der, wenn Besuch da war, herumgereicht wurde, machten ihre wenigen
Haushaltungsgegenstände aus. Sie aß täglich kaum mehr als ein Ei oder
einen Zwieback und sie trank Tee in der Abendstunde und Tee in der
Morgenstunde und Tee in der Mittagsstunde. Manchmal nur besuchte sie
mittags eine kleine Arbeiterspeisestube, wo sie einen Teller Suppe aß
und ein Brot.
Sie war tief gebildet. Polnische Dichter und polnische Künstler und
französische Dichter und französische Maler füllten an Sonntagabenden
die ärmliche pariser Malerwerkstatt, wenn die Polin Empfang hatte.
Dann reichte die Künstlerin in ihren wenigen Tassen den Tee herum,
schlicht und anspruchslos zwischen ihren Gästen sitzend. Das Echo
aller europäischen Kunstbestrebungen und das Echo aller europäischen
Dichtergeister lebte in den klugen Meinungen, die an jenen
Sonntagabenden in dem wenig erleuchteten riesigen Glasraum zwischen
jener Frau und ihren Gästen lebhaft ausgetauscht wurden.
Eine Schwester dieser Malerin studierte in Paris Chemie. Und ich
erinnere mich, daß mir eines Tages die Künstlerin, als sie mich malte,
mit außergewöhnlich lebhaften Augen erzählte, ihre Schwester sei jetzt
in jener chemischen Abteilung in Paris beschäftigt, in welcher man auf
künstlichem Wege Diamanten herzustellen versuchte.
„Ach,“ sagte sie lächelnd, halb ernst, halb spaßhaft, „wenn meine
Schwester es lernen wird, Diamanten zu machen --“ und sie vollendete
den Satz nicht und malte weiter und sah mich nicht an, weil sie
schon erschrocken war, sich vielleicht verraten zu haben. Denn sie
wollte niemand wissen lassen, wie schlecht es ihr gehe. Sie sagte zu
jedermann, daß ihr Vater sie unterstütze. Aber später erfuhr ich, daß
sie dieses nur sagte, um nicht bemitleidet zu werden. Sie hoffte auf
die künstlichen Diamanten, träumerisch und belustigt!
Nie klagte sie in Worten, aber ihr demütig stilles feines Wesen klagte,
ohne daß sie es selbst wußte. So sagte sie einmal an einem eisigen
Wintertag lachend zu mir:
„Das große Atelier heizt sich so schwer, und deshalb muß ich mich
nachts, um nicht zu frieren, in alle möglichen Teppichlappen und Jacken
und Schals einwickeln. Sie würden mich gar nicht wiedererkennen, wenn
Sie mich einmal morgens so sehen könnten, wie vermummt ich da bin. Und
ich muß immer lachen, wenn ich mich morgens beim Aufstehen zufällig im
Spiegel sehe.“
Die arme Künstlerin kehrte jeden Morgen ihre Werkstatt eigenhändig
mit den zierlichsten Händen der Welt und heizte selbst den kleinen
groben Ofen, um das Geld für die Bedienung zu sparen. Und dabei
hingen von ihr unsterbliche Werke im Luxembourgmuseum, und sie hatte
bereits verschiedene goldene Medaillen in londoner und pariser
Kunstausstellungen erhalten.
Ich finde, das polnische Volk hätte weinen und trauern müssen tagelang,
nachdem sich jene begabte Frau in Warschau verzweifelt auf die Schienen
geworfen hatte. Die Lokomotive, die den zarten und von Entbehrungen
geheiligten Körper dieser Künstlerin rasch unter ihren Eisenrädern
zermalmt hat, sie, scheint mir, war barmherziger als das Volk, das eine
seiner besten Künstlerinnen hat hungern und darben lassen.
