Zweites Kapitel

Da, wo der weite Park von Belriguardo in die ferraresische Ebene ohne

Grenzmauer verläuft, saßen auf einer letzten verlorenen Bank im

Schatten einer immergrünen Eiche zwei, die, aus Haltung und Miene zu

schließen, voneinander Abschied nahmen.

Bald legte der junge, in die schwarze Tracht von Venedig gekleidete

Mann die Hand beteuernd auf das Herz, bald betrachtete er die still

in sich versunkene Gestalt Lukrezias, wie um sie sich auf ewig

einzuprägen.

"So gehet Ihr denn, Bembo", sagte sie, "und ich halte Euch nicht, da

Ihr damit erfüllet, um was ich Euch bat, ohne es auszusprechen. Ihr

geht, und wie lange wird es dauern, bis Ihr mich vergesset!"

"Donna Lukrezia", erwiderte der Venezianer bewegt, "wie lange ich

Euer gedenken und Euch lieben werde, wahrlich, das ist mir verborgen,

denn ich kenne nicht meine Todesstunde."

Er sagte es mit so trauriger Zärtlichkeit in der Stimme, daß die

Herzogin gerührt erwiderte: "Um mein Andenken in Euch zu erhalten,

sollt Ihr etwas von mir mit Euch nehmen, mein Freund", und sie winkte

eine schlanke, dunkle Mädchengestalt heran, die am Waldsaum auf und

nieder schritt, wohl um die Herrin vor sich selber zu hüten, oder um

das Nahen eines unwillkommenen Zeugen zu verraten.

"Setze dich neben mich, Angela", sagte sie, "und schneide mir eine

Locke vom Haupt!" Sie öffnete ihr Gurttäschchen, zog daraus ein

kleines, scharfes Messer mit goldenem Griff hervor und bot es Angela,

die, den Befehl ausführend, ihr vom Überflusse eine flutende Locke

raubte.

Die Fürstin suchte nach einer Hülle, um den Ringel hineinzulegen,

fand aber nichts als in derselben Gurttasche eine in Gold und

gepreßtes Leder gebundene Ausgabe der sieben Bußpsalmen, ein

beliebtes Handbüchlein der damaligen Hofwelt. Unbefangen legte sie

ihre Locke hinein und reichte Bembo das Liebespfand. Dieser drückte

es an die Brust, dann an den Mund und dankte für den süßen Kern in

der herben Schale mit einer seelenvollen Miene, durch welche sich ein

ganz leises, ironisches Lächeln schlich.

"Schreibt mir", sagte sie dann, "durch sichere Gelegenheit, jedesmal,

wenn Ihr ahnet, daß mir Gefahr droht und ich Eures Rates bedarf.

Bleibet um mich, auch in der Ferne! Ich weiß, Ihr verlasset mich

nicht, nachdem Ihr mir geholfen habt, den Bau meines neuen Glückes in

Ferrara aufzurichten."

"Es war eine Freude", erwiderte Bembo, "Eure klugen Hände bauen zu

sehen. Euer Werk ist untadelig und schwer zu erschüttern. Ich frage

mich noch mit schmerzlichem Zweifel: Fordert Eure Sicherheit von mir

das Opfer, daß ich Ferrara meide und mich Eurer Gegenwart beraube,

die wie eine goldige Luft das ganze Dasein erhellt und verklärt?"

"Das habe ich vom Vater", sagte sie harmlos.

Der feine Venezianer zog die Brauen zusammen.

"Die Bande Eures Blutes und der Dämon Eures Hauses sind Eure Gefahr",

seufzte er. "Und darum verlasse ich Euch ungern. Dennoch ist es

besser, ich gehe. Eure Sicherheit, Madonna, ruht auf dem Vertrauen,

das Don Alfonso Euch schenkt. Unsere geistige Liebe würde er kaum

beargwöhnen, sachlich, wie er ist; und doch ist es besser... wer

liebt, der opfert sich."

"Es ist besser", bestätigte sie leise.

"Erlaubt mir nun zum Abschied, geliebte Frau, ein freies und

schützendes Wort!" bat er. "Die Verhältnisse liegen vor Euch im

Licht Eures scharfen Verstandes, aber dieser helle Tag reicht nur bis

an den Schattenkreis, wo Eure Liebe zu Vater und Bruder beginnt."

Hier entfärbte sich Lukrezia, und ihr bleiches Auge erstarrte zu

einem Medusenblick.

