Von allen großen Künstlern wissen wir, daß sie gerne gewandert sind.

Ich erinnere nur an die Deutschen Walter von der Vogelweide, Dürer,

Goethe. Und wie fruchtbar blühte Geist und Herz des Künstlers nach der

Wanderzeit. Denkt an Richard Wagner, denkt an Nietzsche. In den jungen

Jahren zogen sie alle hinaus und wechselten Ort um Ort. Aber der war

nie ein großer Künstler, der nicht endlich seßhaft werden konnte. Und

glücklich der, der dann die Seßhaftigkeit wieder in der Heimat finden

durfte. --

Über meinen Lebenslauf in meinen Wanderjahren berichtete ich zuletzt

von Stockholm, vom Winter 1894, von den Sonntagsbesuchen bei Ellen Key,

wo ich den norwegischen Lyriker Sigbjörn Obstfelder, den Dichter der

Traurigkeit, kennen gelernt hatte.

Eines Tages erzählte mir Obstfelder, er habe bei seiner letzten

Sommerwanderung, als er mit seinem Geigenkasten durch die Berge

Norwegens zu Fuß gereist war, eine junge schwedische Dame mit ihrer

Mutter kennen gelernt. Der Vater der jungen Dame sei ein Großkaufmann.

Obstfelder war jetzt öfters im Winter in dem Landhaus jener Familie

draußen vor Stockholm zu Gast.

Im Laufe des Winters ergab es sich dann, daß ich jene junge Dame durch

Obstfelder kennen lernte. Ich traf sie einige Male in einem stockholmer

Lesesaal, wo man für zwanzig Öre stundenlang in einem lautlosen Zimmer

Zeitungen aus aller Welt lesen konnte, und wo auch Bücher zu leihen

waren. Später war ich dann in ihrem Hause eingeladen und hatte die

Familie kennen gelernt.

Gleich nach der ersten Begegnung hatte ich, was mir sonst so schnell

noch nie vorgekommen war, ein Gedicht über das schöne Goldhaar jenes

Mädchens geschrieben. Ich merkte aber auch dabei, daß ich zum erstenmal

in meinem Leben mehr als nur flüchtig verliebt war. Ich fühlte

erstaunt, daß die ernsteste Seite meines Gefühls angeschlagen war.

Ungläubig und verwundert kämpfte ich zuerst gegen den befremdeten

Liebesernst an, der beinahe schmerzlich in mir wach geworden war.

Ich mußte mir immer wiederholen: nur mit diesem Mädchen, bei welchem

scheuer, starker Geist und gesunder, keuscher Körper zusammenlebten

und mir nicht bloß vom süßen Verlieben sprachen, sondern vom tiefen

Zusammengehören, würde ich gern täglich meine Zukunft teilen.

Und bei ihr, sagte ich zu mir, kann ich mir den Begriff Ehe vorstellen.

Vielen lieblichen, reizvollen, unterhaltenden und brennend berückenden

Frauengeschöpfen war ich vorher begegnet. Manche hatte meine Sinne

gefesselt, manche meine Gedanken unterhalten, manche hatte mir schöne

Träume gegeben. Und verschiedenste Liebesgefühle konnte ich mir bei all

den verschiedensten Mädchen vorstellen, jede war wie eine Farbe oder

eine Farbenabstufung gewesen. So wie man einmal ein schönes Blau liebt,

einmal ein feuriges Rot, einmal ein erfrischendes Grün, einmal ein

stolzes Goldgelb, so wie einzelne Farben belebend und entzückend wirken

können, so waren mir verschiedene Mädchen vorher nahe gekommen. Aber

wie man nicht nur _eine_ Farbe sein Leben lang ansehen möchte, so war

ich immer bei jeder Frau früher oder später dem Gedanken ausgewichen,

eine von ihnen meinem Leben für immer verbinden zu wollen.

Aber dieses schwedische Mädchen jetzt war die erste, die keiner

einzelnen Farbe ähnlich war. Sie war, wie jeder Lebenstag, eine

Vereinigung aller sieben Farben. Ich konnte erschütterndes Rot in ihr

finden und besänftigendes Blau, das erquickende Grün und das machtvolle

Goldgelb. Ihr Herz war von der Natur warm und verständig gebildet, so

daß es nicht wie ein einfarbiges bengalisches Feuer mein Herz nur

festlich blendete, sondern ich fühlte mich in jenes Mädchens Nähe

festlich befriedigt und wußte, nachdem wir uns kaum einige Stunden

gesehen hatten, daß ihr Leben mir gehörte, und daß das meine ihr

gehören müßte.

