Im Schatten der herrlichsten Bäume wandelte die kleine Gesellschaft,
die Frauen voran, der Kardinal mit Bembo harmlos plaudernd, gegen die
Mine des Parkes, wo sie den in gerader Linie dem Schlosse zulaufenden
Zypressengang betraten. Dieses, ein schlichtes Gebäude von nur
mäßigen Verhältnissen, erhob sich auf dem Grunde eines schwülen,
bleiernen Julihimmels. Eben wurde ein neuer, befestigter
Seitenpavillon angebaut, von dem die hölzernen Gerüste der Maurer
noch nicht entfernt worden waren.
Zu der hellen, kleinen Fassade stieg eine breite Doppeltreppe empor,
und der in den Parkanlagen sich ergehende Hofstaat erblickte oben auf
der Rampe den unermüdlichen Herzog, wie er, seinen müßigen Hof auf
sich warten lassend, den Neubau besichtigte und, von den Werkleuten
zurückgehalten, mit ihnen eifrig die Arbeit besprach.
Im Schatten der Hauptallee wandelte langsam die Herzogin, welche
jetzt auf den Arm des Kardinals sich stützte, den rechts und links
vom Wege gesammelten Hof begrüßend und nach sich ziehend.
Vor die beiden trat ein wohlgebildeter, mittelgroßer Mann und bemühte
sich mehr noch um den Kardinal, dem er besonders ergeben schien, als
um die Herzogin, so gütig sie ihm zunickte.
"Man sieht, Messer Ludovico, daß Ihr aus dem Strahlenkreise der Musen
kommt, so licht ist Euer Antlitz!" sagte sie.
"Diesmal ist es eher der geistreiche Umgang meines morgenländischen
Freundes, der mich erheitert", versetzte Ariost, "und, wie immer,
Eure beseligende Gegenwart."
Er stellte seinen Begleiter, der, ein feinerzogener Mann, die Arme
auf orientalische Weise über der Brust kreuzend, sich ernst verneigte,
der Herzogin vor.
Der persische Teppichhändler Ben Emin war in Ferrara die Mode des
Tages. In Venedig vorübergehend niedergelassen, wo er in der
Merceria die herrlichste Ware auslegte, hatte er einen Flug nach
Ferrara getan, um dem prachtliebenden Hofe seine kostbaren Gewirke zu
verkaufen, und in Wahrheit nicht minder, um Ariosto kennenzulernen,
aus dessen Heldengedicht--die ersten Gesänge hatten vor kurzem die
Presse verlassen--er sein höheres Italienisch erlernte und überhaupt
den mannigfaltigsten Genuß schöpfte; denn Ben Emin war ein Kenner,
wußte seine großen persischen Dichter auswendig und liebte besonders
die Moral im Prachtgeschmeide der Dichtung.
"Es ist eine ganz eigentümliche Lust, Erlauchteste", begann Ariost,
"mit einem gebildeten Manne aus einer fremden Nation umzugehen, die
Verschiedenheiten von Gebrauch und Sitte zu belächeln und sich an dem
lieben, allgemeinen Menschenantlitz zu erfreuen, das aus den größten
Unterschieden immer wieder sieghaft hervorbricht. Doch immerhin groß
und wunderbar sind diese. So, zum Beispiel", scherzte er, "scheint
es ein überall verbreiteter Zug zu sein, daß der Mann schenkt, wo er
das Weib bewundert. Nicht so mein Perser! Ben Emin denkt anders.
Er ist zwar der größte Verehrer unserer Ferraresinnen und verfolgt
die raschen Bewegungen ihrer schlanken, seine Ware prüfenden Finger
mit aufmerksamen und leuchtenden Augen; aber meinet Ihr, daß er der
ihn am schönsten Anlächelnden ein 'Behaltet, Sonne!' oder 'Nehmet,
mein Stern!' zuflüstere? Nein! Vielmehr nennt er unglaubliche
Preise, so daß sich der süßeste Mund zum Schmollen verzieht. So
grausam ist Ben Emin!"
Die Neckerei erregte die Heiterkeit der Höflinge; Ben Emin aber, der
unter seiner Mütze von schwarzem Lammfell mit klugen Augen blickte,
wendete sich würdevoll an die Herzogin:
"Wunder Italiens! Vollkommenste der Frauen!" sprach er in gutem
Italienisch, "ich erwähle dich zur Richterin. Da ich Ferrara
erreichte, warf ich mich dir zu Füßen, meinen schönsten Teppich vor
dir ausbreitend und dich anflehend, ihn als dein Eigentum zu betreten.
