Die Jahre, die man, eingesperrt in den Gefängnissen der Schule beim

Auswendiglernen geistestötender Plappereien, fern von den vier

belebenden Jahreszeiten, beinahe unterirdisch eingekerkert, hatte

verbringen müssen und die weiteren Jahre, die da in gemütstriefenden

Familienkreisen bei falscher Scham fortgesetzt werden mußten,

entnervten die heranwachsenden jungen Männer und jungen Mädchen meiner

Zeit.

Nervenkrankheiten aller Art brachen in Massen aus. Das Wort Hysterie

tauchte auf, und wie ein Aussatz fraß diese Krankheit der Nerven um

sich und befiel viele gesundgeborene Menschengeister. Die natürlichen

Sinnentriebe des herrlichen und klug durchdachten Menschenkörpers,

die die Erzieher bei übertriebener Seelenzucht und übertriebener Mast

des Geistes einfach ableugneten und für sündige, menschenunwürdige

teuflische Triebe erklärten, die nagten, von falscher Weltanschauung

vergewaltigt, verzweifelt in der Einsamkeit am klaren Geist vieler

junger Menschen.

Und die vorher herzlichen und natürlichen Triebe arteten dann in

herzlose Sinnensucht aus, die doppelt heftig in der Unterdrückung

wucherte. Und die Unschuld der Natürlichkeit und der Empfindung, in der

jeder Mensch und jedes Lebewesen sich im Weltall geschaffen hat, und

die Gesundheit der jungen Menschen wurden durch die Sinnenunterdrückung

angegriffen.

In allen Großstädten fand ich, daß die Entnervung in

schreckenerregendster Weise in jenen Jahren unter den jungen Menschen

aller Stände überhandgenommen hatte. Viele Männer, die mit siebzehn,

achtzehn Jahren körperlich männlich entwickelt waren, ebensoviele

Mädchen, die schon mit sechzehn und siebzehn Jahren reif zur

Mütterlichkeit waren, und die eine natürliche kluge einfache Freude zum

Leben mitbrachten, wurden auf den ewigen Schulbänken und in verlogener

Familienunterdrückung matt gemacht und übermüdet vom Warten.

Ihre Körper welkten bleichsüchtig, weil ihr körperlicher Liebessinn

hungern mußte. Und weder nützte den jungen Mädchen die Sorgfalt

der Familie, noch den jungen Männern die Pflicht des Berufes, diese

konnten nicht die seelische Überreiztheit von den körperlich darbenden

jugendlichen Naturen abwenden.

Das Drama „Jugend“ von Max Halbe wurde deshalb in den neunziger

Jahren mit so großer Begeisterung aufgenommen, weil es eines der

echtesten Zeitdramen war. Die einander begehrenden jungen Leute sahen

sich in diesem Drama in ihren natürlichsten Forderungen und in ihrem

unnatürlichen Leid widergespiegelt.

Und noch grimmiger und beinahe in grotesker Tragik bedichtete damals

die Seelen- und Körperqualen der reifwerdenden jungen Menschen in

seinem Drama „Frühlingserwachen“ Frank Wedekind. Nur war man in den

Bürgerkreisen jener Jahre noch nicht an Selbsterkenntnis so weit

vorgeschritten, daß man das Erwachen des jugendlichen Körpers zur Liebe

und die daraus entstehende Tragik zwischen Schulzwang und Körperdrang

begreifen und ernst nehmen wollte.

Wedekinds tragischstes Drama fand erst zehn Jahre später die große

Anerkennung, die ihm gebührte. Beschränkte Polizeiverbote, die dem

starken Künstler Wedekind soviel grimmiges Unrecht getan haben, wurden

dann endlich aufgehoben, und das erschütterndste Schulkinderdrama, das

erschütterndste Erzieher- und Schülerdrama, das jemals geschrieben

worden ist, durfte endlich seine aufklärende Wirkung von der Bühne auf

die Öffentlichkeit ausüben. --

Im Mittelalter hat man vielen Erwachsenen das Leben zur Hölle gemacht,

indem man viele unschuldige Menschen in Massen für Hexen und Zauberer

erklärte, weil man Körperlichkeit haßte und verfolgte. Und in meiner

Zeit hatte man der Jugend die Jugend zur Hölle gemacht. Die Erwachsenen

hatten sich mehr oder weniger zu Sinnennatürlichkeit befreit, und die

Menschen verbrannten nicht mehr Unschuldige als Hexen und Zauberer.

