Wunder zu erleben, fortgekommen sei und deutete ihnen an, daß meine
Weltanschauung darin bestehe, das größte und kleinste Leben im Weltall,
ebenso wie mich selbst, als festlich zusammengehörig anzusehen und
jedes Leben als seinen eigenen Schöpfer und zugleich als Mitschöpfer
des ganzen Alls zu betrachten. Ich sagte ihnen, das Weltall würde von
mir als ein Festleben, als eine unendliche Festlichkeit angesehen, bei
der wir alle ewig in Freude und Leid mitfeiern und alle von neuem Leben
zu neuem Leben die Festgestalt wechseln und dabei alle alles besitzen
und zugleich der Besitz aller sind.
Da sagten die beiden Amerikaner: „Das ist im Grund dieselbe Lehre, die
wir meinen. Wir haben sie in einem Geheimbund erfahren, und Sie sind
mit Ihrem Freund, dem Philosophen, durch eigenes Nachdenken zur selben
Erkenntnis gelangt.
Wir glauben dasselbe. Wir glauben auch, daß wir Menschen Wunder wirken
könnten, aber aus Weisheit das Schöpfungswerk nicht durch törichte
Wundersucht stören wollen. Denn dann wären wir nicht mehr weise. Wir
glauben ebenso an die Festlichkeit des Lebens. Wir glauben aber auch,
daß man sich die großen Kräfte der Sterne ebenso zu Nutzen machen
darf, wie man sich Elektrizität und Dampfkräfte zu Nutzen gemacht hat.
Denn es wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln können, daß die
Sternenmassen, die sich im Himmelsraum bewegen, die sich bald einander
nähern, bald voneinander entfernen, in denen ganze Sonnensysteme
wandern, daß diese Sonnen, die sich mit ihren Planeten umkreisen -- daß
diese sich einander nähernden und sich entfernenden Weltkörpermassen
nicht untereinander Einflüsse ausüben müssen auf das Leben, das auf
ihnen besteht.
Die Riesenschwankungen, die die Annäherungen solcher Massenungeheuer
gegenseitig erzeugen, bleiben nicht ohne Einfluß auf die pflanzliche,
tierische, chemische und menschliche Welt, die sich auf den
verschiedenen Gestirnen befinden mag.
Darum sind die sich verschiebenden Stellungen der Sterne von Bedeutung
für das kleinste Atomleben, also auch für das Menschenleben auf
unserem Gestirn. Die Verschiebungen der Sterne bringen durch bedingte
Atomverschiebungen Veränderungen chemischer Prozesse hervor. Denn
die verschiedenen Gestirne stehen, wie jeder weiß, auf verschiedenen
Verbrennungsstufen. Sie sind außerdem verschiedenartig zusammengesetzt.
Und angenommen, es würden auch auf jedem Stern dieselben Elemente
vorhanden sein, so sind diese doch in verschiedenen Hitze- und
Abkühlungsstufen von verschiedenster Wirkung.“
Diese letztere Erklärung sagte ich mir selbst, als die beiden
Amerikaner mir die Sterneneinflüsse glaubhaft machen wollten. Ich
sagte mir: betrachtet man das Weltall als eine chemische Masse, in der
jedes Sonnensystem ein Molekül bedeutet, das sich wieder aus Atomen
zusammensetzt, und sieht man die Planeten jedes Sonnensystems als Atome
des Sonnensystemmoleküles an, so kann man sich recht gut vorstellen,
daß Aufruhr und Änderungen in dieser chemischen Verbindung entstehen,
wenn zum Beispiel ein Komet, der ein Atom darstellt, sich einem
Molekül, einem Sonnensystem nähert, und dessen Bahn kreuzt.
