Da, wo der weite Park von Belriguardo in die ferraresische Ebene ohne
Grenzmauer verläuft, saßen auf einer letzten verlorenen Bank im
Schatten einer immergrünen Eiche zwei, die, aus Haltung und Miene zu
schließen, voneinander Abschied nahmen.
Bald legte der junge, in die schwarze Tracht von Venedig gekleidete
Mann die Hand beteuernd auf das Herz, bald betrachtete er die still
in sich versunkene Gestalt Lukrezias, wie um sie sich auf ewig
einzuprägen.
"So gehet Ihr denn, Bembo", sagte sie, "und ich halte Euch nicht, da
Ihr damit erfüllet, um was ich Euch bat, ohne es auszusprechen. Ihr
geht, und wie lange wird es dauern, bis Ihr mich vergesset!"
"Donna Lukrezia", erwiderte der Venezianer bewegt, "wie lange ich
Euer gedenken und Euch lieben werde, wahrlich, das ist mir verborgen,
denn ich kenne nicht meine Todesstunde."
Er sagte es mit so trauriger Zärtlichkeit in der Stimme, daß die
Herzogin gerührt erwiderte: "Um mein Andenken in Euch zu erhalten,
sollt Ihr etwas von mir mit Euch nehmen, mein Freund", und sie winkte
eine schlanke, dunkle Mädchengestalt heran, die am Waldsaum auf und
nieder schritt, wohl um die Herrin vor sich selber zu hüten, oder um
das Nahen eines unwillkommenen Zeugen zu verraten.
"Setze dich neben mich, Angela", sagte sie, "und schneide mir eine
Locke vom Haupt!" Sie öffnete ihr Gurttäschchen, zog daraus ein
kleines, scharfes Messer mit goldenem Griff hervor und bot es Angela,
die, den Befehl ausführend, ihr vom Überflusse eine flutende Locke
raubte.
Die Fürstin suchte nach einer Hülle, um den Ringel hineinzulegen,
fand aber nichts als in derselben Gurttasche eine in Gold und
gepreßtes Leder gebundene Ausgabe der sieben Bußpsalmen, ein
beliebtes Handbüchlein der damaligen Hofwelt. Unbefangen legte sie
ihre Locke hinein und reichte Bembo das Liebespfand. Dieser drückte
es an die Brust, dann an den Mund und dankte für den süßen Kern in
der herben Schale mit einer seelenvollen Miene, durch welche sich ein
ganz leises, ironisches Lächeln schlich.
"Schreibt mir", sagte sie dann, "durch sichere Gelegenheit, jedesmal,
wenn Ihr ahnet, daß mir Gefahr droht und ich Eures Rates bedarf.
Bleibet um mich, auch in der Ferne! Ich weiß, Ihr verlasset mich
nicht, nachdem Ihr mir geholfen habt, den Bau meines neuen Glückes in
Ferrara aufzurichten."
"Es war eine Freude", erwiderte Bembo, "Eure klugen Hände bauen zu
sehen. Euer Werk ist untadelig und schwer zu erschüttern. Ich frage
mich noch mit schmerzlichem Zweifel: Fordert Eure Sicherheit von mir
das Opfer, daß ich Ferrara meide und mich Eurer Gegenwart beraube,
die wie eine goldige Luft das ganze Dasein erhellt und verklärt?"
"Das habe ich vom Vater", sagte sie harmlos.
Der feine Venezianer zog die Brauen zusammen.
"Die Bande Eures Blutes und der Dämon Eures Hauses sind Eure Gefahr",
seufzte er. "Und darum verlasse ich Euch ungern. Dennoch ist es
besser, ich gehe. Eure Sicherheit, Madonna, ruht auf dem Vertrauen,
das Don Alfonso Euch schenkt. Unsere geistige Liebe würde er kaum
beargwöhnen, sachlich, wie er ist; und doch ist es besser... wer
liebt, der opfert sich."
"Es ist besser", bestätigte sie leise.
"Erlaubt mir nun zum Abschied, geliebte Frau, ein freies und
schützendes Wort!" bat er. "Die Verhältnisse liegen vor Euch im
Licht Eures scharfen Verstandes, aber dieser helle Tag reicht nur bis
an den Schattenkreis, wo Eure Liebe zu Vater und Bruder beginnt."
Hier entfärbte sich Lukrezia, und ihr bleiches Auge erstarrte zu
einem Medusenblick.
