Siebentes Kapitel

Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals, und der

erste Frevel verlangte andere zu erzeugen. Die Saat war ausgestreut

und keimte.

In Pratello, wohin man Don Giulio an jenem Abende noch, mitten durch

das Gewitter, in einer von Pferden getragenen Sänfte zurückgebracht

hatte, brütete der Unglückliche in seiner Finsternis oder ließ sich

durch die Gänge seiner neuangelegten Gärten führen, die heißesten

Sonnenstrahlen auffangend, um wenigstens das Licht zu empfinden, das

er nicht mehr sehen sollte.

Besucht wurde er nicht vom Hofe, denn er galt für in Ungnade gefallen,

da der Herzog nicht daran zu denken schien, die Tat des Kardinals

vor Gericht zu ziehen, nicht einmal daran, durch eine ernsthafte

Verurteilung des grausamen und unerklärlichen Verbrechens sich davon

zu trennen und persönlich loszusagen. Die drei Banditen freilich

wurden, kurze Zeit nach der Tat, in Neapel, wohin sie mit ihrem Solde

geflohen, wohl von ihren früheren Kameraden umgebracht und ihre Köpfe

an die Gerichte von Ferrara gesendet, die einen Preis auf die

Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten.

Der eigentliche Täter, Ippolito d'Este, kam mit einer so leichten

Strafe davon, daß es schlimmer erschien, als wenn man die Schuld an

ihm nicht gesehen noch gesucht hätte, und daß es einer Verhöhnung des

von ihm mehr als Getöteten glich. Der Herzog begnügte sich damit,

den Kardinal für wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen.

Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden.

Aber er hätte es auch nicht verlassen können, denn er lag schwerkrank

darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines

Stadtpalastes--so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die

vorsichtigen Fragen der Ferraresen. Ob es so sei, oder ob der Kluge

sich nur sterbend stelle, um die gegen ihn empörte öffentliche Stimme

zu besänftigen, darüber waren die Meinungen verschieden.

Von dem Gerüchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von

Pratello nichts; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen

Ferraresen, die ihn besuchten, Don Ferrante und Ludwig Ariost,

hüteten sich aus verschiedenen Gründen und Interessen, ihn davon zu

unterhalten.

Der Dichter, welcher nach Pratello kam, um nach seiner Art den

Blinden zu trösten und seine Seele zu erfreuen, war ein Höfling des

Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefürchteten

Beschützers. Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen

Schlächter und Opfer; er bedauerte seinen Freund, ohne seinen Gönner

zu verabscheuen, dessen Namen er in Pratello nie über die Lippen ließ,

um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hören, um nicht das Gemüt

des Blinden im Grunde aufzuwühlen und auf lange Tage zu verfinstern.

Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht. Er weidete sich am

Schmerze des Bruders, weil er Pläne darauf baute. Er vergiftete

seine Wunde, weil er sie nicht heilen lassen wollte. Sie sollte

immer heftiger brennen, damit der Groll des von Natur nicht

Rachsüchtigen gegen die älteren Brüder, den schuldigen und den

gleichgültigen, immer tiefer glühe. Er nahm sich darum in acht, dem

armen Herzen mitzuteilen, daß der Kardinal auch nicht heil und

ungestraft geblieben, sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit,

und damit gar sein Mitleid zu erregen. Der Blinde sollte ihm

nützlicher werden, als ihm der Sehende je gewesen war.

Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes

überschritten. Nach den ersten, langen, im Dunkel verstöhnten Tagen

und Nächten, sobald die Fieber des Körpers und der Seele nachgelassen

hatten, suchte er nach seiner genußbedürftigen Natur die Berührung

der sanften Lüfte und den Geruch der Blumen. Er vergrub sich in die

kühlsten Blätter, unter die duftigsten Zweige seines Gartens.

Zu dieser Zeit fing Ariost an, den Freund zu besuchen, vor dessen

unheilbarem Elend ihm anfangs unüberwindlich gegraut hatte. Er

wandelte mit ihm durch die Laubgänge von Pratello und legte sich

neben ihn auf den weichen Rasen. Er war dafür besorgt, daß die

Schaffnerin Körbe voll saftigster Früchte und Schalen edeln Weines

bringe, und ließ den Blinden genießen und schlürfen.

