Während die ernsten Gestalten des Herzogs und des Kardinals zusammen
durch den langen Mittelgang des Gehölzes schritten, stellte sich das
darin lustwandelnde Hofgesinde rechts und links zu ehrerbietiger
Begrüßung auf, wenn es sich nicht in anständiger Flucht auf
Nebenpfaden, die zu irgendeiner geheimen Lästerbank führten, ins
Dickicht verlor.
Wer von ihnen hätte begreifen können, daß der Mann im Purpur mit dem
bedeutenden Kopfe und den durchgearbeiteten Zügen, wie sie große
politische Geschäfte ausprägen, gleich einem Verdammten leidend, in
den Banden eines von ihm sich abwendenden jungen Mädchens lag.
Ähnliches sagte sich der Herzog, und der Kardinal erriet dieses
schweigende Urteil.
"Keine Sorge, Bruder", begann er beschwichtigend, "wegen meiner und
des Mädchens! Ich überwinde... eines von beiden: mich oder sie! Nur
Don Giulio muß aus der Mitte geworfen werden. Und du schaffst mir
ihn weg, den mit den vorwurfsvollen Augen!"
Der Herzog blickte den noch immer vor Leidenschaft Zitternden
verwundert an. Dann warf er einen Blick rückwärts nach den ihm
folgenden Brüdern und sah Don Ferrante, der den Gehaßten fast
gewaltsam vom Wege in das Gebüsch zog.
"Sieh dich um", sagte er zum Kardinal. "Dort schleppt der
Verschwörer Ferrante den unschuldigen Giulio in ein Versteck, um ihn
in eines seiner närrischen Komplotte gegen uns einzuweihen. Zu
solchem Verrat aber, das mußt du mir zugestehen, gibt sich der
leichtherzige Knabe nicht her."
"Je nach Umständen!" zischte der Kardinal. Dann raffte er sich
selbst und die Falten seines Purpurs zusammen, denn sie näherten sich
dem Kreise der Herzogin.
Die Hitze des Julitages hatte sich gegen Abend unter dem dichten
Laubdache verfangen. Es war unerträglich dumpf, und wo der Horizont
zwischen den Stämmen sichtbar wurde, regten unaufhörlich die
lautlosen Blitze ihre Feuerschwingen.
In dem dämmernden Boskette des gefesselten Kupido erhob sich beim
Eintritte der beiden die Gesellschaft von den niedrigen Steinsitzen;
nur die Herzogin, zu deren Füßen Angela sich barg, blieb auf ihrer
Bank ruhen, dem Herzog neben sich Raum gebend.
Der Perser Emin aber stand an den ehernen Kupido gelehnt, den Kreis
mit orientalischen Märchen, wie es dem Herzoge schien, unterhaltend,
während Ariosto hinter seinen Schultern ihn anfeuerte und auch wohl
mit dem richtigen italienischen Ausdruck unterstützte.
"Wovon war die Rede, Madonna?" fragte der Herzog.
"Herr, davon", erwiderte sie, "wie es möglich sei, daß gewisse
Lichtgestalten, die in ihrer Glorie schützend über uns stehen, auch
in fremde Länder und auf andersgläubige Völker ihre Strahlen werfen,
wenngleich wie im Spiegel eines dunkeln Gewässers gebrochen. Davon
hat uns Ben Emin eben ein schönes persisches Beispiel erzählt."
"Ich errate", sagte Don Alfonso, den die Frage anzuziehen schien.
"Solche Besitznahme unserer Helden durch die morgenländische Sage
kommt vor. Wenn ich nur an Kaiser Karl und seine Paladine denke.
Diese freilich haben unsere Dichter--und nicht am unschuldigsten
jener dort, der seine lustigen Augen hinter Kupido verbirgt--schon
so abenteuerlich verkleidet, daß den Persern wenig mehr zu tun übrig
bleibt."
"Auf falscher Fährte, Herzog!" lächelte Donna Lukrezia.
