Wie muß es hier einst den jungen Kämpfern hochgemut zu Sinn gewesen

sein, wenn sie mit gepflegtem Körper und gepflegtem Geist, mit

leiblichem und geistigem Mut den Lorbeer Apollos errungen haben. --

Von der Höhe des Stadions hat man bergabwärts einen vollständigen

Überblick über das ungeheure, von silbrig weißen und bläulich grauen

Steinmassen dicht bedeckte Trümmerfeld, welches vom alten Delphi einen

immer noch gewaltigen Eindruck gibt.

Man stelle sich im bayerischen Gebirge, vielleicht bei Partenkirchen

oder Mittenwald, auf einer mehrere Kilometer großen, hoch gelegenen

Bergmatte eine eingestürzte Tempel- und Theaterwelt vor. Nirgends sind

Städte oder Dörfer rund um diese Bergeinsamkeit sichtbar, nur die

Wolken des Himmels steigen aus den Schluchten auf, am Rande dieser

verlassenen Trümmerwelt.

So einsam, weltentrückt liegt Delphi. Nur aus einem Taleinschnitt

blinkt in der Tiefe, wie eine große Silberbarre, ein Stück des

Meeres aus den Abgründen herauf. Vor den fernen und vor den nahen

Bergen stehen Wolken wie weiße Marmorrampen und lassen über sich

neue Berghöhen im Himmel erscheinen. Höhen, die, von der Erde durch

Wolkenfelder abgeschnitten, im Sonnenhimmel wie Erdinseln schweben.

Aber die Stufen der Luftrampen der Wolken verschieben sich langsam, und

die Nähe verschwindet, und neue, unsichtbar gewesene Berge enthüllen

sich, wie herbeigetragen auf neuen Wolkenfeldern. Unmögliches und

Wirkliches arbeitet in der Höhe um Delphi vor dem Menschenauge.

Erdstreifen werden zu Himmeln, und Luftreiche werden Erdreiche.

Aus dem großen Bergschlund, in welchen die Delphimatte am Rande des

Ruinenfeldes, zwischen Ölbaumwäldern, Kastanien, Platanen, Eichen und

Birken abstürzt, aus diesem dunkelgrünen Abgrundkessel ziehen die

Wolken in Ballen wie ein gärender Urschaum weiß aus dem Talschlund.

Diesen Abgrund nannten die Griechen einst den Nabel der Erde. Hier,

sagten sie, hing einst die Erde bei ihrer Geburt mit dem Mutterleib des

Himmels eng zusammen, und hier am Rande des Nabels der Erde war deshalb

den Menschen das Mutterweltall näher als irgendwo auf der Erde.

Ich konnte mir beim Anblick der sich immer verwandelnden, die Berge

verzaubernden und die Berge erscheinen lassenden dampfenden Wolkenwelt

gut vorstellen, daß hier das Volk sich einst fortgerückt fühlte, und

daß es sich bei den Wolkenstufen fernen Leben, fernen Zukunftsdingen

nahefühlen mußte.

Denn das auf- und niederwogende Wolkenheer, in welchem unsichtbare

Hände zu arbeiten scheinen, wie Hände von tausend Künstlern, die da

im Himmel Heerscharen von schimmernden Kunstwerken gestalten, dieses

immer arbeitende Gewölk um Delphi entzückte die phantasievollen

Griechen so sehr, daß sie weiße Massen Marmor über Marmor jahrelang

herbeischleppten, und daß sie silberweiße Tempel und Schatzhäuser und

silberweiße Amphitheater und die silberweiß gepflasterte, breite,

heilige Straße auf dem Meilenfeld des Bergabhangs wie ein weißes

Wolkenfeld entstehen ließen.

Nur die Erdbeben und die herabstürzenden Bergwände und die Raubgier

fremder Eroberer konnten die ragenden, weißen Tempel und diese

leuchtenden Tempelstraßen in ein Trümmerfeld verwandeln, das jetzt

hell aufgelöst vor mir lag wie ein Bergnebel, der sich verflüchten

wollte.

