Letztes Kapitel

Nach soviel Trauer waren fünf Jahre über Ferrara gegangen, ohne daß

die tragische Muse von neuem das Herrscherhaus besucht hätte. Ja,

das Leben wollte sich zur Idylle gestalten, immerhin die Unruhe eines

kurzen Krieges ausgenommen, der aber rasch über den ferraresischen

Boden dahinfuhr.

Der Mörder des Großrichters Herkules Strozzi war, ungeachtet

vielfacher polizeilicher Nachforschungen und der augenscheinlichen

Bemühungen des Herzogs selber, unentdeckt geblieben.

Der Oberrichter wurde mit der größten Feierlichkeit bestattet, und

der Herzog ließ es sich nicht nehmen, als erster der Trauernden vor

dem gerührten Volke dem mit Lorbeer überschütteten Sarge

nachzuschreiten.

Auch die junge Witwe, denn der Anbeter Lukrezias hatte in

standesmäßiger Ehe gelebt, besuchte Don Alfonso mit fürstlicher

Teilnahme und trachtete ihren wilden Schmerz mit weiser Rede zu

dämpfen. Die blühende Barbara Torelli aber war untröstlich und

redete mit heftiger Gebärde bald davon, ihren Gemahl an seinem Mörder

zu rächen, wenn sie ihn finde, bald verlangte sie, sich in ein

Kloster zu begraben; in beiden Fällen aber gelobte sie dem toten

Gatten ewige Treue.

Wenn nun der Herzog nichts über sie vermochte, so war es Ludwig

Ariost vorbehalten, diese leidtragende Barbara aufzurichten. Er war

ein Freund Strozzis gewesen und hatte schon dessen Mutter, eine

stattliche Frau, herzlich verehrt. Jetzt bemühte er sich um die

Witwe seines verblichenen Freundes und suchte sie mit dem Leben zu

versöhnen. Diese freundliche Aufgabe löste er in Jahresfrist so

vollkommen, daß Barbara Torelli sich erbitten ließ, dem Dichter in

sein neuerbautes Heim zu folgen und an seiner Seite jenes einfache

Haus zu bewohnen, dessen Bescheidenheit Ariosto in einem

weltbekannten Distichon gepriesen hat.

Gleichgeblieben war sich auch das Gefängnis Don Giulios in dem

"vergessenen" Turm, welcher von dem frühern engeren Mauerkreis als

ein unzerstörbares Wahrzeichen alter Wehrkraft stehengeblieben war

und später von dem wachsenden Klosterhof der Klarissen eingeschlossen

wurde.

Dieser fast unzugängliche Turm war selten bewohnt. Fensterlos nach

dem Gäßchen, und auf der Seite des Nonnengartens von verwilderten

Brombeerstauden und kletternden Schlingpflanzen bis zu seiner halben

Höhe überwuchert, war er in das unbeachtete Weben der Natur

zurückgekehrt.

Nur selten wurde er für ungefährliche Staatsgefangene benützt, deren

Andenken sich verlor und deren Dasein in dem "vergessenen" Turm

vergessen werden sollte.

Lange hatte sich die Oberin der Klarissen dagegen gesträubt, in den

auf ihrem Gebiete stehenden Turm eine hohe Person mit unerbaulicher

Legende, wie Don Giulio, eintun zu lassen. Sie kannte die Schwächen

des leeren Nonnenherzens: Neugier, Mitleid, Lust an Heimlichkeiten,

und fürchtete deshalb den gefährlichen Nachbar.

Auch war ihr der wahre Grund der Entfernung des blinden Este aus

Fenestrella nicht unbekannt geblieben.

Zwar wurde ihr gesagt, die vor der Mündung des Po im Meere liegende

kleine Festung sei in diesem Zeitlaufe gefährdet und werde sowohl von

der Flotte des heiligen Markus als von den Schiffen St. Petri bedroht:

aber sie hatte noch eine ganz andre Geschichte in Erfahrung gebracht.

Die junge Frau des Gefangenwärters, sagte man ihr, habe sich in den

hübschen Prinzen trotz seiner Blindheit sterblich verliebt und ihren

Mann bewogen, Don Giulio in einem Boot nach Venedig zu entführen.

Darüber habe sie der Schloßvogt, ein Hauptmann aus der strengen

Schule des weiland Don Cesare, überrascht und die Schuldigen, Mann

und Weib, in das Meer versenkt.

In ein ebenso tiefes Stillschweigen wurde jetzt das Dasein Don

Giulios im "vergessenen" Turme begraben.

Der Herzog hatte bei den schwersten Strafen sowohl dem Reisegefolge

als dem neuen Kerkermeister seines Bruders verboten, die Gegenwart

des Gefangenen zu verraten oder auch nur seinen Namen zu nennen. Und

daß die Äbtissin und der Beichtiger des Klosters, welcher auch der

Don Giulios war, schwiegen wie das Grab, darum war der Herzog

unbesorgt.

Auch Angela schwieg von ihrer traumhaften Begegnung mit dem Blinden

an der Turmpforte, als von etwas, das ihrem Herzen allein gehörte.

So wurde es möglich, daß die kluge Donna Lukrezia von der Rückkehr

Don Giulios nach Ferrara nichts erfuhr, auch durch den Herzog nicht,

dem die Herberge des blinden Bruders eine stete Sorge war. Ihn in

den Kerkern seiner Stadtburg, gleichsam unter seinen Füßen, zu

verwahren und über dem Haupte des Geblendeten ein heiteres Dasein zu

führen, das brachte er doch nicht über sich. Legte er ihn aber in

eine Landfestung, so war er gewiß, Don Giulios Leiden, seine Güte und

die ihn umwebende Sage werde ihn bald so beliebt machen, daß ein

Befreier nicht lange ausbleiben könne.

Der "vergessene" Turm neben den Klarissen war seine letzte Auskunft

gewesen.

Hätte Lukrezia ihn über das Verbleiben Don Giulios befragt, sie würde

die Wahrheit erfahren haben; aber sie hütete sich wohl, die wunden

Punkte in der Seele ihres Gemahls, den Verlust Ippolitos und den

Kerker des Blinden, unnötig zu berühren.

So fuhr sie fort, ohne zu ahnen, wer in ihrer Nähe wohne, sich

jährlich wenigstens in der Adventszeit auf einige Tage zu den

Klarissen zurückzuziehen, wohin sie Donna Angela jedesmal begleitete.

