Du hast davon gehört, mein Herkules?"

"Wie sollt ich nicht?" höhnte der Richter, "da ganz Italien davon

widerhallte! Wer kann vergessen, wie Papst Alexander von Herzog

Herkules überlistet wurde, wie maßlos das alte Laster sich gebärdete

und welche unnachsprechlichen Worte es ausstieß, als es sich geprellt

sah!"

Und Strozzis Lache dröhnte unter der niederen Wölbung.

Zugleich hörte Angela durch die Mauerluke, an der sie saß, aus dem

nächtlich stillen Hofe herauf den weichen Tenor wieder, dessen

Kantilene sie bewegt hatte, als sie in der Siestastunde vor der

Ankunft des Herzogs mit Lukrezia am Fenster saß. Es war dasselbe

Liebeslied... "Ist es ein mit dem Herzog verabredetes Zeichen, daß

Strozzis Mörder bereit stehen?" fragte sie sich mit klopfendem Herzen.

Von diesem Moment an schien des Richters herausforderndes Wesen dem

Herzog zuviel zu werden.

"So unterhaltend deine Gesellschaft ist, mein Strozzi", sagte er

freundlich, "ich muß dich nun entlassen. Du weißt, ich bin heute

scharf geritten und, in der Tat, ich fühle mich müde. Wir kommen

wohl auf unsern Gegenstand zurück. Glückselige Nacht!"

Und er beurlaubte das Opfer.

Da Strozzi an der im Halbdunkel sitzenden Angela vorüberging und sich

hinuntersteigend in die schwacherhellten Schloßgänge vertiefte, blieb

diese wie versteinert, denn die unheimliche Lustigkeit Strozzis war

ihr ein Vorzeichen seines Untergangs, und die unerschöpfliche Geduld

des Herzogs erfüllte sie mit Grauen.

Als sie eine Weile später mit ihrem gefundenen Schlüssel neben dem

Herzog stand, der aus dem Archiv getreten war und es abschloß, kehrte

der Richter, wie tastend, wieder zurück.

"Ich weiß nicht, wie mir geschieht, Hoheit", stotterte Strozzi,

dessen Lustigkeit verschwunden war, "ich finde den Ausgang nicht und

bitte um eine Fackel."

Der Herzog rief nach einer, die ein Diener dem Richter vortrug,

welcher ihr wankend folgte.

Nun floh Angela in ihre Kammer, die sie in verwirrender Angst fest

verrammelte, mit ihren klopfenden Pulsen den Lebensrest des Richters

zählend und seinen Todesschrei erwartend.

Da ertönte er--entsetzlich und lang--und drang ihr durch das

innerste Mark.

Mit zitternden Händen warf sie einen Mantel um, ergriff ihre kleine

Leuchte, glitt die einsamen Stiegen hinunter und stürzte aus dem

Palast. Hilfe zu bringen?... Nein, sie zu suchen bei Lukrezia, im

Kloster!... Sie wußte nicht, was sie wollte.

An der Ecke der Burg stieß ihre Fußspitze an den Toten. Sie

leuchtete ihm ins Antlitz, konnte aber die bleichen, verzerrten Züge

nicht lange betrachten.

Sie kniete nieder, machte über ihm das Zeichen des Kreuzes und

verhüllte ihm das grause Haupt barmherzig mit seinem Mantel.

Dann floh sie weiter zu den Klarissen, deren Haus, nur zwei kurze

Gäßchen entfernt, auf dem Boden der alten Stadtumwallung stand.

In der Mitte des zweiten hörte sie Schritte hinter sich, wandte sich

um und sah einen ihren fliegenden Gang verfolgenden Schatten. Sie

meinte, der Tote habe sich erhoben, und verdoppelte ihre Eile. Doch

ihre schnellen Füße wurden durch ein andres Nachtgesicht aufgehalten.

Dicht vor dem Kloster nämlich sprang ein fester Turm mit seiner

gewaltigen Rundung vor, den das Gäßchen umkreiste, und der mit dem

Kloster aufs seltsamste baulich verwachsen und durch den üppigsten

Efeu verwoben war.

Seine ewig verschlossene, hohe, schmale Pforte war wunderbarerweise

geöffnet, und davor hielt ein Reitergedräng. In der Mitte saß auf

einem Schimmel ein schlanker Jüngling mit einer Binde über den Augen.

Angela erblickte Don Giulio, von dem sie doch wußte, daß ihn der

Herzog nach Fenestrella, auf eine Insel in den Pomündungen, hatte

bringen lassen.

Lebte dieser Don Giulio? War er ein Traum?

Nachdem die, einer hinter dem andern, Einreitenden das Gäßchen

geräumt hatten, klopfte Angela an das Klostertor und wurde von der

Pförtnerin, der raschen Schwester Consolazione, ohne Verzug in den

Klosterfrieden eingelassen.

"Ihr seid erwartet", sagte sie. "Aber wie? Ihr kommt zu Fuß und

allein? Wie Euer Herz pocht, Erlauchte! Wahrlich, wie einem

geängstigten Vogel..."

"Führt mich zur Herzogin!" unterbrach die Borgia.

Da ihr Schwester Consolazione sachte die noch erhellte Zelle öffnete,

lag Lukrezia im sanften Licht einer Ampel schon entkleidet auf dem

reinlichen Lager in weißem Nachtgewand, fest entschlummert, ruhig

atmend wie Ebbe und Flut, mit einem Kinderlächeln auf dem

halbgeöffneten Munde, während Natur leise verjüngend über ihrem

Lieblinge waltete. Als Angela aus dem Schlosse floh, hatte sie der

Wunsch getrieben, sich schluchzend an die Brust der Freundin zu

werfen und ihren Geblendeten neben den Getöteten Lukrezias zu legen.

Nun betrachtete sie die schöne Schlummernde aufmerksam, verlor den

Mut, sie zu wecken, und seufzte:

"Wie bin ich eine andre!"

Angela Borgia · 第 21 / 23 题