Sie hatten mir, ehe sie fortgingen, noch das Versprechen abgenommen,

daß ich mich wenigstens erst einige Wochen überzeugen sollte, ob ich

dem Lande keine Reize abgewinnen könnte. Ich sagte, das sei ganz

unnütz. Aber ich versprach ihnen, mich einige Zeit umzusehen, trotzdem

ich wußte, daß es keinen Sinn hatte. Denn ich hatte beim ersten Blick,

bei der Landung in Vera-Cruz, begriffen, daß ich meinem Gefühl recht

geben mußte, das sich beim Anblick der ersten Kokospalme aufgelehnt

hatte, und das mir gesagt hatte, daß ich hier niemals ein deutsches

Gedicht schreiben würde.

Ich kaufte mir dann ein Pferd und ritt jeden Tag in die Umgebung der

Hauptstadt auf Meilen über die Hochebene hin, wo es nur ausgetrocknete

Staubflächen, einige Maisfelder und nur vereinzelte Bäume gab.

Mexiko teilt sich klimatisch in drei Zonen: in das glühende Tropenland

am Meer, wo Vera-Cruz liegt, in das Halbtropenland, das auf halber

Höhe, auf dem Weg nach der Hauptstadt, sehr fruchtbar einen reichen

Landstrich voll Plantagen und Haziendas bildet, und dann, als dritter

Teil, in die Hochebene, auf welcher die Hauptstadt Mexiko liegt. Diese

Ebene wirkt leer im Vergleich zu den beiden anderen tiefer gelegenen

Zonen, sie hat zwar auch ein warmes, aber nicht so glühendes Klima und

ist nicht so fruchtbar. Diese Hochebene ist staubig und trostlos öde,

und ihr Landschaftsreiz besteht nur im gewaltigen Rundblick auf die

Vulkanberge am Horizont.

Ich besuchte bald auch die reichen Gärten und Plantagen der Halbtropen,

fand dort viele spanische Klöster umgewandelt in neuzeitliche

Zuckerfabriken und durchwanderte die Pflanzungen, die üppigen

Bananengärten, die Ananasgärten, die Kaffeegärten, die Zuckerrohrfelder

und die Baumwollenfelder.

Aber immer begleitete mich auf allen Wegen, mitten in der

Tropenüppigkeit, der Gram, daß es nirgends Wiesen mit heimatlichen

Blumen gab, nirgends Wälder, die da rauschten. Denn die Urwälder

rührten sich nicht. Wie aus Leder geschnitten hingen die

schweren Blättermassen in der Luft, und die Bäume standen in der

Treibhausschwüle aufgebläht. Da war kein liebliches Geflüster von

Halmen und Gräsern. Kreischende Vögel mit grellen Lauten nannte man

mexikanische Nachtigallen. Ihre Pfiffe waren wie Lokomotivenpfiffe

gellend, so daß einem bei diesem Gejohl die Ohren schmerzten.

Die weißschaftigen Königspalmen standen zwar prächtig da, wie Säulen

aus Marmor und Alabaster. Sie verblüfften mich erst; dann aber wußte

ich nichts mit den fremdartigen Eindrücken und mit der Verblüffung in

meinem Herzen anzufangen.

Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden ans Fenster trat -- nachdem ich

im Schlaf in Europa gewesen war --, schnürte sich mein Herz zusammen,

sobald ich statt Europäer draußen Indianer in ihren weißen Hemden

und ihren weißen Hosen lautlos durch die Straßen eilen sah. Und die

Dunkelgesichter und die fremden Bäume und die spanisch-mexikanische

Architektur, alles erzählte mir immer wieder: du bist viele Wochen weit

durch einen ungeheuren Ozean von deinem Heimaterdteil getrennt.

Ich hatte Ländlichkeit und tropische Lebensfreude gegen das

geschäftliche Europa, gegen den Warenhaussinn europäischer Weltstädte

eintauschen wollen und hatte nicht dabei an Abenteuerlust, nicht an die

Befriedigung wilder Instinkte, wilder roher Goldgier und nicht an Jagd

nach fabelhaftem Glück gedacht.

