Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals, und der
erste Frevel verlangte andere zu erzeugen. Die Saat war ausgestreut
und keimte.
In Pratello, wohin man Don Giulio an jenem Abende noch, mitten durch
das Gewitter, in einer von Pferden getragenen Sänfte zurückgebracht
hatte, brütete der Unglückliche in seiner Finsternis oder ließ sich
durch die Gänge seiner neuangelegten Gärten führen, die heißesten
Sonnenstrahlen auffangend, um wenigstens das Licht zu empfinden, das
er nicht mehr sehen sollte.
Besucht wurde er nicht vom Hofe, denn er galt für in Ungnade gefallen,
da der Herzog nicht daran zu denken schien, die Tat des Kardinals
vor Gericht zu ziehen, nicht einmal daran, durch eine ernsthafte
Verurteilung des grausamen und unerklärlichen Verbrechens sich davon
zu trennen und persönlich loszusagen. Die drei Banditen freilich
wurden, kurze Zeit nach der Tat, in Neapel, wohin sie mit ihrem Solde
geflohen, wohl von ihren früheren Kameraden umgebracht und ihre Köpfe
an die Gerichte von Ferrara gesendet, die einen Preis auf die
Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten.
Der eigentliche Täter, Ippolito d'Este, kam mit einer so leichten
Strafe davon, daß es schlimmer erschien, als wenn man die Schuld an
ihm nicht gesehen noch gesucht hätte, und daß es einer Verhöhnung des
von ihm mehr als Getöteten glich. Der Herzog begnügte sich damit,
den Kardinal für wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen.
Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden.
Aber er hätte es auch nicht verlassen können, denn er lag schwerkrank
darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines
Stadtpalastes--so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die
vorsichtigen Fragen der Ferraresen. Ob es so sei, oder ob der Kluge
sich nur sterbend stelle, um die gegen ihn empörte öffentliche Stimme
zu besänftigen, darüber waren die Meinungen verschieden.
Von dem Gerüchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von
Pratello nichts; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen
Ferraresen, die ihn besuchten, Don Ferrante und Ludwig Ariost,
hüteten sich aus verschiedenen Gründen und Interessen, ihn davon zu
unterhalten.
Der Dichter, welcher nach Pratello kam, um nach seiner Art den
Blinden zu trösten und seine Seele zu erfreuen, war ein Höfling des
Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefürchteten
Beschützers. Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen
Schlächter und Opfer; er bedauerte seinen Freund, ohne seinen Gönner
zu verabscheuen, dessen Namen er in Pratello nie über die Lippen ließ,
um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hören, um nicht das Gemüt
des Blinden im Grunde aufzuwühlen und auf lange Tage zu verfinstern.
Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht. Er weidete sich am
Schmerze des Bruders, weil er Pläne darauf baute. Er vergiftete
seine Wunde, weil er sie nicht heilen lassen wollte. Sie sollte
immer heftiger brennen, damit der Groll des von Natur nicht
Rachsüchtigen gegen die älteren Brüder, den schuldigen und den
gleichgültigen, immer tiefer glühe. Er nahm sich darum in acht, dem
armen Herzen mitzuteilen, daß der Kardinal auch nicht heil und
ungestraft geblieben, sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit,
und damit gar sein Mitleid zu erregen. Der Blinde sollte ihm
nützlicher werden, als ihm der Sehende je gewesen war.
Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes
überschritten. Nach den ersten, langen, im Dunkel verstöhnten Tagen
und Nächten, sobald die Fieber des Körpers und der Seele nachgelassen
hatten, suchte er nach seiner genußbedürftigen Natur die Berührung
der sanften Lüfte und den Geruch der Blumen. Er vergrub sich in die
kühlsten Blätter, unter die duftigsten Zweige seines Gartens.
Zu dieser Zeit fing Ariost an, den Freund zu besuchen, vor dessen
unheilbarem Elend ihm anfangs unüberwindlich gegraut hatte. Er
wandelte mit ihm durch die Laubgänge von Pratello und legte sich
neben ihn auf den weichen Rasen. Er war dafür besorgt, daß die
Schaffnerin Körbe voll saftigster Früchte und Schalen edeln Weines
bringe, und ließ den Blinden genießen und schlürfen.