"Zürnet nicht, Madonna", rief Bembo. "Weiß ich doch, wie Ihr als

unschuldiges Kind in diese schwere Verstrickung gerietet! Reden muß

ich zu Euerm Heil. Erinnert Euch: Jahre waren vergangen seit Euerm

Einzug, Euer Gemahl war regierender Herzog geworden, Ihr hattet

Wurzeln geschlagen in Ferrara und die Liebe des Volkes gewonnen; da

starb Euch der Vater. Ihr aber ergabet Euch maßloser Trauer und

unendlichen Tränen, bis ich kam und Euch ins Ohr flüsterte: Ihr

beleidigt mit Euern Tränenergüssen Don Alfonso und vergesset die

unleidlichen Dinge, denen er Euch entriß."

Lukrezia hörte ihm aufmerksam zu, und ihr Verstand mußte ihm gegen

ihr leidenschaftliches Gefühl recht geben.

"Wenn dergestalt Euer Urteil über den weiland Heiligen Vater ein

verblendetes ist, so entsteht jetzt, da er dahingefahren, für Euch

daraus kein Unheil mehr. Ein anderes aber ist es mit Cäsar, Euerm

furchtbaren Bruder: er lebt und besitzt noch seine Drachenkraft. Er

ist ein Jüngling und wird sicherlich heute oder morgen seine Fesseln

durchfeilt haben und wieder aus dem Orkus steigen, um ganz Italien zu

verwirren. Diese schwarze Klippe bedroht Euere Barke; möge sie nicht

daran scheitern! Das Wiederkommen Cäsars ist Eure Schicksalsstunde.

Und Ihr werdet--" er besann sich, ob er ihr die bittere Arznei

erspare, fuhr aber mit entschlossener Liebe fort: "wehe Euch, Ihr

werdet folgen, wenn Euch Don Cäsar ruft. Ihr werdet dem Teufel

gehorchen, wie sie erzählen, daß Euer Vater auf dem Sterbebette sagte:

'Du rufst, ich komme'."

Lukrezia bekreuzigte sich.

"Teure Herrin!" Bembo machte eine Bewegung, ihr zu Füßen zu fallen,

hielt sich aber zurück, da die wandelnde Angela sich gerade nach

ihnen umwandte.

"Ich beschwöre dich, Lukrezia", flüsterte er, sich zu ihr beugend,

"sobald diese gefährlichen Stunden kommen und du fühlst, daß du die

Herrschaft über dich verlierst, so wirf dich vor dem Herzog nieder

und bekenne, daß du sein Verbot übertreten willst, denn sicherlich

wird er seinen Untertanen bei Todesstrafe verbieten, mit Cäsar zu

zetteln, dessen Erscheinung Italien wie ein Erdbeben erschüttern

würde... Doch ich beschwöre Euch vergeblich, Madonna! Denn ich weiß,

Ihr werdet die Zügel verlieren, Ihr werdet des Herzogs Verbot unter

die Füße treten."

"Werde ich?" fragte Lukrezia, wie abwesend. Doch erschien ihr

glaublich, daß sie es tun werde, denn sie kannte ihre Bande.

"Herrin", schluchzte der Venezianer, "wann immer ich erfahre, Cäsar

sei aus dem Kerker gebrochen, ich eile auf Windesflügeln nach Ferrara

und umklammere Euch, daß Ihr ihm nicht in die Arme stürzet--doch

käme ich zu spät, so gedenket meines Rates, sobald Ihr Euch wieder

besitzt und besinnet. Schützet und berget Euch vor der Strafe des

Herzogs an seinem Herzen. Und habt Ihr menschliche Werkzeuge

angewandt, um Euch mit dem Bruder zu verbinden, opfert sie

unbedenklich und gebet sie der Rache des Herzogs preis.--Der Herzog

liebt Euch..."

"Ich glaube, daß er mich liebt", sagte Lukrezia, sich wieder

erhellend.

"Seid dessen gewiß", beteuerte der Venezianer. "Jüngst an der Tafel

nannte er den Namen Cäsars--nicht unabsichtlich--und sprach von

einem dunkeln Gerüchte seiner Entweichung. Dabei beobachtete er Euch

scharf... Ihr bliebet ruhig, nur Eure Hand zitterte, die den Becher

hielt, daraus Ihr schlürftet. Er betrachtete Euch lange, doch

wohlwollend und wie mit der gerechten Erwägung, was Eurer Natur gemäß

und welcher Widerstand Euch möglich sei. Gewiß, er wird Euch halten

und retten, wenn Euch nicht das Verhängnis gewaltig fortreißt."

