Wie man ein einziges Einpackpapier um einen Gegenstand wickelt, den man

einhüllen und so geschützt heimbringen will, so wird von Chinesen und

Japanern der Körper des Menschen bei der Kleiderfrage behandelt.

Man preßt den Leib nicht ein und behängt ihn nicht mit zehnerlei Lappen

und Läppchen, nicht mit drückenden Knöpfen und mit überflüssigen

Litzen, Kragen, Krawatten. Der Asiate hüllt den Leib wie einen

kostbaren Gegenstand weit und reichlich und doch sorgfältig ein, ohne

die Glieder herauszuschrauben oder sie zu beengen. Der Asiate läßt

seinem Leib in der Hülle Bewegungsfreiheit, er behandelt seine Glieder

gütig und selbstverständlich verständig und liebevoll.

Man betrachte nur die Bilder der Japaner und Chinesen, die seit

Jahrhunderten die Frauen immer im gleichen Kleide zeigen. Jene Völker

sind nicht müde geworden, dieses selbe Kleid immer wieder zu sehen.

Man nahm an dieser Kleidung nur kleine Abwechslungen in den

Stoffmustern vor, von Jahrhundert zu Jahrhundert kaum merkbar.

Unsere Frauenwelt aber ist von einer Kleiderkrankheit, von einer

Kleiderverwandlungssucht besessen. Teils bewirkt dieses die

kaufmännische Gewinnsucht der Männer, teils hysterische Eigenliebe der

Frauen, die sich gegenseitig zu unsinnigsten gehetzten Formen anspornen.

Wenn aber einmal Frau und Mann sich nicht mehr belügen und sich

nicht mehr als den Gipfel der Schöpfung betrachten, sondern sich als

Weltallmitglieder sehen, dann wird die Eitelkeit edlere Wege gehen.

Diese aufgeklärten Menschen werden den Modeirrsinn verschmähen, und die

Körper mit natürlichen Gewändern zweckdienlich, vornehm und freudig

verhüllen, statt den Leib mit Stückwerk überreizt, unbequem, unschön

einzupressen oder zu behängen.

Das chinesische Kleid, das weite Beinkleid, der ärmelweite, hemdartige

chinesische Rock, könnte auch für uns Europäer eine Zukunftskleidung

werden. -- Die künftige Frau wird zugleich wie der künftige Mann

die Schöpferkraft des ganzen Weltalls in ihrem Herzen als ewigen

verantwortlichen Besitz und als unendlichen festlichen Widerhall

fühlen. Diese dann nicht nur persönliche, sondern weltallfestlich

gestimmte Zukunftsfrau, die im Garten und in der Natur, in der

Gesellschaft, im Haus und bei der Arbeit, bei den Künsten und bei den

Weisheiten ihres Volkes freudig und befreit aufgewachsen ist, diese

wird sich ganz von selbst scheuen, sich unedler zu kleiden als die

Griechinnen es taten, unedler als die Frauen der sinnenweisen Völker

Asiens es tun.

* * * * *

Ich erlaubte mir die griechische Reise mit dieser Betrachtung zu

unterbrechen, da ich, wie ich nochmals wiederholen möchte, in diesem

Buch Gedankengut aus meinen Wanderjahren geben will und nicht nur

Ereignisse. Ich möchte im Anschluß an die europäische Kleidungsfrage

daran erinnern, welches Aufsehen in den neunziger Jahren Tolstois

„Kreuzersonate“ machte. Der Dichter eiferte in diesem Werk gegen

die Schamlosigkeit unserer Frauenkleidung, gegen die das Fleisch

ausstellenden Ballkleider und gegen das Stahlgerüst, das damals den

Frauen die Rippen einpreßte und die Brüste und Hüften herausdrückte.

Wie recht hatte der große Mann! Wie werden die europäischen Frauen von

allen asiatischen Völkern verachtet, weil sie der Öffentlichkeit Reize

enthüllen, die nur der Liebesstunde und dem Geliebten gehören sollen.

