Und Gabriele durchblätterte mit glühenden Wangen die Noten --

»Der Lenz ist da!« von Hildach.

Welch ein Jauchzen und Jubeln -- welch ein Frohlocken dem Lenz entgegen!

Und die Glocken läuteten so tief und wundervoll aus den Tasten empor, so

ganz absonderlich, als seien es nicht Maien-, sondern Hochzeitsglocken!

Gundula erhebt sich und schreitet in das Nebengemach, -- und über die

Lippen des jungen Mädchens flutet es weiter wie ein alles vergessendes,

glückseliges Geständnis.

»Er ist gekommen in Sturm und in Regen, er hat genommen mein Herz so

verwegen!«

Und dann ward es still.

Als aber die Gräfin mit bebender Hand den Türvorhang zurückschiebt und

leise in das Zimmer schaut, da sitzt Gabriele, hat das Antlitz in die

Hände gedrückt und verharrt wie im Traum. -- -- --

* * * * *

Der alte Jürgen Haas hat seine blühenden Lieblinge im Gewächshaus stets

mit Argusaugen gehütet; wie er aber in das wunderholde Antlitz des

Fräulein von Sprendlingen schaut, welche ihn lächelnd um einen Strauß

bittet, da erhellt sich das runzelige Gesicht des Getreuen, und er nickt

mit beinahe zärtlichem Blick --: »So veel, als Jug dat leev is!« -- und

er schließt das geräumige Glashaus auf und sieht es ohne jedwedes

Herzeleid, wie die kleinen weißen Hände nach seinen schönsten Blüten

greifen.

Plötzlich zuckt Gabriele zusammen und starrt geradeaus in die Ecke des

Treibhauses, woselbst die Oleander und großen Laurostinosbäume nebst

etlichen Palmen aufgebaut sind.

»Ist das nicht ein Lorbeerbaum, Jürgen Haas?« fragt sie, und alles Blut

steigt ihr in das ehedem so rosig zarte Gesichtchen.

»Ganz recht, een Lorbeer! Der is man torück bleeven von uns' Herrn

Grafen sin Konfirmaschon! -- Die Blätters sin ganz ampart un' nüdlich,

äwerst Blaumens dreiht he nich!«

Gabriele war hastig herzugeschritten.

»Darf ich ein paar Zweige zu einem Kranz nehmen, lieber Haas? -- Und

haben Sie ein wenig Bast zur Hand, daß ich ihn gleich winden kann?«

Der Alte murmelte: »Allens, wat Se wollen!« kramte aus den grundlosen

Tiefen seiner Jacke einen Flausch Bast, und derweil sich Gabriele auf

eine leere Blumentreppe setzte und die graziösen Zweige mit bebenden

Händen zusammenwand, stand er vor ihr, kraute sich den weißen Kopf und

sprach in seiner kurzen, schlichten Weise von der vergangenen

Sturmnacht, wo der liebe Herr Graf sich mal wieder Gottes Segen verdient

habe. --

Gabriele nickte mit leuchtendem Blick, erhob sich und schüttelte die

Blätter von ihrem Kleid. Zwei kleine Kränze hatte sie gewunden, die hing

sie an ihren Arm, faßte den großen Strauß der blühenden Blumen zusammen

und sagte dem beglückten Alten freundliche und herzliche Dankesworte,

-- dann schritt sie in tiefes Sinnen verloren durch die warme,

lenzesduftige Luft nach der Burg zurück.

Über ihr jubelten die Vögel im blühenden Gezweig, und in ihrem Herzen

klangen die Frühlingsglocken noch immer wie ein holdes, traumhaftes

Echo!

In der Speisehalle ordnete sie still und geschäftig die Blumen in

Schalen und Vasen auf der Tafel, dann stand sie einen Augenblick und

schlang zögernd die kleinen Hände ineinander.

Alles war still im Hause.

Die Gräfin hatte sich in ihr Ankleidezimmer zurückgezogen, Anton

hantierte an den Büfetts, und die Herren weilten noch am Strande.

Schnell stieg Gabriele die Treppe empor nach dem Wohnzimmer der Gräfin.

Ein Sonnenstrahl flimmerte über einen der braungeschnitzten Bären zu

ihrer Seite -- da sah es aus, als ob seine Augen sich bewegten, als ob

das grimmige Gesicht ihr plötzlich entgegenlache.

