Von Frank Wedekind waren damals erst nur wenige Werke erschienen.

Ich hatte in München zwei Jahre vorher sein Drama „Frühlingserwachen“

gelesen. Die Schilderung einer grausigen Tragik, die heranreifende

Kinder in Schule und Haus von törichten Lehrern und kaltblütigen Eltern

erdulden müssen, hatte mich sehr erschüttert. Wedekind selbst kannte

ich noch nicht. Als ich ihm dann meinen Gegenbesuch machte, sagte er

mir, er habe meine londoner Adresse durch Otto Julius Bierbaum aus

Berlin erhalten, die dieser wieder von Richard Dehmel erfahren hatte.

Wedekind und ich trafen uns danach öfters im Piccadillyhaus, das damals

das einzige Kaffeehaus in London war, da es sonst nur Stehschenken,

Tee- und Likörstuben gab.

Wedekind war eben nach einem längeren pariser Aufenthalt nach London

gekommen. Seine Launen, so schien es mir, schwankten zwischen

Weltbegeisterung und Weltverachtung.

Wenn ich aus den britischen Sammlungen kam oder von den

neuidealistischen Gesprächen der beiden Amerikaner und Wedekind traf,

war das ein seltsamer Gegensatz. Nachts in der Unionschenke, wo er

zu finden war, bekam man nur Einlaß, wenn man in einer bestimmten

Weise auf die Tür klopfte. Von außen war diese Schenke ein lichtloses

Haus, und innen fand man in einem langen Gastraum eine sehr gemischte

Kundschaft, Zirkus- und Varietékünstler, und Wedekind bei einem Toddy.

Wenn er mir dann von seinen pariser Erlebnissen erzählte, indessen

manches Mal neben uns eine Zirkustänzerin übermütig auf den Tisch

sprang und unter dem Hallo der Gäste Cancan tanzte, dann war mir, als

sei ich vor ein lebendes höllenbreuglsches Bild geraten.

Die Hölle hier war eigentlich harmlos. Aber der Gegensatz zwischen

der nächtlichen Umgebung und meinen amerikanischen Freunden am Upper

Wooburn Platz war kraß genug. Und ich, der ich bald ein Jahr lang in

Skandinavien nur stummes Meer und stumme Steinwelt gewöhnt gewesen, war

etwas verwundert über den überraschenden Szenenwechsel.

* * * * *

Der Frühling kam. Man merkte ihn aber in der Weltstadt nur erst an den

Schaufenstern und an den Kunstausstellungen und an den über Nacht von

den Gärtnern hingezauberten Tulpenbeeten im Regentpark und Hydepark.

Jene Großgärten besuchte ich manchmal an den Konzerttagen, als eben die

londoner Geselligkeitszeit eröffnet wurde. --

James hatte mich auf einen englischen Dichterkreis aufmerksam gemacht,

der sich um den mir damals unbekannten Dichter Oscar Wilde versammelte.

Der Amerikaner erzählte mir, Oscar Wilde hielte täglich zur Teestunde

Empfänge ab in einem vornehmen Ausschank der Hydeparkstraße. Dieser

Dichter habe in diesem Frühjahr die Mode der grünen Rose aufgebracht

und trüge immer eine solche im Knopfloch. Der Amerikaner selbst kannte

ihn nicht.

Aber da ich nichts von Oscar Wildes Dichtungen wußte, dachte ich nicht

daran, ihn aufzusuchen, auch nicht, als ich im britischen Lesesaal

Wildes „Salome“ gelesen hatte, die mir wie eine lüsterne Entwürdigung

der alten guten Bibellegende vorkam. --

Ehe die Frühlingstage kamen, gab es noch ein paar schwere finstere

Nebeltage, wobei der londoner Nebel wie ein dicker gelber Qualm die

Mittage zur Nacht machte und in mir starke Sehnsucht nach Deutschland

erweckte.

In diesen Nebeltagen stellte mir das amerikanische Ehepaar den

irländischen Dichter Yeats vor, der damals in London lebte und der, wie

sie, jenem Geheimbund angehörte. Auch dieser Mann hatte Verlangen nach

neuen Idealen.

