Herzschrei, und sie müssen antworten. Und sie versprechen Phallus
einen neuen Stern zu bauen. Auf diesem wollen sie sein Weib, das sie
ihm erschaffen wollen, wandeln lassen. Dort auf dem rundesten Stern
soll er sie besuchen. Und sein Weib, geboren aus Himmel und Erde,
werde ihm heiter drei Söhne gebären. Die Namen der Söhne sind Bildner,
Pfeifer und Träumer.
Und die Sonne verspricht, Phallus Söhnen drei Bräute zu senden. Die
Namen der drei Bräute sind: Lichtlust, Klanglust, Mär.
Die drei Söhne des Phallus und die drei Töchter der Sonne sollen dann
der Erde neue Menschen schaffen, Menschen nach heiligen Maßen, nach
Linien der Mutter.
„Und nun, Phallus, freue dich und entzünde die verdunkelte Sonne mit
deiner Freude. Komm in den heiligen Garten, wohin alle Straßen der Erde
münden, und finde das Ende der schmerzlichen Welt. Dort unter Lauben
aus seltenem Laub finde dein Weib.
Ihre Brüste sind wie ein Paar Honigäpfel, und ihre Augen sind wie zwei
dunkle Teiche, auf deren Tiefe das Alter der Erde und das Alter der
Sonne geschrieben steht. Ihr Leib aber ist wie ein Garten, und ihre
Adern sind heiße Bäume. In ihrem Herzen münden feurig alle Straßen der
Erde. Bei ihr findest du das Ende der schmerzlichen Welt.“
Und Phallus betrachtet sein Weib und nennt sie Herzfreude und umarmt
sie. Sie gebiert ihm drei Söhne. Als die Söhne heranwachsen, hören sie
ein Seufzen und ein Schluchzen im Schlaf in jeder Nacht. Sie klagen
dies dem Vater. Er erzählt ihnen, daß das die Erde sei, die sie klagen
hören. Die Erde wolle Menschen.
Da verlangen die Söhne, daß der Vater sie zur Erde bringe. Sie wollen
der einsamgewordenen Erde wieder neue Menschen erschaffen.
Der Vater aber sagt ihnen: „Wenn ihr einmal zur Erde gekommen seid,
könnt ihr nie mehr das Auge eurer Mutter fassen. Nie seht ihr wieder
solch rundes Auge.“
Aber die Söhne bestehen darauf, daß der Vater sie zur Erde führe.
Darauf erzählt ihnen Phallus, daß sie dort drei Jungfrauen der Sonne
finden werden. Diese Jungfrauen sollen sie zu Bräuten nehmen.
Auch die Mutter umarmt ihre Söhne zum Abschied und gibt ihnen
Ratschläge. Sie sagt ihnen, daß auf Erden der Wurm Tod wohnt und
die Schlange Unheil. Und sie müßten diesen beiden göttliche Gestalt
geben und müßten dem Tod ein Lächeln und die eisernen Sohlen der
Notwendigkeit geben und das Unheil als einen in Ketten wandernden
Schattenkönig ansehen. Sie werden auch auf der Erde die Mutter Erdlust
und ihre vier Töchter finden: Erdfeuer, Fleischlust, Blutbrand und
Gürtellos. Sie sollen mit den Töchtern der Erde drei Nächte im Maimond
tanzen und drei Nächte im Herbstmond, und weiter ratet die Mutter den
Söhnen:
„Und seid ihr auf Erden angekommen, nie backt dort Ziegel vom Staub
eurer Brüder, nie näht von Maulwurffellen euch Mützen. Schneller geht
nie als im Takt eurer Herzen, aber schaut tiefer als euer Auge.“
Phallus führt die Söhne zur Erde. Dort gibt er ihnen drei Hengste,
stählerne Hengste, die vom Urblau geworfen wurden. Sie heißen Eifer.
Und Phallus füttert sie mit Blitzen. Auf diesen Hengsten sollen
Phallus’ Söhne die Töchter der Sonne erjagen, die auf goldenen Stuten
vor ihnen fliehen.
Zwölf Monde jagen die Söhne des Phallus hinter den Jungfrauen her, bis
sie sie erreichen und die Frauen ihnen fürs Leben in Liebe zu Willen
sein wollen.