Ich fand da Säulenreihen, die sahen von der Höhe des Stadions wie

Reihen hingezählter Mühlsteine aus. Denn die Säulen jener Tempel waren

nicht aus einem langen Stein gebildet, sondern aus Rundsteinen, die,

ähnlich wie Münzen aufgebrochener Geldrollen, jetzt nach dem Umstürzen

auseinandergerollt waren. Säulen, die zwei Männer kaum umfassen

könnten, lagen zu Dutzenden auf den Treppen und auf den entblößten,

noch schön geglätteten Steinfußböden der einstigen Tempelhallen.

Der Glaube an den Gott der Dichtung, an Apollo und an die neun Musen

hatte hier Tausende von Händen von Geschlecht zu Geschlecht bei

atemloser Arbeit rege gehalten. Der Glaube an die Notwendigkeit der

Dichtungskraft, Glaube an die menschenfreundlichste Kunst und an die

erhebendste Lust schuf diese Marmorbauten.

Keinem anderen Gotte als dem der Dichtkunst hatte man in dem

griechischen Lande eine so mächtige Stätte bereitet, eine Stätte

weltfern und himmelnah, bei den Füßen der Wolken, bei den Füßen der

Sonne, bei den Wangen des Äthers und beim Nabel der Erde.

Herrlicher als alle Tempel und Theater, herrlicher als die

dreißigtausend Bildsäulen, die Delphi geschmückt haben sollen, war hier

in Delphi auf der Berghöhe für die Menschen die Himmelsnähe gewesen,

und die Erdtiefe, die sich ins Unbegrenzte, ins innere und äußere Leben

der Welt, dem Menschenherzen zu öffnen schienen.

Diese Bergmatte, die zweitausend Fuß über dem Meere liegt und hinter

der das Parnaßgebirge noch viele tausend Fuß höher mit senkrechten

Bergwänden ansteigt, sie horcht wie eine gewaltige Muschel zum Himmel,

als horche hier ein ungeheures Ohr zu den fernen Planeten und Sonnen.

Die nahe graue Silbermasse des getürmten Parnaßgebirges konnte den

Gebeten und den Inbrünsten der Pilger ein inneres Echo geben. Diese

sonnenbeleuchtete hohe Gesteinwelt führte den Blick zu überirdischen

Festigkeiten und gab den Herzen der Delphiwallfahrer Vertrauen auf die

jedem Leben eigenen überirdischen Kräfte.

Das Menschenherz, das auf der Höhe in Delphi schneller schlug und in

der klaren Luft leichter atmete, kam sich unbebürdet vor und war,

den Verwandlungen der Wolken nachträumend, eigenen Verwandlungen,

Kräftigungen und Lebensstärkungen leichter zugänglich.

Und die Augen der Menschen, die einst hier zwischen tausend marmornen

Kunstwerken wandeln durften, und die Ohren, die die feierliche

Musik der Apollohymne -- deren Text man, auf Steinen eingegraben,

vor kurzem erst wiedergefunden hatte -- genießen durften, diese

Augen und Ohren fühlten sich unwillkürlich glücklich. Frieden und

Schönheit, von Künstlern geschaffen, walteten einst hier und wurden vom

Landschaftshintergrund ins Unendliche gesteigert.

Die Wanderer, die einst auf den heiligen Tempelstraßen von

Unwirklichkeit erfüllt und erschüttert wurden, stärkten hier beim

Sitz der neun Musen ihr Herz, das mit Sorgen der Endlichkeit gekommen

war. Und von Apollo verwandelt und verwandelt von der Hoheit der neun

Kunstfreundinnen, kamen die Menschen zurück von Delphi, als stiegen sie

verjüngt und bürdelos vom Himmel nieder zu ihren Menschengeschäften

zurück.

So können Kunst und Natur gewaltig trostreich und lebensbestärkend

Menschen und ganze Völker innerlich erhöhen.

* * * * *

In einem Schuppen sah ich auch den kegelförmigen Marmorblock, der den

Nabel der Erde darstellte und der in einem Tempelinnern gestanden.

