Wenige Tage nach der Verhaftung Don Giulios, welcher die von Don
Ferrante vorangegangen war, wurden beide Brüder vor ein vom Herzog
ausgewähltes Gericht gestellt. Er schied aus dem zwölf Glieder
zählenden höchsten Gerichtshof die sechs jüngeren aus, so daß ein
Tribunal von Silberbärten übrigblieb unter dem Vorsitze eines
Jünglings; denn daß der rechtskundige Römerkopf des Herkules Strozzi
die Verhandlungen leitete, verstand sich von selbst.
Das strengste Geheimnis war in dem Hochverratsprozesse vom Gesetze
geboten und vom Herzog noch besonders eingeschärft. Aber es wurde,
wie die meisten Geheimnisse, nur unvollständig bewahrt. Es ist
anzunehmen, daß das eine und andre der beschneiten Häupter gegenüber
der quälenden Neugierde einer Frau, der eigenen oder einer andern,
nicht vollkommen widerstandsfest blieb.
So geschah es, daß sich über den Prozeß sowohl als über das Leben der
Brüder im Kerker eine Legende mit ziemlich deutlichen Zügen bildete,
und diese erzählte: die Verschwörung sei aus sehr verschiedenen
Elementen herausgewachsen. Neben einigen beleidigten oder sich
vernachlässigt glaubenden vornehmen Geschlechtern, den Boschetti von
San Cesario zum Beispiel, habe daran mancherlei abgehauster und auf
alle möglichen Auskünfte und Einkünfte erpichter Hofadel teilgenommen.
Auch unbezahlt gebliebene Künstler, ein Maler, ein Bildhauer, ein
stimmlos gewordener Hofsänger, vor allem aber der durch das Spiel
zugrunde gerichtete Hauptmann der Schloßwache und ein gewisser
zweideutiger Kämmerer des Herzogs, der, halb in Ungnade gefallen,
noch im Amte stehengeblieben war. Diesen hatte Don Ferrante mit
einer hohen Summe gekauft, und dieser verriet die Verschwörung, als
ihm, dem Zunächststehenden, die gefährliche Rolle zugewiesen wurde,
den Herzog Alfonso auf einem Maskenballe zu erdolchen. Er warf sich
ihm reuig zu Füßen und bekannte. Der Herzog geriet über das Komplott
in flammenden Zorn, und der sonst seiner Mächtige vergaß sich so weit,
daß er dem Menschen mit einem Stocke, den er in der Hand führte--
der Auftritt fand in einem Garten statt--, das Haupt blutig schlug.
Dann besann er sich, begnadigte ihn und betraute den Verräter mit der
Rolle des Spions unter den Verschworenen. Im Palaste Ferrantes
glückte es dem Kämmerer, der einwilligenden Zeilen des Blinden
habhaft zu werden, die Don Ferrante den Verschworenen triumphierend
mitteilte. So geriet das entscheidende Beweisstück, Don Giulios
unförmliche zornige Schriftzüge, in die Hände des Herzogs, und dieser
wies es dem Gerichte zu. Mit den Schuldigen von geringerem Range
wurde kurzer Prozeß gemacht. Albertino Boschetti und der Hauptmann
der Schloßwache wurden nach erlittener Folter enthauptet, die drei
Künstler aufs Rad geflochten.
Mehr Umstände machte man mit den Brüdern des Herzogs. Sie wurden
eingehend und in höflichen Formen verhört, ob auch ihre Schuld von
Anfang an durch das unselige Schriftstück erwiesen war.
Don Giulio war vor Gericht einfach in seinen Worten, mäßig im
Ausdruck seiner Gefühle und von niedergeschlagener Haltung. Er
verklagte weder sich noch andre, sondern nannte seine Geschichte ein
Verhängnis, ohne damit seine Schuld mindern zu wollen. Er habe,
sagte er, sich den Haß des Kardinals zugezogen durch seine
unabhängige Art und seinen wilden Wandel, nicht aber durch
Beleidigung der brüderlichen Person. Er räumte ein, daß ihm der
Kardinal über seinen Mangel an Ehrgeiz Vorwürfe gemacht, ihn
wiederholt seiner Antipathie versichert und ihn davor gewarnt habe.
Dessen erinnere er sich jetzt.
Damals aber habe die an ihm verübte Tat ihn schlimmer als Mord, eine
unmenschliche Ungerechtigkeit, eine höllische Grausamkeit gedeucht.
