Diesen fand er mit dem Herzog in einer schmalen, hohen Kammer, die
ein einziges großes Fenster erhellte. Es war ein geheiligter Raum,
den zu betreten dem Hofe untersagt war. Die Wände waren mit Plänen
und Karten bekleidet, und in der Mitte auf dem breiten Schreibtische,
an dem der Herzog, die Stirn in die Hand gelegt, sich niedergelassen
hatte, ruhte ein Globus.
Sowie sich die Brüder vor ihm gegenüberstanden, blitzten sie, durch
den bloßen Anblick ihrer Gesichter gereizt, sich feindselig an, und
während der Herzog mit einem Zuge der Besorgnis zuhörte,
überschüttete der Kardinal Don Giulio mit zornigen Worten.
"Ich verlange", rief er, "daß Eure Hoheit diesem Nichtswürdigen den
Hof verbiete; ich will, daß er Ferrara meide ewiglich und uns nicht
länger das Ärgernis seiner Nichtigkeit und Straflosigkeit gebe. Er
beschämt und entehrt unser Geschlecht! Stoße ihn aus, Bruder!"
Unter so unerhörter Beleidigung zuckte Don Giulio zusammen. Er
bäumte sich unter dieser Geißelung; es war, als ob sich seine Züge
vergrößerten und ein edleres Urbild durchschiene, das sich empört
erhebe gegen solche Erniedrigung.
"Kardinal", sagte er, "was ich sündigte, habe ich mir gesündigt. Und
ich weiß nicht, ob ein frei Genießender nicht schuldlos ist neben
einem Staatsmanne, der, wie ein Giftmischer, das Böse berechnend und
wissenschaftlich zu seinen Zwecken braucht und verarbeitet."
"Diese Gedankenlosigkeit ist gerade, was ich dir vorwerfe, du
trauriger Gegenstand!" versetzte der Kardinal, "und daß du ohne jede
geistige Freude dem gemeinsten Genusse frönst. Und darum, weil ich
weiß, was du, Verworfener, Liebe nennst, verbiete ich dir Donna
Angela! Berühre sie nicht mit dem leisesten Atem, mit dem
flüchtigsten Gedanken, denn--pfui deine Gedanken!"
Mit Tränen erwiderte Don Giulio: "Warum stößest du mich in den
Schlamm, daß ich darin ersticke, während du mich früher emporheben
wolltest? Warum hassest du mich so wild, der du einst den Knaben
väterlich geliebt hast?"
"Das will ich dir sagen, Julius. Als ich, der zehn Jahre Ältere,
dich als Kind neben mir sah, freute ich mich deines offenen Antlitzes
und deines hellen Geistes. Herzgewinnend, schön, aufmerksam und
begabt, schienest du mir ein unter günstigen Sternen geborener Este,
uns geschenkt zum Gedeihen unseres Hauses und Staates, ein Labsal,
eine Stütze für Tausende, und es war mein stolzes Bemühen in einer
Zeit des Zerfalles, wo die Persönlichkeit alles ist, die deinige zu
entwickeln. Jetzt, nach deinem kindlichen Aufglänzen, standest du,
ein Jüngling, am Scheidewege; da wandtest du dich ab von den Zielen
der Ehre und Arbeit und verlorest dich völlig in Spiel und Lust. Dir
gelang, deinen ganzen reichen Hort nutzlos und schädlich zu vergeuden.
Nicht der Staat, nicht die Wissenschaft, nicht einmal der die
Jugend entflammende Kriegsdienst vermochte dich zu gewinnen. Du
tötetest deine Tage mit großen und kleinen Freveln... ein kleinlicher
und niedriger Geist. Du hast Raub begangen an deinem Hause, und da
du ihm, Wechselbalg, keine Ehre mehr machen kannst, sondern es mit
lauter Schande bedeckst, sähe ich dich wahrlich lieber tot als
lebendig. Hast du dich doch selbst von uns losgesagt, als du dein
Pratello, an das du grenzenlose Summen verschwendet hast, nicht mit
unserem erlauchten Wappen, sondern mit leeren und sinnlosen Larven
verziertest, wie du selbst eine bist."