Er klagte mit ihm das Verhängnis als etwas Unpersönliches an. Er
lobte die Mäßigung des Empfindens wie im Glück also im Unglück und
meinte, es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab; Glück
könne schmerzen, und Unglück--als Tragödie betrachtet--lasse sich
genießen. Ja, er behauptete, auch der Sinnlichste besitze eine
geheime stoische Ader, und über den Geschicken zu stehen, gewähre
eine göttliche Genugtuung.
Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann
mit wohllautender Stimme, Strophe nach Strophe, die schlanken
Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in
Don Giulios Ohr tönen zu lassen, bis sich nach und nach das Dunkel
heller färbte und in der entzückten Seele des Blinden eine Sonne
aufging.
Im Anfange beachtete er wohl, solche Gesänge zu wählen, deren
Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war.
Trennungen, Aufopferungen, Erniedrigungen und ähnliches passives
Heldentum!
Da rührte es oft den Dichter, wie tief Don Giulio den schmerzvollen
Wahnsinn Rolands mitempfand, trotz der schalkhaften und grotesken
Darstellung, mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gemäß den
Schmerz wieder aufhob. Das ins Komische Übertriebene der
Leidenschaft, die von Roland, wie ungeheure Ausrufungspunkte, in die
Luft geschleuderten Felsstücke störten das Mitgefühl des Blinden
nicht.
Endlich aber, da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig
Jahren so schlank und schön neben sich ins Gras gestreckt sah, die
rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme
verborgen, stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu
Geschauten und Geschaffenen, einen Gesang vorzutragen, der nichts als
Farbe, Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben über
flatterndem Haar die lauten Becken schlug.
Da dies zum ersten Male geschah, legte der Este die feine Hand auf
die des Dichters und das Manuskript zugleich. "Etwas anderes, Ludwig!"
sagte er, "das ist nichts für einen Blinden!"
Da weinte der Poet innerlich über diese Abwendung von der Freude,
obwohl er sie höchst erklärlich und würdig fand. Auch kam sie ihm
nicht ganz unerwartet, denn er hatte unlängst einem kleinen Auftritte
beigewohnt, der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewährte.
Coramba, die frühere Hausgeliebte des Este, hatte sich, nach der
zugreifenden Art solcher Wesen, bei dem Verbinden der durchstochenen
Augen aufs löblichste betätigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt
und geführt, bis er sich selbst zu helfen wußte. Im Freien aber
hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet, schon weil ihn die
unterdrückten Mitleidsrufe seiner Untergebenen: "Da kommt der arme
Herr mit seiner Kreatur!" oder: "Sie hütet ihn wie eine Mutter!", die
sein geschärftes Ohr vernommen hatte, gründlich verdrossen.
Eines Tages nun erkühnte sich die Coramba, den Blinden in Gegenwart
des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen. Der Este aber
schob sie gemach und kühl auf die Seite und sprach: "Gehe, Coramba,
gehe auf immer! Du bist nichts für einen Blinden! Gehe, und nimm
meinen Dank mit."
Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag, nachdem sie sich,
ohne daß er es ihr wehrte, die Taschen mit seinem Golde gefüllt hatte,
ein wärmeres Klima aufzusuchen.
Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten für ihn Hunderte
von ländlichen Familien, fleißige, genügsame Leute, deren bewundernde
Anhänglichkeit das wilde und üppige Treiben des jungen Gebieters
nicht hatte zerstören können. Jetzt in seinem einsamen Unglück
traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn täglich
näher. Er fing an, wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gängen
begegnete, ihre Stimmen zu unterscheiden, sich von ihrer Lage zu
unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen. Ihr einfaches, echtes
Mitleid tat seiner kranken Seele wohl, und er sprach von ihnen zu
Ariost wie von Brüdern und Schwestern.
Solchen und ähnlichen Äußerungen des Blinden entnahm der Poet, daß
der Este sich in einer andern Lebensabteilung, unter einer andern
Menschenklasse einzurichten begann, als die war, welcher er bisher
angehört hatte, in derjenigen der Unglücklichen und Leidenden, der
Benachteiligten und Enterbten, in einem Lebenskreise, der offenbar
unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte als die
Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten.