Yeats glaubte fest an verschiedene Geisterreiche zwischen Himmel und

Erde, an Himmelsabteilungen, die von verschiedenen Geistergrößen

bewohnt seien. Ähnlich, wie der Dichter Blake sie in seinen Dichtungen

und Bildern dargestellt hatte. Yeats sagte mir: so wie es auf der Erde

Könige, Beamten, Kaufleute und Tagelöhner gibt, so gibt es auch unter

den unmittelbaren Kräften, unter den Astralleibern, die ihre Körper

nach dem Tod verlassen haben, Rangordnungen. Und die verschiedenen

Geister, die in verschiedenen Körpern gewohnt haben, werden nicht

plötzlich ein und derselbe Geist, sondern sind nach dem Tode ebenfalls

in verschiedene Rangordnungen eingeteilt.

Es gibt in den Geisterreichen, sagte Yeats, Kraftunterschiede so gut

wie in den Körperreichen. Er meinte, er habe das sichere Gefühl,

daß die Geister seiner alten irischen Heimatgötter, die vor dem

Christentum hatten zurückweichen müssen, noch in der Luft über Irland

lebten und zurückgerufen werden könnten. Im irischen Landvolk lebten

noch viele der alten Lieder und Sagen und wurden in den Winternächten

vor den Feuern der Kamine vielfach erzählt und gesungen. Und Yeats

hatte sich mit einem anderen irischen Dichter verabredet, sie wollten

als Landsleute gekleidet von Dorf zu Dorf ziehen und den Glauben an

die alten irischen Götter wieder erwecken, indem sie die irischen

Heldengeschichten und die Götterlehren den Bauern erzählten. --

Im Drury Lane Theater in London wurde in derselben Zeit ein Yeatssches

Stück gespielt, zu dessen Erstaufführung der Dichter das amerikanische

Ehepaar und mich eingeladen hatte. Ich erinnere noch, daß das Stück die

ganze literarische Welt von London anzog, und daß Aubrey Beardsley, der

damals bekannt gewordene englische Maler, der eben sein „Yellow Book“

herausgegeben, den Theaterzettel gezeichnet hatte, und daß also das

Stück ein künstlerisches Jahresereignis war.

Ich verstand aber von dem Schauspiel nichts und schrieb es der

Frühlingsluft zu, daß meine Augen, während auf der Bühne gespielt

wurde, zufielen. Ich sehe nur noch in der Erinnerung eine Dame vor

einem großen Kaminfeuer in einem dunklen Gemach und hinter ihr ein

mondscheinblaues Fenster. Was die Dame mit Geistern und lebenden

Menschen sprach, kam aber nicht zu meinem Bewußtsein.

Als ich wieder aufwachte, wurde geklatscht. Vorher, ehe wir zu jener

Vormittagsaufführung ins Theater gegangen waren, hatte die Sonne

geschienen, und wir hatten einen Kreis der Yeatsschen Bekannten in

einer Frühstückstube neben dem Theater getroffen, wo vom „Yellow Book“

Aubrey Beardsleys das erste Exemplar herumgereicht worden war.

Dann nach dem Theater war es grauheller Spätnachmittag draußen auf der

Straße. Aus Frühlingswolken fiel Frühlingsregen, der mit lauwarmem

Wasser über das londoner Pflaster lief.

Der Geist dieses eintönigen Frühlingsregens war neben mir in der Loge

gesessen und hatte mich eingeschläfert. Ich schämte mich ein wenig, als

der lange, blaßgesichtige, schwarzhaarige, irische Dichter uns fragte,

wie uns sein Stück gefallen habe. Ich wußte ihm nichts zu antworten.

Als wir dann zu Hause im schlichten Zimmer der Amerikaner am Kamin

saßen und auf das Kochen des Teewassers warteten, fingen wir wieder an

von den Geistern zu sprechen.

