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Gedankengut
aus meinen Wanderjahren
Zweiter Band
Ein vollständiges Verzeichnis der Schriften
_Max Dauthendeys_
findet man am Schlusse des Bandes
Max Dauthendey
Gedankengut
aus meinen Wanderjahren
Zweiter Band
[Illustration]
Albert Langen, München
Copyright 1913 by Albert Langen, Munich
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Papier von Bohnenberger & Cie., Papierfabrik, Niefern bei Pforzheim
Einbände von E. A. Enders, Großbuchbinderei, Leipzig
Im Januar 1894 reiste ich, von unbezwinglicher Sehnsucht getrieben, zum
bohuslänschen Pfarrhaus zurück. Aber die starken Eindrücke des ersten
Aufenthaltes, die in meinen Erinnerungen schlackenlos dastanden, hatten
sich so vergeistigt, daß die Wirklichkeit jetzt nicht mehr die Höhe der
vergangenen Eindrücke erreichen konnte.
Ich blieb deshalb nur bis zum Frühjahr dort und reiste dann, ehe der
Schnee noch vollständig weggetaut war, im April nach England, wo ich
mit einem amerikanischen Künstlerehepaar, -- Freunden des jungen
Schweden, mit denen er seit seiner Amerikareise im Briefverkehr stand
-- zusammentraf.
An diese neue Bekanntschaft knüpfen sich dann Reihen neuer, mein
äußeres Leben und meine Gedanken bestimmende Erlebnisse und eine
spätere Aufenthaltszeit in Paris und in Mexiko.
* * * * *
Bei jenem zweiten Aufenthalt im Pfarrhause, bis zum Frühjahr 1894,
schrieb ich endlich jenes Drama ohne Menschen: „Sehnsucht,“ zu dem
ich in München, am Achensee und im Hoftheater während der Byronschen
Manfred-Aufführung angeregt worden war. Aber ich hatte den Stoff
zu lange mit mir herumgetragen und hatte mich schon über den
Ursprungsgedanken hinausentwickelt, und fand, daß ich die Gesänge
der Sehnsucht, der Wüste, des Meeres und der Gletscher nicht so
inhaltsschwer schreiben konnte, wie ich es gewünscht hätte.
Oder stand ich vielleicht nicht genug über der Sehnsucht und war ich
selbst zu sehnsüchtig an Geist und Leib geworden? Denn der Wunsch,
eine Frau zu finden, ein Mädchen, das liebend, häuslich und geistig
kameradschaftlich um mich in einem kleinen stillen Haus walten sollte,
dieser Wunsch wurde, je länger ich von der Heimat fort in der Fremde
leben mußte, in mir immer dringender.
Aber die Erfüllung dieses Herzenswunsches lag ganz im Blinden. Denn
ich konnte mich selbst nicht erhalten und wurde von meinem Vater
nur notgedrungen unterstützt. Mit einem Hirn nur voll Pläne und mit
Aussicht auf zukünftige Werke konnte ich kein Geld erwerben.
Und mein Vater, der von Monat zu Monat drohte, mir den Unterhalt zu
entziehen, weil er mich dadurch auf seine Weise anspornen wollte,
fleißig zu sein, er gab mir keine sichere Hilfe, so daß ich daraufhin
hätte eine Frau an mich binden können. --
Schon bei meinem ersten Aufenthalt im Pfarrhause hatte ich im lautlosen
Verkehr mit den Naturdingen eine Reihe Gedichte geschrieben, von denen
jedes die Stimmung eines bestimmten Naturerlebnisses geben sollte.
Ein Gedicht hieß „Amselsang“, ein anderes „Faulbaumduft“, eines
„Vollmond“, eines „Morgenduft“, eines „Wolkenschatten“, eines
„Meerwassergeruch“, eines „Regenduft“. In diesen kleinen
Gedichtversuchen hatte ich gewagt, Empfindungsbilder, die während des
Mondaufganges oder beim Faulbaumduft, beim Regen, bei Wolkenschatten
oder beim Amselsang in mir auftauchten, beinahe wahllos und getreu
niederzuschreiben. Es waren gesteigerte, phantastische Bilder, die
dem alltäglichen Leser sinnlos erscheinen mußten, die sich mir aber
beim einsamen Erleben des Regens, des Mondaufganges und des Duftes von
Pflanzen und vom Meer in der bohuslänschen Granitwüste aufgedrängt
hatten. Und so verwirrt diese Gedichtversuche beim ersten Eindruck
erscheinen mochten, es lag doch ein wahrheitsgetreuer Zusammenhang
zwischen Bild und Empfindung darin.
Aus jugendlicher Begeisterung und von der Aufgabe durchdrungen,
möglichst wirklichkeits- und empfindungsgemäß das Leben in der
durchlebten Bilderkette wiederzugeben, entstanden scheinbar form- und
sinnlose, abenteuerliche Gedichtversuche, die nichts anderes waren als
erste Schiefertafelübungen meiner späteren Lyrik.
Diese Gedichte, die in dem Band „Ultraviolett, einsame Poesien“
erschienen sind, können nur als Entwicklungsversuche gelten und haben
keinen Sinn für die breite Öffentlichkeit. Aber ohne diese Versuche
wäre ich nicht zu meiner späteren Dichtungsweise gelangt, und wenn
man mich noch einmal in dieselbe Welt setzen würde und in denselben
Zeitgeist, in dem ich aufwuchs, ich würde nicht anders handeln können,
als ich es getan habe.
Auf den Titel „Ultraviolett“ war ich durch einen Zufall gekommen. Bei
einer Durchreise durch Berlin hörte ich, daß Paul Scherbart einen
Verlag gründen wollte, genannt: Verlag der Phantasten. Und ich war
aufgefordert, Beiträge zu schicken. Aber der Titel „Phantasten“ gefiel
mir gar nicht. Er nahm der Phantasie die Würde und kam mir für die
Dichter entwürdigend vor.
Ich machte eines Morgens Scherbart einen Besuch und fragte ihn,
warum er denn das Wort Phantasten nötig habe. Wohl sei ich sehr
dafür, daß die in den letzten Jahren durch den Naturalismus zu
kurz gekommene Phantasie wieder zu Ehren kommen sollte, da die
Phantasie der natürlichste Kern des dichterischen Geistes wäre.
Aber das Wort Phantasten decke sich nicht mit dem ernsten Wert
derer, die ihre Dichtungen phantasievoll und fern vom nüchternen
Wirklichkeitsabschreiben gestalten wollen.
„Sagen Sie mir einen anderen Titel, wenn Ihnen einer einfällt,“ meinte
Scherbart lebendig.
Nach kurzem Besinnen entfuhr mir das Wort „Ultraviolett“.
Scherbart sagte: „Das versteht nicht jeder.“ Und ich mußte ihm
zustimmen, daß für einen Verlag der Name zu unverständlich sein konnte.