Aber schon auf dem Schiff von Neuyork nach Vera-Cruz war mir das

Gesindel, das von der ersten bis zur letzten Klasse das Schiffsdeck

füllte, aufgefallen. Da waren nur Glücksjäger, Goldschmuggler, Männer,

die sich der harten Arbeitsordnung in Neuyork und den nördlichen

Staaten nicht unterwerfen wollten, und die sicher nicht vor falschem

Spiel, betrügerischen Geschäften, ja sogar nicht vor Raub und Mord

zurückscheuten. Das sah man ihren frechen herausfordernden Gesichtern

an, daß sie wie überhitzte Spieler ihren letzten Lebenseinsatz auf

Abenteuerreisen gewagt hatten.

Da war keine Ruhe bei ihnen und natürlich auch von künstlerischem

Lebenssinn und inniger Lebensbetrachtung kein Gedanke in ihrer Nähe.

Denselben Gesichtern und Gesellen begegnete ich dann zwischen Vera-Cruz

und Mexiko auf der zweitägigen Eisenbahnfahrt, auf dem Weg nach

der Hochebene und in der Hauptstadt Mexiko überall. Die Gold- und

Silberminen Mexikos, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts

Hunderttausende angezogen hatten, aber jetzt reichlich geplündert

waren, lockten immer noch die goldlüsternen ordnungslosen Geister aus

dem Norden Amerikas.

Wenn auch viele von jenen Männern das Goldsuchen aufgegeben hatten

und Besitzer von kleinen Haziendas geworden waren, so waren

die Landesverhältnisse nicht friedlicher geworden. Das sah man

der Ausrüstung aller Männer an, daß sie immer noch gegen Mord,

hinterlistige Überfälle, heimtückischen Todschlag und gegen Raubgier

nicht bloß in entlegenen Winkeln des Landes, sondern auf den offenen

Hauptstraßen, sogar mitten in der verkehrsreichen Hauptstadt Mexiko,

anzukämpfen hatten.

Ein Revolver genügte ihnen nicht in der Gürteltasche. Auf der

Juwelierstraße und Hauptstraße der Stadt Mexiko standen die schwer

bewaffneten Gruppen morgens, mittags und abends zusammen, als wäre die

Straße ein Räubermarkt. Die Männergürtel waren bepackt mit Revolvern

und Waffen aller Art. Die großen breitrandigen Filzhüte, die Sombreros,

die die Gesichter halb verdeckten, gaben jedem einzelnen das Aussehen

von einem Rinaldo Rinaldini.

In den Trambahnwagen und in den Eisenbahnwagen, abends auf dem Korso

und beim Billardspiel in den Kaffeehäusern begegneten einem die mit

Revolvern und Waffen bespickten Gestalten überall. Sie waren immer mit

Waffen drohend beladen, als kämen sie eben von Raubzügen zurück oder

als hätten sie sich zu einem Raubplan verabredet.

Wir, die wir von dem lebhaften, aber doch gesitteten pariser

Boulevardleben, nur mit Sonnenschirm und Spazierstock bewaffnet,

friedvoll und natursehnsüchtig in jenem Lande angekommen waren,

verwunderten uns nicht wenig über die abenteuerliche Haltung der Leute

hier und über ihr räuberisches Aussehen.

Mit dem Totschläger in der einen Hand, den Revolver im Gürtel und eine

brennende Laterne in der anderen Hand, so standen nachts in Gruppen die

Polizisten an den Straßenkreuzungen. Und jeden Donnerstag war unter den

Bäumen der „Avenue des Columbus“ Musterung über das Heer der Polizisten.

Eine der aufregendsten Polizeigreueltaten ereignete sich während meines

Aufenthaltes.

Ich erlebte es, daß neunzehn Polizisten, bestochen und überredet vom

verbrecherischen Polizeioberhaupt selbst, einen Häftling, der im

Nationalpalast eingesperrt war, am Nachmittag des Nationaltages in

seiner Zelle mit neunzehn Messerstichen niederstießen.

