am Morgen den Platz leer findet und das Gras noch warm findet, wo die
Geliebte vorher geruht, ruft er und ruft. Aber er scheucht nur das
Wild im Walde auf. Als sein Herz dann bitter klagt, taucht die rote
Scheibe der Morgensonne in der Ferne bei den Wurzeln der Eichen auf,
und der Gesang der Morgensonne und der Gesang der Amsel versuchen Sun
zu trösten.
Er horcht und wird ernst und stark, und die Eichenstämme im Morgenwind
singen, und Sun gehorcht den Eichen und macht sich hart wie ihre
Stämme. Dann singt er vor sich hin, daß er die Eichen verstanden habe,
daß er, der Skalde, ewig einsam sein müsse, einsam wie die Eichen im
Urwald. Und er geht aufrecht weiter in den Urwald und kehrt nicht mehr
zu seiner Sippe zurück. --
Dieses Drama dachte ich mir mit Musikbegleitung gespielt.
Nachdem ich es in Berlin niedergeschrieben hatte und dann zu einem
kurzen Besuch zu meinem Vater nach Würzburg gereist war, kam ich mir
in der Heimat unverstanden, wie Sun im Pfahlbaudorf vor. Und ich
sehnte mich wieder heftig von den Menschen fort, da ich nicht wußte,
wo ich das Mädchen finden sollte, das ich mir vorstellte. Ich sehnte
mich wieder nach der Urwelt Schwedens zurück, wo mir die Natur, die
unberührte, mit ihren Wäldern wohlgetan, wo keine Forstzählung den
Wald kleinlich und zum Holzgeschäft machte, wo die Welt ursprünglich
und herzlich war, so daß ich mich an ihr vergessen konnte. Während ich
unter vielen Menschen meine Einsamkeit immer an mir nagen fühlte.
Der junge Schwede, der sich in Stockholm befand, schrieb mir, daß er
auf Dalarö bei Stockholm einen schönen Sommeraufenthalt wisse. Dorthin
reiste ich dann und wohnte auf einem Hof, der tief im Walde lag, und
dort schrieb ich einige der Landschaftsgedichte, die sich in meinem
kleinen Band „Reliquien“, meinem ersten Gedichtbuch, finden. Das Buch
ließ ich bei meinem späteren Aufenthalt in Mexiko drucken, und noch
später, im Jahre 1900, kam es dann durch einen deutschen Verlag in
Neudruck an die breitere Öffentlichkeit.
Ich sollte unbeirrt wünschen, hatten die Amerikaner gesagt, und
würde dadurch in die Nähe des Mädchens kommen, das für mich geboren
an irgendeinem Fleck der Welt lebte. Ich wünschte heftig. Und es hat
dieser Wunsch, der unbewußt hinter allen meinen Wünschen stand, mich
in jenem Sommer nach Schweden geführt, wo ich im selben Herbst die
Bekanntschaft jenes Mädchens machte, die dann meine Lebensgefährtin
wurde und es heute noch ist. Und viel später, als ich die Amerikaner
in Paris wiedersah und ihnen dann meine Frau vorstellte, erinnerten
sie mich oft an die Stunden in London, da ich ihnen geklagt hatte --
wenn ich sie beide glücklich sah --, daß ich doch bald die Frau finden
möchte, die für mich bereits an irgendeinem Ende der Erde lebte und
wartete.
Und nie hätte ich damals in London glauben können, daß einige Monate
später der Wunsch schon die Erfüllung finden sollte.
* * * * *
Mein Leben an der schwedischen Ostküste in diesem Sommer 1894, auf
einem Hof in den Wäldern auf der Insel Dalarö, war durchaus nicht
eigenartig und reizvoll, nicht mächtig und nicht erschütternd, nicht
so, wie ich es im Granitland Bohuslän gefunden hatte. Wenn man diese
beiden schwedischen Küsten miteinander vergleicht, drücken sich ihre
Landschaftsunterschiede am besten mit den Worten aus: die Westküste
zeigt eine männliche Haltung, schroff, unerbittlich, trotzig. Die
Ostküste Schwedens dagegen wirkt weiblich, mit sanften Stränden, mit
ebenen großen Waldungen, mit Wiesen und vielen sanften bewaldeten
Inseln.
