Gräfin Gundula hatte recht behalten.
Der Sturm flaute über Nacht und gegen Morgen mehr und mehr ab und wehte
schließlich nur noch als kräftig frische Brise von der See herüber,
dieweil die klare leuchtende Frühlingssonne an dem Himmel stand und die
blühende Welt in goldenem Licht badete. Alle Wolken, alle Dunst- und
Nebelschleier hatte der Sturmwind hinweggefegt, und nun wölbte sich das
Firmament so tiefblau und fleckenlos wie ein einziger, funkelnder
Saphir, und das Meer dehnte sich so azurfarben und endlos und wogte
unter Tausenden von schneeigen Schaumkämmen so majestätisch, wie
Gabriele seinen Anblick selbst im Traume nicht in gleicher Schöne
geschaut!
Und weil Guntram Krafft jüngst einmal gesagt, daß die Farbe des Himmels
und der See diejenige sei, welche er am meisten liebe, so hatte Gabriele
zum erstenmal ein lichtblaues Kleid angelegt, just das, von welchem ihre
Mutter stets gesagt, es stehe ihr am besten von allen.
Sie errötet, als sie ihr Spiegelbild erblickt, und lächelt ihm doch voll
süßer, inniger Träumerei zu und atmet so tief und blickt mit so großen,
glänzenden Augen umher, als schaue sie die sonnige Gotteswelt zum
erstenmal, als sei in ihr und um sie her alles ganz und gar verändert
seit der gestrigen Nacht. --
Guntram Krafft war mit den fremden Männern schon zu früher Stunde nach
dem Strand hinabgegangen, um zu näherer Besichtigung des Wracks mit
ihnen hinauszufahren; wie die Gräfin mit feinem Lächeln sagte: »So
strahlend glücklich, wie noch nie zuvor im Leben!« --
Und dann, als sie verstohlen die entzückende Erscheinung des jungen
Mädchens mit dem Blick umfaßt, legt sie lächelnd die Hand auf die
fleißigen Fingerchen, welche eifriger als je nach dem Staubtuch greifen
wollen, und sagt: »Hanna hat die Zimmer heute sehr gut in Ordnung
gebracht, ich habe egoistischere Wünsche für Sie, liebe Gabriele! -- Ist
es ein Wunder, wenn nach all der Angst und Sorge des gestrigen Abends
mein Herz heute desto glückseliger in den hellen Sonnenschein
hineinlacht? Wissen Sie, wonach ich Sehnsucht habe, liebste Gabriele?
Nach einem Lied! Derweil ich hier in meinem Schreibtisch Ordnung zu
schaffen habe, singen Sie mir etwas vor! Und dann gehen Sie in den
Garten und holen ganz besonders schöne Blumen zum Schmuck der Tafel! Der
Kapitän und Pastor sind heute unsere Gäste, da kann der alte Jürgen Haas
sein Gewächshaus aufschließen und uns einen Strauß seiner gehegten und
gepflegten Lieblinge opfern, hören Sie, Gabriele? Holen Sie aus dem
Gewächshaus heraus, was Ihnen hold und schön deucht! So; und nun?
Bekomme ich ein Lied?«
Gabrieles Augen leuchteten auf.
»O, gern, wenn Frau Gräfin fürlieb nehmen wollen ... ich sang lange
nicht!« --
»Und ich hörte gar lange, lange Zeit keinen Ton Musik in diesen Räumen!«
nickte Gundula voll leiser Wehmut, dann aber ging wieder das friedlich
stille Lächeln über ihr Antlitz, und sie fügte kaum verständlich hinzu:
»Nun bricht aber eine neue Zeit für die Bärenburg an, und das Alte soll
vergessen sein!« --
Und sie neigte sich, anscheinend sehr vertieft, über das geöffnete
Schubfach, aber ihre Hände ruhten still im Schoß, und ihre Augen
blickten voll lebhafter Spannung nach dem Flügel, auf welchem Gabriele
zögernd ein Notenheft aufstellte.
Was wird sie singen?
Die Bärin von Hohen-Esp war eine gar gründliche Menschenkennerin, und
was Gabriele im tiefsten Herzensgrund für Guntram Krafft empfand, das
mußte jetzt als Sang und Klang von ihren Lippen strömen.
»Soll ich die Arie aus dem >Fliegenden Holländer< probieren?« fragte sie
zögernd, mit jähem Erröten; »ich studierte sie vor Jahren bei meiner
Lehrerin, sang sie aber nicht oft.«
»Und warum nicht?« --
»Sie war mir damals so unverständlich, -- ich kannte weder See noch
Sturm ...«
»Noch einen armen, einsamen Seemann! O, wie freue ich mich gerade auf
diese Arie!«
Und Gabriele sang, erst zaghaft, leise, unsicher, dann immer voller,
erregter und inniger, bis ihr ganzes Herz durch die Töne zitterte in dem
leidenschaftlichen Empfinden: »-- betet zum Himmel! --«
Gundulas Haupt sank tiefer und tiefer zur Brust, immer glänzender ward
ihr Blick, immer freudiger das geheimnisvolle Lächeln um ihre Lippen ...