Und dann wird später geboren: Rundherz, der erste rundherzige Mann, und
Rundherz, die erste rundherzige Frau. Und Goldklang und Goldwort. Diese
leben bei Bäumen und Tieren glücklich wie Mutter Herzfreude im Urblau.
--
* * * * *
Ich gab den Inhalt dieser Dichtung deshalb hier an, um an die
Gedankengänge zu erinnern, die durch jenes Buch gehen. Man wird
erkennen, wie sehr dieses Gedicht aus den Gefühlen und Gedanken jenes
Lebensabschnittes hervorgegangen ist, aus dem Leben meiner jungen Ehe
und aus dem Verkehr mit dem okkultistischen amerikanischen Ehepaar.
Aber im tiefsten Grunde natürlich war das Epos von meiner festlichen
Weltanschauung beeinflußt worden.
Dieses Epos „Phallus“, ebenso wie die „schwarze Sonne“, deren
Entstehung ich schon früher beschrieb, das Buch „Ultraviolett“, das
Drama „Sun“ und das Drama „Sehnsucht“, waren Arbeiten, die ich vom
fünfundzwanzigsten bis zu meinem dreißigsten Jahre schrieb.
Außerdem hatte ich in jenem Jahre 1896 von Gedichten einen kleinen Band
liegen, den ich teils im Herbste 1894 geschrieben hatte, teils stammen
die meisten dieser Gedichte aus dem Jahr vor meiner Verheiratung.
Dieses Bändchen von ungefähr hundert Gedichten war mir ein kleines
Heiligtum. Es waren darin meine ersten Liebeslieder, und ich hatte
mir vorgenommen, sie nie zu veröffentlichen. Ich schämte mich, meine
innigsten Gefühle anderen zum Lesen zu geben, und ich sagte zu meiner
Frau, daß diese Liebesgedichte erst nach meinem Tod erscheinen dürften.
Ich wünschte Dichter zu sein, aber wollte nicht nach der öffentlichen
Anerkennung streben, da die Anerkennung von ihr, der ich meine Gedichte
schrieb, mich reichlich zufriedenstellte. Die bedichtete Liebe
gehört nicht in die Öffentlichkeit, so dachte ich damals. Liebe ist
jedes Menschen innerste Herzensangelegenheit, meinte ich. Und wenn
ich aufgefordert wurde von Zeitschriften und Zeitungen, eines der
Liebesgedichte zu senden, antwortete ich nicht.
Denn meine Liebe hatte noch die Schamhaftigkeit des jugendlichen
Alters. Sie war noch nicht die Liebe des ausgereiften Mannes. Ich
glaubte, daß meine Liebesinnigkeit von der Welt belächelt werden
könnte. Ich hatte noch nicht die Weisheit im Fleisch, daß man die Welt
in sich besitzt, und daß das Echte, das einen bewegt, alle Echten auch
bewegt, und daß alle in der großen Welt von der gleichen Innigkeit der
Freuden leben und von den gleichen Qualen der inneren Leiden.
Wer seine Freuden oder Leiden in einem Kunstwerk wiedergeben kann,
in einem Musikstück, in einem Bild oder in einem Gedicht, der gibt
damit im letzten Grunde nicht sich, nicht seine Innigkeit, nicht seine
Erschütterungen, sondern er gibt die Gefühlswelt aller. Darum ist es
eine falsche Schamhaftigkeit, Gedichte oder Kunstwerke, die aus dem
Liebesinhalt eines Lebens stammen, vor der Öffentlichkeit verbergen zu
wollen.
Damals war meine Zurückhaltung nur insofern gerechtfertigt, als der
Band Gedichte, den ich „Reliquien“ nannte, zu meinen Jugendgedichten zu
rechnen ist. Ich versuchte bei diesen Gedichten in den ersten Anfängen
eine neue Form und Kürze, die ich erst später sicherer handhaben
konnte. Und ich wollte weder die Innigkeit, noch die Neuheit belächeln
lassen.