Angenommen, es sei irgendein chemischer Stoff auf dem Komet
überwiegender tätig als auf dem Planeten, dessen Bahn der Komet kreuzt,
so wird er wie ein Gärungskeim auf die vorher ruhige Bahn des Planeten
einwirken. Denn durch Strahlung kann der Komet kleinste Körperchen,
wie zum Beispiel Elektronen, aus der Ferne in das Sonnensystem
aufrührerisch schleudern und vorübergehend Zersetzungsprozesse
erzeugen, die sich dann selbstverständlich als Unruhen, als Erdbeben,
Störungen, Krankheiten des Wassers, Krankheiten der Luft, Krankheiten
der Erde, Störungen in der Elektrizität, die sich also auch als
Krankheiten der elektrischen Ströme auf jenem Planet fühlbar machen.
Die Lebewesen unseres Planeten, die Menschen zum Beispiel, würden
dann unruhiger denken, unruhiger handeln, gestört im Gleichgewicht,
kriegerischer gesinnt sein und fieberhafter und gewalttätiger werden.
Kriege, die sonst bei ruhigerem Überlegen vermieden werden könnten,
werden bei dem gereizten Geisteszustand, in dem sich der ganze Planet
befindet, durch die Strahlenstörung, die er vom Kometen erhielt,
unvermeidlich werden, ebenso wie Mißwachs, Erdkrankheit und Hungersnot
dann die Folge sein könnten.
Den denkenden Menschen muß es einleuchten, daß die gesamte Sternenwelt
als eine Molekül-, Atom- oder Elektronenwelt gedacht, mit kreisenden
Molekülwelten, das heißt Sonnensystemen, fortgesetzten Veränderungen
unterworfen ist, die je nach den Molekülverschiebungen, je nach den
Sternstellungen einsetzen.
Zu jeder Stunde der Nacht und des Tages ist die Sternstellung eine
andere rund um den Planeten Erde. Also sind die Wirkungen im Weltall
und auf der Erde, die chemischen Prozesse, die statthaben, stündlichen
Veränderungen unterworfen.
Sagen wir nun, die chemische Masse Jupiter, oder die chemische Masse
Venus, oder die chemische Masse Merkur entfernt oder nähert sich der
chemischen Masse Erde, so müssen unbedingt, wie bei dem Nahen eines
Kometen, Schwankungen bei allen Leben der Erde eintreten.
Nun sind aber nicht bloß alle Sterne in verschieden starken
Elementzusammensetzungen zu denken. Sondern auch die verschiedenen
Pflanzen, die verschiedenen Tiere und die verschiedenen Menschen sind
aus verschiedenen Gewichtteilen jener Elemente zusammengesetzt. Nähert
sich nun ein Stern, der durch seine Zusammensetzung schädlich oder
günstig wirken kann, so wird jedes Lebewesen auf der Erde sich bei
seiner Annäherung glücklicher oder unglücklicher fühlen, glücklicher
oder unglücklicher handeln.
Und darum sagten die alten Astrologen: dieser ist ein glücklicher Tag
für diejenigen, die zum Beispiel unter Jupiter geboren sind. Denn an
diesem Tag ist die chemische Zusammensetzung im Weltall durch die
Jupiterstellung, das heißt durch Molekularveränderungen, die das Atom
Jupiter erzeugt, günstig für alle die, welche aus einer ähnlichen
chemischen Zusammensetzung bestehen wie der Planet Jupiter.
Die ewig sich ändernden chemischen Prozesse, die sich einander
nähernden und sich voneinander entfernenden Sternmassen, die den
aus Elementen zusammengesetzten Körper des Menschen, der Tiere, der
Pflanzen und der ganzen Erde stündlich chemisch beeinflussen, so
wie auch sie wieder beeinflußt werden, diese Sternwanderungen und
die dadurch entstehenden stündlich verschiedenen Sternmischungen,
diese stündlich wechselnden chemischen Prozesse lassen einem die
Sterndeutung, die durch Jahrhunderte und Jahrtausende bei allen
Erdvölkern, bei Chinesen, Indern, Afrikanern, Azteken und Germanen
geübt wurde, als eine durchaus nicht übernatürliche Wissenschaft
verstehen.