Hatte mich schon der Nebel herzschwach gemacht, der sich plötzlich

unerwartet wie ein dunkler Knebel ins Fenster steckte und mir den Atem

beklemmte, so taten dies der Frühling und die Gespenstergespräche noch

viel mehr. Und ich sehnte mich fort nach Deutschland, heftiger und

heftiger. Ein paar kleine Zufälle trieben mich dann ganz plötzlich zur

Abreise.

Eines Nachmittags war ich im Hydepark. Ich saß auf einem der

Pfennigstühle am Rotten Row; viele Zuschauer hatten sich beim

Nachmittagskorso niedergelassen. Leichte Landauer und schwere Kutschen,

gelenkt von schmucken Herrn oder Damen, und bespannt mit rassigen

Pferden, zogen ununterbrochen, als wäre ein allgemeines Wettrennen,

vorüber.

Ich hatte eine Zeitung gelesen und sah auf und bemerkte ein sehr

hübsches Gefährt aus hellem Holz, dessen lebhafte Pferde von

einer jungen, sehr schönen Dame geführt wurden, die neben ihrem

Stallburschen auf hohem Kutscherbock saß. Dame, Wagen und Pferde

schienen zusammengehörig wie ein Geiger und seine Geige. Blitzend

jagte das schöne Bild an mir vorbei. Ich bedauerte, daß es so schnell

verschwunden war, und daß ich die Dame nicht nochmals sehen konnte.

Da höre ich ein Knattern, ein unheimliches Rasseln. Zugleich springen

alle Leute, die neben mir sitzen, auf und steigen auf ihre Stühle,

um über die Köpfe der Menschenmenge fortsehen zu können. Einen

Augenblick schauten alle gespannt nach einer Richtung. Ich konnte mich

nicht vor- und nicht rückwärtsbewegen, so schnell hatte sich eine

Menschenmauer gebildet. Aber an den Gesichtern der Kutscher, die an der

entgegengesetzten Seite des Rotten Rows in langen Reihen anhielten,

sah ich, daß sich etwas sehr Schlimmes ereignet haben mußte.

Da eilte auch schon durch die Menschenmenge von Mund zu Mund das

Gerücht: ein Wagen sei an einem Prellstein aufgestoßen und umgestürzt.

Die Dame, die gelenkt hatte, sei auf die Steine geschleudert worden.

Und einige Minuten später wandten sich bleiche Gesichter um, und einer

sagte es dem anderen knapp und bestimmt: „Die junge Dame und ihr Diener

sind tot!“

Allmählich wurde ich vom Menschenstrom nach jener Stelle gedrängt. Man

hatte die Leichen der Dame und des Stallburschen bereits fortgefahren.

Die Pferde an dem zertrümmerten Wagen wurden eben ausgespannt und

fortgeführt. Die schönen Tiere zitterten noch und waren in ihrer

Erregung kaum zu bändigen. Das dünne, leichte Gefährt aber lag

zersplittert wie ein Spielzeug bei den Prellsteinen. Dann wurden die

Trümmer rasch fortgeschafft und die Wagenreihen, die von den Polizisten

zurückgehalten worden waren, bewegten sich wieder mit ihren tänzelnden

Pferden festlich heran, und das Wagenschauspiel glitt von neuem

aufglänzend an mir vorüber und über die Unglücksstelle fort.

Ahnungslose Damen grüßten und nickten sich aus den Wageninnern zu und

wußten nicht, daß soeben eine aus ihren Reihen verschwunden war wie

eine Geistererscheinung. Und ich fragte mich: welcher Unterschied

ist da zwischen Geistern und Wirklichkeit? Sind wir nicht alle ein

unwirklicher Spuk, da wir so schnell kommen und so schnell verschwinden

können? Warum soll einem dann die Geisterwelt nicht glaubwürdig sein?

Unser Erdenleben selbst ist doch nur eine flüchtige Geisterwelt!