Die Herzogin, die wieder völlig heiter war, sagte jetzt mit

wunderbarem Leichtsinn: "Ich werde Eure Sorge beherzigen. Aber,

Freund, nun genug von mir! Spendet mir lieber einen Rat für jene

dort--", sie blickte nach der wandelnden Angela, "die mir in weit

näherer Gefahr zu schweben scheint. Seht hin!"

Ein schreiender Raubvogel erhob sich aus dem Walde und kreiste über

den Wiesen. Zugleich rauschte es im Gebüsch, und ein hagerer, in

Purpur gekleideter Mann trat auf Angela zu, wandte sich aber, Bembo

neben der Herzogin entdeckend, grüßend an diese.

"Ihr findet uns, Eminenz", sagte die Herzogin unbefangen, "wie sich

mein liebenswürdiger venezianischer Besuch, den ich schwer missen

werde, von mir verabschiedet."

"Ihr verlaßt uns, Bembo?" sagte der Kardinal leutselig. "Das sollte

mir leid tun. Wohin gehet Ihr?"

"Nach Urbino, Eminenz."

"Um wieder zu uns zurückzukehren?... Denn uns gehöret Ihr an, und

wir können Euch nicht entbehren, ebensowenig als eine andere, die man

auch von uns fortsenden will."

Die Fürstin zog das neben ihr stehende Mädchen zu sich auf die Bank

nieder und behielt seine Hand in der ihrigen, als nähme sie von

Angela Besitz.

"Wir bilden hier einen festgeflochtenen, farbigen Kranz", fuhr er

fort, "aus dem es unrecht wäre, eine Blume zu entfernen, geschweige

die süßeste Knospe wegzureißen!"

Lukrezia erhob ihre Augen groß gegen den Kardinal, überlegend, ob

jetzt, da Bembo noch als Zeuge hier stehe, nicht der Augenblick

gekommen sei, ein längst im Finstern schleichendes Übel an die Helle

zu ziehen und durch das darauf fallende Tageslicht zu vernichten.

Geistesgegenwärtig, wie sie war, besann sie sich nicht lange.

"Kardinal", sagte sie, "wenn Ihr unter der andern uns bald

Verlassenden diese hier versteht, so wisset, ich trachte danach, daß

sie von uns scheide. Ihr Alter ruft der Vermählung, und hier weiß

ich für sie keinen Gemahl, während Graf Contrario, den Ihr kennt und

der sie heimzuführen begehrt, alle Eigenschaften besitzt, die ich als

die Schützerin Angelas von ihrem Manne fordern darf. So ist mein

Wille; doch werde ich gern noch Eure Meinung darüber in Betracht

ziehen."

Bembo wollte sich bescheiden entfernen, wurde aber durch einen Blick

Lukrezias festgehalten. Sie kannte das Unberechenbare in der Natur

des Kardinals und scheute seine Überraschungen.

Dieser schien die Herausforderung in den Worten der Fürstin nicht zu

fühlen; er wählte, während der Venezianer sich neben den Frauen auf

eine Rasenböschung niederließ, gelassen ihnen gegenüber einen

bequemen Platz im Dunkel einer Kastanie, deren Stamm sich nahe dem

Boden teilte, mit den üppigen Ästen den Rasen bedeckend, und begann,

indem er mit dem schaukelnden Fuße nach einer flüchtigen Eidechse

stieß, mit ruhigen Worten:

"Wie ich den Grafen Contrario kenne, taugt er nimmermehr für eine

Borgia, denn er ist ein armer Mensch, zusammengesetzt aus peinlichen

Tugenden und ewigem Widerspruch, ein Berg rechthaberischer Grundsätze,

der die Maus einer knickerischen Rechenkunst gebiert, gänzlich

unfähig, eine Frau um ihrer selbst willen mit Größe und Verschwendung

zu lieben! Ich behaupte, seiner Werbung um dieses Schöne, dieses

Liebe hier liegt ein grobes Rechenexempel zugrunde. Hier auf diese

Tafel will ich es niederschreiben!"

