Die Nachricht ist sicher. Sie kam über Neapel und fand mich in Rom."

Er zog einen Brief aus dem Wams und entfaltete ihn.

"An den Iden des Märzes, wie einst der römische Julius Cäsar, sein

Vorbild und Namenspatron, fiel Don Cesare in einer Schlucht vor dem

spanischen Schlosse Viana, das er im Dienste seines Schwagers, des

Königs von Navarra, mit großer Tapferkeit berannte.--Also steht hier

geschrieben."

Solches berichtete der Herzog mit diplomatischer Genauigkeit. Doch

fügte er bei: "Ein früher und ritterlicher Tod!" Dann schloß er mit

Frömmigkeit:

"Requiescat in pace! Requiem aeternam dona ei, domine!"

Während dieser Rede beobachtete er die Herzogin aufmerksam.

Diese war eine Weile versteinert gestanden. Dann brach sie mit einem

Schrei zusammen und sank in die Knie. Nicht anders als ein geraubtes

Weib, welches ihr von einem Pfeile durchbohrter Entführer plötzlich

fallen läßt.

Auch der Herzog, der keine Dämonen kannte, sah sie aus unsichtbaren,

sie umklammert haltenden Armen stürzen. Er hob die Gesunkene an

seine Brust, die sie mit ungezähmten Tränen überströmte.

"Du mußt wissen... laß dir's sagen... ich verriet dich... ich

mißgehorchte dir...", schluchzte sie erstickend.

Der Herzog aber beruhigte sie liebevoll. "Jetzt, Lukrezia", sagte er,

"erst heute wirst du ganz und völlig die Meinige. Siehe, bis dahin

besaß dich der Geist deines Hauses, der mein Gefühl beleidigt und

mein Urteil herausfordert. Ich habe mich mit dir vermählt aus

Staatsgründen und aus Gehorsam gegen meinen Vater, ohne dich zu

kennen, außer durch das unheimlichste Gerücht. Höchst widerwillig!

Als ich dich aber erblickte, bezaubertest du mich! Denn welcher

Sterbliche mag dir widerstehen?

Auch erfüllte mich dein guter Wille, den ich wohl unterschied, und

dein ernstes Bestreben, dich von den unmöglichen Sitten und dem

gesetzlosen Denken deiner Familie zu trennen und den schützenden

Boden eines rechtlichen Daseins zu betreten, mit Sympathie, ja mit

Ehrerbietung. Das Blut der Borgia begehrte täglich in dir aufzuleben

und dich zurückzufordern. Doch, siehe, nun bist du frei geworden.

Die Deinigen alle sind verstummt und bewohnen die Unterwelt, woher

keine Stimme mehr verwirrend zu den Lebenden dringt."

Lukrezia seufzte schwer. Es war ein tiefer Schmerzenston und

zugleich ein Aufatmen der Erleichterung und Entbürdung. Und dann kam,

wie das Blut aus einer Wunde sprudelt, ein reuiges Klagen, ein

verzweifeltes Sichgehenlassen, ein nacktes Geständnis dessen, was sie

von jeher für Cäsar gesündigt und von ihm erlitten.

Don Alfonso erfuhr nichts Neues. Aber Angela, deren Gegenwart

Lukrezia unter der Übermacht ihres Gefühles vergaß oder für nichts

achtete, wechselte die Farbe und erduldete für die andere alles

Entsetzen des Frevels und alle Qualen der Schande.

Jetzt umfing Lukrezia, vor dem Herzog niederstürzend, seine Knie,

ergriff seine Hände und bedeckte sie mit Küssen. "Ich bin die Maria

Magdalena", schluchzte sie. "Mein Herr hat mir vergeben, und jetzt

ist kein Teilchen meines Wesens mehr, das nicht sein eigen wäre...

Ich habe das Leben verwirkt, dein Gebot übertretend, aber du schenkst

es mir! Und nun darf es nicht mehr mein, sondern es soll das deinige

werden!...

Herr", sagte sie unversehens mit einer schmeichelnden Gebärde, "ich

habe ein Anliegen an Euch."

Der Herzog glaubte, sie wolle ihm von Strozzi reden und zog die

Brauen zusammen.

"Gestattet mir", bat sie, "daß ich von nun an den Bußgürtel trage!"

Don Alfonso lächelte. "Ich erwartete ein anderes Ansinnen", sagte er.

"Und welches?" fragte sie.

"Eure Fürsprache, Madonna", erwiderte der Herzog, "für einen

Schuldigen, der seinen Kopf aufs Spiel gesetzt und ihn verloren hat."