Und ich wurde sehnsüchtig, Ruhe zu finden von dem vielen Erleben und

vor den vielen Gedanken, die mir hier mein Leben zu denken aufgab. --

Dann kam ein Sonntag, an dem die beiden Amerikaner und ich bei einer

englischen Dame zum Frühstück geladen waren. Dieselbe wohnte weit von

uns in einem der entferntesten londoner Stadtteile. Wir sollten nur

bei schönem Wetter dorthin kommen, damit wir dann auch den kleinen

Hausgarten genießen könnten. Es war aber leicht nebelig am Upper

Wooburn Platz und es regnete auch ein wenig. Wir zögerten deshalb,

auszugehen. Dann aber entschlossen wir uns doch und gingen.

Groß war unser Erstaunen, als wir nach einigen Untergrundhaltestellen

aus der Erde ans Tageslicht stiegen, blauen Himmel fanden und bei jener

Dame hören mußten, daß es in ihrem Stadtteil den ganzen Vormittag über

schönes Wetter gewesen wäre und es dort keinen Tropfen geregnet habe.

London ist also so groß, daß jedes Ende ein anderes Wetter haben kann,

sagten wir uns lachend. Und das Frühlingswetter jenes Stadtteils tat es

mir an. Ich kehrte nur in unser graues Viertel zurück, um bald darauf

meinen Koffer zu packen und dem grauen London und den amerikanischen

Freunden Lebewohl zu sagen.

Dann reiste ich über Harwich und Hook of Holland nach Deutschland und

vorerst nach Berlin.

Es war der erste Juni, als ich durch Holland fuhr, wo die Kornfelder

schon hoch standen. Hie und da sah man kleine Segel über den

Halmspitzen auftauchen. Das sah seltsam aus, Segelboote im Korn! Die

Kanäle lagen von den Ähren verdeckt, und die Schiffe kamen lautlos mit

den weißen Segeln über den noch grünen Halmen daher.

Am liebsten wäre ich aus dem Eisenbahnzug ausgestiegen und hätte mich

hier an den Rand eines Kornfeldes gesetzt und in die rundgeballten

silbersonnigen Wolken gestarrt, die über dem flachen Holland lebhafter

wirken als irgendwo. Und ich hätte gern den Sommer hier verträumt

und den Segelbooten nachgesehen. Denn ich war sehr stadtmüde. Die

vielen Gespräche der letzten Monate und das künstliche Gedankenleben

im britischen Lesesaal und am Kamin der Amerikaner hatten mich

naturhungrig gemacht.

Und seit ich das junge amerikanische Künstlerehepaar bescheiden und

doch glücklich auf ihrem Pensionszimmer hatte hausen sehen, war der

Drang und die Sehnsucht, ein Mädchen zu finden, mit dem zusammen ich

den Frühling hätte jetzt genießen können, den Sommer, den Herbst, den

Winter, -- so stark in mir geworden, daß mich das leere Ansehen der

Landschaft ungeduldig machte und mir jeder Tag qualvoll vorkam, der

mich so ziellos der Weltbetrachtung preisgab, statt der Weltumarmung.

Und ich sehnte mich nach Weltwärme und sehnte mich nach der Nähe einer

geliebten Frau.

Ich hatte den Wunsch, mich verheiraten zu wollen, in London einmal zu

den Amerikanern ausgesprochen, und sie hatten mir geantwortet: „Wer

stark wünscht, zieht durch Wünsche die Wirklichkeit herbei. Aber,“

fügten sie hinzu, „Sie müssen sich ununterbrochen Ihren Wunsch klar

machen und ihn immer wieder wünschen. Dann gestalten Sie sich damit die

Zukunft, und Sie werden den Weg zu der Frau ganz von selbst finden, zu

der Frau, die Sie lieben. Denn diese ist ja bereits geboren und geht

irgendwo auf der Erde herum, unbewußt sehnsüchtig nach Ihnen, so wie

Sie sich unbewußt nach ihr sehnen. Richten Sie Ihr ganzes Denken auf

Ihren Wunsch, und Sie müssen jener Frau bald begegnen.“

Und die beiden guten Menschen bedauerten lebhaft, daß mir gar nicht

anders zu helfen wäre als durch Geduld und starkes Wünschen. Und sie

wollten mit mir wünschen, daß ich recht bald glücklich werden sollte.