Eigentlich wäre es das Einfachste gewesen, wenn ich ihr dies alles

gleich gesagt hätte. Aber die neue Liebeserkenntnis war, wenn ich

die Lippen öffnen wollte und sie zu ihr aussprechen sollte, mir

selbst noch so ungeheuerlich überraschend, daß ich zauderte und immer

schweigend hinhorchte, ob ich nicht den Schall und die Aufregung dieses

Ereignisses in und um mich laut werden hören könnte.

Ich war bestürzt dumm wie Hans im Glück. Eines nur bestätigte mir den

Hall des Ereignisses. Das war die Tatsache, daß ich über diese Frau

in den nächsten Tagen wieder ein Gedicht machen mußte und wieder ein

Gedicht -- und so fort bis auf den heutigen Tag. Und dieses Besingen

ihrer Erscheinung war natürlich der Schall des laut gewordenen ernsten

Gefühles, das mich erschütterte.

Es war im Frühjahr 1895. Niemand außer dem jungen Schweden hatte ich

es gesagt, daß ich mir meine zukünftige Frau in jenem jungen Mädchen

vorstellen konnte, das ich öfters, bei verschiedenen Gelegenheiten,

bald in Gesellschaft anderer, bald zufällig allein im Lesesaal

wiedergesehen hatte. Der jungen Dame selbst hatte ich keine Andeutung

gemacht. Denn ich fand es ganz lächerlich, daß ich junger Fremdling,

der ich nur von meines Vaters Gnade leben durfte und mich hilflos vor

einer ganz unklaren Zukunft befand, wagen sollte, an die Möglichkeit zu

denken, vor den Vater dieses Mädchens hinzutreten, um seine Tochter als

Frau zu verlangen.

Meine Verhältnisse hatten sich nicht geändert. Und in den Bürgerkreisen

rechnete man es einem jungen Mann, der nicht Universitätsstudent war,

übel an, wenn er in meinem Alter von siebenundzwanzig Jahren noch keine

anderen Einnahmen hatte als die Unterstützung von zu Hause.

Täglich fühlte ich mich gedemütigt von dieser Lebenseinrichtung, die

den jungen Dichter oder jungen werdenden Schriftsteller lieblos und

gedankenlos behandelt und ihm keine staatliche Lebensvergünstigung,

keine staatliche Fürsorge für sein weiteres Fortkommen und für seine

Entwicklung bietet. Von Monat zu Monat mußte ich in ausführlichen und

eindringlichen Briefen immer wieder meinen weiteren Unterhalt von

meinem Vater erbitten.

Wie hätte ich da wagen sollen, in einem fremden Land in ein reiches

Kaufmannshaus einzutreten und um die Hand der Tochter zu freien! Wenn

ich auch auf ein späteres Erbteil von zu Hause rechnen konnte, so lag

mir das doch ganz fern, solange mein Vater lebte, etwas von seinem Tod

erhoffen zu wollen. Dieser Gedanke hätte mir nicht geschmeckt, und ich

hätte nicht gewagt, mich auf diesen Gedanken zu stützen und den Vater

des Mädchens darauf hinzuweisen.

Im Frühjahr 1895 begegnete ich eines Tages, als ich in Stockholm in

einen offenen Trambahnwagen aufsprang, der jungen Dame, die bereits

eingestiegen war. Und ich saß neben ihr, sehr vergnügt darüber, sie

einmal ganz allein und nicht in dem lautlosen Lesesaal zu sehen, wo man

sich neben anderen Lesern immer nur ein geflüstertes „Guten Tag“ und

„Lebewohl“ hatte zunicken können.

Es war elf Uhr vormittags, und die Sonne schien freundlich, als hätte

sie uns beide zusammengeführt, und als freue sie sich jetzt mit uns.