"So sind es denn die großen Staufen", riet der Herzog weiter, "der
Rotbart und sein Enkel, der ungläubige Friedrich, welche beide
freilich den Morgenländern ihre natürlichen Angesichter gezeigt haben,
und die sie nach dem Leben abbilden konnten."
"Immer weiter weg!" schüttelte Lukrezia das leichte Haupt. "Doch,
ich fürchte, selber habe ich Euch irregeführt, indem ich einen ganz
Unvergleichlichen und Unerreichbaren in die Menschheit einreihte und
das Heiligste selbst in unser weltliches Gespräch verflocht. Weder
Karl den Großen und seine Paladine, noch die Staufen nannte Ben Emin,
sondern unsern Herrn Christus selbst. Verzeiht meiner Unvorsicht!
Es ist ferne von mir, die Kirche zu entweihen, in deren Kreis ich
durch Geburt und Schicksal gebannt bin und von der allein ich mein
Heil verhoffe. Die Barmherzigkeit des Himmels, die sich in
Menschengestalt des abscheulichsten Elends erbarmt, das ist auch der
Inhalt der persischen Erzählung, die mich verführte. Doch ich werde
unklar. Höret und urteilet selbst.
Ben Emin berichtet:
Eines Tages trat der Heiland mit seinen Jüngern aus dem Tore einer
Stadt. An der Landstraße lag in der Sonne ein toter Hund, dem die
Jünger mit Ekel und Schmähungen auswichen. Der Heiland aber blieb
bei dem Aase stehen, und das einzige, was daran rein geblieben war,
hervorhebend, sprach er:--O sehet, wie blendend weiß seine Zähne
sind!'"
Die Hofleute, welche eine Erzählung im Geschmacke des Boccaccio
vorgezogen hätten, fanden diese persische Legende befremdend, ja
unanständig; der Herzog aber schwieg.
Donna Lukrezia, die von dem Gegenstande nicht loskommen konnte,
redete in bewegter Stimmung weiter:
"Und ist es nicht seltsam, mein Herzog! Wie auf einer kostbaren
Tapete, gewoben nach der Zeichnung eines unserer heiligen Maler, wird
auf der Rückseite, ich meine in der heidnischen Überlieferung, zwar
nicht das volle Bild des Weltheilandes, aber doch die Purpurfarbe
seiner Barmherzigkeit sichtbar! Die heidnische Sage bestätigt den
Heiland als den, welchen die Kirche verehrt und darstellt, als einen
göttlichen Brunnen der Barmherzigkeit. Selbst an dem ekelsten
Gegenstande findet die Güte noch eine Schönheit."
Und schwere Tränen stürzten über ihre Wangen.
Die Hofleute waren erstaunt, ihre Herrin also reden zu hören. Es war
offenbar, daß sie an sich selbst dachte und unter der Gewalt eines
plötzlich über sie kommenden unüberwindlichen Wahrheitsbedürfnisses
ohne Hehl und Scham unter einem durchsichtigen Schleier ihren
Ursprung aus der Kirche und ihre entsetzliche römische Sünde zeigte.
Der Mund des einen verzog sich in der Dämmerung zum Spott, während
die Stirne des andern sann und grübelte. "Es ist schwül, und sie
fühlt das Gewitter"--dachten sie.
Die Blässe der Herzogin schimmerte wie Marmor durch das Halbdunkel.
Alfonso sprach kein Wort, aber er betrachtete sein Weib ohne Groll,
mit Liebe und Teilnahme. Der Teppichhändler Emin aber freute sich
des Gleichnisses von der Tapete.
In dem entstandenen Schweigen wurde die bange Schwüle noch fühlbarer.
Man hörte in der Ferne unheimliche Unkenrufe und das Schreien eines
Käuzleins, nach welchem der Kardinal, der an der Unterhaltung keinen
Anteil genommen, aufmerksam und geärgert hinhorchte.
Da trat unversehens Don Ferrante aus den Bäumen und ließ seine
mißtönige Stimme vernehmen.
"Hier wird erbaulich gesprochen", höhnte er, "wohl von der Eminenz!