Er klagte mit ihm das Verhängnis als etwas Unpersönliches an. Er

lobte die Mäßigung des Empfindens wie im Glück also im Unglück und

meinte, es hänge alles von der Farbenbrechung der Seele ab; Glück

könne schmerzen, und Unglück--als Tragödie betrachtet--lasse sich

genießen. Ja, er behauptete, auch der Sinnlichste besitze eine

geheime stoische Ader, und über den Geschicken zu stehen, gewähre

eine göttliche Genugtuung.

Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann

mit wohllautender Stimme, Strophe nach Strophe, die schlanken

Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in

Don Giulios Ohr tönen zu lassen, bis sich nach und nach das Dunkel

heller färbte und in der entzückten Seele des Blinden eine Sonne

aufging.

Im Anfange beachtete er wohl, solche Gesänge zu wählen, deren

Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war.

Trennungen, Aufopferungen, Erniedrigungen und ähnliches passives

Heldentum!

Da rührte es oft den Dichter, wie tief Don Giulio den schmerzvollen

Wahnsinn Rolands mitempfand, trotz der schalkhaften und grotesken

Darstellung, mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gemäß den

Schmerz wieder aufhob. Das ins Komische Übertriebene der

Leidenschaft, die von Roland, wie ungeheure Ausrufungspunkte, in die

Luft geschleuderten Felsstücke störten das Mitgefühl des Blinden

nicht.

Endlich aber, da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig

Jahren so schlank und schön neben sich ins Gras gestreckt sah, die

rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme

verborgen, stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu

Geschauten und Geschaffenen, einen Gesang vorzutragen, der nichts als

Farbe, Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben über

flatterndem Haar die lauten Becken schlug.

Da dies zum ersten Male geschah, legte der Este die feine Hand auf

die des Dichters und das Manuskript zugleich. "Etwas anderes, Ludwig!"

sagte er, "das ist nichts für einen Blinden!"

Da weinte der Poet innerlich über diese Abwendung von der Freude,

obwohl er sie höchst erklärlich und würdig fand. Auch kam sie ihm

nicht ganz unerwartet, denn er hatte unlängst einem kleinen Auftritte

beigewohnt, der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewährte.

Coramba, die frühere Hausgeliebte des Este, hatte sich, nach der

zugreifenden Art solcher Wesen, bei dem Verbinden der durchstochenen

Augen aufs löblichste betätigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt

und geführt, bis er sich selbst zu helfen wußte. Im Freien aber

hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet, schon weil ihn die

unterdrückten Mitleidsrufe seiner Untergebenen: "Da kommt der arme

Herr mit seiner Kreatur!" oder: "Sie hütet ihn wie eine Mutter!", die

sein geschärftes Ohr vernommen hatte, gründlich verdrossen.

Eines Tages nun erkühnte sich die Coramba, den Blinden in Gegenwart

des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen. Der Este aber

schob sie gemach und kühl auf die Seite und sprach: "Gehe, Coramba,

gehe auf immer! Du bist nichts für einen Blinden! Gehe, und nimm

meinen Dank mit."

Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag, nachdem sie sich,

ohne daß er es ihr wehrte, die Taschen mit seinem Golde gefüllt hatte,

ein wärmeres Klima aufzusuchen.

Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten für ihn Hunderte

von ländlichen Familien, fleißige, genügsame Leute, deren bewundernde

Anhänglichkeit das wilde und üppige Treiben des jungen Gebieters

nicht hatte zerstören können. Jetzt in seinem einsamen Unglück

traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn täglich

näher. Er fing an, wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gängen

begegnete, ihre Stimmen zu unterscheiden, sich von ihrer Lage zu

unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen. Ihr einfaches, echtes

Mitleid tat seiner kranken Seele wohl, und er sprach von ihnen zu

Ariost wie von Brüdern und Schwestern.

Solchen und ähnlichen Äußerungen des Blinden entnahm der Poet, daß

der Este sich in einer andern Lebensabteilung, unter einer andern

Menschenklasse einzurichten begann, als die war, welcher er bisher

angehört hatte, in derjenigen der Unglücklichen und Leidenden, der

Benachteiligten und Enterbten, in einem Lebenskreise, der offenbar

unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte als die

Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten.

