Drittes Kapitel

Im Schatten der herrlichsten Bäume wandelte die kleine Gesellschaft,

die Frauen voran, der Kardinal mit Bembo harmlos plaudernd, gegen die

Mine des Parkes, wo sie den in gerader Linie dem Schlosse zulaufenden

Zypressengang betraten. Dieses, ein schlichtes Gebäude von nur

mäßigen Verhältnissen, erhob sich auf dem Grunde eines schwülen,

bleiernen Julihimmels. Eben wurde ein neuer, befestigter

Seitenpavillon angebaut, von dem die hölzernen Gerüste der Maurer

noch nicht entfernt worden waren.

Zu der hellen, kleinen Fassade stieg eine breite Doppeltreppe empor,

und der in den Parkanlagen sich ergehende Hofstaat erblickte oben auf

der Rampe den unermüdlichen Herzog, wie er, seinen müßigen Hof auf

sich warten lassend, den Neubau besichtigte und, von den Werkleuten

zurückgehalten, mit ihnen eifrig die Arbeit besprach.

Im Schatten der Hauptallee wandelte langsam die Herzogin, welche

jetzt auf den Arm des Kardinals sich stützte, den rechts und links

vom Wege gesammelten Hof begrüßend und nach sich ziehend.

Vor die beiden trat ein wohlgebildeter, mittelgroßer Mann und bemühte

sich mehr noch um den Kardinal, dem er besonders ergeben schien, als

um die Herzogin, so gütig sie ihm zunickte.

"Man sieht, Messer Ludovico, daß Ihr aus dem Strahlenkreise der Musen

kommt, so licht ist Euer Antlitz!" sagte sie.

"Diesmal ist es eher der geistreiche Umgang meines morgenländischen

Freundes, der mich erheitert", versetzte Ariost, "und, wie immer,

Eure beseligende Gegenwart."

Er stellte seinen Begleiter, der, ein feinerzogener Mann, die Arme

auf orientalische Weise über der Brust kreuzend, sich ernst verneigte,

der Herzogin vor.

Der persische Teppichhändler Ben Emin war in Ferrara die Mode des

Tages. In Venedig vorübergehend niedergelassen, wo er in der

Merceria die herrlichste Ware auslegte, hatte er einen Flug nach

Ferrara getan, um dem prachtliebenden Hofe seine kostbaren Gewirke zu

verkaufen, und in Wahrheit nicht minder, um Ariosto kennenzulernen,

aus dessen Heldengedicht--die ersten Gesänge hatten vor kurzem die

Presse verlassen--er sein höheres Italienisch erlernte und überhaupt

den mannigfaltigsten Genuß schöpfte; denn Ben Emin war ein Kenner,

wußte seine großen persischen Dichter auswendig und liebte besonders

die Moral im Prachtgeschmeide der Dichtung.

"Es ist eine ganz eigentümliche Lust, Erlauchteste", begann Ariost,

"mit einem gebildeten Manne aus einer fremden Nation umzugehen, die

Verschiedenheiten von Gebrauch und Sitte zu belächeln und sich an dem

lieben, allgemeinen Menschenantlitz zu erfreuen, das aus den größten

Unterschieden immer wieder sieghaft hervorbricht. Doch immerhin groß

und wunderbar sind diese. So, zum Beispiel", scherzte er, "scheint

es ein überall verbreiteter Zug zu sein, daß der Mann schenkt, wo er

das Weib bewundert. Nicht so mein Perser! Ben Emin denkt anders.

Er ist zwar der größte Verehrer unserer Ferraresinnen und verfolgt

die raschen Bewegungen ihrer schlanken, seine Ware prüfenden Finger

mit aufmerksamen und leuchtenden Augen; aber meinet Ihr, daß er der

ihn am schönsten Anlächelnden ein 'Behaltet, Sonne!' oder 'Nehmet,

mein Stern!' zuflüstere? Nein! Vielmehr nennt er unglaubliche

Preise, so daß sich der süßeste Mund zum Schmollen verzieht. So

grausam ist Ben Emin!"

Die Neckerei erregte die Heiterkeit der Höflinge; Ben Emin aber, der

unter seiner Mütze von schwarzem Lammfell mit klugen Augen blickte,

wendete sich würdevoll an die Herzogin:

"Wunder Italiens! Vollkommenste der Frauen!" sprach er in gutem

Italienisch, "ich erwähle dich zur Richterin. Da ich Ferrara

erreichte, warf ich mich dir zu Füßen, meinen schönsten Teppich vor

dir ausbreitend und dich anflehend, ihn als dein Eigentum zu betreten.

