»Je nun, man wird es erfahren!«
»Wenn er in der Residenz bleibt, sicher!«
»Er scheint gut situiert, sein Anzug ist tadellos --«
»Aber nicht schick!« --
»Das liegt nur an der ganzen Art und Weise! Seltsam, der blonde Riese
scheint etwas derb in seinen Bewegungen --«
»Ein echter Krautjunker! Du glaubst nicht, wie verlegen er gestern
wurde, als er mir geholfen! Kein Schuljunge errötet mehr so intensiv wie
er!«
»Das ist kein Fehler!«
»Aber auch kein Vorzug!«
»Männertugend ist stets ein Vorzug, und zwar ein recht seltener!«
»Geschmackssache! Es ist leider eine unumstößliche Tatsache, daß die
amüsantesten und nettsten Herren meist diejenigen sind, welche schon mit
einem Fuße in Amerika stehen!«
»Amüsant mögen sie sein, -- aber nicht heiratsfähig!«
»Was liegt daran?«
»Sehr viel, wenn man nicht eine alte Jungfer werden will!«
Gabriele zuckte mit stolzem Lächeln die schönen Schultern. »Als ob man
nur heiratete, um versorgt zu sein und unter die Haube zu kommen! Arme
Mädchen sind wohl darauf angewiesen! -- Gott sei Dank, daß ich in der
Lage bin, frei nach Herz und Geschmack einen ... einen recht amüsanten
Mann zu wählen!«
Frau von Sprendlingen atmete etwas beklommen auf und zupfte nervös an
den echten Spitzen ihres Kleides.
»Welch eine Torheit! Gerade du, die so sehr verwöhnt ist und so
ungeheure Ansprüche an das Leben stellt, mußt eine sehr brillante Partie
machen. Du machst dir total falsche Vorstellungen von unserm Vermögen
...«
»O nein! Daß ich keine Millionärin bin, weiß ich, aber daß ich genug
habe, um auch einen armen Mann heiraten zu können, davon bin ich
überzeugt!«
»Und wenn du dich irrst?«
»Dann bleibe ich lieber frei und unabhängig, ehe ich einen Mann freie,
der mir nicht sympathisch ist!«
»Ist dir jener Fremde drüben sympathisch?«
Gabriele lehnte das Köpfchen gelangweilt zurück. »Vorläufig ist er mir
unendlich gleichgültig! Zwar sieht der >blonde Riese<, wie du ihn zu
nennen beliebst, aus, als könne und müsse er ganz Hervorragendes
leisten, und du weißt, daß ich die Menschen nur nach Verdienst schätze!«
»Ah ... die ideale Marotte! Die deutsche Maid, welche sich nur für
Helden begeistern kann! Schade, daß es deren heutzutage zu wenig gibt!«
»Es gibt deren!«
»Etwa Herr von Heidler?«
»Wenn einer -- dann er!«
»Welche Illusionen!!« Frau von Sprendlingen lachte etwas nervös: »Ich
hörte bisher nur, daß er recht flott und leichtsinnig sei!«
»Und daß er der beste, kühnste und unerschrockenste Reiter, der
tüchtigste Offizier im ganzen Regiment ist, hörtest du noch nicht,
Mama?«
»Das wohl auch, aber um mir zu imponieren, ist es noch nicht genug!«
»Also bist du es, die so hohe Anforderungen an das moderne Heldentum
stellt!« Gabriele hielt den Fächer ein wenig tiefer, und ihr Blick flog
zu der ersten Reihe des Parketts hinab, in welcher die jungen Offiziere
der Garnison mit Vorliebe ihre Plätze wählten.
»Mir genügt es vollkommen, wenn ein junger Mann seinen guten Willen
beweist, sein Bestes für Fürst und Vaterland zu geben. Ich bin eine
begeisterte Patriotin, ich taxiere den Mann nur nach dem, was er für
Reich und Volk leistet, -- das bestimmt seinen Wert!«
»Aber was leistet Heidler?« zuckte Frau von Sprendlingen ein wenig
ironisch die Achseln.
»Fürerst genug, indem er Soldat ist, sich durch seine Bravour
auszeichnet und andern ein gutes Beispiel gibt! Daß er eine vorzügliche
Karriere macht, es zu den höchsten Ehren bringt, ist selbstredend.
Sollte aber ein Krieg kommen, hat er jederzeit Gelegenheit, seinem
Kaiser mit Leib und Seele, Gut und Blut zu dienen!«
Und gleichsam, als ahne der junge Offizier die ehrenvolle Konduite,
welche ihm der schöne Mund droben ausstellte, wandte Herr von Heidler,
der elegante Dragoner, das Haupt und blickte mit einem mehr kühnen und
siegesgewissen, wie verbindlichen Lächeln zu der Loge empor.