Auch erriet Meister Ludwig, daß der Este diese seine Herabwürdigung

und Entwertung nicht immer dem Hasse der Menschen oder dem blinden

Verhängnisse, sondern, in gewissen Augenblicken wenigstens, einer

eigenen Verschuldung zuschrieb. So mußte es in der Tat sein. Diese

mußte teil daran haben. Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern

mitunter die Nemesis waltete--wie bisweilen ja auch in der

wirklichen Welt, laut dem Sprichworte, die Strafe der Missetat auf

dem Fuße folgt--, dann versank Don Giulio in Nachdenken, und Ariost

vernahm wohl einen erstickten Seufzer.

Bei solchen Wahrnehmungen aber hütete er sich, auf ein Gefühl, das er

an sich selbst nicht kannte und das ein flüchtiges sein konnte,

unzart zu drücken, teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen

Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute, teils auch, weil er sich,

leicht beschwingt, wie er war, und immer auf die sonnige Oberfläche

der Dinge zurückstrebend, am wenigsten dazu berufen fühlte.

Denn der Quell echter Reue, das wußte er, sprudelt in heiligen Tiefen,

und nur in der einsamen Stille seines göttlichen Ursprungs waschen

sich schuldige Hände und Seelen rein.

Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe.

Alles, was er dachte und fühlte, was ihn erschreckte und ergriff,

verwandelte sich durch das bildende Vermögen seines Geistes in Körper

und Schauspiel und verlor dadurch die Härte und Kraft der Wirkung auf

seine Seele.

Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche

Gebot geschrieben, doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel

tanzte über die helle Wölbung und hauste in den dahinterliegenden

geräumigen Kammern, ohne daß der Dichter selbst seine Mieter alle

recht gekannt hätte.

Auf Don Giulio aber wirkte er wohltätig, und wenn er von ihm schied

und der Este ihn begleitete, gingen sie Hand in Hand durch den

Platanengang von Pratello, ohne daß der Blinde den Schauenden

beneidete, oder dieser jenen bemitleidete, als zwei gute Brüder; denn

die Liebe hatte für den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen

aufgehoben.

Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem

Bruder Don Ferrante. So mischte sich ein dunkles stygisches Gewässer

in den hellen Einfluß des Dichters und verwüstete Don Giulios Seele

in einer Tiefe, wohin Ariost nicht gelangen konnte.

Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter, gemengt aus geistiger

Armut und unerschöpflichem Erfindungstriebe. Seine Jugend war unter

dem Drucke beständiger Furcht verkrüppelt. Als Kind schon Zeuge

unzähliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ängstlicher

Zuhörer, so oft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen

Höfen seiner Zeit berichtet wurden, fühlte er sich von jeher von

Schrecknissen umgeben, denen seine unehrliche und machtlose Natur

keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte als den der

wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen. Er verleumdete,

um der Verleumdung die Spitze zu bieten; er zettelte kleine

Verschwörungen an, um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen.

Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge, außer daß er

dabei immer unwahrer und verschrobener wurde.

An jenem Abend aber, da derjenige seiner Brüder, gegen den er am

wenigsten Mißtrauen hegte, auf schauerliche Art in der Mitte des

Hofstaates überfallen und der Augen beraubt wurde, geschah ein Riß in

seinem schwachen Geiste, und von nun an stand es ihm fest, daß er

selbst, als der gefährlichere der beiden, wie er meinte, einer noch

schrecklicheren Vernichtung entgegengehe.

Die krankhafte Angst, die ihm keinen harmlosen Moment mehr gönnte,

ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise, jeden Becher beargwohnen

ließ, steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brüdern zum

verzweiflungsvollen Haß, und er entschloß sich, sie zu entthronen und

zu töten.

Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders.

Don Ferrante hatte nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die rechtlose

und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das öffentliche

Gefühl gewirkt hatte, nicht zu reden von dem schändlichen, die

Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst. Ferrara, auf welchem

ein Joch der Knechtschaft und der Befehl unbedingten Schweigens in

Staats--und Hofsachen härter als sonst irgendwo in Italien lastete,

Ferrara sogar, wo sich freilich dieses Unerhörte zugetragen hatte,

geriet in Gärung. Es mußte ein besonderes Verbot erlassen werden,

sich um Don Giulio zu kümmern, nach ihm sich zu erkundigen, oder gar

sich Pratello zu nähern und seine Gebüsche zu umschleichen.

