den Amselschlag und alle Naturerlebnisse lebhafter und bilderreicher
aufnehmen müsse, wenn man an einer steinernen, weltfernen Küste, in
einem Land, dessen Sprache man nicht versteht, mit feingewordenen
Ohren und Augen nichts anderes erlebte als das wenige, das sich in dem
steinernen Rahmen jener fremden Natur abspielte.
Und während ich so sprach, und Hermann Bahr mein Leben in Schweden in
Gedanken mitlebte, wurde mir mit einem Male klar, daß mein ganzes Buch
„Ultraviolett“ kein Herz besaß; daß alle diese Lieder herzleer wirkten
im Vergleich zu den wenigen Versen, die ich jetzt über das junge
schwedische Mädchen gedichtet hatte.
Wie anders wären jene Lieder geworden, die ich in Bohuslän aus meiner
Einsamkeit heraus gedichtet hatte, wenn damals schon jenes Mädchen
mit mir über die Steine der schwedischen Westküste gegangen wäre! Die
Gedichte wären nicht bloß Farbenbilder und Tonbilder geworden, sondern
Lieder voll Liebesgeist. So sagte ich zu mir.
Der Inhalt des Buches „Ultraviolett“ erschien mir jetzt wie eine durch
Natureinsamkeiten hingleitende Irrlichtflamme, die nur eine blaue
Luftflamme war, aber die kein Feuer hatte, das einen Körper verzehrte.
Mein Herz hatte damals noch nicht gebrannt, als ich nur der Dichterlust
zuliebe dichten wollte.
Nun war mir völlig klar: ich mußte umkehren, nach Stockholm zurück und
nicht nach Italien wandern. Dieses Mädchen, das ich im Norden wußte,
war mir so notwendig zum Atmen wie meine Lunge. Mein Herz war an ihr
entzündet worden und konnte auch nicht in der Ferne mehr verlöschen.
Es verfolgte mich jetzt ebenso sehr die Sehnsucht nach der Liebe jenes
Weibes als die Sehnsucht nach den Dichtungen, die sie mir eingeben
würde.
Als ich dann am nächsten Tag Hermann Bahr mit seiner jungen Frau
glücklich lachend abreisen sah, und als ich am Abend wieder oben auf
dem Berg in dem Bauernhause Ola Hanson und seine Frau besuchte, sprach
dort in ihrer Häuslichkeit der Geist der Ehe, der Geist der Lust, einen
Hausstand zu gründen, stark auf mich ein, und ich erzählte beiden, daß
ich eine Stockholmerin liebte, die ich heiraten wollte. Die beiden
waren sehr erstaunt und freuten sich und wünschten mir Glück. --
Kaum aber nach Stockholm zurückgekehrt, wurde mir noch deutlicher als
vorher bewußt -- da ich durch das viele Reisen mich wieder in Not
gebracht hatte --, wie unmöglich es mir sein würde, da ich nur von
meines Vaters Gnade lebte, mich mit einer Frau durchzuschlagen. Aber
doch fand ich nicht die Kraft, die Sehnsuchtsgedanken an das junge
Mädchen aufzugeben. In Stockholm angekommen, erfuhr ich, daß sie
verreist sei, aber ich war glücklich, wenigstens in ihrer Vaterstadt
umherzugehen. Eines Tages aber hörte ich dann plötzlich von ihrer
Verlobung.
Ich wollte sofort aus Schweden abreisen. Doch die Mittel zur raschen
Reise fehlten für mich, und eine mir grauenhafte Verkettung der
Umstände zwang mich sogar, am Verlobungsessen im Hause der jungen Dame
teilzunehmen. Danach hätte ich aber am liebsten meinem Leben ein Ende
gemacht.
Wie ich noch voll Gram und Unentschiedenheit mit mir zu Rate ging,
meldete mir eines Tages das Dienstmädchen, daß ein unheimlicher
Mann vor der Türe stünde, der mich zu sprechen wünsche. Es war der
polnische Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dessen leise
Stimme und fremdländisches Äußere dem Dienstmädchen Furcht eingejagt
hatte. Przybyszewski war mit seiner Frau, welche Norwegerin war, von
Kristiania nach Stockholm gekommen, und ich war nun glücklich, durch
den geistig lebendigen Polen auf andere Gedanken gebracht zu werden. Er
arbeitete in dieser Zeit eben an seinem Roman „Satans Kinder“.