Du hattest die Gnade, meinen Wunsch zu erfüllen. Wäre es nun nicht
eine Verkennung und Beleidigung deiner Einzigkeit, wäre es nicht
eigentlicher Hochverrat, wenn ich mit undankbarem Herzen nach und
neben dir andere und Geringere beschenken würde? Nicht davon zu
reden, daß, was einer Fürstin gegenüber gerechte Huldigung ist, die
Tugend einer niedriger Gebornen in Verruf bringen könnte. Solches
aber sei ferne von Ben Emin!"
Die Hofleute beglückwünschten den Perser zu seiner Rede und gestanden
sich heimlich, daß der schlaue Kaufmann Ben Emin in Ferrara nicht der
Gefoppte sei.
Da die Schwüle des Hochsommertages wuchs und sich in den dichten
Zypressenhecken verfing, suchte die Herzogin mit Ariost und dem
Perser das große Boskett in der Tiefe des Parkes auf, wo ein Ring
hoher Ulmen seine Kronen wiegte und zu einer luftigen Wölbung
zusammenschloß. Hier stand in der Mitte auf einem verwitterten
Marmor ein eherner Kupido, der sich mit zerrissenen Flügeln und
verschütteten Pfeilen in Fesseln wand. Dieses Bild sagte in der
wunderbar freien Sprache des Jahrhunderts, daß für die verheiratete
Lukrezia die Zeit der Leidenschaft vorüber sei, und hier in der Runde
auf den Steinbänken pflegte die Gemahlin Herzog Alfonsos im Sommer
Hof zu halten.
Währenddessen haschte in der verlassenen Hauptallee ein Jüngling
einen anderen, der ihm in das Gebüsch zu entschlüpfen suchte. Beides
waren Jugendgestalten voller Kraft und Anmut, von vollkommenem Wuchs
und geschmeidigen Gliedern--zwei Könige des Lebens.
"Halt' ich dich endlich, Julius!" rief der eine und legte seinem
Gefangenen den Arm um den Nacken. "Ich denke, wir sind beide zum
Herzog befohlen und wandeln nun diese kurze Lebensstrecke zusammen!"
Er wies auf den grünen Gang mit dem Schloß am Ende.
"Sie ist lang, Herkules", seufzte Don Giulio, "und gewährt dir Raum
zu einer rednerischen Leistung; doch ich leide mein Schicksal."
"Mein Freund", begann Strozzi, "ich werde nicht predigen, teils weil
ich von der Eitelkeit solcher Zusprüche im allgemeinen und ihrer
Vergeblichkeit dir gegenüber insbesondere überzeugt, teils weil ich
zum Herzog gerufen bin, ich fürchte, um mit ihm das jüngste Ärgernis
zu betrachten, das du in deinem Pratello gegeben hast, wovon ihm der
umständliche Bericht des Polizeihauptmanns Zoppo vorliegt: Tumult,
Blasphemie, Entführung, Blut, Gewalttat, mehrere Tote!"
"Oh, so stand es nicht im Programm. Es war ein klassisches
Bacchusfest beabsichtigt. Du hättest nur die Coramba mit ihren
wilden Reizen als Ariadne sehen sollen! Trage ich vielleicht die
Schuld, daß die Krönung der Ariadne durch den Mißverstand meiner
Bauern in den Raub der Sabinerinnen und in zentaurischen Mord und
Totschlag ausartete?"
"Kein Wort mehr davon, Giulio! Dein ruchloser Leichtsinn könnte das
treuste, das angeborne Wohlwollen erschöpfen, und ich hätte mich
längst mit Ekel von dir abgewendet, so lieb du mir bist, du schönes
Laster, hättest du nur die Hälfte deiner Taten gefrevelt; aber das
Ganze übersteigt derart die Schranke, daß ich dich als eine
Sondergestalt betrachte, welche jeden menschlichen Maßstab verspottet.
Deshalb bin ich entschlossen, statt dich von neuem in Fesseln legen
zu lassen, beim Herzoge deine Verbannung aus Ferrara von wenigstens
einem Jahre zu beantragen. Das verkünde ich dir. Du magst in den
venezianischen Kriegsdienst zurückkehren, den du nie hättest
verlassen sollen."
