Ich verabredete mit meiner Frau, die von der langen ozeanischen

Sturmreise sehr erschöpft war, daß sie sich in ihrem Vaterhause

in Schweden ausruhen und sich dort aufhalten sollte, bis ich in

Griechenland Haus und Garten gefunden hätte. Sollte ich aber dort auch

keinen geeigneten Platz entdecken, so wollten wir uns dann beide in

Würzburg, in meiner Heimatstadt, treffen und wollten dort einstweilen

wohnen.

Wir waren dann noch einige Wochen bis Mitte April 1897 in Paris.

Am Tage, da ich meine Fahrkarte nach Griechenland bei der

„Schiffsgesellschaft des Mittelmeeres“ in Paris bestellt hatte und

meine Frau eben nach Schweden abgereist war, begegnete mir auf dem

Boulevard St. Michel der Schriftsteller Karl Vollmöller, den ich kurz

vorher kennen gelernt hatte. Als er hörte, daß ich in zwei Tagen

nach Griechenland reisen würde, sagte er mir, er würde gern auch

nach Griechenland fahren. Er wolle nur an seinen Vater nach Hause

telegraphieren, und wenn dieser zustimmende Antwort gäbe, würde er mit

mir reisen. Wir fuhren dann einige Tage später von Marseille nach dem

Hafen Piräus und machten die griechische Reise zusammen.

* * * * *

Bei der Fahrt um den Peloponnes entzückte mich besonders die

rhythmische Berggestaltung dieses griechischen Landteiles. Die Berge

waren dort, als ob eine Hand die Berglinien in der Luft vorgezeichnet

hätte, als wären die Wellen der Erde einst bezwingenden rhythmischen

Handbewegungen gefolgt und dann als zur Erde gewordener Rhythmus stehen

geblieben.

In zarten Morgensonnenfarben, in einem kühlen Grün, das wie bereift

aussah, und in einem fleischigen goldigen Rosa erschienen auf

ätherblauem Meer diese ersten griechischen Landlinien des Peloponnes

vor meinen Augen. Und ich hoffte bei ihrem Anblick bestimmt, daß hier

der Boden für glücklichsten Dichterfrieden sein könnte, denn ich war

beglückt vom Anschauen der rosigen Küste.

Ich saß, vom tönenden Meer getragen, auf dem sauberen silberweißen

Schiffsverdeck, halb hinhorchend auf den Arbeitstakt der

Schiffsmaschine, und baute mir in Gedanken ein Haus dort hinüber an

eine der stillen weltverlassenen Meeresbuchten.

Vom Schiff aus gesehen, sprach jenes griechische Land keine andere

Sprache als meine Heimatlaute, die ich in der Brust trug, und kein

anderes Leben lebte an der nahen Küste als das Traumleben und die

Traumgeschichten, die ich vom stillen Schiffsdeck hinüberschickte unter

die Ölbäume dort.

Von jenen frühesten Morgenstunden an, als wir um den Peloponnes fuhren,

bis zum Abend und bis zum nächsten Morgen, solange die Reise bis Piräus

währte, füllte sich mir das leere Schiffsdeck, auf welchem wir nur

vier Passagiere waren, mit allen Helden der „Ilias“, mit allen großen

Geistern Athens.

Das Schiff war dann nicht mehr nur ein gewöhnliches Dampfschiff; es

wurde hoheitsvoll ein Argonautenfahrzeug voll herrlich gerüsteter

Männer, voll festlicher Götterfrauen. Sie kamen in hellen Zügen wie

aufsteigender Meerschaum über das türkisenblaue Meerwasser. Sie kamen

aus den fernsten Ölbaumhainen. Und als spät am Tage der Berge lange

Abendschatten sich dunkelgrün in das Meer hinaus bis an unseren

Schiffsbord hinlegten, da kamen immer mehr griechische Helden und

Heldinnen, griechische Götter und Göttinnen, gefolgt vom frohen

singenden Volk, auf den Abendschatten, wie auf Brücken, über die

Meerflut heran.