Aber es ging auch in meinen Ohren immer die Rede mancher anderen

Menschen um: „Ein Dichter soll frei bleiben. Ein Dichter soll sich an

keine Frau binden. Der Dichter gehört der Welt, und er zerstört sich

als Dichter, wenn er einen Hausstand gründet.“

Diese Aussprüche erregten in mir manchen Zweifel gegen mein Wünschen.

Und die Zweifel, ob ein Dichter glücklich werden würde, wenn er

eine Frau fürs Leben an sich gebunden hat, bedrängten mich in jenem

Frühjahr, nachdem ich von London in Berlin angekommen war, so stark,

daß die Zweifel kräftiger wurden und mit dem Herzenswunsch täglich zu

ringen begannen. Und aus diesem Ringen zwischen Liebessehnsucht und

Zweifel entstand in jenen Monaten ein kleines Versdrama „Sun“, das ich

in Berlin schrieb.

Eindrücke, die ich noch von Bohuslän in mir trug, und die Seereise

nach England mit dem Blick auf die Fischerboote bei der Mündung der

Themse verdichteten sich zu einem Seebild. Und ich wollte in dem Drama

Menschen schildern aus dem Anfang der christlichen Zeit, da Christentum

und Heidentum noch im Volksgeist schwankend lebten.

Ich verlegte die Handlung an einen See in ein Pfahlbaudorf. Der junge

Fischer, den ich „Sun“ nannte -- der Name ist das englische Wort für

Sonne --, war ich selbst, und ich verkleidete mich in die Vorstellung,

ein Skalde, ein Volkssänger, in jenem Pfahlbaudorf zu sein.

Die Brüder hassen Sun, weil sie glauben, daß er ein Zauberer sei.

Sie sagen, er könne den See, die Fische und das Wasser behexen. Denn

Sun spricht mit allen Dingen. Auch nachts, wenn er im Mond auf der

Altane des Pfahlbaues sitzt, spricht er mit dem Mond, mit den Wellen

und mit den Mondschatten. Und am Tag neigt er sich zu den Gräsern und

spricht mit dem Grase, spricht mit dem Holunderbaum, spricht mit der

Morgensonne. Und wenn er draußen im Boot liegt, über den Bootsrand

gebeugt, fängt er keine Fische wie die anderen Leute, aber er spricht

mit den Fischen und mit den Wasserpflanzen.

Man sagte, er lege sich auch oft ins Boot zurück und spräche mit den

Wolken und berede den Wind. Aber es sind nicht Reden, wie sie andere

sprechen, die er da hält. Er summt und singt, als wäre er der Herr

aller Dinge oder, als gehöre er mit allen Dingen zusammen. Lautlos kann

er stundenlang so still liegen. Dann hört er allen Dingen zu und hört

alles, behaupten seine Brüder.

Und seine Brüder beredeten den Mönch, der mit anderen Mönchen vor

Jahren an den See gekommen war und das Pfahlbaudorf bereits bekehrt

hatte, er, der Christenpriester solle Sun aus seiner Sippe austreiben.

Damit der Zauberer nicht die Fischzüge störe und das Wetter nicht nach

Belieben bestimme.

Aber in der Zeit, da die Brüder fortgegangen waren, um den Mönch zu

holen und die Sippe, schlich sich in Suns Haus die junge Tochter eines

anderen Pfahlbauers. Und sie traf den Skalden, der heimgekommen war vom

See, und sie verstand plötzlich, geweiht von ihrer Liebe zu ihm, den

Holunderbaum, der im Abend sang, und die Wellen und die Sonnenlichter.

Aller Dinge Sprache verstand sie vom Augenblick an, als der junge

Skalde seinen Arm um sie legte und sie an sich zog. Denn Sun liebte das

Mädchen seit langem.

Sie aber war gekommen, um ihn vor seinen Brüdern zu warnen. Sie sagte

ihm, während heute die Hagelwolke über den See niedergeprasselt sei

und er ungestört auf dem See im Kahn weitergesungen habe, ohne sich

von Hagel und Sturm stören zu lassen, hätten seine Brüder ihn laut für

einen Zauberer erklärt. Denn die Brüder seien von Haß und Neid erfüllt

über seine Friedlichkeit und Ruhe.