Ich lese es im Dunkel auf den kasteiten Mienen. Schade, daß ich zu
spät komme! Ich kann immer etwas Moral brauchen, und noch mehr
Bruder Julius, den ich mitbrachte, der mir aber unterwegs in den
Pfirsichspalieren hängen blieb. Es steckt dort eine Pica, die
Tochter des neuen Gärtners, der er jetzt Pfirsiche für die
herzogliche Abendtafel pflücken hilft mit den üblichen Griffen und
Bissen und ehrbaren Spielen und Wortspielen, welche seit Adams Zeiten
das Ergötzen unserer edeln Menschheit sind."
Diese mehr bittere als lose Rede schlug wie ein Blitz in einen
Pulverturm.
Donna Angela, die bisher ihr Angesicht an den Knien der Herzogin
verborgen hatte, fuhr wie eine vom Pfeil getroffene Löwin in die Höhe
und wollte, durch die Büsche brechend, davoneilen, da der nächste
Augenblick den Unwürdigen in ihre Gegenwart bringen konnte; doch die
dunkle Figur des Kardinals verwehrte ihr die Flucht. Er stellte sich
vor sie, und es schwirrte von seinen Lippen:
"Der Nazarener fand an dem ekeln Aase noch etwas Schönes, an dem
Hunde Don Giulio hätte er es nicht gefunden!"
Da änderte sich plötzlich die Haltung des aufgebrachten Mädchens.
Die Brandmarkung des ausschweifenden Jünglings, zu der--
wunderbarerweise--nur sie ein Recht zu haben glaubte, kochte in ihr
als Zorn und Widerspruch. Sie schüttelte ihr stolzes Haupt und
bewegte die Lippen.
"Es wäre denn, Ihr allein, Donna Angela, wüßtet ein Lob auf ihn!"
beleidigte er sie.
Da sprach die Trotzige mit erhobener Stimme: "Don Giulio hat
wundervolle Augen! Die muß ihm der Neid, die müsset Ihr, Kardinal,
ihm lassen!"
"Muß ich? Muß ich wirklich?" rief Ippolito bebend und trat in die
Nacht der Bäume zurück. Er verließ das Boskett und erschien wieder
nach wenigen Minuten und einer entsetzlichen Tat. Was war geschehen?
Er hatte kaum das Dunkel betreten und einen leisen Ruf hören lassen,
so kroch Kratzkralle, der sich durch "Unke" und "Käuzlein", wie der
Kunstausdruck lautete, angemeldet hatte, auf dem Bauche, wie eine
Schlange, aus dem Dickicht, und ihm gegenüber auf der andern Seite
des Pfades wurden in derselben Haltung Firlefanz und Drachenbrut
sichtbar. Es waren die drei Schlimmsten seiner verabschiedeten Bande,
die vor ihm aufstiegen.
"Was wollt ihr von mir, Schurken?" fuhr er sie an.
Die Mützen mit den Händen vor die Brust drückend, wisperten die drei:
"Gold, Gold, Gold, Eminenz! Wir haben Euch länger gedient als die
andern und erwarten mehr von Euch! Euer Schatzmeister aber hat uns
alle gleich bedacht."
Da überwältigte den Kardinal sein böser Dämon. Er zog einen schweren
Beutel hervor. "Euer!" lockte er, "wenn ihr Don Giulio..."
Firlefanz macht die Gebärde des Erstechens: "Abgemacht, Eminenz!"
"Nicht so! Sondern..." das Wort zauderte in seinem Munde, "ihn
blenden."
Zuerst wollten ihn seine Banditen nicht verstehen.
"Kennt ihr ihn?" fragte er.
"Er ist mein Freund!" versetzte Kratzkralle mit Stolz.
"In wenigen Minuten geht er hier vorbei. Horcht!... Ich vernehme
schon seine Schritte!" In der Tat wurde ein fernes Schreiten auf dem
knirschenden Kiese der Allee hörbar.