Aber als ich Scherbart verlassen hatte, hing ich auf der Straße dem
Gedanken noch weiter nach. Denn Scherbart hatte mich gefragt: „Wie
kommen Sie eigentlich auf das Wort ‚Ultraviolett‘?“
Dann hatte ich ihm erklärt, daß mein Vater, der sich auf Optik
verstanden, durch seine Auseinandersetzungen über die ultravioletten
Lichtstrahlen -- die bewiesenermaßen im Weltraum leben, aber vom
Menschenauge nicht erfaßt werden können -- mir für dieses unsichtbare
Licht eine große innere Ehrfurcht erweckt habe. Eine heilige Scheu habe
sich immer bei der Vorstellung dieses Lichtes „Ultraviolett“ in mir
geregt.
Außerhalb meines Augenkreises, sagte ich mir, war ein Licht entdeckt
worden, das nur berechnet, aber nicht genossen werden konnte. Und
es hatte mich bei der Vorstellung, daß jene ultravioletten Strahlen
einsam im Weltraum leben müssen, ohne die Bewunderung des Menschenauges
genießen zu dürfen, immer ein geheimnisvolles Wehgefühl durchschauert.
Das ultraviolette Licht erschien mir als das Einsamste unter den
einsamen Lebewesen.
Und da ich nun die Einsamkeit im Norden bewundern und schätzen gelernt
und gefunden hatte, daß sie befruchtend auf meine Dichtung wirkte, sah
ich die Phantasie des Dichters, die fern vom Weltgetriebe reifen und
sich entwickeln muß, als den innigsten Gefährten jenes ultravioletten
Lichtes an.
Ich weiß, daß dieses eine Jünglingsschwärmerei war, und daß ich im
Grunde nicht das Alleinsein an sich meinte. Denn am liebsten hätte ich
die Einsamkeit mit einem Weibe geteilt. Und in der Liebeseinsamkeit
wäre ich nie auf den Gedanken verfallen, mich als Leidgenosse des
einsamen Lichtes Ultraviolett zu fühlen.
Aber ich war damals stolz -- wie jeder Asket stolz auf sein härenes
Gewand, auf seine Geißel und auf seiner Geißel Wunde ist -- stolz, der
sehnsüchtige Gefährte des lebensfernen Ultravioletts zu sein.
Und so beschloß ich, da der Titel nicht für einen Verlag paßte, wie
Scherbart gemeint hatte, denselben Titel „Ultraviolett“ meiner Sammlung
Dichtungen zu geben, die ich teils in München nach Gemälden in der
Sezession und teils nach Natureindrücken in Bohuslän niedergeschrieben
hatte.
In meiner Weltabgeschiedenheit hatte ich auch gefunden, daß Gedichte
sich besser einprägten, wenn jedes Gedicht auf ein einzelnes Buchblatt
gedruckt war. So wie bei einem Gemälde auf der Rückseite der Leinwand
nicht noch ein Gemälde Platz findet, so fand ich es übel, wenn
nicht jedes Gedicht auf ein Blatt gedruckt war, ähnlich wie bei
Handschriften, wobei man nur die eine Seite zu beschreiben pflegt. Und
in diesem Sinne ließ ich mein Buch „Ultraviolett“ drucken.
Die Annahme, daß das Buch nur einigen Künstlern Anregung geben würde,
bestimmte mich, dasselbe nur in hundert Exemplaren drucken zu lassen.
Damit ich aber mit den fünfzig Exemplaren, die ich verkaufen ließ, da
ich die übrigen fünfzig verschenkte, auf die Druckkosten kommen konnte,
ließ ich den Preis für jedes Buch auf fünfundzwanzig Mark ansetzen. --
Heute wird das Buch von den Antiquariaten für achtzig Mark verkauft,
wie ich aus verschiedenen Katalogen in den letzten Jahren ersah.
Daß sich in der Welt der Kritik kein kleines Geschrei erhob, als dieses
absonderliche Buch das Schaufensterlicht der Buchhandlungen erblickte,
wird sich jeder denken können, der ein wenig das literarische
Tagesleben kennt. Ich aber war damals ahnungslos wie Johannes der
Täufer in der Wüste. Ich wußte nicht, daß ich eine vierfache Sünde in
den Augen der Kritik begangen hatte.
Erstens: in einer Wirklichkeitszeit, in der „Wiedergabe des
Alltagslebens“ das Losungswort der schreibenden Welt war, hatte ich
phantastische Poesie erzeugt. Man sagte, ich wolle mit diesem Buch die
Kritik an der Nase führen und säße heimlich daneben und verlachte alle
und alles.
Zweite Sünde war: die Ausstattung des Buches, die nie dagewesene
Ausstattung des nur halb bedruckten Buches. Und auch diese Sünde war,
wie die erste, doch nur eine Einfaltssünde von mir.
Die dritte Sünde war der ungeheuerliche Titel „Ultraviolett“, wobei
alle Kritiker den Nachdruck auf „Ultra“ legten. Während ich aber doch
nie den lateinischen Ursprung des Wortes bedacht hatte, sondern nur
immer von der Wehmut des Gedankens und des Gefühls beherrscht war, daß
jenes wirkliche und unwirkliche Licht dort an der äußersten Grenze der
Weltallvorstellung aufs Einsamste lebte.
Meine vierte und auch nicht kleine Sünde war, daß ich bei allen drei
Überspanntheiten auch noch als vierte einen überspannt hohen Preis
angesetzt hatte, der mir aber gar nicht zu hochgegriffen schien im
Verhältnis zu meinen Druckunkosten. Warum sollte ich nicht für das Buch
fünfundzwanzig Mark verlangen dürfen -- alle fünfzig Exemplare wurden
verkauft --, da ich doch gar keinen Gewinn für mich beanspruchte,
sondern nur auf die Höhe der Druckkostensumme kommen wollte.
Ich merkte lange nicht, in welchem Grad ich mir durch dieses Buch
meine Zukunft verbittert hatte. Zwar die Künstler, die Maler, liebten
das Buch. Die Dichter blätterten darin verblüfft herum, fühlten den
jugendlichen Drang des Dichtenden und waren gerührt von der Askese
und der ehrlichen Weltfremdheit, die aus den Zeilen sprachen. Aber
die Kritiker sahen mich für einen frechen Eindringling an, für einen
wahnwitzigen Narren.
Zwanzig Jahre hindurch konnte ich in fast jeder Kritik, die über meine
Art zu dichten geschrieben wurde, das Wort „Ultraviolett“ wiederfinden.
Wie die Brandmarke, die man einem Galeerensträfling ins Fleisch brennt,
rief man mir fortgesetzt das Abc-Buch meiner Lyrik in Erinnerung. Auch
als ich schon längst über die Anfänge des ersten Könnens hinaus war,
wollte man nur immer von meinen ersten Gehversuchen sprechen.
Wäre ich nicht in einer Zeit der allgemeinen Mauserung der
Weltanschauung geboren, sondern wie die Dichter der früheren
Jahrhunderte in einer Epoche feststehender Ideale, dann wären diese
neuen Gehversuche nicht nötig gewesen. Aber gerade in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann sich allgemein die
europäische Menschheit von einer beinahe zweitausend Jahre alten
Idealwelt loszulösen.