"Ob ich nach Venedig zurückgehe", versetzte Don Giulio, "wer lebt,
der erfährt's!" Und es wetterleuchtete über seine junge Stirn. "Doch
ich bitte dich, mache mich Menschlichen nicht zum Unmenschen! Ich
bin kein sittliches Ungeheuer--nicht einmal deine Donna Lukrezia ist
es, deren farblose Augen dich bannen, daß du ihr sinnlos zustreben
mußt! Die deine Einteilungen und Fächer zerstört und deine Göttin
Gerechtigkeit stürzt und überwindet! Auch sie ist nicht der Dämon,
vor dem du erbebst."
"Daß ich die Gesetzlose lieben muß, ist Schicksal", sagte der Richter
mit einem peinvollen Lächeln. "Doch daß ich ihr zulieb' das Gesetz
vergessen, das heilige Recht verletzen sollte, erscheint mir
unmöglich!" Und er seufzte, schmerzlich fühlend, daß er nicht minder
als sein genußsüchtiger Freund an einem giftigen Schlangenbisse
dahinsieche.
"Ich sage dir ja", tröstete Don Giulio, ungeduldig bewegt von dem
Schmerzensausdruck, "du übertreibst dir das Weib ins Große. Das Weib,
das dich entsetzt und bestrickt, ist nicht jene Lukrezia, die dort
unten lustwandelt. Du erstaunst, und deine Augen befragen mich! Nun
ja, ich nehme sie natürlicher. Wo sie herstammt und wie sie aufwuchs,
das wissen wir. Es scheint dir wunderbar, Prätor, daß sie die
Frevel ihrer Vergangenheit verwindet ohne Gericht und Sühne. Siehst
du nicht, daß es nur der Rettungsgürtel ihres vom Vater ererbten
Leichtsinnes ist, der sie oben hält? Und daß sie nun über der
tödlichen Tiefe hell und sorglos dem Porte der Tugend zukämpft,
hältst du für dämonische Größe. Ich sage dir: mit Ausnahme der Anmut,
die sie füllt bis in die Fingerspitzen, ist sie ein gewöhnliches,
rasch bedachtes Weib! Ein ganz gewöhnliches Weib! Glaube mir, ein
menschliches Weib!" endete der Jüngling mit einem übermütigen
Gelächter.
Sie waren am Fuße des Schlosses angelangt und betraten das Freie, wo
sich unter einem bleiernen Himmel in stumpfer Helle der
Neptunusbrunnen erhob. Dieser stand, an das Fundament des
Mittelbaues gelehnt, in dem Halbrund, das die beiden zur
Schloßterrasse ansteigenden Freitreppen bildeten, und rauschte und
plätscherte in der Schwüle, genährt von den Wasserstrahlen, welche
das Gesinde des Meergottes aus Urnen und Muscheln in die Riesenschale
herabgoß.
Der Richter wollte die nächste Treppe hinaufeilen, denn er wußte sich
vom Herzog erwartet. Da wandte sich Don Giulio, dessen Arm ihn
umfaßt hielt, rasch wieder gegen den dunkeln Park zurück und zog den
widerstrebenden Freund mit sich.
Er hatte noch nicht ausgeredet.
Seltsam verschlangen sich auf dem hellen Kiesgrund zu ihren Füßen
zwei ringende, kurze Schatten. Strozzi sah den grotesken Kampf und
lachte: "Siehe, wie du mich zwingst!"
"Mein Bruder also schickt mich nach Venedig", sagte der Este, während
sie noch einmal den endlosen Baumgang betraten, "derselbe Bruder, der
mich unlängst aus politischen Gründen von Venedig zurückberief!"
"Hättest du die Geringschätzung in dem Lächeln seiner Mundwinkel
gesehen, als er die Meldung deines augenblicklichen Gehorsams empfing!
Ich stand daneben. Er hatte dich Papst Julius zu Gefallen
zurückrufen müssen; aber es war nur zum Schein: er erwartete, du
würdest ihn verstehn und ihm nicht gehorchen."
Eine zornige Macht leuchtete jetzt aus den sanften Augen Don Giulios.
Noch war er nicht so verweichlicht, daß es ihn nicht empört hätte,
sich mißachtet zu sehen; doch verbarg er seinen Unwillen unter einem
Lächeln.