Dieser fast mannshohe Block war schön geglättet und zugespitzt, und

rundum befanden sich in seinen Marmor eingemeißelt Vögel, Blumen,

Trauben, die fröhlichsten Dinge, die, von der Erde erzeugt, dem

Menschenherzen Genuß bereiten.

Mein Reisegefährte und ich, wir waren im Jahr 1898 zwei der wenigen

Deutschen, die das neuausgegrabene Delphi zu sehen bekamen. Wir durften

aber mit unseren Taschenapparaten noch nichts photographieren und keine

Zeichnungen in unsere Skizzenbücher machen. Alles das war untersagt. Am

ersten Tag hatte uns der Leiter der noch nicht beendeten Ausgrabungen

selbst durch die Ruinen geführt.

An den anderen Tagen, als wir das Ruinenfeld allein besuchten, folgten

uns griechische Soldaten, die jeden Fremden als Wache begleiten und

streng darauf achten mußten, daß nicht photographiert und nicht

gezeichnet wurde. Die Franzosen, die das Geld zu den Ausgrabungen

gegeben hatten, und die das alleinige Grundrecht über die Ruinenfelder

noch einige Jahre besaßen, ließen damals Fremde nur ungern zur

Besichtigung zu. Sie wollten zuerst die ersten Berichte über das neu

ans Tageslicht zurückgekehrte Delphi herausgegeben haben. --

In der Nacht in Delphi lag ich auf meinem Kopfkissen mit offenen Augen

fast ununterbrochen wach und starrte zu dem weit offenen Fenster meines

Zimmers hinaus, wo der Mond wie ein goldener Gott im Himmel saß und die

Wolkenfelder, die zu ihm heraufzogen, wie weißen Ton in große Formen zu

kneten schien, und der dann diese Bilder zerbrach und zerstreute und

unaufhörlich wieder neue Wolkenbilder auftürmte.

Es war heute nicht anders als in den Mondnächten vor zweitausend

Jahren, da die Priester und die Pilger zu dem Mond geschaut haben

mögen, der da über dem Weltschlund, über dem Nabel der Erde schwebte

wie ein Gedanke, der aus der Unergründlichkeit glänzend auftaucht und

leuchtet.

Mein Reisegefährte hatte mich am Abend gefragt, ob ich mir hier bei

Delphi ein Bauernhaus im Dorfe Kastri bauen oder mieten wollte.

Ich hatte nicht gewußt, was ich antworten sollte. Innerlich war

ich ergriffen von der Landschaftsherrlichkeit, aber zugleich auch

erschüttert von der Fremdheit.

Und als ich jetzt in der Nacht schlaflos und überlegend in die

wühlenden Wolkengebilde sah, die draußen wie eine Wolkenvölkerwanderung

über den finsteren Bergtälern bald senkrecht zum Mond aufstiegen, bald

seitlich vom Mond fortflüchteten, da wurde ich von einem Weinkrampf

geschüttelt.

Ich grämte mich, weil ich nicht wußte, wo ich mich niederlassen sollte.

Ich war todunglücklich, weil ich auch hier an dem weihevollsten Ort

Griechenlands, bei dem Gedanken des immer Bleibensollens auf dieser

weltfernen Berghöhe, bei einer toten gestürzten Säulenwelt, bei den

Resten einer toten gestürzten Idealwelt, mir heimatlos vorkam.

Es war mir, als wenn ich mir zugemutet hätte, ich sollte mein Haus

mitten in einen fremden Friedhof zwischen Grabsteine hinstellen und

dort mit meiner Frau dann Liebe und Dichtung pflegen.

Hier in Delphi waren zwar keine äußeren Schrecken wie in Mexiko. Hier

waren herrliche Vergangenheitsträume. Hier waren keine Räuber wie in

Mexiko, keine goldgierigen. Aber die Vergangenheit war hier gegen mich

räuberhaft. Gegen die Größe und die Hoheit der ungeheuren griechischen

Traumreste, gegen das Geschaffene, das hier bereits aus dem Erdboden

alle Kräfte gezogen hatte, hätte ich hier stündlich ankämpfen müssen,

dabei hätte ich aber nicht Frieden finden können für mich selbst, nicht

Frieden und Kräfte für neue Wege.