Du hattest die Gnade, meinen Wunsch zu erfüllen. Wäre es nun nicht

eine Verkennung und Beleidigung deiner Einzigkeit, wäre es nicht

eigentlicher Hochverrat, wenn ich mit undankbarem Herzen nach und

neben dir andere und Geringere beschenken würde? Nicht davon zu

reden, daß, was einer Fürstin gegenüber gerechte Huldigung ist, die

Tugend einer niedriger Gebornen in Verruf bringen könnte. Solches

aber sei ferne von Ben Emin!"

Die Hofleute beglückwünschten den Perser zu seiner Rede und gestanden

sich heimlich, daß der schlaue Kaufmann Ben Emin in Ferrara nicht der

Gefoppte sei.

Da die Schwüle des Hochsommertages wuchs und sich in den dichten

Zypressenhecken verfing, suchte die Herzogin mit Ariost und dem

Perser das große Boskett in der Tiefe des Parkes auf, wo ein Ring

hoher Ulmen seine Kronen wiegte und zu einer luftigen Wölbung

zusammenschloß. Hier stand in der Mitte auf einem verwitterten

Marmor ein eherner Kupido, der sich mit zerrissenen Flügeln und

verschütteten Pfeilen in Fesseln wand. Dieses Bild sagte in der

wunderbar freien Sprache des Jahrhunderts, daß für die verheiratete

Lukrezia die Zeit der Leidenschaft vorüber sei, und hier in der Runde

auf den Steinbänken pflegte die Gemahlin Herzog Alfonsos im Sommer

Hof zu halten.

Währenddessen haschte in der verlassenen Hauptallee ein Jüngling

einen anderen, der ihm in das Gebüsch zu entschlüpfen suchte. Beides

waren Jugendgestalten voller Kraft und Anmut, von vollkommenem Wuchs

und geschmeidigen Gliedern--zwei Könige des Lebens.

"Halt' ich dich endlich, Julius!" rief der eine und legte seinem

Gefangenen den Arm um den Nacken. "Ich denke, wir sind beide zum

Herzog befohlen und wandeln nun diese kurze Lebensstrecke zusammen!"

Er wies auf den grünen Gang mit dem Schloß am Ende.

"Sie ist lang, Herkules", seufzte Don Giulio, "und gewährt dir Raum

zu einer rednerischen Leistung; doch ich leide mein Schicksal."

"Mein Freund", begann Strozzi, "ich werde nicht predigen, teils weil

ich von der Eitelkeit solcher Zusprüche im allgemeinen und ihrer

Vergeblichkeit dir gegenüber insbesondere überzeugt, teils weil ich

zum Herzog gerufen bin, ich fürchte, um mit ihm das jüngste Ärgernis

zu betrachten, das du in deinem Pratello gegeben hast, wovon ihm der

umständliche Bericht des Polizeihauptmanns Zoppo vorliegt: Tumult,

Blasphemie, Entführung, Blut, Gewalttat, mehrere Tote!"

"Oh, so stand es nicht im Programm. Es war ein klassisches

Bacchusfest beabsichtigt. Du hättest nur die Coramba mit ihren

wilden Reizen als Ariadne sehen sollen! Trage ich vielleicht die

Schuld, daß die Krönung der Ariadne durch den Mißverstand meiner

Bauern in den Raub der Sabinerinnen und in zentaurischen Mord und

Totschlag ausartete?"

"Kein Wort mehr davon, Giulio! Dein ruchloser Leichtsinn könnte das

treuste, das angeborne Wohlwollen erschöpfen, und ich hätte mich

längst mit Ekel von dir abgewendet, so lieb du mir bist, du schönes

Laster, hättest du nur die Hälfte deiner Taten gefrevelt; aber das

Ganze übersteigt derart die Schranke, daß ich dich als eine

Sondergestalt betrachte, welche jeden menschlichen Maßstab verspottet.

Deshalb bin ich entschlossen, statt dich von neuem in Fesseln legen

zu lassen, beim Herzoge deine Verbannung aus Ferrara von wenigstens

einem Jahre zu beantragen. Das verkünde ich dir. Du magst in den

venezianischen Kriegsdienst zurückkehren, den du nie hättest

verlassen sollen."