Aber die ermüdenden Schulen, die man eingerichtet, der Schulzwang und

der Erzieher Unverständnis aller jugendlichen sinnlichen Regungen

gegenüber, sie waren eine Hölle für die Jugend geworden.

* * * * *

Das Grauenhafte an der heutigen unvollkommenen Lebensfestlichkeit wurde

mir stärker bewußt, wenn ich so mit meiner jungen Frau durch Paris

ging und wir sehr zufrieden und glücklich waren. Wie erstaunt sieht

der Alltag den Glücklichen und Festlichen an, der Alltag, den die

europäischen Menschen sich künstlich geschaffen haben.

In der natürlichen festlichen Weltalleinrichtung aber gibt es niemals

einen Alltag. Da ist auch jede Arbeit eine Lebensfestlichkeit. Es gibt

da nur lautere und stillere Festlichkeiten im Weltall, aber nirgends

einen Alltag. Der Schlaf noch ist eine stille Festlichkeit und das

Sterben auch.

Seht die Vögel an, wenn sie ihre Nester bauen. Seht die Tiere im Walde

an, wenn sie ihr Futter suchen, die Rehe und Hasen, wie vergnügt sie

es tun, wie leicht und lächelnd und doch wie tiefernst dabei, ernster

als der gezüchtetste Mensch und lächelnd wie nur der wohlerzogendste

Mensch.

Sagt nicht, daß nicht das wildeste Tier lächeln kann. Das Wildschwein,

das mit seinen Jungen spaziert, grunzt behaglich und plaudert mit

seinen Kleinen, und das zwinkernde Behagen seiner Augen ist sein

Lächeln, das so herzlich aus des Wildschweins Lebensfestlichkeit kommt,

wie das Menschenlächeln einer Menschenmutter, die ihre Kinder spazieren

führt.

Als ich um die Erde reiste, erstaunte mich immer wieder an Asien, daß

ich dort keinen Sonntag fand. Zuerst war mir das seltsam. Aber welcher

Gebildete in Europa hat nicht das Gähnen gelernt am Sonntag, weil

ihm eine Ruhe aufgezwungen wird, nach der sein Körper nicht verlangt

hat. Man hat Arbeitslust, und man soll alle sechs Tage an einem Tag

plötzlich nicht arbeiten. Man fühlt oft gerade den Drang und den Geist,

am Sonntag glückliche Geschäfte abzuschließen, und man darf sich nicht

beschäftigen.

Dieses verblödende Sonntagsfeiern, das eigentlich nur eine

Angewohnheit, aber kein Festbedürfnis ist, fällt auf der anderen

Erdhälfte bei den buddhistischen Asiaten in Indien, China und Japan

weg. Und wenn ich mir vorstelle, jeder Mensch bei uns dürfte die Ruhe

unserer europäischen zweiundfünfzig Sonntage, die Ruhestunden dieser

Tage, in Minuten oder Stunden nach eigenem Gutdünken über das ganze

Jahr hingestreut genießen, dann würden viele Nervenkrankheiten, viel

Hast und Übereilung, die Europa an den Abgrund früher Entnervung

führen werden, und die jetzt schon einzelne Völker vor die Frage der

Entvölkerung gestellt haben, fortfallen und einer ruhigeren Einsicht,

einer ruhigeren Beschaulichkeit und einer ebenmäßigeren sanfteren und

stündlich festlicheren Daseinsfreude Platz machen.