Es war hier, als sollte ich in den Grüften bei den Särgen großer

Ahnherren frische Luft suchen. Die Erinnerungen waren hier zu stolz und

zu selbstherrlich. Der Stolz und die Herrlichkeit jener künstlerischen

Ahnen unserer heutigen europäischen Kunstwelt beklemmten mir die

Luft und die Lebenslust meiner Gegenwart und meiner Zukunft. Meine

Gedanken wollten auf diesen Wegen hier nichts vom Morgen und nichts vom

Werdenden und Zukünftigen wissen. Sie wurden immer zurückgerollt statt

vorwärts, und sie weilten in verklärter tausendjähriger Vergangenheit

und befanden sich dort wie in einem hypnotischen Zustand.

Ich war verzweifelt, da ich einsah, wenn Delphi mich nicht zum Bleiben

locken könne, dann würde mich wahrscheinlich kein anderer Platz in

Griechenland zum Niederlassen locken.

Der künstlerische Lebensernst, der einst hier gelebt hatte, gab mir aus

den delphischen Ruinen deutlich eine Offenbarung: nur in deiner engsten

Heimat wirst du künstlerische Kraft finden! Nicht im Auswandern,

sondern im Heimkehren liegt dein Heil! --

Und als der Morgen kam und meine verzweifelte Gedankenwelt in meiner

Stirnhöhle stiller wurde, so wie der Wirbel von Hell und Dunkel da

draußen im Wolkenhimmel stiller wurde, sagte ich mir: ich will jetzt

nur noch nach Arkadien auf die andere Seite des korinthischen Meeres

hinüberreisen. Vielleicht finde ich dort in einer schönen Landschaft,

wo keine Ruinen den Geist ablenken, ein Landhäuschen, wie ich es mir

immer, in ländlicher Stille fern von der Kultur, erträumt habe.

Nach jener durchkämpften Nacht konnte ich dann zu meinem Reisegefährten

sagen, daß ich nicht in Delphi bleiben könne, und daß ich mich nicht

weiter mit der Hausfrage und Niederlassungsfrage hier in Delphi abgeben

wolle.

Den ganzen Tag vorher hatte ich immer beim Wandern durch die Tempel

meinen Reisezweck aus dem Auge verloren, und nur als wir abends die

Ruinen verlassen hatten und ins Dorf Kastri zurückgekehrt waren, hatte

ich mich wieder an den eigentlichen Sinn meiner griechischen Wanderung

von meinem Reisekameraden erinnern lassen müssen. Dann erst, durch

das Erinnern, war im Abend Unruhe über mich gekommen: für welchen

Erdenfleck soll ich mich entscheiden? Soll ich wirklich meine Heimat

hier in Delphi aufschlagen? -- Nun aber nach der gedankenstürmischen

wachen Nacht wußte ich, daß ich weiterreisen und weitersuchen wollte.

So hatte ich auch bereits in Athen mit mir viele Selbstgespräche

geführt. Denn jeden Schritt, den ich in Griechenland bisher getan,

tat ich nicht wie ein Vergnügungsreisender, sondern immer wie ein

Auswanderer, der heimatlos eine Heimat sucht.

Ich beneidete oft meinen Reisegefährten, der neben mir sorglos und

frühlingsfröhlich eine schöne Studien- und Vergnügungsreise machte,

während ich, voll Enttäuschungen von Mexiko kommend, die ernsten

Gedanken um meine Lebenssorge und die Sehnsuchtsgedanken nach meiner

Frau immer zwischen den Zähnen zerbiß, als kaute ich an einer bitteren

Wurzel, die ich verschlucken sollte und nicht verschlucken konnte. --

Wie wir wieder auf den Maultieren hinunterreiten sollten nach Itea, war

mir nach kurzer Strecke das Sitzen auf dem bepackten Tier, das mühselig

und vorsichtig abwärts stieg, zu langweilig. Ich sprang ab und lief

voraus über das vieltausendjährige Pflaster der heiligen Straße. Es

war mir dann, als lachten meine Schritte fröhlich, weil ich nicht oben

in Delphi bei dem alten Ruinenfeld geblieben war, und weil ich nicht

mehr daran dachte, mich in jener Fremde niederzulassen.