Ein Astrologe kann also, wenn er die Geburtsstunde eines Menschen
weiß und die Sternstellung jener Stunde, die er in den astronomischen
Aufzeichnungen bereits festgestellt findet, nachgeschlagen hat, jenem
Menschen die Zukunftsstunden, in denen ihn schädliche Einflüsse
unvermeidlich treffen werden, aus dem astronomischen Kalender
berechnen. Ähnlich wie ein Chemiker voraussagen kann, welche Einflüsse
einer bestimmten chemischen Mischung von Vorteil oder von Nachteil sein
können.
Der Astrologe hält sich also an Sternenprozesse. Er ist sozusagen
der Kenner der Himmelschemikalien, angewendet auf die Chemie des
Menschenkörpers. Wie es kluge und unkluge Chemiker gibt, gibt es
natürlich auch kluge und unkluge Astrologen.
Die Indier, die Araber, die Ägypter, die unter wolkenloserem Himmel
geboren sind als wir, und die die Sterne in mehr Nächten des Jahres
studieren konnten als wir, haben in ältester Zeit, wie jeder weiß,
die größten Fortschritte in der Beobachtung des Himmels gemacht. Auf
der Reise um die Erde wurde ich an einigen indischen Fürstenhöfen
in geräumige, besonders für die Astrologie gebaute Höfe geführt, wo
große gemauerte Instrumente verteilt waren, die heute noch, wie seit
urältester Zeit, den Messungen und der Sternenkunde dienten.
Ob es Wert hat, die beeinflußten Lebenstage, die guten oder bösen,
eines Menschenlebens aus den Sternen vorauszubestimmen, das wird jeder
bei sich selbst fühlen müssen. Nicht jeder trägt Verlangen, die Stunden
wissen zu wollen, die ihm schädlich oder günstig sind.
So wie heutzutage der Bauer und der Luftschiffer und der Seemann,
ehe sie an die Arbeit gehen, das Voraussagen der Wetterwarten und
das Wetterglas gern in Anspruch nehmen, so mag es auch wohl Menschen
geben, die, so wie es die alten Griechen, Ägypter und Römer taten,
die ihnen günstigen Sternstunden wissen wollen, ehe sie sich zu
irgendeinem wichtigen Entschluß aufmachen. Da alle Dinge im Leben ihre
unreifen, ihre reifen und überreifen Stunden und ihre welken Stunden
haben, so wird der, der nicht selbst einen starken Instinktblick
hat, zu Hilfsmitteln greifen, die seine Instinkte unterstützen.
Der starke Instinktsmensch aber wird ohne Sterndeutung auskommen.
Ein starker Bauer, ein Flieger oder ein Seemann, welcher die
Wetterbestimmung im Instinkt und in der Erfahrung, sozusagen im Blut
sitzen hat, dieser Starke wird sich nicht um die nicht immer sicheren
Wetterwartenvoraussagungen kümmern. --
* * * * *
Als ich nun in London täglich mit dem amerikanischen Ehepaar über
Astrologie und andere okkultistische Wissenschaften eingehend
sprach, wendete sich mein Sinn, der sich vorher seiner zeitgemäßen
wissenschaftlichen Aufklärung und Überwindung mittelalterlicher Mystik
gefreut hatte, diesen Gesprächen von Tag zu Tag aufhorchender zu.
Ich mußte mir beschämt sagen, wir hatten in den deutschen Schulen
unserer Neuzeit, in denen ich aufgewachsen war, blindlings den über
Astrologie nicht unterrichteten Lehrern die Verachtung der Astrologie
ablernen müssen. Wir Schüler waren in diesem wie in vielen anderen
Weltanschauungsgedanken dumm gemacht worden von Unaufgeklärten, und
man verblieb gedankenlos sein Leben lang in dieser blinden Verachtung
stecken, die man fälschlich für die höhere Aufklärung einer neuen Zeit
gehalten hatte.
Die Lehrer hatten mit dem Satz: keiner kann die Zukunft wissen, die
Astrologie ist etwas Übernatürliches, und mit Übersinnlichem geben wir
neuzeitlichen Menschen uns nicht mehr ab, -- die Astrologie rasch
abgetan. Dieses mußte ich den beiden amerikanischen Okkultisten zugeben.