Bei irgendeinem Bekannten saßen wir nun immer, bei starken
Alkoholgetränken und im Zigarettenqualm, er, seine Frau, Freundinnen
und Freunde, fast Nacht für Nacht bis in die Vormittagstunden,
unendliche Reden führend und unendlich schweigen könnend, halb
schlafend, halb wachend, zusammen, immer neue Grogs brauend, immer neue
Zigarettenschachteln öffnend. Und mein Hirn tanzte bald, überreizt
von Nikotin- und Alkoholvergiftung, und ich fühlte mich in jenen
Winterwochen weder körperlich noch geistig lebend. Es war mir in jenen
Nächten oft, als wären wir alle Spukgestalten geworden, die Frauen wie
die Männer jenes Kreises. Wenn sie lachten, wenn sie sprachen, wenn sie
schwiegen, waren sie mir wie eine Gespenstergesellschaft, die erst der
anbrechende dunkle Wintermorgen scheuchte.
Aber sobald wieder nachmittags die Straßenlaternen angezündet waren
und überall künstliches Licht war, fand sich auf der Alkoholwolke und
auf den Tabakswolken die Spukgesellschaft wieder zusammen, mit wirren
geistblitzenden verzerrten Gelächtern die lange Nacht ausfüllend.
Przybyszewski spielte Chopin, wenn er bei Laune war. Das sonst so
öde Klavier wurde dann zu einer Hölle, die er mit wild tastenden
Händen öffnete. Und die Töne fraßen Ordnung und Gesetze und Gedanken
blindlings aus den Hirnen aller Zuhörer fort, und Töne, Menschen und
Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen
Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien
in den Tönen zu funkeln, wie der glühende Alkohol in den Gläsern und
wie die Feuerpunkte der Zigaretten zwischen den Lippen der Menschen,
die da in Sesseln und Sophas auf den Teppichen herumlagen und
herumhockten.
Und da war kein stilles Kreisen der Gestirne, kein geordnetes
Planetenleben mehr an dem Nachthimmel draußen, der zu den Fenstern
auf uns und auf den spielenden Polen sah. Es war, als schossen vor
meinen Augen alle Sterne, Kometen geworden, wild und regellos durch den
Nachtraum.
Die Töne klirrten unter den weißen gelenkigen Fingern des Spielenden,
und die Herzen klirrten in der Brust der Zuhörer. Und wie die Scherben
der zerbrochenen Groggläser am Boden, sahen die Augen der Frauen und
Männer, Glassplittern ähnlich, aus dem Tabakrauch. Der Geist, der
sekundenweise aus ihnen aufschoß, hatte keine Geistesgewalt mehr,
sondern war nur ein Zucken und Verenden des Geistes. Des Morgens war
mein Herz voll Mattigkeit, und abends sehnte es sich doch wieder nach
dem Untertauchen in den Hexensabbat.
Endlich raffte ich mich im Januar auf, die Stadt zu verlassen, wo die
wirren Nächte mich für die bekümmerten Tage betäuben mußten. Denn ich
schlief in diesen Wochen nicht einmal tagsüber, sondern sehnte mich
unnütz. Ich lag und dachte an mein Herz und stand erst zur Abendstunde
auf, gedankenmüde und verquält.
Aber als ich das Geld zur Abreise bereit hatte, fehlte mir der Mut zur
Abreise, und ich gab das Reisen wieder auf. Denn auch in der dunkelsten
Zeit, in dem Wirrwarr jener Nachtstunden, stand wie der Geist meiner
guten Stunden, wie der gute Genius meiner Gedichte, hinter dem
Tabaksqualm, hinter den Betäubungen, das Gesicht jenes Mädchens, das
ich liebte.
