keinen Reichtum zurücklassen, indem nach ihrem Tode ihre Werke
vielleicht nicht einmal von dreißigjähriger Bedeutung sind, dieser
Einwand wird dadurch hinfällig gemacht, daß ein einziger großer
Künstler jene hundert und mehr umsonst vom Staate ernährte Künstler
aufwiegen würde.
Goethes Geist ist in der deutschen Nation so selten wie Bismarcks Geist
und Moltkes Geist. Aber deshalb ernährt man doch viele Offiziere und
Staatsbeamte, wenn diese auch keine Bismarcks und Moltkes werden,
und bietet ihnen Ehren und Unterhalt, Wohnung und Altersversorgung.
Und soviel wie diese Beamtenschar, die der Staat heute ernährt,
Versorgungsgelder beansprucht und Würdegelder, soviel wird im
Verhältnis nie der Künstler dem Staat kosten. Denn die echten Künstler
werden von der Natur vereinzelt geboren und können nicht durch Schulen
gezüchtet werden wie Beamte und Offiziere! Also werden sie nie in
Massen da sein. Aber die Werte, die hundert von tausend Künstlern
hinterlassen, sind immer unschätzbarer und unbezahlbarer als die Werte,
die hundert Beamte von tausend Beamten auf Hunderte von Jahren der
Zukunftsentwicklung des Nationalgeistes schenken können.
Außerdem soll der Künstler -- und jeder echte Künstler wird es so
wollen -- nicht in Protzerei und Großtuerei vom Staate großgepflegt
werden. Sondern es soll ihm verholfen werden zur Bewegungsfreiheit
und Heimatsruhe, und es soll ihm Schutz vor Nahrungs-, Gesundheits-
und Verpflegungssorgen gewährt werden. Dieses Wenige aber soll ihm
in gediegenster und ehrendster Weise zugesprochen werden. Denn des
Künstlers Leben, auch des jüngsten künstlerischen Anfängers, bedeutet,
sowohl wie seine Werke nach seinem Tode, ein Ehrengut für die Nation.
In den achtziger und neunziger Jahren, in jener Zeit, von der ich
hier in meinem Buch „Gedankengut“ spreche, waren die Selbstmorde
unter den jungen Künstlern in schreckenerregender Weise an der
Tagesordnung. Das neue Großstadtleben, das da zum erstenmal von der
Maschinenwelt urplötzlich aufgebaut, im Glanz des neuen elektrischen
Lichtes, in der Eile des Reiseverkehrs und mit dem Einsetzen des
blendenden Nachtlebens, dastand, verwirrte manchen jungen Geist. Ebenso
kam dazu die öffentliche Unverhülltheit des bisher unterdrückten
Geschlechtslebens, das aus der Verkümmerung und Unterdrückung in
einen Geschlechtstaumel umschlug, der nichts mehr mit heiliger,
selbstverständlicher, aus der Natur geborener Geschlechtsliebe zu tun
hatte.
Dieses Großstadtleben überreizte jährlich viele aufwachsende und
ins Leben tretende junge künstlerische Talente mit seinen neuen
schwindelnden Freiheiten. Es riß die jungen Künstler aus dem
Heimatboden in nervenerschütterndes Getriebe, erweckte maßlose
Weltgier und Sinnenbegierde und erfüllte die Künstlerherzen nur mit
viel Blendwerk und mit viel krankhaftem Verlangen aufgestachelter
Erwartungen.
Der Alkohol spielte dann als Hauptbetäubungsmittel eine große Rolle.
Die käufliche Straßenliebe und die herzloseste Abenteuerjagd,
die das innerste Verlangen nicht stillen konnten, trieben die
zerrütteten Geister junger Künstler entweder ins Irrenhaus oder zur
Alkoholvergiftung an oder zum Selbstmord.
Würden aber die jungen Künstlerkräfte, die da welthungrig in den
Weltstädten zusammenkamen, freie Wege, von Staat und Nation gebotene
freie Weltwanderwege gefunden haben, und würden sie auch die
Versicherung gehabt haben, daß bei der Rückkehr aus der Fremde ihnen
die Heimat immer einen Ehrenruheplatz zu bieten hatte, so wären nicht
die Verzweiflung, die Verirrung, der Selbstmord damals so alltäglich
geworden.
