und

die Luft aus der kühlen Frühlingserde und aus dem kühlen Frühlingsgras

erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete,

kam sich frisch genährt vor. Diese Luft ließ im Magen keinen Hunger

aufkommen.

Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals

habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen müssen. Und am Abend

jener Tage war ich nicht müde. Es war, als würden wir hier vom Himmel

unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genährt.

Einmal ließen wir uns abends in einer Hirtenhütte, wo wir die Pferde

eingestellt hatten und wo wir übernachten sollten, ein Huhn auftischen.

Der Hirte briet es uns am Spieß über einem kleinen offenen Feuer, das

auf einem Stein am gestampften Erdfußboden brannte. An dem mageren

Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenröhren und am Feuer

gedörrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen

schon übersatt. Es war, als nährte einen schon der Geruch des Feuers,

der an dem dürren Huhn haftete.

Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata

kein europäisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein

Bergnest, das an einem abschüssigen Gebirgshang mühsam von unseren

Pferden erklettert wurde. In der Abenddämmerung, als schon die Sonne

untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstädtchen,

zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hieß Andritzina.

Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Höhe, bei

einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen können. Und wie wir

noch dort vor der Haustüre auf- und abstampften, um die im unbequemen

Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter,

ein düsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener

einsamen Haustüre ab.

Während er mit dem Hausherrn, der unter der Türe erschien, mit

griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht

verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand

den Sattel seines Pferdes rückte, daß ihm an dieser Hand neben dem

kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.

Die Sonne war eben im trüben Bergdunst untergegangen. Der

schwarzbärtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht

verstand, die düstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere

totstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf

unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Räubereien,

wo man europäische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst,

nachdem man großes Lösegeld gefordert, freigelassen hatte.

Ich trieb unseren Führer zur Eile an, da es mir unangenehm schien, wenn

jener Mensch mit dem seltsamen sechsten Finger an der rechten Hand uns

wie ein Spuk im heranbrechenden Abend folgen würde. Ich sagte meine

Befürchtungen, als wir weiter geritten waren, meinem Reisegefährten,

der sich gewundert hatte, daß ich mein Pferd so eilig anspornte. Und

wir trieben dann unsere beiden Pferde lebhaft vorwärts, so daß wir den

Führer weit hinter uns ließen.

Wir hörten bald auch schon die klappernden Hufe des fremden Reiters,

der uns folgte, auf den Steinen des ausgetrockneten Bachbettes, das wir

in der Abenddämmerung eben durchquert hatten. Da es nur einen Weg nach

Andritzina gab, konnten wir das Reiseziel nicht verfehlen. Immer aber,

wenn ich mich umsah, bemerkte ich zwei, drei Reiter mehr, die über den

kahlen Anhöhen im Halbdunkel aufgetaucht waren, und die zuletzt in

einiger Entfernung hinter uns einen kleinen Trupp von acht bis zehn

Reitern bildeten.

Mein Herz sagte einfach: „Das sind nur Reisende wie wir auch;

Handelsleute, heimkehrend von irgendeinem weitentfernten griechischen

Marktflecken.“

Aber ich sah unseren Führer nicht mehr. Er schien spurlos verschwunden

zu sein. Bisher war er den ganzen Tag neben unseren Pferden mit seinem

kleinen, gewandten Bedientenschritt hergegangen.

Nun wurde auch mein Reisegefährte, er, der vorher keine Angst hatte,

von meinen Räubervorstellungen angesteckt. Es war zu verlockend, sich

auf diesen düsteren, abgeholzten, menschenleeren Höhen, auf welchen

selten ein verkümmerter Baum, ein Busch oder eine Agavenpflanze im

Abenddunkel stand, Räubergeschichten hinzudenken.

Wir hörten immer in einiger Entfernung hinter uns die Steine klappern

und die Reiter, die die Pferde antrieben, schnalzten mit der Zunge.

Sonst war in der Weltverlorenheit des dunstigen toten Abends auf

diesen kahlen Berghöhen kein Laut zu hören, keine Abendglocke, kein

heimziehendes Gefährt. Von Fabriken oder Eisenbahnen war hier natürlich

keine Spur.

Der vorsichtige Verstand, der Hausherr meines Körpers, erzählte mir

immer lebhafter, was er über das heutige Räuberwesen Griechenlands in

den Zeitungen gelesen hatte.