Und die riesigen alten Quaderplatten der Straße, über die vielleicht

einmal Homer nach Delphi gewandelt war, und die unter seinen Schritten

geklungen hatten damals, wie heute unter unseren Schritten, besprachen

sich mit meinem Herzen, während ich eilig bergabwärts schritt.

„Deine Füße sind nicht hier gewachsen und nicht dein Leib,“ sagten die

Steine der heiligen Straße zu mir. „Darum wird auch das Brot des Landes

deinen Hunger nicht sättigen können, und das Wasser des Landes wird

deinen Durst nicht löschen können, und die Luft des Landes wird dir

keine Ruhe bringen können, dir Fremden. Männer erstarken nur im Lande

ihrer Väter. Sie sollen mutig wandern, aber der Weg des Mannes soll von

der Heimat zur Heimat zurückführen.“

„Ihr Steine habt recht,“ sagte mein Herz. „Ihr fühlt zart und fein wie

nur warmes Blut fühlt, und ihr redet wahr und aufrichtig wie nur gutes

Blut redet.“

„Dann soll auch diese Reise umsonst sein?“ schrie mein Verstand

dazwischen. Und es war mir, als gäbe mir der Schreier einen

unsichtbaren Schlag ins Gesicht, so daß ich rot und blaß vor Scham

wurde. „Soll dein Geld unnütz verreist sein? Sollen dich deine Freunde

für einen Narren erklären? Nein, wir kehren nicht um! Blut und Herz

sind immer weichlich unverständlich. Wir müssen hier in diesem Lande

jetzt ein Haus finden. Haben nicht Tausende die Heimat verlassen?

Der Verstand eines Menschen von heute darf nicht heimatsehnsüchtig

empfindsam sein. Ich bin härter als ihr alten Steine. Und diese Füße

sollen vorläufig noch nicht daran denken, zur Heimat zurückzulaufen.“

„O unheiliger Verstand von heute!“ rief es aus den Pflastersteinen der

heiligen Straße. Und mein Herz schwieg verschüchtert.

So kämpfte und wogte es in mir. Kein Weg machte mich müde in meinen

Gliedern, aber die Unklarheit über meine Zukunftswege machte mich müde

in meinem Herzen und am ganzen Leibe.

* * * * *

Ein Dampfschiff brachte uns dann am Nachmittag hinüber ans andere Ufer

der Meeresenge, und von dort fuhr uns ein Zug nach Patras. Aber hier

muß ich einen kleinen erlebten Scherz erzählen, der das griechische

Volk gut kennzeichnet, das geneigt ist, immer in der Unbegrenztheit der

Phantasie zu leben.

Am Schalter des kleinen Bahnhofs, an dem wir Fahrkarten nehmen sollten

für den Zug, der von Athen erwartet wurde und der uns nach Patras

bringen sollte, fragten wir -- uns in französischer und englischer

Sprache verständigend -- den Schalterbeamten, ob wir, anstatt mit

diesem Zug zu reisen, der erst in einer Stunde von Athen hier erwartet

wurde, nicht mit einem früheren Zug fahren könnten.

Der Beamte nickte eilfertig und höflich. „Das ginge schon.“ Wir waren

erstaunt und konnten nicht begreifen, warum er es uns nicht gleich

gesagt hatte, daß es einen früheren Zug gab. Wir forderten natürlich

nun für den früheren Zug Karten. Ungefähr nach zehn Minuten könnte der

Zug abgehen, sagte der Beamte. Er würde uns dann die Karten auf den

Bahnsteig bringen.

Wir fanden es etwas eigentümlich, daß man uns nicht gleich die Karten

geben konnte, aber wenn man viel reist, wundert man sich nicht mehr

laut, und so schwiegen wir, nickten und gingen dann plaudernd auf dem

Bahnsteig auf und ab.

Nach zehn Minuten, als der Mann noch nicht kam und auch kein Zug

sichtbar wurde, plagte uns Ungeduld. Wir warteten noch eine Weile und

gingen dann zum Schalter. Dort nickte uns der Beamte wieder zu und

sagte, er hätte die Berechnung gleich fertig.