"Wen meint Ihr?" fragte Lukrezia, ehrlich verwundert.

Herkules Strozzi war ihrem Gemüte gänzlich entfallen, seit er ihr

durch den Tod des Bruders entbehrlich und gleichgültig geworden war,

und der Herzog empfand die Genugtuung, daß der stolze Römerkopf nicht

im Gedächtnisse seines Weibes, noch weniger aber in ihrem Herzen

hafte, ja, daß Strozzi unmöglich jemals den geringsten Wert für

Lukrezia besessen haben konnte.

Das stimmte ihn gnädig, so strenge er sonst jeden Ungehorsam zu

ahnden pflegte. Er betrachtete sein Weib, das er nun als ein

gesichertes Eigentum besaß, mit einer Art von Rührung. Noch nie

hatte er sie schöner gesehen.

Die Goldhaare, die sich während ihres leidenschaftlichen

Bekenntnisses gelöst hatten, ringelten sich um ihre vollkommenen

Schultern, und die zartblauen Augen brannten feurig.

Er hob eine ihrer blonden Lockenschlangen zum Munde und küßte sie mit

Inbrunst. Dann sagte er, als der Mann der Ordnung, der er war:

"Ruhet vor dem Mahl ein wenig, Herzogin, und rufet Eure Frauen, daß

sie Euch zurechtmachen. Denn, wenn Ihr so seid, werde ich auf das

Licht und die Luft, die Euch umgeben, eifersüchtig."

Angela zitterte vor Empörung, daß Lukrezia in unglaublicher

Selbstsucht ihren Mitschuldigen vergaß, und in ihrem innern Jammer

warf sie sich vor, daß auch sie ihren unglücklichen Blinden in seinem

Kerker vergesse. Es war ein ungerechter Vorwurf, den sie sich machte,

denn sie drückte, bildlich gesprochen, ihre Stirn, und deren

Gedanken, ohne Unterlaß und bis zum Schmerze an die Eisenstäbe seines

Kerkerfensters.

Als sie bei Kerzenschein neben der Herzogin am Spätmahl saß,

überwältigte sie dies Jammergefühl, und da sie Lukrezia die Speisen,

welche sie dem Herzog zärtlich vorlegte, kosten und ihm roten

Neapolitaner, zuerst davon schlürfend, kredenzen sah, war es ihr, als

trinke Lukrezia Menschenblut.

"Base", flüsterte sie ihr zu, "vergeßt Ihr das verwirkte Haupt?"

Lukrezia erschrak und erinnerte sich. Des Herzogs Schulter mit den

zarten Fingern berührend, fragte sie leichthin: "Schenkst du mir den

Strozzi, Alfonso?"

Der Herzog, der eben aus weichem Brot ein kleines Geschütz knetete,

warf es weg, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sann ein wenig.

Dann sprach er: "Herrin, da ich auf Strozzi gerechterweise nicht

eifersüchtig sein kann, und seine Anbetung Eurer Person eine Schuld

ist, die er mit allen Männern teilt, so bleibt mir nur sein

Ungehorsam gegen mein ausdrückliches Gebot zu bestrafen.--In der

andern Waagschale liegt Euer Fürwort, Madonna, und die ungewöhnliche

Fachtüchtigkeit des Mannes.

In Wahrheit, es widerstrebt mir, ihn aus einer Welt wegzuräumen,

welche so viel Geschmeiß unnützer und nichtiger Menschen ernährt.

Betrachtet den Fall, meine Kluge. Es ist unmöglich, den Menschen zu

begnadigen, ohne daß ich ihn vorher richte. Richte ich ihn aber, so

kann ich es nicht verantworten, einen so frevelhaften Ungehorsam

meiner ersten Magistratsperson zu verzeihen. Eines aber kann ich--

ihn vergessen. Sendet nach ihm, Herzogin, heute noch! sogleich!" Er

rief einen Diener und gab ihm den Befehl. "Sprecht zu ihm, Lukrezia;

prüfet ihn! Bringet ihn dazu, daß er aus Ferrara vor der nächsten

Sonne verschwinde. Er gehe, wohin es sei--nach Florenz, wenn er

will, da er florentinischen Ursprungs ist. Sein Wissen bürgert ihn

überall ein. Nicht einmal aus Italien verbanne ich ihn; er tue, als

sei er niemals nach Ferrara zurückgekehrt.