Wieviel muß ein junger Künstler mit sich selbst durchkämpfen! In der
Dichtung kann nicht einmal ein Freund den Freund beraten. Keinen
Freundesweg, keinen Schulweg, keinen Staatsweg, nur den eigenen
Lebensweg, nur den eigenen Verantwortungsweg kann der junge Künstler
beim Schaffen gehen.
* * * * *
Bei all dieser Verantwortung des innerlichsten Berufes wird dem jungen
Dichter nicht einmal äußere Hilfe zuteil, keine Erleichterungen, die
ihm der Staat auf Reisewegen verschaffen könnte, keine Erleichterungen
durch Staat und Vaterstadt. Den jungen Dichtern, auf die später einmal
nach Hunderten von Jahren die Nation angewiesen ist zurückzuschauen,
und die sie als die Förderer ihrer Geistesschätze und ihrer
Herzensbildung den Kindern und Kindeskindern nennen, wird von ihrer
Nation bei Lebzeiten keine Sorgfalt zuteil.
Keine Hand rührt sich im Staatshaushalt, die heranwachsenden Dichter
zu pflegen, die innerlich ganz aufgenommen sind von ihrer geistigen
Entwicklung und von ihrem vertiefteren Empfindungsleben, in dem sie
untertauchen müssen, von der Oberfläche des Alltags fort. Niemand
bedenkt, daß Dichter nicht daran denken können und auch nicht
daran denken dürfen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen, um ihrer
künstlerischen Entwicklung nicht zu schaden.
Viele jener jungen Männer müssen deshalb die verzweiflungsvollsten
Stunden und Tage durchmachen. Sie werden bitter davon gepeinigt, mitten
in der Welt des Verdienens verdienstlos dastehen zu müssen, trotzdem
sie unausgesetzt arbeiten, trotzdem es für sie keine Ruhetage gibt.
Ich möchte auch sagen, keine Ruheaugenblicke gibt es für sie, denn des
Künstlers Leben ist ein stündliches unausgesetztes Ringen, der inneren
Welt schöpferischen Ausdruck zu geben.
Nie sind Künstler in einem Augenblick ihres Lebens ganz frei von
diesem Schöpfungsfieber. Denn das Leben des Künstlers bewegt sich
im Verhältnis zum Leben der Gelehrten, Kaufleute und Handwerker in
fieberhaftem gesteigerten Zustand, und dieser ist viel gesteigerter als
der Fieberzustand, in dem ein Erfinder lebt.
Der Erfinder kämpft mit der Gestaltung neuer _Wirklichkeit_, die
Künstler aber müssen neue _Unwirklichkeit_ gestalten.
Verleger und Zeitschriften können einem jungen Dichter nicht viel
nützen. Sie sind Geschäfte, die für ihren Vorteil arbeiten müssen.
Gedichte werden mit Kleinigkeiten bezahlt und nicht nach ihrer Güte
und nicht nach ihrem Inhalt und innerem Wert, nicht wie man Juwelen
abschätzt, für die man nach Feuer, Glanz und Schliff die Preise
bestimmt.
Und doch benötigt jedes Volk Gedichte und Dichter, wie es Heldentaten
und Helden benötigt. Weil der Lebensgeist, die Lebensfreude und der
Lebenssinn erst im Kunstwerk seine Krönung findet. Und weil der
Nachwelt im Gedicht die Gefühlswelt der Vergangenheit übermittelt
werden soll. Kein Volk sollte es vernachlässigen, seinen jungen
Künstlern breiteste Lebenserleichterung zu bieten. Das Volk, das dieses
tut, bietet sich dann selbst ein höheres Leben.
* * * * *
Nachdem ich einige Monate verheiratet war, kam das, was ich
schon vorausgesehen hatte, daß das Geld, das mein Vater mir im
Frühjahr gegeben hatte, rasch zur Neige ging. Denn ich hatte damit
Hochzeitsreise und den Sommeraufenthalt in Paris bestreiten müssen.
Und als ich das Gedicht „Phallus“ beendet hatte, wußte ich genau, daß
jetzt noch niemand dasselbe kaufen würde, und daß das, was man mir
vielleicht dafür böte, so wenig sein würde, daß man sich davon nicht
viel Lebenstage kaufen könnte. Erst fünf Jahre später nahm dieses
Gedicht die Zeitschrift „Insel“ für einige hundert Mark.
Diese Ohnmacht, nichts verdienen zu können und doch die Zeit bei
unausgesetzter Arbeit zugebracht zu haben, zu wissen, daß ich mich
zugleich in fortgesetzter geistiger Weiterentwicklung befand und eine
neue Weltanschauung verkörpern wollte, die täglich meine Gedanken und
mein Empfinden beschäftigte -- alles dieses hätte mich verfinstern
müssen.
Wohl wurde ich oft verdüstert. Aber die junge Liebe, die ich erlebte,
war zu süß und ließ keine Verbitterung in mich dringen. Ich fühlte nur,
daß die Welt nicht in Ordnung war. Und wenn ich mich auch schämte,
Freunde und Verwandte um Weiterhilfe immer wieder von neuem angehen
zu müssen, so sagte doch mein Inneres: es wird sich ganz von selbst
eines Tages beweisen, daß die Hilfe, die man mir gab, nicht schlecht
angewendet war.
Im letzten Grund gab ich die Schuld, daß ich bitten mußte, der
ungenügenden Gesellschaftsordnung, in der ich heutzutage lebte, und die
jeden jungen, sich entwickelnden Dichter ganz aus dem Auge ließ und
ihn zum Bitten und Betteln zwang und ihn dem Mitleid und zufälliger
Unterstützung aussetzte. Sowie man früher nicht auf das Volk- und
Arbeiterwohl bedacht gewesen war, so war man jetzt noch nicht auf das
Künstlerwohl bedacht; aber diese Erkenntnis war schmerzlich, je klarer
sie mir wurde.
In Petersburg lebten noch Verwandte meiner Mutter und alte Freunde
meines Vaters. Und da ich meinem Vater hatte versprechen müssen, als
er mir die letzte Geldsumme gegeben, ihn nicht wieder um Unterstützung
anzugehen, so dachte ich an meine Verwandten in Rußland.
Traurig war es mir, meiner Frau jetzt erzählen zu müssen, daß ich schon
lange Sorgen für die Zukunft in mir trug. Sie hatte stillschweigend
angenommen, daß meines Vaters Unterstützung nicht ausbleiben würde,
und begriff, als das nicht der Fall war, daß ich nach Petersburg
reisen müsse, um von dortigen Verwandten vielleicht eine dauernde
Unterstützung zu erhalten. Ich reiste dann nach Rußland, nachdem das
amerikanische Ehepaar meine junge Frau aufgefordert hatte, während
meiner Reisetage in ihrem Atelier Aufenthalt zu nehmen, wo ich sie also
in gutem Schutz wußte.
Diese Reise, bei der ich nur fünf Tage von Paris abwesend war, war
eine der eigentümlichsten, die ich je erlebt habe. Es war mir ganz
bunt und seltsam zumute, aus Frankreich zu kommen, über den Rhein,
nach Deutschland, mich verheiratet zu wissen und doch meine Frau,
welche Schwedin war, bei Amerikanern im Französisch sprechenden Lande
zurückgelassen zu haben.
In Berlin, am Bahnhof Friedrichstraße, als ich dort kurzen Aufenthalt
hatte, umarmten mich von allen Seiten aufs stürmischste deutsche
Erinnerungen. Meinem Ohr, das so lange Schwedisch, Französisch und
Englisch gehört hatte, war die geliebte deutsche Muttersprache wie
Musik. Jedes Wort am Bahnhof der deutschen Hauptstadt schmeckte mir wie
Honig und Milch, schmeckte nach Süße und Einfachheit.
Mein Gehirn war nicht bloß von Sorgen, sondern auch von der Fremde
übermüdet. Das fühlte ich jetzt erst, wo die Heimatlaute ohne
Gehirnanstrengung in mein heißes, von der Fremde gerädertes Herz wie
Tau fielen.
Du hast ein Land, sagte mein Blut. Du hattest vergessen, daß du ein
Volk besitzt, Heimatgebräuche, Heimattraulichkeit, Heimateinfachheit
voll Selbstverständlichkeit, ein Volk, dem du angeboren, angewachsen
bist, das du nicht abschütteln kannst, das du bis in den Tod als deinen
Besitz fühlen sollst. So wie dein Körper dir gehört, gehört nur das
deutschsprechende Volk, nur das deutsche Wesen dir. Nur auf deutschem
Boden gehen deine Füße sicher. Nur in deutscher Luft atmet deine Brust
frei auf. Nur bei deutscher Landschaft wirst du echt dichten können.
Aber so klar, wie ich dieses heute schreibe, wurden mir damals die
auf mich einstürmenden Gefühle nicht bewußt. Ich hegte noch den Wahn,
soweit Eisenbahnen, europäische Sitte und europäische Gedanken reichen,
müßte auch ich mich als Künstler überall zu Hause fühlen können,
überall dichten können. Denn die früheren Jahre der Familienenge
lagen noch in meiner Erinnerung wie ein Zellengefängnis, in das ich
noch nicht wieder hätte zurückkehren können. Die weite Welt schien
für mich noch das Notwendigere zu sein und das Nützlichere für meine
Weiterentwicklung.
Aber ich war doch erstaunt, daß ich solche Süßigkeit in meinem Blut
empfand, als ich auf dieser Reise von der französischen Sprachgrenze
fort nach Deutschland gekommen war. Und es tat mir weh, daß ich allein
war und meiner Frau nicht Deutschland und Berlin und deutsches Wesen
zeigen konnte.
Doch der schöne Heimatrausch war kurz. Der Zug flog noch in der Nacht
von Berlin nach Königsberg. Und am nächsten Mittag, als in Eydtkuhnen
an der Grenze struppige russische Packträger, mit roten Hemdblusen,
weiten Pluderhosen und schweren Stulpstiefeln angetan, meine Koffer
durchs Zollamt trugen und ich den großen kupfernen Samowar in der
Bahnhofwirtschaft dampfen sah und ich auch der mir bereits aus einer
früheren Reise und aus Familienerinnerungen bekannten russischen Art
wieder begegnete, konnte ich nur schwer aus der alten Heimathaut in die
russische neue Haut schlüpfen und mich anderen Gebräuchen anpassen.
Doch sagte ich mir dabei, alle die wechselnden Bedrängnisse wollte ich
gern ertragen, wenn ich dann danach, mit Zukunftsunterhalt versorgt,
von Petersburg nach Paris beruhigt zu meiner Frau zurückkehren könnte.
Und ich hielt mich nur an diesen Gedanken.
Mein Schrecken war aber groß, als ich in Petersburg hören mußte, daß
die Schwester meiner Mutter, die ich besuchen wollte, in einem der
letzten Monate gestorben war. Auf ihre Hilfe hatte ich gehofft, denn
die anderen Verwandten standen mir nicht so nah und hatten für sich
selbst zu sorgen.
Ich hatte die weite Reise unternommen, weil ich wußte, daß langes
Briefschreiben meine Lage nicht so gut würde auseinandersetzen können.
Und nun war diese Reise umsonst! Man hatte mich vom Tod meiner Tante
nicht benachrichtigen können, da man meine Adresse nicht gewußt. Ich
erfuhr nun den Tod der mir lieben Verwandten erst bei meiner Ankunft
in Petersburg. Damit war aber auch alle Hoffnung auf Hilfe tot.
Ich blieb kaum zwei Tage in Rußland. Dann fuhr ich wieder von einem
Ende Europas nach dem anderen Ende, nach Paris zurück.
Sehr niedergeschlagen reiste ich nochmals durch Deutschland, als wäre
es ein fremdes Land. Eilig flog ich durch deutsche Meilen und durfte
nirgends aussteigen. Und es war mir seltsam, sowohl in Königsberg,
als auch in Berlin und Köln, überall auf jedem Bahnsteig, wieder
denselben Gesichtern der Schaffner, der Zeitungsverkäufer, der Kellner
zu begegnen. Dieselben Menschen standen da, überall, wo ich zwei Tage
vorher vorübergekommen war, in ganz Europa noch wie am selben Fleck.
Aber ich war nicht mehr derselbe. Ich hatte die fremde russische Welt
in mir, den Schrecken der Todesnachricht, die Qualen der Enttäuschung,
die Angst vor der Zukunft und fremde Petersburger Bilder. Ich war drei
Tage durch drei große Völkerheimaten gereist, zuerst hoffnungsfröhlich,
und kam nun verzweifelt denselben Weg zurück. Der Weg war derselbe.
Auch ich als Wanderer war äußerlich derselbe. Aber mein Herz hatte
auf diesem riesigen europäischen Weg noch mächtigere Wege durch viele
innere Welten zurückgelegt und war nicht bei mir.
Ich hatte zuerst die Heimatsehnsucht erfahren, das Heimatentzücken. Ich
hatte dann ferne Verwandte wiedergesehen, Vergangenheiten besucht, war
Toten begegnet. Ich hatte in neuen Familien Neugeborene gefunden, die
eben erst ihr Leben anfingen, die harmlos und hoffnungsvoll anzusehen
waren, wie ich es auf der Hinreise gewesen. Ich hatte auch gealterte,
enttäuschte Gesichter gesehen, sowie ich selbst jetzt gealtert und
enttäuscht geworden.
Als ich in Paris wieder auf dem Bahnhof ankam, waren für die große
Stadt auch nur ein paar Tage vergangen. Hier hatte sich nichts am
Stadtbild geändert. Dieselben Zollbeamten, dieselben Gesichter überall,
dieselben Gewohnheiten und derselbe Lärm auf den Straßen.
Doch ich kam von neuen Gesichtern umgeben in diese Stadt zurück, mit
Gesichtern von ganz Europa, die aus mir heraussahen, die aus mir
sprachen, und die doch niemand an mir bemerken konnte. Ich schien mir
dabei, als ich ein paar Stunden später am Abend mit meiner Frau und den
Amerikanern über die Straße ging, gar nicht von dieser äußeren Welt
hier fortgewesen zu sein.
Ich war auch nur äußerlich in Paris angekommen. Innerlich war ich
noch lange nicht da. Und ich wußte auch, daß ich innerlich nie wieder
ganz ankommen würde. Erfahrungen und innere Erlebnisse verwandeln
einen Menschen rasch und gründlich. Und man verwandelt sich nie wieder
zurück. Bei manchen Erlebnissen reist das Blut schneller als Sonne und
Erde, und das Herz eilt beiden im Altwerden voraus.
Oftmals habe ich später dasselbe wieder erlebt, aber nie so auffallend
wie bei dieser Blitzfahrt, bei der ich binnen einer knappen Woche
zweimal Europa durchquerte. Trotz aller persönlichen Enttäuschung
bewunderte ich aber die Kraft unserer heutigen Zeit, die es einem
einfachen Menschen ermöglicht, solche Reisestrecken in Kürze
zurückzulegen.
Wenn man bedenkt, welche Zeitdauer früher ein Reisewagen zu Goethes
oder Luthers Zeit nahm, so war diese meine Europafahrt, äußerlich
angesehen, nur ein Reisespiel. Innerlich waren aber die Entfernungen
mit solcher Schnelle fast unmöglich zu bewältigen. Ich war noch
wochenlang nach dieser Blitzfahrt wie betäubt und fürchtete noch
nachträglich an einem Gehirnfieber von den Folgen der äußeren und
inneren Erschütterungen zu erkranken. --
Jetzt kamen bittere Tage. Ich erinnere, daß wir uns einmal nur aus
etwas Stärkemehl, mit heißem Wasser aufgebrüht, und mit dem Zusatz
von ein paar Krumen Kakao, die wir als Rest in einer Kakaobüchse
fanden, zum Mittagessen einen braunen Brei in einem kleinen Töpfchen
über einer Spiritusflamme anrührten. Wir versuchten dabei zu lachen
und zu singen, trotzdem unser Blut ganz dünn vor Lebensangst war. Und
als die Spiritusflamme ausging, weil der Spiritus nicht mehr gereicht
hatte, konnte dieser braune Kleister, der nicht fertig gekocht war,
nicht einmal unsere Nahrung werden. Es wurde uns übel, als wir davon
versuchen wollten, und wir hungerten lächelnd weiter, immer hoffend,
daß die Türe aufgehen müsse. Wenn wir auch nicht einen lieben Gott
erhoffen konnten, der uns persönlich Hilfe brächte, und wenn auch kein
Abgesandter des deutschen Volkes zu erwarten war, so glaubten wir doch,
es müsse irgend ein lieber Mensch hereinkommen, und hofften dieses
gern.
In dieser Not kam aber auch wirklich ein unerwarteter Helfer. Wir
bekamen ein Telegramm aus Havre, daß mein Freund, der junge Philosoph,
der eben als Schiffsarzt aus Japan zurückkam, nachdem er vorher in
Brasilien gewesen war, in einer Stunde in Paris ankommen würde.
Er kam und half dann, ohne sich zu verwundern. Und als er am nächsten
Tag wieder abreiste, weil sein Schiff von Havre weiterfuhr, hatten
wir wenigstens für einige Zeit wieder das Hungergespenst verschwinden
machen können.
Einige Wochen später, im Herbst 1896, sagte uns eines Tages ein
Telegramm, daß mein Vater gestorben sei, und nun reiste ich zum
erstenmal mit meiner Frau nach Deutschland.
Ich muß aber noch berichten, daß in jenen schweren pariser Sorgentagen
sich in mir immer mehr und mehr der Gedanke entwickelte, daß ich mich
mit meiner jungen Frau vor der so anstrengenden und kostspieligen
und, wie mir immer schien, unnützen europäischen Kultur zurückziehen
wollte, um irgendwo als Landmann oder Gärtner, in der Natur, in einer
Landschaft, meinen Unterhalt zu suchen. Und ich machte jetzt oft mit
dem amerikanischen Ehepaar Pläne dieser Art.
Die beiden Amerikaner hatten öfters im Sommer in weltentlegenen
Bretagnedörfern gewohnt, hatten dort manches Mal ein kleines leeres
Fischerhäuschen gemietet und waren genügsam mit wenigem Hausrat
ausgekommen. Sie fanden, daß Fischnahrung und Brot zum Leben vollkommen
ausreichend wären. Man könne vielleicht nebenbei Geflügelzucht als
ständige Erwerbsquelle anlegen und wäre dann nicht angewiesen auf
Kunsthändler und Verleger und auf Bitten um Unterstützung bei Freunden
und Verwandten.
Der Gedanke leuchtete mir ein. Es schien mir, als müßte es nicht so
unmöglich sein auf diese Weise, wenn auch bescheiden, so doch endlich
sorgenfreier zu leben. Ich wollte den Aufenthalt am Meer und die
Einsamkeit in großer Landschaft, auch bei anspruchsloser Nahrung,
mit Freuden wählen, wenn ich dadurch sorgenfrei werden würde und
künstlerisch unabhängig arbeiten könnte.
Wir sagten uns, wir könnten mit Büchern und Zeitschriften, die wir
uns kommen lassen wollten, in einer Fischerhütte geistig an der Welt
beteiligt bleiben und würden körperlich frisch bleiben durch einige
Landarbeit, und würden dann freie stolze Künstler sein können, die
nicht mehr von Gnaden leben müßten und dann auch nicht unter Demütigung
der geldverdienenden Kreise zu leiden hätten.
Früher, wie ich noch nicht meine Lebensgefährtin gefunden, hatte ich
nur vorübergehend die Landeinsamkeit vertragen. Herzunzufriedenheit und
Blutunruhe hatten mich immer wieder zum Suchen nach Menschen in die
Städte und unter Menschen zurückgetrieben. Jetzt aber, da mein Herz
und mein Blut zufrieden waren, fehlte mir nichts als Ruhe vor äußeren
Sorgen, damit ich meine volle Kraft der Dichtung widmen konnte; denn
die Heimatsehnsucht glaubte ich überall überwinden zu können.
Nach langen Besprechungen schlug ich den Amerikanern vor, nicht nach
der rauhen Bretagne zu gehen, sondern in ein wärmeres Klima, wo die
Früchte der Erde uns unter leichterer Landarbeit den Lebensunterhalt
geben würden, und wo wir dann mehr Zeit für die künstlerischen Arbeiten
behalten würden.