jetzt hier das leere Wasser in weißes glänzendes Feuer verwandelt, die
Gartenbäume und den Rasen täglich anruft, daß sie blühen sollen, und
so wahr es ist, daß dieser Garten der Sonne folgen muß und Blätter und
Knospen treiben wird, so wahr ist es, daß ich dich anrufe und flehe:
höre auf dein Herz. Du kannst es nie betäuben!
Ich rufe dich an wie die Sonne. Und dein Geist und dein Leib müssen mir
folgen. Du kannst die Liebe nicht ersticken. Das ferne Gesicht jenes
Mädchens, das du liebst, spiegelt sich in mir, in deinem Herzen, wie
die Frühlingssonne hier im Wasserlauf und verwandelt mich in weißes
Feuer. Geh heim jetzt und liebe und singe.“ --
Und am Abend in Paris im hellgrauen Frühlingsabend, in dem kleinen
stillen Gasthof, schrieb ich mein erstes Gedicht seit Monaten und
wünschte inbrünstig wie nie diejenige herbei, von der heute im leeren
Versailler Schloßgarten den langen Nachmittag das ganze Weltall zu mir
gesprochen hatte.
Seit drei Tagen aber befand sich die, die ich fern in Schweden glaubte,
in derselben Stadt wie ich. Das erfuhr ich am nächsten Tag, als ich
ihr, die mir wie vom Himmel gefallen schien, mitten in Paris begegnete.
--
* * * * *
Ich ging meistens nach dem Frühstück, das ich zwischen elf und zwölf
Uhr einnahm, und das mein Mittagessen bedeutete, aus dem Gasthaus
fort, um dann im Luxembourggarten zu lesen, und trat gegen zwei Uhr in
ein Kaffeehaus ein, wo ich immer einige mir bekannte Künstler traf.
Manchmal saß ich im Café ~Francois premier~ am Boulevard St. Michel. Da
war Verlaines Stammplatz gewesen, der jetzt auf dem Ledersofa unter den
mit Blumen bemalten Spiegeln für immer leer blieb.
Der Kellner dort, der den Dichter noch vor einigen Monaten bedient
hatte, erzählte, wenn er mir die Zeitungen brachte, gern von seinem
toten Dichtergast. Von ihm hörte ich auch über den seltsamen kindlichen
Goldhunger, der den verarmten Bohêmepoeten kurz vor seinem Tode noch
befallen hat.
Freunde hatten Verlaine ein kleines Zimmer gemietet, und dort fanden
sie ihn eines Tages, als er seine wenigen Tische, Stühle und Geräte und
alles, was in dem dürftigen Stübchen sich um ihn befand, liebevoll mit
einer ganz gemeinen Goldbronzenfarbe bemalte.
Er, der selten Gold in die Hände bekommen hatte, den der Hunger an die
Türen der Armenspitäler getrieben hatte, und der in seinem Geist sich
so viele goldfeurige Leidenschaftshimmel in die Welt geträumt hatte,
wollte auch einmal die irdische Armseligkeit -- in der ihn seine stolze
reiche Nation darben und verkommen ließ --, ehe er sterbend von ihr
schied, sichtbar vergoldet sehen.
Er konnte das Zimmer schon nicht mehr verlassen vor Entkräftung und
von stetem Elendsfieber gepeinigt, das seinen Körper zerrüttet hatte.
Seine Freundin, die ihn zuletzt pflegte, kaufte ihm einige Flaschen
Goldbronze, seinen letzten Wunsch erfüllend. Und halb kindlich, halb
spöttisch schmunzelnd, vergoldete er in seiner Stube das graue und
abgestorbene Holzgerät, die Stuhlbeine und die Tischbeine. Die blanke
Goldbronze mußte dem kranken Dichter den fehlenden Sonnenschein in den
dunklen pariser Dezembertagen vortäuschen, die Frühlingssonne hat der
Arme nicht mehr wiedersehen dürfen.
Verlaine starb, und die pariser Bürger bemerkten seinen Tod kaum. Nur
das Studentenviertel, nur die Künstler, erlitten bewußt einen tiefen
Verlust mit seinem Hinscheiden.