-- Nur wieder neun Jahre später erlebte ich ähnliches Entzücken,

als ich in einem ähnlichen silberblauen Vorfrühlingslicht in der

japanischen Inlandsee fuhr, zwischen japanischen Ufern, in der Heimat

des naturseligsten Volkes der Erde. --

Als ich die Uferbilder und Meeresbuchtenlinien Griechenlands zum

erstenmal zwischen den Wimpern meiner Augen in mein Herz einziehen

fühlte, schienen sie unwirkliche Gefilde zu sein. So verklärt

schimmerte das Tageslicht von den melodisch geschweiften Bergen,

als wäre die Küste von dem Licht einer geistigen, unirdischen Sonne

beschienen.

Jene Erde, die so viele Schritte ernster Helden einst gehört hatte

und sich von Homer besungen fühlte, lag da vor mir, als hätte sie

sich unter Homers Gesang verklärt -- wie eine Frau, die lautlos ein

Liebeslied immer wieder singt, das ihr der gestorbene Geliebte einst

gedichtet hat.

Und wie das Antlitz eines Menschen, der ein Gedicht wiederholt, das

er liebt, und dessen Auge zwischen irdischem und unirdischem Ausdruck

geteilt, verklärt in den Tag sieht, so sah Griechenland -- das Lied

Homers lautlos vor sich hinsingend -- mit seinen feierlichen Höhen an

jenem Tage, an dem ich vom Morgen bis zum nächsten Morgen im Meer an

der Küste vorüberfuhr, in meine Augen und war eine heilige Geisterwelt,

eine heilige Dichterwelt.

Es schien keine Stunde nüchterner Alltag an jenen Ufern zu sein. Eine

köstliche Festlichkeit begleitete mich an dieser Küste entlang bis zur

nächsten Morgenstunde, bis zum Augenblick, da das Schiff in Piräus

anlegte.

In Piräus, im Hafengetriebe, zwischen Hafenhallen und Haufen von

Fischerbooten, bei schmutzigen Fischerkneipen, bei den Kähnen,

die, beladen mit gelben Orangen und grünen Zitronen, fremdartig

leuchteten, wußte ich nicht mehr, als ich den Fuß ans Land gesetzt,

daß ich in Griechenland war. Es lag vor mir ein kleinstädtischer

lebendiger Mittelmeerhafen mit dem üblichen Hafenlärm, mit Zollbeamten,

Fuhrleuten, Fischern. Nur die griechische Lebhaftigkeit, das fliegende

Verständnis für jeden Augenblick des Lebens, eine gewandte Eile und

eine bestrickende Gefälligkeit, die den Nordländer argwöhnisch macht,

in ihnen war griechischer Geist zu fühlen.

Wir fuhren dann bald mit einem Wagen auf der alten Heerstraße hin, die

in einer geraden Linie, wie mit einem Lineal gezogen, nach Athen führt.

Ich hatte geglaubt, daß hier Ende März schon Frühlingsgrün zu finden

wäre, und war nun erstaunt, daß die Weingärten an den Wegseiten nur

braune Rebenstrünke und noch kein grünes Blatt zeigten.

Während der Fahrt sah ich immer geradeaus und wunderte mich, daß ich

nirgends den Felsen der Akropolis entdecken konnte. In der breiten

Ebene, die sich zwischen zwei Bergzügen von Athen nach Pyräus ans Meer

zieht, hätte ich geglaubt, den Berg und die Akropolis am Ende des

Tales, groß gegen den Himmel gezeichnet, sofort erkennen zu müssen.

Aber erst nah bei der Einfahrt in Athen sah ich, umgeben von höheren

Hügeln und verschwindend klein neben dem mächtigen Hymettosbergwall,

die Anhöhe der Akropolis mit den Tempelresten. Aus der Ferne ließ

diese Tempelruine noch nichts von ihrer Großartigkeit ahnen.