Und wenn ich morgens über die menschenleeren Pflastersteine nach Hause
ging, sagte ich mir: über diese Steine wird sie am Tage gehen! Und
dieser Gedanke gab mir ein wenig Befriedigung. Doch ich getraute mich
nicht, von den Steinen aufzusehen. Denn dann konnte ich sie, wenn
sie auch nicht auf der Straße war, im Geist deutlich am Arme ihres
Verlobten daherkommen sehen.
„Wir wollen alle reisen,“ sagte eines Tages Frau Przybyszewski. Und ich
sagte, ich wollte meinem Vater um Geld telegraphieren. Wir gingen dann
alle zusammen zum Telegraphenamt. Aber wie ich das Telegrammpapier vor
mir liegen hatte, sagte ich: „Ich werde niemals Geld erhalten, wenn ich
nicht einen triftigen Grund angebe.“
Ich schrieb deshalb auf das Papier: „Bitte telegraphiere mir tausend
Mark wegen einer Frau.“ Aber dann wußte ich nicht mehr weiter. Ich
meinte, mein Vater würde vielleicht annehmen, daß ich einen Ehrenhändel
hätte. „Schreiben Sie dazu,“ sagte eine der Frauen, „werde sonst
verhaftet.“ Und ich schrieb dieses und schickte das Telegramm ab und
erhielt auch am Abend das Geld von meinem erschrockenen Vater, der
natürlich briefliche Aufklärung verlangte. So wildes Wesen trieb die
Verzweiflung mit mir, daß ich nichts mehr bedachte, was ich tat.
Wir reisten am nächsten Tag von Stockholm ab. In Kopenhagen trennte ich
mich dann von Przybyszewski und seiner Frau und fuhr nach Paris.
Vorher hörte ich schon, daß jene junge Schwedin in Stockholm ihre
Verlobung wieder gelöst hatte, und ich atmete auf und durfte nun wieder
hoffend und frei an sie denken; doch wagte ich es kaum noch. --
In Paris hatte ich das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die
von London zurückgekehrt waren, in ihrem Atelier bald nach meiner
Ankunft aufgesucht und hatte ihnen von meiner Herzensnot erzählt und
von meiner Hoffnung, daß der Himmel mich vielleicht doch noch einmal
mit der jungen schwedischen Dame, die ich liebte, zusammenführen würde.
Die beiden Amerikaner machten mir großen Mut und sagten immer wieder,
mein Wünschen würde sicher so stark wirken, daß ich eines Tages noch
glücklich würde.
Und Paris war die geeignete Stadt, in der ich am stärksten meinem
Liebeswunsch nachhängen konnte, denn das Straßenleben, die
Vergangenheit und die Gegenwart dieser Stadt sprechen ununterbrochen
von der Liebe, die diese Stadt erlebt, erlebt hat und erleben will.
* * * * *
Als ich im Februar 1896 nach Paris kam, war vier Wochen vorher
Frankreichs bester Dichter, der Lyriker Paul Verlaine, gestorben. Und
die Zeitungen erzählten täglich Züge aus seinem Leben. Man erfuhr, daß
er sich von Krankenhaus zu Krankenhaus durchgeschlagen hatte. Aber
er war nicht so sehr krank gewesen als notleidend. Er hatte keinen
anderen Ausweg gesehen, um sich zu helfen, als daß er sich bei den
verschiedenen Spitälern in der Armenabteilung krank meldete, nur um
Unterkunft und Verköstigung zu erhalten.
Ich wohnte auf der Höhe des „Quartier Latin“ in einem Gasthof in der
Straße de l’Abbé de l’Épée, einer friedlichen kleinen Seitenstraße des
Boulevards St. Michel, die, wie man weiß, die Hauptstraße des pariser
Studentenviertels ist.
In der stillen, freundlichen Gasse, durch welche fast nie ein
Wagen fuhr, waren auf der einen Seite sonnenbeschienene, helle,
hohe Gartenmauern, und am Gassenende stand eine alte Kirche,
die mit Abend- und Morgengeläut die klösterliche Friedlichkeit
noch erhöhte. Das Gäßchen war sehr still. Man sah nur immer das
menschenleere, sonnenbeschienene, saubere Pflaster unter den Fenstern.