Er zog ein Täfelchen hervor, schrieb mit dem Stift und las zugleich:

"Graf Ettore Contrario freit um die hochherzige Angela Borgia, weil

er mit dem Fiskus in Ferrara einen von seinem Vater geerbten Prozeß

über bedeutende, auf ferraresischem Boden gelegene Ländereien führt,

den er aller Wahrscheinlichkeit nach bei den zuständigen

ferraresischen Gerichten verlieren würde ohne den Schutz eines

höchsten Einflusses, wie der, zum Beispiel, unserer erlauchten

Fürstin, für deren einziges Lächeln der verliebte Großrichter

Herkules Strozzi Ehre und Seele verkauft. Unsre Herzogin aber und

ihr Sklave Herkules wären zu bestechen, wenn der vollkommene Graf die

Hand dieser Unschuld begehrt, welche Donna Lukrezia aus Ferrara

entfernen will, weil das junge Mädchen aufs zärtlichste und rasendste

von dem Kardinal Ippolito geliebt wird, während sie selbst, als

echtes Weib, unwissend und hoffnungslos für den größten Taugenichts

der Erde entflammt ist.

Ohne innern Kampf wird der mäßig tapfere Graf sich nicht entschließen,

zwischen diese lodernden Feuer zu greifen. Aber es ist möglich, daß

seine Habsucht stärker ist als seine Feigheit. Beurteilt Ihr ihn

anders, Herzogin?"

Lukrezia wunderte sich über dies freche Bekenntnis und diese

verwegene Bloßlegung der Tatsachen, die ihrer eigenen Wertung der

Dinge und Personen nicht allzu fern lag, welche aber nicht gelten

durfte, weil sie es nicht wollte.

Ehe sie indessen antworten konnte, ergriff Ippolito, der sich nach

einer von Angela aus leichten Grashalmen zusammengefügten Kette

gebückt hatte, die eben ihren zitternden Händen entglitten war,

wiederum das Wort:

"Wie diese Ringe verkettet sich Absicht mit Absicht, um Euch zu

kuppeln, Angela Borgia; aber wie ich Euch kenne und liebe, werdet Ihr

diese Kette zerreißen, wie ich dieses nichtige Geflecht! Denn",

flüsterte er heiß, "Angela ließe sich eher von einem Dämon in die

Hölle ziehen, wenn er sie liebte, als daß sie sich dazu darböte, die

Summe eines Rechenexempels zu werden!--So rede ich, wie redet Ihr,

Schwägerin?"

Er wandte sich mit einem Antlitz, das drohte und trauerte, gegen

Lukrezia.

Sie antwortete fest: "Ich aber vermähle diese mit dem Grafen

Contrario. Berechnend ist er--zugestanden--, wie es das Leben

erfordert, doch nicht unadelig. Diese aber wird er behüten, besser

als ich es vermöchte. Und was wollt denn Ihr mit Angela, Kardinal?--

Euer Weib kann sie nicht werden, solange Ihr den Purpur tragt, und

den werdet Ihr nicht verschleudern wollen einem Mädchen zuliebe!"

"Wer weiß, Fürstin!" entgegnete er wegwerfend. "Euer Bruder

vertauschte ihn gegen ein Herzogtum, und ich achte diese für ein

neidenswerteres Gut! Auch ist mir minder darum bange, daß sie sich

Eurem Günstling, dem Contrario, zuwende, sie wird es nicht über sich

bringen--sie versuche es nur, es wird nicht gehen! Selbst nicht, um

sich vor mir zu retten!... Denn sie gibt mir innerlich recht und

findet sein Bildnis getroffen! Das Dreihellergesicht ist ihr ein

Ekel. Dieser tugendsame Graf also kümmert mich nicht. Eine andere

Marter peinigt mich und dreht sich Tag und Nacht mit mir, wie das Rad

des Ixion.--Höre mich, Mädchen!"

Angela hielt seinen fieberscharfen Blick mit erstaunten, aber mutigen

Augen aus.

"Weigerst du dich meiner Liebe, so verbiete ich dir auch die jenes

andern, bei seinem und deinem Leben!--Wie du wild errötest!... Ich

hasse den, welchen du in deinem Herzen verbirgst! Reiße ihn heraus!...

er beschmutzt den edlen Schrein... ich kann es nicht ertragen!...

Erinnere dich, wer du bist, und wende dich mit Verachtung von dem,

der dich in den Armen der Coramba, oder wie sonst die Dirne seines

heutigen Tages heißt, beschimpft und vergißt!--Gehorche, oder es

wächst Unheil!"

Mitten in dieser erhitzten Szene betrat ein Page den verlorenen

Schattenplatz und bat die Herrschaften, in den Park zurückzukehren.

Der versammelte Hof harre der Herzogin, und der Herzog wünsche, in

seinem Kabinette den venezianischen Herrn zu beurlauben, dann aber

die Eminenz zu sprechen. Den Großrichter habe er eben zu seiner

Hoheit gerufen und Don Giulio auf später bescheiden müssen.

Angela Borgia · 第 5 / 23 题