"Zürnet nicht, Madonna", rief Bembo. "Weiß ich doch, wie Ihr als
unschuldiges Kind in diese schwere Verstrickung gerietet! Reden muß
ich zu Euerm Heil. Erinnert Euch: Jahre waren vergangen seit Euerm
Einzug, Euer Gemahl war regierender Herzog geworden, Ihr hattet
Wurzeln geschlagen in Ferrara und die Liebe des Volkes gewonnen; da
starb Euch der Vater. Ihr aber ergabet Euch maßloser Trauer und
unendlichen Tränen, bis ich kam und Euch ins Ohr flüsterte: Ihr
beleidigt mit Euern Tränenergüssen Don Alfonso und vergesset die
unleidlichen Dinge, denen er Euch entriß."
Lukrezia hörte ihm aufmerksam zu, und ihr Verstand mußte ihm gegen
ihr leidenschaftliches Gefühl recht geben.
"Wenn dergestalt Euer Urteil über den weiland Heiligen Vater ein
verblendetes ist, so entsteht jetzt, da er dahingefahren, für Euch
daraus kein Unheil mehr. Ein anderes aber ist es mit Cäsar, Euerm
furchtbaren Bruder: er lebt und besitzt noch seine Drachenkraft. Er
ist ein Jüngling und wird sicherlich heute oder morgen seine Fesseln
durchfeilt haben und wieder aus dem Orkus steigen, um ganz Italien zu
verwirren. Diese schwarze Klippe bedroht Euere Barke; möge sie nicht
daran scheitern! Das Wiederkommen Cäsars ist Eure Schicksalsstunde.
Und Ihr werdet--" er besann sich, ob er ihr die bittere Arznei
erspare, fuhr aber mit entschlossener Liebe fort: "wehe Euch, Ihr
werdet folgen, wenn Euch Don Cäsar ruft. Ihr werdet dem Teufel
gehorchen, wie sie erzählen, daß Euer Vater auf dem Sterbebette sagte:
'Du rufst, ich komme'."
Lukrezia bekreuzigte sich.
"Teure Herrin!" Bembo machte eine Bewegung, ihr zu Füßen zu fallen,
hielt sich aber zurück, da die wandelnde Angela sich gerade nach
ihnen umwandte.
"Ich beschwöre dich, Lukrezia", flüsterte er, sich zu ihr beugend,
"sobald diese gefährlichen Stunden kommen und du fühlst, daß du die
Herrschaft über dich verlierst, so wirf dich vor dem Herzog nieder
und bekenne, daß du sein Verbot übertreten willst, denn sicherlich
wird er seinen Untertanen bei Todesstrafe verbieten, mit Cäsar zu
zetteln, dessen Erscheinung Italien wie ein Erdbeben erschüttern
würde... Doch ich beschwöre Euch vergeblich, Madonna! Denn ich weiß,
Ihr werdet die Zügel verlieren, Ihr werdet des Herzogs Verbot unter
die Füße treten."
"Werde ich?" fragte Lukrezia, wie abwesend. Doch erschien ihr
glaublich, daß sie es tun werde, denn sie kannte ihre Bande.
"Herrin", schluchzte der Venezianer, "wann immer ich erfahre, Cäsar
sei aus dem Kerker gebrochen, ich eile auf Windesflügeln nach Ferrara
und umklammere Euch, daß Ihr ihm nicht in die Arme stürzet--doch
käme ich zu spät, so gedenket meines Rates, sobald Ihr Euch wieder
besitzt und besinnet. Schützet und berget Euch vor der Strafe des
Herzogs an seinem Herzen. Und habt Ihr menschliche Werkzeuge
angewandt, um Euch mit dem Bruder zu verbinden, opfert sie
unbedenklich und gebet sie der Rache des Herzogs preis.--Der Herzog
liebt Euch..."
"Ich glaube, daß er mich liebt", sagte Lukrezia, sich wieder
erhellend.
"Seid dessen gewiß", beteuerte der Venezianer. "Jüngst an der Tafel
nannte er den Namen Cäsars--nicht unabsichtlich--und sprach von
einem dunkeln Gerüchte seiner Entweichung. Dabei beobachtete er Euch
scharf... Ihr bliebet ruhig, nur Eure Hand zitterte, die den Becher
hielt, daraus Ihr schlürftet. Er betrachtete Euch lange, doch
wohlwollend und wie mit der gerechten Erwägung, was Eurer Natur gemäß
und welcher Widerstand Euch möglich sei. Gewiß, er wird Euch halten
und retten, wenn Euch nicht das Verhängnis gewaltig fortreißt."
