Wir dachten an den Genfersee, wo es üppige Gärten gibt und Weinland.

Aber die Erdarbeit schien dort zu hart für uns Künstler zu sein und

zu viel Zeit zu beanspruchen. Dann dachten wir an die Riviera, an

Korsika, Spanien oder Sizilien. Und der Amerikaner schlug amerikanische

Südstaaten vor, und seine Frau, Theodosia, die in der Nähe von San

Franzisko geboren war, schlug Kalifornien vor als das leichteste

Arbeitsland und als bestes Land für Gartenfrüchte.

Wir wollten uns nun eine kleine Reisesumme verschaffen, dann Land in

Pacht nehmen und fleißig sein. Sowohl wir zwei Männer als die beiden

Frauen dachten mit Garten-, Haus- und Künstlerarbeit in einer schönen

Landschaft, wo Wald, Wasser und gutes Klima wären, unsere Lebenstage

ruhig verbringen zu können, fern von überreizter Kultur, fern von der

die Kunstarbeit so störenden Geschäftsgier unserer Zeit.

Der Amerikaner hatte in Neuyork zwei kleine Häuser, von deren Rente er

bisher knapp leben konnte, so daß er wenigstens nicht mit der äußersten

Not zu kämpfen hatte. Er wollte nun versuchen, diese Häuser verkaufen

zu lassen. Sein Großvater, mütterlicherseits, hatte die Tiffany

Glasfabrik in Neuyork gegründet und war ein reicher Mann, und von ihm

erwartete James später ein größeres Erbe.

Ich selbst war hauptsächlich dieser Landankaufspläne wegen, um zu ihrer

Ausführung eine größere Geldsumme von meinen russischen Verwandten

zu erhalten, nach Petersburg gereist. Wir hatten dann nach dem

Fehlschlagen dieser Reise von neuem wochenlang darüber nachgedacht,

wie wir die Anlagesumme für einen dauernden Landaufenthalt erlangen

sollten, als wir plötzlich die Nachricht vom Tode meines Vaters

erhielten.

So sehr mich die Todesnachricht erschütterte, so war doch ein Aufatmen

in mir, das ich damals aber nicht gleich bewußt fühlen wollte. Denn ich

fand es häßlich und gemein, daß der Tod meines, mir so lieben alten

Vaters mich in meiner bedrängten Lage aufatmen machen sollte.

Heute nach so langer Zeit weiß ich es aber, wenn ich auch als Sohn

vom Verlust tief getroffen wurde, als Künstler fühlte ich, daß das

Schicksal auf irgendeine Weise mir zu meinem weiteren Weg hatte

verhelfen müssen. Aber es schaudert mich doch heute noch, daß mein

Schicksal mir, der ich so sehr an meinem Vater gehangen hatte, nur

durch seinen Tod helfen konnte.

Ich frage das deutsche Volk, dem ich angehöre, in dessen Land ich

geboren bin, und in dessen Sprache ich meine Bücher schreibe: ist es

nicht erschütternd, daß ein Künstler nicht auf gütigem Wege, nicht

auf staatlichem und auf dem Gemeindewege, die Erleichterung seines

Lebensunterhaltes erhalten kann. In einer Nation, wo so viele tausend

Beamte das Brot des Staates essen und auf Kosten der Nation leben

können, weil sie ihre Arbeit im Dienste der Nation tun, sollen auch

die Künstler leben können.

Die Künstler, die ihrer Nation dienen, werden nur manches Mal mit

Ehren und Geschenken belohnt, wenn sie alt geworden sind. Aber wie

viele junge Künstler, die in den nächsten hundert Jahren unter den

Ehrennamen des deutschen Volkes genannt werden können, wie viele

werden, im Augenblick während ich dieses niederschreibe, in ähnlicher

Weise wie ich es vor fünfzehn Jahren erlebte, aufatmen müssen, wenn der

Vater oder die Mutter stirbt. Und sie müssen es als schändlich fühlen,

daß sie erst durch den Tod der liebsten Angehörigen, erst durch eine

Erbschaft, in die Lage versetzt werden, weiter leben zu können.