Etwas anderes ist es, wenn die Menschen, um ihre Gemeinschaft

untereinander zu spüren und ihre Gemeinschaft mit der Natur zu

genießen, natürliche Jahresfeste feiern wollen. Es gibt genug

natürliche Jahresfeste: Vaterlandsfeste, das Fest der Sonnenwende, die

Feste der Frühlingswiederkehr, das Fest der Wiederkehr des Lichtes,

die Feste verschiedener Blütezeiten in Wald und Feld, Vollmondfeste

und Feste bei der Stellung besonderer Sterne, Feste bei gewisser

Planetennähe und Erntefeste. Diese Feste, davon sich auch einige in der

alten Weltanschauung finden, bieten genügende natürliche Ruhetage im

Jahr, genügende im Weltalleben begründete Feste.

* * * * *

Ich besuchte in jener pariser Zeit 1896/97 auch öfters das eben erst

eröffnete Museum Guimet, das beim Trocadero liegt, und darin ein

reicher Franzose ungeheure Schätze asiatischer Kunst angesammelt hat.

Chinesische und japanische Kunstgewerbegegenstände waren da und große

Götterbronzen, viele vergoldete Buddhas, auf riesigen vergoldeten

Lotosblumen sitzend, und wunderbares asiatisches Lackgerät für Haus und

Tempel, ebenso eine reiche asiatische Bilder- und Porzellansammlung.

Hier erwachte die Lust zu meiner späteren Weltreise zum erstenmal, als

ich mich sehnte, des Friedens jener Völker teilhaftig zu werden, die

da im kleinsten nicht bloß Nützliches tun, sondern nützlich Schönes,

die als Buddhisten mit allem Weltalleben festlicher verkehren, weil sie

sich nicht höher stellen wollen und sich nicht hochmütig besser zu sein

dünken als die mitlebenden Lebewesen des Alls.

Ich sehnte mich, jene Völker aufzusuchen, die so gesittet und klug

denken und sich jahrhundertelang künstlerisch geschult und bereichert

haben und künstlerischen Verkehr übten mit allen Weltalldingen durch

beschauliches Sichvertiefen in die Natur. Jene Völker waren nicht

bloß den Menschen, sondern auch den Pflanzen und den Tieren vor ihren

Fenstern und Türen vertrauliche Kameraden geworden, da sie herzliche

Bewunderer sind allen Lebens.

Die Volksmassen der Europäer haben es hingegen hauptsächlich nur zu

wissenschaftlichem Ergründen und Bewundern des Lebens gebracht. Über

die Wissenschaft hinaus, zur Kunst, zur künstlerischen Vertiefung,

wohin alle Leute in Japan und China durch ihre buddhistische

Weltauffassung gekommen sind, davon sind unsere breiten Volksmassen

noch weit entfernt.

Nur eine Schar von künstlerisch Gebildeten und nur die Künstler weisen

in Europa von Jahr zu Jahr mehr darauf hin, mit dem Weltalleben

künstlerischen festlichen Verkehr zu pflegen, was seit der Heidenzeit

bei uns nicht mehr der Fall gewesen ist.

* * * * *

Das Atelier in Paris, in dem meine Frau und ich wohnten, lag in einer

Sackgasse, in welcher sich viele Ateliers befanden, und wo fast nur

Künstler und Künstlerinnen hausten, Amerikaner, Franzosen, Deutsche

und Skandinavier. Dieser glasbedeckte Raum lag in einem freundlichen

sauberen Gartenhof und grenzte mit der Rückwand an einen großen

Klostergarten, dessen Bäume wir nachts durch die Wand rauschen hörten,

und dessen singende Vögel uns morgens beim Erwachen ihre frohen

Gedanken gaben.

Die Mauer jenes Klostergartens lief außen am Boulevard Raspail entlang.

Sie war hoch, und ich habe nie in diesen Garten hineinsehen können. Er

ist für meine Augen unsichtbar geblieben und baute sich nur vor meinen

Ohren in der Sonnenstille des Tages und in der Sommerstille der Nächte

auf.

Im Atelier war hoch oben unter der Decke ein kleines Luftfenster, das

nicht größer war als die Blätterhand einer Kastanie, und durch dieses

handgroße Viereck leuchtete die Sonne durch das Kastaniengrün herein zu

uns und gab einen Schimmer der Gartenwelt.