Die Häuser waren ein- und zweistöckige, kleine, helle, vornehme,
weltabgeschlossene Einzelhäuser. Manchmal verirrte sich einer der
Straßenverkäufer, mit singender Stimme ausrufend, unter die Fenster der
sauberen Gebäude, aber sonst flogen dort nur die Sperlinge durch den
Sonnenschein.
In dem ruhigen Gasthof stiegen meistens ausländische Künstler ab und
einige ältere französische Studenten, die Prüfungsarbeiten machten. Zur
Frühstücks- und Abendessensstunde sah man kluge, ernste, gedankenvolle
Köpfe in dem schmalen Eßsaal. Dieser Saal war schmal wie ein Hausflur.
Durch die Verglasung seiner einen Längsseite sah man in den kleinen
dreieckigen Hausgarten, der mit hohen, dichtverwachsenen Efeumauern
und einem grünen Rasen eine wohltuende Oase für das Auge war, wenn man
ermüdet vom Weltstadtlärm und aus der wüsten pariser Lebensjagd, aus
der Innenstadt, heimkehrte und sich zur Mahlzeit niedersetzte.
Da sah man manchmal auch im Gartengrün eine Katze kauern und sich bei
der Efeuwand sonnen, oder es flog eine Amsel herbei und spazierte auf
dem Rasen und flog dann über die Mauer in einen Nachbarsgarten, von
wo sie, auf hohem Ahornzweige schaukelnd, ein Lied jubelte. Man wußte
nicht mehr, lag dieses Stück grüne Erde da draußen vor dem schmalen
Speisesaal in der Stadt Paris oder in einem friedlichen Kirchhof. Denn
dieses stille, kleine Gasthaus hatte die Macht, starken Frieden um sich
zu verbreiten, so wie Öl, das man auf stürmende Wellen träufelt, das
Meer im Umkreis sanft macht.
Wenn ich nicht diese Stille in Paris täglich erlebt hätte, ich hätte es
nicht für möglich halten können, daß man solche Lautlosigkeit schaffen
kann mitten in einer Millionenstadt. Aber dieses ist die Kunst der
Pariser, vornehme Ruhe zu schaffen. Indem sie mit kluger Ausnützung
des kleinsten Erdflecks grüne Gartenwinkel anlegen, in welche man
mit Einfachheit und Bescheidenheit nur Rasen und Efeu pflanzt und so
dem Auge ländliche Ruhe zuführt. Man schachtelt also ins laute Paris
Ruhe in Ruhe ein. Und man gelangt so dort mitten in dem kochenden
Leidenschaftsherd, der die ganze Stadt wie einen ewig arbeitenden
Krater wogen und wallen läßt, trotz aller überhitzter und gesteigerter
Lebenslust, zu einer fast unschuldigen Ruhe mit sich selbst.
In keiner Weltstadt sah ich auch jemals soviel Kleingewerbetätigkeit.
Neben den großen, spiegelglänzenden, gläsernen pariser Läden nistet ein
bescheidener und traulicher Kleinhandel. Alles darf und alles soll
leben können hier in dieser lebenswarmen Stadt! Es kommt einem vor,
als stünden diese Worte als Spruch am Eingang der meisten Straßen.
Wie jahrhundertalte Wohnungen und Häuser Raum für viele Andenken
haben, Andenken an verschiedene Geschlechter, die hier lachten und
starben, so ist das pariser Straßenleben durchwebt und durchlagert von
Versteinerungen verschwundener Zeitschichten.
Dieses gibt der Stadt etwas innig Rührendes, etwas innig Rückständiges
und künstlerisch Gedankenvolles neben der wahnwitzigen Vorwärtsjagd,
dem Vorwärtsstreben und dem lauten Dasein.
Nirgends sah ich noch soviel Katzen auf der Welt als in Paris. Daß
die Ägypter die Katzen heilig sprechen konnten, wurde mir nirgends
verständlicher als in Frankreich. Die pariser Katzen gehen wie die
Geister vergangener Geschlechter lautlos und gepflegt, geliebt und
geschützt in allen Häusern herum, in allen Läden, in allen Gasthäusern.