Auch erriet Meister Ludwig, daß der Este diese seine Herabwürdigung
und Entwertung nicht immer dem Hasse der Menschen oder dem blinden
Verhängnisse, sondern, in gewissen Augenblicken wenigstens, einer
eigenen Verschuldung zuschrieb. So mußte es in der Tat sein. Diese
mußte teil daran haben. Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern
mitunter die Nemesis waltete--wie bisweilen ja auch in der
wirklichen Welt, laut dem Sprichworte, die Strafe der Missetat auf
dem Fuße folgt--, dann versank Don Giulio in Nachdenken, und Ariost
vernahm wohl einen erstickten Seufzer.
Bei solchen Wahrnehmungen aber hütete er sich, auf ein Gefühl, das er
an sich selbst nicht kannte und das ein flüchtiges sein konnte,
unzart zu drücken, teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen
Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute, teils auch, weil er sich,
leicht beschwingt, wie er war, und immer auf die sonnige Oberfläche
der Dinge zurückstrebend, am wenigsten dazu berufen fühlte.
Denn der Quell echter Reue, das wußte er, sprudelt in heiligen Tiefen,
und nur in der einsamen Stille seines göttlichen Ursprungs waschen
sich schuldige Hände und Seelen rein.
Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe.
Alles, was er dachte und fühlte, was ihn erschreckte und ergriff,
verwandelte sich durch das bildende Vermögen seines Geistes in Körper
und Schauspiel und verlor dadurch die Härte und Kraft der Wirkung auf
seine Seele.
Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche
Gebot geschrieben, doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel
tanzte über die helle Wölbung und hauste in den dahinterliegenden
geräumigen Kammern, ohne daß der Dichter selbst seine Mieter alle
recht gekannt hätte.
Auf Don Giulio aber wirkte er wohltätig, und wenn er von ihm schied
und der Este ihn begleitete, gingen sie Hand in Hand durch den
Platanengang von Pratello, ohne daß der Blinde den Schauenden
beneidete, oder dieser jenen bemitleidete, als zwei gute Brüder; denn
die Liebe hatte für den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen
aufgehoben.
Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem
Bruder Don Ferrante. So mischte sich ein dunkles stygisches Gewässer
in den hellen Einfluß des Dichters und verwüstete Don Giulios Seele
in einer Tiefe, wohin Ariost nicht gelangen konnte.
Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter, gemengt aus geistiger
Armut und unerschöpflichem Erfindungstriebe. Seine Jugend war unter
dem Drucke beständiger Furcht verkrüppelt. Als Kind schon Zeuge
unzähliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ängstlicher
Zuhörer, so oft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen
Höfen seiner Zeit berichtet wurden, fühlte er sich von jeher von
Schrecknissen umgeben, denen seine unehrliche und machtlose Natur
keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte als den der
wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen. Er verleumdete,
um der Verleumdung die Spitze zu bieten; er zettelte kleine
Verschwörungen an, um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen.
Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge, außer daß er
dabei immer unwahrer und verschrobener wurde.
An jenem Abend aber, da derjenige seiner Brüder, gegen den er am
wenigsten Mißtrauen hegte, auf schauerliche Art in der Mitte des
Hofstaates überfallen und der Augen beraubt wurde, geschah ein Riß in
seinem schwachen Geiste, und von nun an stand es ihm fest, daß er
selbst, als der gefährlichere der beiden, wie er meinte, einer noch
schrecklicheren Vernichtung entgegengehe.
Die krankhafte Angst, die ihm keinen harmlosen Moment mehr gönnte,
ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise, jeden Becher beargwohnen
ließ, steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brüdern zum
verzweiflungsvollen Haß, und er entschloß sich, sie zu entthronen und
zu töten.
Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders.
Don Ferrante hatte nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die rechtlose
und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das öffentliche
Gefühl gewirkt hatte, nicht zu reden von dem schändlichen, die
Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst. Ferrara, auf welchem
ein Joch der Knechtschaft und der Befehl unbedingten Schweigens in
Staats--und Hofsachen härter als sonst irgendwo in Italien lastete,
Ferrara sogar, wo sich freilich dieses Unerhörte zugetragen hatte,
geriet in Gärung. Es mußte ein besonderes Verbot erlassen werden,
sich um Don Giulio zu kümmern, nach ihm sich zu erkundigen, oder gar
sich Pratello zu nähern und seine Gebüsche zu umschleichen.
