Don Giulio erstieg langsam die Treppen und suchte, den Blick aufwärts
wendend, sehnsüchtig das süße Blau, welches er im Traume für immer
verloren hatte. Aber er suchte vergebens; denn der Himmel war von
den trüben Dämpfen der Julihitze gänzlich verdüstert.
Als er den Fuß auf die oberste Stufe setzte, kam ihm aus der Halle
des Hauses mit ungewissen Schritten der Oberrichter entgegen, bleich
wie ein Toter und mit so unglücklich blickenden Augen, daß Don Giulio
vom innigsten Mitleid ergriffen wurde und, den Arm um die Schulter
des Freundes schlagend, ihn an das Terrassengeländer zog und mit ihm
auf das Brunnenbecken und in das rauschende Spiel seiner Wasser
niederblickte.
"Was geschah denn?" flüsterte er ihm ins Ohr. "Was ist dir begegnet?"
Strozzi erwiderte mit schmerzlich verzogenem Munde: "Nichts. Du
verreisest für zwei Jahre nach Venedig. Deine Sache ist beigelegt
und kommt nicht vor Gericht. Deine Orgie in Pratello bleibt
ungestraft. Wiederum und noch einmal eine unverurteilte blutige Tat!
Auch der Herzog beklagt es und seufzt über euch, seine Brüder."
"Auch über den Kardinal?"
"Über euch alle. Den Kardinal nannte er einen Eigenmächtigen, einen
Gesetzlosen, einen dem Staate Ferrara unentbehrlichen Frevler, und
befahl mir, seine Bande, wenn er sie nicht, wie er fest zugesagt,
heute noch ablöhne und auflöse, mit Galgen und Rad zu verfolgen--
unnachsichtlich! Dabei erhitzte er sich", berichtete Strozzi weiter,
"und sprach eifrig von dem Staate Ferrara, wie er ihn sich denke, als
ein Staatswesen von unbedingter Gerechtigkeit, durchaus ohne Ansehen
der Person, ohne Begünstigung, ohne Bestechung.
'Eine Justiz, wie sie Eure Republik besitzt', sagte er, sich zur
Seite wendend, und ich erblickte in einer Fensternische den
Venezianer, der gekommen war, vom Herzog Urlaub zu nehmen, und
bescheiden in einem Buche blätterte, um meine Audienz nicht zu stören.
Der Angeredete lächelte höflich.
'Vergebung, Bembo!' fuhr der Herzog fort. 'Ich weiß, Euer Reisezug
wartet, denn Ihr wollt die Nachtkühle benutzen zu Eurem Romritt, um
der Julisonne auszuweichen. Verzeiht meinem Schreiber, daß der
Langsame und Gewissenhafte Euch auf das Memorial warten läßt, das Ihr
mir die Gunst erweisen wollt für mich in die Hände des Heiligen
Vaters zu legen. Ein furchtbarer Mensch, dieser Julius. Er liebt
mich nicht; empfehlt mich ihm. Und was werdet Ihr dem Schrecklichen
sagen'--der Herzog lächelte--'wenn er Euch fragen wird, was Euch
bewog, Ferrara zu verlassen? Er weiß, daß ich von Männern, wie Ihr,
nicht gerne verlassen werde. So gut als ich, schätzt er Euch als
einen Bedeutenden und Zukunftsvollen, den zu verkennen eine Schmach
der Unbildung wäre, und der jedem italienischen Hofe zur Zierde
gereicht. Nun, Bembo, saget mir, was werdet Ihr der Heiligkeit
antworten?'
'Die Wahrheit, Herzog', erwiderte der Venezianer mit seiner
einschmeichelnden Stimme. 'Heiligkeit, werde ich sagen, ich verlasse
Ferrara, weil ich den Herzog verehre, und fürchte, die Herzogin zu
lieben. Kein Sterblicher wird ihres täglichen Umgangs genießen, ohne
von ihrem geheimnisvollen Wesen und von ihrer klaren Anmut gefesselt
zu werden. Wo ist da die Grenze zwischen Bewunderung und
Leidenschaft? Wo liegt das richtende Schwert, das die Körper und die
Seelen trennt? Es tötet, ohne zu blitzen! Lieber aber verendete ich
in tausend Qualen, als daß ich die hohe Frau durch eine auflodernde
Flamme verletzte, oder an meinem edlen Gastfreunde, auch nur im
Fiebertraume, Raub verübte. So werde ich zum Heiligen Vater reden...'"
"Kühn und auch klug gesprochen", unterbrach hier Don Giulio den
Erzählenden, indem er zum Spiel nach einem Wasserbogen haschte,
dessen fallenden Regen ein Hauch des Südwindes ihm zutrieb.
Der Richter aber fuhr fort: "Don Alfonso schien durch das Bekenntnis
seines Gastes befriedigt und mit dessen Abreise einverstanden. 'Ich
könnte Euch solche freimütige Rede an den Heiligen Vater nicht
verargen', sagte er, 'sie hätte nichts Unziemliches, sondern ehrt uns
alle. Schreibt uns zuweilen, Bembo! ' Dann aber wurde er drohend und
wies auf mich. 'Dieser Mensch', sagte er, 'krankt an dem gleichen
Übel, ohne weise zu sein, wie Ihr, und ein Heilmittel zu suchen.