Das Polizeioberhaupt war mit jenem verhafteten Mann verbrecherisch

verbunden gewesen. Jener Gefangene hatte dem Polizeipräsidenten früher

einmal Gift verschafft, damit dieser einen Abbé aus dem Wege schaffen

konnte. Jener Abbé, der auch wirklich von ihm vergiftet wurde, war

der Beichtvater einer reichen jungen Mexikanerin gewesen, die der

Polizeipräsident hatte heiraten wollen. Aber der Abbé, der auch der

Beichtvater des Polizeipräsidenten gewesen, hatte jene Dame vor der

Heirat gewarnt. Auf diese Warnung hin hatte sie ihre Verlobung mit dem

Polizeipräsidenten gelöst.

Jener Mann, der dem Polizeipräsidenten das Gift zu jenem

Mord verschafft hatte, erpreßte danach von ihm unausgesetzt

große Schweigesummen. Als der Polizeipräsident nicht weitere

Erpressungsgelder zahlen wollte oder konnte, drohte jener, den

Mord an dem Abbé dem Präsidenten der Republik mitzuteilen und den

Polizeipräsidenten durch diese Enthüllungen zu vernichten.

Am Vormittag des mexikanischen Nationalfestes, im September, als

der Präsident der Republik, Porfirio Diaz, an der Tribüne vorfuhr,

von welcher er die Truppenschau abhalten sollte, drängte sich jener

Mann, der das Polizeioberhaupt beim Präsidenten der Republik anzeigen

wollte, durch die Zuschauermasse und hielt, um die Aufmerksamkeit des

Präsidenten und seiner Generäle auf sich zu lenken, einen faustgroßen

Stein in der gehobenen Hand, als wolle er Porfirio Diaz erschlagen.

Ein General warf sich dem Heranstürmenden entgegen, ebenso taten andere

Herren der Umgebung und die Polizisten. Man fesselte den Mann, welcher

laut rief, er habe große Enthüllungen über die Polizei zu machen.

Man sah den Polizeipräsidenten selbst, der den Mann fortschleppen

ließ, rasch mit dem Gefangenen in einen Wagen steigen und nach dem

Nationalpalast fahren. Der Polizeipräsident hatte seine Wohnung im

Nationalpalast, wo der Häftling eingesperrt wurde.

Nach der Truppenschau kehrte Porfirio Diaz unter dem Jubel der

Menschenmassen und von den Leuten von allen Balkonen herab begeistert

begrüßt, durch die Hauptstraße, die Calle San Francisco, an der

Spitze der Truppen in die Stadt zurück. Die Zeitungen brachten in

Extrablättern noch mittags, während des großen Nationalfestessens, die

Nachricht von dem glücklich abgewendeten anarchistischen Anschlag eines

Verrückten auf den Präsidenten der Republik.

Ich selbst war bei der Truppenschau gewesen und hatte mit eigenen Augen

an dem beflaggten Platz der Stadt den Überfall auf den Präsidenten mit

angesehen.

Am Abend war großes Feuerwerk vor dem Nationalpalast, wo Musikbanden

spielten. Hunderttausende von Indianern, die auf dem Platz vor der

Kathedrale Bananen brieten und Maiskuchen buken und dort auf dem Rasen

um kleine Kohlenfeuer hockten, sangen während der ganzen Nacht zu ihren

Mandolinen alte wehmütige Indianerweisen, Überlieferungen aus der

Aztekenzeit.

Ich ging mehrere Stunden auf dem Festplatz umher, saß unter den Bäumen

und freute mich an den malerischen Gruppen, an den sanften friedlichen

Liedern und an der Schlichtheit und Einfachheit des Eingeborenenvolkes.

In weißen Leinwandkleidern, in weißer Hose und weißem Hemd die Männer

und in blauen Leinwandröcken und in schwarze Tücher gehüllt die Frauen,

so lagerten die Indianerscharen auf dem Rasen und vergnügten sich

sanft und harmlos. Sie waren wie Gazellenherden, die in einer Nacht

im Mondschein vergessen dürfen, daß sie von Jägern, Hunden, tödlichen

Gewehren und eisernen Waffen am Tage umringt, gehetzt und mitleidlos

gejagt dahinleben müssen.