Ja, diese suchte sie dort, so lange als möglich, zurückzuhalten,

denn die Zusprüche des Beichtigers der Klarissen, Pater Mamette,

hatten den Sturm ihrer warmen Seele auf immer beruhigt, wie auch

Donna Lukrezia viel von der einfachen Seelsorge des Franziskaners

hielt.

Der Herzog irrte nicht, wenn er glaubte, daß das Wohl Don Giulios

viele Seelen beschäftigte. Nicht nur der ferraresische Dichter legte

damals an der bekränzten Pforte eines der Gesänge seines "Rasenden

Rolands" ein rührendes Fürwort für den im Kerker schmachtenden

Blinden ein, auch ein Geringerer im Reiche der Geister ergab sich

diesem mit Leib und Seele.

Eines Tages nämlich erschien an dem Tore des "vergessenen" Turmes ein

kleiner dürrer Greis, der unter jedem seiner Arme einen gewichtigen

Folianten trug. Er legte seine Last auf die hohe Steinschwelle

nieder und begann mit einem dicken Kiesel, den er aufraffte, an die

stumme Pforte zu pochen.

Vergeblich! Denn diese öffnete sich nicht, und inwendig rührte sich

nichts Lebendiges. Der Alte setzte seine Bemühungen so beharrlich

fort, daß er nicht bemerkte, wie eine kleine Schar herzoglicher

Söldner in den Halbkreis des einsamen Gäßchens einlenkte, bis er von

ihnen umringt und ergriffen war.

Jammernd bat er um Schonung für seine Bücher, die sie mit ihren

Spießen untersuchen wollten, und deckte seinen Schatz mit dem Leibe.

Zu seinem Heil erschien in diesem Augenblicke der Herzog hoch zu Roß,

der mit einem kleinen Gefolge von Sachkundigen einen Pulverturm auf

seine Feuerfestigkeit hin untersucht hatte und jetzt auf dem

kürzesten Wege in seine Stadtburg zurückkehrte.

Der Greis warf sich vor ihm nieder:

"Erhabener Herr, den ich erzogen habe", rief er, "befreie mich mit

meinen Freunden Plutarch und Seneca aus den Händen deiner Krieger!"

"Was hast du hier zu schaffen, Magister?" fragte der Herzog streng

und zog die Brauen zusammen.

"Ich fühle mich berufen, einen erblindeten Zögling zu besuchen und

seine Nacht mit der Weisheit der Alten zu erhellen!"

"Woher weißt du, daß der Blinde hier sitzt?" fuhr ihn der Herzog an.

"Von Liebe zu dem abtrünnigen Sohne der Wissenschaft erfüllt, und

nachdem ich erfahren, daß er in Unglück und Dunkel gestürzt sei,

verfolgte ich seine Spur bis nach Fenestrella. Dort sagten sie mir,

daß er nach einer unverschuldeten Tragödie weggeführt worden sei, und

das Gerücht berichte, er sei in deine Nähe und unter deine

persönliche Hut zurückgekehrt. Hier in Ferrara pochte ich, von

meinem sokratischen Dämon geführt, an die Tür jedes Turmes, und

dieser 'vergessene' ist der letzte, den ich finde."

Ein geheimes Lächeln stahl sich in die Augen des Herzogs, und der

Gedanke durchblitzte ihn, seinem unglücklichen Bruder die

Gesellschaft ihres gemeinsamen, wie er wohl wußte, vollkommen

harmlosen alten Lehrers zu gönnen. Er sagte:

"Wenn hier wirklich ein blinder Schüler von dir wohnt, Mirabili, so

magst du ihn meinetwegen allwöchentlich einmal besuchen und mit ihm

deine unterbrochenen Lektionen fortsetzen."

Auf seinen Wink stieß ein Leibwächter mit dem Holze seiner Lanze

unter dem Rufe: "Auf! Im Namen des Herzogs!" so nachdrücklich gegen

die verschlossene Tür, daß innen die Schlüssel augenblicklich

rasselten und die Riegel zurückgingen.

Der Herzog ließ den erstaunten Kerkermeister an sein Pferd treten und

befahl ihm leise und streng:

"Einmal wöchentlich öffne dem Alten diese Pforte zu Einlaß und Auslaß.

Niemals am Tage, sondern vor Morgengrauen oder nach dem Ave Maria."

Von Don Giulio mit Dank und Rührung empfangen, enthielt sich Mirabili,

das zerstörte Angesicht, dessen Schönheit in früherer Zeit ihn

beglückt hatte, lange zu prüfen. Ohne Zögern machte er sich ans Werk,

den Gefangenen in die Herrlichkeiten der stoischen Schule

einzuführen und ihm die Triumphe der Selbstüberwindung zu zeigen.

Wenn er ihm dann nach langer Sitzung die hohen Vorbilder pries, die

ihn begeisterten, einen Zeno, einen Epiktet und vor allen den Kaiser

mit dem Philosophenbart, den göttlichen Marc Aurel, sagte wohl der

Blinde, der indessen an seinem Strohgeflecht gesessen hatte, traurig

und müde:

"Ach, Mirabili, ich kenne diese vornehmen Herren nicht, und es will

mir nicht gelingen, mich mit ihnen auf den Thron der Tugend zu setzen."

Einen kräftigeren Trost reichte dem Blinden der Sohn des heiligen

Franziskus, Pater Mamette. Auch er, wie der alte Mirabili, obwohl

ein noch grünender, feuriger Mann, gehörte zu Don Giulios

Jugenderinnerungen.

Aus einer Bauernfamilie Pratellos gebürtig, wurde er als ein

verwaistes, ganz junges Blut von seinen älteren Brüdern, die nicht

gesonnen waren, ihr Erbe mit ihm zu teilen, ins nahe Kloster

geliefert, wo das unschuldige Kind unbeachtet, aber von den Mönchen

wohlgelitten, aufwuchs. Dem Kleinen geriet, wie dem verkauften

Joseph, alles zum besten, und sein von freudigen Augen beleuchtetes

Angesicht war das Wohlgefallen und der Trost aller, die ihn kannten.