Im wilden Hohn, der mich damals über solche Tragik befiel, nannte

ich das Erben Menschenfresserei. Denn als ich mein Erbe erhielt, war

es mir grauenhaft zu denken, daß ich mich von der Kraft meines toten

Vaters nähren mußte, und daß der Dichterberuf mich unter den jetzigen

Gesellschaftsgesetzen nicht ernähren konnte. Der Vaterlandsgeist

läßt doch seine Kriegsoffiziere nicht hungern, wie darf er die

Friedensoffiziere, die Künstler, vernachlässigen und übersehen. Dienen

sie ihm nicht erst recht, indem sie dem Geist und der Schönheit dienen,

das heißt dem innersten Leben, dem innersten Vaterland, dem Herzen der

Nation dienen?

Solange diese Einsicht einem Volk fehlt, ist eine Nation noch

unentwickelt und soll sich nichts auf ihre Kulturhöhe einbilden.

In den Tagen, während ich dieses schreibe, werden die hundertjährigen

Geburtsfeste zweier deutscher toter Dichter gefeiert. Der eine ist Otto

Ludwig, der andere Friedrich Hebbel, und beide lebten in bitterster Not

und Verzweiflung.

Wen feierten wir Deutsche, als jene Dichter hungerten? --

* * * * *

Als ich mit meiner Frau zum erstenmal nach Deutschland, nach Würzburg

kam, im September 1896, fragte ich mich, ob ich nicht jetzt für

immer in der Heimat bleiben sollte. Aber wenn auch mein Erbe zum

Lebensunterhalt für eine Person ausgereicht hätte, für zwei reichten

die Zinsen nicht.

Und außerdem, so lieb ich meine Vaterstadt auch immer gehabt hatte,

konnte ich mir nicht vorstellen, jetzt schon in meinen jungen

Jahren mich in der Provinz niederzulassen, in einer Stadt, wo kein

neuzeitliches Kunstleben gepflegt wurde.

Mit Ausnahme von der Musik, die es in Würzburg gut hatte, wurden

damals Malerei und Dichtung ernstester Art in den gebildeten Kreisen

ziemlich nebensächlich behandelt. Vom neuzeitlichen Geist Ibsens,

Gerhart Hauptmanns, Björnsons, Strindbergs war in jenen Jahren in

meiner Vaterstadt so gut wie nichts zu spüren. Es gab dort keine

jungen Schriftsteller, keine strebenden Literaturkreise, keine

sezessionistischen Maler wie in München und Berlin.

Die deutschen Provinzstädte lebten hauptsächlich von Viktor v.

Scheffels altdeutscher Romantik. Sie glaubten schon Äußerstes zu tun,

wenn sie im Theater ein Sudermannsches Stück aufführten. Auch muß man

bedenken, daß Zeitschriften wie die „Jugend“ und der „Simplizissimus“

im Jahre 1896, von dem ich hier spreche, eben erst gegründet wurden.

Ihr Geist, der die breiteren Volksmassen in künstlerischer Hinsicht,

später auch in der Provinz, auf neuzeitliche Literatur, Zeichner und

Maler aufmerksam machte und ihnen etwas neuzeitliches Stilgefühl

beibrachte, war noch nicht tätig.

Die Provinzstädte Deutschlands, auch die, welche Universitätsstädte

waren, lebten damals von den Klassikern, und ihre Kenntnisnahme von

moderner Literatur hörte bei Paul Heyse auf. Es herrschte noch kein

geistigkünstlerischer Gegenwartspulsschlag im Leben der kleinen

Universitätsstädte.

Es hatten sich auch noch keine literarischen Gesellschaften in den

akademischen Kreisen gebildet. Und deshalb mußten die jungen Künstler

sich in den großen Städten in Paris, München, Berlin zusammenhalten, um

im neuen Geist zusammen zu stehen gegen die bürgerlichen Vorurteile,

die neben dem sogenannten Klassikergeist keine neuzeitlichen

Lebensschönheiten aufkommen lassen wollten.