Draußen eilten während der Fahrt die sonnenbeleuchteten Häuser vorüber

und Stockholms Brücken, die Bildsäulen der Könige, die Schiffe im

lebhaften Mälarenwasser und das vornehme Stockholmer Schloß, das wie

eine einzige Terrasse über das stahlblaue Stromwasser herschaut.

Mir schien, ich hatte die schwedische Hauptstadt nie so glänzend und

frühlingsbewegt gesehen als jetzt an der Seite des jungen Mädchens,

die einen gütigen Hauch von Familienunschuld mit einer frischen,

neuzeitlichen Weltart in ihrem sicheren und freundlichen Wesen

vereinigte.

Ich war beglückt, daß sie einiges über mich wissen wollte, wenn es auch

nur kleine unbedeutende Fragen waren, die sie an mich richtete. Einen

Augenblick war es mir, als führen wir beide ganz allein durch die Welt.

Und da kam es mir leicht über die Lippen, ihr zu erzählen, daß ich ein

paar Gedichte über sie geschrieben hatte.

Sie sah erstaunt und erfreut aus und fragte, ob sie die Gedichte lesen

dürfte. Da aber wurde mir klar, daß diese Gedichte die innerlichste

Liebeserklärung enthielten, der ich je in meinem Leben Wort gegeben

hatte. Und ich wußte nicht recht, ob ich ja oder nein antworten sollte.

Indessen hielt der Trambahnwagen, und die junge Dame mußte aussteigen.

Und im Aussteigen sagte sie nochmals:

„Bitte, bringen Sie doch die Gedichte in den Lesesaal mit.“

Ich sagte rasch: „Nein, ich werde sie Ihnen mit der Post schicken.“

„Ich bitte, tun Sie es bald,“ rief sie mir noch zu und reichte mir die

Hand.

Aber kaum war ich im Wagen allein und kehrte wieder zu meinem

nüchternen Sorgendasein zurück, da sagte ich mir: sie hat keine Ahnung,

was diese Gedichte sagen. Sie glaubt vielleicht, es sind nur ein paar

spöttische oder schelmische Reimereien. Und ich nahm, als ich nach

Hause kam, die Gedichte und las sie noch einmal durch. Und während ich

las, war es mir, als säße die junge Dame wieder neben mir, wie vorher

in dem Trambahnwagen.

Und da überströmte mich ein warmes zukunftsgläubiges Gefühl, und ich

sagte mir: mag werden, was will. Mag sie mich verlachen oder mag sie

erschrecken -- ich werde ihr die Gedichte schicken. Und ich schrieb

dieselben auf schöne saubere weiße Blätter. Aber schon während des

Schreibens schämte ich mich wieder, und mein Zimmer und ich selbst

wurden mir unheimlich.

Mein Blut wogte dann auf und nieder, als ich die Blätter in einen

Briefumschlag getan. Und als ich meinen Mantel anzog, um zum

Briefkasten zu gehen, war mir jede meiner Bewegungen fremd und neu.

Es wurde mir klar, die nächsten Tage mußten etwas ganz Ungewohntes

bringen. Ich konnte mir aber nicht ausdenken, wie sich jenes Mädchen

benehmen würde, wenn es die Gedichte empfangen hatte.

Entweder, sagte ich mir, war ich, wenn es die Gedichte gelesen hatte,

sein erklärter Bräutigam vor meinem und seinem Herzen oder, wenn es

sich ablehnend und erschrocken benahm, müßte ich gleich fort aus dieser

Stadt. Denn nach dem Überreichen der Gedichte würde es mir nicht

möglich sein, in denselben Straßen zu gehen, wo die Geliebte täglich

ging, und in diesen Straßen unter ihren Augen meine ihr offenbarte

Sehnsucht kalt zu machen und zu begraben.

So lange sie nichts von meiner Neigung wußte und kein Wort, kein Blick,

kein Gedicht mich ihr verraten hatte, konnte ich in ihrer Nähe alle

meine Träume und meine Hoffnungen entstehen, kommen und gehen lassen

und war immer noch mein eigener Herr über mein inneres Leben. Aber wenn

ich diesen Brief mit den Gedichten dem Briefkasten übergeben hatte, war

ich der Knecht einer Aufrichtigkeit geworden, die vielleicht verfrüht

war oder vielleicht niemals jener Frau zu Bewußtsein kommen sollte.