Sollte man es für möglich halten, daß große Geister so unbemerkt von
einer gebildetseinwollenden Bürgerschaft und so ungefühlt leben und
gehen können? Das war doch nie bei den Griechen und Römern der Fall,
daß ein großer Mann in ihrer Mitte lebte, den nicht auch die ganze
Nation gekannt hätte. Die Jagd nach dem Gold heute macht die Bürger
geistesblind, blind gegen sich selbst, blind gegen ihre eigenen
tiefsten heiligsten Forderungen.
Der arme Dichter rief jenes Gold, das die Bürger von ihm fernhielt, in
sein Sterbezimmer, und er zwang den Goldschein, ihm in sein leidendes,
abschiednehmendes Auge zu sehen. Und als ihn das Gold ungerührt ansah,
lächelte er ihm im Sterben zu und versöhnte sich auch mit ihm, seinem
Lebensfeinde. Das Gold, nach welchem Verlaine nie gestrebt, hatte ihn
vielleicht deshalb, weil der Dichter es nicht verehren wollte, gehaßt.
Das Gold, das über alle bürgerlichen Menschen Macht hat, hatte nicht
über diesen Helden der Dichtung Macht bekommen, und nur in seiner
Sterbezeit spielte Verlaine mit dem Glanz des Goldes wie ein Kind. --
Da ich an jenem Tage, nach dem versailler Sonntag, keinen von meinen
Bekannten im Café ~Francois premier~ getroffen hatte, ging ich in
das Kaffeehaus Lilas, das auf der Höhe des Studentenviertels am
Boulevard Montparnasse liegt. Dort war immer ein Kreis des jüngsten
künstlerischen Frankreichs und des jüngsten künstlerischen Auslandes,
nachmittags und abends, anzutreffen.
Ich befand mich auch nicht lange dort, da kam Eduard Munch und
setzte sich zu mir. Ich fragte ihn sogleich nach der Adresse einer
norwegischen Freundin jener jungen stockholmer Dame, die Munch
ebensogut wie ich kannte. Ich ließ mir dann vom Kellner eine Postkarte
geben und schrieb an jene Dame nach Norwegen, denn bei ihr hielt sich
jetzt, wie ich erfahren hatte, die junge Stockholmerin zu Besuch auf.
Ich hatte noch nicht zwei Zeilen und noch nicht die Frage an die
Norwegerin, ob die junge Schwedin schon nach Stockholm zurückgekehrt
sei, ausgeschrieben, als sich die Glastüre des Kaffeehauses öffnete und
Munch neben mir erstaunt ausrief: „Nein, sehen Sie, da kommt sie ja
schon selbst.“
Verblüfft sah ich auf und sah wirklich sie, zu der ich so ungeduldig
in diesem Augenblick nach Skandinavien hingedacht hatte, unter der
Tür eintreten. Ihr Gesicht, das ich gestern ganz fern am Ende der
versailler Baumgänge im Frühlingswinde in meinem Geist hatte aufwachen
sehen, kam mir nun vervielfacht aus den breiten Spiegelwänden, aus
allen Ecken und Enden der Glaswände des pariser Kaffeehauses beweglich
und lebend entgegen.
Ich sah mich mit einemmal wie umringt von allen den Sehnsuchtsbildern,
die ich mir von jenem Mädchen gemacht hatte. Und es stand in der
Mitte aller dieser Spiegelgesichter wie der warme Kern aller meiner
Sehnsüchte, und erstaunt reichte es mir über den Marmortisch die Hand
zur Begrüßung.
Die junge Schwedin war mit ihrer norwegischen Freundin kurz
entschlossen nach Paris gekommen. Sie war nach der raschen Verlobung
und Entlobung dieses Winters unruhig, müde und fliehend vor sich selbst
und ratlos geworden.