Die jüngsten Künstler jener Zeit waren verraten von ihrer eigenen

Nation. In den Schulen und in den meisten Zeitungen, in allen

Bürgerkreisen, selbst beim Adel, der sonst immer zu den Künstlern

gehalten hatte, war man aufgebracht gegen den Wirklichkeitssinn, der

sich in der Kunst der neunziger Jahre ausdrückte, der die Stirn hatte,

auch das Häßliche lebensbedeutend zu finden, der auch den Armenstand,

den Arbeiterstand künstlerisch verehrungswürdig fand und ihn mit Liebe

in Bild und Wort schilderte.

Der zuerst unter den Künstlern lautgewordene, alles umarmende neue

Weltgeist, der die Arbeit und den Arbeiter nicht mehr verächtlich,

nicht mehr ekelerregend, nicht mehr abstoßend finden konnte, verblüffte

alle sogenannten gebildeten Kreise jener Tage. Sie spotteten, lachten,

schimpften auf die jungen, von neuer Weltinbrunst aufgeklärten

Künstlerherzen, die stürmisch und mit Recht forderten, daß auch

der verachtete Lebensstand, der der Arbeiter und der Armen, der

Kunstwürdigung teilhaftig werden sollte. Die Künstler behaupteten, daß

eine Schönheit in der Arbeit liege, eine ernste Schönheit in jedem

Arbeiter, und daß Schönheit auch bei den Kranken, Armen und Elenden zu

finden sei.

Die Jungen wollten das Volk auf diese inneren Schönheiten des Lebens

aufmerksam machen. Man wollte ernstlich zeigen, daß hinter äußerer

Häßlichkeit sich tiefe Ergriffenheiten verbergen, die künstlerische

Erschütterungen hervorrufen können.

Die jungen Künstler wollten das Innenleben der Nation bereichern. Aber

die Bürgerkreise, die im Geldverdienen und im Tagesgetriebe der Annahme

dieser neuen Kunstideale noch nicht gewachsen waren, wollten sich nicht

von ihren alten Schönheitsgrundsätzen, die sie für unerschütterlich

hielten, trennen, wollten sich nicht innerlich vertiefen und sich nicht

von schmerzlichen Schönheiten der Welt bereichern lassen.

Und doch hatten dieselben Bürgerkreise ihr Leben lang immer ein

schmerzliches Ideal, Christus, den Gekreuzigten, vor Augen gehabt. Aber

vielleicht gerade deswegen, weil ihnen von Kindheit an gepredigt wurde,

daß das Leben ein Jammertal sei, wollten jene Kreise bei den Künstlern

eine Erlösung aus dem Jammertal finden.

Und als die Künstler auf die Leiden der Armen und der Arbeiter und auf

die Schönheit der Arbeitskraft selbst, wie Uhde, Meunier, Zola und

Gerhart Hauptmann es taten, aufmerksam machen wollten, da rief der

ganze Bürgerstand entrüstet: „Wir haben keine Kunst und keine Künstler

mehr! Die Jungen sind verrückt geworden. Sie wollen uns weismachen, daß

Häßlichkeit schön sei. Wir aber wollen uns an der Schönheit erholen.

Wir sehen genug Elend im Leben, wir wollen Erlösung vom Elend bei den

Künstlern finden.“

Und jene Entrüsteten bedachten nicht, daß die Schönheit und die

Festlichkeit des Lebens überall im Weltall zu Hause ist, in den Leiden

und in den Freuden, im Schönen und im Häßlichen, beim König und beim

Arbeiter und beim Bettler.

Jene Leute jener Jahre lebten das Leben nicht in dem Sinne, wie es

gelebt sein soll, mit großem Weltgeistumarmen. Sie hatten sich nur ein

Mitleid angezüchtet, womit sie allen Elenden künstlich begegneten. Und

dieses Mitleid war ihnen nur Pflicht geworden. Ihr Mitleid war ihnen

nicht Natur und Natürlichkeit und nicht Weltallfestlichkeit.