Gegen Mitternacht, als ich heimging, hörte ich einige Schüsse fallen.

Der Schall kam von der Richtung des Nationalpalastes, welcher ein

langes einstöckiges Gebäude im spanischen Jesuitenstil ist. Ich

kümmerte mich aber nicht um das Schießen und ging nach meinem

spanischen Hotel. Ich sah noch, als ich den Platz verließ und in die

Seitenstraße bog, daß Scharen von Polizisten aus allen Straßen nach dem

Nationalpalast liefen, und daß auch die Massen der auf dem Rasengarten

des Platzes friedlich gelagerten Indianer sich erhoben hatten und sich

gegen den Nationalpalast hinbewegten, angezogen, wie es schien, von den

Schüssen, deren Echos ich noch in den Ohren trug.

In jenem Lande aber, wo man den ganzen Tag mit Pistolen bewaffneten

Männern begegnet, schien es mir nichts Absonderliches zu sein, wenn ein

kleiner Streit ausgebrochen war, bei welchem geschossen wurde, oder

daß ein kleiner Überfall statthatte. Und da es nicht weise ist, sich

unter Streitende zu mischen, vermied ich es, neugierig zu werden, und

schlenderte nach Hause.

Am nächsten Morgen hatte ich das kleine Ereignis vergessen und

dachte erst daran, als alle Zeitungen berichteten, daß in der Nacht

jener Anarchist, der den Präsidenten bei der Truppenschau angefallen

hatte, in dem Haftzimmer im Nationalpalast von einer eindringenden

Menschenmenge gelyncht worden sei. Neunzehn maskierte Männer wären in

das Gebäude eingedrungen, gefolgt von tobenden Menschenmassen, und

die neunzehn Maskierten hätten mit neunzehn Messern -- die sie in dem

Leichnam stecken ließen -- den Verhafteten im Haftraum niedergestoßen.

Auf einem Zettel, den sie zurückließen, stand das Wort „Lynchjustiz“

geschrieben.

Die Pistolenschüsse aber, die ich gehört hatte, waren um Mitternacht

vom Polizeioberhaupt selbst vom Balkon des Nationalpalastes abgegeben

worden. Man sagte, als die neunzehn maskierten Mörder in den Palast

drangen, hätten sie den Polizeipräsidenten, der noch allein spät in

seinem Amtszimmer tätig gewesen, aufgefordert, ihnen den Weg zum

Haftzimmer zu zeigen, da sie im Namen des Volkswillens, im Namen der

Nation, den Häftling, der am Morgen bei der Truppenschau das Leben

ihres geliebten Präsidenten der Republik bedroht habe, lynchen wollten.

Der Polizeipräsident habe auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollen.

Doch als sich die Mörder nicht hatten abhalten lassen und selbst den

Weg zum Haftlokal gesucht und gefunden hatten, sei das Polizeioberhaupt

auf den Balkon gesprungen und habe seinen Revolver in die Nachtluft

abgefeuert, um die auf dem Platz das Nationalfest feiernde Volksmasse

aufmerksam zu machen und sie zur Hilfe herbeizurufen.

Nach einigen Tagen aber stellte sich zum größten Erstaunen der Stadt

Mexiko heraus, daß der Polizeipräsident selbst diesen Mord an dem

Verhafteten beauftragt hatte. Aber man wußte noch nicht, welcher Grund

den obersten Polizeiherrn zu dieser Mordtat gezwungen hatte. Der

Beweggrund wurde erst später enthüllt.

Die Leute, die auf des Polizeipräsidenten Pistolenschüsse in den Hof

des Nationalpalastes geeilt waren, einige hundert Menschen, hatte er

durch die Schüsse herbeilocken wollen, und er hatte hinter ihnen die

Palasttore schließen lassen. Das Ganze sollte den Anschein bekommen,

als wäre der geheimnisvolle Mord vom Volk erzwungen worden und die

Polizei selbst überrascht worden vom Volkswillen.

Aber ein Polizist jener neunzehn Polizisten, die von ihrem

Oberhaupt überredet waren, erklärte an einem der nächsten Tage, von

Gewissensbissen gepeinigt, den ganzen Vorgang auf dem Geschäftszimmer

einer der größten Zeitungen der mexikanischen Hauptstadt.