Sie kannte schon Europa von früheren Reisen. Ihr Vater hatte sie,
als sie achtzehn Jahre alt war, nach der Schweiz gebracht, in ein
Pensionat, wo sie fremde Sprachen gelernt hatte. Ein Jahr später
war sie mit mehreren Freundinnen durch Italien gereist, nach Rom und
Neapel, und sie war dort eifrig durch die Bildersammlungen gewandert,
teils weil sie dieses unterhalten hatte, teils weil sie ihren Vater
beim Heimkommen mit dem Gesehenen unterhalten wollte. Auch Paris hatte
sie besucht und dann London. Und später war sie in England auf dem
Lande einige Zeit in einem Pfarrhaus in Pension gewesen. Alles dieses
wußte ich, und ihr plötzliches Erscheinen in Paris war mir erklärlich,
da ich auch wußte, wie gern und leicht sie reiste. --
Am dritten Tage unseres Wiedersehens schien es mir endlich an der Zeit
zu sein, ihr zu erzählen, warum ich ihr die Gedichte, welche meine
Liebe erklärt hätten, in Stockholm nicht gegeben hatte. Ich wollte ihr
sagen, daß ich nicht gewagt hatte, um sie zu freien. Aber jetzt hätte
ich eingesehen, daß mir nichts Schlimmeres begegnen könnte, als von ihr
getrennt zu leben.
Wenn ich ihr auch noch nichts zu bieten hätte als meine Liebe und meine
Lust, ihr zeitlebens Liebeslieder zu schreiben, so meinte ich doch, es
würde der Kampf gegen die Armut das kleinste Übel sein.
Durfte doch der Amselmann das Amselweibchen besingen! Und wurden sie
nicht beide satt dabei und konnten ans Nestbauen denken?
Und diesen Mut wollte ich mir jetzt nehmen, und das Mädchen, das ich
liebte, wollte ich mir nicht mehr entgehen lassen, wollte nicht mehr
getrennt von ihm leben.
Ich stieg deshalb am dritten Tage mittags in einen Wagen und fuhr in
das entfernte Stadtviertel, wo die junge Dame in einer Pension wohnte,
und wo sie für einen Monat ein Zimmer genommen hatte.
Ich holte sie dort ab, und wir gingen miteinander fröhlich plaudernd
zum Frühstück, und darnach schlenderten wir durch die Louvresammlungen
und kamen zuletzt auch vor die große Bildsäule der Venus von Milo, die
im Erdgeschoßgewölbe des Louvreschlosses einen Raum für sich hat.
Der heilige wunderbare marmorne Frauenleib, der da hochaufgerichtet,
stolz und göttlich allen Menschen zum Wohlgefallen geschaffen schien,
machte uns beide verstummen. Ich mußte an den Dichter Heinrich Heine
denken, der sich als Totkranker vor dieses Bild hatte hintragen lassen
und der mit den Fingern sein Augenlid öffnen mußte, das schon gelähmt
war, um nur nochmals vor seinem Tod die Venus bewundern zu können,
für die er so viele Strophen gesungen hatte. Den kranken Dichter, den
halbtoten, erquickte noch einmal die Schönheit, die ein griechischer
Künstler vor mehr als zweitausend Jahren geschaffen hatte!
Nach zweitausend Jahren ist jene Kraft heute noch wirksam, mit der die
Künstlerhand den Marmor geformt, mit der ein menschlicher Geist, mit
der ein Mensch einen Göttinnenleib und eine Götterkraft geschaffen
hatte!
Sind wir Menschen dann nicht Schöpfer, Schöpfer am Weltall, wenn wir
nach zweitausend Jahren noch mit unserer Hände Werk und mit dem Werk
unseres Herzens ferngeborene Geister begeistern können und ihnen
Lebensmut und Lebensherzlichkeit einflößen können, ihnen sogar noch
Götterkraft in der Todesstunde geben können? -- Die griechischen Götter
vergingen, aber der griechische Künstler lebte fortwirkend über seine
Götter!
Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Liebesgeist, der vor zweitausend
Jahren den Marmor geschaffen hatte. „Segne mein Vorhaben!“ bat ich.