Als Don Giulio zum Jüngling erwuchs und sein prächtiges Pratello

baute, war Mamette im Laufe guter und böser Tage zum Manne geworden

und ein fertiger Franziskaner.

Don Giulio sah ihn eines Tages unter seinen Bauleuten, als er einem

verunglückten Maurer beistand, ihn in seine Arme nahm und den

Sterbenden mit mehr als mütterlicher Liebe in den Himmel hob.

Damit fiel er dem Este auf und berührte die wohllautendste Saite

seiner Seele. Weil aber der Leichtfertige nach der Hofsitte einen

Beichtvater haben sollte und man ihn längst beschuldigte, dieses

Herkommen zu vernachlässigen, so entschloß er sich kurz und wählte

Pater Mamette.

Außer zu den kirchlich gebräuchlichen Zeiten hatte er ihn übrigens

nie rufen lassen, auch nach seinem Sturze ins Elend nicht. Erst da

er das Todesurteil erwartete, ließ er ihn zu sich in den Kerker

kommen und sich dann von ihm auf das Schafott begleiten.

Nach seiner Rückkehr aus Fenestrella wurde nun Pater Mamette der

beste Freund seiner Gefangenschaft, und der von allen Seiten Gerufene

und Begehrte zählte die Stunden nicht, die er zur Tröstung des

Unglücklichen im "vergessenen Turme" zubrachte.

Da geschah es oft, daß der Pater den Blinden bei beiden Händen

ergriff und ihm sagte: "Ihr kennt noch nicht den unerschöpflichen

Born des Glücks: es ist das Geheimnis der Armut. Mein heiliger

Franziskus, der mit ihr aufs innigste vermählt war, offenbarte es mir

einst zur Rettung aus den Abgründen der Seele.

Erst wenn Ihr nichts mehr zu eigen habt, könnt Ihr die Liebe Gottes

empfangen. Und wenn Ihr empfanget, könnt Ihr geben. Das ist meine

Pforte zum Glück und zur Freiheit! Tretet mit mir ein! Werdet arm

und ärmer, damit Ihr empfangen und geben könnt, wie ein Brunnen, der

Schale um Schale überfließend füllt."

Don Giulio fand anfangs, daß es für ihn, einen Beraubten und aus dem

Lichte Gestoßenen, schwer sei, noch ärmer zu werden; er verstand

nicht, daß er sich auch des Reichtums seiner selbstsüchtigen

Schmerzen entschlagen müsse--immerhin drang das Geheimnis des

heiligen Franziskus in eine Tiefe seiner liebedurstigen Seele, die

weder Ariost noch Mirabili, weder der Dichter noch der Philosoph,

hatten erreichen können.

So vergingen drei der Kerkerjahre, aber auch Jugendfrische und

Gesundheit des Blinden verging. Er welkte. Die dumpfe Luft des

Sommers und die Feuchtigkeit des Winters, die Klosterspeise, die ihm

geboten wurde und die er, anders gewöhnt, oft unberührt ließ, die

Entbehrung heftiger Leibesübungen, wilder Ritte, des Ballspiels, der

Fechtkunst, und, mehr als alles das, die Aussichtslosigkeit der

Befreiung erschlaffte und lähmte ihn; denn er wußte--das Wort des

Herzogs stand fest--, daß er bei dessen Leben den Kerker nicht

verlassen werde.

Er selbst ergab sich in sein Los, aber dem alten Mirabili schnitt es

in die Seele. Der zerfallende Greis konnte nicht sterben, ohne

seinen Liebling befreit zu haben.

So entschloß er sich, ohne das Wissen und die nicht zu erhaltende

Einwilligung Don Giulios, etwas Wirksames, zur Entscheidung Führendes

zu unternehmen. Nach vielem Denken und einigen schlummerlosen

Nächten brachte er das wichtige Werk zustande. Es war ein im

reinsten Latein verfaßtes Schreiben, denn die italienische

Schriftsprache war ihm nicht geläufig, noch erschien sie ihm zu

seinem großen Zwecke erhaben genug. Nachdem Mirabili alle berühmten

Gefangenen des Altertums, besonders alle unschuldig von Tyrannen in

grausamen Kerkern gehaltenen, erwähnt hatte, ging er auf Don Giulio

über, den Liebenswürdigsten und Unschuldigsten von allen, und

beschwor den Herzog bei dem Gerichte der Unterwelt und der Nachwelt,

seinen leiblichen Bruder zu befreien, indem er persönlich seine

Ketten löse und sich auf öffentlichem Markt vor dem Volke mit ihm

versöhne.

Kurz, es war ein herzlich ungeschickter und unheilvoller Brief,

welcher den Herzog aufbringen mußte und leider dieses ungewollte Ziel

nicht verfehlte.

Schlimmer noch! Der Herzog wurde mißtrauisch. Er sah hinter dem

Anschlage des Alten den des gefangenen Bruders, was freilich ein

großer Irrtum war.

Er ließ Don Giulio seine herzogliche Ungnade und die

Unwiderruflichkeit seines Kerkers wissen und stürzte diesen, dem

damals auf einer andern Seite ein süßer Stern der Hoffnung

aufgegangen war, in tieferes Elend und auf das Krankenlager.

Gleichgeblieben, wie der Kerker Don Giulios, war sich auch der Stand

der flavianischen Güter, die der Fiskus zu genießen fortfuhr, da die

Gerichte über deren endgültigen Besitz noch nicht gesprochen hatten.

Gleichgeblieben war sich die mühselige Werbung des Grafen Contrario

um Donna Angela.

Gleichgeblieben, nein, gestiegen war ihre Abneigung gegen diesen

unsträflichen Freier, dem sie, aufs äußerste getrieben,

verzweiflungsvoll erklärte: sie liebe die Gerechten und Tugendhaften

gar nicht--mehr schon die ringenden Bösen--am meisten aber die

Barmherzigen, wenn sie die Sünder mit starken Armen emporziehen; über

welche unerhörte Rede Graf Contrario sich mit Recht entsetzte.

Auch der Herzog hatte zuzeiten an der Gründlichkeit des Wissens und

an der kritischen Ader des Grafen kein Vergnügen mehr, besonders wenn

dieser mit Kennermiene das nach neuen Erfindungen gegossene Geschütz

seines Gastfreundes prüfend umwandelte und jeden einzelnen Teil des

Stückes einer eingehenden und vernichtenden Kritik unterwarf.