Wisset, ich begegnete ihm durch einen ärgerlichen Zufall an der

Zollstelle des Südtors, wo ich, einreitend, seine Gestalt aus den

Zollbeamten hervorragen sah, mit denen er sich herumstritt. Weder

begrüßte er mich, noch verbarg er sich. Die Vermessenheit seiner

Haltung hatte etwas Beleidigendes. Eure Mühe wird umsonst sein,

fürchte ich, Madonna.

Der Verlorene wird nicht weichen wollen--so stirbt er.--Schade um

ihn. Er ist ein vorzüglicher Jurist."

Der Herzog erhob sich von der Tafel und verabschiedete sich bei der

Herzogin, die der Übung gemäß sich für eine Woche zu den Klarissen

zurückzog, um für das Seelenheil des verblichenen Bruders zu beten.

Dann verabredete er mit ihr noch leise, unter welchen Worten

verborgen sie ihm durch den Haushofmeister das Ergebnis ihrer

Unterredung mit Strozzi melden sollte.

Diese fand in einem kleinen Rundzimmer unter den drei Flämmchen einer

schwebenden Ampel in Gegenwart Angelas statt und war kurz und

stürmisch.

Ungestüm trat Strozzi auf, mit flammenden Augen und eherner Stirn,

gebräunt von Wind und Sonne des Feldzugs. Ungeladen rückte er sich

einen Schemel zu Füßen der Herzogin.

Diese war völlig ohne Furcht. Ihr von den reichlich vergossenen

Tränen gebadetes Angesicht war hell und friedlich.

Strozzi täuschte sich keinen Augenblick darüber, daß er mit dem Tode

Don Cesares für sie zu einem Schatten, zu einem Nichts geworden war.

Und doch war er gesonnen, durch den Gefallenen ewig mit ihr verbunden,

nicht von ihr zu weichen.

"Erzähle ich Euch", fragte er, "die letzten Augenblicke des Bruders?"

"Nein, Strozzi. Ich weiß, daß er nach der Art seines Hauses tapfer

unterging, und weiß, daß er in Pampelona mit allen christlichen

Gebräuchen bestattet wurde--der Ärmste."

Von jetzt an nannte Lukrezia den Dämon, der ihr Bruder gewesen war,

nicht anders mehr als den Ärmsten, so wie sie ihr Ungeheuer von Vater

längst den Guten nannte.

Dann fuhr sie mit einem Seufzer fort: "Der arme Bruder bedarf der

Fürbitte! Und noch heute nacht werde ich mich, um dieser Pflicht zu

genügen, zu den Klarissen zurückziehen, in Übereinstimmung mit dem

Ermessen meines erlauchten und geliebten Gemahls."

So sagte sie, und es war ihr Ernst, ohne sich von dem Hohngelächter

in den Augen des Richters über die Frömmigkeit Lukrezia Borgias und

ihre Liebe zu Don Alfonso im mindesten stören zu lassen. Eine Pause

entstand.

"Ich habe einen Auftrag meines Gemahls an Euch", sagte die Herzogin.

"Ihr habt Euch schwer gegen ihn vergangen, Strozzi, seinem Befehl

geradezu entgegenhandelnd. Auch gegen mich, indem Ihr meiner Torheit

gehorchtet, obwohl Ihr sehen mußtet, daß mich die flehende Forderung

meines Bruders aus den Schranken der Pflicht geschleudert hatte.

Wehe dem Manne, der einer Pflichtlosen traut!

Die Engel haben mich Stürzende gerettet, und ich, mit der Gnade

Gottes, möchte Euch retten.

Der Herzog will Euch die zweifache Schuld gegen ihn und mich vergeben,

unter einer einzigen Bedingung, Strozzi! einer leichten Bedingung...

daß Ihr Ferrara verlasset noch diese Nacht und nimmermehr

zurückkehret. Benützet diese seltene Gunst! Es ist ganz gegen die

Weise des Herzogs, einen vorzüglichen Diener, wie Ihr seid, zu

entlassen und einem andern italienischen Staate zu gönnen! Denn

nicht einmal Italien sollt Ihr meiden..."

"Du verlierst deine Mühe, Lukrezia", unterbrach sie Strozzi zügellos,

"ich weiche nicht aus Ferrara, noch von dir! Wir gehören zusammen,

Don Cäsars Wille hat uns vermählt!"

Lukrezia lächelte schwach. Dann flehte sie, den durchsichtigen

Schleier der Scheinheiligkeit, in den sie sich verhüllt hatte,

abwerfend, mit bittenden und trauernden Augen:

"Wenn ich dir wert bin, Herkules, so rette dich! Ich mag und will

dich nicht auf der Seele haben!... Liebst du mich", lispelte sie,

"so fliehe!"