„Großer Geist, wenn du ewig des Lebensfestes höchster Festgeist gewesen
bist, steh mir bei. Laß mich nicht mutlos werden. Segne uns beide!“
Oft habe ich später an den seltsamen Zufall denken müssen, daß
uns unser Weg ganz absichtslos in den Louvre und vor die Venus
geführt hatte. Der Anblick der starken Liebesgöttin und die starke
Künstlerkraft, die aus dem Marmor jahrtausendestolz zu uns redete,
beschleunigte mein Vorhaben, und ich sagte der lang Begehrten meinen
Herzenswunsch.
Einige Stunden später stellte ich bei einem Abendbesuch bei James und
Theodosia, den Amerikanern, meine Braut vor. Diese freuten sich und
triumphierten, weil sie mir vorausgesagt hatten: das, was man stark und
aufrichtig, im Innersten seines Wesens wünscht, zieht man zu sich heran
und schafft so selbst seinem Wunsch die Erfüllung.
Die tatkräftigen Amerikaner schlugen uns vor, daß wir, wie sie es getan
hatten, gleich nach England reisen sollten, um uns dort trauen zu
lassen. Das taten wir auch und reisten am nächsten Tage; und am fünften
Tage nach dem Besuch bei der Venus im Louvre waren wir schon vermählt.
Bei unserer Trauung herrschte aber eine babylonische Sprachverwirrung.
Die junge Schwedin verstand wohl deutsch, konnte es aber noch nicht
sprechen. Ich verstand schwedisch, konnte es aber nicht sprechen. Und
von einem englischen Geistlichen, der weder schwedisch noch deutsch
verstand, wurden wir in der französisch sprechenden Stadt St. Helier,
auf der Insel Jersey, in einer wunderbaren alten englischen Kapelle in
französischer Sprache getraut.
Im Seebad Gorey auf derselben Insel, in dem schmucken englischen
Fischerdorf, das am Fuße einer alten Normannenburg liegt, wohnten wir
während des Monats Mai bis Anfang Juni, von wo wir dann nach Paris
zurückkehrten. Denn ich bemerkte mit Schrecken, wie schnell man im
Glück das Geld ausgibt.
* * * * *
Ich war einige Wochen vorher, ehe die junge Schwedin in Paris erschien,
noch in der schrecklichsten Notlage gewesen. Zwei Tage hatte ich fast
nichts zu essen gehabt und hatte kein Geld und keine Aussicht, welches
zu bekommen. Ich hatte Brief um Brief nach Hause geschrieben, aber
mein Vater wußte nichts davon. Man wollte ihn mit meinen Briefen nicht
verstimmen und man legte dieselben, da er nicht wohl war und zu Bett
lag, ungeöffnet auf seinen Schreibtisch, einen Brief zum anderen.
Das amerikanische Ehepaar streckte mir endlich das Heimreisegeld vor,
nachdem ich schon halb verhungert war. Ich hatte an einem Tag nur für
einen Sou eine halbe Semmel gegessen und am anderen Tag nur ein Ei für
meine letzten zwei Sous verzehrt und die Hälfte der Semmel vom Tage
vorher, die ich aufgehoben hatte. Um meine Kräfte zu schonen, hatte ich
mich zuletzt tagsüber aufs Bett legen müssen, weil ich mich nicht durch
Gehen im Straßenlärm hungrig machen wollte.
Am dritten Tag konnte ich nicht mehr länger in dieser elenden Weise
auf den Postboten warten, und als mich zufällig die beiden Amerikaner
besuchten und mich fragten, warum ich nicht ausgehen wollte, gestand
ich ihnen meine Hungersnot. Noch am selben Abend begleiteten sie mich,
nachdem sie mich gestärkt hatten, zum Bahnhof, und ich reiste zu meinem
Vater.
Dieser war müde von den dreijahrelangen Unterstützungen, die er mir
gegeben hatte. Er bedachte nicht, daß die Schriftstellerei und die
Dichtung mehr Studienjahre in Anspruch nehmen als die Medizin und
die Jurisprudenz. Ich erlangte aber dann doch von ihm, nach einer
eindringlichen Auseinandersetzung, daß er mir noch einmal einige
tausend Mark gab, wofür ich ihm dann versprach, wenn dieses Geld
verbraucht wäre, für mich selbst zu sorgen, so daß mein Vater sich
darnach nicht mehr um mich kümmern sollte. Mit dieser Summe wollte ich
sparsam leben und hoffte auf baldige Büchereinnahmen. Ich wollte jetzt
in einem Winkel von Paris eifrig schreiben.