Wir begriffen nichts. Aber da wir in fremden Sprachen redeten, glaubten

wir, weiter geduldig sein zu müssen, und gingen wieder auf dem

Bahnsteig auf und ab.

Kurz darauf suchte uns der Beamte auf. Er hielt ein Aktenpapier in

der Hand und las davon ab, daß der Fahrpreis für den Zug nach Patras

vierhundertundfünfzig Francs betragen sollte. Wir möchten das Geld

hinterlegen, sagte er freundlich. Dann würde er die Wagen von der

nächsten Hauptstelle telegraphisch bestellen, da hier keine Wagen für

einen Extrazug vorrätig wären.

Wir sahen einander erstaunt an und mußten natürlich hell auflachen.

Der Grieche hatte geglaubt, wir wünschten einen Extrazug zu nehmen,

weil wir vielleicht zu vornehm wären, um auf den athener Zug zu

warten. Denn fremde Reisende wurden damals, da nur wenig Ausländer in

Griechenland unterwegs waren, entweder für reisende Prinzen oder für

amerikanische Milliardäre angesehen. --

* * * * *

Der Hausdiener unseres Hotels in Athen, der öfters Reisegesellschaften

durch den Peloponnes führte, hatte uns seine Visitenkarte an den

Hausdiener des Hotels in Olympia mitgegeben, denn dieser war ebenfalls

Reiseführer.

Am nächsten Morgen kamen wir von Patras aus, wo wir übernachtet hatten,

in Olympia an. Dort nahmen wir den empfohlenen Führer und Maultiere und

ritten durch die Landschaft von Arkadien nach Süden gegen Kalamata.

Eine Tagreise vor Kalamata verabschiedete sich der Führer, der uns drei

Tage begleitet hatte, und an seine Stelle trat ein griechischer Bauer,

der uns nach Kalamata brachte, wo ein dritter Mann ihn ablöste und uns

über den Gebirgspaß, immer noch auf Maultieren, nach Sparta führte.

In Sparta ruhten wir zwei Tage aus und nahmen dann einen Wagen nach

Tripolitza. Dieser Ort ist eine Stadt mit türkisch-griechischer

Bevölkerung. In Tripolitza übernachteten wir und fuhren am nächsten Tag

nach Nauplia und von dort nach Epidaurus, wo wir wieder übernachteten

und am Tage darauf mit einem Wagen nach Nauplia zurückkehrten.

Von Nauplia führte uns ein Eisenbahnzug nach Mykene, wo wir nur

einige Stunden beim Löwentor, im Palast des Agamemnon und am Grab

der Klytämnestra weilten. Dann fuhren wir mit der Eisenbahn, ohne

auszusteigen, über Korinth nach Athen zurück.

Wir waren zwei Wochen auf dieser Rundreise von Athen nach Delphi und

durch den Peloponnes unterwegs gewesen, als wir zum Osterfest am

athener Bahnhof ausstiegen.

* * * * *

Meine Aufmerksamkeit hatte sich hauptsächlich, als wir nach Olympia

kamen, in Gedanken auf Arkadien gerichtet.

Die dunkelgrauen Ruinen von Olympia liegen versteckt, von kleinen

grünen Anhöhen eingeschlossen, und die Landschaft umher hat nicht

das Großzügige, nicht das Erschütternde, nicht das sich unaufhaltsam

Verwandelnde wie die von kreisenden Wolkendämpfen umwanderte

hohe Gebirgsmatte von Delphi. Aber gewaltig, irdisch trotzig und

machthaberisch lagen in Olympia, beim lieblichen Herahügel, die

wuchtigen Säulen des Zeustempels. Und da stand auch noch der mächtige

Sockel, der einst das herrliche Laokoonbildwerk getragen, das jetzt in

den Sammlungen des Vatikans in Rom steht.