Am tiefsten habe ihn getroffen, daß sie vom Herzog ungeahndet
geblieben sei. Die Gleichgültigkeit des regierenden Bruders habe
sein Herz gebrochen, und er habe nur noch an Rache gedacht. Jetzt
aber sei ihm lieber, daß diese mißlungen sei, als daß neues Blut an
seinen Händen klebte, zumal das vergossene Blut seiner Brüder, seines
Fürsten!
Don Ferrante dagegen, erzählten sich die Ferraresen, habe zwar
ebensowenig geleugnet, aber nach seiner zynischen Art nicht nur das
Gericht, sondern auch die Hoheit des Herzogs und den Kardinal mit
Schimpf und Hohn überschüttet. Jenen habe er einen engen Hirnkasten,
diesen einen Philosophen des Verbrechens genannt. Dann habe er an
das Gericht das Ansinnen gestellt, ihm aus seinen konfiszierten
Schätzen Purpur und Gold zu einem kostbaren Hofnarrenkleide mit einer
Schellenkappe auszuliefern und durch den Hofschneider dieses tolle
Gewand für ihn anfertigen zu lassen. Denn es sei, so begründete er
seine Bitte, der Narr, welcher von jeher in ihm gekauert, in die
Tagesklarheit herausgebrochen, und diese seine intime Persönlichkeit
wünsche den Sprung ins Nichts in gebührendem Gewande und mit
Schellengeläute zu vollziehen.
Dies Gesuch wurde ihm aus Rücksicht auf den Herzog verweigert.
Ganz andre Bitten habe Don Giulio gestellt. Dieser habe sich im
Kerker so schlicht benommen wie vor Gericht. Zuerst habe er wie ein
Kind geweint, bis der Quell der Tränen völlig versiegt war. Dann,
nachdem er lange Tage seinen Bruder ertragen, dessen gottlose
Lästerungen und grelle Possen ihn bis zur Qual angriffen und
ermüdeten, habe er um ein eigenes Gelaß gebeten und um die
Gesellschaft seines Beichtigers, des Paters Mamette von Pratello.
Das sei ihm gewährt worden. Nun lasse er sich von dem Franziskaner,
der seit Jahren, aber früher vergeblich, an seinem Gewissen gerüttelt,
auf ein christliches Ende vorbereiten, das er eher ersehne als
fürchte, da, wie er sage, das einzige Licht, das ihm in seine Nacht
heruntergestreckt werden könne, das ewige sei.
Und er tat wohl daran, sich auf den Tod gefaßt zu halten.
Die Richter hatten nach dem in Ferrara gültigen römischen Recht,
welches das Majestätsverbrechen mit dem Tode bestraft, einstimmig das
Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs
der Schuldigen. Aber der Herzog zögerte noch, es vollziehen zu
lassen. Er zögerte, doch niemand in Ferrara, der ihn kannte,
zweifelte daran, daß der Aufschub der Hinrichtung nur eine
Anstandsfrist von einigen Wochen sei.
Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und
schlaflose Nächte. So wendete er sich wiederum an das Gericht mit
dem Bekenntnis, die Geister des Dunkels mißbrauchten seine Blindheit,
um seine Seele zu zerrütten, und mit der Bitte, ihm, um die langen
Stunden zu täuschen, eine Handarbeit zu erlauben, wie sie ein armer
Blinder betreiben könne, ein Gewebe oder Geflecht oder etwas
Ähnliches. Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister, von
Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen, wie man es zum
Flechten von feinen Matten verwendet.
Nun zogen eines Tages vor den ergötzten und gerührten Augen der
Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand, die
Schulter mit Garben des feinsten und glänzendsten Strohes beladen,
ernsthaft durch die Straßen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse, wo
ihre Gaben zwar in Empfang genommen, sie selbst aber zurückgewiesen
wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero. Diesen
Jungen nämlich behielt der Kerkermeister, damit er Don Giulio
flechten lehre. So hatte der Blinde wieder Gesellschaft, eine
harmlosere als anfangs, mit der man ihn oft kindlich lachen hörte.
Aber nur für kurze Zeit.
Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte, schloß der Kerkermeister
den von Giulio reichbelohnten Jungen aus dem Gefängnis. Dieser aber
sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die
Gitterstäbe, ein jämmerliches Geschrei erhebend, so daß er einen
kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und
wohlgehüteten Ferrara.
Es war unglaublich, wie die Leute von Pratello ihren geblendeten
Herrn zu lieben begannen! Sei es, daß sie seine vergangenen
Übertretungen für reichlich gesühnt hielten, sei es, daß für sie auf
dem dunklen Hintergrunde seines Unglücks das Grundbild seines warmen
und ehrlichen Gemüts fesselnd und blendend hervortrat.
Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des
Herzogs, der größte Schuldige aber in den Augen des Volkes,
vollständig ferngeblieben; denn es war Wahrheit, der mächtige
Kardinal rang im Dämmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und
dem Tode.
An jenem Unglücksabende in Belriguardo, da Don Giulio das blutende
Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub, die erschrockenen Gäste
auseinanderstoben und der erste Windstoß durch die Wipfel fuhr, hatte
Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen, sich auf
seinen Leibhengst geworfen und war, Belriguardo verlassend, wo er
sich für längere Zeit eingerichtet hatte, unter den sich kreuzenden
Blitzen des Gewitters, ohne sich nach dem Gefolge und den stürzenden
Pferden umzusehen, nach Ferrara geflohen. Dort in seinem
Stadtpalaste, im Fackelschein der Halle, fiel sein Blick auf seinen
von den verwüsteten Augen des Bruders befleckten Purpur, den die
Gewitterströme nicht hatten rein waschen können, und ein Schauder
schüttelte sein Gebein!
Er aber raffte seine Geister zusammen und verschloß sich in seine
Kammer. Er verfiel in bleiernen Schlaf, der gegen Morgen in
unheimliche Fiebergefühle überging. Dennoch verließ er das Lager und
begann wie sonst seine Tagesgeschäfte. Er erzwang es, sie zu
verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten. So trieb er es
eine Weile. Kein Verhaftbefehl erschien, ebensowenig der Herzog
selber. Täglich wuchs seine Ungewißheit und seine Unruhe. Ihn
ekelte vor jeder Speise, ihm graute vor den Kissen seines Lagers;
denn seine Nächte wurden immer schauerlicher, und seine Träume jagten
auf immer wilderen Rossen.
Es kam eine Sonne, die ihn nicht mehr zu vollem Bewußtsein aufweckte.
Er fuhr ein in einen dunkeln Schacht, der sich mit flackernden, sich
drängenden Visionen bevölkerte.
Da schritt ein feierlicher Zug. Je zwei und zwei! Männer und Weiber!
Das sind die vielen, vielen Opfer seines unerbittlichen und
unersättlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen
seiner seltenen, aber rasenden persönlichen Begierden.
Da gehen ermordete Boten, verschwundene Gefangene, erdrosselte Zeugen
und jetzt nebeneinander zwei schöne, traurige Frauen, die blonde mit
triefenden Haaren, geschwollenem Hals und auf dem Rücken gefesselten
Armen, die dunkle mit einer blutenden Herzwunde.
Aber während diese alle je zu zweien schritten, wandelte allein in
der Mitte des gräßlichen Zuges ein Riese mit blutigen, leeren
Augenhöhlen. Da plötzlich ergoß sich eine blendende Helle, ein
stechend blauer Himmel breitete sich aus, in dessen Mitte eine
ungeheure Waage schwankte. Sie schwankte lange. Da wuchsen, immer
deutlicher werdend, aus dem Himmel zwei große Augen hervor und ließen
rote Tränen in die eine Waagschale fallen, deren Becken mit
metallenem Klang in die Tiefe stürzte, die andere Schale wie einen
Federball hoch in die Lüfte schleudernd.
Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht.
Eines Morgens, nach Monaten, erwachte er mit bis auf das letzte Mark
verzehrten Kräften, aber trotz seiner Todesschwäche mit völlig klaren
Sinnen.
Da sah er neben sich seinen Bruder den Herzog sitzen, der ihn mit
besorgten Blicken behütete.
"Wo bin ich? Was geschah mit mir?" hauchte der Kranke.
Der Herzog erwiderte vorsichtig, die Sommerhitze und vielleicht die
Sumpfluft in Belriguardo habe, wie die paduanischen Ärzte behaupten,
dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen. Gleichzeitig
entdeckte der Kranke mit seinen wieder schärfer werdenden Augen in
einer Fensternische zwei sich zusammen beratende würdige Männer im
dunklen Professorentalar, von denen er sich erinnerte, daß sie unter
seine Traumgestalten getreten waren.
"Eminenz ist gerettet!" sagte jetzt der eine, und der andre nickte
zustimmend mit dem Haupte.
"Ich danke den gelehrten Herrschaften für ihren Beistand", flüsterte
Ippolito mit versagender Stimme, "und ersuche sie, mich eine kurze
Weile mit der Hoheit des Herzogs allein zu lassen."
"Einen Moment!" erinnerte der eine der Paduaner und erhob warnend den
Finger. Beide verließen die Kammer.
"Was war es in Belriguardo? Ist es wahr, habe ich den Bruder
geblendet?"
Der Herzog bejahte betrübt.
"Lebt er?"