Dann preßte der Herzog den strengen Mund zusammen und ließ den Grafen

allein. Nur der Wunsch, Donna Angela, dieses Hindernis der Rückkehr

des Kardinals, zu verheiraten und damit wegzuräumen, verlieh ihm die

Geduld, den unermüdlichen Tadler zu ertragen, solange es sein mußte.

Selbst im Bereiche Lukrezias bestrebte sich der Graf unliebenswürdig

zu werden; doch alle diese Versuche wurden an ihrer anmutigen

Geschicklichkeit zunichte, wie sich eine streitsüchtige Brandung. an

einem sanften Ufer verliert.

Da ihm Lukrezia ihr Wittum, die flavianischen Güter, als mögliche

Mitgift ihrer jungen Base vorspiegelte, überkam ihn aus

Widerspruchsgeist ein großer Ärger, das, was in seinen Augen der

rechtmäßige Besitz war, einem Weibe danken zu müssen, und er erhob

sich gegen dieses Ansinnen mit männlicher Würde.

Lukrezia aber, die diese Entrüstung nicht für seinen Ernst hielt,

antwortete lächelnd:

"Und wenn wir beide, die wir uns darum streiten, die flavianischen

Güter in zwei Hälften schnitten und friedlich unter uns teilten, den

Richtern zum Verdruß?... Ich sage es nicht versuchungsweise, wie

einst König Salomo, um Euer Herz zu prüfen, Ettore! Ist doch die

Erde kein lebendes Kind mit einem unteilbaren Blut und Leben in den

Adern, sondern bestimmt, in Stücke zerrissen, verteilt oder geraubt

zu werden!"

Der Graf hätte sogleich zugegriffen, wäre er sich selbst über seine

Gefühle für Donna Angela klar gewesen. Am liebsten hätte er die

flavianischen Güter ohne sie besessen. Er hatte das edle Mädchen von

Anfang an als ein eigenwilliges und unerzogenes Geschöpf betrachtet--

doch, o Wunder, seit einiger Zeit geschah etwas mit Angela. Ihre

Härte und Herbigkeit verschwand wie die einer schwellenden Frucht,

die an der Sonne reift, und welche andre Sonne konnte sie gezeitigt

haben als die Sonne der Liebe? Welcher Sterbliche aber konnte dieses

stolze Herz besitzen, wenn nicht Graf Contrario?

Im Streite seiner Gedanken erbat er sich ein Jahr Bedenkzeit.

Während Angela, immer stiller werdend, am Hofe von Ferrara in der

demütigenden Gewißheit lebte, daß der Herzog ihr Dasein als ein Übel

empfand, dessen er sich gern entledigt hätte, trat Donna Lukrezia auf

die Höhe ihres Glücks.

Sie hatte Don Alfonso zwei wohlgebildete und begabte Knaben gegeben,

und er war ihr dafür, sie täglich höher haltend, von Herzen dankbar.

Fast ebensosehr liebte er die wunderbare Klugheit, mit welcher sie in

der denkbar schwierigsten Lage, während des venezianischen Krieges,

da der Herzog im Lager und die Fortdauer des Staates Ferrara bedroht

war, ohne den Beistand des genialen Kardinals die Regentschaft führte.

Nicht daß dieser für das Schicksal Ferraras gleichgültig geworden

wäre. Er riet und wirkte von Mailand her mit brüderlicher Gesinnung

zugunsten des Herzogs, soweit seine Macht reichte. Seine

Körperkräfte aber verzehrten sich darüber, und er litt an häufigen

Rückfällen seines verderblichen Fiebers.

Donna Lukrezia lenkte indessen auch ohne ihn das Staatsruder nicht

nur mit weitester Umsicht, sondern im entscheidenden Augenblick auch

mit männlicher Entschlossenheit. So war es kein Wunder, daß Ferrara

und sein Herzog Lukrezia Borgia fast vergötterten.

Aber die kühle, besonnene Fürstin führte mit Bescheidenheit ihren

Triumphwagen und hörte den hinter ihr stehenden lästernden Sklaven

wohl, der, nach dem Gebrauche des römischen Triumphes, ihr jegliche

Schmach ihrer Vergangenheit ins Ohr raunte und nichts vergaß, was sie

beschämen konnte.

Da sie nun ihren Ruf vor der Welt gereinigt und wiederhergestellt

hatte, war sie auch darauf bedacht, sich den Himmel zu versöhnen. Um

so mehr gehorchte sie diesem Antrieb, da sie ihre Kinder mit

Schmerzen gebar und oft von einer Ahnung frühen Todes beschlichen

wurde.

Sie unternahm auch dieses Werk auf eine ganz sachliche Weise.

Gleichwie ihr Vater in ungeheuerlicher 'Naivität nie an den Dogmen

und Wundern einer Kirche gezweifelt hatte, deren Haupt und Schande er

war, hatte sich auch Lukrezia in einer geistig heidnischen Welt

niemals von den kirchlichen Formen und Vorstellungen entfernt.

Verständig wie sie war, täuschte sie sich nicht über die Summe und

Schwere ihrer Sünden und dachte bescheiden von ihren Verdiensten, den

frommen Übungen und Almosen, die sie zwar täglich zu vermehren

trachtete, die aber gegenüber der Art und Größe ihrer Schuld vor

ihren klugen und scharfen Augen täglich wieder zerrannen. Sie war

eine Danaide, die unermüdlich Wasser in ein rinnendes Gefäß schöpfte.

Nur der Verdammnis zu entgehen hoffte sie und mit Hilfe der

kirchlichen Rettungsmittel einen untersten Raum des Fegefeuers zu

gewinnen. Einmal dort, so überredete sich die Kluge in

liebenswürdiger Torheit, würde es ihr durch die Vermittelung der

Heiligen gelingen, eine höhere Stufe zu erreichen.

Pater Mamette, den die Herzogin, sooft sie bei den Klarissen wohnte,

als einen Sachkundigen in den Angelegenheiten ihrer Seele zu Rate zog,

war in der göttlichen Mathematik erfahren, nach welcher die Großen

klein sind und die Armen alles besitzen, und sah wohl, daß sie zu den

Reichen gehörte, die schwerlich ins Himmelreich kommen. Ihr Ursprung

schon, im Schoße der Kirche, mußte ihm ein Herzeleid sein. Doch

nicht hierin, noch in ihrer schauerlichen Jugend, sah er den

Felsblock, der ihr die niedrige Pforte der göttlichen Armut verschloß.

