Es war nichts Romanisches in ihrem Wesen und an ihrem Aussehen, und

an ihrer Seite blieb das große Paris für mich immer wie ein großes

Gasthaus, in dem ich nur auf der Durchreise lebte. Denn germanische

Art verbindet sich in nichts mit der romanischen Art des französischen

Volkes. Auch das war gut für mich zu erfahren. So konnte ich nie

ernstlich daran denken, nur zu versuchen, in Paris festen Fuß zu fassen

und vom ausländischen Wesen beeinflußt zu werden.

Aber meine Jugend spielte mir doch noch manchen Streich. Wäre damals

das Vaterland dem heranwachsenden Künstler ein wenig entgegenkommend

gewesen, so hätte ich nicht in Jugendunerfahrenheit und Lebensangst

noch große, umständliche, überseeische Umwege machen müssen, bis ich

endlich in der Heimat seßhaft wurde. --

* * * * *

In jenem Winter 1896/97, als ich mit meiner Frau am Boulevard

Montparnasse wohnte, hatten wir mehrere Zimmer in einem Gasthof

gemietet. Dabei war ein größerer Salon mit Klavier. Meine Frau

studierte bei einem der besten pariser Musikprofessoren ein wenig

Harmonielehre, da sie gern aus alten Musikwerken Melodien alter Völker,

die sie sich abschrieb, sammelte und mir vorspielte, nachdem sie

dieselben für Klavier umgesetzt hatte.

In unserem Salon sahen wir in jenem Winter des Abends viele Menschen

bei uns, meistens ausländische Maler und Schriftsteller, Skandinavier,

Polen, Russen und Russinnen, außer den beiden Amerikanern.

Wir hatten aber sonst unsere einfachen Lebensgewohnheiten nicht

aufgegeben und aßen in der „Crémerie“ der Madame Charlotte in der Rue

de la Grande Chaumiere, die unserem Hotel gegenüberlag. Dieses war

damals die echteste Künstlerwirtschaft des Stadtviertels Montparnasse.

Dort waren auch Strindberg und Munch jeden Tag. Im Strindbergschen

Drama „Rausch“ spielen ein paar Akte in jener urechten französischen

Künstlergarküche, über deren Eingang geschrieben stand: „Rotschild ist

der Eintritt verboten. Wer nicht Schulden machen kann, bleibe draußen“,

und ähnliches.

Die Wände des kleinen Raumes hatten keine Tapeten nötig. Sie waren

dicht behangen mit Hunderten von eingerahmten Ölbildern. Da fand sich

aber selten eine Anfängerskizze darunter, denn die eigenartigsten

Künstler, die besten von Paris, hatten hier gegessen und Schulden

gemacht und in jungen Jahren die Madame Charlotte mit einem guten

Ölbild bezahlt. Da waren selbst Bilder von van Gogh und Gauguin zu

sehen.

Zur Frühstücksstunde zwischen elf und zwei Uhr war dort bei Madame

Charlotte kaum ein Platz zu bekommen. Auf dem steinernen roten

Backsteinboden standen an zwei Wänden zwei einfache lange ungedeckte

Holztische, an denen ungefähr fünfundzwanzig Menschen Platz hatten.

Im Hintergrunde des Raumes war neben dem flaschenreichen Kredenztisch

die dunkle Küche. Durch die immer offene Küchentüre sah man die vom

Herdfeuer beleuchtete starke Lothringerin „Madame Charlotte“, die

selbst kochte und die ihren Sohn, einen späteren Kunsthändler, und die

Magd mit den Tellern zu den Gästen schickte.

Beim Eintritt in die „Crémerie“ war jeder darüber erstaunt, welch

buntgewürfelte Gesellschaft man dort antraf. Außer den Malern, die da

in Joppen schlicht von der Atelierarbeit kamen und schnell ihr Essen

schluckten und vorerst wenig Lust zum Sprechen hatten, waren da auch

viele Malerinnen, Damen der besten Gesellschaftskreise.