Die Bürger jener Tage ließen nur das _halbe_ Leben gelten. Nur der

_lichten_ Seite konnten sie Festlichkeit abgewinnen. Sie sehnten

sich nur, vom Leben auszuruhen, wenn sie Kunst genossen. Aber der

Ernstseite des Lebens, der Arbeit im Leben, der Arbeitsheiligkeit und

der Arbeitsfestlichkeit konnten die Massen der Gebildeten damals keinen

künstlerischen Reiz abgewinnen.

Sie haßten das Müssen und die Notwendigkeit der Arbeit. Sie sprangen

nicht lebensfroh zu bei der Arbeit. Arbeit war ihnen noch erniedrigend

und war ihnen nicht voll Weihe und Lust und war ihnen nicht etwas

Selbstverständliches, Natürliches. Sie wußten nicht, wie es dem ganzen

Weltall natürlich ist, zu arbeiten.

Die Menschen von damals hatten sich ausgedacht, daß die Arbeit

eigentlich ein Fluch wäre, eine Plage, eine Qual, eine Demütigung. Und

sie hatten sich furchtbar geschädigt durch diese falsche Auffassung

dieses wichtigen Lebenspulses.

Arbeitet nicht die Sonne und dreht sie sich nicht immer und kommt und

geht ununterbrochen? Arbeiten nicht alle Sterne immer, die da kreisen

und seit Millionen Jahren ohne auszuruhen arbeiten? Arbeiten nicht alle

Pflanzen, die sich aufbauen und blühen und sich nähren müssen? Arbeiten

nicht die Bäume, die da Früchte hervorbringen, vom Frühling bis zum

Herbst? Arbeiten nicht alle Tiere? Arbeiten nicht die Meere, die ihre

Strömungen haben, die Flüsse, die unaufhaltsam vorwärts treiben?

Arbeitet nicht der Menschenleib stündlich mit seinem Herzen, mit

seinen Lungen, mit seinem Blut? Und warum wollt ihr Menschen eure

Hände lahm liegen lassen und eure Füße nicht rühren, eure Gehirne

nicht anstrengen, euer Herz nicht fühlen lassen, da es dem ganzen

menschlichen Körper wohl tut, wenn er arbeitet.

Jeder Mensch soll natürlich nur nach seiner Veranlagung arbeiten. Nur

dann wird er der Menschheit nützlich sein können, nur dann, wenn er

das tut, wozu er sich befähigt fühlt. Nichts soll er versuchen, was

außerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten liegt.

Aber im Kreis seiner Fähigkeiten wird er die Arbeit immer festlich

und glücklichmachend empfinden müssen. Das Märchen, das die Arbeit

als einen Fluch ansieht, das ist ein irreführendes Märchen. Denn ein

festliches Dasein ohne Arbeit gibt es nicht im Weltall.

Nur ein Mensch, der das Leben nie vollständig ergründet hat, nur

die Menschheit der früheren Jahrhunderte, die nicht wie wir bis zur

Erkenntnis der Festlichkeit des arbeitenden Daseins, der Festlichkeit

des arbeitenden Weltallebens durchgedrungen war, konnte sich nach

Himmeln ohne Arbeit sehnen. Himmel ewiger Ruhe sind Todeshimmel.

Hat es uns jemals geschmerzt, daß wir atmen dürfen? Wenn wir gesund

sind, wollen dann nicht Glieder, Blut und Geist tätig sein? Daß kranken

Menschen Arbeit schwer ankommen mag, ist selbstverständlich. Ihnen

kommt vielleicht auch das Atmen schwer an und das Leben überhaupt. Den

Gesunden aber wird immer das Leben ein Weltfest sein, ebenso wird ihnen

die Arbeit ein Fest sein, die ein Teil des Lebensfestes ist.

In meiner Jugend war in den reichen Kreisen die Ansicht maßgebend, daß

Nichtstun höchste Lebensweisheit und Lebensschönheit sei. Niemand hatte

zwar jemals versucht, ewiges Nichtstun zu erleben, aber alle träumten

von diesem unmöglichen Ideal, das ein falsches und blödes Ideal war.

Denn im fortgesetzten Nichtstun, das fühlt jeder bald, siechen Körper

und Geist dahin, und der Mensch verdirbt und verfault und wird Unrat.