Auf dem Schreibtisch der Burgfrau steht das große Brustbild Guntram

Kraffts, in der Seemannsjacke, mit dem verwegenen Südwester auf dem

lockigen Haar.

Gabriele neigt sich und blickt heiß errötend in das edle, kühne,

wunderschöne Männergesicht, welches ihr mit den großen Blauaugen so

ganz, ganz anders wie sonst entgegenschaut. Ihr Herz stürmt in der

Brust, all die tiefsinnige, leidenschaftliche Seligkeit jungerwachter

Liebe durchbebt sie, und sie nimmt den Lorbeer und legt ihn um das Bild

des heldenhaften Mannes.

Und wie sie ihn in diesem Schmucke schaut, glühen ihre Wangen und ihr

Blick flammt auf in jauchzender Wonne, wie Glut und Feuer rinnt es durch

ihre Adern, ein kurzer, glückzitternder Kampf zwischen banger Scheu und

allesvergessender Liebe, und sie drückt das Bild an die Lippen, es wie

in einem süßen Wonnerausch zu küssen.

»Gabriele!« --

Gleich einem Schrei, halb erstickt in staunendem Entzücken, in

namenloser Erregung, klingt es neben ihr.

Auf der Türschwelle des Nebengemachs steht Guntram Krafft, die Hände

gegen die Brust gedrückt, das Haupt vorgeneigt, als könne er das Wunder,

welches seine Augen schauen, nicht fassen und begreifen.

»Gabriele!!« -- --

Sie schrickt zusammen, Leichenblässe bedeckt ihr erst so holderglühtes

Antlitz, -- das Bild sinkt aus ihren zitternden Händen auf die

Schreibtischplatte nieder.

Sie will, -- halb vergehend vor Scham und Entsetzen, entfliehen, aber

sie macht nur eine unsichere, wankende Bewegung -- und schon steht er

neben ihr, faßt sie mit festen, starken, kraftvollen Armen und drückt

sie an sein Herz, wild, ungestüm, wie der Bär, welcher sieghaft seine

Beute nimmt! --

Nein, das ist nicht mehr der scheue Jüngling, welcher sie ehemals mit

zarter Hand aus dem Schnee emporhob, dies ist ein trotzigkühner Mann,

welcher sich seiner Heldenkraft bewußt geworden ist!

»Du hast mich einen Helden genannt, du hast mein Bild mit Lorbeer

geschmückt und es geküßt, Gabriele, -- damit hast du jenes Todesurteil

zerrissen, welches du mir und meinem Glück geschrieben. Jener taten- und

ruhmlose Hohen-Esp, welchen du ehemals verachtend von dir stießest,

würde nie und nimmer mehr gewagt haben, die Hände begehrend nach dir

auszustrecken, aber hier der Mann, welchen du selber durch Kuß und

Lorbeer zu einem Ritter geschlagen, der wirbt nun voll kühnen Wagemuts

um deine Liebe, der fordert diese Hand nun als sein heilig Recht! --

Gabriele, hast du's gehört? _Mein_ bist du, mein!«

Und wie ein Trunkener blickt er in das liebreizende Angesicht, welches

mit den großen, zauberischen Nixenaugen zu ihm aufschaut, welches in

holder Verwirrung nur leise, leise seinen Namen flüstert -- --: »O, du

Herrlichster!« -- --

Wie ist es urplötzlich so warm -- so duftig -- so sonnenhell in dem

sonst so kühlen und düsteren Gemach der Frau Gundula geworden!

Auf der Bank in der Fensternische sitzt Guntram Krafft, hält sein Lieb

im Arm und bedeckt ihr lächelndes, überseliges Antlitz mit heißen,

unersättlichen Küssen!

Goldener Sonnenglanz flutet über sie dahin, und fernher, durch die

geöffneten Butzenscheiben, grüßt das weißschäumende Meer mit donnerndem

Jubelruf.

Die Augen der Bärin von Hohen-Esp haben feucht geglänzt, als sie ihre

Kinder mit leisem Segenswort an das Herz gedrückt, und während das

Brautpaar auf Gabrieles Wunsch zur Kapelle schritt, dort auch das Bild

des armen Wulffhardt mit Lorbeer zu kränzen, ist Frau Gundula vor ihrem

Schreibtisch niedergesunken, hat seit langen Jahren zum erstenmal wieder

die versiegelten Briefe und Photographien ihres Gatten zur Hand genommen

und heiße, bittere Tränen darauf niedergeweint.