Wohl aber in ihrer Schlangenklugheit, mit der sie sich selbsttätig

durch alle Spalten emporwand.

Doch erkannte er dankbar den Segen, den ihre geschmeidige

Lebensweisheit und Staatskunst dem ferraresischen Hause und Staate

brachte, und im übrigen getröstete er sich mitleidig damit, daß bei

Gott kein Ding unmöglich sei.

Und wenn sie ihm klagte, sie könne Gott nicht lieben, sagte er ihr,

der Anfang der Werbung gebühre dem Manne, und sie müsse in Geduld und

Almosen ausharren, bis Gottes Liebe um sie freie.

Im vertrauten Umgange mit dem Franziskaner ließ es sich die Herzogin

nicht entgehen, ihn auch über Angelas Herz zu beraten. Sie klagte

über der jungen Base eigenartiges und gegen die Kirche unbotmäßiges

Gewissen, das ihr einrede, sie sei der Ursprung und die Verkettung

einer Menge von Unheil, das durch keine kirchliche Buße zu sühnen sei.

Diese hochmütige Trauer über eine eingebildete oder willkürlich

vergrößerte Schuld sei das Hindernis einer glänzenden Versorgung, die

sie für das Mädchen im Auge habe. Es sei die Pflicht Pater Mamettes,

dieses übertriebene Gewissen zur Bescheidenheit zurückzuführen und

ihr den Verstand des Lebens beizubringen.

Des Paters dunkle Augen lachten, als er erwiderte:

"Es ist wahr, Erlaucht, das Gewissen Eurer Base ist vorlaut und

aufrichtig, wie der erste Schlag der Morgenglocke, der zur Messe ruft.

Doch in einem irrt Ihr, sie scheut die kirchliche Buße nicht... ich

habe ihr die richtige auferlegt."

Und er beurlaubte sich, der Herzogin den Segen erteilend.

Lukrezia ergriff in klösterlicher Demut die Hand des Franziskaners,

um sie zu küssen, streifte dann aber, nachdem sie flüchtig zwischen

der Hand und dem Ärmel gezaudert, mit dem zarten Munde die eigenen

Finger.

Im fünften Lenz der Gefangenschaft Don Giulios suchte die Herzogin zu

ungewöhnlicher Zeit die Klosterstille. Sie hatte ein totes Kind

geboren und zog sich zu den Klarissen zurück, um zu trauern über das

verlorene und zu danken für ihr eigenes, gerettetes Leben.

Doch nach einer Reihe stiller Tage wurde ihr Aufenthalt unversehens

gestört und abgekürzt.

Die Ereignisse bewegten sich um den "vergessenen" Turm, der bisher in

seiner Blätterwildnis von ihr unbeachtet geblieben war.

Eines Tages fehlte die alte Äbtissin im Refektorium bei der

Hauptmahlzeit, an welcher die Herzogin mit Angela aus besonderer Güte

teilzunehmen pflegte. Sie lag krank. Infolge eines plötzlichen

Schreckens war ihr die Gicht aus den geschwollenen Füßen in die Brust

gestiegen, und sie atmete mühsam. Die Schwestern aber waren verstört

wie eine Schar hirtenloser Schafe.

In der Verwirrung vergaßen sie sogar die Klosterregel des Schweigens

und erzählten sich wispernd die unglaublichsten Geschichten, die im

Frühlicht dieses Tages sich im "vergessenen Turme" ereignet und die

hochwürdige Mutter dem Tode nahegebracht haben sollten. Der

verlarvte Prinz, der dort seit Jahren sein Wesen treibe, sei in der

vergangenen Nacht entführt, andre sagten--erdrosselt worden.

Eines sei sicher, der alte Mirabili, der allein in das Verlies sich

habe einschleichen können, sei vor Sonnenaufgang mit schweren Ketten

beladen und mit sterbendem Angesicht am Klostertore vorübergeführt

worden. Schwester Consolazione habe mit eigenen Augen gesehen, wie

der jammernde Greis, mit Eisen belastet, sich kaum habe

weiterschleppen können. Er habe unter unverständlichen Hilferufen

die gefesselten Hände nach ihr ausgestreckt. Sie hätte blutige

Tränen darüber weinen mögen.

"Wer ist dieser Vermummte, das Gespenst des 'vergessenen Turmes'?"

wandte sich die Herzogin an Angela, indem sie sich mit ihr aus der

verwirrten Nonnenschar des Refektoriums in ihre Zelle zurückzog.

"Mirabili? Ist das nicht der Name des alten Lehrers meines Herrn und

der Prinzen, seiner Brüder?... Sollte Don Giulio..."

Eine schnelle Entdeckung erhellte und beschämte ihren Geist. "Taucht

der Verschollene wieder auf? Und hier? Und sie sagen, daß er schon

lange da ist! Wie konnte mir das entgehen und so lange verborgen

bleiben!" Ohne sich weiter um die tief errötete Angela zu kümmern,

schloß sie sich in ihre Zelle ein und schrieb an den Herzog.

Sie meldete ihm, der Friede des Klosters sei durch eine Verhaftung

gestört worden. Ein rätselhaftes Begegnis, dessen Erklärung allein

seine Hoheit ihr geben könne, mache eine Zwiesprache zwischen ihr und

ihrem Gemahl wünschbar und beendige ihren Aufenthalt bei den

Klarissen. Er möge sie morgen in der ersten Abendstunde

zurückerwarten.

Lukrezia verließ an jenem Abend ihre Zelle nicht mehr. Sie

erkundigte sich durch eine Zofe nach dem Befinden der Äbtissin und

erfuhr, Donna Angela besuche eben die Kranke, der es besser gehe.

Pater Mamette sei angekommen und das Kloster in seine Ruhe

zurückgekehrt.

Lukrezia wollte die Klarissen nicht verlassen, ohne den Wolf zu

kennen, der die fromme Herde in Aufruhr gebracht hatte.

So beschied sie auf eine Frühstunde des nächsten Tages statt der

kranken Äbtissin Pater Mamette, dessen Ankunft ihr gelegen kam, auf

ihre Zelle.