Ich kannte dort zwei russische Fürstinnen aus Moskau, die ihre

Freundinnen mitbrachten. Einige hatten ihre Wohnung im Champs-Elysée,

und sie kamen öfters mittags aus dem vornehmsten Stadtviertel

angefahren, den neuesten Pariser Frühlingshut auf dem Kopf. Manche

jener vornehmen Ausländerinnen kam gegen den Willen ihrer Verwandten,

wie man mir sagte. Sie aßen einen Teller der wässerigen Suppe

und tranken ein Glas des sauersüßen Weines und wagten sich auch

an eines der rätselhaften Fleischgerichte, die Madame Charlotte

auftischte. Von denen man nie genau wußte, ob sie frisch oder alt, vom

Pferdeschlächter, Hundeschlächter oder Katzenschlächter kamen.

Ein paarmal wurden wir krank nach diesem Essen. Aber wir gingen doch

immer wieder zu Madame Charlotte, weil die anderen spiegelglänzenden

Wirtschaften der Boulevards weder dem Geldbeutel noch dem Geist

zusagten.

Der Zigarettenrauch, der gegen zwei Uhr in dem kleinen kellerartigen

Raum schwebte, hing über manchem Kopf, der einige Jahre nachher aus

diesem unbekannten Winkel hinter den zwei Tischen der Madame Charlotte

hervor in die Öffentlichkeit trat und weltbekannt wurde.

Hier bei der kargen Mahlzeit wurden große Träume geträumt,

künstlerische Pläne entworfen, und die Augen in manchem sorgengrauen

Gesicht kämpften hier schweigend, in den Teller starrend und innerlich

schwere Lebensfragen betrachtend.

Da war kein gitarrenklimperndes Künstlertum in diesen vier Wänden zu

finden. Auch keine schwüle lüsterne pariser Luft drang hier ein. Es

kamen keine der pariser Straßenmädchen zu Madame Charlotte herein. Auch

kein Modell wagte dort zu essen, wo die jungen Meister und Meisterinnen

aßen.

Nur ausländische Damen der Bürger- und Adelskreise, kluge

Amerikanerinnen, lebhafte reizvolle Russinnen, Polinnen, Rumäninnen,

Irländerinnen, Schweizerinnen und Österreicherinnen traf man an, von

denen manche mutig die Künstlerarmut dem reichen weichen Familienleben

vorgezogen hatten, und die nach Paris gekommen waren, um Welt und Kunst

zu erleben. Teils malten sie in Museen, teils in eigenen Ateliers, und

die jungen Maler begegneten ihnen mit Achtung und Höflichkeit.

Manche Künstlerehe wurde auch in dieser Garküche -- die Rotschild nicht

betreten durfte -- in ihren ersten Anfängen geschlossen. Und wie der

Feuerschein aus der dunklen Küche manchmal hellauf bis zur Decke schlug

und uns alle wie ein Blitz beleuchtete, so schlug das Blut manchem heiß

über dem Gehirn zusammen. Und es entstanden dort Tragödien, die später

ihren erschütternden Abschluß an irgendeinem Weltende fanden. --

* * * * *

Als im Frühjahr 1897 meine Erbschaftsangelegenheiten so weit geordnet

waren, daß ich mein Vermögen erhalten konnte, befiel mich von neuem der

Schrecken vor der Zukunft. Von den Zinsen meines Erbteils konnte ich

mit meiner Frau nicht leben, und wenn das Kapital aufgezehrt war, hätte

ich wieder der Not entgegensehen müssen. Und dieses wollte ich doch

verhindern.

Ich hörte wieder aufmerksamer dem immer noch pläneschmiedenden

Amerikaner zu. Diesem hatte ich erklärt, daß ich seit jener Reise nach

Petersburg und seit der Heimfahrt zur Beerdigung meines Vaters mir klar

gemacht habe, daß ich niemals ohne meine Muttersprache, ohne Deutsch

sprechen zu hören, mich auf die Dauer irgendwo fest niederlassen

könnte. Es sei mir bewußt geworden, daß ich nicht lange mehr im Ausland

leben könne und nicht daran denken könne, Deutschland für immer zu

verlassen und mich in anderssprechenden Ländern anzukaufen.