Aber weder mein Vater, noch ich, ahnte bei diesem Wiedersehen -- das
unser letztes war --, daß ich sechs Wochen später verheiratet sein
würde. Ich hatte damals keine Ahnung, daß das junge Mädchen, das ich
im stillen liebte, nach Paris kommen würde. Und mit nur viertausend
Mark in der Tasche hätte ich nicht gewagt, nach Stockholm zu reisen und
im Hause des Großkaufmanns um die Tochter zu bitten.
So war ich nach Paris zurückgekehrt und hatte mich ein wenig bei den
Spaziergängen im Luxembourggarten von dem letzten Hungerschrecken
erholt, als die junge Schwedin erschien und ich nun, ermutigt durch die
paar Banknoten in meiner Tasche, mich nicht lange besann und für mein
Herz ein Weib wollte, da es ja auch der ärmste pariser Straßensperling
sich erlaubte, ein Weib von der Natur zu fordern. --
* * * * *
Von der Englandreise nach Paris zurückgekehrt, mieteten wir jungen
Eheleute dann in der Rue Boissonnade, die eine Atelierstraße ist, von
einem Amerikaner, der zum Sommer aufs Land gezogen war, ein großes
ausgestattetes Maleratelier und ein Schlafzimmer.
Noch einige Zeit konnte ich meiner jungen Frau verbergen, daß die Sorge
bald vor unserer Tür stehen würde, und daß ich nicht ahnte, wovon wir
dann weiterleben sollten.
Da unsere meisten pariser Bekannten jetzt im Hochsommer auf dem Lande
waren, war unser einziger Verkehr das amerikanische Ehepaar James und
Theodosia, die in der Nähe des Eiffelturmes an einer Avenue ein hoch im
Himmel gelegenes Atelier mit Küche und Schlafzimmer bewohnten.
Die alten okkultistischen Gespräche wurden bei den Amerikanern wieder
aufgenommen. Denn James und Theodosia hatten ihre kabbalistischen und
okkultistischen Studien nicht aufgegeben. Beide standen immer noch im
regen Briefverkehr mit ihren londoner Freunden. Eines Tages besuchten
wir auch in ihrer Gesellschaft in Neuilly den letzten Abkömmling eines
schottischen Königs, der in Paris als Ägyptologe lebte und mit seiner
Frau ein hübsches Gartenhaus bewohnte, wo er Sonntags eine Unmenge
Damen und Herren empfing.
Ich sah bei ihm die Papyrusrollen des ägyptischen Totenbuches, das
jener Gelehrte aus den Hieroglyphen ins Englische übersetzte.
Derselbe Gelehrte führte später in Paris den alten Isiskultus wieder
ein, und seine Frau wurde Isispriesterin. Ich ersah das viele Jahre
später aus illustrierten Zeitungen, die das Bild der beiden mit der
Nachricht von der Auffrischung des Isiskultus brachten.
Mit James und Theodosia besuchten wir in jenen Sommermonaten auch
öfters die Gewölbe des Louvres, die die großen ägyptischen Sammlungen
enthalten. Ich lernte dabei wieder viel Neues aus den Geheimlehren der
Okkultisten kennen. Sie erklärten mir, daß es falsch sei, wenn man die
großen Porphyrbildsäulen jener ägyptischen Götter, die Tiergestalt
zeigen, immer für Tiergottheiten ansehen will.
Diese Steinbilder, halb Menschen, halb Tiere, die da in steifer
feierlicher Haltung aufrecht stehen oder sitzen, tragen nur Tiermasken
vor den Gesichtern: die Maske eines Ibisvogels oder die eines
Schakals oder die einer Tigerkatze. Die Ägypter stellten die Götter
gern mit Tiermasken dar, um anzudeuten, daß Tier und Menschen die
gleichen menschlichen Regungen besitzen, daß alle Erdenleben ein und
dasselbe göttliche Leben erleben, und daß das Unergründliche hinter
verschiedenen irdischen Masken auftritt; und daß nicht bloß in der
Gestalt des Menschen, sondern auch in den Tieren alle ewigen Gefühle
des Weltalls sich vereinigten.