Ich ging dann am ersten Briefkasten vorüber und sagte mir: es gibt mehr

Briefkästen. Und ich ging an dem zweiten Briefkasten vorüber und sagte

mir: du hast ja den ganzen Tag Zeit, den Brief in den Briefkasten zu

werfen. Und so kam ich zur Straße, in der die Stadtwohnung der Familie

jenes Mädchens war. Und da war wieder ein Briefkasten. Dieser war der

verführerischste von allen Briefkästen.

Ich ging dort ein paarmal auf und ab; aber während ich von weitem das

Haus ansah, wo jene junge Dame ahnungslos in ihrem Familienkreis, bei

ihrem tüchtigen Vater und bei ihrer tüchtigen Mutter, von Sitte und

Würde umgeben, wohnte, da befiel mich wieder die Scham vor meiner Armut.

Nein, niemals, sagte ich mir, werde ich mich lächerlich machen, und

ich werde in einem fremden Land nicht um ein fremdes reiches Mädchen

werben, ehe ich nicht genug besitze und frei und unbefangen das

Vertrauen der Eltern fordern kann.

Es war mir darnach nicht schwer, den Briefkasten zu meiden. Und ich

eilte, so schnell ich konnte, zu meiner Straße zurück. Und wenn

es mir auch unterwegs öfters noch einen Ruck gab, und ich schnell

einen hastigen Griff in die Tasche tun wollte, um den knisternden

Briefumschlag mit den ehrlichsten Liebesgedichten in den nächsten

Briefkasten zu werfen, so kam ich doch glücklich in mein Zimmer zurück,

und dort verbrannte ich sofort in meinem Ofen den Briefumschlag mit den

Gedichtabschriften.

„Gottlob, welcher Torheit bist du entgangen!“ sagte mein Verstand.

„Aber nein,“ weinte mein Herz, „nun ist es wieder alltäglich um mich,

und alle Festlichkeit, die da hätte entstehen können, ist im Ofen zu

Asche verbrannt. Warum quälst du mich so lange? Warum hast du nicht

mutig gewagt, was gewagt werden muß?“

„Oh,“ lachte mein Verstand roh. Und er schickte mir eine schamheiße

Blutwelle ins Gesicht. „Wie lächerlich wärest du morgen vor dir

dagestanden, sowohl, wenn jene ‚nein‘, als wenn sie ‚ja‘ gesagt hätte.“

„Nein, nein, nein, Liebe ist nie lächerlich,“ schluchzte mein Herz. Und

ich lief aus dem Zimmer fort, um Luft zu schnappen. Denn ich wußte mir

nicht mehr zu sagen, hatte ich vernünftig oder unvernünftig gehandelt.

Am nächsten Tag war ich aber doch zufrieden, daß ich mich nicht

verraten hatte, denn ich hatte Herz und Verstand Frieden schließen

lassen. Sie waren beide mit mir zu folgender Überzeugung gekommen:

Ist diese Frau wirklich mein Schicksal, wie ich es so sehr ersehne,

dann wird mir dieses Schicksal nicht entgehen. Ich werde dann, wie ich

auch in bezug auf sie handle, immer recht handeln. Wenn ich auch meine

Gedichte vor ihr nicht enthüllen darf, wird sie doch mit der Zeit ahnen

müssen, was ich für sie empfinde.

„Habe Geduld und überlasse alles der Zeit und deinem Schicksal,“ sagten

Herz und Verstand zu mir, friedlich geworden.

Es war an diesem Tag der erste Mai, und die Sonne schien so fröhlich

wie am Tage vorher, da ich der heimlich geliebten begegnet war. Und an

die fröhliche Vormittagsonne, die in meinem Zimmer die Leere wärmte,

war seit der Begegnung der gestrigen Vormittagfahrt im Trambahnwagen

an dieses Vormittagsonnenlicht die Erscheinung des jungen Mädchens

gebunden. Es war mir, als säße es jetzt wieder zwischen elf und zwölf

Uhr vormittags neben mir. Aber heute saß es an meinem Schreibtisch.