Er berichtete: am Nachmittag des Nationalfestes habe der Präsident

der Polizei neunzehn neue Messer kaufen lassen, habe neunzehn der

zuverlässigsten seiner Polizisten zu sich ins Zimmer gerufen und ihnen

erklärt, sie wüßten doch von jeher, daß der Präsident der Republik nur

ungern ein Todesurteil unterschreibe, und daß sie Diaz einen Gefallen

täten, wenn sie ein Todesurteil an dem Attentäter vollstrecken würden.

Er, der Präsident der Polizei, wolle das Ganze so anordnen, daß der

Mord einem Lynchverfahren, von Volksmännern ausgeführt, ähnlich sehen

sollte.

Den Bedenken der neunzehn Polizisten setzte er entgegen, daß sich der

Präsident der Republik den neunzehn Beamten erkenntlich erweisen würde,

wenn sie Porfirio Diaz das Unterschreiben des Todesurteils über jenen

Anarchisten ersparen würden. Da jener Mann doch zum Tode verurteilt

werden müsse, fiele keine Mordschuld auf die Beamten. Denn sie würden

nur mit dieser Tat dem Gesetz zu seinem Recht verhelfen und zugleich

dem Präsidenten der Republik eine Gefälligkeit erweisen.

Nachdem die Zeitungen diese Enthüllungen des einen mitschuldigen

Polizisten gebracht hatten, war die ganze Bevölkerung der Hauptstadt

Mexiko von Entsetzen erfüllt. Der Polizeipräsident wurde verhaftet,

ebenso die neunzehn Polizisten. Allmählich kam auch heraus, warum

jener getötete Mann dem Polizeioberhaupt im Wege gewesen war, und

daß außer der Vergiftung des Abbé der Polizeipräsident noch viele

Schändlichkeiten begangen hatte.

Seine Freunde aber sandten ihm in einem ausgehöhlten Kuchen einen

geladenen Revolver ins Gefängnis, und er erschoß sich dort, ehe

man ihn richten konnte. Die neunzehn Polizisten wurden alle zum

Tode verurteilt. Die Zeitungen brachten die Bilder der neunzehn

Verurteilten, und Ansichtspostkarten mit den neunzehn Gesichtern der

Mörder wurden während meines Dortseins noch überall auf den Straßen

verkauft.

In atemlosester Spannung hatte die ganze Stadt vierzehn Tage lang

die Enthüllungen über diesen außergewöhnlichsten Mord verfolgt.

Auch ich las die Berichte über diese unerhörten, schauderhaften

Polizeizustände, und ich verstehe recht wohl, daß manche, die meinen

Roman „Raubmenschen“, darin ich diese Schreckenstat erzähle, gelesen

haben, die Wirklichkeit dieses nie dagewesenen Schreckens bezweifeln

mochten. Aber diese Ungeheuerlichkeit ist tatsächlich wahr und hat sich

während meines Aufenthaltes in Mexiko ereignet und sozusagen vor meinen

Augen abgespielt.

Daß Mexiko das Land der mörderischsten Möglichkeiten ist, wurde mir

klar. Sobald ich von Juli bis Dezember genügende Eindrücke gesammelt

hatte, so daß ich für alle Zeiten wissen konnte, daß ich dort niemals

ländlichen Frieden und künstlerische Ruhe finden würde, reiste ich,

nachdem ich noch mit meiner Frau eine Rundreise durch den Golf von

Mexiko nach Neu-Orleans gemacht hatte, von dort über den Ozean zurück

nach Europa, wo wir wieder Anfang Februar in Havre landeten.

Die Rückreise war so stürmisch gewesen, daß unser Schiff überfällig

war und in Havre als verloren galt und bereits auf der Verlustliste

stand. Von vier Dampfkesseln waren zwei im Sturm unbrauchbar geworden,

so daß wir nur mit halber Fahrt vorwärts kommen konnten und statt zwei

Wochen sechs Wochen zwischen dem mexikanischen Golf und Frankreich in

unendlichen Ozeanstürmen zubrachten.