Gabriele errötete ein klein wenig und nickte ihm wie einem guten
Bekannten zu, war es doch stadtbekannt, daß Herr von Heidler ihr
eifriger Courmacher war, welcher schon während der beiden letzten Winter
die Schleppe der jungen Dame durch den Goldstaub der Saison getragen.
Der junge Dragoner war eine auffallende Erscheinung, nicht hübsch und --
wie viele behaupteten -- auch nicht sehr sympathisch, aber auf jeden
Fall recht interessant.
Schick und vornehm, sportlich trainiert bis zur Magerkeit, mit einem
sehr schmalen, scharf geschnittenen Gesicht, glatt rasiert bis auf den
englischen kleinen Bart an den Wangen, dazu zwei sehr tiefliegende,
scharfe, lebhaft blitzende Augen und einen Mund, dessen geneigte Winkel
ihm etwas Arrogantes gaben -- das war Herr von Heidler.
Das krause, aschblonde Haar war nicht kurz geschnitten, sondern lockte
sich in zwei kleinen Tollen über der Stirn, und das Monokel schaukelte
sich meist nur auf der Brust, ohne benutzt zu werden.
Die Damen schwärmten für den außerordentlich amüsanten Spötter, welcher
rücksichtslos die Cour machte, seinen scharfen Witz auf Kosten anderer
spielen ließ und durch Wort und Blick zu faszinieren verstand, -- die
kleinen Skandalgeschichten, welche man sich über seinen Leichtsinn und
sein Glück bei den Frauen erzählte, verliehen ihm seltsamerweise in den
Augen der Großstädterinnen noch einen Reiz mehr!
Die Herren urteilten weniger günstig über ihn, nannten ihn einen
frivolen und kaltherzigen Egoisten und bewunderten höchstens den
außerordentlichen Schneid und die beinahe brutale Kühnheit, mit welcher
er sich auf der Rennbahn und dem Exerzierplatz einen Namen gemacht
hatte.
Die Unterhaltung der beiden Damen in der Loge war sehr leise geführt
worden, -- sie waren ungeniert, da sie sich allein befanden, auch
übertönte die Musik das Flüstern hinter dem Fächer.
Mutter und Tochter kannten den fliegenden Holländer zur Genüge,
betrachteten die Oper nur als angenehme Zerstreuung und wären heute
abend überhaupt nicht hier erschienen, wenn nicht die Hofdame der
Prinzeß Amalie am Nachmittag vorgefahren wäre, mit der Nachricht, daß
Hoheit Fräulein Gabriele heute abend gern in der Teepause im Opernhause
sprechen möchte, um direkte Nachrichten von dem X'er Hofe zu erhalten.
Man wisse, daß Fräulein von Sprendlingen bei der Hofmarschallin daselbst
zu Gast gewesen und gestern zurückgekehrt sei.
Der erste Akt war vorüber, langsam sank der Vorhang nieder, und die
Klänge der Musik verhallten.
Guntram Krafft stand noch so völlig unter dem Eindruck des Gehörten, daß
er regungslos verharrte und zur Bühne hinabstarrte, als könne sein
scharfes Auge die neidische Hülle durchdringen.
Erst der tosende Beifall des Hauses ließ ihn betroffen aufschauen, und
als er das Haupt wandte und sein Blick mechanisch die gegenüberliegende
Loge streifte, zuckte er plötzlich zusammen, und auf sein erst so frei
und edel blickendes Antlitz trat wieder der Zug beinahe scheuen
Entzückens, mit welchem er schon einmal in die Augen seiner Unbekannten
gestarrt!
War es Spuk und Zauber?
Da glänzten ihm plötzlich die klaren Nixenaugen wieder entgegen, da
schimmerte das lockige Haar unverhüllt über der Stirn, und weiße,
flaumige Spitzen rieselten wie Wasserschaum um den schlanken Hals.
Der Graf hatte das Empfinden, als müsse er mit jubelnder Bewegung zu ihr
hinübergrüßen, aber er wagt es nicht, er sieht aus wie aus Stein
gemeißelt, und nur sein ehrliches Kinderauge spiegelt all sein Entzücken
über dies unverhoffte Wiedersehen.
Die ältere Dame hebt die Lorgnette und sieht ungeniert zu ihm herüber,
und um die Lippen seiner Meerfei spielt ein schnelles Lächeln.
Sie sieht ihn an, groß und gelassen, und dann schaut sie an ihm vorüber
und nickt Komtesse Thea an seiner Seite zu, -- die Offiziere in der Loge
und deren Damen tauschen ebenfalls Grüße herüber und hinüber, und einer
der Herren sagt laut und lebhaft: »Ah scharmant! Da ist ja Fräulein von
Sprendlingen wieder zur Stelle! Es ging auch wahrlich nicht länger ohne
sie, man ist so sehr an ihre reizende Erscheinung gewöhnt, daß der
Ballsaal nicht komplett schien, wenn sie fehlte!«
»War Ihre Freundin Gabriele verreist, Komtesse?«
»Ja, Exzellenz! Sie war fahnenflüchtig! Hat ihre Tante Grüdner, die
Hofmarschallin am Hofe zu X., anläßlich deren Silberhochzeit besucht!«
»Sie kann noch nicht lange zurückgekehrt sein?«
»Seit gestern mittag, gnädigste Frau! Hatte sogar noch ein
Eisenbahnunglück hier in der Parkstraße zu überstehen --«
»Eisenbahnunglück? Parkstraße? =bless me=! Sie sprechen in Rätseln,
bester Baron!!«
»Na, einigen wir uns auf ein Schlittenunglück, Exzellenz! Der >Schwan<
kippte um, und Schön-Gabrielchen lag weich und warm ...«
»Im Schnee?!«
»O nein, an der Brust eines kühnen Retters, glaube, der alte Dienstmann
Saul stürzte sich ihr nach auf Leben und Sterben!«
»Pfui, wie unpoetisch! Glücklicherweise scheint alles sehr gut
abgelaufen?«
»Tadellos!«
»Wer weiß, ob nicht ihr Herzchen einen Knax davongetragen hat! Wenn der
alte Saul sie im Arme hielt ...!!«
»Ungefährlich, Exzellenz! Da es noch früh am Tage war, hatten seine
Augen noch nicht den unheilvollen denaturierten Spiritusglanz!« --
»Welch ein Glück!« --
»Aha -- der Kammerherr erscheint drüben an ihrer Seite ... sie erhebt
sich ...«
»Man hat sie wohl zu den hohen Herrschaften in das Teezimmer befohlen?«
--
»=Allright=, -- sie geht!«
»Wie schade, -- es war ein so schöner =point de vue= für uns!« --
»Ein Glück für Ihr Herz, Baron! Bedenken Sie, daß die Kleine in festen
Händen ist!«
»Hört, hört!« --
»Festen Händen?«
»Nun ja! Der alte Saul?!« --
Leises, übermütiges Lachen ringsum, nur Graf Hohen-Esp steht schwer
atmend und lächelt nicht einmal.
Er hat Wort für Wort von der Unterhaltung gehört, obwohl er keinen Blick
von dem reizenden Mädchenhaupt drüben gewandt.
Fräulein von Sprendlingen, -- Gabriele heißt sie! -- Nun hat er ihre
Spur gefunden, nun weiß er, daß er sie wiedersehen, ihr sicher in den
Salons begegnen wird.
Sein Herz schlägt aufgeregt in der Brust, das Blut brennt ihm in den
Wangen.
Gabriele!
Wie durch Zauberspuk hat sie es ihm angetan, so wie die Nixen aus der
Flut tauchen und den Seemann mit kristallenen Augen anlächeln, dann ist
es um ihn geschehen. --
Sie hat mit dem Kammerherrn ein paar Worte gewechselt, dieser küßt die
schmale Hand der Mutter und bietet der Tochter galant den Arm, sie
hinauszuführen.
In das Teezimmer der hohen Herrschaften, richtig, der Hof hat die große
Mittelloge, wie fast immer nach den Aktschlüssen, verlassen. Der Bär von
Hohen-Esp setzt sich mechanisch wieder nieder, und als er aus seinen
tiefen Gedanken emporschaut, weil die Unterhaltung um ihn her wieder
laut und lebhaft wird, da sieht er direkt in das blasse, schmale
Gesichtchen der Komtesse Thea, deren tiefumschattete dunkle Augen mit
dem Ausdruck einer Madonna auf ihn gerichtet sind.
Er erschrickt beinah und hat das Gefühl, als müßte er ein Kompliment vor
ihr machen, doch entsinnt er sich noch rechtzeitig, daß er ihr noch gar
nicht vorgestellt ist.
»Ich habe Gabriele sehr lieb! Sie ist meine vertrauteste Freundin!«
sagte die junge Dame just, -- wie es ihm scheint, mit ganz besonderem
Nachdruck, und bei Guntram Krafft wecken die Worte: »Ich habe Gabriele
sehr lieb!« einen warmen Widerhall im Herzen.