"Bruder", erwiderte niedergeschlagen Don Giulio, den sein Gewissen
strafte, "höre auf, mich zu zertreten, weil ich meine Lebensfreiheit
gebraucht habe. Es sind genug Este da, die dem Staate dienen!
Glaube mir, die Tugendlehre steht deinem Geiergesicht übel an!--Über
eines aber, Ippolito d'Este, beruhige dich gänzlich",--und Don
Giulio ermannte sich, einen Boden erreichend, wo er sich schuldlos
fühlte--"über meinen Stand zu Donna Angela! Ich schwöre dir", er
suchte nach einer gültigen Beteuerung, "so wahr unser Fürst und
Bruder hier lebt! Angela Borgia, die der Grund ist deines grausamen
Hasses gegen mich, gehört nicht zu mir, sie geht mich nichts an, sie
ist mir feind! Ich biege ihr aus, so schlank ich kann. Wuchs und
Gebärde dieser Virago sind nicht mein Stil. Auch kann sie mich nicht
lieben, denn sie denkt über mich wie du. Und mit Recht, denn ich
weiß nichts davon, daß ich mich geändert hätte, seit sie mich vor
allem Volke bejammert hat!"
Weit entfernt, daß dieses Geständnis den Kardinal beruhigt hätte,
blies es vielmehr anfachend in die Flamme seiner Eifersucht. Er
traute den Worten Don Giulios, denn er wußte, daß dieser trotz seiner
Übertretungen eine innerlich unverfälschte und wahrhafte Natur
geblieben war, und er sagte sich, daß dieser Wunderquell, in dessen
Tiefe man durch seine leuchtenden Augen hinunterblicken konnte, für
die wahrheitsdurstige Angela eine geheime Anziehungskraft haben mußte,
ohne welche sie nicht hingerissen worden wäre, den aus dem Kerker
Steigenden auf offenem Markte zu mißhandeln und zu beklagen. Seine
Eifersucht wurde zur Wut, als Don Giulio unschuldig fortfuhr:
"Nein, Bruder, ich rede nicht aus Neigung!" Er legte beteuernd die
Hand aufs Herz. "Bei Bacchus! Das Mädchen ist mir so gleichgültig
wie Göttin Diana! Nur hat man sein Erbarmen mit jedem weiblichen
Geschöpfe--was soll aus ihr werden bei deiner rasenden Liebe zu ihr?
Heiraten kannst du sie nicht--du bist ein Priester! Gewinnen noch
weniger, denn sie ist keusch und tapfer! Was bleibt? Was bereitest
du ihr? Du wirst sie töten!"
Seine Stimme hatte einen so warmen, mitleidigen Klang, daß der
Kardinal darüber in Raserei geriet.
"Wer sagt dir, Bube", wütete er, "daß ich sie töten werde! Was
hindert mich, dies hier", er packte mit beiden Fäusten den Purpur
über seiner Brust, "in Fetzen zu reißen und Angela als mein Weib an
das Herz zu drücken? Ich bin jung genug dazu, und ich speie auf das
kirchliche Gaukelspiel!..."
"Gelassen, Bruder!" mischte sich endlich der Herzog in den Zweikampf.
"Das tust du nicht. Daß du ein Weib bis zur Raserei liebst, darf
dir begegnen. Es ist eine menschliche Plage--eine Krankheit--ein
Unglück! Eine verspätete Verweltlichung aber zum Behufe einer Heirat
wäre ein Ärgernis--ein Spott! Und du darfst dich nicht verhöhnen
lassen, du Stolzer! Was Donna Angela betrifft, die ein wertvolles
Mädchen ist, so wird die Herzogin sich damit beschäftigen, sie
standesgemäß zu versorgen, wozu sie als Verwandte verpflichtet ist.