Kein Mensch erschrickt vor ihnen, kein Mensch jagt sie, und sie
werden nicht bloß geduldet, sondern gefeiert, weil der lebendige und
lebenssüchtige Pariser im letzten Grunde auch am Tier die Ruhe des
Benehmens als die höchste Lebenskunst feiert.
Der alte schwedische Maler Josephson, den ich auf Veranlassung von
Ellen Key noch vor meiner Abreise in Stockholm besucht hatte und der
fünfzehn Jahre seines Lebens in Paris verbracht hatte, sagte beim
Abschied zu mir:
„Also, Sie wollen nach Paris! Grüßen Sie die große, starke Stadt von
mir, die große, ruhige, vornehme Stadt.“
„Ruhig?“ fragte ich. „Die Stadt, in der man sich seit Jahrhunderten
betäubt, innerlich und äußerlich, die Stadt kann doch nicht ruhig sein?“
„Glauben Sie mir,“ meinte der alte Maler, „Paris ist die ruhigste Stadt
in Europa. Und wenn Sie dort hinkommen, rate ich Ihnen, nehmen Sie es
sich als ersten und letzten Grundsatz vor: bewahren Sie sich immer Ihre
Ruhe dort. Machen Sie mit Ruhe die Hast mit. Aber geben Sie Ihre Ruhe
nie auf. Dann wird Sie der Pariser schätzen, er, der so verächtlich auf
die unruhigen Fremden herabsieht.“
Und als ich nun die Katze, das Symbol häuslicher Ruhe, überall in Paris
gepflegt fand, mußte ich immer an diese Worte des alten schwedischen
Malers denken. --
Draußen vor meiner sonnenstillen Gasse stand man, wenn man die breite,
sonnige Straße St. Michel kreuzte, vor den großen Eisengittern des
weiten Luxembourgparkes, dem Garten der Bildsäulen der Königinnen von
Frankreich und der Dichter.
Auf den Terrassen rund um den Platz eines großen Wasserbeckens stehen
die Bildsäulen der hohen Frauen, und unter den Augen der steinernen
Königinnen und in einem Kreis von Zuschauern lassen die pariser Kinder
dort im Frühlingsnachmittag ihre handgroßen Segelschiffchen auf dem
Wasserspiegel kreuzen.
Aber auf einer anderen Seite des Schloßgartens, im lauschigeren Teil,
wo die Singvögel in blühenden Büschen nisten und grüner Rasen mit
Blumenhügeln und Zwergobstbäumen abwechselt und unter schattigen, alten
Kastanien- und Ahornbäumen noch Lauschigkeit und Heimlichkeit herrscht,
findet der Spaziergänger die Denkmäler der Dichter.
Im Nebenflügel des Lustschlosses selbst, das näher zur Stadt hin liegt,
und darin jetzt die Senatoren von Paris ihre Sitzungen abhalten und
ihre Schreibstuben haben, ist die neuzeitliche Bildersammlung mit ihren
Kunstschätzen lebender oder erst jüngst gestorbener Zeitgenossen.
Die Luxembourgsammlung wird als die Vorhalle zum Allerheiligsten, zur
Ewigkeitssammlung, dem Louvre, angesehen. Ein Kunstwerk, das eine
gewisse Anzahl von Jahren in der Luxembourgsammlung ausgestellt ist,
wird, wenn sein Kunstwert nach Jahren noch als ein Bleibender anerkannt
ist, dann erst der Louvresammlung einverleibt.
So sind der Luxembourggarten und seine Bildersammlung eigentlich das
Besitztum der französischen Jugend. In den Vormittagsstunden sieht
man im lauschigen Teil des Parkes manchen bücherlesenden Studenten.
Am Nachmittag gehört der Baumschatten den Kindern, den Kinderfrauen
und den Tierfreunden, die die Vögel füttern und sich die Sperlinge so
zähmen, daß diese ihnen die Brotkrumen von den Lippen picken.