Sie wollte ihn über seine geheime Mitwissenschaft an diesen Dingen,

die sie vermutete und die sie ihm verdachte, zur Rede stellen und,

wenn es nötig wäre, ihn mit den verfänglichsten Fragen martern.

Die Lenznacht war schwül und mit dem Dufte unzähliger Blüten beladen.

Die Herzogin fand keine Ruhe, sie erhob sich und setzte sich an das

geöffnete Fenster.

Der die weiten Gastzellen enthaltende Anbau bildete eine Seite des

vergrößerten Klosterhofes und war durch dessen südlichen, mit dem

üppigen Laube der Feigen und Limonen dichtgefüllten Winkel von dem

"vergessenen" Turme getrennt. \XDCber dem Blätterdache trat die

schwere, durch Verfall und Überwucherung formlos gewordene Masse des

gewaltigen Rundbaues in den Hof hinein. Lukrezia erinnerte sich,

früher zur Nachtzeit eines der kleinen zwei oder drei kaum sichtbaren,

auf ungleicher Höhe in die Mauer gebrochenen Fensterchen schwach

erhellt gesehen zu haben. Heute war das Innere des Turmes dunkel.

Von außen aber war er überglänzt von den hohen Sternbildern und an

seinem Fuße umschwärmt und umtanzt vom Funkenspiele zahlloser

Leuchtkäfer.

Stundenlang belauschte die Schlaflose die Stille der Nacht und das

Rauschen des Hofbrunnens.

Da war es, als knickten die Zweige und rauschten leichte Tritte auf

dem Rasen. Es wurde wieder still. Jetzt präludierte leise eine

Laute. Und jetzt vernahm Lukrezias Ohr aus der Tiefe des Turmes und

einer männlichen Brust einen sanft beginnenden und in Sehnsucht

anschwellenden Gesang:

"Ich glaube, daß im Maienduft der reine

Gestirnte Himmel glänzt, ich kann's nicht schauen!

Ein einz'ger Stern darf meinen Himmel zieren...

Und, wehe, meinen Stern muß ich verlieren,

Dich, treues Weib, die Liebende, die Meine!

Mein Leben kehrt zurück in stummes Grauen!

Der Freund war mein Verderben,

Ich muß vergehn und sterben,

Mißgünstig schickt der Bruder mich von dannen,

In öde, fremde Kerker mich zu bannen."

Lukrezia war nicht im Zweifel, daß sie Don Giulios markige Stimme

hörte; bevor sie aber die Bedeutung dieser in Wohllaut klagenden

Worte erfassen konnte, antwortete eine andre Nachtigall aus den

Feigenbäumen empor.

Auch diese weiche Altstimme war ihr wohlbekannt. Angela sang:

"Getrost! An diesem Tag, der schon im Osten

Den Himmel bleicht, geb ich Lukrezien Kunde

Von unsrer Treu', zerreißend feige Schleier,

Und wir begehen unsre Hochzeitsfeier,

Gemeinsam fürder Lieb' und Leid zu kosten,

Und wär' es auch in eines Kerkers Grunde!

Willkommen, junge Klarheit!

Willkommen, Tag der Wahrheit!

Von Haft zu Haft bis in das Reich der Schatten

Begleit ich den geliebtesten der Gatten."

Nach einer großen Überraschung und einer Aufwallung von Ärger, die

ebensosehr ihrer eigenen jahrelangen Unaufmerksamkeit als dem

Geschehenen galt, empfand die Herzogin, lebensklug, wie sie war, jene

Beruhigung, die in der vollendeten Tatsache liegt. Denn, wie sie die

Base kannte, war es für sie Gewißheit, daß der Zwiegesang am

"vergessenen" Turme ein entschlossenes Opfer Angelas und eine

vorangegangene Trauung bedeutete, und sie ahnte auch mit Sicherheit,

welcher Priester diesen unwiderruflichen Akt vollzogen habe.

"Der gottlose Franziskaner", schalt sie ganz im Ernste, indem sie

sich auf ihr Lager zurückzog, wo sie, ihr leichtes Haupt auf das

Kissen legend und ihre Gedanken abwerfend, entschlummerte.

Sie schlief in den hellen Morgen hinein, und als sie erwachte,

erblickte sie Angela, die mit bittenden Augen an ihrem Lager kniete.

Sie aber schloß ihre Lider noch einmal, legte das blonde Haupt auf

das Polster zurück und sprach abwehrend:

"Verschone mich mit deiner Bitte, die ich ungesagt kenne... Du

willst mich wieder bei den Klarissen zurückhalten, weil du der

geistlichen Übungen nicht satt wirst, du Fromme! Diesmal kann es

nicht sein... ich erwarte die Verfügung des Herzogs. Und liegt dort

nicht schon ein Schreiben Don Alfonsos? Du hast es mir während

meines Schlummers gebracht? Gib es mir gleich!"

Sie löste das Siegel und überflog die Botschaft mit raschem Blicke.

Ihr Gemahl hatte geschrieben:

"Geliebte Herzogin!

Beruhigt Euch über den Vorfall im Kloster. Es handelt sich einfach

um eine Torheit des altersschwachen Mirabili. Er verkehrte mit dem

Blinden, der, wie Ihr vielleicht nicht wußtet, seit einigen Jahren

den 'vergessenen' Turm bewohnte, ihn aber heute verläßt. Der Alte

hatte sich in den Gedanken verbohrt, den Blinden, dem die

Verführungskunst geblieben ist, in Freiheit zu setzen. Nachdem er

vor zwei Jahren schon ein wunderliches und unehrerbietiges Schreiben

an mich gerichtet, hat er vor kurzem, Torheit auf Torheit häufend,

mit einer erbärmlichen Summe den Torwart zu bestechen versucht und

nach einem Abdruck in Wachs einen Schlüssel des Turmes bei meinem

Hofschlosser bestellt. Wenige Stunden später lag Bestechungssumme

und Wachsabdruck auf meinem Tische. Ferne sei von mir, über meinen

weiland Lehrer, der bei grünen Kräften mich zu meinem Heile und mit

gutem Erfolg gezüchtigt hat, strenges Gericht zu halten! Er sitzt

nun bei meinen Benediktinern in Modena, die ihn mit ihren

Manuskripten in ihrem festen Hause aufbewahren.