Da schlug der Amerikaner mir vor, wir sollten alle nach den Südstaaten

Nordamerikas ziehen, nach Neukarolina. In diesen Ländern gäbe es

überall Deutsche, und es würde mir nicht schwer fallen, öfters Deutsch

sprechen zu hören, wenn ich Sehnsucht danach hätte. Das Klima wäre dort

äußerst günstig für leichte Gartenarbeit.

Aber mir wollte der Vorschlag immer noch nicht gefallen. James aber

sagte, er würde jedenfalls nach den Südstaaten Amerikas reisen und

sich dort mit seiner Frau niederlassen. Er wollte zugleich in London

und Neuyork in Zeitschriften einen Aufsatz veröffentlichen, der den

Vorschlag enthalten sollte, daß junge verheiratete Künstler aller

Nationen sich auf einem Stück Land zusammenfinden sollten.

Sie sollten zusammen eine Arbeitsteilung vornehmen, wie es in

Ordensniederlassungen früher der Brauch gewesen. Jedes Künstlerehepaar

sollte ein kleines Arbeitshäuschen erhalten, und man sollte den halben

Tag über mit den Händen arbeiten und die andere Hälfte des Tages

künstlerisch tätig sein. Es sollten sich so Maler, Musiker und Dichter

zusammenfinden. Des Abends sollten die, welche Lust nach Geselligkeit

hatten, im Sommer auf einem Rasenplatz, im Winter in einer Halle

zusammenkommen, Sportspiele spielen, Musik hören, Theateraufführungen

und Vorträgen und Vorlesungen von Dichtungen beiwohnen.

Der Amerikaner wollte amerikanische Mäzene ausfindig machen, die

Geld zum Bau von Bibliotheken und zum Bau nützlicher bescheidener

Gebäulichkeiten, zum Bau von Werkstätten und so weiter, hergeben

würden. Die Gedichtwerke sollten in der Vereinigung jener Künstler

auf kleinen Handpressen selbst gesetzt und selbst gedruckt werden und

unter den Mitgliedern zur Verteilung kommen. Bei Jagd, Fischerei und

Gartenarbeit sollte der Körper Tätigkeit finden, und damit sollte

zugleich auch von allen Künstlern für den gemeinsamen Unterhalt gesorgt

werden.

Es war eine selbstverständliche Gewissenhaftigkeit vorausgesetzt, eine

gewisse Lebensreife und die Bedingung, daß nur verheiratete Frauen und

Männer, also nur Paare mit ihren Kindern, Aufnahme finden könnten.

Wie das gemeinsame Leben einer solchen Künstlervereinigung sich dann

entwickeln würde, das sollte man der Zukunft überlassen. Es sollte kein

Zwang im Zuziehen und Fortziehen herrschen, und man wollte mit frohen

Hoffnungen das beste für Kunst- und Körperleben erwarten.

Es war aber dabei nicht geplant, daß die Künstler alle zusammen in

einem Dorf wohnen sollten. Man hoffte, daß die amerikanische Regierung

ein größeres Stück unbewohntes Land zur Verfügung stellen würde, und

daß einige Millionäre sich finden könnten, die das amerikanische

Kunstleben heben wollten, indem sie dort den Künstlern Heimstätten

schaffen würden.

Jeder Künstler sollte entfernt von den anderen wohnen, der eine an

einem Fluß, der andere an einem Wald, der dritte auf einem Berg. Nur

am gemeinsamen Versammlungsplatz sollte man sich sprechen und sich

uneingeladen nie im Arbeiten stören.

Dieser Plan war von dem Amerikaner ausführlich ausgearbeitet worden.

Und er veröffentlichte dann auch in Neuyork und London den Aufsatz über

die amerikanische Künstlerkolonie, den ich ins Deutsche übersetzte und

einer deutschen Monatsschrift schickte.

Viele Künstler suchten damals Neuland, und in jenen Jahren gründete

sich die Worpsweder Vereinigung, die aber nur ein Zusammenwohnen

in derselben Landschaft, aber nicht, um freie Lebensmöglichkeit zu

erlangen, ein Zusammenarbeiten kennt.