"Ob ich nach Venedig zurückgehe", versetzte Don Giulio, "wer lebt,

der erfährt's!" Und es wetterleuchtete über seine junge Stirn. "Doch

ich bitte dich, mache mich Menschlichen nicht zum Unmenschen! Ich

bin kein sittliches Ungeheuer--nicht einmal deine Donna Lukrezia ist

es, deren farblose Augen dich bannen, daß du ihr sinnlos zustreben

mußt! Die deine Einteilungen und Fächer zerstört und deine Göttin

Gerechtigkeit stürzt und überwindet! Auch sie ist nicht der Dämon,

vor dem du erbebst."

"Daß ich die Gesetzlose lieben muß, ist Schicksal", sagte der Richter

mit einem peinvollen Lächeln. "Doch daß ich ihr zulieb' das Gesetz

vergessen, das heilige Recht verletzen sollte, erscheint mir

unmöglich!" Und er seufzte, schmerzlich fühlend, daß er nicht minder

als sein genußsüchtiger Freund an einem giftigen Schlangenbisse

dahinsieche.

"Ich sage dir ja", tröstete Don Giulio, ungeduldig bewegt von dem

Schmerzensausdruck, "du übertreibst dir das Weib ins Große. Das Weib,

das dich entsetzt und bestrickt, ist nicht jene Lukrezia, die dort

unten lustwandelt. Du erstaunst, und deine Augen befragen mich! Nun

ja, ich nehme sie natürlicher. Wo sie herstammt und wie sie aufwuchs,

das wissen wir. Es scheint dir wunderbar, Prätor, daß sie die

Frevel ihrer Vergangenheit verwindet ohne Gericht und Sühne. Siehst

du nicht, daß es nur der Rettungsgürtel ihres vom Vater ererbten

Leichtsinnes ist, der sie oben hält? Und daß sie nun über der

tödlichen Tiefe hell und sorglos dem Porte der Tugend zukämpft,

hältst du für dämonische Größe. Ich sage dir: mit Ausnahme der Anmut,

die sie füllt bis in die Fingerspitzen, ist sie ein gewöhnliches,

rasch bedachtes Weib! Ein ganz gewöhnliches Weib! Glaube mir, ein

menschliches Weib!" endete der Jüngling mit einem übermütigen

Gelächter.

Sie waren am Fuße des Schlosses angelangt und betraten das Freie, wo

sich unter einem bleiernen Himmel in stumpfer Helle der

Neptunusbrunnen erhob. Dieser stand, an das Fundament des

Mittelbaues gelehnt, in dem Halbrund, das die beiden zur

Schloßterrasse ansteigenden Freitreppen bildeten, und rauschte und

plätscherte in der Schwüle, genährt von den Wasserstrahlen, welche

das Gesinde des Meergottes aus Urnen und Muscheln in die Riesenschale

herabgoß.

Der Richter wollte die nächste Treppe hinaufeilen, denn er wußte sich

vom Herzog erwartet. Da wandte sich Don Giulio, dessen Arm ihn

umfaßt hielt, rasch wieder gegen den dunkeln Park zurück und zog den

widerstrebenden Freund mit sich.

Er hatte noch nicht ausgeredet.

Seltsam verschlangen sich auf dem hellen Kiesgrund zu ihren Füßen

zwei ringende, kurze Schatten. Strozzi sah den grotesken Kampf und

lachte: "Siehe, wie du mich zwingst!"

"Mein Bruder also schickt mich nach Venedig", sagte der Este, während

sie noch einmal den endlosen Baumgang betraten, "derselbe Bruder, der

mich unlängst aus politischen Gründen von Venedig zurückberief!"

"Hättest du die Geringschätzung in dem Lächeln seiner Mundwinkel

gesehen, als er die Meldung deines augenblicklichen Gehorsams empfing!

Ich stand daneben. Er hatte dich Papst Julius zu Gefallen

zurückrufen müssen; aber es war nur zum Schein: er erwartete, du

würdest ihn verstehn und ihm nicht gehorchen."

Eine zornige Macht leuchtete jetzt aus den sanften Augen Don Giulios.

