"Don Giulio", sagte dicht neben ihm eine weiche Stimme, "es gibt
einen noch tieferen Abgrund des Elends--es gibt Unseligere als du
bist! Das sind die, welche die Wonne ihres Lebens unbedacht und
ungewollt selber auf ewig vernichten!"
Und er hörte gewaltsam schluchzen und spürte einen warmen Hauch und
einen Schauer von Tränen, die auf seine Hände fielen.
Träumte oder wachte er? Er streckte bebend seine Hände aus und
ergriff zwei andere, die in den seinigen zitterten.
"Wer bist du?" sagte er. "Wer darf sich noch unglücklicher nennen
als der verstoßene Blinde?"
Und die Stimme: "Ich bin Angela Borgia, die deine Augen über alles
liebte und sie zerstörte, dadurch, daß sie einem Bösen ihre Schönheit
lobte."
Er ließ ihre Hände fahren und sprang erbleichend auf, wie wenn er
fliehen wollte, stieß sich aber an der Ecke der Steinbank und
schwankte.
Mit einem Strome von Tränen stürzte sie vor ihm nieder und umschlang
und stützte seine Knie:
"Es ist unmöglich, daß du mir verzeihest!... Oh, könnte ich dir
meine eigenen Augen geben, ich risse sie mir aus dem Haupte!... Aber,
was ich dir nahm, kann ich nie dir ersetzen!... Wo ist meine Sühne?
Wie soll ich büßen?"
"Arme Angela", sagte er sanft, indem er sich von ihr zu lösen suchte,
"geschehen ist geschehen! Deine Schuld verstehe ich nicht--aber ich
sehe, daß auch du in das Tal des Unglücks verstoßen bist. Zweimal
wehe über ihn, der uns beide gemordet hat!... Dich und mich!...
Sühnen kannst du nicht! Meine Augen kannst du nicht neu schaffen!
Laß mich allein! Gehe und vergiß!"
Dann wandte er sich und ging. Nicht einmal zu stützen wagte sie ihn,
kaum mit den Augen zu begleiten.
Er schien ruhig, aber seine Schritte schwankten. Der Alte bei der
Barke sah es, eilte ihm besorgt entgegen, setzte ihn über und
geleitete ihn mit den andern Dienern wie ein krankes Kind in sein
Schloß.
Dort warf er sich im kühlen Saale auf sein Lager und brach in wilde
Tränen aus.
So war es denn Wahrheit, was er für eine schauerliche Verzierung und
phantastische Lüge Don Ferrantes gehalten, sooft ihm der Bruder die
Ereignisse jenes Abends im Boskette des gefesselten Amors erzählte!...
Der Kardinal hatte das Lob Angelas an ihm gerächt!
Aber wo war die Schuld, die das Mädchen erdrückte?
Mit teuflischer Bosheit hatte er ihr das verderbliche Wort aus dem
Munde gezwungen, und hätte sie feige geschwiegen und ihn beschimpfen
lassen, der Arge hätte bald eine andre Gelegenheit gefunden, die
spröde Kälte des Mädchens an ihm, dem völlig Unbeteiligten, den der
Zurückgewiesene bevorzugt glaubte, satanisch zu rächen.
Und auch sie hatte der Ruchlose tödlich getroffen!
Ein rasender Zorn gegen den Schuldigen und nicht minder gegen den die
Missetat ungestraft lassenden kaltherzigen Fürsten bemächtigte sich
Don Giulios, kochte in seiner Brust und brauste durch seine Adern.
Er lechzte nach dem Untergange beider! Er sprang vom Lager auf, riß
ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb an Don Ferrante mit
zornigen, mißgestalteten, durcheinanderspringenden Buchstaben, er
stelle zum Morde des Herzogs und des Kardinals sich an seine Seite.
Der berittene Bote war von dannen geeilt, bevor Don Giulios Blut sich
beruhigte und er erwägen konnte, was er getan.
In der nächsten Frühe erschien in Pratello der Oberrichter Strozzi
mit bewaffnetem Gefolge und verhaftete den Este.
"Ei, schön! Dein erster Besuch, mein Freund, nach meinem Unglück!"
rief ihm der Blinde bei seinem Eintritt höhnisch entgegen.
"Es war mir vom Herzog untersagt", versetzte dieser in richterlichem
Tone.
"Vom Herzog untersagt?... Hat dir der Herzog nicht auch untersagt,
Schatz, mit seinem Weibe täglich und stündlich im Geiste, wie du tust,
die Ehe zu brechen?... Aber dein Gericht erwartet dich, du
getünchte Wand!"
Mit diesen Worten streckte Don Giulio die Hände den ihn fesselnden
Schergen entgegen.