Der Drang nach Vertiefung und Abwendung von der Geschäftshast und

Geschäftsgier und vom geschmacklosen bürgerlichen Unverstand ging als

tiefe Sehnsucht damals unter den jungen Künstlern Europas um. Und

so war das eigentlich gar nicht so absonderlich, was der Amerikaner

vorschlug.

Ich hatte nur den einen Einwand, der war, daß ich am liebsten die

Künstlervereinigung auf deutschem Boden gesehen hätte. Aber ich

verstand auch, daß übervölkerte Länder wie Deutschland für den

Plan nicht geeignet waren, weil man nicht so leicht in unserem

verkehrsreichen Lande eine verkehrsfreie Landschaft hätte finden können.

Ein zweiter Grund, der für Amerika sprach, war der, daß amerikanische

Millionäre freigebiger sind und leichter ideale Bestrebungen

unterstützen würden als deutsche reiche Leute.

Nur hatte ich von jeher einen Widerwillen gegen Nordamerika. Das

große Land, in dem die Einwanderer in dem letzten Jahrhundert die

eingeborenen Stämme zurückgedrängt oder ausgerottet hatten, und auf

dem meine Phantasie keine anderen geschichtlichen Träume fand als

die Knabenträume aus dem Buch „Lederstrumpf“, dieses Land, das nie

große alte Baudenkmäler, nie große geschichtliche Ereignisse aus dem

Mittelalter oder der frühesten Vergangenheit für uns aufzuweisen hatte,

gab meiner Einbildungskraft, wenn ich mich dort hinversetzte, nur leere

unbekannte Wälder und leere ungeschichtliche Grasflächen zu sehen, auf

denen sich nichts abspielte als das Geschäftsleben der Eisenbahnzüge,

die durchs Land hinliefen.

Als ich von dieser meiner Unlust gegen Nordamerika zu dem Amerikaner

sprach, so hatte er einen neuen Vorschlag bereit. Er meinte,

wir sollten nach Mexiko. Dort würden wir genug Stimmung finden.

Dort gäbe es alte Baudenkmäler der Azteken, wunderbare Ruinen

verlassener Indianerstädte in tiefen Wäldern. Auch sei das Klima, das

halbtropische, der Gartenarbeit günstig. Man könnte dort leicht Gärten

pachten und diese billig von Indianern bearbeiten lassen, wenn unsere

Kräfte nicht ausreichen sollten.

Das alte Gold- und Abenteuerland Mexiko, mit der gewaltigen

Vergangenheit des Aztekenreiches, fesselte meine Einbildungskraft

und Aufmerksamkeit sofort. Und da ich mein geerbtes Geld in Paris

leicht und schnell schwinden sah und in der Heimat mir kein Vaterhaus

mehr stand, so sagte ich mir, ich müsse für einige Jahre meine

Heimatsehnsucht schweigen lassen. Ich hatte früher in Schweden und

in London gelebt und dort gedichtet, ich würde also auch in Amerika

dichten können. Es würde mir sicher gut tun, meinte ich, einige Jahre

ganz zurückgezogen vom alten Europa -- das ich, wie ich glaubte,

auswendig kannte --, in einem schönen tropischen Lande zu wohnen,

mir durch einen Garten Verdienst zu verschaffen und zugleich neue

Dichtungen zu schreiben.

Dann, wenn ich mal Heimweh bekäme, könnte ich mit leicht verdientem

Gelde später zurückkehren oder auch wollte ich, wenn ich die Heimat

vergessen könnte, in der Fremde bleiben.

Jedenfalls war jetzt, als der Frühling kam, meine Reiselust wieder

wach, und es wurde beschlossen, daß wir nach Amerika, das heißt nach

Mexiko reisen sollten.

Gedrängt von der unsicheren Zukunft, die mich in Europa erwartete,

getrieben von den schlimmen Erfahrungen der Not, die ich erlebt hatte,

redete ich mir trotz meiner unstillbaren Sehnsucht nach Deutschland,

die mich im geheimen plagte, die Notwendigkeit ein, Europa verlassen zu

müssen. Aber ich ertappte mich oft dabei, nachdem ich dem Amerikaner

die Mithilfe bei der Gründung seiner Künstlervereinigung zugesagt

hatte, daß ich an einer glücklichen Ausführung des Planes stark

zweifelte.