Das neue Athen, in das wir einfuhren, mit seinen bürgerlichen

Häusern der Neuzeit, mit seinen Schaufenstern, Straßenbahnen, seinem

Kaffeehausleben, mit dem Getriebe unseres Jahrhunderts in der langen

Stadionstraße, war mir vom Anfang an im Wege. Ich wäre am liebsten

draußen vor der neuen Stadt heimlich aus dem Wagen gestiegen und durch

die Felder in weitem Bogen um das neuzeitliche Athen gegangen, hinauf

zur Akropolis.

Am Tage vorher auf dem Meer war ich im Geist in einer stillen

Ruinenwelt angekommen, die sich Athen nannte. Ich hatte in Gedanken

nebenbei ein paar Gasthäuser oder ähnliche Häuser in ehrfurchtsvoller

Entfernung, den Ruinen bescheiden Platz machend, gesehen und hatte

geglaubt, daß die Fenster jener neuen Häuser, so wie die Augen der

neuen Menschen dort, den ganzen Tag andachtsvoll träumend und vom

Bewundern der großen Vergangenheit der Ruinen bewegt, keine Zeit zu

eigenem Leben finden könnten.

Nun aber lärmte da eine sich selbständig dünkende junge Stadt, eine mit

Trambahnen, elektrischen Maschinen, Telegraphen und Telephonen und mit

Motoren arbeitende, zeitgemäße, laute, ehrgeizige Stadt.

Diesen Zeitlärm konnte ich noch nicht mit meinen, nur feierliche Ruinen

suchenden Wünschen vereinigen. Und ich war enttäuscht und wünschte

mich wieder aufs griechische Meer zurück. Die Zeitungsverkäufer

und die Lotterieverkäufer, die auf unserem Wagentrittbrett

geschäftig schreiend emporkletterten, während wir in die lebendigen,

gewerbetreibenden Morgengassen von Athen einfuhren, machten mich

endlich lachen. Und Humor stellte sich ein, und ich freute mich, doch

allmählich von der Meeröde wieder unter zappelnde Menschenkinder

gekommen zu sein.

Das unterhaltende südliche Straßenleben, die Kupferschmiede, die

Seiler, die Korbflechter, die Töpfer und das viele andere Kleingewerbe,

das da zusammengepackt in den Gassen nistet, war in seiner herzlichen

Irdischkeit reizvoll zu betrachten, und der Lärm, der mich zuerst

abstieß, lockte bald vertraulich meine Ohren an. Eine arbeitende starke

Gegenwart, meine Gegenwartswelt, erfüllte mich wieder, und ich ließ die

feierlichen Träume weit zurück und fühlte mich trotzdem wohl.

Mein Reisegefährte hatte von seinem Vater einige Empfehlungen an

griechische Geschäftsleute, an den deutschen Konsul und an den

deutschen Archäologen Professor Dörpfeld mit sich. Von dem letzteren

erhielten wir bei einem Besuch einige gute Ratschläge für unseren Ritt

durch den Peloponnes, den wir von Olympia aus nach Sparta unternehmen

wollten. Zuerst aber wollten wir vorher noch Delphi, Apollos heilige

Stätte, am korintischen Meerbusen sehen. Französische Gelehrte hatten

dort kürzlich das große Ruinenfeld der Heiligtümer wieder aufgedeckt. --

Morgens von sechs bis neun Uhr herrschte schon das lauteste Leben

zwischen den blendend weißgetünchten Häusern von Athen. Keine Stadt ist

mir je wieder so hell vorgekommen wie diese lichtdurchtränkte weiße

Neustadt Athen. Und trotzdem herrschte Düsterkeit in den Straßen.

Denn in keiner Stadt sah ich jemals wieder so wenig Frauen, wie am

Nachmittag dort auf dem Schloßplatz, während die Musik spielte.

Nirgends war eine griechische Dame, nirgends ein griechisches Mädchen

zu sehen. Nur manchmal fuhr ein weibliches Wesen in einem Wagen

vorüber. Aber auf dem Schloßplatz standen wie eine einzige schwarze

Masse, Schulter an Schulter, plaudernde Männer von allen Altern.