Haben denn die Künstler nicht genug mit der Bewältigung ihres
Gefühlslebens zu tun, mit der Bewältigung ihrer Weltbetrachtung, mit
der Erringung eines ruhigen Künstlerstandpunktes, von dem aus sie nie
dagewesene Werke aufbauen müssen! Warum sollen Künstler auch noch die
Nahrungssorgen bewältigen, sie, die von der Natur geboren sind zu
schenken, Höchstes und Erdentrücktes. Sie, die nicht wie die Beamten
und Offiziere in Wiederholungen und vorgeschriebenen Richtungen ihr
tägliches Amt erfüllen können. Sie, die nach jedem vollendeten Werk
ein neues, ganz anderes, niedagewesenes Werk beginnen müssen. Sie,
die tiefste Sammlung, tiefste Verinnerlichung der Arbeitskräfte vom
Gedanken des Geldverdienens trennen muß, weil sonst das Künstlerwerk
unrein, unkünstlerisch wird und nicht Ewigkeitswert erreicht und nicht
erhebende Kraft spenden kann.
Sie, denen das entstehende Kunstwerk sogar verbietet, an Ruhm und Ehre
zu denken, sie, die also nur auf sich hingewiesen, ohne Rücksicht
auf ihren Vorteil oder Nachteil, schaffen müssen und auch von der
Natur so geboren sind, um nur so schaffen zu können, sie, die nie den
Geldverdienst im Auge haben dürfen, damit ihr Auge rein bleibt wie das
Auge eines Heiligen und eines Helden; sie, die so veranlagt sind, so
hilflos dem Verdienst gegenüber -- ihnen sollte nicht die ganze Nation,
die später jene künstlerischen Werke genießt und deren Eigentumsrecht
beansprucht und die durch die Künstler mit Ruhm bedeckt wird -- ihnen
sollte nicht die Nation einen würdigen Platz in ihrer Mitte bei
Lebzeiten einräumen können?
Wenn es bis heute nicht in dem Maß geschehen ist, wie es geschehen muß,
so sind daran schuld der unaufgeklärte Zeitgeist und eine veraltete
Weltanschauung. Aber mit der Anerkennung der Festlichkeit des Lebens
werden die Völker nicht anders können -- wenn sie ehrlich sein wollen
--, als dem nicht nach Geld streben dürfenden Künstlertum freie
Entwicklungswege und freie Pflege zu bieten.
Das Volk hatte bisher die falsche Meinung, daß das Künstlertum
mit der Leichtlebigkeit, dem Leichtsinn, der Verschwendung und der
Unzuverlässigkeit unzertrennlich zusammenhängen müsse, ebenso wie mit
der Launenhaftigkeit. Die Leute zucken die Schultern über den Künstler,
wenn sie manche seiner Handlungen nicht begreifen, und sagen zwar
entschuldigend: „Es ist eben ein Künstler. Der darf das tun. Ein wenig
leichtsinnig, ein wenig leichtlebig, ein wenig verschwenderisch, ein
wenig launisch, ein wenig unzuverlässig darf er schon sein. Es ist ein
Künstler.“ Aber man verachtet trotzdem die künstlerische Sorglosigkeit.
Ich frage: in welchem Stande fänden sich nicht obige Eigenschaften?
Wer kann mir einen Stand nennen, in welchem nicht leichtlebige,
leichtsinnige, verschwenderische, unzuverlässige und launenhafte Leute
zu finden wären? Gibt es nicht unter den Offizieren Schuldenmacher,
Spieler? Gibt es nicht unter den Kaufleuten, unter den Handwerkern
leichtlebige, unzuverlässige, verschwenderische Menschen?
Ich habe am Eingang dieses Buches gesagt, daß dem Künstler, als
sechster Sinn, die Sorgenblindheit angeboren ist. Das will aber nicht
sagen, daß er die Sorgen nicht sieht und von ihnen nicht mehr geplagt
wird wie jeder andere Mensch. Der Künstler hat von der Natur die Kraft
bekommen, über die Sorgen hinweg in geistige Erhebung kommen zu können,
und so scheint es denen, die das nicht vermögen, als wäre der Künstler
bei allen Sorgen leichtsinnig und sorgenlos. Aber da sein Beruf in der
Erdentrücktheit liegt, wird der Künstler doppelt schwer betroffen,
wenn er von seiner Arbeit, der weltentrückten, zur Wirklichkeit
zurückkehrt und statt des Lohnes die Nahrungssorge neben sich sitzen
sieht.