Dann ist es still in ihrem Herzen geworden, still und friedlich wie an

einem lichten Sommerabend, wenn alle Wetterschwüle und alles

Donnergrollen des Tages mit seinen dunklen Wolken wie ein unheilvoller

Traum versunken ist. --

Das Vergangene verlor in dem sonnigen Glück der Gegenwart sein herbes

Düster, und was für die einsame, schwergeprüfte Frau blieb, das war das

stolze Bewußtsein, täglich ein Werk zu schauen, welches sie aus eigener

Kraft und mit Gottes gnädiger Hilfe so wunderbar vollbracht und

vollendet. -- Welch ein Jubel hallte und schallte durch die alte

Bärenburg, als Graf Guntram Krafft mit strahlenden Augen den Getreuen

seine Braut zuführte! Da ging es wieder wie ein Raunen und Brummen und

Summen durch die verschlafenen Hallen und Gemächer, und die steinernen

Bären schüttelten Staub und Moos von den Schilden, die braunzottigen

Gesellen rings im Haus erwachten aus tiefem Schlaf und hoben frohgemut

die Pranken! Eine neue Zeit blühte heran, ein neues Glück hatte seinen

Einzug gehalten, und in dem himmelaufjubelnden Klang der

Hochzeitsglocken erstarben die letzten Seufzer, welche so lange

gespenstisch um Turm und Söller geweht.

Nach dem Verlobungsessen ist das Brautpaar zum Strand hinabgewandert,

und Gabriele hat voll leidenschaftlichen Entzückens die Arme nach der

blauwogenden Unendlichkeit ausgebreitet! --

»Dich und das Meer habe ich gestern nacht in all eurer Größe und

Herrlichkeit kennengelernt!« flüstert sie voll weicher Innigkeit zu

Guntram Krafft empor, -- »und weil von der Bewunderung bis zur Liebe bei

uns Frauen nur ein kleiner Schritt ist, so nahmt ihr beide mein Herz --

tatsächlich im Sturm! -- Wenn ich jetzt hinaus in dieses Brausen und

Schäumen, in dieses Sonnengefunkel und Geglitzer schaue, mit welchem ich

gestern in verzweifelter Todesangst im Gebet um mein Liebstes -- um

dich! -- gerungen, so kommt es mir ganz unfaßlich vor, -- daß ich solche

Allgewalt und Götterherrlichkeit jemals eintönig und langweilig nennen

konnte! -- O, wie blind bin ich gewesen, und wieviel blendende Schönheit

sehe ich jetzt!«

Sein Arm umschlingt sie noch fester, seine Lippen glühen heiß auf diesen

blinden Nixenaugen.

»Geschlafen und geträumt hast du, verzauberte Meerfei, im fernen,

fremden Binnenland, bis du heimkehrtest zu uns, bis dich der Sturmwind

in die Arme nahm und dir die trauten Wiegenlieder der Woglinde und

Wellgunde sang, bis dich mein Kuß aufweckte zu glückseligem Begreifen

und Verstehen!«

Ein jubelndes »Hojohe!« ertönt von der Düne herab, Jöschen und Mike

stürmen Hand in Hand über den wehenden Sand, und der junge Ehemann

schwenkt schon von weitem den Hut und lacht, daß seine kerngesunden

Zähne im Sonnenschein blinken.

Atemlos erreichen sie das Brautpaar, und ihr Glückwunsch ist so ehrlich,

so überströmend herzlich und aufrichtig, daß Guntram Krafft den

wackeren Burschen in die Arme schließt und ihn beinahe übermütig

schüttelt.

»Wat seggst nu, min oll Jung'? Dat heft di woll nich drömen laten, wat?«

--

Da zwinkert der Lotse nur schalkhaft mit den Augen, und Mike hält

Gabriele bei beiden Händen und flüstert ganz schämig: »Dat hevven wi

längst mierkt, dat dor wat im Spöle was!« -- Und sie gehen noch ein

Stückchen plaudernd zusammen, und dann fällt Mike ein, daß sie ja einen

Topf auf dem Feuer hat -- »grad so weggestürzt sei sie bei der

Nachricht!!« -- und sie schütteln abermals die Hände und hasten davon

durch Disteln und Riedgras.

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 104 / 110 题