Die Herzogin, die wieder völlig heiter war, sagte jetzt mit
wunderbarem Leichtsinn: "Ich werde Eure Sorge beherzigen. Aber,
Freund, nun genug von mir! Spendet mir lieber einen Rat für jene
dort--", sie blickte nach der wandelnden Angela, "die mir in weit
näherer Gefahr zu schweben scheint. Seht hin!"
Ein schreiender Raubvogel erhob sich aus dem Walde und kreiste über
den Wiesen. Zugleich rauschte es im Gebüsch, und ein hagerer, in
Purpur gekleideter Mann trat auf Angela zu, wandte sich aber, Bembo
neben der Herzogin entdeckend, grüßend an diese.
"Ihr findet uns, Eminenz", sagte die Herzogin unbefangen, "wie sich
mein liebenswürdiger venezianischer Besuch, den ich schwer missen
werde, von mir verabschiedet."
"Ihr verlaßt uns, Bembo?" sagte der Kardinal leutselig. "Das sollte
mir leid tun. Wohin gehet Ihr?"
"Nach Urbino, Eminenz."
"Um wieder zu uns zurückzukehren?... Denn uns gehöret Ihr an, und
wir können Euch nicht entbehren, ebensowenig als eine andere, die man
auch von uns fortsenden will."
Die Fürstin zog das neben ihr stehende Mädchen zu sich auf die Bank
nieder und behielt seine Hand in der ihrigen, als nähme sie von
Angela Besitz.
"Wir bilden hier einen festgeflochtenen, farbigen Kranz", fuhr er
fort, "aus dem es unrecht wäre, eine Blume zu entfernen, geschweige
die süßeste Knospe wegzureißen!"
Lukrezia erhob ihre Augen groß gegen den Kardinal, überlegend, ob
jetzt, da Bembo noch als Zeuge hier stehe, nicht der Augenblick
gekommen sei, ein längst im Finstern schleichendes Übel an die Helle
zu ziehen und durch das darauf fallende Tageslicht zu vernichten.
Geistesgegenwärtig, wie sie war, besann sie sich nicht lange.
"Kardinal", sagte sie, "wenn Ihr unter der andern uns bald
Verlassenden diese hier versteht, so wisset, ich trachte danach, daß
sie von uns scheide. Ihr Alter ruft der Vermählung, und hier weiß
ich für sie keinen Gemahl, während Graf Contrario, den Ihr kennt und
der sie heimzuführen begehrt, alle Eigenschaften besitzt, die ich als
die Schützerin Angelas von ihrem Manne fordern darf. So ist mein
Wille; doch werde ich gern noch Eure Meinung darüber in Betracht
ziehen."
Bembo wollte sich bescheiden entfernen, wurde aber durch einen Blick
Lukrezias festgehalten. Sie kannte das Unberechenbare in der Natur
des Kardinals und scheute seine Überraschungen.
Dieser schien die Herausforderung in den Worten der Fürstin nicht zu
fühlen; er wählte, während der Venezianer sich neben den Frauen auf
eine Rasenböschung niederließ, gelassen ihnen gegenüber einen
bequemen Platz im Dunkel einer Kastanie, deren Stamm sich nahe dem
Boden teilte, mit den üppigen Ästen den Rasen bedeckend, und begann,
indem er mit dem schaukelnden Fuße nach einer flüchtigen Eidechse
stieß, mit ruhigen Worten:
"Wie ich den Grafen Contrario kenne, taugt er nimmermehr für eine
Borgia, denn er ist ein armer Mensch, zusammengesetzt aus peinlichen
Tugenden und ewigem Widerspruch, ein Berg rechthaberischer Grundsätze,
der die Maus einer knickerischen Rechenkunst gebiert, gänzlich
unfähig, eine Frau um ihrer selbst willen mit Größe und Verschwendung
zu lieben! Ich behaupte, seiner Werbung um dieses Schöne, dieses
Liebe hier liegt ein grobes Rechenexempel zugrunde. Hier auf diese
Tafel will ich es niederschreiben!"