Meist grünen dort Tannen und Birken, dazwischen hier und da starke
Eichen. Auch viele Steinblöcke sind in den Wäldern verstreut, aber
nicht vergleichbar mit dem Granitpanzer Bohusläns. Das Meer ist an der
schwedischen Ostküste schmeichelnder. Es hat den schwachen Wellenschlag
eines Sackgassenmeeres. Es wirkt gezähmt und hat nichts von dem
titanenhaften Fluten, von den frischen, schaffenden und vernichtenden
Kräften, die das Meer im Skagerak beleben. Die Ostküste ist ein Land
der Gutsbesitzer, und statt der Fische im Meer sind es dort die Kühe
auf den Wiesen, die den Menschen versorgen müssen.
Diesen Unterschied fand ich zuerst reizlos. Aber die schwedische Güte
und Treuherzigkeit, die überall im Lande zu Hause ist, gefiel mir auch
in Dalarö, und so blieb ich bis spät in den Herbst dort und saß noch,
als es regnete, draußen im Wald und machte Waldspaziergänge mit dem
Lehrer einer Schnitzereischule. Das Schulhaus lag mitten im Dickicht
und hatte viele Schüler, welche da eifrig wie Waldwichtelmänner in
einem Holzhaus an Hobelbänken und Schnitztischen in Scharen arbeiteten.
--
Als die Tage dann kurz und dunkel wurden, zog ich Anfang Oktober nach
Stockholm. Ellen Key, die schwedische Philosophin, hatte damals einen
literarischen Salon in Stockholm, wo sich Sonntags die bekanntesten
schwedischen Schriftsteller trafen. Ich verkehrte gern bei der
liebenswürdigen Ellen Key, und an einem Sonntagabend lernte ich bei ihr
den jungen norwegischen lyrischen Dichter Sigbjörn Obstfelder kennen.
Ellen Key hatte in ihrem Salon zwischen den verschiedenen Sesseln ein
kleines Stühlchen stehen, das war einst ihr eigenes Kinderstühlchen
gewesen. Auf diesem kleinen Stuhl saß Obstfelder an jenem Abend,
umgeben von einem Kreis von Herren und Damen. Er sprach so leise, daß
sein Sprechen wie ein Wimmern war. Und als ich ihm ein wenig lebhaft in
irgendeiner Frage widersprechen mußte, meinte Ellen Key, Obstfelder in
Schutz nehmend: man dürfe das Lamm, wie sie ihn nannte, nicht so heftig
anreden.
Ich erzähle diese kleine Begebenheit nur, um den jungen Dichter zu
zeichnen, der sehr ernst, aber auch sehr empfindsam war, zugleich
aber kräftig genug und eigentlich des Schutzes der Damen entraten
konnte. Aber sein Hang zu großer Traurigkeit gab ihm den Schein von
Hilflosigkeit. Und es war sehr gütig von Ellen Key gemeint, daß sie dem
immer sorgenvollen und einem tiefen Weltschmerz nachhängenden, jungen
Norweger schützend zu Hilfe kam.
Das Wesen dieses Dichters aber war das gerade Gegenteil von meinem
Wesen. Während ich allen Lebensregungen die festliche Seite abgewinnen
wollte und den festlichen Kern des Lebens immer betont haben wollte,
war Sigbjörn Obstfelder von einem wollüstigen Nachhängen der
Traurigkeiten des Lebens beherrscht.
Diese Art stieß mich ab, aber erregte zugleich immer wieder mein
Erstaunen, weil ich es kaum für möglich halten konnte, daß jene
Traurigkeit ernsthaft war. So kam ich fast auf den Gedanken, dieses
Traurigsein für Einbildung zu halten, und es fesselte mich, zu
ergründen, wie dieser junge Mann sich im Leben zurechtfinden konnte bei
all dem Leid, das er freiwillig aufsuchte.
