"Du begreifst", sagte der Herzog, "daß ich sofort willfahrte. Aber
wohin nun mit dem Blinden? Gib mir deinen Rat, Lukrezia, was ich mit
ihm anfange. Er wird sogleich hier erscheinen. Ich habe Befehl
gegeben, mir ihn vorzuführen."
"Das Schicksal hat sich seiner angenommen", sagte sie. "Erstaune!
Seit zwei Jahren ist er vermählt. Zur Schande meiner Klugheit sei es
eingestanden, mit meiner aus der Art geschlagenen Base, die im
Schatten unseres Klösterchens den 'vergessenen' Turm besuchte.
Strafe gehört ihr. Wir grenzen die beiden im Gebiete von Pratello
ein und geben ihm Angela zur Hüterin."
Ein wunderliches Gemisch von Entrüstung und Befriedigung erschien auf
den Zügen des Herzogs. "Doch was fangen wir mit diesem an?" sagte er
höhnend und deutete auf die Mitte des Saals, wo der Graf in längerer
und sorgfältig begründeter Rede um die Hand der verstummten Angela
warb.
Jetzt aber öffnete sich die Tür, und der Blinde erschien auf der
Schwelle.
"Vergebt, Herr--da ist mein Gemahl!" rief Angela selig und eilte zu
ihm.
Don Giulio trat ein mit einer leichten Binde über den Augen, aber mit
sicheren männlichen Schritten, von Angela unmerklich an der Hand
geführt.
Er erreichte den Herzog, bog das Knie, faßte seine Hand und sprach:
"Bruder, ich habe mich schwer an dir vergangen, da ich dir..."
vielleicht wollte er sagen "nach dem Leben stand"--aber der Bruder
ließ den Bruder nicht ausreden, sondern hob ihn zu seinem Munde empor,
und die Männer küßten sich und überschwemmten sich mit Tränen.
Der Herzog faßte sich bald.
"Mein Wort bleibt!" sagte er. "Du bist mein Gefangener im Umkreis
deines weiten Pratello, und diese setze ich dir zur Hüterin."
"Er wird Euer Gebot nicht übertreten", sagte Angela. "Weder dort
noch anderswo; denn seinen dunkeln Kerker kann er niemals verlassen.
Er trägt ihn überall mit sich."
"Nicht wahr, Bruder", bat Don Giulio, "du tötest mir meinen alten
Mirabili nicht?"
"Was denkst du von mir, Julius? Ich sollte einen Mann töten, der uns
die stoische Weisheit gelehrt hat!... Er sitzt wie im Paradiese bei
unsern gelehrten Benediktinern in Modena!"
Graf Contrario hatte Mühe, an das zu glauben, was er vor sich sah.
Er empfand nur den dunkeln Trieb, dem leidensvollen Paare etwas
Unangenehmes zu sagen. So warf er noch zwei Steine, die sich aber in
Rosen verwandelten.
Er wandte sich zuerst an den Blinden.
"Ich wünsche Glück, Prinz!" sagte er. "Aber erlaubt mir den Mut
meiner Meinung. Ich denke, ein wahrer Edelmann, ein ganz vollendeter
Edelmann hätte sich wohl gefragt, ob es zart gehandelt sei, wenn ein
Blinder eine Sehende an sich fesselt und sie mit verliebten Armen
selbstsüchtig in sein Grab niederzieht. Blieb Euch das verborgen
oder von Euch unerwogen?"
"Graf!" antwortete Don Giulio glücklich, "sie nahm mir die Augen und
gibt mir dafür die ihrigen. Sie gibt gern, und ich nehme gern. Sie
ist selig im Geben und ich im Nehmen."
Angela aber jubelte im Übermaß der Liebe: "Deine schönen blauen Augen
werden wieder erstrahlen, mein Geliebter:... Du schicktest mich
einst fort aus Pratello, weil ich sie nicht neu schaffen könne.
Deine Augen werden heller und jünger leuchten als zuvor... aus dem
Angesichte deiner Kinder, wenn sie mir Gott gibt!"
Sie erschrak über ihre Kühnheit und wurde Glut.
Darauf warf der Graf seinen zweiten Stein. "Madonna", tadelte er,
"es gibt Dinge, die eine gebildete Dame kaum zu denken wagt,
geschweige, daß sie solche ausspricht!"
Angela antwortete mit festlichen Augen--schade, daß der Blinde nicht
hineinblicken konnte!--: "Was wollet Ihr, Graf? Ich bin eine Borgia
und bleibe eine Borgia, da müsset Ihr mir schon etwas zugute halten."
Es entstand eine Pause. Graf Contrario aber wandte sich mit edelm
Entschlusse an die Herzogin. "Erlauchte Frau", sagte er, "ich
willige in die von Euch vorgeschlagene Teilung der flavianischen
Güter."