Wie den Griechen und Römern der Olymp eingestürzt war vor zweitausend
Jahren, so stürzte uns der alttestamentarische Himmel ein nach beinah
zweitausendjährigem Glauben. Und wer es ehrlich mit seiner Zeit meinte,
mußte dem Erlöschen alter Ideale Rechnung tragen und, im Dunkel
stehend, Gehversuche machen, Tastversuche, um zu fühlen, zu suchen, von
wo ein neues Licht der Zukunft für Leben und Kunst leuchten würde.
Solche Tastversuche waren für mich mein Buch „Ultraviolett“. Ich nehme
dieses Buch nicht anders in Schutz. Es ist nur ein Dichtungsversuch,
der mir in einer unklaren Zeit genützt hat, der aber nie für die breite
Öffentlichkeit bestimmt war. --
Ich verweilte deshalb ausführlich beim Ursprung dieses Buches, nicht um
mich zu entschuldigen, sondern um mich und unsere Zeitforderungen zu
erklären. --
* * * * *
Mein zweimaliger Aufenthalt im Norden, im bohuslänschen weltfernen
Pfarrhause, hatte zur Folge, daß ich einsames und ursprünglichstes
Naturleben kennen gelernt hatte und dabei zugleich aus engen
Kulturverhältnissen alter deutscher Vergangenheiten losgekommen war,
so daß ich jetzt nicht mehr leicht ausgetretene Wege einschlagen
konnte. Dieser zweimalige Aufenthalt in Schweden gab mir einen
größeren Weltblick. Ein jahrelanges Auslandsleben folgte, wobei ich
Kunsteindrücke und vielseitiges Menschenleben aufnahm und Zeit und
Vermögen blindlings verschwendete, nie nach Nutzen und Einkünften,
sondern nur nach Lebensbereicherung fragend.
Daß ich mir damals das Erleben noch durch die stete Frage störte: wird
dieser Tag ein Gedicht bringen? Und daß ich mich bei jedem Weg fragte,
ob ich auf ihm eine Dichtung erleben würde. Dieses gehetzte Fragen kam
nicht aus meinem Innern. Es war teils von der äußeren jugendlichen
Ungeduld, mich betätigen zu wollen, eingegeben, teils kam es aus dem
Ansporn, den mein Vater brieflich auf mich ausübte, indem er von
Vierteljahr zu Vierteljahr drängte, Neues von mir hören zu wollen.
Immer sollte ich ihn auf dem Laufenden halten mit Plänen und Hoffnungen
für neue Bücher. Er glaubte wahrscheinlich, Faulheit könne mich hinter
seinem Rücken auffressen.
Man wollte zu Hause nicht dem harmonischen und angeborenen natürlichen
Entwicklungsfleiß, der jedem jungen Mann, der sich ernstlich ein Ziel
gesetzt hat, innewohnt, vertrauen und glauben. Und man spornte den von
selbst Fortschreitenden so an, als wenn er ein Eingeschlafener wäre.
O wieviel Sorge kann solche Übersorge anderer uns bereiten! Vertrauen
ist das Gefühl, auf das die Jugend ein unbedingtes Recht hat.
Unter diesen Umständen war ich gezwungen worden zu fragen: Wird eine
Dichtung aus dieser Reise entstehen? Werde ich diese Reise literarisch
verwerten können? -- Aber erst nach der Reise um die Erde, in meinem
vierzigsten Lebensjahr, fühlte ich mich reif, Geschehenes und Gehörtes
in Prosa und Dichtungen ununterbrochen wiedergeben zu können. Dann
erst war es mir wieder zur zweiten Natur geworden, unbewußt erleben
zu können, ohne dabei an literarisches oder dichterisches Verwerten
denken zu müssen.
* * * * *
Bei meinem Sommeraufenthalt in Dänemark am Isefjord 1893 hatte ich den
Entwurf zu einer neuen Dichtung gemacht.
Dieser gab ich den Titel „_Die schwarze Sonne_“. In dieser Dichtung
wollte ich im Gegensatz zur freudigen Sonne, die Sonne des Leides
darstellen. So wie die Nacht dem Tag folgt, sagte ich mir, so wandert
auch durch den Tag der Freuden der schwarze Strahl einer schwarzen
Sonne, und die von ihm Gezeichneten ließ ich zu einer Leidensschar sich
zusammenschließen. Es sollte dieser Zug von Leidenden ein Gegenstück
zum Bacchuszug sein, den ich auf dem großen Gemälde von Rubens in der
alten Pinakothek in München gesehen hatte.
Der Zug durchwandert die Heide. Nackte Männer, nackte Frauen, nackte
Jungfrauen und Knaben, verwundet vom Leid, zusammengeschart im Leid und
doch sich ihr Leid nicht eingestehen wollend, aber jeder gezeichnet
vom Todeskeim, wandern und lagern abends im Wald. Die Stärksten unter
ihnen, die reifen Männer und Frauen pflücken schwarze Giftbeeren, und
Männer und Frauen sterben in einer letzten Umarmung.
Die Mädchen, Knaben und Greise aber steigen morgens vom Wald an den
Felsenabhängen hinunter zum Meer und binden angeschwemmte Stämme
zu einem Floß zusammen. Sie besteigen das Floß. Sie haben sich mit
Waldkränzen geschmückt. Das Meersalz hängt sich an ihre Lippen,
während sie singen. Und als die weiße Sonne des Tages im Mittag steht,
schickt die schwarze Sonne des Leides aus der Tiefe des Meeres eine
große finstere Welle herauf, die das Floß mit den bekränzten Singenden
verschlingt. --
Der Einfall zu dieser Dichtung kam mir am Isefjord. Ich ging dort
einmal bei einem Feldspaziergang in trauriger Stimmung, gequält
von Einsamkeit und bedrängt von der Sorge um das tägliche Leben,
an einem Moor vorüber. Vom Anblick der nachtschwarzen Moorerde
und des unheimlichen Moorwassers angezogen, und angelockt von
Todeslustgedanken, setzte ich mich am Rande des Moores nieder und
fühlte, wie die Düsterkeit, die mich bei fröhlicher Stimmung vielleicht
erschreckt hätte, mir jetzt in meiner Traurigkeit wohl tat.
Ich hatte bisher noch nie erlebt, daß mich Düsteres angelockt hätte,
und daß ich mich bei Düsterem wohlgefühlt hatte, denn ich war immer
lebenswarm und lebensfröhlich gewesen. Nun aber sagte ich mir, als
ich am Moor saß und eine Wohltat von der Düsterheit der Landschaft
empfing: es muß zwei Sonnen geben. Eine Freudengesinnte, die dem
Freudiggestimmten gefällt, und eine Leidgesinnte, die dem Leidtragenden
wohltut. Und es war mir, als sah mich aus der Tiefe des Moores die
schwarze Sonne des Leides an und begrüßte in mir die Düsterheit meines
Kummers.