Als man Obstfelder fragte, ob er sich in Stockholm wohl fühle, wisperte
er an jenem Abend etwas Unverständliches. Dann erklärte einer in der
Gesellschaft, der ihm zunächst saß und die Worte verstanden hatte,
der junge Dichter habe gesagt, er fühle sich nirgends wohl. Als wir
beim Heimweg zusammen durch die Straßen Stockholms gingen, erzählte
mir Obstfelder, daß er eine Witwe liebe, die rotverweinte Augen
habe und einen großen schwarzen Kreppschleier am Hut trage. Und er
sagte mir, daß ihn die Trauer der Dame angezogen habe. Sie hätten
beide gestern einen schönen Nachmittag verlebt. Er habe sie auf den
Kirchhof begleitet, an das Grab ihres Mannes, und habe den Kranz
tragen dürfen. Das sagte er tieftraurig, einfach und ungesucht, als
wäre das Traurigste das Begehrenswerteste für alle Menschen. Mir wurde
unheimlich bei der Vorstellung, daß ein Mann mit jungem warmen Blut
sich gern trauernden Menschen anschloß und Damen in Trauerschleiern
bevorzugte und am liebsten Spaziergänge zu Kirchhöfen machte.
Obstfelder sagte mir weiter, als wäre es das Selbstverständlichste von
der Welt, er liebe es, in Stadtvierteln zu wohnen, wo ganz arme Leute
hausen, versorgte Gesichter armer Leute. Er suche sich als Wohnung
gern Häuser aus, die so bekümmert aussehen wie ihre elenden Bewohner,
Häuser, wo auf den Fensterbrettern ein paar kümmerliche Blumen stehen,
dürftige Geranienstöcke, die in alte Scherben und Porzellantassen
gepflanzt sind, wo Wäschestücke vor den Fenstern zum Trocknen
aufgehängt sind und wo die grauen engen Treppenhäuser, die nach Kalk
und Keller riechen, ausgetretene Treppenstufen haben. In solcher
Umgebung, die nie frei aufgeatmet hat, in der das Leben bedrückt aus
den Winkeln winselt, dort fühle er sich am wohlsten und zu Hause.
Ich hatte darnach geglaubt, daß Obstfelder hilfsbedürftig sei, und
da ich in einer angenehmen Pension wohnte am Tegnerlund, in einem
schönen, reinlichen und geräumigen Hause, mit Aussicht über die
grüne freundliche Tegneranlage, so dachte ich, ich würde dem jungen
Dichter etwas Gutes tun, wenn ich die liebenswürdige alte Dame, bei
der ich wohnte, bäte, ihm einen billigen Mittagstisch zu geben. Aber
Obstfelder fand es dann viel zu sonnig, viel zu schön, viel zu hell und
viel zu freundlich bei jener Dame und sagte mir dieses, was ich ganz
unbegreiflich fand.
Und ich sagte ihm: „Sie finden genug Traurigkeit auch in hellen
freundlichen Häusern. Glauben Sie doch nicht, daß die reinlichen
Menschen, die in schönen Häusern wohnen, nicht viele Traurigkeiten und
viele ungeweinte Tränen verbergen müssen. Die Dame zum Beispiel, die
jene Pension hat, in der ich wohne, ist von Kindheit an halb taub;
sie hört nur, wenn man durch ein Hörrohr zu ihr spricht. Sie hat sich
ihr Leben lang nur mit Büchern unterhalten müssen, und sie ist zart
und vornehm und lautlos. Und wenn sie auch nicht einen Kreppschleier
trägt, so umgibt sie doch immer ein dunkler Schleier von Lebenswehmut.
Er ist nicht für die Augen zu sehen, aber für das Gefühl.“
Während ich dieses sagte, ärgerte ich mich dabei, daß ich dem Dichter
der Traurigkeit mein freundliches helles Haus, in dem ich wohnte, von
der innersten Seite erklärte, und daß ich ihm erst sagen mußte, was
ich als etwas Selbstverständliches empfand, daß die Menschen, die zu
lächeln suchen, während sie trauern, nicht minder stark empfindende
Menschen sind als die, welche da offensichtlich weinen und traurig den
Kopf hängen lassen. Aber Obstfelders Drang zu Traurigkeiten hin mag
auch wohl darin begründet gewesen sein, daß sein Vater, der einst ein
tüchtiger Bäcker war, in seiner Armut im Bürgerspital in Stavanger
Unterkunft gefunden hatte. Vielleicht wollte der Sohn nicht besser
wohnen als der Vater.