Sie hätten jetzt die Sippe aufgestachelt und waren fortgegangen, um den

Mönch zu holen, der das Zauberwesen aus Sun austreiben sollte. Und wenn

Sun nicht die Zauberei aufgeben wolle, sagten sie, würde ihn die Sippe

hinaus in den Urwald zu den wilden Tieren jagen, und er dürfe nicht

mehr unter christlichen Menschen wohnen. Das Mädchen bangte sehr für

Suns Leben.

Während sie noch zu dem Geliebten so sprach, ging die Sonne vor dem

Hause unter, und eine Amsel sang. Und der junge Skalde lächelte nur und

sagte ihr, er fürchte seine Brüder nicht. Er treibe kein Zauberwesen.

Sie aber, die er umarmt hielt, und die in ihrer Liebe jetzt die

Abendröte ins Haus hereinsingen hörte, und die das Lied der Amsel

nicht bloß als einen Ruf, sondern in Suns Nähe als ein Liebeslied

verstand, begriff, daß der junge Skalde kein Zauberer war. Sie sah,

daß er friedlich und festlich zu horchen verstand, und daß alle Dinge

friedlich und festlich sangen, weil er sie ungestört singen ließ, wie

es seine lärmenden Brüder nicht verstanden.

Als es rasch dunkel geworden war und die Ängstliche nochmals den

Geliebten überreden wollte, daß er freiwillig fliehen sollte, damit ihm

der Mönch und die Brüder und die Sippe nichts Böses tun sollten, Sun

sich aber furchtlos weigerte und den herangehenden Leuten entgegenging,

blieb das Mädchen in seiner Nähe, um zu sehen, ob man ihm etwas antun

könne.

Mit Fackelbränden in den Händen kam das Volk im Abend heran und in

ihrer Mitte der Mönch. Der hob ein Holzkreuz in seiner rechten Hand auf

und trat vor den jungen Skalden hin und forderte Sun auf, er solle ihm

die bösen Geister nennen, mit denen er bei Tag und Nacht, im Mond, im

Sonnenschein und im Sturm Zwiesprache führe. Denn man wisse, sagte der

Mönch, Sun spräche mit der Luft und mit dem Wasser, mit der Sonne und

mit den Bäumen, mit lauter unvernünftigen und toten Dingen, die ihm

doch nicht antworten können. Es müßten also Geister sein, die er aus

dem Nichts zu beschwören verstünde. Aber der Gottesgeist dulde keine

Götter neben sich, und er, der Gottespriester, müsse die unsauberen

Geister aus Sun austreiben.

Das ganze Volk aber stand schweigend und nickte zu der Rede des Mönches

und wartete darauf, daß der junge Skalde sich nun öffentlich erklären

und sein geheimnisvolles Tun verantworten sollte.

Der junge Skalde sah friedlich lächelnd, still und ernst in alle

Gesichter der Leute, die ihn da alle aus Unverstand haßten. Und Sun

sagte zum Mönch einfach, daß er den Holunderbaum und die Wellen des

Sees und den Wind und die Wolken und die Sonne singen höre, und daß

er auch allem Leben Lieder zusinge, denn sein Herz sei glücklich und

festlich. Und wie könne man das Lied der Blüte und das Lied einer

Welle und das Lied einer Amsel als bösen Geist ansehen, da aller

Leben Sprache doch Lebensfreude sei, die er überall höre und die

wohltuend und glücklichmachend wäre. Und er sagte noch, er antworte den

Lebensgeistern der Dinge in Liedern, die sein Herz ihm vorsingt. Und

er trage nichts Böses gegen die Sippe im Herzen und nichts gegen den

Mönch.

Da fuhr der Christenpriester wütend auf und schrie, der junge Skalde

wäre bereits so besessen von bösen Geistern, daß er nicht mehr die

bösen Geister von den guten unterscheiden könne. Denn nur Dämonen

wohnten in den toten Dingen der Natur. Und wenn der Skalde nicht

versprechen könne, die Zaubergespräche beim Hause und auf dem See

einzustellen, dann müsse er die Sippe verlassen und würde aus dem Dorf

zu den bösen Geistern des Waldes gejagt.