Auch wenn wir die Maske wechseln und im anderen Leben Katze, Schakal
oder Ibis werden, haben wir dieselben ewigen Gefühle in uns. Deshalb
wurden bei den Ägyptern Tiergesichte von Menschengestalten getragen
und umgekehrt. Die Sphinx zeigt einen Menschenkopf auf einem Tierleib.
Menschen und Tiere gehen im wechselnden Weltalleben ineinander über.
Da ist keine Grenze gezogen zwischen dem Empfindungsvermögen der
beiden. Mensch und Tier, beider Körper, leben vom Hunger und von der
Liebe, sie erleben beide die höchsten Weltallfestlichkeiten Geburt,
Liebe und Tod. Und beide erleben Weltunergründlichkeit. _Mensch und
Tier erschaffen sich aus der gleichen Wirklichkeit und der gleichen
Unwirklichkeit._ Mensch und Tier gehören der Endlichkeit und der
Unendlichkeit an, da sie dem Weltalleben angehören, das ein festliches
Verwandlungsspiel aus unendlicher Kraft bedeutet, worin sich alles mit
unendlichem Geist erschafft. Deshalb ist kein Tier von Natur geistloser
als der Mensch. --
Ich hörte sehr gern solchen Erklärungen über die ägyptischen Kunstwerke
zu, den Erklärungen über das Symbol der Schildkröte, über das Symbol
des Skarabäuskäfers und über viele andere Gestalten des Tierreiches,
die der Ägypter tausendfach nachgebildet hat, um sie immer als
Gleichnisbild der Ruhe oder als Gleichnisbild der Seelenwanderung vor
Augen zu haben. Ähnlich wie die Christen sich das Lamm und die Taube
als Lebensgleichnisse in den Kirchen dargestellt haben.
Nicht bloß hoher Geist sprach aus den ägyptischen Kunstwerken; es
wirkte ebenso erhebend die edle vereinfachte Linie, in der die
ägyptischen Künstler Menschenkörper und Tierkörper in Porphyr,
Granit und Alabaster dargestellt hatten. Mit kluger Beherrschung
arbeiteten einst ägyptischer Meistergeist und Meisterhände ernst und
mit gemessener Ruhe, so wie der Strahl der senkrechten Sonne, die
steil über dem Nil steht und nur des Menschen wichtigste Lebenslinie
an Körper und Seele groß beleuchtet. Bei solcher Feierlichkeit der
Lebensauffassung verstummen alle nebensächlichen Fragen des Alltags,
und nur der reine stolze Weltallfestlichkeitsgedanke strömt von den
Kunstwerken auf den Beschauer. --
Wenn ich dann von den Louvregewölben wieder hinaus auf die pariser
Straßen kam, nachdem wir uns lange in die ägyptischen Bildwerke
vertieft und uns an ihnen ergötzt hatten und die Festlichkeit unseres
eigenen Daseins bestätigt erhalten hatten vom festlichen Lebensgefühl
ferner Jahrtausende, so konnte ich mich mit meiner jungen Frau, die
sich gern mit mir in alles vertiefte, was mich künstlerisch erregte,
zuerst nicht gleich zurechtfinden in den Gegenwartsstraßen von Paris.
Wie läppisch kamen mir zum Beispiel an den Möbeln, die da in den
Schaufenstern standen, die Rokkokolinien vor. Flüchtig wirkend
wie Straßengeschwätz im Vergleich zu den ägyptischen monumentalen
Hausgeräten. Im Vergleich auch zu den edlen griechischen Geräten, die
strengen Zweck und zarte, nur angedeutete Grazie und eine leichte kluge
natürliche Ausschmückung gezeigt hatten, und die wir ebenfalls vorher
im Louvre bewundert hatten.