Das Volk besoldet seine Priester. Warum? Weil man sagt, sie dienen
einem Wesen, das sie nicht bar bezahlt; sie dienen einem Ideal. Und
was tun die Künstler anderes? Dienen sie nicht alle dem Kunstideal?
Schöpfen sie nicht täglich aus der Unwirklichkeit neue Gefühls- und
Hoheitswerte? Und verdienen sie darum nicht, daß ihr ihnen wenigstens
denselben Lohn gebt wie euren Priestern, wie euren Bischöfen? --
Ich habe einmal einer Verschwendungsszene in einem Künstlerhaus
beigewohnt. Jener Künstler ist jetzt ein vielgefeierter Mann, und sein
Name ist berühmt. Aber dieses trug sich vor zwanzig Jahren zu, als er
noch jung war und erst an der Schwelle zur Berühmtheit stand.
Er hatte damals noch einen Brotberuf und konnte sich nur nebenbei mit
seiner Kunst beschäftigen und litt sehr unter diesem Doppelleben. Eines
Abends, als ich sein Haus besuchte, fand ich seine Frau allein mit dem
jüngsten Kinde auf dem Arme, und sie klagte mir, halb lachend, halb
weinend:
„Sehen Sie, was er wieder gemacht hat! Ist das nicht ein toller Mensch?
Gestern hat er seinen Monatsgehalt bekommen, und auf dem Heimweg kam
er an einer Teppichhandlung vorüber, in welcher dieser kleine Teppich
ausgestellt war. Und denken Sie, dieser Teppich reizte ihn durch seine
Farbenzusammenstellung so sehr, daß er sich nicht enthalten konnte, in
den Laden einzutreten und den Teppich zu kaufen. Und drinnen im Laden
fällt ihm ein wunderbares venezianisches Kelchglas, ein rubinfarbenes,
auf, und auch dieses mußte er haben.
Und er legte für beides seinen ganzen Monatsgehalt auf den Tisch. Er
ließ sich dann den Teppich zusammenrollen und nahm das Rubinglas dazu
und kam vergnügt, als wenn er das große Los gewonnen hätte, zu mir nach
Hause. Dann rollte er den Teppich hier mitten im Zimmer auf und ging
am Abend stundenlang jubelnd und entzückt, die Augen auf den farbigen
Teppich gerichtet, auf und ab, hin und her. Und dazwischen hielt er den
venezianischen roten Rubinkelch gegen das Lampenlicht und freute sich
wie ein Kind, dem man eine Blume geschenkt hat.
Warten Sie nur, er wird gleich nach Hause kommen. Dann werden Sie
selber sehen, wie er sich benimmt. Aber ich kann ihm nicht einmal böse
sein. Er freut sich zu sehr. Ach, sagen Sie nur, was macht man mit
solchem Menschen? Sie können sich vorstellen, daß in einem Haushalt, wo
Kinder sind, der ganze Monatsgehalt nicht für Teppichfreuden und für
ein venezianisches Glas verwendet werden darf.“ So klagte die junge
ratlose Künstlerfrau.
„Sind Sie ohne Sorge,“ sagte ich, „es wird ein schönes Kunstwerk,
irgendeine künstlerische Eingebung aus dem Teppich und aus dem
Rubinglas Ihrem Manne gegeben werden.“
„Ja, das sage ich mir auch,“ meinte die junge Frau aufatmend, „und das
tröstet mich auch. Es ist ja eigentlich auch keine Verschwendung von
meinem Manne, da sich solche Ausgaben immer wieder bei ihm künstlerisch
umsetzen. Aber augenblicklich hätten wir den Monatsgehalt nötiger
gehabt als den Teppich und das venezianische Glas.“
Die Frau des Künstlers hatte verständig als Künstlerfrau und verständig
als junge Mutter gesprochen. Die Liebe zu ihrem Mann hatte ihr tiefes
Verständnis für seine Handlungen gegeben, und die Liebe zu ihren
Kindern gab ihr aber auch zugleich die laute Klage auf die Lippen. Man
hörte ihr aber an, sie wußte nicht recht, durfte sie klagen oder nicht.