Die Dichtung „Die schwarze Sonne“, die ich dann zu schreiben begann,
dichtete ich zum erstenmal in Binnenreimen, wobei ich, um das Echo des
Wanderns auszudrücken, die Reimworte mitten in die Zeilen stellte, um
so die im Takt schreitenden Schritte der Wandernden ertönen zu lassen.
In Kopenhagen schrieb ich den ersten Gesang dieser Dichtung, in London
den zweiten Gesang und später in Stockholm den Schluß. Das ganze
Gedicht entstand im Laufe von ungefähr zwei Jahren. Ich hatte immer
große Arbeitspausen zwischen den verschiedenen Gesängen eintreten
lassen müssen, da ich nur dann an dieser Dichtung weiterschreiben
konnte, wenn mich ein tiefes Leid grämte.
Auch dieses Epos, obwohl ich es später -- noch vor zwei Jahren
-- in einer neuen Auflage erscheinen ließ, zähle ich unter die
Entwicklungsschriften meiner Dichterlehrjahre, von welchen ich hier in
diesem Buche nebenbei berichten will.
Diese Jugendbücher waren ekstatische Ausbrüche einer jungen Phantasie.
Ich hatte noch nicht die Geliebte gefunden, die der geistigen
Freudigkeit als Gegengewicht irdische Freudigkeit des Lebens gibt. Erst
später, im Liebeserleben, wurde mein Dichten warmblütig, während meine
Dichtungen vorher, Nordlichtstrahlen ähnlich, aus meinem Kopfe schossen
und mehr Spukwerk als Kunstwerk waren.
* * * * *
Ich hatte in meiner Jugend immer einen heiteren und lebensfröhlichen
Sinn, und wenn ich morgens aufwachte, war ich nie grämlich und
ängstlich, immer von Hoffnungen und Lebenswärme bewegt. Alles Erlebte
war für mich immer festlich gewesen trotz des unerbittlichen Ernstes,
der in meinem Vaterhause geherrscht hatte. Denn mein Vater war, als
ich zwanzig Jahre alt wurde, bald ein Greis von siebzig Jahren. Ich
fühlte mich oft ein wenig zu weise erzogen und kam mir damals etwas
greisenhaft und im Blute unbeholfen vor, besonders da ich nicht
wie andere junge Leute meines Alters Liebesgetändel und flüchtige
Liebesverhältnisse pflegen konnte. Ich war immer von einer steten
Bangigkeit erfüllt, die große Leidenschaft versäumen und verfehlen zu
können.
Meinen Vater und meine Mutter sah ich als Vorbild aufopferndster Liebe
an. Ich wäre nur dann imstande gewesen, einem Mädchen von Liebe zu
sprechen, wenn ich es zu meiner Frau machen wollte.
Aber die Bedrückung, in meinen damaligen Verhältnissen keine Frau
ernähren zu können, und der Gedanke, daß ich vielleicht jeden Tag
der Frau begegnen könnte, zu der ich hätte sagen mögen: „Wir wollen
uns lieben,“ und für die ich dann wohl Liebe, aber keine Mittel zum
Zusammenleben bereit haben würde -- diese Erwägungen verfolgten mich
unausgesetzt und machten mich zurückhaltend der Welt gegenüber, der
ich jeden Tag von neuem, seit ich mein Vaterhaus verlassen hatte, die
Hoffnung auf Lebensmöglichkeit abringen mußte.
Mein Vater drohte von Brief zu Brief, mir meinen monatlichen Unterhalt
zu entziehen, deshalb waren meine Sorgen nicht unbegründet. Und
jeden Tag genoß ich nur wie ein Mensch, der schnelle Blicke auf eine
Landschaft wirft, indessen immer unterirdisches Erdbeben grollt, das
ihn jeden Augenblick aufscheucht und ihm von seinem, in den nächsten
Sekunden möglichen, Untergang redet.
Da ich auch nicht die Leichtigkeit in mir fand, im Plauderstil
für Tageszeitungen schreiben zu können, um mir dadurch Geldmittel
zu verschaffen, -- weil ich mich in einer geistigen Umwälzung
befand und bewußt und unbewußt einer neuen Dichtungsart zustrebte
und unzersplittert, aufmerksam für den neuen Dichtungsgeist leben
mußte, -- so war ich oft recht unglücklich in allen Reisetagen, und
trotz aller neuen Eindrücke, immer unglücklich umgeben von der mich
hilflosmachenden Tagessorge.
Es sollte mir natürlich in Kleidung, Auftreten und Haltung niemand
meine oft recht verzweifelte Lage anmerken. Und so trug mein Gesicht
meist ein Lächeln, das nur zur Hälfte Lebensfreudigkeit war, zur
anderen Hälfte aber eine Anstandsmaske über meine Sorgen legen sollte.
* * * * *
Ich hatte im Winter 1893, ehe ich zum erstenmal nach Bohuslän kam,
eine kleine philosophische Betrachtung geschrieben, die ich „die Kunst
des Intimen“ betitelt hatte. In Bohuslän fügte ich dieser Schrift
einen zweiten Teil an, „die Kunst des Erhabenen“. In der „Kunst des
Intimen“ sprach ich von Jakobsens Schreibweise, von Ola Hanson und
von Ähnlichen, auch vom Maler Munch. Wogegen ich in der „Kunst des
Erhabenen“ den vorgenannten Künstlern den Dichter Homer, Dante und
ähnliche gegenüberstellte. Ebenso verglich ich in der Malerei Michel
Angelo und die großen Italiener mit den alten Holländern und den
Sezessionisten der Neuzeit. Und verglich in der Musik Beethoven und
Wagner mit Mozart und Grieg. Mit diesem Überblick über das Kunstleben
aller Zeiten wollte ich zeigen, wie die Anforderungen im Künstlertum
immer auf Erhabenes und Intimes zugleich gerichtet waren.
Von dieser Handschrift, die, ich glaube, nur fünfzig Druckseiten
aufwies, hoffte ich, daß sie mir nebenbei auch eine kleine Einnahme
bringen möchte. Ein kopenhagener Rechtsanwalt, den ich kennen gelernt
hatte, und dem die Arbeit gefiel, legte die Druckkosten für das Buch
aus. Der junge Schwede hatte die Handschrift ins Schwedische übersetzt,
und so erschienen diese Gedanken eines _Deutschen_ in _schwedischer_
Sprache bei einem _dänischen_ Buchhändler in Kopenhagen gedruckt.
Die deutsche Handschrift habe ich später auf den Reisen verloren,
und die kleine Arbeit ist niemals anders als in schwedischer Sprache
erschienen. Ich erzähle dieses, um an manche Hoffnungen und Pläne
zu erinnern, die man sich als junger Schriftsteller macht, und die
absterben wie Schößlinge eines Baumes, die neben den Hauptästen
entstehen und verdorren müssen.