Das ist nicht Festlichkeit des Lebens, eine schamlose Ausstellung

der Reize. Das ist hurenhafte Festlichkeit. Und sie mag gut sein auf

dem Sinnenmarkt, dort wo die Frau ihren Körper verkaufen will, in den

Häusern und Stadtvierteln der Freudenmädchen. Aber nicht einmal auf den

japanischen Mädchenmärkten wagt die Dirne Japans mehr als ihr Gesicht

und ihre Hände öffentlich zur Schau zu stellen.

Würden wir alle nackt gehen und würden alle Sinnenverrichtungen wie

die Tiere unter freiem Himmel und vor allen Menschen ausüben, das

wäre unschuldiger und schamvoller als es diese berechnende, halbe

Enthüllung auf den heutigen Bällen der Europäer ist. Gebietet es die

Sonnenhitze, das Baden im Meer, die Hitze im heißen Süden, daß die

Frauen ähnlich den Indierinnen nur halb verhüllt gehen, so ist dann

dieses Sichenthüllen natürlich und dort durch Zweckmäßigkeit geheiligt

und unschuldig zu nennen.

Aber in unserem kalten, kühlen Klima, in unserer nüchternen Winterwelt,

ist es Wahnsinn und Schamlosigkeit, wenn die Männer sich gegenseitig

ihre Frauen in den Gesellschaften mit entblößten Brüsten und nackten

Armen zuführen.

Ich meine nicht, daß die Frau ihr Gesicht verhüllen soll wie die

Mohammedanerin. Das Gesicht soll niemand verstecken, aus dem Geist

sprechen soll und das Herz.

Die Chinesinnen und Japanerinnen gehen seit Jahrhunderten schlicht und

vornehm mit offenem Gesicht und schön frisiertem Kopf, ohne Hutaufputz,

auf ihren Straßen umher und in ihrem Hause. Nur die Tänzerinnen und

die öffentlichen Mädchen kleiden sich in schreiende Farben.

Da dieses Volk in seinen nördlichen Provinzen in ähnlichem Klima lebt

wie wir, und wie wir bei Regen, Sonne und Schnee aufgewachsen ist, soll

man nicht glauben, daß wir uns nicht auch an jenen Kleidertrachten ein

Beispiel nehmen dürften. Denn jene Tracht der Chinesen und Japaner

eignet sich auch für unsere europäischen Witterungsverhältnisse und ist

für unsere Männer und Frauen nützlicher und zweckdienlicher, als die

heutige europäische Tracht es ist.

Wer es nur einmal in seinem Leben versucht hat, ein japanisches oder

chinesisches Kleid anzulegen, der wird den wunderbaren Genuß nicht

vergessen können, den ihm diese schöne, vornehme, kleidsame, gesunde

und behagliche Umhüllung bereitet hat.

Sowohl die Anzüge für die Männer als die Trachten für die Frauen sind

in jenen Ländern für beide Geschlechter aufs Sinnvollste ausgedacht.

Kein Druck eines Hakens oder Hornknopfes, keine Beengung und Ermüdung

fühlt der Körper in dieser einfachen harmonischen und lebensfestlichen

Gewandung. In diesen Hüllen bleibt der Mensch ein unbeengter Mensch.

Diese Kleider treiben den, der sie trägt, nicht an, mit sich selbst in

eitlem Unfrieden, in eitler Wechselsucht und unnützer Unbequemlichkeit

zu leben. Diese weiten Kleider in ihrer einfachen Schönheitslinie

bedeuten, weil sie zweckmäßig sind, beim Tragen und Anlegen eine

Kraftersparnis für den Körper und für das Leben eine Zeitersparnis.

Ich bin mir in Japan und China in meiner europäischen Kleidung, die

beengend, ermüdend und von den Schneidern unfrei ausgetüftelt ist, mit

ihren vielen Knöpfen und Knopflöchern, mit der unmännlichen Krawatte

und den vielen anderen Unbequemlichkeiten, belastet und ungeheuerlich

vorgekommen unter den schlicht und zweckmäßig, bequem und vornehm

umhüllten Chinesen und Japanern. Ich erschien mir unfreudig und

unsinnig gekleidet.

Wir belächelten bisher nur das Fremde an der aus der Fremde kommenden

Tracht der Chinesen und Japaner. Aber wir versuchten niemals diese

Trachten auf ihren Lebenssinn, auf ihre Bequemlichkeit, Sparsamkeit,

Einfachheit und Zeitersparnis hin genau zu prüfen. Man könnte sehr wohl

bei uns zur allgemeinen Erleichterung und zum allgemeinen Wohlbefinden

sowohl jene Trachten der asiatischen Männer als die der asiatischen

Frauen zur Grundlage für eine neue europäische Tracht annehmen und

einführen.

Schnelle Zeitungsschreiber verbreiten bei uns fortgesetzt die

Nachrichten, in Japan und China kleide sich jetzt die Bevölkerung

europaähnlich. Dieses ist nur insoweit wahr, als es sich auf das

Militär, auf die Beamtenwelt und die mit Europa verkehrenden Diplomaten

bezieht. Das chinesische und japanische Volk aber, der chinesische

Handwerkerstand und der Bauernstand, von denen Millionen in Japan und

China leben, diese denken nie daran, ihre Kleidung, die ihre Urväter

ihnen so bequem, gefällig, sparsam und zweckdienlich erdacht haben,

aufzugeben.

Mein japanischer Reiseführer, ein gebildeter Japaner, trug europäische

Kleidung. Aber wenn er abends das Hotel betrat, so vertauschte er

gleich die ihn belästigende europäische Tracht mit seiner schönen

unauffälligen, schlafrockartigen Gewandung.

Als ich ihn einmal fragte, warum er das tue, sagte er höflich: zum

Billardspielen würde er auch zu Hause im Hotel die europäische Tracht

anbehalten. Dazu sei sie sehr bequem, da der weite japanische Ärmel

das Billardspielen erschweren würde. Aber sonst sei ihm die japanische

Tracht bequemer.

Ich mußte lachen und ihm recht geben, wie ich in so vielem den

Asiaten recht geben mußte, ihnen, die wir Europäer in unserem grünen

Schuldünkel so oft mißverstehen und ungefühlt und ungerecht und

unverständig beurteilen. --

* * * * *

Eines Abends bestiegen wir in Piräus ein Schiff, das uns in der Nacht

durch die Schleusen des Isthmus von Korinth und durch die korinthische

Meerenge am nächsten Morgen nach Itea bringen sollte. Itea ist eine

Landungsstelle am Fuße der Bergmasse, auf welcher die Ruinenfelder des

heiligen Delphi ausgebreitet liegen.

In dieser Nacht schlief ich nur wenige Stunden und träumte wachend, am

Schiffsgeländer sitzend. Griechische und türkische Kaufleute, mit ihren

Familien, hockten schlafend, in Mäntel und Decken eingewickelt, in der

warmen Frühlingsnacht auf dem Verdeck. Von der friedlich schlummernden

Menschenherde sah man im Mondschein nur Knäule, und das Schiff

glitt mit den Schlafenden wie ein großes schwimmendes Bett durch das

mondglänzende Wasser.

Ich saß am Schiffsgeländer und beobachtete unseren Weg, der, als der

Schiffskörper in die hochgemauerten Schleusen kam, einer Fahrt durch

gemauerte Kellerräume glich. Der Mond ging treu am Himmel über dem

Schiffsmast mit, es war auch, als sänke er mit dem Schiff von Schleuse

zu Schleuse tiefer.

Wie wissen die Neuzeitmenschen sich die Wege zu kürzen! Wie sind sie

unglücklich von der Endlichkeit aller Wege durchdrungen! Tausende und

tausende Jahre lang nahmen die Menschen das Leben breit, machten auch

Umwege, weil sie immer am Anfang und Ende der Wege zugleich waren.

Wir aber sehen heute nur das Ende aller Wege vor uns. Der Anfang ist

abhanden gekommen, der Weganfang fehlt, der sich immer wieder dem Ende

anschließt.

Eine Eintagsfliege lebt nicht kürzer als ein Mensch, der hundert Jahre

alt wird. Die Fliege erlebt ihr Leben, das für die Form des kleinen

Wesens so unendlich viel ist, wie es die hundert Jahre Menschenleben

für die Form Mensch sind. Den Menschen fehlt das Köstlichste heute:

die Zeitlosigkeit. Das Gefühl fehlt, das uns sagt, daß nicht bloß das

Leben, nicht bloß das Vorwärtsrennen erlebt werden soll, sondern daß

Lebensbetrachtung ebenso wie Tätigkeit ein Allestun bedeutet, wenn sie

im Geist und im Herzen gepflegt wird.

Ein Europäer von heute braucht eine Zeitung, wenn er nicht arbeitet.

Und wenn er die Zeitung fortlegt, braucht er einen Mund oder mehrere

Münder, die ihn anreden. Und er braucht um sich Ohren, in die er wieder

hineinredet. Und die Europäerin braucht Augen, die sie betrachten,

umschwärmen, beneiden. Sie braucht auch auf dieselbe Weise ihre eigenen

Augen.

Aber sich selbst brauchen wenige Europäer und wenige Europäerinnen. Und

von der Allwelt sind sie überzeugt, daß mit ihr sich die Wissenschaft

genügend beschäftigt; und von der Schönheit der Allwelt, von der

Innigkeit des Allebens wissen sie, daß diese die Künstler beschäftigt,

so wie sie wissen, daß die Schuster sich mit dem Leder und die

Schreiner sich mit dem Holz beschäftigen.

Wenn die Europäer Stiefel anziehen oder Möbel hinstellen, tragen sie

den Stiefel nicht an ihrer Person, sie lieben sich das Möbelstück nicht

an wie ein Kind, das man adoptierte. Die neuen Stiefel sind für die

anderen angezogen, die Möbel sind für die anderen hingestellt, so wie

die Augen für die anderen da sind.

Sich selbst haben jene, die so tun, nie gefunden. Darum kann man nicht

sagen, daß sie sich verloren haben. Nur die wenigsten von ihnen wissen

heute, wer _sie_ sind und was _sie_ wollen. Sie wissen aber immer, was

_alle_ wollen.

Und sie verwechseln den Willen des anderen mit dem eigenen und halten

die Wünsche der anderen für ihre eigenen. Sie hören nicht mehr mit

ihren eigenen Ohren, sie redeten niemals mit ihrem eigenen Munde. Sie

hören mit geliehenen Ohren, und mit geliehenem Mund reden sie.

Sie sind nur Schattenleben aller jener, die wie sie nur ein

Schattenleben führen. So wie der Schatten hastiger dem Körper

vorausgleitet, spurlos, bald rechts, bald links, bald vor, bald zurück,

am Wege hinstreift, ohne eigentlich den Weg zu sehen, so sind die

Herzen jener Europäer heute, die die Hast und die Eile lieben, wenn sie

auf den Wegen, an den Dingen vorüberfliegend, achtlos hinflüchten.

Immer sind sie wie Menschen, die, statt vom Berg mit den Füßen

herunterzugehen, statt das Land mit den Füßen zu fühlen, sich von

den Bergen auf dem kürzesten Weg durch die Luft herunterstürzen. Die

_Eile_, der _kürzeste_ Weg, das ist ihr _Lebenszweck_. Und sie glauben

ihr Leben zu bereichern, indem sie sich eilig mit Endlichkeitsgefühlen

anfüllen und anpeitschen, da sie das Größte am Leben, das Wirklichste,

das dem Menschen angeborene Unendlichkeitsgefühl, nicht als

Wirklichkeit empfinden können.

Sie halten die Ewigkeit, die in uns ebenso wirklich liegt, wie sie in

jeder Minute draußen das Weltall unbegrenzt macht, für eine billige

Einbildung. Sie bedenken dabei aber, kurzsichtig, nicht, daß ihre

Endlichkeit, ihre Wirklichkeit, erst recht eine Einbildung wird,

sobald das Menschenleben nicht den unendlichen Widerhall in dem uns

angeborenen Unendlichkeitsgefühl findet.

Aber bei der Jagd nach Eile erhält keine Gebärde, kein Erlebnis

Widerhall und gibt kein Wesen dem anderen Wesen den Rahmen der

Unendlichkeit. Statt einer Musik, statt einer Lebenshymne, die das

Schicksal jedes Menschen, zusammengesetzt aus Leid- und Freudetönen,

dem inneren Ohr, dem ewigen Ohr vorsingt; statt der ewigen Bilder, die

dem inneren Auge, dem ewigen Auge, des Menschen sich täglich hinmalen

wollen, bleibt dem Eiligen nur ein Tonlärm und ein Farbenfleckengefühl

im Sinn.

Die Menschen von heute haben die Lebensruhe eingebüßt, die jedem

Menschen die Erkenntnis gibt, daß er im Innersten zugleich Herr und

Diener der Schöpfung ist. Die Lebensruhe hat sich in eine Lebensflucht

verwandelt, und die meisten fühlen sich deshalb nur als Lebensknechte.

Einige glauben ihr Ich erst nach dem Tode in einem Himmel oder in einer

Hölle wiederzufinden, in einer ausgedachten Peinlichkeit oder in einer

erdachten Überschwenglichkeit, für die das Weltalleben keinen Raum hat,

und die ein weises Weltschöpfertum nie ausklügelt.

Oder die, die sich aufgeklärt vorkommen, erwarten, daß sie nach dem

Tode spurlos verschwinden. Und sie werden spurlos verschwinden, da sie

nie waren. Denn ihr Schattenleben ist noch kein Leben gewesen. Und sie

waren nur fliegende, hastige, fahrige Schatten auf Erden. Sie erkennen

dieses selbst, da sie finden, daß sie spurlos verschwinden werden.

Diese Leben sind so verschieden von wirklichen Menschenleben, wie die

Zuckungen eines toten elektrisierten Frosches verschieden sind von den

Bewegungen eines lebendigen. Die hastigen Zuckungen der Eile jener

Gehirne geben jenen Menschen kein herzliches Leben, und es gehen von

ihnen auch keine herzlichen warmen Lebenswirkungen aus.

Nur durch _Sichzeitnehmen_, nur durch das _Verweilenkönnen_,

durch das zeitlose _Sichvertiefenkönnen_, nur durch geduldiges

_Umwegemachenkönnen_ gelangt der Mensch zu seinen innersten Augen, zu

seinen innersten Ohren, zu seinem innersten Mund und auch zu seinen

innersten Händen.

Aufnehmen und Wirken geschieht dann im Rahmen zeitloser Ruhe, im Rahmen

der dem Menschen angeborenen innersten Ewigkeit. Jede andere Art zu

leben, erzeugt gekünsteltes Dasein. Warmblütiges Leben will Weile,

Geduld und Vertiefung.

Ein Mensch, der zu langsam ist, der wird nicht soviel Schaden unter den

Menschen anstiften als der Mensch, der zu schnell ist.

Betrachtet die Ruhe, die in jedem Kinde wohnt. Wenn der Erwachsene

ein Kind nicht erschreckt durch ungeduldiges Antreiben zur Eile, und

das Kind noch nicht verdorben ist durch die verderbliche Eilelust der

heutigen Menschen, so handelt jedes Kind aus der Weltunergründlichkeit

heraus, ruhig vornehm, bedächtig, sich Zeit lassend.

So wie ein würdiger Greis, der zur Weisheit und zum weisen Rückblick

des Lebens gelangt ist, Ruhe verbreitet, trägt jedes Kind in sich ein

weises stilles Vorwärtsschauen, das sich nicht anders ausdrücken kann

als durch Ruhe. Ruhe, die ergründen will und die mit vorsichtigen

Tastversuchen zu den ewigen Lebensregeln kommen will, die das Kind

innerlich unbewußt als richtig erkennt. Zu diesem Erkennen will jedes

Kind seinen noch ungelenken Körper und das noch ungelenke Gehirn mit

Ruhe hinführen; sobald es nicht durch Eile und Antrieb verwirrt wird,

gelingt jedem in Ruhe geleiteten Kinde die Lebenserkenntnis von selbst.

Immer habe ich gefunden, daß die Schulknaben mehr innere Ruhe und

dadurch mehr innere Weisheit besaßen, mehr innere Klugheit als der

vom heutigen Leben ungeduldig gemachte, gepeitschte und in seinem

Innenleben bereits zerrüttete Lehrer.

Darin besteht die Heiligkeit der Jugend, daß sie noch ein unzerrüttetes

Innenleben kennt, das noch nicht schattenhaft geworden ist, wie das

Innenleben der Erwachsenen es heute ist. Ich glaube, innerlich können

die jetzigen erwachsenen Menschen, die durch den Wahlspruch: Zeit

ist Geld und Geld ist Leben, innerlich kurzsichtig und innerlich

schwerhörig geworden sind, von den Kindern leichter tiefer sehen und

tiefer hören lernen als von ihren eigenen, bereits verdorbenen Augen

und Ohren.

Und wie die Ruhe des Kindes aus des Menschen Urkraft kommt, so ist

die Ruhe des echten Künstlers aller Zeiten gewesen. Und wie die Ruhe

dieser beiden ist die Ruhe der Tiere, ist die Ruhe der Pflanzen, ist

die Ruhe aller Weltalleben einem ewigen Weisheitszustand unergründlich

angeschlossen. Diesen natürlichen Weisheitszustand verjagt sich der

heutige, hastige, nach Zeit und Wegabkürzung und Endlichkeit gierige

Europäer. --

Das griechische Volk, das eine so große und edle Vergangenheit hat,

hat zwischen Athen und Sparta im Peloponnes, also um den Isthmus von

Korinth, seinen Handel jahrhundertelang walten lassen, und seine

Schiffahrt bedurfte nicht der Schleusen und des Durchschneidens einer

Landenge. Dieses Künstlervolk lebte festlich in Göttermenschenlust

und nahm sich Zeit zu seiner Festlichkeit. Den Griechen war ein

rascher kluger Blick eigen, ein rasches lebendiges Handeln, aber keine

jämmerliche überstürzte Eile. Keine jämmerliche, nervenzerrüttende

Lebensjagd störte das große Volk in seiner künstlerischen Hoheitszeit

beim Weltallfest. Darum, weil es Zeit zum künstlerischen Genießen

hatte, hatte es sich auch in Delphi und in Olympia große Festplätze

geschaffen, dieses kleine unsterbliche Volk.

* * * * *

Am frühen Morgen, als das Schiff kurz vor Sonnenaufgang im schattigen

Wasser an der Küste entlangglitt, stand das Parnaßgebirge, mit

silbrigem Schneeglanz am Gipfel, morgengrau in der frischen Aprilluft.

Auf diese Berge hatte ich die lange Nacht gewartet. Hier hatten die

griechischen Dichter den Sitz des Dichtergottes Apollo und den Sitz

der Freundinnen der Künstler, der neun Musen, hingeträumt. Und was die

Künstler träumten, das glaubte ehemals ihr Volk, und es träumte es

nicht bloß nach, sondern es lebte es nach. --

Der heilige Ort Delphi liegt auf der halben Berghöhe, den Blick

gerichtet zum Musensitz, den Blick gerichtet zum Parnassos, zum Sitz

des Dichtergottes.

In Itea, wo morgens das Schiff landete, fanden wir Maultiere und einen

Führer. Und wir ritten durch den kleinen Ort, der, weltverloren,

vergessen und unberührt, von keinem Reisenden besucht werden würde,

wenn nicht die Anziehung der großen Reste großer Künstlerträume, die

Anziehung der Ruinen Delphis, einzelne Freunde Griechenlands nach Itea

bringen würde.

Außer kleinen Eidechsen am Wege und Ölbaumanpflanzungen begegneten

wir, im Morgen hinreitend, nichts als Steinen. Das Klettern unserer

bepackten Maultiere schien kein Ende zu nehmen. Und der alte

graubärtige Führer, der den Weg in allen seinen Lebensjahren hier

geklettert war, hatte uns Fremden nichts zu sagen und auch nicht seinen

Tieren, die er nur mit einem Zungenschnalzen manchmal aufmunterte.

So ritten wir denn in diesem Schweigen, das zwanglos und natürlich war,

nicht bloß den Berg hinauf, sondern wir kamen mit den hufeklappernden

Tieren und mit dem verwitterten Alten unmerklich in die Jahrhunderte

zurück. In den zwei, drei Stunden, die der Ritt beanspruchte, legten

wir die Wegstrecke von zwei- bis dreitausend Jahren zurück, mühelos und

einfach.

Auf der breiten gepflasterten heiligen Wallfahrtsstraße, am Bergabhang,

bei Felsblöcken vorbei, bei Aprilwolken, die unter uns hinschwebten,

waren wir dann, als das neue Dorf Kastri oben mit unscheinbaren Hütten

auftauchte, längst nicht mehr in unserem Zeitalter. Und in der dünnen

Bergluft schien das Blut in uns zarter und war in den Adern mehr

Lebensgeist geworden als Lebensblut.

Am Wege sahen wir einige Schachte in den Felsen. „Felsengräber,“

sagte der Führer. Und er zog aus seiner Tasche einen kleinen Ring aus

Eisenbronze, der mit Plattgold vergoldet war. Es war ein Fingerring,

den er in einem Grabe dort gefunden hatte.

Wer hatte ihn getragen? Ein Apollopriester? Oder eine der

liedersingenden Frauen im Dienste des Gottes der Dichtung?

Ich kaufte dem Alten den Ring ab. Ein zweitausendjähriges Körperchen

war in meine Hand gekommen, auf dem weiten Wege der Vergangenheit eine

erste körperliche Begegnung mit der Vergangenheit. Und ich sah das alte

Ringlein als einen Willkommgruß Delphis an.

Das Bergdorf Kastri, das da oben liegt, war erst kürzlich, vor einigen

Jahren, aufgebaut worden. Die Leute hatten früher auf entfernteren

Felsen gewohnt, auf den grün umwachsenen Schutthügeln, unter denen

das von verschiedentlichen Erdbeben und Bergstürzen zerstörte und

verschüttete alte Delphi gelegen, ehe man die Ausgrabungen begonnen.

Wir hatten eine Empfehlung an den griechischen Vorsteher der

Ausgrabungsarbeiten. In seinem Hause bekamen wir dann gegen Bezahlung

Wohnung und Beköstigung wie in einem Gasthaus. Er führte uns am

Nachmittag zum neuen Dorf hinaus auf der breiten heiligen Straße hin,

die früher mit Tausenden von Bildsäulen geschmückt war. Die Kunstwerke

waren dann von den römischen Kaisern geraubt und nach Rom und nach

Byzanz fortgeschafft worden.

Nach einem Weg von zehn Minuten kamen wir an einen gewaltigen,

sanft ansteigenden Berghang, und vor uns lag auf der ansteigenden

Ebene, unterhalb einer mächtigen Bergwand, das neuausgegrabene

ungeheure Trümmerfeld der vielen delphischen Tempelruinen. Da lagen

auch aufgedeckt und gut erhalten mit ihren ansteigenden Sitzreihen

die Amphitheater. Da standen noch die weißen marmornen Sessel der

delphischen Priesterinnen im Theater; sie waren mit feinen weißen

Löwenklauen und mit feinen kleinen Löwenköpfen geschmückt.

Der Rundtempel, in welchem die Pythia, auf dem Dreifuß sitzend,

in tiefer Betäubung übersinnliche Gesichte hatte und Orakelworte

sprach, war eingestürzt wie die anderen Tempel. Aber in der Mitte

des guterhaltenen Tempelrundsteines starrte noch der rötliche

Felsenstein aus dem weißen Marmorrund. Und da waren noch die Erdspalten

phosphorgrün, aus welchen einst die Schwefeldämpfe gestiegen, die die

Priesterin in den Götterschlaf versetzt hatten.

Und viele Dinge, die ich längst vergessen hatte, waren wie

selbstverständlich dort noch am Leben. Da war auch noch die eisige

heilige Quelle, und ihr Eishauch, aus der Felswand kommend, war noch

wie vor Tausenden von Jahren belebend, und das Quellwasser tropfte auf

die Steine wie flüssiger Kristall.

Da war, gut erhalten, das große Stadion, viele hundert Fuß lang, mit

den Sitzreihen am Berg an der Felswand hingedehnt.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 16 / 22 段