Mein Reisegefährte konnte unseren Führer ebenfalls nicht mehr

entdecken, und sein Verschwinden gab uns die Versicherung, daß er

wahrscheinlich an jenem letzten Berghaus absichtlich zurückgeblieben

war. Es war mir nun klar: der Führer hatte in Olympia räuberische

Landsleute von unserem Vorhaben, durch den Peloponnes reiten zu wollen,

benachrichtigt. Meistens wird dieser Ritt nur von großen Gesellschaften

ausgeführt und selten von einzelnen fremden Reisenden.

Die Räuber hatten wahrscheinlich verabredet, wenn der Abend des ersten

Tages hereinbräche, uns einzuholen und abzufangen, um ein Lösegeld

zu erpressen. Deshalb war unser Führer, der Hoteldiener, bereits

zurückgeblieben, um, im Falle die Sache mißglücken würde, nicht Zeuge

der räuberischen Schandtaten gewesen zu sein.

Also faselte mein Verstand ganz ernstlich, indessen mein Herz, das

durch sein Gefühl immer allwissend, immer ruhig und gleichmütig war,

beschwichtigend vor sich hinmurmelte: „Die friedlichen Handelsleute tun

euch nichts. Achte doch auf den wunderbaren sanften dunkelnden Abend,

an dem alle Hast der Welt eingeschlafen scheint. Nie mehr wirst du hier

in Arkadien reiten. Nur selten kommt man zu einem so schönen Abendritt.

Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des

Führers neben den Pferden her. Du fürchtest, ihr könntet von rückwärts

von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft

der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird

dich einfangen können, weil dich die Liebe begleitet.“

„Schweig,“ befahl der Verstand dem Herzen. „In einem wildfremden Land,

und in einem Land wie diesem, ist es gefährlich, im Abend zu träumen.

Im Dunkel soll man Augen und Ohren doppelt offen haben.“

Unsere armen Pferde aber wußten nicht, ob sie hinstürzen oder fortjagen

sollten, weil wir sie so unmäßig antrieben. Hinter uns wurden die Wege

immer dunkler. Nur auf der Höhe, auf der die Pferde auf gewundenen

Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber

noch nicht sahen, war noch mattes Dämmerlicht. Es war noch so hell, daß

ich meinen Reisegefährten neben mir und die Straße vor mir erkennen

konnte. Bergabwärts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in

Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.

Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwänden stehenden fernen

Hütten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwärts, und bei den

ersten Fenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, daß wir

noch nicht gefangen genommen waren. Denn jetzt war es für die Räuber zu

einem Überfall zu spät, da in diesem Ort, das wußten wir, sogar eine

Telegraphenstation war. Also würden wohl auch Gemeindevorsteher und

andere anständige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.

Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen

Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffällig

aufzugeben, damit man wissen sollte, daß wir dort erwartet würden,

und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen

Herbergen verschwinden lassen könnte.

In der späten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen

Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf

dem armseligen Telegraphenamt ab.

Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde

der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Führers

an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit

aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr

hatten erkennen können.

Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklärte immer

gesetzt und altklug: „Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes

beendet haben, sollst du mich nicht verlachen.“ --

In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten übernachteten wir.

Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und düsteren Hauses.

Durch die breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die

unteren Räume hinunter auf die Köpfe der Griechen sehen, die dort bei

einer Kerze zusammensaßen.

Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns

hatten, und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir

ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht

gleich gewöhnen konnten.

Die Weinkrüge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt

wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengroß, aus

rötlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur

Hälfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise öfters solche

Krüge in den Hausgängen der Bauernhäuser in einer Ecke lehnen, und

diese geheiligten altväterlichen Krüge schienen jedes neuzeitliche

Bauernhäuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.

Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der

Herberge im kalten Abend angezündet worden war, schickte uns beißenden

Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen

suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Müdigkeit und Rauch

betäubt, einschliefen.

Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung

als in der Folge gefährlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken

auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter

Volksstämmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen

waren.

Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen

und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend

Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten

mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte

mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so daß ich einige Stunden

geglaubt hatte, ich würde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen

Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre

verbringen wollen.

Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddüsterheit, seit der Mann mit

den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden

unter mir hier von Räubervorstellungen, die ich auch in den nächsten

Tagen nicht mehr ganz überwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir

das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah

ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie

unmöglich war es dann erst für eine europäische Frau, für meine Frau,

mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt

zu führen.

Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die

Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt.

Und ich sagte mir vom nächsten Morgen an: ich will jetzt als

Vergnügungsreisender, wie mein Reisegefährte es ist, sorgenfrei über

die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft

denken. Ich werde bei meiner Rückkunft nach Athen, vielleicht in der

Nähe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghaus finden,

wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.

Von diesem Entschluß an war es mir, als legte ich ein schweres Gepäck

ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten

fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien

bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen

betrachten müssen.

* * * * *

Am nächsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war

ich dem Räuberabenteuer dankbar, daß es mich wenigstens in Gedanken

auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte.

Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich fröhlich in die taufrische

Frühhelle.

Das alte verwitterte Bergstädtchen lag rosig verklärt auf seiner

wagehalsigen Höhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte

alltägliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen könnten, wenn

sie die goldglänzenden Scheiben ihrer Hütten über den Bergabhängen

öffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und fröhlich, schienen

diese Menschen auf dieser Berghöhe zu sein, so wie es die Vögel immer

im Vergleich zu erdgebundenen vierfüßigen Tieren sind.

Ferne Bergspitzen gen Süden hin, drüben über den lilablauen Abgründen

des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser

Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.

Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit

unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten,

so merkten wir doch noch nicht, daß uns irgend etwas fehlte. Mein

Reisegefährte hatte sich vom Führer einen Kranz getrockneter Feigen

kaufen lassen, und diesen hängte er über den Arm. So zum Morgenimbiß

Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bäume wurden

immer spärlicher, und die Steinblöcke wuchsen immer reicher in die Luft.

Wir hatten jetzt außer dem Hotelführer noch einen jungen griechischen

Hirten als Führer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand

-- an welchen oben eine Muschel geschnitzt war -- vor unseren Pferden

aufrecht und wegkundig einherschritt und uns über die Bergpässe führte.

Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedelung war auf viele Meilen zu

finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen

Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weißen marmornen Löwenkopf

sprudelte, zwei Hirten bei großen Hammelherden. Diese arkadischen

Hirten hatten keine andere Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die

sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine umbunden trugen.

Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflöten in der

Hand, und sie verwunderten sich so wenig über unser Erscheinen,

so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, für die sie ihre

Flöten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende

Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft,

der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natürlichfestlichen

Weltallzusammenleben getrennt haben.

Der Mensch der Städte, der da, nur mit seinesgleichen beschäftigt,

auch nur seinesgleichen als lebenswürdig betrachtet, hat diese Geste

verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten

mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und

unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer

des Weltallgebäudes nennen könnten, die mit mehr Welt leben als jeder

Städter, brachte kein Überraschtsein, keine Verwunderung hervor.

Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle

Platz, und sie setzten sich, einen Gruß murmelnd, ein wenig weiter fort

in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.

Nach einer Weile, während wir den alten tausendjährigen Löwenkopf

an der schön umfaßten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser

erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten,

spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hörten nur noch die

Hammelherde über eine ferne Geröllböschung fortziehen, deren Steine

unter den vielen Füßen rasselten.

Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen

Höhe eine einsame prächtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von

Bassä genannt. In der Nähe des Tempels ragte hier und da ein uralter

Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne Äste, und

sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung

war, den Eichenhain um das Heiligtum.

Hier mag auch am Steinboden einst Rasen und Erde gewesen sein,

aber die Stürme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde

reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und

wie ein zerbrochenes Knochengerüst stand die Tempelruine, von der Sonne

silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshöhe.

Die Säulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung

und stolz in ihren Linien. Hinter den Säulen aber, im Tempel, lag ein

wüstes Durcheinander von kantigen und brüchigen Blöcken, die einst der

Giebel und die Dachplatten gewesen sind.

Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mächtige Fernsicht

gegen Süden bis zu den letzten Ausläufern des Peloponnes und bis

zum Mittelmeer hin. Da drunten in mächtigen Tälern, wo üppige

Pappelgruppen, Platanenwälder und Wiesenflächen mit blaudunklem

Grün und goldgelbem Grün wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner

Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, über dem

weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den

laubreichen Tälern.