Nur draußen auf der Straße konnte man die Laubkronen der uralten hohen

Ulmen über der langen Mauer sehen und die Singvögel, die von Krone zu

Krone flogen. Dieser Garten hinter jener Mauer war in jenem Sommer, den

wir in dem heißen Paris verbrachten, nur eine Sommerfrische für unsere

Ohren.

Manchmal stand ich frühmorgens um fünf Uhr auf, von dem Rauschen des

unsichtbaren Gartens aus dem Bett gelockt, und ging allein auf dem

leeren breiten morgenfreundlichen Boulevard Raspail nach dem eine halbe

Stunde von unserer Wohnung entfernt liegenden Park Montsouris. Dieser

liebliche Mäusebergpark ähnelt sehr einer japanischen kunstvollen

Gartenanlage.

Es befindet sich dort ein großer glänzender künstlicher See von

künstlichen Hügelwegen, sprudelnden Quellen und kleinen Schluchten

umgeben. Auf dem pflanzenreichen Wasser tummeln sich viele hundert

verschiedene Wasservögel, bunte chinesische Enten, afrikanische rosa

Flamingos, schwarze australische Schwäne und silberblaue Möwenarten der

Polarmeere. Der Garten hatte damals nur wenig hohe Bäume, aber viel

blühendes Buschwerk.

Eines Morgens bemerkte ich dort ein vornehmes Gefährt, das am Gitter

stand, aber ich beachtete es nicht besonders. Als ich dann hoch oben

auf den Hügelwegen spazierte, sah ich auf der gegenüber liegenden

Seite des Sees zwei Frauen auf einer Bank mit heraufgezogenen

Beinen nebeneinander sitzen. Ich stand halb verdeckt hinter einem

Goldregenstrauch und blieb erstaunt stehen, um durch mein Hervortreten

auf den offenen Weg nicht die Aufmerksamkeit der seltsam kauernden

Frauen auf mich zu richten.

Ich war um diese frühe Stunde gewöhnlich der einzige Spaziergänger

im Garten. Außer dem alten grauen Invaliden, in dessen Obhut die

Parkbewachung lag, der mich schon kannte und dem ich öfters beim

Füttern der Wasservögel zusah und mit dem ich manchesmal plauderte, war

sonst kein Mensch zu sehen.

Die beiden Frauen hatten keine Hüte auf und waren so schlicht und

schmucklos gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick für junge

Fabrikarbeiterinnen hielt, die da frühmorgens auf dem Wege zur Fabrik,

mit häuslicher Näharbeit beschäftigt, eine Weile den blühenden Park

genießen wollten.

Dann sah ich aber mit Erstaunen, daß die Frauen, die dort lautlos, wie

zwei graue Mäuschen, mit hochgezogenen Beinen auf der Bank saßen, zwei

vornehme Japanerinnen waren. Und der Invalide erzählte mir später, es

seien Damen der japanischen Gesandtschaft, die mit ihrem Wagen zur

frühen Morgenstunde den Park öfters aufsuchten, und die lautlos, jede

mit einer Seidenstickerei in der Hand, ein Stündchen hier verbrachten.

Die Kleidung einer jeden von ihnen war ein unauffälliger japanischer

Kimono aus schiefergrauer Seide. Die Köpfe der Frauen waren schön

frisiert, und außer dem schwarzen glänzenden Haarknoten trugen sie

keinen Kopfschmuck.

Hätten sie nicht nach asiatischer Sitte mit heraufgezogenen Beinen

auf der Bank gesessen, sie wären mir gar nicht aufgefallen, und ich

hätte sie von weitem für zwei schlichte Frauen aus dem Volk gehalten.

Unauffällig verschmolzen diese stillen Wesen mit dem Morgenleben der

Gartenwelt.

Diese vornehmen Damen aus der hohen japanischen Aristokratie waren

nicht auffälliger in ihrer Kleidung und in ihrem Gebaren als die

Amseln oder die Tauben, die im Rasen ab- und zuflogen. Eine zufriedene

vornehme Einheit trennte bei ihnen nicht Körper und Kleidung

voneinander. Ihre schlafrockartigen Kimonos waren für die Körper

schlichte Behälter, wie das Federkleid es für die Vögel, wie das Fell

es für die Tiere ist.