--
Tritt die Verschwendung in anderen Gesellschaftsklassen nicht in
wilderer Art auf? Die Verschwendung des Künstlers setzt sich stets in
neue Eingebungen um. Die Verschwendung aber in anderen Kreisen bleibt
barer Schaden, ohne daß er sich in Gewinn umsetzt. Und wie klein sind
im Grund die Verschwendungen, die sich ernste Künstler leisten oder
geleistet haben, im Verhältnis zu dem Aufwand, den Offiziere, Beamte
und Kaufleute über ihre Verhältnisse wagen!
Auch ist ein ernster Künstler immer mehr von seinem Gewissen geplagt
als irgendein anderer Mensch. Und die meisten Künstler, die ich
traf, haben weniger Luxusschulden gemacht als Schulden, die den
Lebensunterhalt betrafen.
Ich habe aber nie einen ernsten Künstler getroffen, der das Leben nicht
schwer genommen hätte. --
Man könnte falscherweise annehmen, ich hätte, wenn ich von ehrender
Versorgung sprach, die dem Künstler die Heimatstadt und der Staat
bieten sollten, gemeint, man sollte die Künstler äußerlich auffallend
ehren. Dieses aber wäre das schrecklichste Leid, was man dem stillen
Künstler antun könnte. Es gibt zum Beispiel nichts Störenderes für den
echten Künstler, als wenn er mit Nachfragen, Aussprüche zu fällen,
Vereinen beizutreten, Bild und Autogramme zu liefern und ähnlichen
Verlangen geehrt wird. Möglichst unauffällig, möglichst unsichtbar und
möglichst unbeobachtet will und soll der ernste Künstler seine Werke
schaffen.
Wohl sehnt jeder Künstler sich nach Beifall und Widerhall und freut
sich, wenn seine Arbeiten ihm die Herzen seines Volkes zuführen. Aber
nicht in auffallender Ehrung und nicht auf seine Person soll und will
der echte Künstler die Anerkennung hingelenkt wissen.
Der Künstler will und soll immer hinter seinen Werken zurücktreten.
Nur auf diesem bescheidenen Platz wird er sich ewig fruchtbar fühlen.
Darum sichert ihm sein Leben, sichert ihm Wanderfreiheit, nehmt ihm die
Alltagssorge ab! Aber krönt ihn erst nach seinem Tode, zerrt ihn nicht
bei Lebzeiten aus seiner Verinnerlichung heraus in die verflachende
Öffentlichkeit.
In alter Zeit, wenn in Japan der Kaiser in seiner Sänfte durch die
Straßen getragen wurde und reiste, da war es bei Todesstrafe verboten,
daß ihn das Auge eines seiner Untertanen ansah, ihn, den Sohn des
Himmels. Die Menschen mußten sich alle mit der Stirn auf die Erde
neigen, und niemand im Volk hatte je den Kaiser gesehen, und nirgends
durfte ein Bildnis von ihm hergestellt werden.
Der leitende Gedanke dabei war wohl der, daß das Idealbild, das sich
das Volk von einem Sohn des Himmels im Geist gemacht hatte, nicht
zerstört werden sollte, und auch der Kaiser selbst mochte nicht von
tausend Gaffern in seiner kaiserlichen Ruhe und Würde gestört werden.
Und dieses letztere wird jeder echte Künstler dem japanischen Kaiser am
besten nachempfinden können.
Wie störend sind heutzutage die Zeitungsumfragen, mit denen die
Künstler geplagt und gestört werden. Nur eines Augenblicksreizes
wegen, nur um einen leeren Neugierreiz der Masse zu befriedigen, soll
der Künstler antworten. Der Künstler sollte immer ein unsichtbarer
Schöpfer bleiben dürfen. Und ich denke mir, der allerschönste Nachruhm
für einen echten Künstler ist der, daß sein Kunstwerk namenlos groß
bestehen bleibt, daß er auf viele Zeiten und Völker befruchtend mit
seinem Werke wirkt, aber daß sein Leben hinter dem Werk verschwindet.