Es ist gut, daß Ihr heute kommet. Graf Contrario wird mir von Stunde

zu Stunde unleidlicher. Nicht genug, daß er in meiner armen

Fayencemalerei ein falsches Kunstprinzip erkennt, ist er mir gestern

hinter meine Drehbank geraten und hat mir mit seinen eigensinnigen

Fingern eine Hauptschraube verkrümmt. Kommet, bevor er mir alles

verdirbt, und bringet das Mädchen mit, daß wir sie heute noch

zusammengeben und beide, nebst den flavianischen Gütern, endgültig

loswerden.

Inzwischen Euer gnädiger und

Euch herzlich liebender Gemahl."

Lukrezia las diese Zeilen zwischen Lächeln und Besorgnis. "Große",

sagte sie--so pflegte sie die höher gewachsene Angela scherzend zu

nennen--, "reiche mir das Morgengewand und mache mich fertig, daß wir

mit lauterm Antlitz und geordneten Gedanken dein Bestes erwägen, denn,

wisse, von deiner Zukunft handelt dieser Brief. Der Herzog wünscht

dich noch heute mit Graf Contrario zu vermählen."

Als Angela zusammenschrak, lächelte die Herzogin: "Frauenschicksal!...

Bist du denn ein Heiligtum, daß du eine redliche Werbung als

Beleidigung empfindest, nicht anders, als schände dein Freier einen

geweihten, oder betrete wenigstens einen fremden, verbotenen Boden?

Ich habe dich aus Rom nach Ferrara mitgenommen, um dir in dieser

gewalttätigen Zeit durch eine ehrenvolle Heirat eine feste und hohe

Stellung zu geben, und der Graf, den wir für dich erwählt haben,

bietet dir, bei einigen unangenehmen Eigenschaften, alle diese

bedeutenden Vorteile. Dazu ist er ein vollkommener Edelmann."

"Edelmann?" spottete Angela, "und er würde mich heimführen ohne

Liebe? Als Anhängsel der flavianischen Güter?"

"Was forderst du denn?" antwortete Lukrezia erbittert: "Willst du es

anders haben, als wir alle? Was ist Männerliebe? Reiz, List, Begier,

Gewalttat, Haß, Ekel!... Ich habe nie einen Mann geliebt!" So

bekannte Lukrezia Borgia.

Angela schwieg. Sie wußte es anders und besser. Dann sagte sie

einfach: "Aber die Liebe, die aus Reue und Mitleid stammt?"

"Das ist die himmlische", meinte Lukrezia, "ganz nach dem Katechismus!"

"Himmlisch oder irdisch!" bekannte Angela, "aus dieser Liebe bin ich

das Weib Don Giulios geworden."

Die Herzogin stellte sich erstaunter und erzürnter, als sie war:

"So konntest du dich gegen mich und den Herzog vergehen, du Arge! Du

stürzest dich in die Schmach und das Dunkel, statt, wie es jedem

edeln Weibe geziemt und angeboren ist, hoch und höher zu streben und

durch verborgene Klugheit das Leben zu beherrschen! Du aber,

Niedrige, suchst den Kerker eines Blinden und Verurteilten."

"Wie ich mich so erniedrigen konnte, will ich dir erzählen, Lukrezia",

sagte Angela stolz und demütig.

"Am Abend, da Strozzi ermordet wurde, und ich zu dir ins Kloster floh,

sah ich, wie Don Giulio in den 'vergessenen' Turm gebracht wurde,

und schon damals hafteten meine Blicke an den erbarmungslosen Mauern

und trugen mich meine Füße unter das im Grün verborgene Gitterfenster.

Schon damals hätte ich gerne zu ihm geredet, aber die Stimme

versagte mir.

Im Herbste dann, zur Adventszeit, erreichte sie ihn. Der Nordwind

hatte einen Haufen welken Laubes ergriffen, wirbelte es empor und

jagte es durch das Kerkerfenster zu dem Este hinein, so daß die

morschen BIätter ihn raschelnd überschütteten und, wenn er danach

tastete, in seinen Händen zerbrechen mußten. Da erschien es mir

unendlich grausam, daß die Natur dem Elenden ihren Tod über das Haupt

streute. Ich erhob meine Stimme und rief:

'Don Giulio, Euer Unglück ist da! Es folgt Euch in Liebe.'

Er aber erkannte meine Stimme und antwortete: 'Sei mir willkommen!...'

Damals und später, sooft ich mich ihm nähern konnte, erklärte er mir

sein Inneres folgendermaßen:

'Als du mich einst in Pratello aufstörtest' sagte ich dir, du

könntest Vergangenes nicht ändern und meine Augen nicht

wiederschaffen; aber jetzt sind mir geistige aufgegangen. Ich sehe'

--er lächelte--'ich sehe mit ihnen, daß, wenn mich dein zufälliges

Wort geblendet hat, es zu meinem Heile geschah; zwar auf eine

schmerzliche und gewaltsame Weise, wie eine Mutter ihr schreiendes

Kind einem Räuber aus den Armen reißt! Denn ich wäre in dumpfer Lust

zugrunde gegangen, während ich jetzt mit hellen Sinnen lebe, wenn

auch als ein Verminderter, da mir das edle Augenlicht genommen ist

und ich beschränkt bin auf ein dunkles Tagewerk. Nur sehne ich mich

freilich nach der Waldluft und dem Erdgeruch meines Pratello und auch

nach den Hunderten, die es bebauen und denen ich gerne ein guter und

gerechter Vater wäre.'"

Und Angela begann mit überschwenglichen Worten Don Giulios neues

Wesen zu preisen und auch, ihr Glück... Doch das Unaussprechliche

ließ sich nicht sagen, und sie schloß damit, Lukrezia zu umhalsen und

bis zum Ersticken zu küssen.

Während sich diese der Umarmung zu entziehen suchte, trat Pater

Mamette mit schuldlosem und hellem Angesicht ein.

Die Herzogin aber wandte sich entrüstet gegen ihn.

"Ruchloser Mönch!" redete sie ihn an, "wie durftest du es wagen,

deinen Herzog mit so frechem Eingriff in seine vormundschaftliche

Macht über diese hier zu beleidigen?"