Während ich in Berlin im Winter 1893 jene Abhandlung über „intime
Kunst“ niederschrieb, war mir auch der Gedanke gekommen, daß man intime
Schauspielbühnen einrichten müßte, Bühnen in Zimmern oder Sälen, die
nicht durch einen viereckigen Ausschnitt das Bühnenbild vom Zuschauer
getrennt zeigen, sondern den Zuschauern, -- welche zwanglos in
Gruppen im Saal verteilt sein müßten --, den Eindruck geben sollten,
als erlebten sie nicht bloß ein Schaustück, sondern ein intimes
Ereignis, an dem sie selbst teilnahmen. Durch das Nichtgetrenntsein
vom Bühnenbild sollten sich die Zuschauer enger mit den Erlebnissen
verkettet fühlen.
Auch hatte ich geglaubt, da die Schauspieler damals das Pathos noch
nicht ganz abgelegt hatten, es müßten die Schriftsteller zuerst noch
selbst in einigen Schauspielen auftreten und die neue Spielart den
Schauspielern zeigen. Denn die intime Wirklichkeitskunst bahnte sich
zuerst in den Köpfen der Schriftsteller den Weg, und nur durch sie,
meinte ich, könnte dem Schauspieler das damals noch fast unbekannte
Wirklichkeitsspielen beigebracht werden.
Ich hatte ein Jahr vorher im Winter 1891, als ich noch zu Hause in
Würzburg war, ein damals noch ziemlich unbekanntes Maeterlinksches
intimes Drama, „Der Eindringling“ (~l’Intruse~) aus dem Buch
„Die Blinden“ übersetzt. Von Maeterlink erhielt ich dann das
Einführungsrecht dieses Stückes für Deutschland.
Ich machte dann Ende Winter 1892 mit Frau Marholm einige Besuche bei
verschiedenen Schriftstellern in Berlin und forderte sie auf, ein
„Intimes Theater“ zu gründen. Ich fand offene Ohren. Es schien, als
sollten einige Aufführungen zustande kommen, denn die Lust nach einer
intimen Bühne lag allgemein in der Luft.
Da es aber schon Frühjahr wurde, verschob man die Angelegenheit auf den
nächsten Winter. Doch war keine rechte Sicherheit zu erlangen, und
meine Reise nach Schweden und mein langjähriger Aufenthalt im Ausland,
brachen dann die verschiedenen Unterhandlungen ab.
Etwas mutlos hatte mich der Ausspruch des damaligen Vorstandes der
„Freien Bühne“ gemacht, dem ich Maeterlinks Drama „der Eindringling“
in meiner Übersetzung eingereicht hatte. Er meinte, daß es jetzt keine
Zeit wäre für eine intime Kunst im Maeterlinkschen Sinne, die zu
zart und phantasieblau sei. Besonders, da eben Gerhart Hauptmann das
deutsche Publikum zu starker Nüchternheitskunst bekehren wolle, würde
Maeterlink keine Aufmerksamkeit wecken.
Und ich sah auch ein, daß Berlin wirklich im Augenblick nicht der Boden
für intime Phantasie und seelische Zartheit war, wie Maeterlink sie
bot. --
In Kopenhagen hatte ich außer der kleinen Handschrift „Die Kunst des
Intimen“ und „Die Kunst des Erhabenen“ auf eine Aufforderung der
Zeitung „Politiken“ eine kleine Skizze geschrieben. Wie ich schon
vorher erzählte, war ich damals noch nicht ganz frei von dem Wahn,
Phantasien schreiben zu müssen, in welchen ich -- als Gegensatz zu
den alten abgebrauchten Menschenverkörperungen in der Natur, wie
Elfen, Faune, Ungeheuer, Gnomen usw. -- die Natur ohne menschliche
Figurenwelt, einzig als Bild und Erlebnis für sich, geben wollte.
So hatte ich in jener Zeitungsskizze farbig beschrieben, was das
Licht der Sommersonnenstrahlen erlebt, wenn es sich durch die Ritzen
geschlossener Fensterläden von den Kornfeldern in einen alten
Gobelinsaal eines dänischen Herrenhauses hineinstiehlt und dort bei den
alten verstaubten Möbeln einen Aufruhr von neuem Leben hervorbringt.
Die Kopenhagener Zeitung brachte die erbetene Skizze, zugleich mit
meinem Bild und einer Besprechung über meinen Roman „Josa Gerth“. Und
diese Zeitung war es, die zum ersten Mal das Wort „Farbendichter“ auf
mich anwendete, das Wort, das nachher noch jahrelang mein Begleitname
in der literarischen Welt bleiben sollte. --
* * * * *
Nach meinem zweiten Aufenthalt im Winter 1893-1894 im bohuslänschen
Pfarrhause reiste ich zu Anfang April 1894 von Schweden nach London.
Ich fuhr auf einem Küstendampfer vom schwedischen Hafen Uddevalla,
südlich von Fjellbacka, ab und erreichte, die Nordsee überquerend, in
drei Tagen die Themsemündung.
Ich kann heute noch nicht den Eindruck vergessen, den mir die
englischen Fischerflotten machten, die da still lagen im Meer am
Themseeingang auf der großen Silberbank des Wassers, über dem die
Vorfrühlingssonne bei silberberänderten Wolken blitzte. Die still
arbeitenden Boote sahen aus wie unzählige dunkle Fische auf einer
weißen Metallplatte.
Dieser Anblick der Vereinigung von Meer und stillen Meerarbeitern
ließ mich noch einmal vor der Ankunft in London weit und frei
aufatmen. Es sammelt sich in jedem jungen Herzen ein beklemmendes
Gruseln an, wenn man zu einer fremden Weltstadt kommen soll. Es
gruselte mich, von London verschluckt werden zu können, von den dort
angestauten verschiedenen Lebensbegriffen und sich widerstreitenden
Lebensgefühlen. Und so genoß ich noch einmal, wie im Abschiednehmen von
der Meereseinsamkeit, die mir in Schweden ein weiser Kamerad geworden
war, den letzten Meerblick, der mir so unendlich hell und friedlich mit
seinen Meerarbeitern einen unzerstörbaren Glückszustand zuspiegelte.
Es wurde Abend, als wir in London in den schmutzigen Dockwassern,
an rußigen düsteren Ausladehallen, im Finstern lautlos landeten.
Und mehr als die See am Mittag gebraust, toste jetzt rundum das
millionenträchtige London in der Nacht.
In einer Pension am Upper Wooburn Place, die in der Nähe des Britischen
Museums lag, und wo die Freunde des jungen Schweden, das amerikanische
junge Künstlerehepaar, lebten, nahm ich Wohnung.
Der Amerikaner hieß James mit Vornamen, und seine Frau hieß Theodosia.
Er war Neuyorker und sie aus San Franzisko, und beide hatten sich in
Frankreich auf dem pariser Montparnasse, dem Künstlerstadtteil der
pariser Amerikaner, kennen gelernt. Sie hatten sich eben in England
trauen lassen und lebten hier auf einem Zimmer der Pension, sorglos bei
Künstlersorgen.