Diese asiatischen Kleider waren gütige und selbstverständliche Hüllen

für den Leib, die in großzügiger Linie die Gestalt nur andeuteten, die

Glieder schützten, aber nicht allen Körperlinien nachliefen. Es war nur

Selbstverständlichkeit und keine Selbstgefälligkeit in dieser klugen

Kimonokleidung, die, wie es schien, sowohl auf der Straße als hier im

Garten, sowie im Hause, vor allem Schlichtheit, edle Nützlichkeit und

vornehme Haltung betonte.

Ich habe dann jene Damen nicht wiedergesehen. Vielleicht hat es sie

verscheucht, daß sie sich im Park nicht mehr allein wußten, aber ich

habe dasselbe Bild später oft in Japan wiedererlebt. Sowohl in der

Eisenbahn dort als im Geschäftsleben war es die Unauffälligkeit,

die die wohlanständige japanische Frau kennzeichnet. Nur die

Teehaustänzerinnen, die das Bürgerstadtteil verlassen haben und ein

eigenes Stadtteil in Japan bewohnen, das abends für die Besucher

geöffnet wird, nur diese tragen auffallende feuerbunte Kleider, die

mit Blumen in Gold und Purpur bestickt sind. Und auch die kleinen

Kinder läßt man in kunterbunten Kleidern eine äußerliche Lebensfreude

öffentlich zur Schau tragen.

Der gebildete Mensch, der das innere Leben reich in Gemüts- und

Seelenfarben erlebt, wird den äußeren Farbenbehang gern vermeiden.

Nur das Kind, das noch nicht reif für das Innenleben ist, und jene

Frauen, die ihr Leben daran setzen, allein den Sinnen zu schmeicheln,

die sollen zu den Farben greifen. Aber die häusliche und im

Gleichgewicht zwischen Geist und Körper lebende Frau wird immer die

Schlichtheit dem grellen Auftreten vorziehen. --

Damals, nach meinen häufigen Besuchen in den Louvresammlungen und

in der asiatischen Sammlung Guimet, kam mir die Sehnsucht, Ägypten

und Griechenland zu besuchen, Indien, China und Japan. Griechenland

bereiste ich dann im zweiten Jahr meiner Verheiratung. Die anderen

Länder sah ich erst zehn Jahre später. Aber es war mir in allen diesen

zehn Jahren, bis ich die Weltreise in meinem achtunddreißigsten

Lebensjahre ermöglichen konnte, ein stetes Bedürfnis, von asiatischen

Ländern zu hören. Von den Ländern, aus denen wir alle unsere Weisheit

und künstlerische Kultur erhalten haben, von jenen Ländern, die von

jeher ihren Hunger nach Kunst so selbstverständlich befriedigt haben

wie den Hunger ihres Magens. Künstlerische Schönheit gehört bei den

Asiaten zum Leben wie das tägliche Salz, ohne das der Mensch nicht

leben kann. --

* * * * *

Teils angeregt durch die Kraft der Liebe, teils angeregt durch die

Gespräche kabbalistischer und okkultistischer Art schrieb ich in jenem

Sommer 1896, wo ich, eben verheiratet, in jenem Atelier in Paris

wohnte, das Epos „Phallus“. Auch diese Dichtung zähle ich noch zu

meinen Jugendschriften.

Dieses Gedicht schildert, wie der Riese Zeit und die Riesin Leben,

nachdem sie neun Jahre sich geliebt hatten, den jungen Gott Phallus

schufen, den Gott der männlichen, lebenfortpflanzenden Kraft. Der

junge Gott, von den Menschen verkannt, wandert durch die Straßen der

Städte der menschenüberfüllten Welt und findet die Menschen in Kleidern

aus Sorgengarn gekleidet und mit Mützen aus Maulwurfsfellen über

den Ohren. Und sie wohnen in Backsteinhäusern, deren Steine aus dem

Staub untergegangener Völker gebacken sind, und die Menschenasche der

Jahrhunderte, die sich auf den Wegen der Erde angesammelt hat, erstickt

die Geister und Gedanken der kommenden Geschlechter.

