Achtes Kapitel

Wenige Tage nach der Verhaftung Don Giulios, welcher die von Don

Ferrante vorangegangen war, wurden beide Brüder vor ein vom Herzog

ausgewähltes Gericht gestellt. Er schied aus dem zwölf Glieder

zählenden höchsten Gerichtshof die sechs jüngeren aus, so daß ein

Tribunal von Silberbärten übrigblieb unter dem Vorsitze eines

Jünglings; denn daß der rechtskundige Römerkopf des Herkules Strozzi

die Verhandlungen leitete, verstand sich von selbst.

Das strengste Geheimnis war in dem Hochverratsprozesse vom Gesetze

geboten und vom Herzog noch besonders eingeschärft. Aber es wurde,

wie die meisten Geheimnisse, nur unvollständig bewahrt. Es ist

anzunehmen, daß das eine und andre der beschneiten Häupter gegenüber

der quälenden Neugierde einer Frau, der eigenen oder einer andern,

nicht vollkommen widerstandsfest blieb.

So geschah es, daß sich über den Prozeß sowohl als über das Leben der

Brüder im Kerker eine Legende mit ziemlich deutlichen Zügen bildete,

und diese erzählte: die Verschwörung sei aus sehr verschiedenen

Elementen herausgewachsen. Neben einigen beleidigten oder sich

vernachlässigt glaubenden vornehmen Geschlechtern, den Boschetti von

San Cesario zum Beispiel, habe daran mancherlei abgehauster und auf

alle möglichen Auskünfte und Einkünfte erpichter Hofadel teilgenommen.

Auch unbezahlt gebliebene Künstler, ein Maler, ein Bildhauer, ein

stimmlos gewordener Hofsänger, vor allem aber der durch das Spiel

zugrunde gerichtete Hauptmann der Schloßwache und ein gewisser

zweideutiger Kämmerer des Herzogs, der, halb in Ungnade gefallen,

noch im Amte stehengeblieben war. Diesen hatte Don Ferrante mit

einer hohen Summe gekauft, und dieser verriet die Verschwörung, als

ihm, dem Zunächststehenden, die gefährliche Rolle zugewiesen wurde,

den Herzog Alfonso auf einem Maskenballe zu erdolchen. Er warf sich

ihm reuig zu Füßen und bekannte. Der Herzog geriet über das Komplott

in flammenden Zorn, und der sonst seiner Mächtige vergaß sich so weit,

daß er dem Menschen mit einem Stocke, den er in der Hand führte--

der Auftritt fand in einem Garten statt--, das Haupt blutig schlug.

Dann besann er sich, begnadigte ihn und betraute den Verräter mit der

Rolle des Spions unter den Verschworenen. Im Palaste Ferrantes

glückte es dem Kämmerer, der einwilligenden Zeilen des Blinden

habhaft zu werden, die Don Ferrante den Verschworenen triumphierend

mitteilte. So geriet das entscheidende Beweisstück, Don Giulios

unförmliche zornige Schriftzüge, in die Hände des Herzogs, und dieser

wies es dem Gerichte zu. Mit den Schuldigen von geringerem Range

wurde kurzer Prozeß gemacht. Albertino Boschetti und der Hauptmann

der Schloßwache wurden nach erlittener Folter enthauptet, die drei

Künstler aufs Rad geflochten.

Mehr Umstände machte man mit den Brüdern des Herzogs. Sie wurden

eingehend und in höflichen Formen verhört, ob auch ihre Schuld von

Anfang an durch das unselige Schriftstück erwiesen war.

Don Giulio war vor Gericht einfach in seinen Worten, mäßig im

Ausdruck seiner Gefühle und von niedergeschlagener Haltung. Er

verklagte weder sich noch andre, sondern nannte seine Geschichte ein

Verhängnis, ohne damit seine Schuld mindern zu wollen. Er habe,

sagte er, sich den Haß des Kardinals zugezogen durch seine

unabhängige Art und seinen wilden Wandel, nicht aber durch

Beleidigung der brüderlichen Person. Er räumte ein, daß ihm der

Kardinal über seinen Mangel an Ehrgeiz Vorwürfe gemacht, ihn

wiederholt seiner Antipathie versichert und ihn davor gewarnt habe.

Dessen erinnere er sich jetzt.

Damals aber habe die an ihm verübte Tat ihn schlimmer als Mord, eine

unmenschliche Ungerechtigkeit, eine höllische Grausamkeit gedeucht.