Natürlich geschah es, daß das Bild des Geblendeten in den Gedanken
und Gesprächen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zügellosen
Jüngling, dessen gefährliche Buhlschaften und leichtsinniges
Blutvergießen sie früher verwünscht hatten, ein bejammernswertes
Opfer, ein edler Märtyrer wurde.
Dies bemerkte Don Ferrante wohl, und da er auch eine starke
schauspielerische Ader hatte, sann er sich eine wirkungsvolle Szene
aus, welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeiführen würde.
Don Giulio, zu Roß auf einem weißen, von zwei Dienern in Trauer
begleiteten Zelter, mit starrenden, leeren Augenhöhlen und einer
Leidensmiene; er selbst daneben, durch die Hinweisung auf die Untat
und ihre Straflosigkeit das öffentliche Mitleid aufstachelnd.
Einige Einverstandene zu werben, erschien ihm als eine geringe
Schwierigkeit, denn das herkömmliche Material eines Aufruhrs in einer
kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara
nicht. \XDCber das Weitere war sich Don Ferrante nicht klar geworden;
aber ein schneller Überfall und die Ermordung des Herzogs und des
Kardinals erschienen ihm unerläßlich.
Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er täglich
den armen Blinden. Dieser aber sträubte sich gegen die Ermordung der
Fürsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Empörung,
deren er, solange er nur genoß und schwelgte, niemals fähig gewesen
wäre, die ihm angesonnene Rolle eines Mitleid erregenden Schauspiels.
Er schämte sich, auf den Märkten von Ferrara sich selber
auszustellen als das Bänkelsängerbild seiner tragischen Geschichte.
Und doch blieb sein Herz dem beängstigenden Einflusse des Bruders
nicht verschlossen. Was er in seinen hellen Tagen mit einem
verächtlichen Lächeln als törichte Hirngespinste zur Seite geschoben
hatte, das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten
Gefühlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt. Konnte nicht der
unglückliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben und ihm wirklich
Schlimmes angetan worden sein? Hatte er nicht eine verstoßene
Kindheit verlebt? War es nicht möglich, daß ihm noch heute nach dem
Leben getrachtet wurde? War Don Giulio doch selbst, den die
Hofintrigen immer angeekelt hatten, einem unbegreiflichen Attentat
zum Opfer gefallen!
So war er nicht ferne davon, dem Bruder beizustimmen, wenn dieser die
gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit
nannte, nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals, und den
Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwürgender oder miteinander
buhlender Schlangen, einen eklen Knäuel, den es ein Verdienst wäre zu
zerhauen und zu zertreten.
Der arme Don Giulio war nicht imstande, seine eigene entsetzliche
Erfahrung anders zu erklären als durch die allgemeine Verderbnis, und
gab allmählich und unbewußt dem Bruder, welchem er sein Mitleid nicht
versagen konnte, gewonnenes Spiel.
Er war von dem Wahn und den Verschwörungsgedanken Don Ferrantes mehr
umsponnen, als er selbst es wußte, und ein neues Erlebnis gab den
Ausschlag.
Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der
von der Polizei verbotenen Waldwege, die nach Pratello führten, eine
Amazone, schlank von Wuchs und untadelig im Sattel, welche, wie aus
einem Rittergedicht entsprungen, auf Abenteuer fuhr. Wie sie aber
näher kam, trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren
Leides, daß sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen
schien.
Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schloß gewährende
Lichtung, glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bäumen die
Zügel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehörigen Rappen um
eine junge Ulme.
Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre. In den feurigen,
von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf
dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe, ja
eine gefährliche Entschlossenheit.
Von der Höhe des Waldrandes, an dem sie stand, erblickte sie den
ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello.
Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schloß lag
in einer unendlichen grünen Wiese, durch welche ein breiter
spiegelklarer Fluß zog, wo kleine Fischerboote ihre Segel blähten.
Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe,
die unter den Säulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebäude
führte. Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten
Festungsgräben hielt der Fluß die schöne Wohnstätte mit ihren
Umfassungsmauern und Rundtürmen beschützend in den Armen.
Von der Schönheit Pratellos ergriffen, suchte die Fahrende eine etwas
tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen, in
deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand. In dieser
Verborgenheit ließ sie sich nieder, denn sie scheute sich, Pratello
zu betreten, und ließ die Stunden vorübergehen, bald das Schloß
aufmerksam betrachtend, bald in ihre Gedanken versunken.