Natürlich geschah es, daß das Bild des Geblendeten in den Gedanken

und Gesprächen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zügellosen

Jüngling, dessen gefährliche Buhlschaften und leichtsinniges

Blutvergießen sie früher verwünscht hatten, ein bejammernswertes

Opfer, ein edler Märtyrer wurde.

Dies bemerkte Don Ferrante wohl, und da er auch eine starke

schauspielerische Ader hatte, sann er sich eine wirkungsvolle Szene

aus, welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeiführen würde.

Don Giulio, zu Roß auf einem weißen, von zwei Dienern in Trauer

begleiteten Zelter, mit starrenden, leeren Augenhöhlen und einer

Leidensmiene; er selbst daneben, durch die Hinweisung auf die Untat

und ihre Straflosigkeit das öffentliche Mitleid aufstachelnd.

Einige Einverstandene zu werben, erschien ihm als eine geringe

Schwierigkeit, denn das herkömmliche Material eines Aufruhrs in einer

kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara

nicht. \XDCber das Weitere war sich Don Ferrante nicht klar geworden;

aber ein schneller Überfall und die Ermordung des Herzogs und des

Kardinals erschienen ihm unerläßlich.

Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er täglich

den armen Blinden. Dieser aber sträubte sich gegen die Ermordung der

Fürsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Empörung,

deren er, solange er nur genoß und schwelgte, niemals fähig gewesen

wäre, die ihm angesonnene Rolle eines Mitleid erregenden Schauspiels.

Er schämte sich, auf den Märkten von Ferrara sich selber

auszustellen als das Bänkelsängerbild seiner tragischen Geschichte.

Und doch blieb sein Herz dem beängstigenden Einflusse des Bruders

nicht verschlossen. Was er in seinen hellen Tagen mit einem

verächtlichen Lächeln als törichte Hirngespinste zur Seite geschoben

hatte, das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten

Gefühlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt. Konnte nicht der

unglückliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben und ihm wirklich

Schlimmes angetan worden sein? Hatte er nicht eine verstoßene

Kindheit verlebt? War es nicht möglich, daß ihm noch heute nach dem

Leben getrachtet wurde? War Don Giulio doch selbst, den die

Hofintrigen immer angeekelt hatten, einem unbegreiflichen Attentat

zum Opfer gefallen!

So war er nicht ferne davon, dem Bruder beizustimmen, wenn dieser die

gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit

nannte, nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals, und den

Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwürgender oder miteinander

buhlender Schlangen, einen eklen Knäuel, den es ein Verdienst wäre zu

zerhauen und zu zertreten.

Der arme Don Giulio war nicht imstande, seine eigene entsetzliche

Erfahrung anders zu erklären als durch die allgemeine Verderbnis, und

gab allmählich und unbewußt dem Bruder, welchem er sein Mitleid nicht

versagen konnte, gewonnenes Spiel.

Er war von dem Wahn und den Verschwörungsgedanken Don Ferrantes mehr

umsponnen, als er selbst es wußte, und ein neues Erlebnis gab den

Ausschlag.

Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der

von der Polizei verbotenen Waldwege, die nach Pratello führten, eine

Amazone, schlank von Wuchs und untadelig im Sattel, welche, wie aus

einem Rittergedicht entsprungen, auf Abenteuer fuhr. Wie sie aber

näher kam, trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren

Leides, daß sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen

schien.

Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schloß gewährende

Lichtung, glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bäumen die

Zügel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehörigen Rappen um

eine junge Ulme.

Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre. In den feurigen,

von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf

dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe, ja

eine gefährliche Entschlossenheit.

Von der Höhe des Waldrandes, an dem sie stand, erblickte sie den

ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello.

Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schloß lag

in einer unendlichen grünen Wiese, durch welche ein breiter

spiegelklarer Fluß zog, wo kleine Fischerboote ihre Segel blähten.

Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe,

die unter den Säulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebäude

führte. Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten

Festungsgräben hielt der Fluß die schöne Wohnstätte mit ihren

Umfassungsmauern und Rundtürmen beschützend in den Armen.

Von der Schönheit Pratellos ergriffen, suchte die Fahrende eine etwas

tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen, in

deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand. In dieser

Verborgenheit ließ sie sich nieder, denn sie scheute sich, Pratello

zu betreten, und ließ die Stunden vorübergehen, bald das Schloß

aufmerksam betrachtend, bald in ihre Gedanken versunken.