In ihnen lernte ich nicht bloß die Menschen eines neuen Zeitgeistes
kennen, sondern es sprach auch die Einfalt und Unverbrauchtheit des
jungen Erdteils, aus dem sie kamen, aus ihren Handlungen und ihren
Gedanken.
Bei unseren ersten Gesprächen erschien es mir, als unterhielt ich mich
mit Schulkindern. Die beiden amerikanischen Künstler hatten in allem
einen etwas belehrenden Ton, so wie Schulkinder untereinander reden,
die sich und ihre Gefährten ganz richtig für unerwachsene Menschen
halten. Da sie kein Deutsch sprachen, wurde unsere Unterhaltung auf
Englisch oder in schlechtem Französisch geführt, was den belehrenden
Ton bei den beiden erhöhte.
Ich hatte noch nicht viel von Okkultismus gehört und nicht viel von
Astrologie, nichts vom englischen mystischen Maler Blake und seinen
Geisterdichtungen, ebensowenig kannte ich Swedenborgs übersinnliche
Philosophie. Ich wußte nichts von Geheimbünden. Ich wußte nur, daß
diese Art Gelehrsamkeit in Deutschland mittelalterliches Treiben
genannt wurde, und daß sie mir auch immer aus der Ferne als solches
erschienen war. Ich glaubte nie an Wahrsagungen, nie an Aufstellung von
Horoskopen, noch an ägyptische, arabische oder indische Sterndeuterei.
Das amerikanische Ehepaar aber nannte sich Adepten eines mystischen
Geheimbundes, über den sie nicht reden durften.
James wollte Bildhauer werden, Theodosia Malerin, und deshalb waren
sie von Amerika nach Europa gekommen. Und als ich sie fragte, wozu sie
denn die mystische Lehre für ihre Kunst nötig hätten, so sagten sie
mir ganz richtig, jede Kunst brauche einen seelischen Inhalt, eine
geistige Bildungslinie. Und als ich sie fragte, ob ihr Geheimbund die
Freimaurerei sei, da lachten sie und meinten, daß die Freimaurer weit
entfernt seien von dem Kreis, dem sie angehörten.
Das Zimmer, das sie bewohnten, war geräumig und bildete für sie beide:
Schlafzimmer, Wohnzimmer, Eßzimmer und Atelier. Bisher hatte ich noch
nie ein junges Ehepaar der gebildeten Stände kennen gelernt, das, auf
einen so bescheidenen Raum angewiesen, so glücklich lebte wie diese
Amerikaner. Und wenn ich heute an jenes londoner Zimmer zurückdenke und
an das Kaminfeuer, an den londoner Nebel vor den Fenstervierecken und
an das ewige Teewasser, das auf den Kohlen des Kaminrostes den ganzen
Tag gekocht wurde, dann entzückt mich immer noch der bescheidene Geist
jener strebenden und sich gegenseitig anspornenden amerikanischen
jungen Eheleute.
An den Wänden ihres Zimmers waren mit Heftnägeln unzählige
Photographien an die Tapete gesteckt. Botticelli, dessen Ruhm damals
alle Amerikaner mit besonderer Vorliebe in Mode gebracht hatten, war
mit seinem Bild „Primavera“ vertreten. Leonardi da Vincis „Mona Lisa“,
einige Photos von Holzschnitten Albrecht Dürers und verschiedene
Bilder von Michel Angelos Arbeiten waren hier zum Studium und zur
künstlerischen Augenlust ganz willkürlich an der Wand um den Kamin
verteilt.
Zuerst wollte ich nicht recht zuhören, wenn die Amerikaner mir die
Mystik der Darstellungen Michel Angelo’s, die Mystik Leonardo da
Vincis und Albrecht Dürers erklärten und immer von Mystik und Symbolik
bei allen alten Meistern sprechen wollten. Aber zwei Menschen gefunden
zu haben, die eine neue Weltanschauung in der Mystik suchten, die ein
neues Heil in ägyptischer, arabischer und indischer Astrologie zu
finden glaubten, die überhaupt nach einem Sinn des Lebens fahndeten,
das fesselte mich an diese amerikanischen Künstler.
Und ich machte mich geduldig, um ihnen zuzuhören bei ihren ganz
unglaublichen mystischen Ergründungen, die sie immer wieder von neuem
aus ihrem Geheimbund mit nach Hause brachten.
Ich hätte gern etwas Näheres über diese geheimen Versammlungen
erfahren. Sie aber sagten, ich wäre noch viel zu ungläubig und
zweifelnd und müßte, blind ergeben, ohne Mißtrauen, mich zuerst in
Astrologie und okkultistische Lehren vertiefen, und wenn ich dann von
dem heiligen Drang erfüllt wäre, ein Adept werden zu wollen, so würde
ich ganz von selbst den Weg zu diesem Geheimbund finden.
Manchmal in den ersten Tagen fragte ich mich, ob ihr ganzes Gebaren
nicht vielleicht ein Künstlerscherz sei. Vielleicht würden sie später
über mich belustigt lachen. Denn es schien mir ungeheuerlich, daß zwei
aus dem Wirklichkeitsland Amerika, zwei aus dem Arbeitsland kommende
Neuzeitmenschen, in die Dunkelheiten der Astrologie, der Alchemie, der
Scholastik und Mystik zurückkehren wollten. Es war mir, als ob freie
Menschen um Ketten und Kerker bettelten.
Der Amerikaner Weisheit hatte aber nichts mit dem Wissen der Theosophen
gemein. Sie verneinten es lebhaft, als ich sie fragte, ob ihr Bund
etwas mit Theosophie zu tun hätte.
Sie malten und bildhauerten in London nicht, sondern sagten, das
würden sie wieder aufnehmen, wenn sie nach Paris zurückgekehrt
wären. Sie waren nur jetzt nach London gekommen, um sich in die
Geheimwissenschaften zu vertiefen und sich in jenem Geheimbund
unterrichten und belehren zu lassen.
Sie waren aber niemals düster gestimmt, immer fröhlich und glücklich.
Nur hatte für mich ihre Fröhlichkeit etwas Körperloses. Sie konnten
sich nur immer bei übersinnlichen Gedanken aufhalten, ähnlich wie es
jene Theosophen getan, denen ich in München begegnet war.
Sie lachten mich aus, als ich sie fragte, ob die Lehre, der sie
nachgingen, der Spiritismus sei. Ich wußte damals noch zu wenig
von Okkultismus und erst später erfuhr ich, daß jene beiden einer
okkultistischen Gesellschaft angehörten.
Dadurch, daß die Unterhaltungen mit jenen beiden Okkultisten immer halb
Englisch, halb Französisch geführt wurde, fühlte ich mich sehr aus
meinem Gleichgewicht gehoben und aus meinem Deutschtum fortgerückt, und
die Einsamkeit meiner Gedanken war dadurch in dem unendlichen London
unendlich viel größer, als sie im Pfarrhaus im Bohuslän gewesen, wo
ich mit der Natur erquickenden Gedankenaustausch gepflegt hatte. Denn
die Gespräche über Mystik bereiteten mir zuerst nur Qual. Es war mir,
wenn ich der Geistesrichtung jener Okkultisten folgte, als ginge ich in
den Spuren der schwarzen Sonne, die ich am Isefjord in Dänemark in das
schwarze Moor hineingedichtet hatte.