* * * * *

Einige unserer Freunde in Paris, junge deutsche Maler, erwarteten uns

bei unserer Rückkunft am Bahnhof Saint Lazare. Und als sie meiner Frau

zum Willkommgruß Blumen reichten und wir wieder durch das vornehme

bewegliche Paris fuhren, atmete ich tief auf. Hier war doch wieder

Gesittung! Hier war doch nicht mehr offensichtliche Räuberwillkür!

Mochten auch noch so viele Verbrecherleidenschaften im Dunkeln dieser

Weltstadt hausen, das äußere Stadtgesicht war jedenfalls menschenwürdig.

In dieser Stadt herrschte vor allem das Lächeln der Frauen, das gnädig

oder ungnädig die Willen der Männer lenkte, und die Frauenlust stand

hier höher als die Goldlust.

Von der göttlich künstlerischen Herrschaft der Liebe in all ihren

Sehnsüchten, vom wildesten und lüsternsten Sinnentrieb an bis zum

zärtlichsten Sehnen nach dem Gunstblick der geliebten Frau, sprechen

Straßen und Menschen in jedem Augenblick in Paris.

Paris trägt den Namen jenes Hirten, der den Apfel als Schönheitspreis

der Venus reichte, und der sich dadurch einstmals Juno und Pallas

Athene zu Feindinnen gemacht haben soll. Und es ist wohl kein bloßer

Zufall, sondern ein dichterischer Einfall des Lebens, daß diese Stadt

das schönste Venusbild der griechischen Liebesgöttin zu sich in den

Louvre gerettet hat, das Bild der Venus von Milo, zu welcher jährlich

Tausende von Europäern gewallfahrtet sind und noch wallfahrten.

Die Reise nach Mexiko hatte mir aber doch nicht bloß Verluste gebracht.

Es war eine große innere Erkenntnis über mich gekommen, die, daß der

Erdteil Europa, in dem ich geboren war, mich lebenslänglich nicht

loslassen wird. Nirgends anders, in keinem anderen Weltteil, durfte

ich mir als Künstler Haus und Heim schaffen. Dies war mir ganz klar

geworden, und ich hegte nun keine überseeischen Niederlassungsträume

mehr.

Aber Überlandträume konnte ich doch nicht aufgeben. Der

unkünstlerischen Großstadtgeschäftigkeit und dem neuzeitlichen

Maschinenwesen, das über Europa herrschte, glaubte ich nur entgehen zu

können, wenn ich mich in einen, an edelsten Überlieferungen reichen

Winkel Europas zurückzog und dort vielleicht doch ein Hirtendasein

führen konnte.

Es müßte aber ein Land sein, sagte ich mir, wo ich Eichen, Buchen und

heimatliche Flora finden konnte. Kein Land der Palmen. Und ich glaubte,

daß Griechenland, von wo wir Europäer edelste Dichtung und herrliche

Kunstwerke und unsere Menschlichkeitslehre im reinsten künstlerischen

Sinn empfangen hatten, das rechte Land für mich wäre, um dort,

ungestört vom Weltgetriebe, der Dichtung leben zu können.

In Athen und draußen vor Athen oder an irgendeiner griechischen

Meerbucht müßte es möglich sein, einen Weinberggarten zu kaufen, dachte

ich mir, und dort wollte ich in einem bescheidenen Haus, unter mildem

Himmel, bei europäischen Eichen und Wiesen wohnen.

Ich hatte schon in Schweden in den letzten Jahren mit Vorliebe

griechische Dramen gelesen, und ich fand sie viel festlicher und

feierlicher als die Gesellschaftsspitzfindigkeiten und die Nervenlust

der Ibsenschen Dramen, die damals die Begeisterung der Welt für sich

hatten.