"Zu klug für mich! Und dann, du weißt, ich bin kein Feldherr, nicht
einmal ein Soldat", sagte er. "Ich liebe Blutvergießen nicht..."
"Und vergießest so viel, daß es dir von den Händen träufelt und deine
Fußstapfen füllt!"
"Nur wenn ein Lästiger mein Vergnügen stört!" erwiderte der Este
frevelmütig. "Aber was du sagst, Herkules! Ihr schickt mich wieder
nach Venedig! Halb bin ich es zufrieden, halb schmerzt es mich--
halb bin ich hier gebunden, halb streb' ich fort--mir selbst ein
Rätsel!..."
"Das die dunkellockige Angela löst! Du suchst und fliehst sie!"
"Keineswegs", sagte Don Giulio, "sie ist mir gleichgültig. Aber seit
jenem Einzug vor zwei Jahren--du warst ja dabei und nahmst dich
prächtig aus als ernsthafter Träger einer goldenen Baldachinstange,
da hast du es selbst gehört, wie sie mich vor allem Volke bedroht und
gerichtet hat... seit jenem Tage bin ich nicht mehr derselbe! Meine
Sinne taumeln, und wie ein Rasender suche, wechsle ich Mund und
Becher und habe nur einen Wunsch, daß jene, die sich feindselig und
kalt von mir abwendet, mir noch einmal ihr hellflammendes Antlitz
zukehre und mich noch einmal bedrohe--noch stärker als das erstemal...
Doch ich rede Unsinn. Sendet mich nach Venedig!"
Er schöpfte Atem. "Auch ist es gut für ihn und mich", fuhr er fort,
"wenn ich dem Bruder Kardinal eine Weile aus den Augen komme. Er
liebte mich einst, und jetzt beginnt er mich zu hassen auf eine
unmenschliche Weise. Urteile selbst! Neulich hält er mich fest und
raunt mir mit drohender Stimme ins Ohr: 'Julius, ich verbiete dir das
Antlitz Angelas! Ich verbiete dir ihre Augen! Ich verbiete dir
ihren Atem! Bei deinem Leben!'"
"Ich weiß", antwortete der Richter, "der Ungerechte liebt die Ärmste
wütend. Und sündig wie die Welt und allmächtig, wie er auf diesem
Ferrara heißenden sündigsten Fleck derselben ist, wäre sie dem Geier
schon längst ohne Erbarmen zum Raube gefallen sein, wenn nicht..."
"Und du schneidest nicht dazwischen, Großrichter? Du Liebhaber
und Diener der Gerechtigkeit? Rette das Mädchen! Damit wollte
ich dich betrauen, mein Herkules, bevor ich nach Venedig gehe.
Ich kann es nicht, denn ich würde ihr Unglück bringen..." er
schwieg und träumte--"wie sie mir! Bei jener Herausforderung des
Kardinals--du weißt, ich bin ein Genießender, aber kein
Feigling!--wallte mein Blut, und ich hätte ihm sein wahnsinniges
Verbot ins Angesicht zurückgeschleudert, hätte es sich um eine
meiner Schönen gehandelt--aber ich überlegte mir", er deckte die
Augen sinnend mit der Hand, "daß ich das Mädchen nicht liebe, und
daß ich bei der Art meines Bruders schweres Unheil auf sie
herabzöge, wenn ich mich schützend neben sie stellte. Und sie
würde es nicht dulden--sie will es nicht. Sie verachtet mich, sie
richtet mich--und ruft Unheil auf mich herab:--Oh, schade!"--Dann
fuhr er im Zorne der Erinnerung fort: "Der Kardinal mag sein Netz
über sie werfen, obwohl ich es grausam und abscheulich finde,
abscheulich und hassenswert, wie diese ganze Welt, wenn ich nicht
trunken bin oder einen Frauenmund küsse."
"Beruhige dich", sagte der Großrichter ernst, "es wird ihr nichts
geschehen, davon bin ich überzeugt; keine Falte des Gewandes darf ihr
verschoben werden, denn sie wird beschützt--von Lukrezia Borgia."