Nie wieder sah ich ein ähnlich einseitiges Dasein. Man könnte glauben,

es würde hier Börse abgehalten unter freiem Himmel. Oder man konnte

denken, es sei eine Verschwörung im Gang. Während im heutigen Rom zur

Musikzeit in den Gartenanlagen des Monte Pincio die Römerinnen aller

Gesellschaftskreise, zu Fuß und zu Wagen, plaudernd mit und zwischen

den Herren erscheinen, sind in Athen zu den Musikstunden nur einige

Ausländerinnen am Rand des Platzes bei den Kaffeehäusern zu sehen.

Es entsteht deshalb hier kein fröhliches Gemisch, keine festliche

gesellige Woge. Wie eine zusammengepferchte Stierherde stauen sich die

Männer stumpf und stolz um die Musik.

Ich habe ähnliches nur im Hyde-Park in London gesehen, wenn ein

politischer Redner auf einen Stuhl gestiegen war und sich Hunderte

von Männern um ihn gesammelt hatten. Dort sah ich ähnlich viel

schwarzbekleidete Rücken wie auf dem Schloßplatz von Athen.

Eine gähnende Langweile ging von dieser Musik aus. Denn die plaudernden

und politisierenden eifrigen griechischen Männer ließen die Musik, wie

es schien, nur in ihren Ohren verhallen. Die Frauen, die im Gehen und

im Lächeln wandelnde Musik sein können, fehlten hier den Augen der

Männer, und das machte, daß die Männerohren nur halb hinfühlten, und

daß nur eine halbe Festlichkeit aufkam.

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sagt die Bibel. Und ich

möchte hinzufügen: es ist nicht gut, daß der Mann ohne eine Frau Musik

hört, daß der Mann ohne eine Frau ein Gedicht liest, daß der Mann ohne

eine Frau ein Bild betrachtet, daß der Mann nur mit Männern spaziert.

Ohne die Frau kommt nur die halbe Welt der Kunstwerte und die halbe

Welt allen Lebens zum Mann. Ebenso können die Frauen die Welt und die

Künste nicht allein ohne den Mann ganz verstehen und ganz genießen.

* * * * *

Als ich allein um die Erde reiste ohne meine Frau, merkte ich es zuerst

gar nicht, wie wenig ich eigentlich sah. Ich merkte es aber gleich,

wie viel ich sah, als ich heimkam von der Weltreise und meine Frau in

meinen Erzählungen mit mir zusammenreiste.

Da erst wachten viele Blicke auf, von denen ich nicht gewußt, daß ich

sie aufgenommen hatte, und Bilder und Landschaften und Begebenheiten

kamen mir aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein, als ich vor ihren

Augen noch einmal die Weltreise zu Hause in Gedanken dichtete.

Was ich für mich allein erinnert hätte, das wäre kaum die Hälfte der

Eindrücke gewesen. Für sie aber erinnerte ich noch eine Fülle, die ich

im Unbewußten beim Reisen mit ihren Augen aufgenommen hatte, und die

verloren gegangen wären, wenn nicht ihr Auge mir dann zu Hause das

unbewußt Gesehene geweckt hätte.

Ich hatte auf der Weltreise unterwegs keine Notizen gemacht, was ich

niemals auf Reisen tue, hatte mich auch durch keine Bücher auf die

Reise vorbereitet, las auch nach meiner Heimkehr nicht die Briefe

durch, die ich unterwegs geschrieben hatte, sondern hielt mich nur an

mein und ihr Auge, an unsere inneren und äußeren Augen, mit denen ich

die große Reise nochmals nachreiste, so wie ich heute nach sechzehn

Jahren die griechische Reise wieder nachreise.

Von der Weltreise kam ich im Juli 1906 zurück, und erst im Juli 1907

begann ich mein Buch „Die geflügelte Erde“, das jene Reise in Versen

beschreibt. Nur einige Photographien und Ansichtspostkarten und nur

kleine Geschenkerinnerungen, die ich von jedem Ort unterwegs für meine

Frau mit nach Hause genommen hatte, nur diese winzigen Stückchen

Wirklichkeit halfen mir zwei Jahre lang nochmals die sieben Meere und

ihre Wunder in einer Dichtung aufleben zu lassen.

