Es erschien Angela, als betonte der Herzog das letzte Wort auf
ironische Weise; aber sie mußte sich täuschen, denn Strozzi
antwortete völlig unbeirrt.
"Hoheit", sagte er, "der Witz ist, das Wesentliche vom Unwesentlichen
zu unterscheiden: Das gehört nicht zur Sache, und das nicht--so
bleibt noch das, und das ist einfach.
Der innerste Kern des vor Alter vergilbten und von Tücke und Kniffen
verdrehten Prozesses ist aber dieser:
Nachdem die Flavier und Contrarier sich jahrhundertelang als Vettern
gequält und versöhnt, befeindet und zu Erben eingesetzt hatten,
entschloß sich der letzte kinderlose Flavier, namens Nestor, aus
unbekannten Gründen, seinen bedeutenden Besitz seinem Vetter, dem
Grafen Mario Contrario, dem Vater unsres jetzigen anmutigen Grafen,
testamentarisch zu hinterlassen.
Nun verbietet aber unser ferraresisches Recht, sein Gut einem Fremden
zu vererben, ohne die vorher erlangte Ermächtigung des Herzogs.
Diese Einwilligung Eures Vaters aber, obwohl niedergeschrieben und
von diesem anerkannt, wurde niemals durch seinen Namenszug perfekt
gemacht. Denn da der letzte Flavier zu Pferde stieg und nach Ferrara
fuhr, um durch sein persönliches Erscheinen jene Unterschrift von
Eurem Vater zu erlangen, sprang der Tod grinsend hinter ihm aufs Roß
und schnitt mit der. Sense dazwischen. Er ward auf der Reise vom
Schlage gerührt.
Wie lag nun die Sache?
Das Testament war formell nichtig, da die Unterschrift des Herzogs
mangelte, und Euer Vater, Herr Herkules, fand sich nicht bewogen, sie
darunterzusetzen. Er konfiszierte die flavianischen Güter.
Euer Zutun, erhabener Herr, ist nun keine Rechtssache mehr, sondern
eine Sache Eurer Großmut, in die ich mich nicht mische."
"Wisse, Richter", versetzte der Herzog, ohne den achtungslosen Ton
Strozzis zu rügen, langmütig, "daß ich nicht viel anders denke, noch
denken darf, als mein Vater Herkules! Wo es ein rechtlich zulässiges
Mittel gibt, den Staatsschatz zu füllen, darf ich es aus sogenannter
großer Gesinnung nicht verschmähen und dafür meine Kaufleute und
Bauern belasten.
Auf der andern Seite freilich ist mir unlieb, daß die Contrarier so
unbestreitbar das innere Recht für sich haben, als ich das äußere."
"Evident!" spottete der Richter.
"Da dünkt mich", fuhr der Herzog gelassen fort, "wäre ein Kompromiß
am Platze. Was meinst du, Richter? Wir steuern mit den
flavianischen Gütern Donna Angela Borgia aus und vermählen sie mit
dem Erben der Rechtsansprüche der Contrarier, dem liebenswürdigen
Grafen Ettore. Unter uns, ich wünsche das Mädchen weg. Sie bringt
mich und den Staat Ferrara um unsern unvergleichlichen und
unersetzlichen Kardinal Ippolito."
"Ich mag sie auch nicht und wünsche sie in den Mond! Kuppeln wir sie
mit dem Pedanten!..." scherzte der Richter mit wüster Heiterkeit,
nicht anders, als wäre er trunken.
"Du mußt wissen, mein Herkules", fuhr der Herzog fort, anscheinend
ohne sich an dem ärgerlichen Benehmen des Richters zu stoßen, "daß es
eigentlich Donna Lukrezia ist, welche ihre Base aussteuert. Die
flavianischen Güter bilden ihr Wittum, aber es ist ein unsicherer
Besitz, da unsre Gerichte noch nicht endgültig gesprochen haben...