Am tiefsten habe ihn getroffen, daß sie vom Herzog ungeahndet

geblieben sei. Die Gleichgültigkeit des regierenden Bruders habe

sein Herz gebrochen, und er habe nur noch an Rache gedacht. Jetzt

aber sei ihm lieber, daß diese mißlungen sei, als daß neues Blut an

seinen Händen klebte, zumal das vergossene Blut seiner Brüder, seines

Fürsten!

Don Ferrante dagegen, erzählten sich die Ferraresen, habe zwar

ebensowenig geleugnet, aber nach seiner zynischen Art nicht nur das

Gericht, sondern auch die Hoheit des Herzogs und den Kardinal mit

Schimpf und Hohn überschüttet. Jenen habe er einen engen Hirnkasten,

diesen einen Philosophen des Verbrechens genannt. Dann habe er an

das Gericht das Ansinnen gestellt, ihm aus seinen konfiszierten

Schätzen Purpur und Gold zu einem kostbaren Hofnarrenkleide mit einer

Schellenkappe auszuliefern und durch den Hofschneider dieses tolle

Gewand für ihn anfertigen zu lassen. Denn es sei, so begründete er

seine Bitte, der Narr, welcher von jeher in ihm gekauert, in die

Tagesklarheit herausgebrochen, und diese seine intime Persönlichkeit

wünsche den Sprung ins Nichts in gebührendem Gewande und mit

Schellengeläute zu vollziehen.

Dies Gesuch wurde ihm aus Rücksicht auf den Herzog verweigert.

Ganz andre Bitten habe Don Giulio gestellt. Dieser habe sich im

Kerker so schlicht benommen wie vor Gericht. Zuerst habe er wie ein

Kind geweint, bis der Quell der Tränen völlig versiegt war. Dann,

nachdem er lange Tage seinen Bruder ertragen, dessen gottlose

Lästerungen und grelle Possen ihn bis zur Qual angriffen und

ermüdeten, habe er um ein eigenes Gelaß gebeten und um die

Gesellschaft seines Beichtigers, des Paters Mamette von Pratello.

Das sei ihm gewährt worden. Nun lasse er sich von dem Franziskaner,

der seit Jahren, aber früher vergeblich, an seinem Gewissen gerüttelt,

auf ein christliches Ende vorbereiten, das er eher ersehne als

fürchte, da, wie er sage, das einzige Licht, das ihm in seine Nacht

heruntergestreckt werden könne, das ewige sei.

Und er tat wohl daran, sich auf den Tod gefaßt zu halten.

Die Richter hatten nach dem in Ferrara gültigen römischen Recht,

welches das Majestätsverbrechen mit dem Tode bestraft, einstimmig das

Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs

der Schuldigen. Aber der Herzog zögerte noch, es vollziehen zu

lassen. Er zögerte, doch niemand in Ferrara, der ihn kannte,

zweifelte daran, daß der Aufschub der Hinrichtung nur eine

Anstandsfrist von einigen Wochen sei.

Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und

schlaflose Nächte. So wendete er sich wiederum an das Gericht mit

dem Bekenntnis, die Geister des Dunkels mißbrauchten seine Blindheit,

um seine Seele zu zerrütten, und mit der Bitte, ihm, um die langen

Stunden zu täuschen, eine Handarbeit zu erlauben, wie sie ein armer

Blinder betreiben könne, ein Gewebe oder Geflecht oder etwas

Ähnliches. Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister, von

Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen, wie man es zum

Flechten von feinen Matten verwendet.

Nun zogen eines Tages vor den ergötzten und gerührten Augen der

Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand, die

Schulter mit Garben des feinsten und glänzendsten Strohes beladen,

ernsthaft durch die Straßen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse, wo

ihre Gaben zwar in Empfang genommen, sie selbst aber zurückgewiesen

wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero. Diesen

Jungen nämlich behielt der Kerkermeister, damit er Don Giulio

flechten lehre. So hatte der Blinde wieder Gesellschaft, eine

harmlosere als anfangs, mit der man ihn oft kindlich lachen hörte.

Aber nur für kurze Zeit.

Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte, schloß der Kerkermeister

den von Giulio reichbelohnten Jungen aus dem Gefängnis. Dieser aber

sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die

Gitterstäbe, ein jämmerliches Geschrei erhebend, so daß er einen

kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und

wohlgehüteten Ferrara.

Es war unglaublich, wie die Leute von Pratello ihren geblendeten

Herrn zu lieben begannen! Sei es, daß sie seine vergangenen

Übertretungen für reichlich gesühnt hielten, sei es, daß für sie auf

dem dunklen Hintergrunde seines Unglücks das Grundbild seines warmen

und ehrlichen Gemüts fesselnd und blendend hervortrat.

Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des

Herzogs, der größte Schuldige aber in den Augen des Volkes,

vollständig ferngeblieben; denn es war Wahrheit, der mächtige

Kardinal rang im Dämmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und

dem Tode.

An jenem Unglücksabende in Belriguardo, da Don Giulio das blutende

Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub, die erschrockenen Gäste

auseinanderstoben und der erste Windstoß durch die Wipfel fuhr, hatte

Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen, sich auf

seinen Leibhengst geworfen und war, Belriguardo verlassend, wo er

sich für längere Zeit eingerichtet hatte, unter den sich kreuzenden

Blitzen des Gewitters, ohne sich nach dem Gefolge und den stürzenden

Pferden umzusehen, nach Ferrara geflohen. Dort in seinem

Stadtpalaste, im Fackelschein der Halle, fiel sein Blick auf seinen

von den verwüsteten Augen des Bruders befleckten Purpur, den die

Gewitterströme nicht hatten rein waschen können, und ein Schauder

schüttelte sein Gebein!

Er aber raffte seine Geister zusammen und verschloß sich in seine

Kammer. Er verfiel in bleiernen Schlaf, der gegen Morgen in

unheimliche Fiebergefühle überging. Dennoch verließ er das Lager und

begann wie sonst seine Tagesgeschäfte. Er erzwang es, sie zu

verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten. So trieb er es

eine Weile. Kein Verhaftbefehl erschien, ebensowenig der Herzog

selber. Täglich wuchs seine Ungewißheit und seine Unruhe. Ihn

ekelte vor jeder Speise, ihm graute vor den Kissen seines Lagers;

denn seine Nächte wurden immer schauerlicher, und seine Träume jagten

auf immer wilderen Rossen.

Es kam eine Sonne, die ihn nicht mehr zu vollem Bewußtsein aufweckte.

Er fuhr ein in einen dunkeln Schacht, der sich mit flackernden, sich

drängenden Visionen bevölkerte.

Da schritt ein feierlicher Zug. Je zwei und zwei! Männer und Weiber!

Das sind die vielen, vielen Opfer seines unerbittlichen und

unersättlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen

seiner seltenen, aber rasenden persönlichen Begierden.

Da gehen ermordete Boten, verschwundene Gefangene, erdrosselte Zeugen

und jetzt nebeneinander zwei schöne, traurige Frauen, die blonde mit

triefenden Haaren, geschwollenem Hals und auf dem Rücken gefesselten

Armen, die dunkle mit einer blutenden Herzwunde.

Aber während diese alle je zu zweien schritten, wandelte allein in

der Mitte des gräßlichen Zuges ein Riese mit blutigen, leeren

Augenhöhlen. Da plötzlich ergoß sich eine blendende Helle, ein

stechend blauer Himmel breitete sich aus, in dessen Mitte eine

ungeheure Waage schwankte. Sie schwankte lange. Da wuchsen, immer

deutlicher werdend, aus dem Himmel zwei große Augen hervor und ließen

rote Tränen in die eine Waagschale fallen, deren Becken mit

metallenem Klang in die Tiefe stürzte, die andere Schale wie einen

Federball hoch in die Lüfte schleudernd.

Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht.

Eines Morgens, nach Monaten, erwachte er mit bis auf das letzte Mark

verzehrten Kräften, aber trotz seiner Todesschwäche mit völlig klaren

Sinnen.

Da sah er neben sich seinen Bruder den Herzog sitzen, der ihn mit

besorgten Blicken behütete.

"Wo bin ich? Was geschah mit mir?" hauchte der Kranke.

Der Herzog erwiderte vorsichtig, die Sommerhitze und vielleicht die

Sumpfluft in Belriguardo habe, wie die paduanischen Ärzte behaupten,

dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen. Gleichzeitig

entdeckte der Kranke mit seinen wieder schärfer werdenden Augen in

einer Fensternische zwei sich zusammen beratende würdige Männer im

dunklen Professorentalar, von denen er sich erinnerte, daß sie unter

seine Traumgestalten getreten waren.

"Eminenz ist gerettet!" sagte jetzt der eine, und der andre nickte

zustimmend mit dem Haupte.

"Ich danke den gelehrten Herrschaften für ihren Beistand", flüsterte

Ippolito mit versagender Stimme, "und ersuche sie, mich eine kurze

Weile mit der Hoheit des Herzogs allein zu lassen."

"Einen Moment!" erinnerte der eine der Paduaner und erhob warnend den

Finger. Beide verließen die Kammer.

"Was war es in Belriguardo? Ist es wahr, habe ich den Bruder

geblendet?"

Der Herzog bejahte betrübt.

"Lebt er?"

Angela Borgia · 第 13 / 23 题