Ein verrückter Maler, ein verrückter Dichter, ein Malerlump, ein
Dichterlump, ein armer Musikernarr -- so hörte man und hört man
noch heute im Volk die jungen Künstler verächtlich nennen, sie, die
vielleicht nicht immer welterschütternde Werke hinterlassen werden,
die aber doch meistens alle ehrlich streben und auch mit dem kleinsten
Werk Festlichkeit verbreiten können und einen Hauch von seliger
Unwirklichkeit in die sich sonst heißlaufende Wirklichkeit des Lebens
zu bringen vermögen.
Es ist nicht wahr und es ist eine Selbsttäuschung, wenn eine Nation
behauptet, sie könne das Heer der jungen Künstler nicht ernähren.
Sie muß es können. So gut wie sie das Muskelheer, das Kriegsheer,
vaterlandsfreudig ernährt, muß sie das Geistesheer _junger
schöpferischer_ Künstler ernähren.
Die Nation muß die geistigen Förderer, die zur Erhöhung der
Lebensfestlichkeit und zur Erhöhung des Lebensmutes und zur geistigen
festlichen Erhebung dem Volk geboren sind, mit allen Kräften und allen
Ehren von allen Sorgen des Alltagslebens befreien, damit jeder Künstler
sein ihm _angeborenes_ festliches Innere, seine ihm _angeborene_
geistige Schöpferkraft in erschöpfendstem Maße betätigen kann. Nur
dann darf sich eine Nation vollkommen lebenswürdig nennen, wenn sie
sich aufrafft und sorgt, daß ihre Künstler, deren Werke sie später als
Nationaleigentum beansprucht, bei Lebzeiten Anspruch haben dürfen auf
würdigste nationale Förderung.
Und wenn _Heimatgemeinde_ und _Staatsgemeinde_ Hand in Hand gehen
bei der Förderung der Lebensfrage ihrer Künstler, so wird eine Hilfe
gar nicht so schwer sein und unmöglich, wie das bis zum heutigen Tag
allgemein angenommen wurde. Der Staat _allein_ kann nicht helfen.
Er hat auch nicht den Einblick in jede einzelne Künstlernatur. Die
Stadtgemeinde aber, die den Künstler geboren hat, trägt die erste
Verpflichtung zur ehrenvollen Erhaltung des Künstlerlebens, das in
ihren Mauern geboren wurde. Der Staat aber soll das Reisen der Künstler
zu Wasser und zu Land durch Reiseerleichterung und Einrichtung von
Unterkunftshäusern ermöglichen.
Wie schnell werden dann jene Kaffeehausliteraten ihre Arbeitswege
finden und nicht mehr, brütend und zeitvergeudend, ihre Jugend
vertrauernd, sich dem Spott des Publikums preisgeben müssen. Wenn jene
jungen Künstler frei reisen können, werden sie nicht mehr in ihrer
Traumseligkeit bloß die Kaffeehäuser aufsuchen müssen. Ihre Träume
werden durch weites Reisen großzügige Weltnahrung erhalten, und später
dann, von der Weltwanderung zurückgekehrt, werden sie ihre Heimat
doppelt lieben können, werden mehr als in jedem anderen Land die
Schönheit der engen Heimat entdecken und werden herzliche Dichter und
weise Berater ihrem Volke sein können.
Wenn man aber sagen würde, daß es Jahrhunderte den Künstlern schlecht
gegangen ist und Jahrhunderte ihnen ohne Stadt- und Staatshilfe weiter
schlecht gehen soll, so ist das eine liederliche und unwissende
Antwort. Es ist, als wollte einer sagen: wir sind Jahrhunderte
ohne Eisenbahnen und ohne Telegraphie ausgekommen, wir haben uns
Jahrhunderte nicht gegen die Pocken impfen lassen müssen, und die
Menschheit hat doch gelebt, jede Neuerung ist ein Unsinn, weil die
Menschheit sich ohne Neuheit von selbst durchschlägt oder verdirbt!