Sigbjörn Obstfelder war früher Ingenieur in Amerika gewesen und hatte
dann, zurückgekehrt von dort, den ihm verhaßten Beruf aufgegeben.
Er erhielt, als ich ihn kennen lernte, vom norwegischen Staat ein
Jahresgeld, das aber so wenig war, daß er nie richtig aufatmen konnte.
Der Fluch der meisten jungen Dichter ist es, daß sie die weite Welt
erleben möchten und sich vertiefen möchten in die Leben ringsum, und in
Lebensnot wie vom Leben Ausgestoßene jahrelang neben dem Lebensstrom
herschleichen müssen, von bitterer Armut erniedrigt.
Auf meiner Weltreise, als ich fern in Asien in Hongkong und Schanghai
und in Japan großen deutschen Kriegsschiffen begegnete, die auf dem
Weg zu den Kolonien nach der Südsee waren oder dort in asiatischen
Gewässern nach China beordert lagen, dachte ich oft beim Anblick der
kostbaren Staatsfahrzeuge bei mir: wie wäre es doch so einfach, wenn
auf diesen mächtig schwimmenden Staatskolossen, für die das Volk
Millionen bezahlt hat, einige Kabinen für Gelehrte, Künstler und
Dichter eingerichtet wären, um diesen freie Hin- und Rückfahrt nach
fernen Ländern zu ermöglichen!
Und wie wäre es einfach, wenn neben den Kasernen oder in den
Regierungsgebäuden in unseren Kolonien, die doch auch vom deutschen
Volk bezahlt werden, ein Unterkunfthaus, eine Herberge für Gelehrte,
Künstler und Dichter vom Staat eingerichtet würde! Welche Unsummen
werden vom deutschen Volk an Beamte aller Art verwendet! Welche
Unsummen für Kasernen und Schiffe! Es würde bei den Millionen, die
dafür ausgegeben werden, nicht darauf ankommen, wenn der Staat den
jungen Künstlern des Landes auf den Panzerschiffen freie Fahrt und in
den Kolonien Unterkunftshäuser mit freiem Aufenthalt zum Studium der
fremden Länder gewähren würde.
Und es würde auch nicht große Summe kosten, ein Taschengeld, ähnlich
einem Beamtensold, den Studierenden zu jenen Reisen mitzugeben. Man
dürfte aber nichts von ihnen fordern und nichts von ihnen erwarten nach
dieser Reise. Man müßte ihnen Vertrauen und Glauben schenken, daß das,
was man für sie täte, sich zum Vorteil für das Vaterland erweisen
würde.
Denn manche Künstler, die gereist sind, konnten aus der Ferne nichts
mit nach Hause bringen als ein gründliches Heimweh und ein echtes
und tiefes Heimatserkennen. Es ist genug, wenn nur dieses erreicht
wird, daß einer, indem er den richtigen Abstand von der Heimat
bekommen hat und beim Vergleich mit anderen Völkern, die er besuchte,
seine Heimat aufrichtig beurteilen lernte, durchdrungen wird vom
Bewußtsein, daß niemals äußere Schönheit ferner Weltteile dem echten
Mann die Heimatsscholle ersetzen kann. Ein Volk, das sich solch echte
Heimatkünstler züchtet, tut sich selbst wohl, indem es immer den Dank
und die Gedanken dieser Künstler an sich fesseln wird. Und die Werke
dieser weitgewanderten Künstler werden tiefe, nutzvolle Arbeiten
werden, da sie dann aus tiefen Heimwehlebensströmen geschöpft sind.
Während jetzt viele der jungen Künstlerkräfte aus Lebenshunger das
Nachtleben der Großstädte und in ihrer Armut und Ratlosigkeit das
Herumsitzen in Kaffeehäusern pflegen müssen, um wenigstens vor den
Schaufenstern des Weltlebens zu bleiben, da ihre Geldmittel nicht
zum Einhandeln großer Welteindrücke reichen, so würden dagegen freie
Kriegsschiffsreisen die jungen Künstler reich befruchten können.