Wir machten dann für diese Reise wochenlang Einkäufe in Paris, und

die Hundertfrankenscheine flogen aus meinen Händen wie welke Blätter.

Es war kein Leichtsinn, der mich zu diesen vielen Einkäufen hinriß.

Es war die innerste Sehnsucht vom angeborenen Europa Andenken und

künstlerische Werte mitzunehmen hinaus in die riesenhafte Fremde der

Tropenwelt, vor der mir eigentlich im stillen bereits graute.

Mit großen Koffern und Kisten, die all mein Hab und Gut enthielten,

reisten wir von Paris zu Anfang Mai 1897 ab. Wir nahmen noch einen

Aufenthalt von vier Wochen in der Bretagne, wo wir auf Nachricht von

den Amerikanern warteten, welche bereits nach Neuyork vorausgeeilt

waren, um ihren Hausverkauf zu ordnen, und welche uns von dort

telegraphieren sollten, sobald sie nach Mexiko abreisten.

Anfangs Juni erhielten wir das Telegramm und fuhren von der

Bretagne nach Southampton, wo wir am nächsten Tag einen Dampfer des

Norddeutschen Lloyd bestiegen, der uns nach Neuyork brachte. Dort

wechselten wir das Schiff und fuhren mit einem kleineren Dampfer nach

Vera-Cruz im Golf von Mexiko.

Ich habe diese Mexikoreise in ihren landschaftlichen Reiseeindrücken in

meinem Roman „Raubmenschen“ so eingehend geschildert, daß ich mir die

nochmalige Wiedergabe hier ersparen kann, um dem Leser, der den Roman

bereits kennt, nicht mit Wiederholungen lästig fallen zu müssen.

Ich will nur in kurzen Zügen meine Gefühle wiedergeben, die mich nach

einigen Monaten zur Rückkehr nach Europa antrieben.

Kaum hatte ich im Golf von Mexiko in Vera-Cruz nach einer langen

Seereise das tropische Festland unter den Füßen, kaum sah ich die

ersten Kokospalmen in einem Baumgang der kleinen Hafenstadt, da wurde

mir mit einem Schlage klar: hier werde ich nie ein deutsches Lied

schreiben.

Aber du hast doch in England, Dänemark und Schweden gedichtet, meinte

der törichte Verstand, der beim Menschen immer das ursprüngliche

Gefühl bevormunden will, und der dem Gefühl gegenüber doch immer der

beschränktere ist.

Des Verstandes Vorsicht läßt den Menschen nie so tief und innig mit dem

Weltallfest verschmelzen, wie es das Gefühl will. Und nur den stärksten

Menschen gelingt es, sich gegen den Verstand im Gefühl zu behaupten,

und dieses sind dann auch die künstlerischsten Menschen. Das unklare

Gefühl greift in seiner Unbewußtheit immer sicherer zu und handelt

immer ehrlicher und glücklicher, als der sich brüstende zielbewußte und

von seiner Klarheit geblendete Verstand.

Sicher ist, daß das Gefühl bei jedem Künstler die Oberhand behalten

muß, und daß der Künstler nur deshalb der schöpferischste unter den

Menschen ist, weil er immer das zielbewußte dunkle Gefühl bei seinen

Schöpfungen für sich handeln läßt und mit dem Verstand nicht dem Gefühl

dreinredet.

Aber, dieses zu tun, kann nur ein Künstler wagen; nur er ist reiner

Gefühlsheld. Nur ihm ist ein harmonisches Weltgefühl angeboren, mit

dem er, ohne den Verstand zu fragen, festlichere Harmonie erzeugen

kann, als sie jemals der größte ausklügelnde Verstand mit aller

Berechnung zuwege bringen könnte. Nie sollte deshalb der Verstand

nichtkünstlerischer Menschen an Kunstwerken des Künstlers Urteile üben

dürfen. Jene Nichtkünstler können mit allem höchsten Verstand nie das

harmonische Weltgefühl des Künstlers erfassen, das sein Werk geschaffen

hat. Nur wenn jene vertrauend und treu glaubend ihr Gefühl einem

Kunstwerk hinhalten, können sie allmählich, mit Selbstbeherrschung

und Ausschaltung des unkünstlerischen Verstandes, den Hoheitsgefühlen

künstlerischen Schöpfungen nahekommen.