Da empörte sich die stille Angela gegen diese Verführung--selbst zum

Guten, zur Rettung.

"Richter", wandte sie sich mit heißen Wangen gegen Strozzi, "es ist

schmachvoll, daß Ihr zaudert. Fort aus Ferrara! Wie? Ein Mann, den

die Jugend als ihr Vorbild bewundert, ein Lehrer des Rechts, hat

nicht die Kraft, mit dem Bösen zu brechen und den Zauber eines armen

Weibes zu fliehen!--Errötet!..."

"Was träumt diese da von Gut und Böse?" überschäumte Strozzi und

sprang in die Höhe. "Was phantasiert sie von Recht und Unrecht?...

Es gibt kein Recht!... Dieser schöne Frevel hier", er blickte auf

Lukrezia, "hat es getötet!

Du aber, Mädchen, schweige! Was verstehst du von Liebe! Eine, die

den Liebsten blendet--einkerkern läßt--seinen Kerkermeister nicht

besticht--sich nicht in seine Arme schleicht--nicht sein Weib,

seine Magd wird--was weiß eine solche von Liebe!

Denn Liebe", flüsterte er geheimnisvoll, "läßt ihr Ziel nicht!

Nimmermehr! Nimmerdar! Morde mich, Lukrezia! Hier!" und er zeigte

auf sein Herz.

Sie starrte den Richter mit bleichen Augen an, und alle Lieblichkeit

war von ihr gewichen.

In diesem Augenblick ging der Türvorhang auseinander, und auf der

Schwelle stand der höchst würdevolle Haushofmeister mit dreierlei

Anliegen.

Er meldete die Sänfte der Herzogin; dann trug er die Frage vor, ob

sie schon morgen bei den Klarissen den Besuch des Herzogs erwarte.

Sie verneinte, und dieses Nein mochte wohl für den Herzog bedeuten,

daß der Richter seine Gnade von sich stoße.

Zuletzt wendete sich der Haushofmeister noch an diesen und ersuchte

ihn, das Schloß nicht zu verlassen, ohne dem Herzog im Archiv

aufgewartet zu haben.

Strozzi fragte schroff, ob es gleich sein dürfe, und der Greis ging

ihm voran, nachdem er das Haupt bejahend gebeugt hatte.

Die Herzogin aber ließ sich von Angela stillschweigend an die Sänfte

geleiten. "Ich nehme nicht von dir Abschied", sagte sie. "Du folgst

mir, lieber heute noch, nach." Sie hätte ihr gerne erspart, was

kommen mußte, wie sie selber davor auf die Seite wich.

Wenn ihr Dienst sie nicht an die Herzogin fesselte, bewohnte Angela

das einsame Erkerzimmer eines festen Eckturmes, der einen inneren Hof

beherrschte und in dem unteren Teile seiner undurchdringlichen Mauern

das Privatarchiv des Herzogs barg.

Um diesen Zufluchtsort zu erreichen, eilte die bange Angela die

Schloßtreppen hinan. Seitengänge und eine schmale Stiege führten sie

in den Turm und durch den kleinen Vorraum, wo die Drehbank des

Herzogs stand. Hier wunderte sie sich, die schwere Eichentür des

Archivs offen zu sehen, so daß die lauten Stimmen Don Alfonsos und

des Großrichters sie verfolgten, während sie eine weitere Stiege

erklomm.

Wie erschrak sie, als sie, angelangt, nicht eintreten konnte! Ihr

Söller, den sie eine Weile nicht benützt hatte, war verschlossen.

Der Schlüssel mochte im Archiv liegen. Nun mußte sie das Weggehen

Strozzis abwarten und duckte sich, wieder die Treppe herabgestiegen,

eine widerwillige Lauscherin, nicht von Neugierde, nur von Angst

gepeinigt, harrend in eine Nische der dicken Mauer.

"Dieser Rechtshandel", plauderte der Herzog bequem, "ist eine

langweilige Sache. Wir sollten sie endlich zu Schlusse bringen. Ich

habe die fraglichen Akten gründlich studiert", er schlug mit der Hand

auf einen Stoß Pergament, daß Angela den Staub einzuatmen glaubte.

"Ihr wißt, Richter, ich fürchte mich nicht vor Akten, aber diesmal

habe ich meine Mühe und das Öl meiner Lampe verloren. Sagt Ihr mir

lieber kurz, wer recht hat, der Graf Contrario als Erbe der Flavier,

oder ich und der Fiskus von Ferrara.

Angela Borgia · 第 19 / 23 题