Noch war er nicht so verweichlicht, daß es ihn nicht empört hätte,

sich mißachtet zu sehen; doch verbarg er seinen Unwillen unter einem

Lächeln.

"Zu klug für mich! Und dann, du weißt, ich bin kein Feldherr, nicht

einmal ein Soldat", sagte er. "Ich liebe Blutvergießen nicht..."

"Und vergießest so viel, daß es dir von den Händen träufelt und deine

Fußstapfen füllt!"

"Nur wenn ein Lästiger mein Vergnügen stört!" erwiderte der Este

frevelmütig. "Aber was du sagst, Herkules! Ihr schickt mich wieder

nach Venedig! Halb bin ich es zufrieden, halb schmerzt es mich--

halb bin ich hier gebunden, halb streb' ich fort--mir selbst ein

Rätsel!..."

"Das die dunkellockige Angela löst! Du suchst und fliehst sie!"

"Keineswegs", sagte Don Giulio, "sie ist mir gleichgültig. Aber seit

jenem Einzug vor zwei Jahren--du warst ja dabei und nahmst dich

prächtig aus als ernsthafter Träger einer goldenen Baldachinstange,

da hast du es selbst gehört, wie sie mich vor allem Volke bedroht und

gerichtet hat... seit jenem Tage bin ich nicht mehr derselbe! Meine

Sinne taumeln, und wie ein Rasender suche, wechsle ich Mund und

Becher und habe nur einen Wunsch, daß jene, die sich feindselig und

kalt von mir abwendet, mir noch einmal ihr hellflammendes Antlitz

zukehre und mich noch einmal bedrohe--noch stärker als das erstemal...

Doch ich rede Unsinn. Sendet mich nach Venedig!"

Er schöpfte Atem. "Auch ist es gut für ihn und mich", fuhr er fort,

"wenn ich dem Bruder Kardinal eine Weile aus den Augen komme. Er

liebte mich einst, und jetzt beginnt er mich zu hassen auf eine

unmenschliche Weise. Urteile selbst! Neulich hält er mich fest und

raunt mir mit drohender Stimme ins Ohr: 'Julius, ich verbiete dir das

Antlitz Angelas! Ich verbiete dir ihre Augen! Ich verbiete dir

ihren Atem! Bei deinem Leben!'"

"Ich weiß", antwortete der Richter, "der Ungerechte liebt die Ärmste

wütend. Und sündig wie die Welt und allmächtig, wie er auf diesem

Ferrara heißenden sündigsten Fleck derselben ist, wäre sie dem Geier

schon längst ohne Erbarmen zum Raube gefallen sein, wenn nicht..."

"Und du schneidest nicht dazwischen, Großrichter? Du Liebhaber

und Diener der Gerechtigkeit? Rette das Mädchen! Damit wollte

ich dich betrauen, mein Herkules, bevor ich nach Venedig gehe.

Ich kann es nicht, denn ich würde ihr Unglück bringen..." er

schwieg und träumte--"wie sie mir! Bei jener Herausforderung des

Kardinals--du weißt, ich bin ein Genießender, aber kein

Feigling!--wallte mein Blut, und ich hätte ihm sein wahnsinniges

Verbot ins Angesicht zurückgeschleudert, hätte es sich um eine

meiner Schönen gehandelt--aber ich überlegte mir", er deckte die

Augen sinnend mit der Hand, "daß ich das Mädchen nicht liebe, und

daß ich bei der Art meines Bruders schweres Unheil auf sie

herabzöge, wenn ich mich schützend neben sie stellte. Und sie

würde es nicht dulden--sie will es nicht. Sie verachtet mich, sie

richtet mich--und ruft Unheil auf mich herab:--Oh, schade!"--Dann

fuhr er im Zorne der Erinnerung fort: "Der Kardinal mag sein Netz

über sie werfen, obwohl ich es grausam und abscheulich finde,

abscheulich und hassenswert, wie diese ganze Welt, wenn ich nicht

trunken bin oder einen Frauenmund küsse."

"Beruhige dich", sagte der Großrichter ernst, "es wird ihr nichts

geschehen, davon bin ich überzeugt; keine Falte des Gewandes darf ihr

verschoben werden, denn sie wird beschützt--von Lukrezia Borgia."