Man soll nicht spotten über die Kaffeehauspoeten der heutigen Zeit, die
sich meistens aus jungen heranwachsenden, dichtenden Lebensanbetern
zusammensetzen. Man soll helfen, statt zu spotten. Das Volk,
jede Nation hat die Pflicht zu helfen. So gut wie ein Land seine
Landesgrenzen erweitert, indem es ferne Kolonien gründet, im selben
Verhältnis muß es auch die Weltblicke derer erweitern, die berufen
sind, das Leben künstlerisch festzuhalten in allen Zeitläuften. Denn
nur die Künstler können die fernen Länder dem Heimatland innerlich
nahebringen.
Es sollten auch die Staatseisenbahnen allen angehenden jungen
Künstlern, Gelehrten und Dichtern freie Fahrt durch ganz Deutschland
geben, und ebenso sollten die Nationen untereinander den Künstlern
diese freie Fahrt durch alle Länder ermöglichen.
Die schwedische Nation hat durch einen Schweden, der den Nobelpreis
stiftete, die Bewunderung ganz Europas geerntet. Dieses Volk geht auch
in der freien Eisenbahnreise der Künstler den Kulturvölkern mit großem
Beispiel voran. Die stockholmer Eisenbahnverwaltung erteilt jedes Jahr
einigen Künstlern, inländischen wie ausländischen, freie Reise erster
Klasse vom südlichsten bis zum nördlichsten Grenzpunkt in Schweden. Ich
selbst erhielt vor einigen Jahren für mich und meine Frau auf Anfragen
diese freie Fahrt durch ganz Schweden, und ich weiß, daß freies Reisen
auch anderen deutschen Schriftstellern gewährt wurde.
Warum ist die deutsche Nation sich nur ihrer Pflicht bewußt, ihre
Minister, ihre Offiziere, ihre Geistlichen besolden zu müssen?
Warum ist dieselbe Nation sich nicht ihrer Pflicht bewußt, ihre
Künstler besolden zu müssen, die neue Seelenwerte hinterlassen?
Neue Seelenwerte schaffen die Geistlichen, die immer wieder die
Bibel erklären, nie, und die Geistlichen erhalten doch Besoldung und
Pfarrhäuser vom Staat.
Die Städte, die einen Künstler geboren haben, sollten es als eine Ehre
ansehen -- wenn sie es nicht als Pflicht betrachten -- dem Künstler,
der die Erdscholle, der den Menschenstamm, aus der er hervorgeht, in
seinen Werken verherrlichen wird, Haus und Garten zu bauen und ihn zu
erhalten.
So wie die Städte Kasernen, Kirchen, Spitäler, Rathaus, Post, Bahnhof
bauen können und sich Parke, Theater, Konzertsäle hinstellen, so
sollten die Städte doch zuerst bei dem jungen Künstler Heimatschutz
und Heimatsorge anwenden, der bei ihnen durch seine Geburt Heimatrecht
erlangt hat.
Ein bescheidenes Haus, ein bescheidener Garten, eine bescheidene
Einrichtung, gesundheitlich und sauber im Stand gehalten, eine
bescheidene Küchenkost sollte jeder Künstler in seiner Heimat für
sich finden, neben dem freien Reisen durch die Länder. Und laßt dann
bei ihm seine Frau oder seine Familie, seinen Vater, seine Mutter,
oder eines seiner Geschwister weilen, die um ihn sorgsam sein wollen.
Denn bedenkt, daß der Künstler immer im Geiste weltfern leben muß, um
echt im Geist und Gefühl zu schaffen. Und bedenkt, daß ein Künstler
ein wenig Schutz um sich braucht, weil der Geist immer leichter zu
gefährden ist als der Körper.
Ihr erlaubt doch euren Generälen und Offizieren, euren Ministern und
Beamten, euren Lehrern und protestantischen Geistlichen, daß sie ihre
staatliche Wohnung haben, worin sie mit ihrer Familie hausen. Seid
nicht engherzig und gönnt euren Künstlern dasselbe, was ihr diesen
Männern, die der Staat benötigt, bietet.