"Ihr meint, erlauchte Frau, damit, daß ich Don Giulio d'Este mit

Donna Angela Borgia getraut habe?" sagte er bescheiden. "Ich tat es

im Dienst einer höheren Gewalt als der des Herzogs. Es handelte sich

um das Leben Don Giulios und um den Frieden dieses Herzens"--er

blickte auf Donna Angela.

"Im Grunde des 'vergessenen' Turmes liegt eine enge Kapelle, die zum

Dienste der Gefangenen bestimmt ist und durch ein hochgelegenes,

schmales, mit schweren Eisenstäben vergittertes Fenster kaum erhellt

wird.

Dorthin führe ich allsonntäglich Don Giulio und lese für ihn die

Messe. Da erhob ich einmal vor Jahren während der heiligen Gebräuche

den Blick zum Fenster, wo sich etwas, wie die Schwinge eines Vogels,

geregt hatte. Zwischen dem grünen Blattwerk sah ich braunes

Kraushaar und zwei andächtig leuchtende Augen. Es konnte ein Engel

sein, welcher der heiligen Messe beiwohnte... er störte mich nicht.

Als ich dann den Kerker verließ, begegnete mir in der Klosterkirche

Donna Angela, deren Beichte ich hören sollte.

Ich erschrak bei ihrem Anblick; denn ihre Stirne trug in tiefen

blutroten Striemen das 'Zeichen des Kreuzes. Was konnte es anders

sein als der Eindruck des Fenstergitters der Turmkapelle? Ich erriet,

daß die Jugendliche, das verschlungene Geäst der Feigenbäume

benützend, im Laubdunkel verborgen, die Stirn auf die harten

Eisenstäbe gestützt hatte, um in die Kapelle hinunterzublicken.

In ihrer Beichte quoll ihr Elend empor. Tiefer und blutiger, als es

auf ihrer Stirne stand, hatte sich das Gefängnis Don Giulios in ihr

Herz eingeschnitten. Die ganze Schuld an der Blendung des Este und

nicht minder die Schuld seines Hochverrats lag auf ihrem Gewissen.

Sie war die Ursache seines Kerkers.

Sehnsüchtig verlangte sie nach einer Sühne, die unmöglich war, und

nach einer Buße, welche die Höhe ihrer Schuld niemals erreichen

konnte. Seine Augen konnte sie nicht neu schaffen, und ihr Verlangen,

wenigstens, mit ihm verurteilt, sein Kerkerdunkel zu teilen, konnte

ihr die irdische Gerechtigkeit nicht gewähren. Aus diesem Inhalt

ihres Herzens erkannte ich ihre große Liebe zu Don Giulio: Denn Liebe

schlägt gering an, was sie gibt, hoch, was sie verschuldet, und

bedarf einer großen Vergebung.

Was aber das Recht nicht verleihen kann, das gewährt die

Barmherzigkeit der Kirche. So mußte und durfte ich unwürdiger

Priester durch das Sakrament der Ehe die beiden in eine Schuld und in

eine Buße vermählen.

Das Staatsgesetz übertraten sie bei der Trauung in keiner Weise. Der

Gefangene verließ den Turm nicht, er stand in der Kapelle, und Donna

Angela stützte wieder ihre Stirne an das Gitterkreuz, durch welches

die von mir gesegneten Ringe gewechselt wurden..."

"Solche Ehe ist verwerflich und ungültig", behauptete die Herzogin

empört.

"So blieb es", fuhr der Franziskaner ruhig fort, "bis Don Giulio nach

dem unglücklichen Briefe Mirabilis von einem verderblichen Fieber

aufs Lager gestreckt wurde. Wie war es möglich, die Eines Gewordenen

im Sterben zu trennen!... Er genas unter Donna Angelas Pflege. Die

Ehe blieb verborgen, da Angela damals länger als sonst und allein bei

den Klarissen blieb, während Eure Erlaucht zur Zeit des

venezianischen Krieges in Abwesenheit des Herzogs vom Morgen bis zum

Abend dem Wohle des Staates lebte. Die Stunde der Entdeckung stellte

ich, wie unser ganzes Los, in Gottes Hand."

"Das Eurige könnte leicht ein schlimmes werden, ehrwürdiger Vater,

wenn ich mich nicht herablasse, bei Don Alfonso für Euch einzutreten

und fürzusprechen!" sagte Donna Lukrezia mit einem Zuge der

Verachtung um den feinen Mund.

"Tut, was Ihr dürft!" erwiderte der Franziskaner und beurlaubte sich.

Als am Abend in der Dämmerung die Sänfte der scheidenden Herzogin,

aus dem Kreise der Nonnen fortgehoben, ins Freie trat, erschien vor

dem Tore des "vergessenen" Turmes der Pater noch einmal. Mit

erbleichtem Angesicht hielt er die Träger auf und flüsterte der

Herzogin zu:

"Der Gefangene ist verschwunden. Ich weiß, daß der Hauptmann der

herzoglichen Leibwache verlarvt bei ihm erschien und ihn unter einer

dunkeln Maske weggeführt hat. Tretet für ihn ein, Madonna, wie Ihr

es mir verhießet!"

Als die beiden Frauen den erleuchteten Festsaal der Burg betraten,

fanden sie dort Don Alfonso, der, die Herzogin erwartend, auf und

nieder schritt und sich zuweilen mit einem Blick und einem Rat an der

Schachpartie beteiligte, welche ein grauer Höfling mit langer

ehrwürdiger Nase gegen den Grafen Contrario spielte.

"Schach und matt!" krähte der Graf triumphierend und trat, während

sein Gegenpart vernichtet auf das verlorene Spiel starrte, den Frauen

ritterlich entgegen.

Aber schon hatte der Herzog Donna Lukrezia zu einem entfernten

Ruhesitz geführt und begann, nachdem er sie kurz begrüßt hatte, ihr

ein Schreiben mitzuteilen. Es kam aus Mailand. Der Kardinal

Ippolito hatte es mit zitternder Hand geschrieben, und es lautete:

"Geliebtester Bruder, ich bereite mich zum Sterben. Ein inneres

Geschwür tötet mich. Ich leide unerträglich. Mich quält der Gedanke:

Vielleicht könnte ich leichter scheiden, wenn Don Giulio, mit dem

ich mich oft beschäftige, seinen Kerker verließe.

Angela Borgia · 第 22 / 23 题