"Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Zuerst, weil ich nur an dich
dachte, und dann, weil er mit Ferrante sich gegen uns verschwor, da
er sich rächen wollte."
"Und du entdecktest das ohne mich?"
"Man verriet sie. Sie liegen beide im Turme zum Tode verurteilt."
Jetzt wurde leise die Tapete gehoben, und eine ärztliche Stimme bat
mit Ehrfurcht um Beendigung des ersten Gespräches.
Der Herzog küßte die herabhangende Hand des Bruders mit Zärtlichkeit;
denn nicht nur liebte er den Bruder, die Rettung Ippolitos gab ihm
auch den unentbehrlichen Ratgeber zurück.
"Es ist ein kalter Novembertag", sagte er, sich erhebend. "Ich gebe
Befehl, Feuer in deinem Kamine anzufachen."
So geschah es.
Der Kardinal starrte in die steigende Glut.
"Lodert auf, ihr Flammen und Peinen!" seufzte er und sank in
Schlummer zurück.
Der Kranke erholte sich langsam, oder eigentlich, er erholte sich
nicht, denn seine Kraft war gebrochen.
Täglich wurde er von Don Alfonso besucht und erhielt nun auch von den
Ärzten die Erlaubnis, die an ihn einlaufenden Briefe zu öffnen.
Einen derselben hielt er einmal sinnend in der Hand, da der Herzog
eintrat. Das Schreiben kam von dem Sforza in Mailand, Ludovico Moro,
und hatte einen merkwürdigen Inhalt, den Ippolito dem Bruder nicht
vorenthielt.
Der Fürst bot dem längst ihm befreundeten Kardinal sein Mailand zum
Asyl an. Er redete zu ihm mit Bedauern, aber ohne Vorwurf von dem
blutigen Vorgange in Belriguardo, welcher ihm, nach seinem
Dafürhalten, ein längeres Bleiben in Ferrara und an der Spitze der
dortigen Staatsgeschäfte unmöglich mache; denn es habe sich
wunderbarerweise in einer Zeit, die der Gewalttaten nicht entraten
könne, ein unverständlicher Zorn über die Blendung Don Giulios an den
italienischen Höfen erhoben. Dagegen gebe es nun keine Waffe, und er
erwarte ihn bei sich auf seinem Kastell in Mailand. Er wisse, daß
Ippolito die Hoheit des Herzogs seines Bruders und die Politik
Ferraras durch seine Gegenwart nicht schädigen wolle, und auch in
Mailand wären genug politische Verstrickungen, deren Lösung einer
geschickten Hand, wie die seinige sei, bedürfe.
"Der alte Fuchs hat recht", sagte der Kranke ruhig. "Du wirst dich,
Bruder, ohne mich behelfen müssen!"
Der Herzog erschrak. "Davon hoffe ich dich abzubringen", antwortete
er. "Wie sollt' ich dich entbehren!... Oder ersetzen?"
"Durch deine Herzogin", lächelte der Kardinal.
Zu wiederholten Malen kam er mit dem Herzog auf die Unmöglichkeit
zurück, daß er im ferraresischen Staatsdienste bleibe.
"Ich wundere mich selbst darüber", sagte er, "doch sehe ich aus
meinen Briefen, daß ganz Italien annimmt, ich werde nach der Blendung
Giulios nicht mehr bei dir, dem gerechtesten Fürsten Italiens, mich
halten können, sondern freiwillig die Verbannung suchen, um es deiner
Gerechtigkeit zu ersparen, mich zu bestrafen oder ungestraft zu
lassen.
Sterben wie ich mich fühle, gehorche ich der öffentlichen Stimme.
Aber so lange will ich noch leben und bleiben, bis wir den Dämon
wieder gefesselt oder vernichtet haben, der in Kürze Italien
verstören wird. Alle meine Schreiben sind voll von Don Cesare. Aus
Neapel, aus Rom, aus Frankreich wird mir berichtet, Cäsar rüttle an
den Gittern seines Kerkers und habe sie zerbrochen. Ich weiß aus
Erfahrung, daß ein Gerücht, das die Geister durch die Luft tragen und
nicht müde werden auszustreuen, sich endlich verwirklicht.