Die beiden Amerikaner wiederholten mir fortwährend: die Astrologie
ist keine übersinnliche Kraft. Es wird bei der Astrologie mit
natürlichen Kräften hantiert. So natürlich wie man mit dem Zucker
sich den Tee versüßen kann und mit dem Salz den Tee ungenießbar
machen kann, so natürlich ist die Sterndeutung. Die Wetterkarte
der Wetterwarten und die Sternkarte der astronomischen Warten sind
anerkannte wissenschaftliche Tatsachen, und nur auf Tatsachen, nicht
auf Übersinnlichkeiten oder Übernatürlichkeiten, stützt sich auch die
Astrologie.
Und da ich für Lebensbeobachtung bin und für Lebensbereicherung
eintrete, wurde mir, als ich alles dieses ruhig und es nicht blind
ablehnend überdachte, die Wissenschaft der Astrologie verständlich. Ich
begriff, daß sie ungefähr den Wettervorausberechnungen gleichkommt.
Der an Einflüssen reiche Sternhimmel, den ich nachts über mir sah,
angefüllt mit Schicksalsträgern, war mir danach nicht mehr bloß ein
Bild aus leuchtenden Weltbällen, die wie ein leeres Feuerwerkschauspiel
flimmern und nur durch ihr Licht ergötzen. Die Nachtbilder der Sterne
sehen jetzt immer prächtig ereignisschwanger in mein Fenster, wie die
Gesichter einer Menschenmenge, unter denen ich hier und dort Bekannte
begrüße, die beeinflussend auf mein Schicksal unbewußt wirken, wie ich
auf sie unbewußt wirken muß.
Leben, mit denen man in nächster Nähe, im Gespräch oder in Gedanken,
verkehrt, werden einem herzlich vertraut. Und so wurden mir nach dieser
Erkenntnis jetzt die Planeten herzlich vertraut. Sie wurden zu Nachbarn
meines Lebens, wie jene Vögel mir vertrauter sind, die in meinem Garten
nisten, als die, die nur am Himmel vorüberfliegen.
Die Planeten Venus, Jupiter, Mars waren für mich bisher nur Sterne
in der Sternmasse gewesen. Sie traten mir aber bei der Betrachtung
des nächtlichen Himmels nachbarlich nah, nachdem ich ihren
besonderen Einfluß auf die Leben der Erde erfahren hatte. Sie sind
Familienmitglieder unserer Erde, sagte ich mir, Glieder unserer
Sonnenverwandtschaft.
Jene Möwen in Bohuslän, deren Brutstätte ich besucht hatte, waren mir
damals auch von der Stunde an vertrauter geworden, da ich mich in ihr
Brutleben vertieft hatte, nachdem ich vom Kapitän und dem Pfarrer an
der Möwen Eigenleben erinnert worden war. Und beim Nachdenken darüber,
daß ich tölpelhaft gewesen und die Wochenstuben der Möwenmütter gestört
hatte, war ich, nachdem ich mich mit den Gewohnheiten jener Vogelwelt
bekannt gemacht hatte, mehr zum innerlichen Kameraden jener Möwen
geworden, als ich es vorher gewesen. Wohl hatte ich die Möwen vorher
schon als Weltallkameraden gefühlt, aber ich war ihnen noch nicht als
Lebensnachbar nahegekommen. Und ebenso war es mir jetzt mit den Sternen
ergangen.
Damit, daß man sich die Weltzusammengehörigkeit aller Leben im _Geiste_
klar gemacht hat, hat man nur den ersten Schritt zur Erkenntnis des
Weltallfestes getan. Der Geist, unsere Weltferne, besitzt aber auch
einen erdvertrauten Leib, der uns zur Weltnähe führt, deshalb muß man
die neue Weltanschauung _nicht bloß geistig, sondern auch körperlich
erleben_ wollen, um zur Weltvertraulichkeit zu gelangen, die dann
der geistigen Feststimmung auch die irdische Feststimmung gibt. Denn
erst aus beiden Feststimmungen ergibt sich das warme allfestliche
Lebensgefühl des Menschen.