Nach dem Mittagessen sagte die liebenswürdige, aber halb taube, gütige

Pensionsdame zu mir, es müsse mir etwas ganz besonders Angenehmes

begegnet sein, da ich heute einen so glücklichen Ausdruck hätte. Und

eine ältere Freundin, die mit ihr, nachdem die Tischgäste gegangen

waren, noch allein im Eßsaal geblieben war, drohte mir, schelmisch

lächelnd, mit dem Finger, als wollte sie sagen: Sie haben wohl ein

kleines Herzensabenteuer erlebt.

Durch die Balkontüre, die gegen den Tegnerplatz hinsah und breit offen

stand, fiel der Maiensonnenschein glänzend in das große Eßzimmer, und

der lange Balkon vor den Fenstern lockte hinaus in die sonnige Luft. Da

bekam ich einen scherzhaften Einfall; ich drehte meinen Ring am Finger

um, so daß der Stein des Ringes an die Handinnenseite kam und der Ring

dann nur als Goldreif wirkte. Ich deutete lachend auf den glatten

Goldreif und sagte halb ernst, halb scherzend zu den beiden älteren

Damen: „Ich habe mich heute verlobt.“

Dieser Satz lag, seit der letzten Begegnung mit jenem jungen Mädchen

so sehr oft vorgesagt, in meinem Herzen und meinem Verstande da, daß

die festliche Stimmung, der Sonnenschein und die auf ein Liebesereignis

hindeutenden Fragen der Damen mir spielend den Satz entlockten: „Ich

habe mich heute verlobt.“

„Ach,“ riefen die beiden Damen fröhlich erstaunt, für Scherz und für

Ernst bereit, „heute am ersten Mai haben Sie sich verlobt? Und das

erfahren wir jetzt erst?“

„Ja, es bleibt einstweilen noch Geheimnis,“ sagte ich lachend weiter.

„Das müssen wir feiern,“ meinte die Hausdame. Und sie ließ gleich

den Kaffeetisch, an den wir uns eben setzen sollten, auf den Balkon

hinaustragen und ließ eine auf Eis gestellte Flasche schwedischen

Punsch bringen.

Als wir in der Sonne saßen, wollten aber die Damen wissen, wer jene

Dame sei, deren Ring ich an der Hand trüge. Aber der Scherz wurde mir

nun beinahe zu ernst, und, in die Enge getrieben von der fröhlich

festlichen Stimmung der Fragenden, die mit den Punschgläsern auf das

Wohl meiner Braut anstoßen wollten, wenn ich ihren Namen genannt hätte,

blieb mir nichts übrig, als lachend zu erklären, indem ich mit der

Hand auf die Sonne deutete, die mir so warm aufs Herz schien und so

frühlingshaft erregt zu uns über das Balkongeländer sah: „Ich habe mich

heute mit der Maiensonne verlobt.“

Die Damen, die gern Scherz liebten, waren über den zahmen Einfall nicht

böse. Und sie glaubten vielleicht auch heimlich, ich wollte den Namen

meiner Herzensdame nicht nennen. Sie stießen dann fröhlich mit den

Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut, der Maiensonne, an.

Mein Herz aber und mein Geist waren während dieses Vorgangs weit von

dem Balkon abwesend. Meine Hand spielte zwar mit dem Ring, mein Gesicht

lachte mit den Damen, meine Augen vergnügten sich an der Maiensonne,

aber es fehlte mir mein Kern. Es fehlte meinem äußeren Dasein in jenem

Augenblick mein innerstes Dasein. Und heute erst beim Rückblick weiß

ich, wo in jener halben Stunde damals mein innerstes Leben geweilt hat.

Es war nicht in die Wohnung zu jenem jungen Mädchen gegangen. Mein

innerstes Leben war von jenem Balkon fort, allwissend gegen den Strom

der Zeit angeschwommen und hatte hellsehend ein Jahr vorausgeschaut

und war frei und fröhlich geworden, weil es gerade über ein Jahr am

nächsten ersten Mai jenes junge Mädchen und mich zusammen in einer der

Straßen von Paris fand, wo wir eben unseren Verlobungstag feierten.