Das große düstere London selbst erschien mir wie eine schwarze mächtige
Sonne. Als ich in jener Nacht, vom schwedischen Schiff kommend, die
finsteren Docks betrat und sofort in den Bauch der Erde steigen mußte
und in rauchigen Tunnels, beinahe zwanzig Stationen weit, unterirdisch
reisen mußte, um zum Upper Wooburn Place zu gelangen, da glaubte ich
durch die Eingeweide der Erde zu jagen.
Noch am Mittag desselben Tages war ich auf der Silberbank des Meeres
unter silbriger Sonne gewesen, war durch silbrige Luft in die Themse
eingefahren, an dem grünen Ufer von Greenwich und Richmond vorüber,
und jetzt schien es nirgends mehr Meerfreiheit und ländliches Grün zu
geben. Seitdem ich da in der Unterwelt fuhr, war mir, als führe ich in
die Erdfinsternis, von aller Natur und Natürlichkeit fort, als tauschte
ich klare Gedanken gegen dunkle Hirngespinste ein.
Seltsamerweise wirkte aber London, als ich es dann bei Tage sah, gar
nicht so himmelgetürmt und nicht so geschäftshastig und großstadtgierig
wie Berlin in jenen Zeiten auf mich gewirkt hatte. Die vielen
Straßenzüge in London, in denen sich kleine Familieneinzelhäuser
überaus schmucklos und einfach, ohne Schaufenster und, nur zweistöckig,
aneinanderreihten, wirkten in ihrer Schlichtheit und Unauffälligkeit
und in ihrer gediegenen Nützlichkeit, wenn auch eintönig, so doch
menschenwürdig.
Die londoner Geschäftsstraßen waren sachliche Arbeitsstraßen, in denen
einem das Geldverdienen als eine Naturnotwendigkeit erschien, wobei
die Arbeit nicht fieberhaft war, sondern gründlich, stark und einfach
verrichtet wurde.
Durch eine im englischen Volk eingewurzelte und durch Geschlechter
eingeführte klare Lebensordnung, der sich die ganze Stadt wie eine gut
arbeitende, nirgends von Willkür gestörte Maschine hingibt, wirkte
diese Millionenstadt mit den kleinen Familienhäusern fast friedlich und
traulich wie ein Riesendorf.
Der Segen des Sichunterordnenkönnens der einzelnen unter Vätersitte
und unter unumstößliche gesellschaftliche Sitte wirkte bei einer
Millionenbevölkerung ungemein wohltuend. Und die tadellose Ordnung im
englischen Tagesleben umgab wie ein Schutz, wie die Weihe heiliger
Naturgesetze, den Fremdangekommenen. Auch der willkürlichste Mensch
wird vom englischen starken Ordnungsleben, das das riesige London, wie
einen sicher geleiteten Gutshof, tadellos arbeitend zusammenhält, zur
Selbstzucht angespornt. Denn ohne Selbstzucht und Unterordnung des
einzelnen unter das Massengefüge konnte hier wie überall im Weltall
keiner vorwärtskommen.
Der Engländer, der unausgesetzt Achtung oder Verachtung austeilt,
züchtet sich auch die Fremden, die zu ihm kommen, so wie er gewöhnt
ist, den Ländern, die er erobert hat, und ihren Eingeborenen englische
Ordnung und englischen Lebenssinn beizubringen.
England hat es, wie man weiß, mit dieser Ordnungsstrenge erreicht, daß
rund um die Erde seine Sprache die Reise- und Weltsprache wurde. Dieses
von altersher feststehende, eingeschulte englische Wesen, das stolz auf
sich selbst beruht und sich alles Fremde kraftvoll unterordnet, fühlte
ich als wohltuende Macht vom ersten Schritte an, als ich englischen
Boden betreten hatte.
Als ich an jenem Ankunftsabend, der Untergrundbahn entstiegen, zum
Pensionshause am Upper Wooburn Platz kam -- das sich in nichts
unterschied von den tausend stillgeordneten Nebenhäusern, und das
dadurch häuslich und vornehm in sich zurückgezogen wirkte --, fühlte
ich mich schon in jener Straße durch die schweigende Ordnung wohl
aufgehoben.
Da war noch ein altmodischer Türklopfer außen an der Haustüre, ein
Klöppel, der auf eine Bronzeplatte fiel. Ein schlank gewachsenes
Dienstmädchen in schwarzem Kleid mit weißen Manschetten, weißem Kragen
und weißem Häubchen öffnete und geleitete mich durch die Vorhalle, die
aber keinen kahlen Gang und kein kahles Treppenhaus aufwies. Selbst
diese nebensächlichen Hausräume waren traulich mit Hausgeräten und
Bilderschmuck ausgestattet, und mir war, als sei ich in ein altes
Herrschaftshaus und in einen Kreis alter Familienüberlieferungen
eingetreten.
Auch der überall sparsam verwendete Raum im Hause, wo eingebaute
Schränke, Tapetentüren und eingeschachtelte Kammern den Hausraum
ausnützten -- ich möchte sagen das Hausleben verinnerlichten und einem
den Wert von jedem Zoll des londoner Bodens deutlich in Erinnerung
brachten --, dieses Raumsparen erhöhte den Reiz des Wohnens. Man befand
sich in einem solchen Hause wie in einer Schatulle, welche Geheimfächer
barg, und an der das sorgsam Durchdachte dem Eintretenden Vertrauen
einflößte und ihm Bestätigung vom Wert des Lebens gab. Sich beschränken
müssen und sich klug und gewandt beschränken können, sich für das Leben
züchten müssen, das redete hier jeden, der das Leben ernst nehmen
wollte, wohltuend auf Schritt und Tritt an, innerhalb und außerhalb der
Häuser Londons.
Daß das englische Volk auf einer engen Insel lebt und in seinem
Vaterland jeden fußbreit Erde liebt, daß es sozusagen im Meer
verlassen lebt, auf sich allein angewiesen, umgeben von den ungeheuren
Meereshorizonten, die dieses Volk weltblickend werden lassen und es
zugleich heiß heimatliebend machen, dieses wurde einem in London
täglich bewußt gemacht. Und daß dieses Meervolk, vom Festland getrennt,
im Gegensatz zu den Festlandvölkern sich eigenwilliger und im besten
Sinne eigensinniger entwickeln mußte, das wurde mir täglich beim
Wandern und Beobachten englischer Eigenart und englischer Gediegenheit
von den londoner Straßen erklärt.