Schon stand die Sonne auf der Mittagshöhe. Da sah sie, wie an der
Landungstreppe von einem alten Fährmann eine Gondel gelöst wurde, an
deren Steuer er sich wartend setzte.
Nun trat ein schlanker Jüngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse,
dessen Gesicht ein breitkrämpiger Hut beschattete, ehrerbietig
beobachtet von einem Häuflein ihm folgender Diener, und durchkreuzte
den von Weinlaub umrankten Säulengang. Auf der Landungstreppe bot
ihm der Fährmann die Hand zum Tritte in die Gondel, die er behend,
aber behutsam bestieg. Dann übergab ihm der Alte die Ruder, und
während sie der Jüngling zu schwingen begann, lenkte der andere das
kleine Fahrzeug mit dem Steuer.
Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstießen, war es der Fährmann, der
ans Ufer sprang und dem Jüngling beide Arme entgegenstreckte, den
Aussteigenden eher bewahrend als ihn berührend. Dieser wandte sich
ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung über die
sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen.
Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und
Auffahren sitzen; sie erriet den Blinden, der sich eine tägliche
Anstrengung und Übung daraus machte, die Sehenden nachzuahmen, um
diese und, soviel als möglich, sich selber zu täuschen, wobei ihm
seine jugendliche Biegsamkeit, sein Ortssinn, sein scharfes Gehör und
die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfältig aus dem Wege
räumenden Gesindes zu Hilfe kam.
Während zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich
nähernden Gang des Blinden beobachteten, strauchelte der Ärmste über
einen im Grase liegenden Gegenstand, den die Spähende nicht
unterscheiden konnte. Er stürzte auf das Knie, schnellte sich aber,
mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berührend, leicht und
geschmeidig wieder empor, ohne nur die Gerte zu verlieren, die er in
der Rechten trug. Mit dieser prüfte er nun, sie leicht in der Hand
führend, den übrigen Weg, einen kleinen Verdruß auf dem blassen, vom
Hute verschatteten Angesicht verwindend.
Die Hände über den Knien gefaltet, das Haupt lauschend vorgeneigt,
verfolgte sie jede seiner Bewegungen.
Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie, von deren
Dasein er keine Ahnung hatte.
Was murmelte er? Was tönte nur halblaut, nur halbverständlich
ununterbrochen von seinen Lippen?
Erhob er Klage gegen das Schicksal? Beleidigte oder verneinte er die
Gottheit? Beschuldigte er seine Brüder? Oder sie, die ohne sein
Wissen neben ihm saß? Beweinte er seine Verirrungen?
Nichts von alledem. Die Mittagsruhe, die Stunde des Pan träumte auf
seinen Zügen. Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel, das sie
erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflüsterten
Verszeilen erriet und zusammensetzte.
Nach der Zeichnung der Danteschen Hölle, wie sie jedem italienischen
Geiste innewohnt, beschäftigte er sich damit, nicht zwar den
trichterförmigen Höllenabgrund zu bevölkern, sondern einen Krater des
Unglücks zu graben, dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und
Unseligen des geisterhaften Jenseits, sondern mit den Elenden, den
Leidenden, den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens füllte--immer
eine Stufe unseliger als die andere, wobei er ohne Bedenken in die
unterste, dunkelste Kluft die Blinden versetzte.
Mit grausamem Genusse malte er, vor sich hin singend, diesen Ort aus.
Wie sich Blinde Blinden als Führer anboten und mit ihnen in den
Abgrund stürzten! Blinde Jünglinge rochen Rosenduft, aber wenn sie
die Hände zum Pflücken ausstreckten, stolperten sie über Totengerippe.
Er sang die Terzinen reimlos, oder wie sie der Zufall reimte. Nun
dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante, den er in einer höher
gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte:
"Du willst, o Bruder, nach der Krone greifen!
Doch reckst du in die Höhe dich vergebens!
Doch wehren die Dämonen dir den Reifen!
Oh harte Qual des bodenlosen Schwebens!--
Ich aber bin ein König... und entthront...
In Wahrheit war ich König dieses Lebens!
Ich hatte Götteraugen, war gewohnt
Zu herrschen--was sie sahen, war mein eigen.
Doch weh, der Mörder hat mich nicht verschont...