* * * * *
Aber nicht bloß vom geistigen Sichvertiefen des nach Lebensergründung
strebenden amerikanischen Ehepaares hatte ich in London Gewinn. Auch
vom schlichten Alltagsleben, das sie führten, lernte ich neue Lebensart
kennen.
Der junge amerikanische Ehemann erleichterte seiner Frau, wo er konnte,
das Hauswesen, um sie zu schonen. Da er ihr nicht ein eigenes Haus
bieten konnte, war er doppelt sorgsam um sie. Und es war eine Freude zu
sehen, wie keine Handreichung, die er ihr tat, ihm erniedrigend vorkam
in bezug auf seine männliche Würde.
Sie, die Schwächere zu schonen, war ihm Würde. Wenn er sie glücklich
wußte, dann fühlte er sich lebenswürdig und dachte nicht daran, seiner
Männlichkeit irgendeine andere Glorie aufzusetzen. Und in der Tat,
in der Hingabe zu ihr, in der Sorge um ihr Wohl, bewies er seine
Männlichkeit besser, als wenn er sich eigenliebend mit leerer Würde
gebrüstet hätte.
An einer Straßenkreuzung des Upper Wooburn-Platzes befand sich ein
Markt. Kein Markt im deutschen Sinne. Sondern da waren vier Läden
der vier Häuserblocks, die die Straßenkreuzung bildeten. Da waren
ein Bäckerladen, ein Fleischerladen, ein Drogenladen, der zugleich
Fischhandlung war, und eine Gemüse- und Südfrüchtehandlung. Es gab also
da alles zur täglichen Nahrung Nötige.
Der Drogist bot Geflügel und Fische, Marmeladen und sonst hundert
eßbare Dinge feil. Die Grünwarenhandlung war reich an Gemüsen aus den
Mittelmeergegenden und an Südfrüchten der englischen Kolonien. Der
Fleischerladen war appetitlich und zeigte frische Ware auf sauberem
Marmor, und der Bäckerladen bot Backwaren und Teegebäck aller Art.
Der junge amerikanische Künstler nahm jeden Morgen eine Handtasche und
kaufte alles Nötige für die Mahlzeiten ein, und ich begleitete ihn
und staunte über seine Kenntnisse. Die frischesten Gemüsearten, die
besten Fleischstücke, die schmackhaftesten Fischarten verstand er im
Rohzustande ausgezeichnet auszuwählen. Ich fand diesen Morgenweg immer
unterhaltsam und anregend.
Man hörte in der Fischhandlung von den letzten Fischzügen, vom
Meersturm, der die Hummernsendung verhindert hatte. Man hörte in der
Gemüsehandlung von der Bananenernte, die in diesem Jahr in Ceylon
besonders günstig gewesen sei, von den Ananassendungen, die eben aus
Westindien eingetroffen waren. Man hörte beim Metzger vom Viehstand und
von der Viehzucht in den verschiedenen englischen Provinzen, die London
versorgten, und man war während zwanzig Minuten ein bißchen überall in
der Welt gewesen.
Wenn wir dann nach Hause kamen und der Amerikaner seine Einkäufe der
Köchin der Pension gegeben, und diese die Dinge in die Küche, die im
Keller lag, hinuntergetragen hatte, und wenn später zur Frühstückszeit,
um zwölf Uhr mittags, und zur englischen Mittagszeit, nach sechs Uhr
abends, alle eingekauften Sachen wohlzubereitet von der schmucken
Bedienung aufs Zimmer gebracht wurden, dann aß man die Speisen
angeregter und belustigter, weil man ihren Ursprungsorten schon beim
Einkaufen nahegekommen war.
Nichts zu gering finden, auch in den kleinsten Dingen von Hand zu
Hand sich behilflich sein, ohne sich in falsche Würde einwiegen und
behaupten zu wollen, dieses war es, was ich nie vorher Gelegenheit
hatte, in Deutschland zu beobachten. Und ich lernte in der Nähe der
jungverheirateten Amerikaner ein mir neues Tagesleben, denn das
Zusammenleben der beiden war innig und edel.