Er zog ein Täfelchen hervor, schrieb mit dem Stift und las zugleich:
"Graf Ettore Contrario freit um die hochherzige Angela Borgia, weil
er mit dem Fiskus in Ferrara einen von seinem Vater geerbten Prozeß
über bedeutende, auf ferraresischem Boden gelegene Ländereien führt,
den er aller Wahrscheinlichkeit nach bei den zuständigen
ferraresischen Gerichten verlieren würde ohne den Schutz eines
höchsten Einflusses, wie der, zum Beispiel, unserer erlauchten
Fürstin, für deren einziges Lächeln der verliebte Großrichter
Herkules Strozzi Ehre und Seele verkauft. Unsre Herzogin aber und
ihr Sklave Herkules wären zu bestechen, wenn der vollkommene Graf die
Hand dieser Unschuld begehrt, welche Donna Lukrezia aus Ferrara
entfernen will, weil das junge Mädchen aufs zärtlichste und rasendste
von dem Kardinal Ippolito geliebt wird, während sie selbst, als
echtes Weib, unwissend und hoffnungslos für den größten Taugenichts
der Erde entflammt ist.
Ohne innern Kampf wird der mäßig tapfere Graf sich nicht entschließen,
zwischen diese lodernden Feuer zu greifen. Aber es ist möglich, daß
seine Habsucht stärker ist als seine Feigheit. Beurteilt Ihr ihn
anders, Herzogin?"
Lukrezia wunderte sich über dies freche Bekenntnis und diese
verwegene Bloßlegung der Tatsachen, die ihrer eigenen Wertung der
Dinge und Personen nicht allzu fern lag, welche aber nicht gelten
durfte, weil sie es nicht wollte.
Ehe sie indessen antworten konnte, ergriff Ippolito, der sich nach
einer von Angela aus leichten Grashalmen zusammengefügten Kette
gebückt hatte, die eben ihren zitternden Händen entglitten war,
wiederum das Wort:
"Wie diese Ringe verkettet sich Absicht mit Absicht, um Euch zu
kuppeln, Angela Borgia; aber wie ich Euch kenne und liebe, werdet Ihr
diese Kette zerreißen, wie ich dieses nichtige Geflecht! Denn",
flüsterte er heiß, "Angela ließe sich eher von einem Dämon in die
Hölle ziehen, wenn er sie liebte, als daß sie sich dazu darböte, die
Summe eines Rechenexempels zu werden!--So rede ich, wie redet Ihr,
Schwägerin?"
Er wandte sich mit einem Antlitz, das drohte und trauerte, gegen
Lukrezia.
Sie antwortete fest: "Ich aber vermähle diese mit dem Grafen
Contrario. Berechnend ist er--zugestanden--, wie es das Leben
erfordert, doch nicht unadelig. Diese aber wird er behüten, besser
als ich es vermöchte. Und was wollt denn Ihr mit Angela, Kardinal?--
Euer Weib kann sie nicht werden, solange Ihr den Purpur tragt, und
den werdet Ihr nicht verschleudern wollen einem Mädchen zuliebe!"
"Wer weiß, Fürstin!" entgegnete er wegwerfend. "Euer Bruder
vertauschte ihn gegen ein Herzogtum, und ich achte diese für ein
neidenswerteres Gut! Auch ist mir minder darum bange, daß sie sich
Eurem Günstling, dem Contrario, zuwende, sie wird es nicht über sich
bringen--sie versuche es nur, es wird nicht gehen! Selbst nicht, um
sich vor mir zu retten!... Denn sie gibt mir innerlich recht und
findet sein Bildnis getroffen! Das Dreihellergesicht ist ihr ein
Ekel. Dieser tugendsame Graf also kümmert mich nicht. Eine andere
Marter peinigt mich und dreht sich Tag und Nacht mit mir, wie das Rad
des Ixion.--Höre mich, Mädchen!"
Angela hielt seinen fieberscharfen Blick mit erstaunten, aber mutigen
Augen aus.
"Weigerst du dich meiner Liebe, so verbiete ich dir auch die jenes
andern, bei seinem und deinem Leben!--Wie du wild errötest!... Ich
hasse den, welchen du in deinem Herzen verbirgst! Reiße ihn heraus!...
er beschmutzt den edlen Schrein... ich kann es nicht ertragen!...
Erinnere dich, wer du bist, und wende dich mit Verachtung von dem,
der dich in den Armen der Coramba, oder wie sonst die Dirne seines
heutigen Tages heißt, beschimpft und vergißt!--Gehorche, oder es
wächst Unheil!"
Mitten in dieser erhitzten Szene betrat ein Page den verlorenen
Schattenplatz und bat die Herrschaften, in den Park zurückzukehren.
Der versammelte Hof harre der Herzogin, und der Herzog wünsche, in
seinem Kabinette den venezianischen Herrn zu beurlauben, dann aber
die Eminenz zu sprechen. Den Großrichter habe er eben zu seiner
Hoheit gerufen und Don Giulio auf später bescheiden müssen.