Der Spätnachmittag aber lockt die Studenten und jungen Künstler mit
ihren zierlichen Freundinnen in Scharen von der Seite des Boulevards
St. Michel her auf den großen Musikplatz des Gartens, und bei
Musikspiel lebt das Liebesspiel in den Augen, in den Worten und
Gelächtern der Spazierenden. --
Jedem Fremden flößt die große Ordnung Achtung ein, die sowohl in
London als in Paris die Tagesarbeit und das Vergnügen in bestimmte
Zeitabschnitte abteilt. Man muß das Uhrwerk dieser Städte als Fremder
verstehen lernen und sich ihm anpassen. Das Leben dort wird von der
Ordnung wie ein Konzert von einem Kapellmeister geleitet. Es haben sich
bestimmte Ordnungsbegriffe gebildet, die von Geschlecht zu Geschlecht
festgehalten werden. Man spricht von der Stunde vor „der Spazierfahrt
ins Gehölz“. Dann kommt die Stunde „der Erfrischungsgetränke“, die
Stunde vor dem „Gang ins Theater“ und so weiter.
Die Strenge, mit der an althergebrachter Sitte festgehalten wird, macht
den Pariser stolz und ruhig mitten im Neuzeittrubel.
* * * * *
Damals, im Jahre 1896, lebten und arbeiteten in Paris immer noch
Zola, Huysmans, Mallarmé, von denen für die Literatur tonangebende
Neuerungen ausgingen. Wie ich schon sagte, Verlaine war eben gestorben.
Auf dem Boulevard St. Michel lief ein älterer, etwas komischer, halb
verhungerter Literaturstudent im Gehrock und Zylinder umher, der den
Spitznamen Bibi hatte, und der unversehends mitten im Menschengewühl zu
einem herantrat, aus seiner hinteren Gehrocktasche eine Stiefelbürste
zog, den Zylinder höflich lüftete und mit ernster Miene um die
Erlaubnis fragte, einem den Staub von den Stiefeln und vom Hosensaum
bürsten zu dürfen.
Man ließ es sich gefallen und gab ihm eine Geldmünze dafür. Denn
jedermann wußte, daß Bibi bitterarm war. Aber außerdem wußte man
auch, dieser dürftige, dürre Mensch, der nur flüsterte und der im
Menschengedräng wie ein Schatten kam und schwand, er war der treueste
Anhänger Paul Verlaines gewesen. Und man behauptete später, daß er noch
zehn Jahre nach Verlaines Tod das letzte Hemd des Dichters an seinem
Leib trage und es, aus Verehrung für den toten Meister, niemals ablege.
Gestalten von solch rührender, wandelnder Lächerlichkeit lebten viele
im Gedränge des Boulevards St. Michel. Zur Mitternachtsstunde tauchten
sie auf, und es war dann, als verkörperten sich in ihnen vergangene
Zeiten.
Man sah da auch ein altes Mütterchen. Sie verkaufte Oliven in Öl oder
gekochte rote Krebse, je nach der Jahreszeit, und man sagte, sie sei
eine Freundin des Dichters Musset gewesen. Sie war wohl neunzig Jahre
alt, und ihr Kopf wackelte, und manchmal machte sie einen Luftsprung,
wenn ihr auf einer Kaffeehausrampe von einem Studenten Geld zugeworfen
wurde. Dieser Hopser der Alten war die letzte Erinnerung aus ihrer
Tänzerinnenzeit, die sie einst am Ballett der Großen Oper erlebt hatte.
Diese Spukgestalten der Vergangenheit wurden von den Studenten sowohl
wie von ihren Freundinnen, die die nächtlichen Straßen füllten,
geachtet und geliebt, man schätzte sie. Sie bildeten die Patina
der Straße. Alte Kenner des Lebens sahen ihnen ehrfürchtig und
behaglich schmunzelnd zu. Und die jungen Lebensneulinge betrachteten
diese Überbleibsel toter Zeiten mit Scheu und mit leisem Anflug
von Selbsterkenntnis: das Leben vergeht, darum wollen wir es
festlich nehmen. Mehr Erkenntnis aber lebte noch nicht in den jungen
Nachtschwärmern des lateinischen Viertels.