Außer den machtvollen Gebäuderesten, die in dem kleinen Hügeltal

durch die deutschen Ausgrabungen aufgedeckt lagen, war um Olympia

nichts Reizvolles zu finden. Und ich sehnte mich, fortzureisen von

den grauen trüben Steinmassen, die nicht festlich leuchteten, und die

in lieblicher Landschaft Träumern glichen, die sich auf grünen Rasen

hingelegt haben und gutmütig mit dem Erdboden verschmelzen wollen und,

von gütigem Grün und Sonne zugedeckt, davon träumen Erde zu werden.

In dem kleinen Hotel, das das einzige Haus in Olympia war, saßen

an einem Ende des langen Mittagstisches neun deutschsprechende

Professorenfrauen. Sie waren auf einer Italienreise von Brindisi

herübergekommen und hatten zusammen einen Abstecher nach Griechenland

gemacht.

Damit wir den neun, unaufhörlich redenden Frauenzungen nicht

preisgegeben wären, unterhielten wir uns, am anderen Ende des Tisches

sitzend, in raschem pariser Französisch. Ich muß aber gestehen, auch

dabei war wieder nur mein Verstand Tyrann über mich. Mein Herz wimmerte

und lechzte nach den deutschen Heimatlauten, die vom anderen Ende des

Zimmers kamen. Und ich wäre gern zu den neun alten Damen hingerückt,

wenn auch ihre Zungen unausgesetzt wie Strickstrumpfnadeln bei der

Sprecharbeit klapperten.

Ich war schon ganz müde von dem Suchen in der Fremde nach einem Haus.

Meine Ohren horchten darum entzückt auf deutsche Frauenworte. Ich hatte

deutsche Frauen seit der raschen Reise nach Petersburg, seit dem kurzen

Aufenthalt am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, seit dem Begräbnis

meines Vaters und seit der Rückkehr von Mexiko, nun fast ein Jahr lang,

nicht mehr unverfälscht sprechen hören.

Als wir am nächsten Morgen früh um drei Uhr in Olympia vom Hotel

fortritten, vom Führer begleitet, um tief in den Peloponnes

hineinzuwandern, tat es mir leid, daß die neun Professorenfrauen

noch schliefen und ich nicht mehr zum Abschied die neun deutschen

Frauenstimmen hören durfte, die zwar so gar nicht zu der griechischen

olympischen Stimmung der Tempelruinen hingehörten, die aber meinem

Herzen ein wenig den Heimathunger und den Heimatdurst besänftigt hatten.

Es war in der ersten Hälfte des April, als wir durch den Peloponnes

ritten. Aber außer den unzähligen Anemonen, deren es feuerblaue,

rosenrote, rosige und schneeweiße gab, fanden sich im jungen Gras der

kühlen Wiesen noch keine anderen Blumen. Diese farbigen Anemonen, deren

schwarze Staubfädengruppe aus der hellen Blütenkrone wie eine dunkle

große Pupille in einem Auge aufsah, betrachteten uns von allen Wegen in

dem Peloponnes, auf den Berghöhen und im Talgrün.

Diese jungen Anemonenblumen, die vielleicht erst eine Woche alt waren

und vielleicht nach einer dritten Woche schon verblüht sein würden,

hatten einen unergründlichen Festblick und beleuchteten mit ihrer

kurzen Lebensfreude die mühseligsten Höhen, die unsere Bergpferde

erklettern mußten. Mir schien aber, die jungen Blumen kannten alle

Freuden der Welt. Sie freuten sich in ihrem dreiwochenkurzen Leben

mehr, als die Menschen sich in einem hundertjährigen Dasein freuen

können.

Den Blicken dieser frohen Anemonen verdanke ich es, daß ich nicht in

bittere Verzweiflung über mich selbst geriet. Denn mein Auge wurde

immer salzig, wenn ich an meine ferne Frau dachte, die so weit von

mir fort, in Schweden, am äußersten Ende Europas, im Norden weilte,

während ich hier am äußersten Ende Europas, im Süden, auf einem Pferd

kaum auf der Erde ritt. Denn der Boden unter den Hufen des Tieres, das

mich trug, gehörte kaum noch der Gegenwart an. Er war das verschollene

Vaterland eines untergegangenen großen Volkes.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 17 / 22 段