Schon stand die Sonne auf der Mittagshöhe. Da sah sie, wie an der

Landungstreppe von einem alten Fährmann eine Gondel gelöst wurde, an

deren Steuer er sich wartend setzte.

Nun trat ein schlanker Jüngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse,

dessen Gesicht ein breitkrämpiger Hut beschattete, ehrerbietig

beobachtet von einem Häuflein ihm folgender Diener, und durchkreuzte

den von Weinlaub umrankten Säulengang. Auf der Landungstreppe bot

ihm der Fährmann die Hand zum Tritte in die Gondel, die er behend,

aber behutsam bestieg. Dann übergab ihm der Alte die Ruder, und

während sie der Jüngling zu schwingen begann, lenkte der andere das

kleine Fahrzeug mit dem Steuer.

Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstießen, war es der Fährmann, der

ans Ufer sprang und dem Jüngling beide Arme entgegenstreckte, den

Aussteigenden eher bewahrend als ihn berührend. Dieser wandte sich

ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung über die

sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen.

Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und

Auffahren sitzen; sie erriet den Blinden, der sich eine tägliche

Anstrengung und Übung daraus machte, die Sehenden nachzuahmen, um

diese und, soviel als möglich, sich selber zu täuschen, wobei ihm

seine jugendliche Biegsamkeit, sein Ortssinn, sein scharfes Gehör und

die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfältig aus dem Wege

räumenden Gesindes zu Hilfe kam.

Während zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich

nähernden Gang des Blinden beobachteten, strauchelte der Ärmste über

einen im Grase liegenden Gegenstand, den die Spähende nicht

unterscheiden konnte. Er stürzte auf das Knie, schnellte sich aber,

mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berührend, leicht und

geschmeidig wieder empor, ohne nur die Gerte zu verlieren, die er in

der Rechten trug. Mit dieser prüfte er nun, sie leicht in der Hand

führend, den übrigen Weg, einen kleinen Verdruß auf dem blassen, vom

Hute verschatteten Angesicht verwindend.

Die Hände über den Knien gefaltet, das Haupt lauschend vorgeneigt,

verfolgte sie jede seiner Bewegungen.

Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie, von deren

Dasein er keine Ahnung hatte.

Was murmelte er? Was tönte nur halblaut, nur halbverständlich

ununterbrochen von seinen Lippen?

Erhob er Klage gegen das Schicksal? Beleidigte oder verneinte er die

Gottheit? Beschuldigte er seine Brüder? Oder sie, die ohne sein

Wissen neben ihm saß? Beweinte er seine Verirrungen?

Nichts von alledem. Die Mittagsruhe, die Stunde des Pan träumte auf

seinen Zügen. Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel, das sie

erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflüsterten

Verszeilen erriet und zusammensetzte.

Nach der Zeichnung der Danteschen Hölle, wie sie jedem italienischen

Geiste innewohnt, beschäftigte er sich damit, nicht zwar den

trichterförmigen Höllenabgrund zu bevölkern, sondern einen Krater des

Unglücks zu graben, dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und

Unseligen des geisterhaften Jenseits, sondern mit den Elenden, den

Leidenden, den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens füllte--immer

eine Stufe unseliger als die andere, wobei er ohne Bedenken in die

unterste, dunkelste Kluft die Blinden versetzte.

Mit grausamem Genusse malte er, vor sich hin singend, diesen Ort aus.

Wie sich Blinde Blinden als Führer anboten und mit ihnen in den

Abgrund stürzten! Blinde Jünglinge rochen Rosenduft, aber wenn sie

die Hände zum Pflücken ausstreckten, stolperten sie über Totengerippe.

Er sang die Terzinen reimlos, oder wie sie der Zufall reimte. Nun

dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante, den er in einer höher

gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte:

"Du willst, o Bruder, nach der Krone greifen!

Doch reckst du in die Höhe dich vergebens!

Doch wehren die Dämonen dir den Reifen!

Oh harte Qual des bodenlosen Schwebens!--

Ich aber bin ein König... und entthront...

In Wahrheit war ich König dieses Lebens!

Ich hatte Götteraugen, war gewohnt

Zu herrschen--was sie sahen, war mein eigen.

Doch weh, der Mörder hat mich nicht verschont...

Angela Borgia · 第 11 / 23 题