Redet zu ihm und gebet ihm Rat.'
Da erhob ich zornig das Haupt und versetzte: 'Solches, Herzog,
gestehe ich nicht ein mit dem Munde; meine Gedanken aber anerkennen
keinen Richter. Wenn solches wäre, ich wüßte mir Rat, so gut wie
Bembo. Laßt mich ziehen, Herzog! Die Luft von Ferrara erstickt mich.
Ich bin noch zu jung mit meinen zwanzig Jahren, die heilige Waage
der Themis zu halten; ich bin ein noch unfertiges Metall, eine
flüssige Lava. Noch kämpfen um mich verschiedene Gesetze und
Anbetungen! Gebt mir Urlaub! Ich will die Hochschule von Paris
besuchen, wohin ich schon lange trachte, und ich werde einst Euch und
dem Staate Ferrara reifer und brauchbarer zurückkehren, als ein Mann
des Rechts, den nichts mehr besticht und blendet.'
Der Herzog entgegnete mir ernst: 'Keine Rede davon, daß Ihr Euer kaum
angetretenes Amt verlasset. Unter meinen Augen begannet Ihr eine
Reform unseres Gerichtswesens, und ich ertrage es nicht, daß in
Ferrara eine unternommene öffentliche Arbeit leichtsinnig
unterbrochen und verspätet werde. Wohin würde uns solche
Gewissenlosigkeit führen?--Was aber die Sklaverei betrifft, in der
Ihr schmachtet, so leugnet Ihr sie mit dem Munde, aber mit Blicken
und Gebärden legt Ihr sie auf eine ärgerliche 'Weise an den Tag.
Darum bitte ich unsern scheidenden Freund', er ergriff den Venezianer
bei der Hand, 'Euch über Euern gefährlichen innern Zwist aufzuklären.
Er ist Euch glaubwürdig; denn, wie Dante im wilden Walde, ist er
angstvoll den reißenden Bestien entronnen. Seid sein Führer, Bembo.
Redet in meiner Gegenwart ohne Zwang und Schleier. Es besteht kein
Geheimnis unter uns, wir kennen unsere Gesichter und Masken.'--So
quälte uns der grausame Pedant, und wir knirschten unter der Marter!"
"In der Tat, ein genialer Gedanke des Ehemannes, in seiner Gegenwart
den einen Anbeter seiner Frau durch den andern abkanzeln zu lassen!"
lachte Don Giulio. "Das gleicht dem Bruder! Ich sehe, wie du in
verhaltenem Ingrimm die Augen rollst, und wie der schlangengewandte
Venezianer seine zerrissene Seele zu einem schmerzlichen rhetorischen
Meisterstücke stimmt. Was sagte er denn?"
"Zuerst zog er die feinen Brauen zusammen und schwieg eine Weile.
Dann trat er zu mir und ergriff mitleidig meine Hand. 'Herkules',
begann er, 'die Zeit drängt; meine Rosse stampfen vor dem Tore, und
mein Geist ist schon unterwegs. Möge diese meine letzte Minute
Frucht tragen mit der Hilfe Gottes! Ich habe keine Zeit, meine Worte
zu wägen; und da die Hoheit selbst es ausgesprochen hat, daß hier
kein Geheimnis walte, so enthülle ich schonungslos das Antlitz der
Dinge. Dein Leiden ist ein wundersamer Fall. Nicht wie mich armen
Sünder besiegt dich die Übergewalt des weiblichen Reizes. Du bist
weit gefährlicher krank; denn dein Übel entspringt auf dem Gebiete
deines stolzen und eigenwilligen Geistes. Dein strenger Rechtssinn
verdammt das, was dein Auge beglückt und das Feuer deines Herzens
entzündet. Das ist dein Widerspruch und dein Irrsal. Der Richter
wird entflammt für die von ihm Gerichtete. Besieh dir doch ihr
Schicksal! Ein kindliches Weib, in unselige Abhängigkeiten
hineingewachsen, schuldig schuldlos, wie die liebliche
Frauenschwachheit ist, flieht, von innerer Klarheit erhellt, mit
zitternden Füßen aus dem Banne des Bösen und ergreift die ihr
gebotene Hand eines seltenen, ja einzigen Mannes, der dein Fürst ist,
o Strozzi! und ein weiser Erforscher der Menschennatur. Er erkennt
die edle Anlage Lukrezias und zieht sie in göttlicher Weise mit sich
empor. Nun werden ihre Schritte täglich sicherer, und immer größeres
Wohlgefallen gewinnt sie an der Tugend und an ihren belohnten Kämpfen.