* * * * *
In diesem Stadtteil von Paris verbrachte ich vom Februar 1896 bis
Ende April die letzten Wintertage. Im Betrachten der großen fremden
Stadt und im Betrachten der nächsten Umgebung meiner Gasse, in der ich
wohnte, vergingen die Stunden schnell.
Und eines Sonntags, im Parke von Versailles, erstaunte ich, daß in den
hohen Baumgängen und in den künstlichen Wasserläufen dort schon die
Frühlingssonne warm spielte.
Als ich über die endlose Baumreihe, die sich von der Schloßrampe
beinahe bis an den Erdrand hinzuziehen scheint, hinsah und mich die
frische, freie Luft ferner Äcker und Felder anwehte, knickte mein Herz
ein. Denn ich wurde plötzlich erinnert, daß es außer dem künstlichen
Stadtleben, das ich bis jetzt in diesen pariser Wintertagen und in den
letzten Monaten in Stockholm fern von freier Natur gelebt hatte, auch
noch Wiesen, Wälder, Länder, Erdteile und Meere zum Aufatmen gab.
Und die Luft sagte weiter, daß über dem Meer fern im Norden ein
Mädchen, das ich ersehnte, lebte, und daß die Frische, die hier in
den stadtfernen Versailler Schloßgarten über Äcker hergekommen war
und nicht über Hausdächer, mich an das ferne Land im Norden erinnern
wollte, an Bohuslän, wo ich zuerst ohne Herz gedichtet hatte, und
an Stockholm, an meine Wohnung am Tegnerlund, wo ich meine ersten
Liebesgedichte herzlich gedichtet hatte.
Hier in Frankreich war ich bisher vor dem Neuen wie ein
Schlafwandelnder gegangen, und es war mir oft, als ob ich meine
Dichtung und meine Liebesgefühle zu jenem Mädchen in einem fern
vergangenen Leben erlebt hätte.
Aber nun kam vom Erdrand junge Luft durch den langen Baumgang, über den
langen Wasserlauf, zu den Treppen der Schloßrampe von Versailles, und
eine große Sehnsuchtswelle rührte mich an. Die Vögel, die Amseln und
Finken, die da in den blätterleeren hohen Bäumen des Parkes aufsangen,
wollten auch mich zum Aufsingen überreden. Und das Wasser blitzte unter
dem dunklen Geäst, die Frühlingssonne glitzerte in den laubleeren
Kronen der Bäume, und die weißen großen Götterbilder, die da am Fuß der
breiten Treppe stehen, sprachen von der Göttlichkeit des Menschenleibes
und von der Festlichkeit, mit der die Heiden ehemals Himmel und Erde
herzlich und selbstverständlich genossen haben.
Der große leere Frühlingsgarten, der bereit stand zu erwachen, der
Knospen und Blätterschwärme bringen wollte und zu grünen Sälen werden
wollte, darinnen sich die Menschen in Paaren ergehen sollten, dieser
Garten sagte: „Geh, hole dir dein Mädchen und komme wieder mit ihr.
Meine festlichen Wege sind nicht für Einsame gedacht. Ich bin
ausgedacht zur Feier der Liebesgefühle. Auf meinen Wegen will ich der
Menschen Liebesgeplauder hören und will Menschen sehen, deren Herzen
nicht einknicken vor Weh und Einsamkeit, wenn sie an das Ende meiner
langen Baumgänge blicken.
Wenn es die kleine Amsel dort fertig bringt, sich ein Weibchen zu
finden und diesem ihr Lied zu singen, warum sollst du, junger Mensch,
es nicht fertig bringen, wie eine Amsel dein Weibchen zu finden und ihm
deine Lieder zu singen.“
Alles dieses hörte ich laut in meinem Blut reden. Bei jedem Schritt,
den ich über den feinen Sand in dem ebenen Garten tat, schluchzte mein
Herz und klagte meinen Verstand an und sagte: