Während Guntram Krafft mit sehnsüchtigem Blick nach dem Logenplatz,
welchen Gabriele am Arm des Kammerherrn verlassen, hinüberschaute, war
Fräulein von Sprendlingen in das Teezimmer, welches hinter der großen
Hofloge lag, eingetreten.
Prinzeß Amalie blickte ihr bereits erwartungsvoll entgegen.
Die hohe Dame, welche schon seit Jahren eines Knieleidens wegen nur mit
großer Anstrengung zu gehen vermochte und meist in ihrem kleinen,
eleganten und leicht beweglichen Rollstuhl gefahren wurde, nickte dem
jungen Mädchen in ihrer herzgewinnenden Weise zu und fesselte sie
sogleich an ihre Seite, nachdem Gabriele von den anwesenden
Fürstlichkeiten durch ein paar huldvolle Worte der Begrüßung
ausgezeichnet war.
Fräulein von Sprendlingen stand, die servierte Tasse Tee in der Hand,
neben der Prinzessin und erzählte in ihrer frischen, anmutigen Art von
den erlauchten Anverwandten der hohen Frau, welche sie während ihres
Besuches bei der Hofmarschallin am Hofe zu X. noch vor wenigen Tagen
gesehen und gesprochen hatte.
Da gab es viel zu berichten: von der jungen, liebreizenden Hoheit,
welche diesen Winter zum erstenmal tanzt und auf einem Kostümfest im
Ministerhotel als »Rautendelein« ganz besonders herzgewinnend aussah;
von den jungen Prinzen, welche der Frau Herzogin bereits über den Kopf
wachsen, sehr liebenswürdig und begabt sind, auch auf künstlerischem
Gebiet, namentlich in der Musik, schon Hervorragendes leisten; von
diesen und jenen alten Hofbeamten, welche schon zur Zeit der Prinzeß
Amalie ihre Stellung innehatten und der hohen Frau ein ganz besonders
treues und verehrungsvolles Andenken bewahren.
Wieviel hat sich aber auch gerade in dem letzten Jahrzehnt verändert!
Manch alte treue Seele ist heimgegangen, manch Glück ist zerschellt,
manch Unglück hat sich noch in letzter Stunde gewendet, -- die Jungen
wachsen heran, und »neues Leben blüht aus den Ruinen!«
Die kurze Pause hatte kaum ausgereicht, all die vielen Erinnerungen neu
aufleben zu lassen. Gabriele bleibt auf Wunsch der Frau Prinzessin in
der großen Loge.
Und als sich die Herrschaften während der nächsten Pause abermals
zurückziehen, wendet sich der Herzog mit einer Ansprache an Fräulein von
Sprendlingen und verwickelt sie momentan in eine Unterhaltung.
Als er sich just voll liebenswürdigen Interesses nach dem Unfall
erkundigt, welchen sie mit dem Schlitten gehabt, klingt das leise,
beinahe übermütige Lachen des Prinzen Karl Emil an ihr Ohr, welcher mit
einer der Hofdamen plaudert.
»Ich glaube, Gräfin, wir alle sind gespannt, den >weisen Toren<
kennenzulernen!« sagt er gerade mit vernehmlicher Stimme, »denn solch
eine Bekanntschaft macht man nicht alle Tage, höchstens in Bayreuth!«