Der junge Mann hatte nie das Bedürfnis, in Kaffeehäusern zu sitzen oder
Klubs zu besuchen. Er und seine Frau kannten viele Menschen in London
und gingen Sonntags zur Teestunde in verschiedene Häuser, und ein- oder
zweimal in der Woche besuchten sie den okkultistischen Geheimbund, dem
sie angehörten. Die Hälfte des Tages oder ganze Tage verbrachten sie im
Lesesaal der britischen Sammlungen, da sie nach London gekommen waren,
um sich geistig zu vertiefen. Später wollten sie dann wieder nach
Paris zu ihrer Atelierarbeit zurückzukehren.
Durch einen Bekannten, der ein Haus in Kensington besaß, konnte ich
auch eine Einlaßkarte in den britischen Lesesaal erhalten. Denn man
darf nur, wenn man die Unterschrift eines londoner Hausbesitzers
vorzeigen kann, auf Genehmigung eines Einlaßgesuches rechnen.
Dort im größten Lesesaal der Welt sah ich zum erstenmal die mächtigen
großen Bände in der Urschrift, die Albrecht Dürer -- der Okkultist
gewesen -- über Menschenkörpermaße mit Bild und Text verfaßt hat. Auch
sah ich die großen Mappen Leonardo da Vincis, seine Urschriften über
Festungsbaukunst, Entwürfe für seine Belagerungsmaschinen und die
ersten Skizzen für sein Meisterwerk „Mona Lisa“, seltene Kunstdinge,
die ich später nicht wieder Gelegenheit hatte zu genießen. Der junge
amerikanische Bildhauer studierte jene Albrecht Dürerschen Bücher, und
ich übersetzte ihm die deutschen Texte ins Englische.
Auch die Bände des englischen Geisterdichters Blake, der um 1810
gelebt hat, fesselten mich sehr. -- Die Okkultisten behaupten, es
sei nachweisbar, daß alle die großen Meister der Italiener, ebenso
die Meister des mittelalterlichen Deutschlands, die Maler und auch
Goethe, viele Zeit ihres Lebens dem Studium der Kabbala gewidmet haben.
Deshalb seien dieser Männer Werke von so bleibender Schönheit, weil
sie nicht bloß äußeren Sinnenreiz bieten wollen, sondern weil sie auch
die Geheimwelt der Urweisheit, deren Schlüssel in der Kabbala liegt,
erfaßt haben.
Der englische Dichter und Maler Blake, der die Kabbalaweisheit
gründlich studierte, hat absonderliche Gedichtbände gedichtet, die
voller Geisternamen wimmeln. In seinen Werken, die dickbändiger als
die Bibel sind, hat er eigentümlicherweise über jede Zeile, die er
schrieb, Bilder dessen, was jede Zeile in Worten erzählt, gezeichnet:
fliegende Geister auf Wolken, Sternen, Planeten, halb Tier-, halb
Menschenungeheuer. Die Seiten seiner Bücher sehen deshalb sehr
fremdartig aus, da jeder Gedanke nicht bloß in Wortzeilen, sondern auch
in Zeilenbildern dargestellt ist.
Ich hatte früher von dem Kabbalawissen reden hören, ähnlich wie von der
Astrologie, als von etwas Krausem, Unvernünftigem. Ich erfuhr aber,
daß dieses Wissen so wohlbegründet ist, wie die Astrologie es ist, die
jedem einzelnen notwendig oder unnotwendig erscheinen kann, so wie das
Wettervoraussagen.
Das Kabbalawissen dringt in die Tiefe und in den mächtigen geistigen
Erfahrungsgehalt ein, der aufgespeichert wurde von starken Gehirnen
aller Jahrhunderte, von Gehirnen, die über das Alltagsleben hinaus
Weltergründungen gesucht haben, wie es Salomon getan und die arabischen
Mathematiker und die indischen Brahmanen, wie der Kult der Griechen in
Delphi und der Isiskult der Ägypter.