Über einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten

nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflöte. Die Morgenluft

brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stücke einer lieblichen

weltvergessenen Melodie noch lange über die Höhe nach.

* * * * *

Von nun an änderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern

der Weg. Wir verließen die Kahlheit und kamen in erdreicheres,

belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhängen, hinter

üppigen, gelbblühenden Ginsterbüschen, der neugierige Kopf eines

langbärtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrün über die Büsche

hinaufschnupperte. Es war, als sähe uns ein behaarter Faun mit spitzen

Ohren und schlauem Auge, halb von den Büschen verdeckt, an. Dann

verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben

Ginsterblüten.

Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gestützt

am Wege oder eine Hütte. Und beide, Haus und Mensch, standen

totenstill. Nur ihr fortrückender Schatten lag neben ihnen am Wege in

der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.

Der Tempel von Bassä ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia

und Kalamata den Landschaftsweg schmückt. Auch die alten Stadtmauern

von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht

denselben entzückenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer

kahlen silbrigen Gebirgshöhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von

Bassä.

Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhütte, die auf dem

Trümmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kümmerlichen Ölbäumen

stand. Hier sollten wir übernachten. Hier war es, wo man uns das

dürftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste

warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.

Die Hütte bestand aus zwei höhlenartigen Räumen. In dem einen Raum

kauerte die Hirtenfamilie in der Nähe des Feuers. Nur ein Stein am

Fußboden war der einfache Herd. Der Rauch zog zum Fensterloch oder zum

Türloch ins Freie.

In dem hinteren fensterlosen Raum wurden uns zum Schlafen Pferdedecken

auf den gestampften Erdboden gelegt. An einem Holzspan, der zwischen

die Mauersteine gesteckt war, hing ein ölgefülltes Eisennäpfchen.

Darinnen brannte mit dünnem Rauchflämmchen ein Docht. In den Winkeln

standen ein paar alte Ziegenkrippen und einige Futtersäcke.

Die Einfachheit gefiel mir außerordentlich. Der harte gestampfte

Fußboden unter den Pferdedecken war zwar für die vom Ritt müden Glieder

nicht verlockend. Doch lag eine Weihe, ein göttlicher Armuternst in dem

Häuschen, in dem es keinen Tisch, keinen Stuhl und kein Gerät gab.

Der armen Hirtenfamilie war die Mutter Erde im wahrsten Sinne Mutter

vom Geburtstage an bis zum Sterbetage. Die Leute hockten bei der Erde,

sie aßen bei der Erde, sie kochten bei der Erde und schliefen bei der

Erde. In einem Haus, in dem man nichts besaß als das Leben und die

Erde, hatte ich bisher noch nie übernachtet.

Es war Friede und leises Plaudern am Abend bei den Leuten, die da im

Herdrauch auf ihrer Türschwelle hockten und unserem Führer zuhörten.

Von der toten Stadt, die draußen rund um die Hütte lag, stand keine

Säule mehr aufrecht, stand keine Mauer mehr, und die tausendjährige

Sonnenhitze und die kalten Nachtfröste hatten die Stadtreste längst

wie mit Hämmern zu Steingeröll zermürbt. Hier und da ragte am Rand

eines Steinfeldes ein kümmerlicher Baum auf, oder es lag da eine andere

Hirtenhütte ebenso arm wie die, welche uns aufgenommen hatte.

Ich habe den Namen jener staubgewordenen Stadt vergessen und will nicht

in Büchern nachschlagen. Ich will nur das, was noch von dieser Reise in

meiner Erinnerung lebend haftet, wiedergeben und nicht mehr.

Die Pferdedecken, in die wir uns nachts zum Schlafen eingewickelt

hatten, kratzten uns. Und auch die Erdmutter, die wir immer mit unseren

Stiefelabsätzen getreten hatten, wollte uns auf dem Fußboden nicht so

ruhig schlafen lassen wie die Hirten, die die Erde zeitlebens barfuß

mit weichem Schritt gestreichelt hatten. Es war mir beim Liegen auf dem

Fußboden, als teile die Erde meinen vom Ritt müden Knochen harte Püffe

aus.

Vorher waren in diesem Raum die Hühner eingesperrt gewesen, und die

zurückgebliebenen Hühnerflöhe machten sich nun mit blutdürstigem

Vergnügen über uns Fremdlinge her.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 18 / 22 段