So erstaunte es mich auch bald nicht, daß hier im Mittelpunkt der
fünf Weltteile, hier wo man täglich großzügige Fühlung mit Ägypten,
Indien und mit dem fernsten buddhistischen Asien hat, eigenartige
Gedankenmischungen entstehen können. Gedankenmischungen, die,
ebensogut wie die neuzeitliche Wissenschaft, eine Fortsetzung in
der Entwicklung des Menschheitsgeistes hervorbringen können. Da die
Engländer im fernen Osten mit fremdem Volksgeist in steter Berührung
leben, können asiatische alte Weisheiten echter und unverfälschter
durch den gradlinigen Meerverkehr der Engländer nach London kommen, als
dieses in Deutschland oder in den anderen Festländern der Fall ist, die
nicht so sehr im Mittelpunkt des Weltverkehrs stehen.
Bei uns in Deutschland riß die Wissenschaft im letzten Jahrhundert in
den Herzen und den Hirnen der Gebildeten alte Weltanschauungen ein,
aber sie baute keine neuen Ideale auf. In England aber, wo Vätersitte
unerschütterlicher feststeht als bei uns, reißt man nicht so leicht
ein, sondern baut -- eingeschachtelten Räumen in den Häusern ähnlich
-- buddhistische, mohammedanische und altägyptische Ideenwelten
in die christliche Weltanschauung hinein. Und, in dem man nicht
bloß Rohprodukte aus den asiatischen Kolonien in London einführt,
sondern auch die Geistesprodukte der unterworfenen asiatischen
Nationen, versucht man in England, Gedankenreiche aus der Vereinigung
fremder Weltanschauungen, zusammengeschmiedet mit der heimatlichen
Gedankenwelt, zu gründen.
Die Inder, die Ägypter, Asiaten und Afrikaner, denen der Londoner
täglich in seinen Straßen und in den Gesellschaften, als zum englischen
Reich Zugehörigen, begegnet, konnte er auf die Dauer auch geistig
nicht unbeachtet lassen und mußte über ihr ihm fremdes Geistesleben
nachdenken.
So versteht sich meistens der Engländer heutzutage besser als irgend
ein Europäer auf japanische und chinesische Kunstwerke, und die
englische Literatur ist reich an asiatischen Übersetzungen und an
ernsten Werken schlichter getreuer Kunst- und Sittenschilderungen
asiatischer Völker. Während die deutschen Reisewerke vielfach von
deutschem Gelehrtenwissen beleuchtet niedergeschrieben werden, sind
die vielen Werke der englischen Privatreisenden -- deren es natürlich
bei dem ungeheuren Weltverkehr englischer Schiffe Legionen gibt --
allmenschlicher, freundlicher und traulicher gehalten. Der Inhalt
dieser Werke ist mehr von allmenschlicher Bewunderung erfüllt als von
geistiger Überhebung.
Während in England durch den ungeheueren Welt- und Völkerverkehr sich
neue Anschauungen den alten Anschauungen beimischen und Möglichkeiten
einer gedanklichen Umgestaltung zulassen, stocken in Deutschland seit
der Wirklichkeitserkenntnis der neunziger Jahre die Entwicklungen
zu neuen geistigen Idealen hin fast vollständig. Man spürt von
der großen deutschen Flotte her noch keinen Völkerweltverkehr und
Weltgedankenaustausch im deutschen Lande selbst.
Ich will aber nicht sagen, daß in England in den breiten Volksmassen
große gedankliche Umwälzungen erreicht worden sind. Doch praktische
Umwälzungen sind erreicht worden, wie zum Beispiel die von England
kommende Einrichtung der segenstiftenden Heilsarmee oder die von
England und Amerika kommende Lehre von der „Christlichen Wissenschaft“,
der „~christian science~“, die durch bewußte geistige Erhöhung die
Gesundheit des Körpers anstrebt.
In Deutschland selbst ist nichts der Art aus der Nation entstanden.
Man lebt bei uns noch von einem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn
befangen.
Aber ein Siebzigmillionenvolk sollte sich doch zu neuen geistigen
Höhen, zu neuen Idealen hin aufraffen. Immer noch befangen vom Geist
der achtziger und der neunziger Jahre, in denen die Künstler und
Gelehrten den Weg zur Wirklichkeit wiesen und zum Niederreißen falscher
Ideale, verrannte sich jetzt die deutsche Welt in Wirklichkeitslust.
Die Zeit Goethes, die sich an den griechischen Göttern Erhebung holte,
die Zeit Walters von der Vogelweide, in der das Christentum noch ein
jung blühendes Ideal war, soll natürlich nicht wiederkommen. Aber die
Wirklichkeitslust, die heute herrscht, die ohne Geisteslust ist, sie
artet auf die Dauer in ein niederes Vergnügen aus, bei dem die nach
neuem Geist sehnsüchtigen Menschen nicht ewig mittun können. Und die
Lust nach einer neuen Geisteserhebung schwebt überall in der Luft, so
wie am Ende des Winters die Sehnsucht nach dem Frühling da ist.
Dieses Streben nach einer neuen Weltanschauung, das ich bei dem jungen
amerikanischen Ehepaar schon vor zwanzig Jahren in London miterlebte,
bestätigte es mir schon damals, daß die naturalistische Kunst, die in
der Literatur in Deutschland in Gerhart Hauptmann ihren ersten größten
Vertreter fand, nicht die allein seligmachende Entwicklung in der
Dichtung bleiben würde.
Eine Vereinigung von starker Wirklichkeit und höchster Geistigkeit,
eine festliche Weltauffassung vom festlichen Weltalleben und aus einer
sich demütig und doch allmächtig fühlenden Menschheit heraus wird eine
neue Festwelt für die jungen Dichter entstehen.
* * * * *
Weil im Weltalleben nichts zu klein und nichts zu dunkel ist, als
daß es nicht Aufnahme in den Verstand und in das Gefühl einer neuen
Menschheit finden müßte, so öffnete ich damals, nachdem ich den
ersten Widerwillen überwunden hatte, willig Herz und Ohr auch der
mittelalterlichen Welt, der ägyptischen Magie, der assyrischen
Sternkunde, der indischen Adeptenlehre, der mittelalterlichen Alchemie
und hörte tage- und wochenlang den Auseinandersetzungen des jungen und
geistig entzückten amerikanischen Ehepaares zu.
Ich ließ mir die dicken Bände des Geisterdichters William Blake
vorlesen und deuten. Und war in Bohuslän die Welt für mich stark,
prächtig, natürlich klar und handgreiflich am Meer und beim Granit
und in dem würdigen Pfarrhaus ausgebreitet gewesen, so gerade dem
entgegengesetzt, unklar, geisterhaft, aber doch nicht unnatürlich, bei
aller Finsternis nicht unglaubhaft, malte sich jetzt vor mir in jenem
kleinen londoner Zimmer die tastend begeisterte Dunkelwelt der Magie.
Ich glaubte zuerst, daß jene beiden Menschen, die mich in die
Geheimwelt des Geisterlebens einweihen wollten, es ebenso auf
Wunderverrichtung abgesehen hätten, wie ich und mein Freund, der junge
Philosoph, einige Jahre vorher, an jenem Augustnachmittag auf dem Gute
bei Würzburg, Wunderwünsche gehabt hatten.