Da tritt Phallus, nackt und herrlich geformt, unter diese im

Menschenstaub lebenden sorgengrauen Menschen. Die frische Weisheit der

Quellen, die starke Kraft der Wurzeln aller Bäume, die Härte aller

Metalle der Erde, die Brunst der Tiere und der Geist des Himmels haben

den jungen Gott großgezogen, als ihn Vater und Mutter liegen gelassen,

wo sie ihn geboren.

Er kommt in der Stadt in das höchste Haus, dessen Wände nach allen vier

Windrichtungen sehen. Auf den Treppen und Gängen des Hauses findet

er Hunderte von Leichen junger Männer, in deren leeren Augenhöhlen

Schwärme von Fliegen nisten.

Phallus steigt über die Leichen der Jugend und tritt in den größten

Saal jenes Hauses ein. Dieser Saal ist in der Mitte durch eine Glaswand

geteilt, und hinter dem Glase leben die letzten Töchter der Menschen,

von den Männern getrennt, in einem Spiegel.

Scharen sterbender junger Männer, die sich die Stirn an der harten

Glaswand eingerannt haben, liegen vor diesem Spiegel verblutend auf den

Fliesen des Saales.

Phallus sieht staunend die Scharen der Sterbenden, die nicht zu den

Töchtern des Landes gelangen konnten, und er sieht auf die letzten

Töchter der Menschen, die hinter der Glaswand lächeln und sich

schmücken und unberührt bleiben vom Massentod der jungen Männer.

Da schüttelt ein ungeheures Mitleid das Herz des jungen Gottes Phallus,

und da er nicht die unzerbrechliche eisige Glaswand zerschlagen kann,

die die jungen Männer von den Frauen trennt, so stemmt er seine Arme

gegen das Dach des Saales, zerbricht die Decke und ruft die Sonne

herein, die dann mit ihrem Weltfeuer den großen Spiegel, in dem die

letzten Töchter der Menschheit wohnen, zerschmilzt.

Aber die jungen Mädchen lassen sich nicht durch des jungen Gottes

Gewalt fangen. Sie lachen höhnisch auf, und sie machen sich alle

unsichtbar. Denn sie hatten das Unsichtbarmachen erlernt, das der Gott

Phallus nicht kannte.

Der junge Gott, der schon glaubt, die Töchter des Menschen zu fassen,

steht allein im leeren Saal, wo das geschmolzene Glas seine nackten

Sohlen verbrennt. Er aber achtet nicht der Brandwunden. Er ruft laut

die Töchter der Menschen. Aber diese bleiben unsichtbar und fliehen ihn.

Doch die lebenskräftigen Rufe des Gottes erwecken die Scharen der

jungen toten Männer, die auf den Treppen aufstehen und erstaunt

den weltkräftigen Gott vor sich sehen. Aber auch sie flüchten alle

erschrocken vor seiner Kraft.

Phallus legt sich am Abend auf einen Berg zum Schlafen nieder. Der Berg

erglüht von des Gottes Hitze und speit Rauch und Feuer und wird ein

Vulkan.

Die Männer beschlossen, den schlafenden Gott zu binden und zu töten.

Doch Phallus schläft tief und glühend in glühenden Wolken, und keiner

der Menschen kann sich ihm nahen.

Der junge Gott wandert fort über die Erde und besucht alle Geschöpfe.

Und er schafft den Wolken Töchter, den Adlern Söhne und den Eichen

Töchter, und die Sturmfrau gebiert von ihm Söhne. Er bevölkert mit

seinen sagenhaften Gestalten die Erde, und allen seinen Geschöpfen gibt

er silbernes klares Blut. Und mit Wohlgefallen begegnet er überall auf

den Bergen und in den Wäldern seinen Geschöpfen, die sich vermehren und

sich lieben.

Nur die letzten Menschentöchter konnte Phallus nicht zur Liebe bewegen.