Ich hätte am liebsten die Augen geschlossen und wäre mit meiner Frau
durch die Jahrtausende zurückgeeilt und hätte mit ihr am liebsten
das untergegangene Theben am Nil und das verschwundene Athen Homers
aufgesucht. Denn wir nahmen die Liebe, die wir jetzt erlebten, hoch,
festlich und feierlich, und das Glück des Körpers wünschte auch das
Glück des Geistes.
Aber der Geist unserer Jahrhunderte, sagte ich mir, der Geist der alten
Weltanschauung heutzutage, verfolgte, haßte und beschimpfte den Körper,
da er sich ihn mit einer Erbsünde belastet vorstellte. Der Menschenleib
war wegen seiner Vergänglichkeit vom christlichen Geist immer
verächtlich und herablassend behandelt worden. Aber die Glückseligkeit,
die der liebende Körper geben konnte, schien mir vollkommen
glücklichmachend zu sein. Wogegen man das nicht vom Zeitgeist sagen
konnte, der immer hochmütig mit zukünftiger Seligkeit handelte.
Man war in meiner Jugendzeit in den Bürgerkreisen noch argwöhnisch
gegen die selbstverständlichsten Forderungen des lebenden Körpers. Und
man schämte sich in den Familien seiner natürlichen Liebesforderungen.
Man gestand sich wohl ein, daß das Herz liebebedürftig sei, man
sprach von der Zusammengehörigkeit der Seelen. Aber man wollte gern
die Regungen des Körpers bei der Liebe übersehen wissen. Man fand aus
falscher Scham des Leibes natürliche Lebensbedingungen sündhaft.
In meiner Jugendzeit waren fast alle Mädchen bleichsüchtig. Und
ich erinnere mich, daß man sie mit den verschiedensten Medizinen
gesund machen wollte. Aber das gesündeste Mittel, das darin besteht,
dem gereiften Körper die unerbittlichen Forderungen der Sinne zu
befriedigen, indem man die jungen Menschen so früh wie möglich,
sobald es ihre körperliche Sehnsucht fordert, sich verheiraten läßt,
dieses kam gar nicht in Frage. Man tat, als wäre der Körper nur ein
Seelenquäler.
Wenn der Körper sich nicht krank meldete, wußte man von seiten der
Erzieher damals während der Erziehungsjahre gar nichts von ihm. Man
sprach nur eindringlich zu dem jungen Menschen von der Seele, vom Gemüt
und vom Herzen. Und diese an und für sich erhabensten Dinge wurden
durch die übertriebene Anrufung dem Heranwachsenden so lästig gemacht,
daß ein junger, körperlich reif werdender Mensch die Worte Seele, Gemüt
und Herz zu verachten begann, ehe er noch ihren Sinn begriffen hatte.
Denn diese Worte, die eigentlich erst dem reifen zufriedengestellten
erwachsenen Körper in aller Innigkeit und Erhabenheit beim Erleben
verständlich werden, wurden den Kindern, sowohl in der Religion von den
Lehrern, als in der Familie von den Eltern, so reichlich zugeteilt, daß
ihnen die Ohren damit vom Schall dieser schönen Worte übel vollgestopft
waren.
Und wurden jene Menschen dann älter und reif, so steckten ihnen
die Ohren immer noch voll vom leeren Wortschwall, und sie wollten
keinen Anschluß an den Inhalt dieser Worte haben. Sie verlachten oder
wichen allen tieferen Werten des Lebens, allen tieferen geistigen
Erkenntnissen aus und fanden es überflüssig, davon zu sprechen. Denn
man hatte von der Schulbank her und von der Familie her den Menschen
mit zu frühem Hinweisen auf geistige Lebenswerte vor hohen Worten
Ekel eingeflößt. Der verachtete Körper rächte sich später und griff
stürmischer und rücksichtsloser und, aus dem Gleichgewicht gebracht
durch langes Darben, heftig nach dem Wirklichkeitsleben, und fern
von geistiger Vertiefung entschädigte man sich für die zu frühe und
überüppige Seelenlehre der Schul- und Erziehungsjahre.