Da warf sich Kratzkralle dem Kardinal zu Füßen und stöhnte mit dem
tiefsten Selbstbedauern:
"Ich Verdammter! Wär' ich nicht geboren! Herrlichkeit, befehlt mir,
ihn zu erstechen! Nacken oder Herz! Nur nicht die lieben schönen
Augen!... Das tu ich nicht!" sagte er dann entschlossen.
Da stieß ihn Firlefanz beiseite. "So laß uns zweie machen, Kapaun!
Desto besser, wenn wir nicht mit dir teilen müssen!"
Das wollte nun Kratzkralle auch nicht. Der Kardinal ließ seinen
Beutel fallen und ging auf dem Pfade, den er gekommen war, nach dem
Boskette, ohne zurückzulauschen.
Hier aber war nicht nur der eherne Amor gefesselt, sondern alle
Geister der Unterhaltung lagen in Banden. Man saß, in der Schwüle
schwer atmend, zusammen und konnte bei der sinkenden Nacht kaum mehr
die Züge des Nachbars unterscheiden. Eine bleierne Müdigkeit und
zugleich die beklemmende Angst einer Erwartung lähmte die Glieder,
wenn auch nur das Warten auf die Flammen und Donner eines
Gewittersturmes, dessen Fittiche zur Stunde noch gebunden waren.
Da plötzlich zitterte durch die Luft ein Geschrei. Solche
Schreckens--und Schmerzenstöne, daß alle Herzen bebten und alle Pulse
stockten!
"So brüllt der Stier des Phalaris!" rief der entsetzte Ariost. "Wo
bleibt Don Giulio!" Er stürzte fort.
Da kam er mit ihm zurück, der sich, der Unglückliche, an ihn
anklammerte und von ihm vorwärts schleifen ließ.
"Bruder! Herzog!" rief der vor Schmerz Sinnlose, "wo bist du? Hilf
mir, räche! strafe!"
"Fasse dich, ärmster Bruder! Was geschah? Was tat man dir?" sprach
ihm der Herzog zu, während ihn alle umringten.
"Der Kardinal ließ mich meuchlings überfallen! Er hat mir die Augen
ausgerissen!"
Man schrie: "Bringt Fackeln! Holt Ärzte!" während Don Giulio, den
ihn aufhaltenden Ariost mit sich reißend, vorwärts strebte und die
Arme nach dem Kardinal ausstreckte, der neben dem Herzog stand und
dessen Gegenwart er fühlte. Seine ungewisse Hand fuhr in die Falten
des Purpurs, in den er, auf das Knie stürzend, sich verwickelte und
das blutige Haupt begrub.
Er hielt sich an dem Leibe des Kardinals fest und schluchzte:
"Oh, oh, warum raubst du mir das Licht? Was nimmst du mir das all und
einzige weg, das ich war... ein in der Sonne Atmender!... Du, der du
alles bist und hast! Dem ich nichts nahm und nichts neidete!... Ich
winde mich vor dir wie ein blinder Wurm! Bruder, zertritt mich! Töte
mich ganz!..."
Der Kardinal erschrak. Er zog krampfhaft seinen Purpur an sich, und
seine Stimme klang unnatürlich, als er ausrief: "Nicht ich!... Das
Weib verführte mich!... Sie lobte deine Augen!..."
Dieses Wort drang nicht mehr in das Ohr des vor Schmerz ohnmächtig
werdenden Blinden, aber vernichtend in das Herz der entsetzten Angela.
Es kam Hilfe, Dienerschaft mit Fackeln und Sänften. Die verwirrte
Gesellschaft verlor sich ohne Abschied in ängstlichen Gruppen und auf
verschiedenen Wegen.
Das dunkle Boskett war verlassen.
Jetzt rötete ein Blitz den gefesselten Amor, Windstöße sausten durch
den Wald und beugten die Wipfel der Bäume. Bald war der Himmel
lauter Lohe und die Luft voller Donnergetöse. Dann stürzten die
finstern Wolken auf die Erde, und schwere Regen wuschen und
überschwemmten den mit Blut und Sünde befleckten Garten.