"Gut so! Ich überlasse sie dieser Heiligen", spottete der Este; "ich

aber will mich in einen Myrtenschatten an eine frische Quelle setzen

und darin meinen Wein kühlen... Wenn nicht der andere Bruder,

Ferrante, durch die Büsche bricht, sich neben mir ins Gras wirft und

mir mit seinen Verschwörungen und hochverräterischen Einflüsterungen

das Ohr vergiftet, wo ich dann die Wahl habe, ob ich ihn für einen

Narren oder Bösewicht oder für beides halten soll. Neulich lud er

mich brüderlich ein, den Herzog, wie er sich ausdrückte, aus der

Mitte zu schaffen; doch sei überzeugt, hätte ich nur halbwegs

hingehorcht, der Arge wäre zur selben Stunde an mir zum Verräter

geworden. Auf diese Fährte aber folge ich ihm nicht, sondern

schließe ihm den Mund, denn ich verehre den Herzog und hasse die

Felonie. Aber sage mir, Strozzi, hältst du Don Ferrante eines bösen

Streiches für fähig um der Krone willen?"

"Es sind Tücken ohne Folge und Frucht", antwortete der Richter, "wenn

nicht ungewöhnliche Lagen oder unerwartete Erschütterungen die

Drachensaat verhängnisvoll zeitigen."

"Macht das unter euch aus, ihr Raubtiere", lachte der leichtherzige

Julius, "und wenn ich aus Venedig zurückkehre, will ich sehen, welche

Leichen auf der Hofbühne von Ferrara herumliegen. Lebe wohl, Anbeter

der Gerechtigkeit, und eile dich! Der Herzog wartet."

Er umarmte den Freund und ließ ihn dann mit solchem Ungestüm fahren,

daß jener taumelte. Strozzi suchte mit schnellen Schritten die Villa,

und Julius schlenderte ihm gelassen nach.

Da er den Neptunusbrunnen erreichte, badete er sich, der Kühle

bedürftig, das Antlitz und ließ den aus der Steinbrust eines

Meerweibes springenden Wasserstrahl gegen seine durch die vertobte

Nacht entkräftete Stirn fahren. Da, während er sich das Haupt mit

seinem Tuche trocknete, wurde er eines müden Strolches gewahr, der

unbeweglich auf einer Steinbank im schmalen Schatten des Mauerrunds

lagerte und, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, ihn unter dem Filz

hervor mit unverwandten Augen beobachtete. Jetzt sprang er rasch auf

die Füße und verneigte sich mit der Begrüßung: "Ich verehre Euch, Don

Giulio!"

"Bleib!" bedeutete ihn der leutselige Este, "aber rücke! Es ist Raum

für zwei. Ich habe Lust zu schlummern; du bewachst mich!"

Der Bravo zeigte lächelnd die weißen Zähne und lüftete den Dolch, der

ihm am Gurt hing, ein wenig in der Scheide.

"Du bist von den Leuten des Kardinals?" sagte Don Giulio. "Wie

heißest du?"--Der Kardinal war als der Besitzer und Ernährer einer

stattlichen Bande bekannt.

"Ich nenne mich Kratzkralle", antwortete der andere untertänig.

"Aber dein christlicher Name?"

"Vergessen. Er war auch ein bißchen stinkend geworden."

"Den neuen hat dir wohl dein Kardinal gegeben? Und wie nennen sich

die andern vom Gesinde?"

"Sie heißen, mit Erlaubnis Eurer Herrlichkeit, Dornbart,

Zähnefletscher, Drachenblut, Eberzahn, Grimmrot und Firlefanz. Mit

mir unser sieben--wohlgezählt. Wir sind die sieben Todsünden des

Kardinals, wie uns das Volk von Ferrara nennt."

"Nun kenne ich auch eure Marschordnung", sagte Don Giulio, auf den

fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hölle anspielend, wo

der Kardinal als ein Verehrer des göttlichen Dichters die Namen

seiner Bande gefunden hatte.

Er brach in ein helles Gelächter aus. Don Giulio konnte noch recht

kindlich lachen. Dann aber reckte er die Arme: "Wie ich müde bin!"

Er warf sich auf die Bank nieder, ohne die Berührung des anderen zu

scheuen, suchte seine Lage und war entschlummert.

Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll: "O du schöne

Jugend!"