"Gut so! Ich überlasse sie dieser Heiligen", spottete der Este; "ich
aber will mich in einen Myrtenschatten an eine frische Quelle setzen
und darin meinen Wein kühlen... Wenn nicht der andere Bruder,
Ferrante, durch die Büsche bricht, sich neben mir ins Gras wirft und
mir mit seinen Verschwörungen und hochverräterischen Einflüsterungen
das Ohr vergiftet, wo ich dann die Wahl habe, ob ich ihn für einen
Narren oder Bösewicht oder für beides halten soll. Neulich lud er
mich brüderlich ein, den Herzog, wie er sich ausdrückte, aus der
Mitte zu schaffen; doch sei überzeugt, hätte ich nur halbwegs
hingehorcht, der Arge wäre zur selben Stunde an mir zum Verräter
geworden. Auf diese Fährte aber folge ich ihm nicht, sondern
schließe ihm den Mund, denn ich verehre den Herzog und hasse die
Felonie. Aber sage mir, Strozzi, hältst du Don Ferrante eines bösen
Streiches für fähig um der Krone willen?"
"Es sind Tücken ohne Folge und Frucht", antwortete der Richter, "wenn
nicht ungewöhnliche Lagen oder unerwartete Erschütterungen die
Drachensaat verhängnisvoll zeitigen."
"Macht das unter euch aus, ihr Raubtiere", lachte der leichtherzige
Julius, "und wenn ich aus Venedig zurückkehre, will ich sehen, welche
Leichen auf der Hofbühne von Ferrara herumliegen. Lebe wohl, Anbeter
der Gerechtigkeit, und eile dich! Der Herzog wartet."
Er umarmte den Freund und ließ ihn dann mit solchem Ungestüm fahren,
daß jener taumelte. Strozzi suchte mit schnellen Schritten die Villa,
und Julius schlenderte ihm gelassen nach.
Da er den Neptunusbrunnen erreichte, badete er sich, der Kühle
bedürftig, das Antlitz und ließ den aus der Steinbrust eines
Meerweibes springenden Wasserstrahl gegen seine durch die vertobte
Nacht entkräftete Stirn fahren. Da, während er sich das Haupt mit
seinem Tuche trocknete, wurde er eines müden Strolches gewahr, der
unbeweglich auf einer Steinbank im schmalen Schatten des Mauerrunds
lagerte und, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, ihn unter dem Filz
hervor mit unverwandten Augen beobachtete. Jetzt sprang er rasch auf
die Füße und verneigte sich mit der Begrüßung: "Ich verehre Euch, Don
Giulio!"
"Bleib!" bedeutete ihn der leutselige Este, "aber rücke! Es ist Raum
für zwei. Ich habe Lust zu schlummern; du bewachst mich!"
Der Bravo zeigte lächelnd die weißen Zähne und lüftete den Dolch, der
ihm am Gurt hing, ein wenig in der Scheide.
"Du bist von den Leuten des Kardinals?" sagte Don Giulio. "Wie
heißest du?"--Der Kardinal war als der Besitzer und Ernährer einer
stattlichen Bande bekannt.
"Ich nenne mich Kratzkralle", antwortete der andere untertänig.
"Aber dein christlicher Name?"
"Vergessen. Er war auch ein bißchen stinkend geworden."
"Den neuen hat dir wohl dein Kardinal gegeben? Und wie nennen sich
die andern vom Gesinde?"
"Sie heißen, mit Erlaubnis Eurer Herrlichkeit, Dornbart,
Zähnefletscher, Drachenblut, Eberzahn, Grimmrot und Firlefanz. Mit
mir unser sieben--wohlgezählt. Wir sind die sieben Todsünden des
Kardinals, wie uns das Volk von Ferrara nennt."
"Nun kenne ich auch eure Marschordnung", sagte Don Giulio, auf den
fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hölle anspielend, wo
der Kardinal als ein Verehrer des göttlichen Dichters die Namen
seiner Bande gefunden hatte.
Er brach in ein helles Gelächter aus. Don Giulio konnte noch recht
kindlich lachen. Dann aber reckte er die Arme: "Wie ich müde bin!"
Er warf sich auf die Bank nieder, ohne die Berührung des anderen zu
scheuen, suchte seine Lage und war entschlummert.
Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll: "O du schöne
Jugend!"