Ich fühlte mich während der Reise um den Globus auch keinen Augenblick

als Schriftsteller reisen. Wohl hatte ich jene Fahrt mit dem Gedanken

angetreten, später einmal eine Dichtung über die Wunder der Erde

schreiben zu wollen. Aber während der Reise enthielt ich mich jedes

Gedankens an das künftige Buch. Und ich glaube, ich bewahrte mir

dadurch einen möglichst unbefangenen innerlichen Blick, indem ich jedes

übertriebene berufsmäßige Schauen, jedes berufsmäßige Aufnehmenwollen

beim Reisen ausschaltete, wie ich das auch bei Erlebnissen immer zu tun

versuche.

Nur dann lassen sich die Empfindungen und die Gefühle breit und tief in

einem nieder, wenn man ihnen allmenschlich und zwecklos entgegenkommt.

Jeder Zweck macht die künstlerischen Gefühle taub und öffnet nicht die

Tiefen des Innenlebens im Menschen.

Aber ich habe gefunden, daß es für einen Schriftsteller einer

jahrelangen Selbstzucht bedarf, einer immer wieder erneuten Zucht des

Willens und einer immer wieder erneuten Zucht zur Ruhe und Geduld

bedarf, um das Leben mit offenem Gefühl täglich von neuem _in heiliger

Zwecklosigkeit_ empfangen zu können. Nur jenen Zweck soll der Dichter

hochhalten, den, dem Weltalleben nachzufühlen und nicht nur sein

eigenes Leben, sondern alle Lebenserscheinungen in das Herz einmünden

zu lassen.

Nur dann wird dem, der sich durch solches Weltallempfinden, durch

das gerechte und empfindende Betrachten aller Leben bereichert hat,

nicht bloß das geistige, sondern auch das leibliche Gefühl der

Lebensunendlichkeit zu teil.

Die Lust an der Unvergänglichkeit der einzelnen Atome des Leibes

überbietet dann das leise Weh über die Vergänglichkeit der Leibesform.

Denn das Gefühl der leiblichen Unsterblichkeit ist für uns alle

erreicht, sobald wir das Weltall als unseren Leib und Besitz fühlen

lernten.

Als ich am Spätnachmittag des ersten Tages in Athen, am Theseustempel

vorbei, dessen ehemals weiße Säulen jetzt wie gelbes Bienenwachs

leuchten, auf dem Weg bei den alten Amphitheatern zur Anhöhe der

Akropolis hinaufwanderte und dann über die breiten zerbrochenen

Freitreppen, auf dem mit Quadern bepflasterten Platz beim kleinen

Erechtheiontempel vor den ungeheueren Säulen des Parthenontempels

stand, da, schien es mir, waren das keine Ruinen, was ich vor mir sah.

Es waren Bauwerke noch im Aufbau begriffen.

Die Handwerksleute und die Architekten schienen den jungen Bauplatz

des herrlichen Zukunftbaues eben zur Abendstunde verlassen zu haben

und waren hinunter in die Stadt gegangen. Da lagen Säulen und Quadern,

die scheinbar noch am Mittag den Hammer und den Meißel der Steinmetzen

gespürt hatten. Und die steinernen Frauengestalten, die das Sims des

Erechtheion auf ihren Köpfen stützen, waren von den jungen Bildhauern

vorhin erst mit den lebenden Frauen verglichen worden, die dazu Modell

gestanden hatten, vor dem inneren und äußeren Auge der Künstler.

Jung, lebensvoll, wunderbar zeitlos waren die Formen und die

künstlerischen Linien der behauenen Steine. Die gerillten Säulen

standen jung aufrecht, als wäre in ihren tiefen Rinnen nur erst ein Mal

ein Frühlingsregen herabgerieselt.

Nichts sprach hier von jahrtausendaltem Regen, von jahrtausendalten

Winden und Sonnenbränden, die diese Steine erlebt hatten. Nur

neuzeitliche und zukünftigste Weltfestlichkeit tönte bei jedem Schritt

auf den Fließen des Parthenons in mein innerstes Ohr. Diesem Bauplatz

fehlten nur die Gerüste; man mußte annehmen, die Baugerüste seien zu

früh abgenommen worden, ehe die Bauten noch ganz fertig waren. Einen

andern Eindruck empfing ich nicht. Das Wort Ruine kam nicht in meinen

Gedanken auf.