So daß man in späten Zeiten nichts von ihm weiß und sich über seine
Herkunft streitet, da er so bescheiden und unauffällig gelebt hat, daß
sein Leben verschwinden konnte hinter seiner starken Arbeit, hinter
seiner starken Schöpfung, die erst sein eigentliches Leben, sein
unsterbliches, ewiges Dasein bedeutet.
Wir wissen von den Gesängen der „Edda“ nicht mehr die Namen der
Dichter. Wir wissen vom „Nibelungenlied“ nicht mehr, wer es gedichtet
hat. Wir wissen von vielen schönen alten Volksliedern nicht mehr, wer
sie gesungen hat. Kümmern wir uns darum, wenn wir die Märchen von
„Tausend und eine Nacht“ lesen, nach den Namen der arabischen Dichter
zu fragen? Wunderbare Werke reißen uns so fort, daß wir darüber den
Dichternamen vergessen.
Und dieses, dünkt mir, ist die allerhöchste Anerkennung für einen
Dichter, wenn seine Werke so blind hinreißend die Menschen packen
können, daß seine Werke selbständige Welten wurden, und daß nur des
Dichters Nation, daß nur ihr Name an Stelle des Künstlernamens tritt.
Dieses Vergessen des Künstlers darf aber nicht aus Vergeßlichkeit, aus
Rücksichtslosigkeit, aus Geistesbeschränktheit seines Volkes entstehen.
Sondern die Kraft seiner Schöpfung muß den Künstler vergessen machen,
die Kraft der Hingabe an das Kunstwerk, die Kraft, die das Kunstwerk so
überwältigend gestaltet hat, daß man den Dichter deutlich zu kennen,
zu sehen, zu hören glaubt und dabei ganz vergißt, nach seinem Namen zu
fragen.
Nur so soll diese höchste Anerkennung entstehen. Man ist dann dem toten
Künstler viel näher und ist ihm näher noch als sein eigener Name ihm
gewesen ist. Man wird eins mit ihm in Körper und Geist, als wäre man
selbst der Schöpfer jener Kunstwerke.
Die Persönlichkeitsvergötterung, die heutzutage getrieben wird mit
lebenden Künstlern, ist, so wohlgefällig sie im Augenblick für beide
Teile sein kann, im letzten Grunde kunstfeindlich. Nur die Kunstwerke
sollten gefeiert werden. Für das Leben des Künstlers aber soll in
unauffälliger, ehrerbietiger Weise von Heimat und Staat gesorgt
werden. Des Künstlers Person aber soll nur dadurch geehrt werden, daß
man den Künstler ungestört, unbelästigt von vergötternder Neugierde,
unbelästigt von äußerlichen, persönlichen Ehrungen sein Lebenswerk
vollenden läßt. Denn der Widerhall, die Nachricht wie seine Werke
wirken, wird immer zu ihm dringen, und dies wird und soll ihm genügende
Befriedigung sein. Und das Bewußtsein, daß er stillschweigend, mehr und
mehr, als der Stolz seiner Stadt und als der Stolz seines Landes mit
anderen Künstlern zugleich gepriesen wird, muß ihm genügen, wenn er
sich ernst nimmt.
Heutzutage leben fast die meisten Künstler, aus ihrer Heimat
entwurzelt, einer Großstadtkunst ergeben. Denn ihr Weltdrang wurde
in den jungen Jahren nicht genügend befriedigt. Und statt daß sie
von aller Welt Lebenseindrücke aufnehmen können, müssen sie in den
Kaffeehäusern der Großstadt oder im Großstadtgetriebe Kreise bilden und
sich dort zusammenhalten, um sich leben zu fühlen.
Da die Nation den Heranwachsenden keine Hand zum Vorwärtskommen,
zum Weltbetrachten bot, nicht durch Reiseerleichterung, nicht durch
Unterkunftshäuser, nicht durch Heimatsverpflegung, so bildeten sich
in den Großstädten unter den entwurzelten Künstlern jene kommenden
und gehenden, hastigen, neuheitswütigen Kunstrichtungen aus. Denn
die jungen Männer wurden unruhig, angepeitscht vom beirrenden
Großstadtgetriebe, hastig im Ausdenken neuer Kunstwerte. Ich erlebte
eine ganze Reihe solcher kommender und schwindender Kunstrichtungen in
den jetzt bald fünfundzwanzig Jahren meiner Erfahrung.
Die Zeitbetrachtung aber wird in späteren Jahrhunderten nur
feststellen, daß um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, ähnlich
wie um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, eine sich neubildende
Weltanschauung die Künstler zu neuen Formen in der Dichtung, wie in der
Malerei und der Musik kommen ließ.
Und dann wird auch dieses einmal vergessen werden, und es werden nur
einzelne Lieder, einzelne Kunstwerke dastehen, und man wird, um ihre
Entstehungszeit zu bezeichnen, sich kurz fassen, wie man von diesen und
jenen Volksliedern heute sagt: „Sie sind aus dem zehnten oder zwölften
Jahrhundert entstanden,“ oder, „sie sind um die Zeit Karls des Großen
entstanden.“ Dieses wird dann die reinliche Ausscheidung des Bleibenden
von dem Nebensächlichen sein. Von den Geburtswehen verschiedener
Kunstrichtungen wird man nichts mehr wissen oder nicht viel darnach
fragen. Das Kunstwerk allein soll wie ein kleiner oder großer Stern am
Himmel der Vergangenheit stehen.
Das Sichzusammenschließen der Künstler, das Richtungen hervorbrachte,
die schnell auftauchten und schnell von neuen Richtungen abgelöst
wurden, trat wohl niemals so stark auf als in den neunziger Jahren.
Die Wichtigsten aller dieser Richtungen aber blieben der Naturalismus
und die Neuromantik, die sich gegenseitig den Rang streitig machen
wollten. Zwei große Gegensätze kämpften damals unter den Künstlern.
Der Naturalismus hat das Wirklichkeitserleben der Dichter geschult,
und dann kam später wieder Schulung der Gedanken- und Phantasiewelt
hinzu, die man zu Anfang der neunziger Jahre vor lauter Schwelgen im
Wirklichkeitserkennen versäumt hatte.
Ich glaube aber, daß literarische Richtungen nie mehr so hastig
auftauchen werden wie damals, keine sich überstürzenden Richtungen
mehr einander ablösen werden, sondern daß ein selbstverständliches,
geistvolles Erzählen und ein ganz selbstverständliches Liedersingen,
jedem Land angepaßt und jeder Provinz angepaßt, im ganzen Reich
einsetzen wird, sobald Dichter und Volk wieder _eine_ feststehende
Weltanschauung bekommen haben.
Die christliche Weltanschauung war einmal ein künstlerisch
befruchtendes Ideal und hat einmal Künstler und Volk eng
zusammengeführt. Und auch in heidnischer Zeit, als die Götterideale
bestanden, sind Künstler und Volk einheitlich begeistert worden.
_So wird auch die Anschauung von der natürlichen Festlichkeit des
Lebens, von dem Bewußtsein, daß wir alles besitzen und alle uns
besitzen, zugleich mit der Erkenntnis, daß wir im tiefsten Grunde
Schöpfer und Geschöpf, unwirklich und wirklich sind und Festgeber und
Gast des Lebensfestes sind, ein einheitliches künstlerisches Ideal
werden können._ Denn diese Weltanschauung wird in einem Volke oder in
allen Völkern der Erde, wenn sie Fuß gefaßt hat, die Herzen und die
Gehirne des Menschen festlich kunstfreundlich erwärmen und erleuchten.
Dann werden nicht mehr nach zwei, drei Jahren Kunstrichtungen
auftauchen, Künstler und Volk verwirrend.
Dann werden Künstler und Volk sich nicht mehr entfremdet sein. Dann
wird wieder stillschweigendes Einverständnis zwischen Künstler und
Volk herrschen, wenn die Menschen -- welche die Festlichkeit des
Weltallebens und ihres eigenen Lebens anerkannt haben -- nicht mehr
nur die Welt als ein Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zum
besseren Leben betrachten, sondern Zeit zum Kunstgenuß finden, und Zeit
haben werden zur _künstlerischen_ Vertiefung in alles Weltalleben.
Jedes so aufgeklärte Volk wird mit der dem Künstler angeborenen
Festlichkeit Schritt halten können, wenn es sich zu dem Standpunkt
aufschwingt, daß alle Leben sich selbst belohnen und selbst bestrafen,
daß alle Leben teilhaben an der Allmacht, an der Allwissenheit und
an der Unsterblichkeit des Weltallfestes, und daß alle Leben, zu
festlichem Dasein zusammengekommen, Festlichkeit schaffen wollen. --
Wie es ein Schaden für das Land ist, wenn Bauern und Landleute in
großen Massen die Dörfer verlassen und, statt Landbau zu pflegen, einen
Stadtberuf wählen, so ist es ein Schaden für die Kunst und für das
Künstlertum, wenn Künstler in Massen ihre Heimatorte verlassen und sich
in den Großstädten ansammeln, weil sie glauben, dort ihren Welthunger
befriedigen zu können.
Gebt den Künstlern kostenlos Reisefreiheit zu Wasser und zu Land, gebt
dem Künstler sein Heimathaus in der Vaterstadt oder in ihrer Umgebung
und gebt ihm Unterkunftshäuser -- in der Art von Klubwohnhäusern in
den Weltstädten --, wo jeder Künstler freie Verpflegung findet. Und
er wird bei freier Reisemöglichkeit gar nicht den Drang haben, in den
Weltstädten, die ihm im letzten Grund nur vorübergehend zusagen, sich
für das ganze Leben dort niederlassen zu wollen. Das heißt, wenn er
nicht selbst in einer der Großstädte geboren und dort zu Hause ist.
Die Möglichkeit, verschiedenste Länder und Weltstädte kostenlos
besuchen zu können, und die Möglichkeit, kostenlos zur Bereicherung des
Weltüberblickes große Seereisen machen zu können, alles dieses wird den
Künstler nicht mehr heimatentwurzelt, sondern heimatsansässig machen,
wenn er, heimgekehrt von den Reisen, die Arbeitsruhe ersehnt.
Wir leben in einer Zeit, die mehr von überzüchteter Großstadtdichtung
lebt als von wohlgepflegter Heimatdichtung, welche in verschiedenen
Landesteilen aus den verschiedenen Landschaften und verschiedenen
Landschaftseelen aufblühen könnte, die aber nichts mit beschränkter
Lokaldichtung gemein haben soll.
Man stelle sich vor: eine Provinzbevölkerung wohnt um einen Fluß oder
um einen See. Eine andere Bevölkerung ist hauptsächlich auf Wald- und
Wiesenland angewiesen. Eine dritte Provinz ist eine Heidelandschaft.
Eine vierte liegt an der Meeresküste, eine fünfte liegt im Binnenland,
in Bergen bei Bergseen, eine sechste kennt nur Gruben, Bergwerke,
Fabriken, eine siebente treibt Ackerbau und hat Weinland und
Hügellandschaft.
Wie verschieden ist die eine Bevölkerung von der anderen in jedem
Landkreise! Wie verschieden müssen die Männer jeder Provinz denken
und arbeiten! Und wie verschieden wird die Frauenschönheit, die im
verschiedenen Menschenschlag, im verschiedenen Landeskreis auftritt,
vom Künstler besungen und wiedergegeben werden müssen.
Es haben wenige Künstler ihre Heimat so geliebt wie zum Beispiel
Fontane seine Mark liebte, und wie der Maler Hans Thoma sein badisches
Land liebt. Wie jeder weise Mensch seine Eltern und seine nächste
Familie näher fühlt als die Fremden, so wird in jedem Dichter die
Heimatliebe zugleich mit der Liebesleidenschaft zu dem Weib, das
er sich von irgendwo aus der Welt nach Hause geholt hat, am besten
die innigsten und herzlichsten Stimmungen und Bilder aus seiner
Dichterkraft auslösen.