_Kein ernstes Gehirn und kein ernstes Herz wird einer so
menschenunwürdigen Antwort zustimmen können_.
Natürlich ist nicht jeder, der einen Reim schreiben kann, ein Dichter.
Nicht jeder, der eine Zeichnung nachzeichnen kann, ist ein Maler, und
nicht jeder, der ein Instrument spielen kann, ist ein Komponist. Aber
jeder Stadt wird es mit der Zeit nicht schwer fallen, in ihren Mauern
ihre wirklich schöpferischen Künstler zu entdecken und diese in den
Stadthaushalt aufzunehmen.
Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr, vielleicht auch noch früher,
wird es jedem Künstler möglich sein, den Beweis zu liefern, daß
er etwas Eigenartiges schaffen kann. Von dann ab sollte er in die
Stadtobhut aufgenommen werden. Wenn nicht der Beweis so auffallend ist,
daß er schon mit zwanzig Jahren die Aufnahme erlangen kann. Mit der
Aufnahme in den Stadtschutz müßte dann zugleich die Aufnahme in den
Staatsschutz verbunden sein.
Und kann ein junger Künstler nicht mit fünfundzwanzig Jahren den Beweis
seiner Fähigkeit bringen, so bringt er vielleicht mit dreißig, mit
fünfunddreißig, mit vierzig Jahren den Beweis, daß sein Leben ein
geistiges Heimatgut und damit ein geistiges Staatsgut bedeutet.
Der Gedanke, nicht ewig dem Elend preisgegeben zu sein, wird einem
jungen Künstler, wenn er auch noch nicht den Stadtschutz erlangt
hat, mutig und lebenszuversichtlicher machen und ihn vor den großen
Bekümmernissen schützen, die seine geistigen Arbeiten benachteiligen.
Denn es ist eine traurige Niederträchtigkeit, wenn unverständige
Menschen den jungen Künstlern nachsagen, daß, je mehr Not sie leiden
müssen, desto besser die jungen Geister arbeiten können.
Das ist gerade so unsinnig und roh gesprochen, als wollte ich sagen:
je weniger ich einen Garten pflege, desto mehr Blumen blühen und desto
mehr Früchte tragen die Bäume dort.
Die Blumen und die Früchte, die sich unter Mühseligkeiten, ohne
Pflege im verwahrlosten Garten durchschlagen müssen durch Unkraut,
Insektenfraß und auf vernachlässigtem ungedüngtem Boden, die werden
recht kümmerlich ausfallen im Vergleich zu denen die auf einem gut
gepflegten Gartenstücke aufwuchsen.
Der junge Künstler, der sich zum Stadt- und Staatsschutz hin
entwickelt, wird in seiner Familie, bei seinen Verwandten und Freunden
Achtung erhalten! Und bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr wird die
Familie nicht abstehen wollen, den jungen Künstler wie einen Studenten,
den sie danach versorgt weiß, nach Kräften zu unterstützen. Der junge,
sonst von seinen Verwandten unverstandene und beargwöhnte Künstler
wird der Verachtung enthoben werden durch die Aussicht, daß er nach
seiner ersten stärkeren Arbeit dann für die weiteren Arbeiten den
Schutz und die Ehrenversorgung der Nation finden wird.
Und sollte es wirklich vorkommen, daß unverdientermaßen einige halbe
Talente Unterkunft gefunden hätten, so wäre das Unglück nicht zu groß,
denn wie viele halbe Beamte und halbe Offiziere ernährt nicht der
Staat seit Jahren. Größer ist das Verschulden der Nation, wenn sie die
Gesamternte der Kunst nicht heben und steigern will. Denn dadurch wird
die Lebensfestlichkeit, der Lebensmut und die Lebenskraft eines ganzen
Volkes und seine Weisheit und seine Gefühlswelt niedergehalten.
Was nützt ein stehendes Heer, was nützen alle Offiziere und Beamte,
die zum Kulturschutz da sind, wenn in dem Schutzwall, den das Heer
und das Beamtentum um die Geisteskraft des Volkes bilden soll, diese
Geisteskraft nicht zu gepflegtem Blühen gebracht wird. Denn die höchste
Blüte der nationalen Geisteskraft war nie allein das Gelehrtentum eines
Volkes, sondern vor allem war es das Künstlertum.
Seht zurück auf die Jahrtausende, was von dem Leben der toten Völker
heute noch fruchtbringend zu uns gekommen ist. Es sind das meistens
nur die künstlerischen Werke toter Nationen. Mit den Wissenschaften
vergangener Jahrtausende können wir nicht allzuviel mehr anfangen, und
nur einiges davon wirkt noch befruchtend, während die Dichter und die
Künstler untergegangener Nationen heute noch in ihren Werken immer
gefühlbefruchtend ewig unter uns weiterleben.
Wir können fast gar nicht daran glauben, wenn wir zum Beispiel ein
altes chinesisches Gedicht, ein indisches Lied, ein griechisches
Drama, eine ägyptische oder griechische Bildsäule nachempfinden, daß
diese Geschlechter, aus deren Zeit diese Werke uns überliefert wurden,
vom Erdboden verschwunden sind. Diese Geschlechter haben nur ihren
Körper, aber nicht ihren Geist aufgegeben. Denn ihr Geist lebt in den
überlieferten Kunstwerken fruchtbringend und unüberwindlich, alle
kommenden Zeiten zur Achtung zwingend und an die tote Zeit erinnernd.
Die Künstler sind die unsterblichen Atome der Völker. Was diese Atome
taten oder sagten, behält ewige Lebenswärme, wenn es echt gewesen.
Denn die Werke der Künstler bilden den Unsterblichkeitsbestand
untergegangener Völker.
Und wenn der einzelne Mensch gern an ein Fortleben seines eigenen
Lebens und des Lebens seiner Lieben denken möchte, so wird er, wenn er
ein ernstes Wesen ist, auch an dem Fortleben seines Volkes, in dessen
Mitte sein Leben sich abspielte, beteiligt sein wollen und sich daran
beteiligen müssen.
Darum wird es Ehrenpflicht jedes Bürgers sein, daß er mit der
Erhaltung des Künstlertums und mit ehrenvoller Verpflegung der
Künstler zur Unsterblichkeit der Nation beisteuert. Ebenso, wie jeder
tüchtige Bürger zur nationalen Verteidigung mit seinem gesunden
Körper und seinen Steuern willig beiträgt. Es wird eine Steuer,
zum Nutzen der Künstler den verschiedenen Ständen des Volkes, der
Arbeiterklasse, der Beamtenklasse und der Kaufmannsklasse angepaßt,
das ganz selbstverständliche und natürliche Mittel sein, zu dem die
veredelte und sich selbst achtende Nation greifen muß, um festliche
Daseinsberechtigung und künstlerische Unsterblichkeit zu erlangen.
* * * * *
Als eines der vielen tausend Beispiele, die ich bringen könnte, um dem
deutschen Volk zu berichten, wie bitter und grausam ein junger Künstler
von der Verpflegungssorge gequält werden kann, will ich nur einen der
unglücklichsten Fälle aus meinem eigenen Leben erzählen.
Es war eines Tages in Paris. Meine Frau und ich waren schon wieder
von Mexiko zurückgekehrt, wo wir gehofft hatten, unter billigen
Lebensverhältnissen und fern von dem anspruchsvollen europäischen Leben
uns niederzulassen und uns durchzuschlagen. Es war ein Rettungsversuch
gewesen, ein Fluchtversuch fort von der Überkultur. Mit dem Rest meines
Vermögens hatte ich mir in Mexiko einen Tropengarten kaufen wollen,
dessen Ertrag uns ernähren sollte.
Diese und viele andere verzweifelte Versuche, Dichtung und
Lebensverdienst zu vereinigen, waren gescheitert, und mittellos
befanden wir uns wieder, nach Paris zurückgekehrt, in einem
bescheidenen Künstlerhotel im Stadtviertel Montparnasse. Wir wohnten
in einem kleinen Zimmer, das wirklich für nicht mehr als fünf Schritte
Raum hatte. Aber wir waren verhältnismäßig unbesorgt, und ich
dichtete, und wir hofften auf die Hilfe von Verwandten, denen wir
geschrieben hatten.
Aber die Antwort blieb aus. Und eines Tages hatte ich kein Kupferstück
mehr in der Tasche. In Paris war es uns unmöglich, in eine Wirtschaft
zu gehen und auf Stundung zu essen, und es blieb uns auch keine
Aussicht, von irgendwelcher Seite Hilfe zu bekommen.
Tonlos und die Verzweiflung einander nicht zeigen wollend, saßen
wir, meine Frau und ich, in unserem kleinen Zimmer und hatten nicht
gefrühstückt und wußten, daß wir weder Mittag- und Abendessen erhalten
würden, und daß wir wahrscheinlich auch, wenn wir nicht vorher
verhungert sein würden, das Gasthaus bald verlassen müßten, da wir die
Miete des winzigen Zimmers nicht zahlen konnten.
Wir hatten natürlich unzählige Briefe geschrieben nach verschiedenen
Seiten, aber entweder abschlägige Antworten oder gar keine Antwort
erhalten. Und doch hatte ich viele Bekannte und viele Verwandte in
aller Welt und hatte auch mehrere Bücher veröffentlicht, und man
wußte, daß ich kein zweifelhafter Anfänger mehr war, denn mein Name
war bereits unter die Namen der neuzeitlichen Literatur als bekannt
aufgenommen worden. Und doch war dieses Mal, wie so oft vorher und
nachher, keine Hand da, die uns Schutz bieten wollte. Denn niemand
fühlt einem Künstler gegenüber, auch wenn dieser schon bekannt ist,
eine Verpflichtung, bevor derselbe nicht gestorben ist. Dann erst
setzt die Verpflichtung, ihn als Nationalgut zu ehren, die Häuser,
in denen er gewohnt hat, mit Tafeln zu versehen, seine Notbriefe zu
veröffentlichen, mit rührender und leider mit recht nutzloser Sorgfalt
ein.
An jenem grauen Sorgentag, an dem die große Stadt Paris mir
wie ein menschenleeres Meer vorkam, auf dem meine Frau und ich
vergeblich hilfesuchend hintrieben, fand ich, als ich gegen Abend
die Gasthaustreppe hinunterstieg, am Schlüsselhalter neben der
Hausmeisterstube bei meiner Zimmernummer ein Telegramm für mich
angesteckt.
Ich will das gefaltete Papier öffnen, als meine Frau im selben
Augenblick durch die Haustüre von der Straße hereinkommt, da sie
auf der Post gewesen und meine Briefe fortgeschickt hatte. Sie
sieht das noch ungeöffnete Telegramm in meiner Hand, erschrickt
und bittet mich dringend, es nicht zu lesen. Ich verstehe, daß sie
irgendeinen Verwandten, von dem es mir peinlich wäre, Hilfe anzunehmen,
telegraphisch um Hilfe angegangen hat, und daß dieses nun die Antwort
sein muß, der meine Frau mich aber nicht aussetzen will, im Fall
dieselbe abschlägig ist.
So deutete ich mir den Schrecken in ihrem Gesicht. Und um sie nicht
zu quälen, gab ich ihr das Telegramm ungeöffnet. Wir verließen dann
zusammen das Gasthaus und gingen auf dem stillen Boulevard Raspail
hin. Und hier erzählte sie mir unter Tränen, daß ihr, nach all den
abschlägigen Antworten, nichts anderes übriggeblieben war, als einen
ganz außergewöhnlichen, aber notwendigen Ausweg zu wählen. Sie hatte am
Nachmittag ihrem Vater, der nicht mehr helfen wollte, nach Stockholm
telegraphiert, daß ich plötzlich an einem Hirnschlag gestorben sei!
Und sie hatte ihn um _Beerdigungsgeld_ gebeten! -- Nun war es uns
ganz schauerlich zumute, als wir das Telegramm öffneten, das meines
Schwiegervaters Beileid enthielt und zugleich die Meldung, daß tausend
Franken für die Beerdigungskosten telegraphisch folgen würden. Ich
war tief erschüttert. Niemals ist mir eine Hilfe so schauerlich und
grauenhaft erschienen wie diese. Und doch mußte ich meiner Frau recht
geben, als sie diesen einzigen Ausweg, den es für uns gab, gewählt
hatte.
Wir gingen zum Gasthaus zurück und warteten unter unheimlicher
Bedrückung und empfingen eine Stunde später von der Post mein
Beerdigungsgeld. Und noch unheimlicher wurde dann die kleine Mahlzeit,
die wir in einer kleinen Künstlerwirtschaft, schweigend und mit Tränen
kämpfend, einnahmen. Wir waren von der Sorge schon so ernst gemacht
worden, daß wir dieses Mal nicht mehr die Kraft hatten, uns von dem
empfangenen Geld mit jugendlicher Leichtigkeit zu sättigen.
Als wir zu unserem Gasthaus zurückkehrten, fanden wir dort andere
Beileidstelegramme von anderen Familiengliedern meiner Frau aus
Stockholm vor. Wir weinten, als läge wirklich ein Toter im Zimmer,
so sehr quälte uns noch der Schrecken und die Schmach der Not. Dann
mußten wir, um die Sorge der Angehörigen nicht zu lang auszudehnen,
zurücktelegraphieren und melden, daß ich wieder am Leben sei, und
zugleich schickten wir erklärende Briefe ab.
Aber mein Begräbnisessen, an dem ich selbst teilgenommen hatte,
und jene Notstunden, die meine Frau zu dieser verzweifelten Notlüge
gezwungen hatten, stehen mir heute noch schaudervoll im Gedächtnis. Nur
die tausend jungen Künstler, die sich in ähnlicher Lage befunden haben,
werden mir nachfühlen können. Aber den Fluch, der sich einem auf die
Lippen drängt, den man erbittert jener Generation zurufen möchte, die
nie ihre ganze Kraft eingesetzt hat, um sich der Kunstwerke, die ihr
ihre Künstler schenkten, würdig zu erweisen -- diesen Fluch verschluckt
man am besten. Denn immer ist noch die Annahme möglich -- wenn auch die
Zeit zur Erkenntnis nationaler Pflichten bei den Völkern damals noch
nicht reif war -- daß eine bessere Zeit jetzt anbricht, die dem Stand
der Künstler gerecht werden muß. Diese Hoffnung tröstet mich und macht
mir vergangene Schmerzen allmählich vergessen.
Vorläufig, finde ich, benehmen sich die Nationen dem Künstlerstand
gegenüber im Großen und Ganzen wie Räuber einem Wehrlosen gegenüber.
Sie raubten einfach dreißig Jahre nach dem Tod des Künstlers den
Nachkommen das Eigentumsrecht der Arbeit des Verstorbenen. Dem sie
im Leben nichts gegeben haben, den sie in seiner Jugend bezweifelt
und verachtet haben, dem sie in seiner Jugend keine hilfreiche Hand
gereicht haben, keine Mittel und Wege geschenkt -- dem nehmen sie auch
noch das, was seinen Kindern und Enkeln gebührt, das Eigentumsrecht der
väterlichen Arbeit.
Warum fallen nicht die Güter des Adels, warum fallen nicht die
erworbenen Vermögen der Reichen, warum fallen nicht die Geschäfte
verstorbener Handelsherren nach dreißig Jahren der Nation zu?
Richard Wagner wünschte, daß sein „Parcifal“ nur in Bayreuth gespielt
würde. Welche Kämpfe hat es jetzt der Familie Wagners gekostet, ihr
Eigentumsrecht nach dreißig Jahren verlängert zu erhalten! Dieser
Künstler wurde bei Lebzeiten von seinen Gläubigern von Stadt zu Stadt
gejagt. Er mußte sich verstecken, wurde in seinen Arbeitsjahren mit
Schande und Spott beworfen und steht jetzt als der Herold eines neuen
deutschen Musikgeistes, von ganz Europa gefeiert, an der Spitze der
deutschen Musikwelt und brachte seinem Volk vor anderen Völkern Ruhm
und Ehre.
Und ging es Beethoven anders? Verkannt und versorgt plagte er sich sein
Leben lang. Nichts schenkte ihm die Nation. Aber er schenkte seinem
Volk seine Kraft, so daß es sich nach seinem Tod das musikstolzeste
Volk nennen durfte. Die Nation selbst aber hat nichts für Beethoven
getan, als er lebte.
Für die Wehr des Landes sorgt man. Es kommt mir aber vor, als ob wir
dicke Gartenmauern bauen, indessen drinnen im Garten die besten Bäume
und die besten Pflanzen hungern. Und was nützen die Mauern, was nützt
das Heer, wenn die Gartenleitung, wenn die Regierung die besten jungen
Pflanzen und jungen Bäume nicht zu pflegen weiß.
Neulich erst hat sich eine ausgezeichnete polnische Malerin, die,
tüchtig und anerkannt, von den besten französischen Malern gerühmt
wurde, und deren Bilder von verschiedenen Museen angekauft wurden,
nach jahrelanger Mühseligkeit, verzweifelt gemacht von Nahrungssorgen,
in Warschau vor einen Eisenbahnzug auf die Schienen geworfen.
Die unglückliche Künstlerin war zu einem Besuch nach Hause nach Polen
gereist. Vielleicht hoffte sie bei ihren Verwandten Hilfe zu finden
oder in der Heimat überhaupt. Aber es scheint, Enttäuschung dort hat
ihr den letzten Mut genommen. Und statt in den Zug zu steigen, der sie
wieder nach Paris, in die bittere Mühseligkeit fern von der Heimat
zurückführen sollte, hat die arme verzweifelte Frau den Tod gewählt und
sich vor die Lokomotive geworfen.
Und diese Malerin war kein halbes Talent. Es war ein großes Talent,
das mit ihr untergegangen ist. Und die Stadt Warschau hätte stolz sein
dürfen, eine solche Künstlerin geboren zu haben. Wenn die Nationen
stolz sind auf Völkersiege, so sollten sie noch stolzer sein auf
Geistessiege.
In meiner Wohnung hängt ein Bild, das jene Frau gemalt hat. Sie war
in Paris Schülerin Carrières gewesen, und sie hatte sogar selbst mit
Carrière und einem anderen bedeutenden Pariser Maler eine Malschule
eröffnet. Ich kannte sie gut, schon vom Tage an, an dem sie zum
erstenmal nach Paris kam, bis zu ihrem Tode, und ich weiß genau, daß
keine andere Sorge als die Sorge um den Lebensunterhalt jene Künstlerin
in den Tod getrieben hat.
Die arme bedeutende Frau bewohnte ein großes Atelier, und dieser Raum
war ihre Lebensstätte. Sie schlief auf einem kleinen Liegestuhl in
einem Winkel dieser Werkstatthalle. Aber man soll nicht denken, daß
jenes Atelier bunt aufgeputzt war mit weibischem Schmuck. Der große
Raum war nur ernste Werkstatt, war die echte Arbeitsstätte eines echten
Künstlergeistes. Mit Ausnahme von einigen notwendigen Hausgeräten
standen da nur noch eine alte Kommode, ein Klavier und ein paar Tische
und Stühle. Außerdem befanden sich nur Unmassen von Bilderrahmen,
aufgespannte Leinwanden, Staffeleien und ein kleiner eiserner Ofen in
dem arbeitsnüchternen Raum.
Die zarte Gestalt dieser Künstlerin, deren großer Kopf auf einem
gebrechlichen lautlosen Körper lebte, sehe ich noch immer mit der
Palette in der Hand vor mir. Eine große Palette, hinter der die
schmächtige Dame fast verschwand.