So antwortete damals auch mein Gefühl in Mexiko meinem Verstand: er

habe unrecht zu verlangen, daß ich in Mexiko dichten sollte, weil ich

in England, Dänemark und Schweden gedichtet hätte.

„Du verstehst aber auch gar nichts,“ so sagte das Gefühl zu ihm.

„Begreifst du denn gar nicht, daß Skandinavien und England germanische

Länder sind, Deutschland ähnliche Länder. Tannen, Birken und Buchen

wachsen dort. Die Landschaft und die Sprache jener Länder spricht

germanische Laute, hat schlichte germanische Farben. Wolken, Winde und

Erde sind sich ähnlich in jenen nordischen Ländern.

Aber in Mexiko riecht es nach Kaffee, Zucker und nach allerhand

Drogen, nach Zimt und Pfeffer; die ganze Landschaft riecht wie

ein Kaufmannsladen. Und dann, sieh die Formen der Palmen! Sieh

diese kopfgroßen Kokosnüsse! Kannst du dir diese Nüsse vergoldet am

Weihnachtsbaume vorstellen?

Ach -- und Weihnachten! Die schönen lautlosen Schneenächte! Die

langen dunklen Wintermorgen! Die ernste dunkelgrüne Tanne! Und die

Tannenzapfen daran! Ich hasse diese schwindelnden Kokospalmen, die da

gespreizt zum Himmel ragen, als wären sie Pfauenfächer, aufgespannt

über dem Haupt eines Großmoguls.

Glaubst du denn, daß ich ohne Singvögel, ohne Rotkehlchen, ohne Finken

und Stare, ohne Lerchen dichten kann! Du verstandloser Verstand, der

mich hierher gelockt hat. Hier soll ich dichten! Hier, wo über den

Dächern statt blinkende Schwalbenscharen ungeheuere Aasgeier die Gassen

umjagen, Aasgeier, die ich nur aus den zoologischen Gärten kenne.

Bin ich je in einen zoologischen Garten gegangen, um über Papageien,

Jaguare und Alligatoren zu dichten?

Du hast mir immer von warmer Luft und schönen Blumen erzählt, die

ich in den Tropen finden würde. Und ich bin dir gedankenlos gefolgt,

denn du wolltest nicht darauf hören, wie ich in meinen Herzkammern

schluchzend Tag und Nacht in Paris bettelte: geh nicht aus Europa fort!

Es gibt ein Unglück, du verlierst nur dein Geld! Es kostet dich dein

Vermögen, und du hast nichts davon.

Aber du natürlich, du warst der Verstand, der mich zurückwies, und

nanntest mich gefühlsduselig und sagtest, man muß sich im Leben hart

machen. Man muß nützlich sein können und muß nicht immer das Gefühl

reden lassen. Nur dann kommt der ganze Mensch vorwärts, wenn der

Verstand das Gefühl beaufsichtigt. So sagtest Du, Verstand, zu mir.

O, hätte ich nur den Mut gehabt und dir diese Reise verboten, wie ich

immer dir gebiete, wenn du mir ins Dichten hineinreden willst. Das

weißt du, beim Dichten durftest du mir noch nie hineinreden. Beim

Leben ließ ich dich manches Mal mitsprechen. Eigentlich aber traute ich

dir auch da niemals recht.

Du, Verstand, mußt es noch lernen, mehr schweigender Teilhaber in

meinem Menschenleben zu sein. Sonst zerstörst du uns beide.“ --

Nach diesem Gespräch meines inneren Lebens öffnete ich meinen Mund und

sagte zu meiner Frau:

„In diesem Lande bleibe ich nicht lang. Ich möchte schon am Ende der

Woche abreisen. Am liebsten möchte ich gleich aufs Schiff zurückkehren.