Doch diese Ergründungen, wenn sie auch fern vom Wirklichkeitssinn der
heutigen Wissenschaft zu liegen scheinen, sind einst mit nicht minder
hohem Wirklichkeitssinn erforscht und zusammengetragen worden.
Ein Mensch, der sich abends zu Bett legt, weil er am Tage Geld verdient
hat und müde wurde, und der dann fest schläft und morgens wieder
aufsteht und wieder Geld verdient und abends wieder einschläft -- er
würde zum Beispiel nie beobachten können, daß die Sternstellungen sich
nachts verändern. Und so werden ihm viele tausend andere Beobachtungen
entgehen, die ihm nicht zufällig auf dem Weg seines Geldverdienens
begegnen und sich ihm aufdrängen.
Deshalb aber darf dieser Mensch doch nicht behaupten wollen, weil er
tausend Beobachtungen nicht selbst erlebte, die es außerhalb seines
Berufsweges gibt, und die von anderen beobachtet werden können, welche
sich das Weltergründen und Weltbeobachten zum Beruf gemacht haben, daß
diese Dinge, die er nicht gesehen hat, überhaupt nicht bestehen.
Es wäre wohl ein Unsinn, zu behaupten, daß es keine Sterne gibt, weil
einer, welcher mit den Hühnern schlafen ginge, niemals den Sternhimmel
gesehen hätte.
Und so darf auch ein kluger Mensch und ein Mensch, der sich Schöpfer
und Geschöpf zu gleicher Zeit fühlt, nicht blindlings nur auf sein
Gegenwartsleben pochen, sondern er muß auch die Werte der Vergangenheit
beobachten. Die Geheimwerte, die fremde Völker, fremde Jahrhunderte
ergründeten, müssen auch bei jedem klugen Geiste Beachtung und Aufnahme
finden. So wie wir die Taten der Geschichte würdigen, müssen wir auch
die Gedanken der okkultistischen Überlieferungen würdigen lernen, die
nichts anderes sind als die Geschichtsereignisse des Denkens, Werte
aus der Geschichte stiller, geheimer Beobachtungen, aus der Geschichte
jener geheimen Wirklichkeiten, die scheinbar im Unwirklichen liegen und
immer wiederkehren und immer weiterleben.
Ich meine natürlich nicht, daß jedermann sich in den Okkultismus
vertiefen kann. Aber diejenigen, die sich zum Geistesadel der Nation
zählen wollen, sollten doch, ehe sie rasche Urteile fällen, für die
sie keine Vorkenntnisse haben, erst selbst den alten Überlieferungen
nachdenken, ehe sie tiefste Natürlichkeiten für unsinnige
Unnatürlichkeiten ausgeben.
Wie weit diese Geheimlehren nützlich sind und anwendbar aufs heutige
Leben, dieses soll jeder sich selbst beantworten. Wer die Astrologie
zu Rate ziehen will, dem sollte das unbeirrt und unbelacht freistehen.
Dann erst ist unsere Zeit, die sich so gern die aufgeklärte nennt,
wirklich würdig, aufgeklärt genannt zu werden, wenn sie durch keinen
Spott mehr die Wege verstellt, die der jahrhundertalte Menschengeist
gegangen ist.
* * * * *
Bei allen Gesprächen über Mystik, die ich mit den beiden Amerikanern
pflegte und nach dem Tagesstudium im Lesesaal der britischen
Sammlungen, fühlte ich mich doch oft recht einsam. Und das Glockenspiel
einer Kirche, die in der Upper Wooburn Straße in jeder Stunde dieselbe
Melodie anschlug und abspielte, kam oft süßlich und fad in mein
stilles Zimmer und war wie in meinem Mund der langweilige Geschmack des
Oatmealbreis, den ich morgens zu meinem Tee aß.
Ich sehnte mich sehr nach deutschem Wort und deutscher Laune, als mir
eines Tages das Dienstmädchen bei meiner Heimkunft vom Lesesaal eine
Visitenkarte reichte und sagte, der Herr, der die Karte abgegeben,
wünschte, daß ich ihn besuche. Dieser Besucher war der deutsche Dichter
Frank Wedekind.