Da kommst du, Unseliger, siehst die Emporgehobene in den Armen
ihres Schutzengels, verurteilst sie zu den Höllenkreisen und stürzest
dich auf sie, um dein Urteil selbst auszuführen. Wehe dir, du bist
ihr verfallen! Du umklammerst ihre Knie; sie aber wird sich von dir
lösen, und du stürzest allein in die Tiefe! Armer Ixion, du
umschlingst statt der Göttin die Wolke, und daß dein Frevel völlig
unausführbar und unmöglich ist, das allein entschuldigt ihn. Frage
dein Herz, Strozzi!' und der Venezianer drückte mir in Tränen die
Hand. 'Fühlst du nicht, wie rührend und geschmackvoll die neue
Lukrezia ist, die in ihrer stillen und bedachten Weise das schlichte
Gute tut und ohne prunkende Buße sich mit den allgemeinen Tröstungen
der Kirche begnügt? Wenn du die einfache Anmut dieser Erscheinung
betrachtest, beschleicht dich nicht der Zweifel, ob die Verleumdung,
das Laster unserer Zeit--denn wir alle verleumden und werden
verleumdet--, sich nicht an diesem erlauchten Weibe mehr als an
andern vergangen und das menschlich natürliche Bild einer Dulderin
ins Dämonische verzerrt habe?...'"
Das laute Gelächter seines Freundes unterbrach ihn. "Das ist stark!"
rief Don Giulio. "O Jahrhundert unverschämter Wahrheit und
gründlicher Lüge!"
Da zuckte er leicht zusammen, denn ein leiser Finger berührte seinen
freien Nacken. Kurz wandte er sich um und blickte in das abgezehrte
und feindliche Gesicht des Kardinals, dessen langsames Emporsteigen
das Springen der Wasser übertönt und verborgen hatte.
"Ich glaube, der Herzog erwartet uns beide", sagte Ippolito, über das
Wort seines jungen Bruders, das er noch auf gefangen hatte,
unwillkürlich lächelnd. "Folget mir ohne Verzug!" Und er verschwand
in der Villa.
"Ich verlasse dich, Herkules!" sagte der Este. "Nur eines muß ich
noch wissen: Woher deine tödliche Blässe, die mich erschreckte, da
ich dir hier entgegentrat?"
"So höre denn das Ende des Auftritts und das Meuchelwort des Herzogs!
Zuerst sagte er ruhig und finster: 'Euer Bildnis der Herzogin, Bembo,
ist treffend und nicht geschmeichelt.' Er fixierte uns beide. Mit
meiner Miene schien er nicht zufrieden. Es erhob sich etwas Heißes
in ihm, und er wandte sich drohend gegen mich. 'Ich frage mich,
Strozzi', sagte er, 'ob Eure Leidenschaft nicht gelegentlich Euern
Gehorsam gegen den Fürsten und das Gesetz zu Euerm Unheil ins Wanken
bringen könnte! Nicht zwar auf Euerm eigensten Boden in Rechtsfragen,
da halte ich Euch für unbestechlich und unterordne mich Eurem Urteil.
So bin ich zum Beispiel überzeugt, daß Ihr in dem Erbstreite meines
Fiskus mit dem Grafen Contrario das Recht finden werdet. Auch wird
Euch hier die Herzogin trotz ihrer Begünstigung des Grafen nie
irreleiten; aber es gibt einen Fall und eine Stunde, die sie ihres
klaren Sinnes berauben werden. Ihr verderblicher Bruder wird Italien
wiederum betreten und uns verwirren. Ich werde meinen Untertanen
jede Verknüpfung mit ihm verbieten. Doch meine erste Untertanin, die
Herzogin, wird nicht gehorchen; denn sie kann es nicht, es steht
nicht in ihrer Macht. Mit den härtesten Strafen werde ich verhüten,
daß sie kein Werkzeug finde, und doch wird sie eines finden... Euch
wird sie ergreifen, Herkules Strozzi. Damit ist Euer Haupt verwirkt.
Ich werde Euch richten. Nicht öffentlich, denn es ist eine
Familiensache und eine Staatssache, die beide das Geheimnis fordern.
Man wird Euch tot auf der Straße finden.'--Hier erblaßte Bembo, und
du sagst, daß auch ich blaß geblieben bin.--Unbeirrt und gemessen
jedoch fuhr der Herzog fort: 'Bembo, Ihr seid vor Gott und Menschen
mein Zeuge, daß dieser nicht ungerichtet stirbt! Du aber, Herkules
Strozzi, siehe zu, wie du der Herzogin und mir entrinnest!' Jetzt
brachte ein furchtsamer Schreiber die Rolle für den Papst, und wir
waren entlassen. Ich begleitete den Venezianer zu seinen Dienern und
Pferden. Den Fuß schon im Steigbügel, flüsterte er mir zu: 'Hüte dich
vor dir selber, Herkules!'"
Don Giulio schauderte. Strozzi berührte flüchtig seine Lippen und
sagte: "Nun reise auch du schnell und glücklich!"
"Diesen Abend noch!"
"Nein, sobald du aus dem Schlosse trittst!" sprach der Richter und
stieg die Treppe hinunter, während der andere seinem Bruder, dem
Kardinal, nacheilte.