Denn dieses hier ist kein Land um deutsch zu dichten. Das sagt mir mein

Gefühl.“

Es war mir, als hätte ich nun schon meine Pflicht getan, indem ich mit

Amerika einen Versuch gemacht und gelandet war und Europa den Rücken

gekehrt hatte, wie ich es dem Amerikaner versprochen. Und es kam mir

schon nach den ersten hundert Schritten am Land vor, als wäre ich nun

ledig aller heiligen Verstandespflichten und dürfte nun wieder meinem

Gefühl gehorchen und gleich nach Europa umkehren.

Wir fuhren aber doch noch von Vera-Cruz nach der Hauptstadt Mexiko. Ich

erwartete dort auf der Post Briefe mit der mexikanischen Adresse des

amerikanischen Ehepaars zu finden. Aber es war keine Nachricht da, und

ich wußte nicht, was ich nun im fremden Erdteil tun sollte.

Ich wendete mich an den deutschen Konsul und erkundigte mich über

die Landesverhältnisse. Er meinte, das Innere des Landes sei

sehr gefährlich für Fremde. Es lebe da spanisches Gesindel in

Indianerdörfern, und wenn die bei einem etwas Geld vermuten, könne man

bei jedem Spaziergang leicht aus dem Hinterhalt erschossen werden. In

diesem ordnungslosen Lande krähe kein Hahn nach einem Toten. Den Mörder

fände man niemals. Es gäbe zu viel Morde hier. Und die Polizei hätte zu

viel zu tun, wenn sie alle Morde verfolgen wollte, die sich draußen in

abgelegenen Gegenden ereigneten.

Würden wir aber trotzdem im Lande Gärten bebauen und unbehelligt leben

wollen, so müßten wir wenigstens zusammen zehn Männer und zehn Frauen

sein, und auch dann wäre es sehr gefährlich, wenn wir die Landessprache

nicht sprächen und nicht der katholischen Religion angehörten. Denn die

Spanier wären in Religionsfragen sehr streng und fanatisch.

Ich mußte für mich lachen, als ich diese Aufklärung auf dem Konsulat

empfing. Der Gedanke war uns vor der Reise nicht gekommen, erst

schriftlich anzufragen. Die ganze Reise war nun umsonst. Es war mir

aber doch angenehm, daß der Amerikaner noch nicht angekommen war, denn

nun würde ich schnell wieder abreisen können, dachte ich.

Ich hatte es auf einmal so eilig, nach Europa zurückzukehren, als

erwarteten mich dort die hellsten Freuden. Meine Frau aber meinte,

wir sollten doch erst ein wenig in Mexiko Ausflüge machen, das Land

betrachten und die Ankunft der Amerikaner abwarten.

In den nächsten Tagen begegneten wir James und Theodosia auf der

Straße. Sie waren schon lange da und hatten uns überall gesucht.

James hatte sogar einen Empfehlungsbrief an den Präsidenten Porfirio

Diaz mit sich. Als meine Frau ihnen sagte, wir dächten wieder an die

Abreise, waren sie sehr erstaunt. Nachdem ich ihnen dann erzählt hatte,

wie sehr der deutsche Konsul mir vom Bleiben abgeraten, fanden sie die

Warnungen übertrieben. Ich aber blieb dabei und sagte:

„Lieber bin ich Steinklopfer, Straßenkehrer und Bettler an den

Kirchentüren in Europa, als daß ich in einem Land bleibe, dessen Natur,

dessen Palmen und Vulkane, dessen Agavenpflanzungen, Zuckerrohr und

Kaffeebäume mir niemals ein deutsches Lied geben werden.“

Da verstanden sie, daß ich nicht bleiben würde und gingen geärgert von

uns. Ich war aber erstaunt, daß sie sich ärgern konnten, wo ich doch

als Künstler gefühlsehrlich zu Künstlern zu sprechen glaubte. Sie aber

maßen mich mit ihrem Verstand, nannten mich launenhaft und begriffen

mich nicht.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 13 / 22 段