Jede Stadt sollte eine Jahressumme aussetzen für jeden ihrer Künstler,
der Geburtsrecht in ihr hat. Jede Stadt wird so die Heimatkunst und
dadurch die nationale Kunst bereichern helfen.
Der Künstler soll in seiner Heimatstadt seinen Erdfleck haben, sein
Stück Vaterland und sein Heimatdach, wo er zu jeder Zeit, wenn er,
bereichert von Wissen und Erleben, sich zurückziehen will, für kurz
oder lang einen Ruheplatz zum Ergründen und Ausarbeiten seiner
Eindrücke finden kann; einen Ruheplatz, wenn er krank ist, und einen
Ruheplatz, wenn er alt ist.
Die flüchtige Hast, die viel unreifes Schreiben erzeugt und einen
Wust von Büchern gebiert, durch die das Volk kaum den Weg aus
nebensächlichen Werken zu hauptsächlichen Werken finden kann, wird
wegfallen, sobald der Künstler immer wieder weiß, daß seine Stadt und
zugleich die ganze Welt frei vor ihm liegt. Wenn er weiß, daß er frei,
kostenlos wandern und zurückkehren darf, sobald er es verlangt, und
überall standesgemäße Unterkunft findet.
Jeder Künstler muß wissen, daß er unermeßliches Vertrauen genießt,
weil er mit dem kleinsten Buch, mit einem einzigen Gemälde, mit einem
einzigen Musikstück Unermeßliches, Hoheitsvolles seiner Heimat geben
kann, Höheres, als jemals Pfarrer, Lehrer und Beamte ihrer Heimat und
ihrem Volke zu geben vermögen.
Dann wird mancher Künstler nicht gezwungen werden, manchem
erniedrigenden bürgerlichen Zeitgeschmack zu huldigen, des täglichen
Brotes und des Lebens zuliebe. Er wird stark werden durch die Heimat,
die er bis zu seinem Lebensende als sicheren Lebensgrundstein spürt.
Es sollten sich Vereine bilden, die Einzelhäuser und Atelierhäuser und
Unterkunftshäuser den wandernden Künstlern bauen.
Die Echtheit eines solchen mit Bewußtsein gepflegten Künstlertums
wird das nationale Leben eines Volkes so verinnerlichen, daß davon
die Völker, geistig gekräftigt und geistig erfrischt, sich in jeder
Beziehung tatkräftiger fühlen werden. Denn durch die Würdigung des
Künstlers wird die höchste nationale Geist- und Gefühlsentfaltung
gepflegt. So wie Nationen bis jetzt für ihre körperliche Erhaltung
sorgten, indem sie Handelsministerien, Kriegsministerien, Ministerien
der Kolonien und andere Ministerien gegründet haben, müßten sie
auch ein Künstlerministerium aus tätigen Künstlern gründen, das
an Bedeutung zum mindesten der Nation so wichtig sein müßte wie
die Schulangelegenheiten, die kirchlichen und die militärischen
Angelegenheiten.
Aber zuerst müssen die Städte und Orte beginnen, ihre schöpferischsten
Söhne, die Künstler, die in ihnen geboren sind, heimatlich und in
allen Ehren zu verpflegen. Die Städte sollen sich aber nicht einfallen
lassen, dabei in einen Wetteifer zu verfallen und zu protzen mit dem
Wohltun, denn damit schädigen sie die künstlerische Ruhe ebensosehr
wie mit der Vernachlässigung der Künstler. Die Städte sollen nicht
künstlerische Schlemmer und künstlerische Verschwender erziehen. Die
Städte sollen den in ihren Mauern geborenen Künstlern unveräußerliches
Hab und Gut auf Lebenszeit zur Verfügung stellen. Aber die Heimat
soll den Künstler nicht durch verderbliche Üppigkeit verwöhnen und
vernichten. --
Ich sprach diese Gedanken aus, die mir oft auf Reisen und zu Hause im
Herzen umgingen. Ich hatte die Künstlernot nicht bloß bei Hunderten
von jungen heranwachsenden Künstlern in vielen Städten Europas vor
Augen, auch meine eigenen Notstunden vergangener Jahre gaben mir diese
Gedanken ein. Hunderte von Gesprächen habe ich gehört und hundertmal
rastloses Fragen, wie den jungen heranwachsenden Künstlern am besten
geholfen werden könne, damit sie die Welt in Tiefen und Weiten erleben
und doch, in der Heimat festwurzelnd, ihrer großen Lebensaufgabe, die
an sich mühevoll genug ist, ohne Armutsleiden gerecht werden könnten.