Und mein Herz wollte in mir aufjubeln, aber mein Leben durfte nicht

jenen Damen, die da so fröhlich ahnungslos am weißgedeckten Tisch bei

mir saßen, zulachen, denn es sah allwissend noch anderes. Es sah, daß

die Hausdame, die mich zuerst gefragt hatte, welches Glück mir begegnet

wäre, nicht mehr am Tische saß, und daß ihre Freundin in Trauer

gekleidet umherging.

Denn jene, die da vor mir lachte, sah nicht mehr die Maiensonne des

nächsten Jahres. Sie starb im Vorfrühling, und meine inneren Augen

sahen bereits ihren Platz am Tisch leer. Und mein innerer Jubel über

meine Verlobung durfte nur scheu in mir antönen.

In diesem zweigeteilten Gefühl stand ich vom Kaffeetisch auf und

verabschiedete mich von den beiden Damen, auf deren Verlangen ich mich

auch zum Abschied vor der Maiensonne verbeugen mußte. --

Als der Sommer kam und sich alle Welt aus der Stadt fort, auf Reisen,

aufs Land und in alle vier Windrichtungen zerstreute, reiste ich, um

mein Vaterhaus zu besuchen, nach Deutschland. Und zu Hause angekommen,

erzählte ich dann meinem Vater, daß ich mich gern in Schweden mit einem

jungen Mädchen verheiraten möchte. Er fand das gut, aber als er mich

fragte, wovon ich mit meiner Frau leben wollte, wurde es mir wieder

klar, daß man als junger Dichteranfänger der Wirklichkeit schutzlos und

hilflos gegenübersteht.

Der Dichtergeist sagte zu mir: „Du darfst nicht ans Geldverdienen

denken, darfst nie mit der Dichtung Geld verdienen wollen, sonst

helfe ich nicht beim Dichten mit. Wenn dir deine Werke von selbst

Geld einbringen werden, so ist das gut und schön. Aber um des Geldes

willen dir zu dienen, dazu gebe ich mich nicht her. Ich will nicht

Knechtdienst tun.“

„Denn ein Dichtergeist,“ fuhr die Stimme in mir selbstbewußt fort,

„arbeitet nicht für Taglohn. Er läßt sich nicht rufen, er läßt

sich nicht Kanzleistunden vorschreiben. Da er aus dem Reich der

Unwirklichkeit kommt, kann er sich nicht mit deiner Wirklichkeit, mit

deiner Hungerfrage, mit deiner Zeitfrage, mit deinen körperlichen

endlichen Lebensfragen beschäftigen und nicht Rücksicht auf deine

Endlichkeit nehmen.

Der Dichtergeist ist der Hall deiner Ewigkeit, der in dir laut wird;

lauter im Dichter als in den anderen Menschen. Er erhebt deine Gefühle

ins Unendliche und will deinen Worten Rhythmen geben, nicht Zeitmaße

der nützlichen Zeit. Unwirkliche Zeit, Ereignisse der Vergangenheit

und Zukunft können dir in der Dichtung Gegenwart werden, wenn du den

Dichtergeist in seiner Unendlichkeit aus dir singen läßt.

Willst du ihn aber zum Lastknecht, zum Gegenwartsknecht machen, der

deinen Magen ernähren soll und deinem Körper Behaglichkeit bringen

soll, dann treibst du diesen Geist aus dir aus. Dann bleiben nur

Reste von ihm in dir, und die werden nur halbe Werke leisten,

Endlichkeitswerke. Mit ihnen wirst du kein Glück machen, denn der

unbefangene Leser wird sie immer als Reste erkennen, und die Welt hat

das Recht, deinen ganzen Dichtergeist zu fordern.“

„Aber ich kann mein begehrendes Herz nicht verstoßen,“ sagte ich zum

Geist der Dichtung, der so zu mir sprach. „Ich liebe und will die

Geliebte ernähren können.“

„Nimm dir Geduld,“ sagten Herz und Geist zu mir, „denn wir sind

unzertrennlich aneinander gebunden. Ohne Herz gibt es keinen

Dichtergeist. Er ist die Flamme, die nur vom liebenden Herzen gespeist

wird.“ --

Da mir mein Vater nicht raten und nicht helfen konnte und mir ebenfalls

von Geduld und Zeit sprach, und daß ich die Hoffnung nicht sinken

lassen sollte, beschloß ich, nicht mehr nach Schweden zurückzukehren,

und war müde gemacht von der Aussichtslosigkeit, von der ich kein Ende

sah.