Welche stümperhafte Bauten waren dagegen die alten römischen

Backsteinbauwerke des Forums in Rom! Welche stümperhafte,

geistesbeschränkte, unharmonische Linien trugen nicht alle anderen

Steinbauten Europas! Hier an der Akropolis waren nicht bloß geschickte

Menschenhände und klug berechnende Gehirne an der Arbeit gewesen.

Hier hatten weltfestliche Herzen die Pläne gezeichnet, weltfreudige

Hände und Augen Meißel und Hammer walten lassen. Die aus den Gehirnen

eines Volkes von Dichtern geborenen menschenherrlichen Götter hatten,

ähnlich wie sie beim Kampf um Ilion die Krieger aneiferten, so hier

die Künstler bei ihrer Arbeit beseelt. Diese Tempel waren gedichtet,

waren jahrtausendalte Steingedichte. Und so wie jedes echte Gedicht

kein Alter, keine Zeit, keine Vergänglichkeit kennt, so standen

auch diese Bauten alterlos jugendlich in ihrer unvergänglichen

Selbstverständlichkeit da.

Auch die Säulen, die gestürzt waren, sie wurden nicht zu Ruinenstücken.

Sie blieben Vollkommenheiten. Sie schienen in jedem Augenblick neu

aufwachsen zu wollen, da jeder einzelne Stein, jede Meißellinie

Unsterblichkeit ausstrahlte und überzeugendste Weltallfestlichkeit.

Wenn ich mir heute vorstelle, daß dort auf der Anhöhe der Akropolis,

um den freien Platz bei dem Parthenontempel, Flieger mit ihren

Flugmaschinen landen und wieder aufsteigen sollten und um jene

sogenannten Ruinen kreisen würden, und wenn ich mir dieselben

Luftfahrzeuge aufsteigend und kreisend um alte deutsche Burgen denke

oder um das Schloß von Versailles, um den Londoner Tower, um das

Potsdamer Lustschloß Sanssouci -- nirgends in Europa würden die

Flugmaschine und der Motor in ihrer edlen stählernen Gelenkigkeit

und gestaltet von neuzeitlichem Erfindungsgeist sich so klar und

gleichberechtigt dem Geist der Baumeister anpassen als bei der

Akropolis. Hier könnte man glauben, die Ururenkel jener Bauleute

haben von ihren Vätern mit den Plänen der Tempel auch die Pläne zu

den neuzeitlichen Flugmaschinen, die Pläne zu den stählernen Motoren,

ebenso wie die Pläne der drahtlosen Telegraphie, die Pläne zu den

Markoniapparaten und die Pläne zu allen heutigen technischen und

elektrischen Erfindungen erhalten.

Wenn ich an Gotik-, Renaissance- oder Rokokobauten denke, selbst

wenn ich an den arabisch-maurischen Stil mit seiner weiblichen

Märchenhaftigkeit denke, -- bei keiner dieser an sich harmonischen

Stilarten tritt das Geistige und das Körperliche in so klarer, edler

und einfacher Einheit auf. Dieser Baustil ist der Brudergeist unserer

sich in Arbeit und Festlichkeit und Selbstzucht übenden Zeit. Jung

tritt einem dieser Neuzeitgeist entgegen aus allen alten Bauten

Griechenlands und besonders aus den alterlosen athenischen Bauten der

Akropolis und des Theseustempels.

Es scheint mir oft, als hätten unsere Architekten in ihren neuesten

Bauten noch nicht dem aufgeklärten festlichen Zeitgeist voll Rechnung

getragen. Wohl wirkt die große Vereinfachung in der heutigen

Architektur befreiend. Aber es fehlt noch die Selbstverständlichkeit

der Formen.

Zu viel geschultes Wissen, zu wenig innerliche Freiheit gestalten

den heutigen Baustil. Es sind noch nicht alle Dumpfheiten alter

Weltanschauungen vollkommen überstanden. Es herrscht noch nicht in der

Architektur die selbstverständliche einfache Weltallfestlichkeit, die

angeboren in uns lebt.

Den meisten unserer Bauwerke fehlt in der Linie noch die natürliche

Beherrschung, mit welcher zum Beispiel ein Vogel von Baum zu Baum

fliegt, mit der ein Reh aus dem Waldsaum tritt, mit der die Biene

arbeitet und die Forelle gegen den Bachstrudel schwimmt, mit der

das Buchenblatt sich aus seiner braunen Schutzkapsel entfaltet, mit

der jede Baumart ihre verschiedenen zackigen Blätter naturgefällig

hervorbringt.

Bauformen müssen so körperlich klug wie geistig klug sein und Nutzen

und Schönheit in unzertrennlicher klarer Einheit vereinigen.

Aber ich will nicht damit sagen, wenn ich die alten griechischen

Baudenkmale lobe, daß man, wie man es zu Anfang des neunzehnten

Jahrhunderts getan, zu Napoleon des Ersten Zeit und später, die

griechische Säulenwelt nachgeahmt bei uns aufstellen soll.

Ich möchte nur darauf hinweisen, daß, wenn wir eine befreite festliche

Innerlichkeit, mit der der Grieche das Alltagsleben in jedem Augenblick

auffaßte, auch bei uns wirken lassen wollen, so werden wir dann auch

zu geistig freieren Bauwerken, unserem Klima angepaßt, zu einem edlen,

unveränderbaren feststehenden Stil kommen.

Eine festliche Weltanschauung wird alle Künstler verinnerlichter und

vereinfachter arbeiten machen. Sobald das Leben von den europäischen

Völkermassen nicht bloß als eine Pflicht oder gar als sündiges

Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zu einem besseren Leben

aufgefaßt wird, wird sich alles Menschenleben natürlicher und

künstlerischer gestalten als jemals.

Wenn die Völker von der zweckmäßigen, daseinsklugen Weltfestlichkeit

aller Leben, also auch von der Festlichkeit der Menschenleben,

durchdrungen und überzeugt worden sind, wird der Kunstsinn festlich

befreit sein.

Ebenso wie die Griechen, so hat man auch lange Zeit die Japaner nur vom

Standpunkt einer schmachtenden Schönheitsschwärmerei aus bewundert.

Man verstand nicht, wie herrlich nützlich in erster Linie alle Gebilde

sind, die diese beiden Völker hervorbrachten, und die zuerst den Zweck

erfüllen und bei wunderbarer Zweckdienlichkeit eine selbstverständliche

Schönheit bieten.

Eine Bauernfrau im schlichten Arbeitskleid und jeder Arbeiter in seiner

Arbeitstracht, die zweckdienlich erfunden wurde, wirken künstlerisch

und zeitgemäß und sind nicht stimmungsstörend für den Künstler.

Zweck und Geist verhöhnend aber sind die heutigen, zerstückelten und

zusammengenähten, sinnlosen Modekleider der europäischen Frauen.

Grauenhaft verirrt ist das europäische Frauenkleid von heute und ist

nicht mehr die kluge nützliche, schöne irdische Hülle für den schönen

irdischen Frauenleib.

Die Japanerin, die Chinesin, die Araberin sehen ihr Kleid noch mit

gesundem und klugem Natursinn als eine feierliche, zweckmäßige

Umhüllung an.

Das europäische, zweckwidrige, schönheitswidrige, unedle, unsinnig

zusammengestellte Modenungeheuer, das man nicht mit dem edlen Namen

Frauengewandung benennen darf, ist ein Ergebnis dumpfer, verjährter und

überwundener Weltanschauung.

Und auch die europäische Männerkleidung beengt den Körper, wirkt

zerstückelt und ist zeitraubend beim Anlegen. Sie besteht aus viel zu

viel einzelnen Teilen und Teilchen.

Der Menschenkörper aber soll eingehüllt und nicht eingezwängt werden.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 15 / 22 段