Ich will nicht sagen, daß alle Künstler das Reisen nötig haben. Manche
werden zeitlebens ihre Scholle nicht verlassen wollen. Aber das werden
die wenigsten sein. Ich glaube, daß jedem Künstler in der Jugend der
Drang innewohnt, wenn nicht alle Weltteile, so doch die Heimat auf
freien Reisewegen und die äußerste Heimat, die Kolonien, ebenfalls auf
freien Reisewegen erleben zu wollen.
Und die Mittel, dieses zu erreichen, sind nicht so ungeheuerlich und
nicht so unmöglich unerschwinglich für ein Volk, wenn man den Plan
verfolgen würde, für die Künstler freie Reise auf den Staatsschiffen
und freie Reise auf den Staatseisenbahnen einzurichten, und wenn man
es durchsetzen würde, mit Errichtung von Unterkunftshäusern in den
Großstädten und mit Errichtung von Heimathäusern in den Heimatsorten
den betreffenden Künstlern das Wandern und das Wohnen und die
Verpflegung zu erleichtern. --
* * * * *
Der arme Sigbjörn Obstfelder starb schon bald. Er wurde nur einige
dreißig Jahre alt. Not, Gram, Unterernährung machten, daß er hinsiechte
und lebenswiderstandslos wurde, und die erste größere Krankheit,
die ihn traf, raffte ihn fort. Nachdem der Arme noch die Schrecken
einer unglücklichen Ehe erlebt hatte und von der Frau, die er liebte,
tägliche Verachtung ertragen mußte, weil er sie nicht ernähren konnte,
wurde er todkrank und starb. Die Norweger sehen Obstfelder heute noch
als einen ihrer tiefsten Lyriker an, die die Neuzeit hervorgebracht.
Der Dichter des Elends und der Traurigkeit ist er gewesen und geworden
durch das Elend, das heutzutage jeden armgeborenen Dichter verfolgt. --
Die meisten Völker haben ein Gesetz gemacht, das die Nutznießung der
Werke eines Künstlers nur bis dreißig Jahre nach seinem Tode den
Nachkommen des Künstlers gewährt. Die Nationen, die sich also ein
Nationalrecht auf das Lebenswerk ihrer Künstler zugesprochen haben,
haben das Eigentum eines Menschen nach dreißig Jahren als vogelfrei
erklärt und als der Nation zugehörig. Die Völker, die dieses Gesetz
gemacht und dieses Recht sich zueigneten, haben damit öffentlich
kundgetan, daß der Künstler kein außer der Nation und außer dem
Volksinteresse stehender Mensch ist.
Und es ist darum nicht bloß anständig, sondern gerecht, zu fordern,
daß das Volk, das sich durch den Künstler später auf Jahrhunderte
bereichert fühlt, eine Vorausvergütung auf diese zu erwartende
Nationalbereicherung dem Künstler bei Lebzeiten zukommen läßt. Und
zwar in der Weise, daß die Nation dem Künstler die Arbeit und die
Aufnahme von Lebenseindrücken erleichtert. Jedes Künstlers Heimatstadt
soll angewiesen sein, den Künstler, der ihr einst Ruhm bringt und ihr
einen geistigen Besitz hinterläßt, nicht bloß gnädig zu besolden,
sondern diese Stadt soll dem Künstler einen Ehrenunterhalt bieten. Denn
angeborenes Künstlertum berechtigt den jungen Künstler, einen Ehrensold
zu erwarten und zu empfangen.