Zuerst versank der Müde in eine traumlose Tiefe, Vergessen schlürfend

in langen, durstigen Zügen; dann öffnete sich langsam sein inneres

Auge, und daran vorüber eilte, aufdämmernd, eine flüchtige Jagd, ein

hastiges Gedränge bacchischer Erscheinungen, rasende Körper,

rücklings geworfene Häupter, geschwungene Zimbeln, Pauke und

Evoeschrei. Horch! In weiter Ferne, aus anderer Richtung, zuerst

kaum hörbar, dann schwer anschwellend, dröhnende Posaunen!

Unbekannte Angst befiel ihn. Da stand er plötzlich in einer ernsten

Versammlung, in einem Kreise von Richtern verschiedener Völker und

Zeiten. In der Mitte saß, grau und streng, wie aus Stein gehauen,

Carolus Magnus, sein großes Richtschwert auf die Knie gelegt; zu

seiner Rechten stand der Prophet Samuel, den geisterhaften Mantel

über der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend; zu seiner Linken

der Römer Brutus, der strenge Vater, inmitten seiner Liktoren, von

denen seltsamerweise der Richter Herkules, Giulios Freund, eben

gefesselt wurde. Der Träumende erstaunte, daß ihrer beider

ferraresische Sünden eines so hohen Gerichtes würdig erfunden seien.

Jetzt ertönte die mächtige Stimme Kaiser Karls, ohne daß er die

Lippen bewegte: "Julius Este, das von der Jungfrau dir verkündigte

Gericht ist da. Sie ist es selbst." Wieder dröhnte die Posaune, und

alles stürzte zusammen.

Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte

Don Giulio im Grase, zu der freundlich über ihn geneigten Angela

emporblickend.

"Du Tor", sagte sie, wie in einem Gespräche fortfahrend, "darf auch

ein Mädchen zu einem Jüngling sagen: ich liebe dich? Sie muß ihr

Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und

Drohung. Auch, wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger

Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben? Und dennoch: Gerade deine

viele Sünde, die ich strafen muß, ist es, die mich an dich kettet.

Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen, mit denen du frevelst.

Reiße sie aus und wirf sie von dir!"

Don Giulio wunderte sich im Traume, wie frech und vertraut die stolze

Angela zu ihm rede; er lauschte bange, was da noch kommen werde, und

als sie schwieg, wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick. Er

wollte sich aufschnellen, war aber von unsichtbaren Banden an den

Boden gefesselt und außerstande, die kleinste Bewegung zu machen.

"Du willst nicht?" begann jetzt die Traum-Angela wieder; "aber es ist

einmal nicht anders." Damit tauchte sie den Finger in eine Schale,

die sie in der Linken hielt, und träufelte dem Ärmsten, der sich

umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte, einen Tropfen

roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge.

Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz, und tiefe Finsternis,

dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht, umfing ihn.

Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen,

der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete.

"Schlimm geträumt, Herrlichkeit!" sagte Kratzkralle.

"Entsetzlich! Mir war, ich werde geblendet."

"Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht", meinte

der Bandit. "Meine Verehrungen, Herrlichkeit! Doch nun beurlaubt

mich."

Er verbeugte sich, blieb aber stehen, wie durch eine gewisse

Zärtlichkeit zurückgehalten, und begann mit bedenklicher Miene und

gedämpfter Stimme: "Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne

Glauben schenken will, so verzieht sie sich sachte von hier in dieser

gegenwärtigen Stunde noch, sucht ein Klösterlein auf--Sant Andrea in

den Stauden liegt nahe, der Heilige ist gut und die dortige

Brüderschaft diskret--, gibt jedem Bettler, dem sie auf dem Wege

begegnet, ein Goldstück, tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde,

verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die

lieben bedrohten Augen. Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch!"

schloß er mit Inbrunst.

"Bist du traumgläubig?" scherzte Don Giulio, der schnell seine

Sicherheit wiedergewonnen hatte.

"Ich weiß, was ich weiß", versetzte der Bandit. "Mir hat einst

geträumt, ebenso eindrücklich wie Euch heute, ich ersteche meinen

Schwager. Erwacht, tat ich das Mögliche von frommen Dingen; aber es

mußte nur sein."

Er grüßte tief und war weg. Offenbar hatte er es eilig, aus der Nähe

eines Menschen wegzukommen, der nach seiner festen Überzeugung einem

dunkeln Schicksal verfallen war.

Angela Borgia · 第 6 / 23 题