Da sagte Sun zu dem Mönch, daß er das Singen niemals unterlassen

könne. Daß er die Leben, die da um ihn leben, singen höre, und er es

nie lassen könne, die Lieder zu singen, die ihm von seinem Herzen

eingegeben würden.

Nachdem der junge Sun so gesprochen, richtete er sich auf und schritt

aus der Hütte und band sein Boot von dem Altan los und ruderte auf den

See in die Nacht hinaus. Der Mönch und das Volk verstanden nun, daß Sun

sie freiwillig und für immer verlassen hatte.

Und wie die Leute noch staunten und Suns Ruderschlägen nachhorchten,

die draußen in der Nacht vom See hereinhallten, da sprang aus der

dunklen Herdecke ein junges Mädchen hervor. Das drängte sich zwischen

den Leuten durch und sprang aus der Hütte. Und alles Volk rief den

Namen des Mädchens. Und die Leute schrien auf, weil das Mädchen in den

See gesprungen war und nun dem fortrudernden jungen Manne nachschwamm.

Aber der Vater des Mädchens stürzte aufgeregt auf den Altan hinaus

und rief zornig seine Tochter zurück. Doch nur das Echo der Berge

antwortete ihren Namen. Das Mädchen kehrte nicht um und folgte dem

Ausgestoßenen. Da hob der Vater beide Fäuste in die Luft und verfluchte

sein Kind und schleuderte hinter den Fliehenden her laut Fluch um Fluch

durch die Nacht.

Der Schauplatz des zweiten Teiles des Dramas ist dann ein Platz im

Urwald, in derselben Sommernacht. Im Wald leuchten ein paar verfaulte

Riesenstämme phosphorfarben, und Scharen von Leuchtkäfern ziehen durch

die dunklen Büsche. Ein wenig Mond scheint durch die Baumwipfel, und

Sun und das Mädchen tasten flüchtend vorwärts. Das Mädchen ist scheu

geworden im unheimlichen Dunkel des Waldes, und als Sun auf eine Eiche

steigt, um beim Mondschein über den Wald fortzusehen und zu erfahren,

ob sie verfolgt werden, steht es zitternd und angstvoll bei der Wurzel

des Baumes. Der junge Mann, als er keine Verfolger sieht, deutet oben

in der Eiche auf die Sterne und auf den Mond und fragt hinunter, ob

seine Geliebte den Gesang der Sterne höre und das Lied der Mondnacht.

Das Mädchen aber hört in seinen Ohren nur die wilden und drohenden

Flüche, die sein Vater ihr nachgeschleudert, und es hört im Walde

überall die Stimme seines Vaters. Als Sun von der Eiche steigt und den

Arm um die Geliebte legen will und sie zu sich ins Moos ziehen will, da

wehrt sich diese und flieht einige Schritte von ihm fort. Sie glaubt

ihren Vater hinter jedem Busch zu hören, überall ist sein Fluchen.

Da überredet Sun die Furchtsame nicht länger, und er sagt nur, sie

solle sich bei der Birke niedersetzen. Er wolle dann, einige Schritte

von ihr entfernt, sich niederlegen, und er wolle ihr erzählen, damit

sie sich nicht mehr fürchte.

Das Mädchen aber hört immer deutlicher die Flüche und des Vaters

Stimme. Es wird immer unruhiger, und immer mehr Zweifel tauchen in ihm

auf, ob Sun nicht doch ein Zauberer sei. Und als sich die Zweifel in

ihm immer mehren, hört es des Vaters Stimme lauter und verdammender und

hört dazwischen des Mönches Stimme aus allen Büschen. Angstgepeinigt

springt die Erschrockene auf und stürzt, den Skalden verdammend, zurück

auf dem Weg den sie gekommen, zurück zu den andern.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Zweiter Band · 第 3 / 22 段