Auch die Künstler wollte man damals zwingen, die Schönheit des

Nichtstuns in den Kunstwerken zu feiern. Das heißt, man verlangte,

daß sie eine ganz platte unmögliche Schönheitsharmonie in Farben und

Linien ausklügeln sollten und Ideallandschaften, Idealporträts schaffen

sollten, künstliche, unnatürlich ausgedachte Bilder voll verlogener

Schönheiten, die ähnlich den wehleidigen Seelenschwärmereien waren,

in denen sich in Versen die Dichter einer süßlich romantischen Zeit

ergingen.

Bei diesen Kunstwerken künstlichster und ganz unkünstlerischer Natur

wollten dann die vom Nichtstun schwärmenden Bürgerherzen vom Alltag,

wie sie sagten, bei der Kunst ausruhen.

Daß es aber für den gesunden Menschen keinen Alltag gibt, daß der

vernünftige Mensch von der Festlichkeit der Arbeit spricht wie von der

Festlichkeit des Genießens, dieses war erst nur den Künstlern jener

neunziger Jahre bewußt geworden. Die Bürger litten noch unter dem

eingeredeten Fluch der Arbeit.

Es war damals nicht daran zu denken, daß Künstler und Volk, die sich in

ihren Forderungen nicht verstanden, sich gegenseitig achten könnten.

Der Bürger verachtete den Künstler als nicht ernst zu nehmend, weil

der Künstler nicht vom Fluch der Arbeit jammerte, weil er die Arbeit

verehrte und seine eigene Arbeit festlich nahm.

Der Künstler wieder verachtete den Bürger, weil dieser von den

Kunstwerken nur künstliche, ausgedachte Schönheit ersehnte und nicht

die tiefe aufrichtige Weltfestlichkeit nachfühlen wollte, die auch auf

der Ernstseite des Lebens, auch bei den Elenden, bei den Armen, bei den

Häßlichen und bei den in Ruß und Qualm Arbeitenden, das Menschenherz

bereichert und künstlerisch erschüttert.

Innere Schönheit der Lebensernstseite wiedergeben zu können, das

war die Errungenschaft der Künstler der neunziger Jahre, die sich

verächtlich von althergebrachter Schönheit fort der Wiedergabe neuer

Schönheitsoffenbarungen zugewendet hatten.

* * * * *

Ich konnte also nicht daran denken, mich in meiner Vaterstadt

niederzulassen, weil ich noch bei meiner Jugend des künstlerischen

Verkehrs und der Anregung bedurfte und eines Gedankenaustausches,

den ich dort nicht gefunden hätte. Und da sich weder die Stadt- und

Gemeindeverwaltung, noch der Staat damals um junge Dichter und Künstler

kümmerten, konnte ich auch nicht in Deutschland und nicht in der Heimat

auf Unterstützung rechnen und mußte weiter den Plänen nachhängen, einen

Landaufenthalt zu suchen in einem günstigen, möglichst warmen Klima,

wo die Gartenarbeit für mich nicht zu hart sein würde, und wo ich von

meinem Erbe Erde kaufen wollte.

Ich reiste deshalb vierzehn Tage nach dem Tode meines Vaters mit meiner

Frau nach Sizilien. Wir wohnten einige Wochen in dem berühmten schönen

Felsenstädtchen Taormina, das der ganzen Welt durch das besterhaltenste

griechische Theater bekannt ist.

Dort unter freiem Himmel in der Theaterruine saß ich grübelnd und

sah auf die Rauchsäulen des nahen Ätna, aber ich fühlte mich nicht

zufrieden. Der alte Kulturboden Siziliens, auf welchem einem überall

die Spuren griechischer und normannischer Menschengeschlechter

begegneten, gab der Gegend rundum etwas Greisenhaftes, trotz aller

südlicher Kraft. Alle Wege schienen dort ausgefahren zu sein. Aus den

Gesichtszügen des Menschenschlages, dem ich da begegnete, sprachen

einem verwischte afrikanische, europäische, arabische Rassen an.

Ich sehnte mich nach Paris zurück.

Auch manche schöne Hauskatze ägyptischer Rasse, die auf den

Türschwellen und in den Gäßchen des Felsennestes Taormina im

Sonnenschein still und klug saß und mich vorübergehen ließ, ohne

sich zu rühren, ohne sich zu ducken, erinnerte mich an das pariser

Leben. Diese Haustiere kauerten wie eingewachsen an den sizilianischen

Türschwellen, als wollten sie sagen: hier hat kein Fremder das Recht,

sich niederzulassen. Hier wirst du immer ein Fremder bleiben, und nur

als Gast darfst du kommen und gehen.

Es schien mir auch ganz unmöglich, daß ich hier auf dem sizilianischen

Kulturboden, der seit Jahrtausenden unter vielen Menschengeschlechtern

aufgeteilt war, einen Fleck für mich finden könnte, und daß ich als

Fremder die Sitte des eingeborenen Bauers nachahmen könnte. Hier war

kein künstlerischer Unternehmungsgeist mehr in der Luft. Nur wenn man

hätte Fabriken gründen wollen und Großindustrie, wäre es vielleicht

möglich gewesen, fortzukommen in diesem Lande. Aber auch das wäre

sicher sehr schwer gewesen.

Als zu Ende Oktober an jedem Morgen die Meernebel weiß vor den

Gasthausfenstern standen und mich an den grauen Norden erinnerten,

verstärkte sich in mir das starke Heimweh nach dem nördlicheren Europa

und ebenso geschah das durch ein lebendes Bild, das ich immer vor Augen

hatte.

Wir wohnten in Taormina in einem sehr hübschen kleinen Gasthof an

der Hauptstraße, der viel von Künstlern besucht wurde, und dessen

Speisesaal bemalt war mit den Einfällen durchreisender junger Maler.

Von diesem Saal aus, dessen zwei Fenster auf die Straße sahen,

bemerkten meine Frau und ich täglich gegenüber auf dem Altan des ersten

Stockwerks eines einfachen Hauses eine neunzigjährige graue Alte. Die

saß dort, solange tags die Sonne schien, und hielt eine Kunkel in der

Hand und drehte vom Flachs zwischen ihren gekrümmten Fingern immer

fleißig den Faden.

Sie saß da schlicht und sah kaum von ihrer Arbeit auf. Um sie her auf

dem Geländer der Altane trockneten Weintrauben. Täglich war die Sonne

am Himmel über den Häusern der Gasse, und täglich saß unter der Sonne

am Altan uns gegenüber die arbeitende Alte, die nie von der Arbeit

aufsah. Wie die Altane fest an der Hauswand klebte, so lebte die alte

graue Frau in diesem Hause und an ihre Arbeit angeklebt.

Jene Arbeiterin schickte mich durch ihr ununterbrochenes, schlichtes

und bescheidenes ernstes Tun schweigend aus Sizilien fort. Ich sehnte

mich bei ihrem Anblick zurück nach dem stillen Atelier in Paris,

dahinter der unsichtbare Garten rauschte, und wo ich im Sommer fleißig

wie die Neunzigjährige gearbeitet hatte, und ich sehnte mich auch nach

dem künstlerischen und fleißigen Paris, dessen große Emsigkeit mir

immer eine innerliche Freude gewesen.

Mir fehlte hier in der Meer- und Felsenlandschaft das Gesumm des

großen Menschenbienenstockes der Weltstadt von dem Augenblick an, da

ich erkannt hatte, daß ich hier nie in dem überlieferungsreichen Land

den Eingeborenen ähnlich werden könnte, und nie unter ihnen würde als

Fischer oder Landmann leben können. Nach dieser Erkenntnis trieb es

mich von Sizilien fort, vorläufig nach Paris zurück, wo ich vorher so

gut gearbeitet hatte.

So fuhren wir bald nach Neapel und nahmen ein Schiff nach Marseille und

waren zu Anfang November wieder in Paris.

Der Amerikaner und die Amerikanerin waren erstaunt, daß wir schon

zurückkamen, denn sie hatten nach Sizilien nachkommen wollen. Aber ich

erklärte ihnen traurig, daß wir den Plan, uns irgendwo in einem Lande

mit Landarbeit beschäftigen zu wollen, aufgeben müßten. Denn ich hätte

eingesehen, daß man nirgends der Bauer eines Landes werden könnte, nur

vielleicht in dem Lande, in dem man geboren war.

Und ich sagte: „Wir müssen uns ins Leben finden. Wenn die europäische

Kultur uns auch quält, wir müssen uns einordnen in die europäische Art

und Weise.“

Da sich mein Gehirn auf der Sizilienreise an vielen neuen

Landschaftsbildern gesättigt hatte, waren mir die Wünsche nach

Landeinsamkeit vorläufig zurückgedrängt worden, was aber die beiden

Amerikaner gar nicht begreifen wollten.

Sie hatten ihr Atelier aufgegeben, und James verhandelte bereits über

seinen Häuserverkauf in Neuyork. Sie ließen mir beide deutlich durch

Ausdruck und Worte verstehen, daß sie glaubten, das väterliche Erbe,

das ich erhalten, habe mich bequem gemacht. Und ich fühlte, daß die

Freunde mich nicht mehr als Freund achten könnten, wenn ich nicht

festhielte an dem in den armen Tagen gefaßten Entschluß, einer falschen

Kultur den Rücken zu kehren und von der Hände Arbeit auf dem Lande zu

leben und so, bei Gartenarbeit und Geflügelzucht, ein von Verlegern und

Zeitschriften unabhängig arbeitender Dichter zu werden.

Sie hatten beide als Amerikaner keine Ahnung vom echten Bauernstand,

der aus den Unergründlichkeiten des Heimatbodens aufgewachsen und mit

den Eigenarten des Erdstrichs, den er Jahrhunderte bearbeitete, dem

Schoß seiner Heimaterde angehört, und dessen Lebensart nicht von jedem

beliebigen Fremden nachgeahmt werden kann.

So wie die eingestammten Pflanzenarten, Steinarten, Tierarten eines

Landstriches nicht beliebig verpflanzt werden können, so stellt der

Bauer auf dem angestammten Boden eine erdgeheiligte Menschenart dar.

Der Fremde, der sich neben dem Bauer eines Landteiles niederlassen will

und von einer anderen Bodenart geboren wurde, er wird ewig dem Bauer

des Landes fremd bleiben. Und es müssen erst Jahrhunderte vergehen,

bis Kinder und Kindeskinder, vielleicht durch vielfache Blutmischung

mit den Eingeborenen, ihre fremde Art verloren haben und von dem

betreffenden Erdstrich als Zugehörige anerkannt werden können. Da hilft

kein Wille und kein Geist, die Anpassung wird nie künstlich erreicht.

Aber dieses begriffen die Amerikaner nicht.

Als Künstler brauchte ich die Heimat und die Zugehörigkeit zu

meinem angestammten Land. Das hatte mir die alte Kultur in Sizilien

eingegeben, sowohl die sizilianischen Katzen auf den Türschwellen, als

die alte arbeitende Frau auf der Altane in Taormina.

Das sagten mir auch jetzt in Paris die uralten Kleingewerbe, die auf

hundertjährige Überlieferungen zurückschauten, das sagten mir die

steinernen Königinnen am Teich des Luxemburgparkes, das sagte mir das

uralte Schloß, der Louvre, und die Schlösser der pariser Umgebung, aus

deren ehrwürdigen Steinen mich die Geschichte des französischen Volkes

und sein Alter und seine Arbeitstätigkeit immer als den Ausländer und

den Fremden ansahen, und mir begreiflich machten, daß ich als Deutscher

nach Deutschland gehörte.

Auch wenn ich meine blonde Frau betrachtete, redeten ihr Haar und ihre

helle Haut von germanischen Ländern und germanischer Heimat. Ihr Haar

war goldgelb wie das Tannenharz und ihr Auge silbrig grün wie leichte

Birkenblätter und ihre Haut weiß rosig wie Birkenrinde, beschienen vom

Sonnenaufgang.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 12 / 22 段