Und du, Kardinal, wirst Donna Angela unter dieser Obhut in Ruhe
lassen, aus Ehrerbietung für Donna Lukrezia, die du scheust und
achtest."
"Die ich scheue und achte!" wiederholte der Kardinal gedankenabwesend.
"Und mit wem wird Donna Lukrezia sie vermählen? erkühne ich mich zu
fragen."
"Das überlassen wir ihrer Klugheit", sagte der Herzog. "Ich für
meinen Teil denke, es wäre nicht unweislich gehandelt, sie dem Grafen
Contrario zu geben."
Nun war es seltsam, wie bei der Nennung dieses in Italien Reichtum
und Ehrbarkeit bedeutenden Namens beide feindlichen Brüder in ein
einträchtiges und einstimmiges Hohngelächter ausbrachen.
Dann aber wandte sich der Kardinal mit erneuter Wut gegen seinen
Mitlacher.
"Es sei!" schrie er. "Donna Lukrezia verfüge! Sie wird etwas
anderes finden, oder Donna Angela sich selbst besser beraten. Wenn
nur dieser Auswurf der Este", er deutete auf den jungen Bruder, "aus
dem Spiele bleibt!" Und so tötende Blicke schoß er gegen ihn, daß
dieser erbleichte.
Jetzt schwindelte Ippolito auf dem Gipfel seines Hasses; er fühlte,
daß er die Besinnung verliere und einer Ohnmacht nahe sei. Sich an
die Stuhllehne des Herzogs klammernd, keuchte er in abgebrochenen
Worten:
"Wenn dir dein Leben lieb ist, Bruder, so entweiche aus meinem
Gesichtskreis! Verlaß Ferrara! Noch zu dieser Stunde!... Jetzt
gleich!... Geh!..." Don Giulio betrachtete den Kardinal mit
erschrockenen Augen. Ihm schien, daß ihn dieser unwillkürlich und
aufrichtig warne vor den mörderischen Ausbrüchen seines Hasses, und
er beschloß, ihm zu gehorchen.
"So tue ich, Kardinal!" sagte er und wollte sich entfernen. Doch der
Herzog gebot anders.
"Keine Übereilung!" hielt er ihn zurück. "Nichts Auffallendes!
Nichts, was Mutmaßungen und Gerede verursachen könnte! Begebt Euch
jetzt in den Kreis der Herzogin. Unterhaltet sie und lasset
gelegentlich einfließen, Eure Lust am Kriegswesen sei wieder erwacht,
und da jetzt die Euerm Dienste in Venedig entgegenstehenden
Staatsgründe weggefallen wären, so kehrtet Ihr dahin zurück. Ich
hätte Euch Urlaub gegeben, wenn auch ungern."
Don Giulio verneigte sich gehorsam.
Da ließ sich draußen eine scharfe Stimme vernehmen, und alle drei
wendeten sich gegen den Eingang der Kammer. Es war Don Ferrante, der
Einlaß begehrte und in meckernden Tönen zu rezitieren begann, denn
neben andern Torheiten huldigte er auch der, zuweilen in Versen zu
reden:
"Holdsel'ger Anblick, selten, aber wahr:
Drei Brüder schließen liebend sich zusammen,
Die von verschiednen schönen Müttern zwar,
Doch von demselben edeln Vater stammen!
Sie würgen sich, und sie ersticken gar
Sich in Umarmungen und Liebesflammen.
So groß ist ihr Verlangen und Entzücken,
Sich gegenseitig an die Brust zu drücken!
Der vierte kommt, den dreien anzusagen,
Daß im Boskett, wo Amor liegt in Banden,
Wo die Gelehrten unsrer Fürstin tagen,
Ein philosophischer Disput entstanden.
Es handelt sich um nadelspitze Fragen,
Und eine Lösung ist noch nicht vorhanden.
Erlauchte Prinzen, laßt Euch nicht verdrießen,
Auch Eures Witzes Bolzen abzuschießen.