Und ich nahm mir vor, um meine Gedanken von meiner innersten Sehnsucht

abzulenken, eine Reise zu Fuß nach Italien zu machen.

Ich wollte von München nach Rom wandern. Und da ich immer gern

Landschaften zeichnete, kaufte ich mir frische Farben und Papierblocks

und wollte unterwegs zeichnen und malen und diese Malereien am Weg

verkaufen und so bis nach Rom kommen.

Aber mein Schicksal ließ mich von München nur bis Schliersee kommen.

In Schliersee wohnte damals in einem kleinen Bauernhause am Bergabhang

über dem See der schwedische Schriftsteller Ola Hanson mit seiner Frau.

Und es kam mir die Lust an, diesen zuerst zu besuchen und dann erst die

Fußreise nach Italien anzutreten.

Ich stieg in einem Schlierseer Gasthaus ab und suchte Ola Hansons Haus

auf. Die beiden alten Bekannten waren erfreut, mich nach so langer Zeit

wiederzusehen. Wir hatten uns seit meinem ersten Aufbruch nach Bohuslän

nicht mehr gesehen, da jene von Friedrichshagen nach Oberbayern gezogen

waren und nicht mehr in Berlin lebten, als ich später mehrmals dort

durchreiste.

In ihrer weißgetünchten Bauernstube saß ich nun Abend für Abend bei den

schwedischen Schriftstellersleuten, und mein Herz war glücklich, daß

es von Stockholm erzählen durfte, von Obstfelder und Ellen Key, von

Heidenstam und Geijerstam und Levertin und Josephson. Und während Tür

und Fenster der Bauernstube weit in die Sommernacht offen standen und

von den dunklen Matten ein paar Kuhglockenlaute antönten, wenn dort

schlafende Kühe sich regten, erstaunte ich mitten im Erzählen immer

wieder, daß vor den Fenstern meine deutsche und bayerische Heimat lag,

da ich mich doch eben deutlich auf den stockholmer Straßen hatte gehen

gefühlt.

Ich dehnte den Aufenthalt in Schliersee länger aus, als ich mir

vorgenommen hatte. Je mehr ich mit Ola Hanson von Stockholm sprach,

desto mehr schwand Rom, das ich sehen wollte, und ich sah zuletzt

wieder als Reiseziel Stockholm vor mir liegen.

Aber dann sprach doch der Verstand dazwischen und sagte barsch: „Du

wirst nicht mehr Vermögen als vorher in den Taschen haben, um in

Schweden eine Frau heiraten zu können, wenn du jetzt wieder dorthin

umkehrst. Du bist von dort abgereist, weil dir das Vermögen fehlte, mit

dem du die zukünftige Frau ernähren sollst. Erinnere dich doch, wie du

im Mai in der stockholmer Straße an dem Briefkasten standest. Da war es

dir doch ganz bewußt, daß du ohne Geld nicht freien darfst.“ --

Eines Abends ging ich mit Herrn und Frau Hanson von ihrem Berghaus

hinunter nach Schliersee in den Garten des Gasthauses „Zur Post“.

Sie hatten mir gesagt, daß Hermann Bahr, der sich eben auf der

Hochzeitsreise befände, mit seiner jungen Frau dort abgestiegen wäre,

und daß sie ihn treffen und mich ihm vorstellen wollten.

Ich sah und sprach dann auch Hermann Bahr an jenem Abend. Und am

nächsten Vormittag fuhr ich mit ihm und seiner jungen Frau in einem

Ruderboot auf den Schliersee hinaus. Als wir danach, er und ich,

nachdem seine Frau zum Gasthaus gegangen, um sich umzukleiden, ein

wenig auf der Landstraße spazierten, erinnere ich, daß ich, auf Bahrs

Befragen, ihm eine lebhafte Schilderung meiner Eindrücke von Bohuslän

gab und ihm erzählte, wie mich das Leben in dem einsamen schwedischen

Pfarrhaus und meine Spaziergänge dort im schwedischen Granitland

dazu gebracht hätten, die Dichtungen meines Buches „Ultraviolett“ zu

schreiben.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 7 / 22 段