Das Menschengeschlecht ist am Aussterben. Die letzten Männer der

Menschen schlafen einsam an trüben Seen, und einsam in hohlen Bergen

liegen die Töchter der Menschen. Aber sie sind alle mit Kleidern aus

Sorgengarnen bekleidet und wissen nichts mehr vom nackten Menschenleib.

Einmal liegt Phallus in einer Nacht schlafend auf jenem rostigen Berg,

in dessen Innern die letzten Menschenfrauen wohnen. Sie, die kaltblütig

Denkenden, fühlen, wie sich der Berg erwärmt, und denken alle sofort,

daß es nur der Gott Phallus sein könne, der in der Nähe ist und die

Steine erwärmt.

Sie erschrecken und teilen sich gegenseitig ihre Furcht mit. Phallus

aber hört, auf dem Berg liegend, durch den erwärmten Felsen ihre feigen

Reden. Zugleich hört er auch über sich das Gespräch eines Adlerknaben,

der um die Tochter einer Wolke wirbt, und er hört, wie jeder von beiden

stolz erzählt, daß sein Vater der Gott Phallus ist.

Als der Adlerknabe erfährt, daß die Wolkentochter silbernes Blut

besitze wie er, will er, daß sie ihm das Blut in ihren Adern zeigen

soll. Sie soll mit ihm hinunter ins Tal an den Salzsee kommen, wo die

finsteren Männer der Menschen, die letzten, um ein Feuer schlafen. Dort

soll sie sich vor das Feuer stellen, damit sie, durchleuchtet, ihm das

silberne Blut in ihrem Leibe zeige. Dann wollte er sie immer lieben,

immer küssen, wenn sie vom selben Stamme sei wie er.

Und Phallus sieht sich um und sieht, wie überall unter den Geschöpfen,

die er geschaffen, rund auf der Erde die Liebe herrscht, nur nicht bei

den letzten Menschen.

Und wie der Gott noch auf dem Berge liegt und horcht, stürzt plötzlich

einer der Götterboten, mit Namen Hilferuf, herauf vom See und erzählt

Phallus, indessen vor Schrecken die Wolken erstarren, daß die

metallgierigen letzten Menschen unten am See zwei seiner Geschöpfe, den

Adlerknaben und die Tochter der Wolke, getötet haben, um das Silber aus

ihren Adern zu fangen.

Phallus springt auf, und unter ihm schreit die erschrockene Erde.

Er flucht den letzten Menschen, und sein gewaltiger Götterfluch

erschlägt die letzten unsichtbar fliehenden Männer und Frauen. Das

Unsichtbarwerden nützt ihnen nichts mehr. Die Menschheit verzehrt eine

rächende Nacht.

Dann steht Phallus auf der menschenleeren Erde allein. Sein Fluch hat

alles Leben vernichtet. Auch seine Geschöpfe sind zu Asche verbrannt

unter dem furchtbaren Fluch.

Phallus weint sechs Tage, sechs Nächte. Seine Träne steht still am

siebenten Tag, und Phallus ruht auf verwitterter Erde.

Die Erde gibt ihm ihren weisen Rat. Der Einsame soll sich nach seiner

Herzlust ein Weib wünschen, wie es ihm sein Herz befiehlt. Denn einem

Herzwunsch müssen die Sonnen gehorchen.

Und Phallus wünscht und ruft seinen Herzschrei ins Weltall. Die beiden

Riesen Urklang und Urlicht, die die Sonnenfeuer schüren und die Sterne

rollen, und die dem Urleib der Welt dienen, hören am Feuerherd den

Schrei, den Phallus auf Rat der Erde, die mit großer Weisheit zu ihm

gesprochen hatte, zu den Sonnen gerufen hat. Unter diesem Schrei

stürzen betäubt die ältesten Riesen des Weltalls, Urlicht und Urklang,

geblendet nieder. Und das Feuer der Sonne schrumpft ein, so daß die

Sonne verdunkelt und die Erde aufschreit, weil ihre Tierherden und ihre

Wälder sterben.

Phallus bittet die Riesen, ihm das Weib zu geben, nach dem seine

Sehnsucht ruft.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 10 / 22 段