Zuerst versank der Müde in eine traumlose Tiefe, Vergessen schlürfend
in langen, durstigen Zügen; dann öffnete sich langsam sein inneres
Auge, und daran vorüber eilte, aufdämmernd, eine flüchtige Jagd, ein
hastiges Gedränge bacchischer Erscheinungen, rasende Körper,
rücklings geworfene Häupter, geschwungene Zimbeln, Pauke und
Evoeschrei. Horch! In weiter Ferne, aus anderer Richtung, zuerst
kaum hörbar, dann schwer anschwellend, dröhnende Posaunen!
Unbekannte Angst befiel ihn. Da stand er plötzlich in einer ernsten
Versammlung, in einem Kreise von Richtern verschiedener Völker und
Zeiten. In der Mitte saß, grau und streng, wie aus Stein gehauen,
Carolus Magnus, sein großes Richtschwert auf die Knie gelegt; zu
seiner Rechten stand der Prophet Samuel, den geisterhaften Mantel
über der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend; zu seiner Linken
der Römer Brutus, der strenge Vater, inmitten seiner Liktoren, von
denen seltsamerweise der Richter Herkules, Giulios Freund, eben
gefesselt wurde. Der Träumende erstaunte, daß ihrer beider
ferraresische Sünden eines so hohen Gerichtes würdig erfunden seien.
Jetzt ertönte die mächtige Stimme Kaiser Karls, ohne daß er die
Lippen bewegte: "Julius Este, das von der Jungfrau dir verkündigte
Gericht ist da. Sie ist es selbst." Wieder dröhnte die Posaune, und
alles stürzte zusammen.
Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte
Don Giulio im Grase, zu der freundlich über ihn geneigten Angela
emporblickend.
"Du Tor", sagte sie, wie in einem Gespräche fortfahrend, "darf auch
ein Mädchen zu einem Jüngling sagen: ich liebe dich? Sie muß ihr
Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Geständnis in Zorn und
Drohung. Auch, wie könnte sich irgendein reines Weib mit einiger
Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben? Und dennoch: Gerade deine
viele Sünde, die ich strafen muß, ist es, die mich an dich kettet.
Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen, mit denen du frevelst.
Reiße sie aus und wirf sie von dir!"
Don Giulio wunderte sich im Traume, wie frech und vertraut die stolze
Angela zu ihm rede; er lauschte bange, was da noch kommen werde, und
als sie schwieg, wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick. Er
wollte sich aufschnellen, war aber von unsichtbaren Banden an den
Boden gefesselt und außerstande, die kleinste Bewegung zu machen.
"Du willst nicht?" begann jetzt die Traum-Angela wieder; "aber es ist
einmal nicht anders." Damit tauchte sie den Finger in eine Schale,
die sie in der Linken hielt, und träufelte dem Ärmsten, der sich
umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte, einen Tropfen
roter Flüssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge.
Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz, und tiefe Finsternis,
dunkler als die schwärzeste sternlose Nacht, umfing ihn.
Don Giulio heulte vor Unglück und erwachte in den Armen des Banditen,
der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete.
"Schlimm geträumt, Herrlichkeit!" sagte Kratzkralle.
"Entsetzlich! Mir war, ich werde geblendet."
"Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht", meinte
der Bandit. "Meine Verehrungen, Herrlichkeit! Doch nun beurlaubt
mich."
Er verbeugte sich, blieb aber stehen, wie durch eine gewisse
Zärtlichkeit zurückgehalten, und begann mit bedenklicher Miene und
gedämpfter Stimme: "Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne
Glauben schenken will, so verzieht sie sich sachte von hier in dieser
gegenwärtigen Stunde noch, sucht ein Klösterlein auf--Sant Andrea in
den Stauden liegt nahe, der Heilige ist gut und die dortige
Brüderschaft diskret--, gibt jedem Bettler, dem sie auf dem Wege
begegnet, ein Goldstück, tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelübde,
verschließt sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch über die
lieben bedrohten Augen. Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch!"
schloß er mit Inbrunst.
"Bist du traumgläubig?" scherzte Don Giulio, der schnell seine
Sicherheit wiedergewonnen hatte.
"Ich weiß, was ich weiß", versetzte der Bandit. "Mir hat einst
geträumt, ebenso eindrücklich wie Euch heute, ich ersteche meinen
Schwager. Erwacht, tat ich das Mögliche von frommen Dingen; aber es
mußte nur sein."
Er grüßte tief und war weg. Offenbar hatte er es eilig, aus der Nähe
eines Menschen wegzukommen, der nach seiner festen Überzeugung einem
dunkeln Schicksal verfallen war.