Als ich mit meiner Frau nach der Beerdigung meines Vaters im Jahr 1896

vor der Mexikoreise nach Sizilien gereist war, war ich auch durch

Karlsruhe gekommen. Richard Dehmel hatte mir brieflich von einem jungen

Dichter Mombert erzählt, den ich doch kennen lernen sollte, und der

auch in Süddeutschland wohne. Ich sah dann A. Mombert in Karlsruhe

einen Nachmittag, und als ich ihm sagte, ich wollte mir auf die Reise

nach Sizilien Homers „Ilias“ und „Odyssee“ mitnehmen, da hatte er die

Liebenswürdigkeit, mir diese beiden Bücher anzubieten und sie mir beim

Abschied auf die Reise mitzugeben.

Auf dem Schiff zwischen Genua und Neapel las ich dann zum erstenmal in

der „Ilias“, die ich noch nie gelesen hatte, und die ich nur öfters

vorher in großen Prachtausgaben in der Hand gehabt und durchblättert

hatte. In den früheren Jahren war mir Homers Sprache viel zu

lebensfestlich gewesen, weil ich selbst noch vom Alleinsein bedrückt

und ohne Liebe lebte. Jetzt aber hatte ich in mir Herzensfestlichkeit

durch eine geliebte Frau gefunden, und Homers „Ilias“ und „Odyssee“

wurden mir so leicht verständlich, wie es nur sonst das deutsche

Nibelungenlied uns Deutschen ist.

Die sonnige Schiffbank auf dem kleinen österreichischen Lloyddampfer,

der uns damals von Genua durch das Mittelmeer nach Sizilien trug, war

auch ein geeigneterer, um Homer zu lesen, Platz als die Schulbank. Das

Schiff, das zwischen blauem Wasser und blauem Himmel, einer weißen

Sommerwolke ähnlich, hinschwebte, ließ mir beim Lesen die unermeßlichen

Rhythmen der „Ilias“ so lebendig und kräftig werden, daß es mir

vorkam, als trüge mich Gesang um Gesang durch die Bläue. Das Rauschen

der Meereswellen vermengte sich mit dem Rauschen des Geistes und dem

Rauschen der Bilder und der edlen Gefühle, die Zeile um Zeile aus der

„Ilias“ dringen.

Bei der Hinreise nach Mexiko aber las ich dann auf dem großen Ozean

die „Odyssee“. Und die Abenteuer des männertötenden Odysseus und die

festlichen Schrecken, die der Held erlebte, hielten mich kräftig und

aufrecht, als ich mich zwischen Neuyork, Havanna und Vera-Cruz auf

dem Goldsucherschiff von Abenteurergesindel umgeben fand. Unter den

Verbrecherblicken und Verbrechergedanken, die mich dort und nach meiner

Ankunft in Mexiko stündlich auf allen Straßen umgaben, war mir das

Lesen Homers Bedürfnis geworden.

Auch hatte ich für die Künstlerniederlassung nach Mexiko einige

Abgüsse griechischer Reliefs, Verkleinerungen vom Parthenonfries und

eine Masse guter Photographien der besten griechischen Bildhauerwerke

der Louvresammlungen, in Kisten eingepackt, mit mir. Und griechische

Bilder und griechische Dichtung trösteten mich oft drüben über dem

Atlantischen Ozean in dem wilden Vulkanland Mexiko, wenn ich vor

Heimweh nach Europa zu verzweifeln meinte.

Durch den deutschen Konsul in Mexiko war mir auch ein Lehrer der

deutschen Schule bekannt geworden, der mir und meiner Frau in jenen

mexikanischen Monaten einigen griechischen Unterricht gab. Denn nachdem

ich Homer in deutscher Sprache gelesen hatte, wollte ich gern dieselben

Verse in griechischen Lauten nochmals hören. Aber der Unterricht war

nur kurz und wurde durch die Rückreise nach Europa bald abgebrochen.

* * * * *

Am Abend des Karnevaldienstages waren wir, von Mexiko zurückkehrend,

wieder in Paris eingetroffen. Bei der Vorüberfahrt am Opernplatz

bliesen vom ersten Stockwerk des Opernhauses über die Menschenmenge

die Fanfaren, die die Eröffnung des Maskenballes anzeigten. Es war mir

aber, als verkündeten die Trompeten zugleich das Ende des Winters, den

Beginn und den Einzug des Vorfrühlings und einen Willkomm für uns in

Europa.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 14 / 22 段