Gewiß! --

Warum hätte sie sonst seinen Weg gekreuzt? Die Residenz ist ja nicht

allzu groß, man begegnet sich wohl auf den Hofbällen, bei Gesellschaften

oder in dem Theater, welches der Graf gestern besuchte, ohne daß die

Oper einen besonderen Eindruck auf ihn machte. Er wird aber doch noch

einmal hingehen, in der Hoffnung, seine reizende Nixe wiederzusehen.

Sie war sein einziger Gedanke während des ganzen Tages, und sie folgte

ihm auch bis in den Traum hinein.

Daheim träumte der Bär von Hohen-Esp fast nie.

Die schwere körperliche Arbeit, die kräftige Seeluft schaffen eine

gesunde Müdigkeit, einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Hier kämpft er nicht mit Sturm und Wetter, hier schafft er nicht voll

eisernen Fleißes in Wald und Feld, -- hier schaut er nur wirre, bunte,

flüchtige Bilder, hier führt er nur in trägem Nichtstun ein

Schlaraffenleben, hier blickt er nur -- wie der verzauberte Fischer im

Märchen -- in wasserklare, flimmernde Rätsel.

Und als er schläft, rauschen die weißschaumigen Wogen um ihn her, und

sie ... sie, die lieblichste aller Meerfeien, steigt empor aus der Tiefe

und schüttelt lächelnd die blinkenden Tropfen von der Stirn.

Dann hebt sie die Arme und lockt und winkt ihm, und als er regungslos,

wie verzaubert steht und sie anstarrt, da greift sie in das Wasser und

hebt eine köstliche Perlenschnur, die glänzt wie der weiße Wellenschaum,

und ihre Augen sind so klar und hell und tief wie die grünschillernde

See, auf welche man auch hinabblickt, ohne den Grund zu schauen. Sein

Herz erzittert in heißem, sehnendem Verlangen, -- er neigt sich voll

Leidenschaft und greift nach den Perlen, aber seine Blicke versinken in

den grundlosen Nixenaugen. -- -- --

»Töv min Söhn«, hört er plötzlich eine rauhe Stimme hinter sich, -- eine

schwielige Hand packt seinen Arm und reißt ihn zurück.

»Dat lat man sin, min Jong,« sagt der alte Krischan Klaaden, »Perlens

bedüten all Tränen!«

Da erwacht Guntram Krafft, reißt halb zornig, halb erschrocken die Augen

auf und starrt in das fremde Hotelzimmer, durch dessen Fenster ein

halbes Frühdämmern bricht, und er atmet tief auf und denkt: »Wie

seltsam! Ich habe geträumt, wie ich es ehemals als Kind getan! Das

kommt von dem müßigen Leben und dem närrischen Zeug, welches man hier zu

sehen bekommt!« --

Es schlägt sieben Uhr, eine Stunde, welche in Hohen-Esp den jungen

Gebieter noch nie in den Federn angetroffen, -- warum soll er aber schon

hier aufstehen? --

Der Tag ist ohnedies so lang, wenn man nichts zu tun hat.

Der Graf verschlingt die Hände unter dem Haupt und schließt die Augen,

-- er will weiterträumen von der wunderlieblichen Meerfrau, welche ihn

mit dem Lächeln und den Augen der fremden Dame angeschaut.

-- -- An dem darauffolgenden Tage geht er noch mehr denn sonst

spazieren.

Es ist rauhe Schneeluft, und die verwöhnten Leute der Residenz sitzen

hinter dem Ofen und ahnen gar nicht, wie anders der Nord-Nordost über

die See heult, wie er seine Eiskörner gegen die Burgfenster von

Hohen-Esp jagt und dem jungen Bären zuruft: »Komm heraus aus deiner

Höhle und wage ein lustig Tänzlein mit mir!«

In dicke Pelze gehüllt, schreiten hier in den geschützten Straßen die

Herren so eilig aus, als fürchteten sie, in Eiszapfen verwandelt zu

werden, und Damen sieht man fast gar nicht, selbst auf dem See im Park,

wo der Graf während längerer Zeit Schlittschuh gelaufen, zeigte sich

kaum eine der graziösen Gestalten in flottem Eiskostüm.

Guntram Krafft schaut so aufmerksam ringsum, er wandert ruhelos einher

und sucht jemand, ohne es sich selber einzugestehen, und wenn ein

Schlitten klingelt, so bleibt er unwillkürlich stehen und schärft den

Blick.

Seine Visiten wird er am morgenden Tage fahren, und Anton versichert,

daß durch die alsdann erfolgenden Einladungen reiche Abwechslung in

dieses langweilige Leben kommen werde.

Bisher hat sich der Bär von Hohen-Esp vor diesen Einladungen gegrault,

wie vor einer schweren unangenehmen Pflicht, welche er erfüllen muß,

weil sie von ihm gefordert wird; jetzt plötzlich denkt er mit mehr

Interesse daran, ja, er sieht in ihnen die einzige Möglichkeit, jener

entzückenden Fremden noch einmal begegnen zu können.

An der Straßenecke hängt in dem vergitterten Kasten der Theaterzettel

aus.

Zwar hat sich der Graf nach »Aïda« vorgenommen, nicht wieder dieser für

ihn so unverständlichen Kunst zu huldigen, jetzt aber bleibt er

plötzlich stehen und blickt nach dem weißen Papier hinüber.

»Der fliegende Holländer!« liest er, und mit wenigen Schotten

überschreitet er den schneeverwehten Damm und studiert überrascht das

Personenverzeichnis.

Der fliegende Holländer!

Wie oft hat er nicht an einsamen langen Winterabenden drunten im Dorf in

»der blauen Woge« mit den Fischern zusammengesessen, wenn irgendeiner

seiner Jugendgespielen oder ein Anverwandter der Dörfler nach langen

Seefahrten heimkehrte und nun bei dampfendem Pfeifchen und einem Glase

Grog sein »Garn spann!«

Ja, da wurde von manch verwegenen Abenteuern erzählt, von manch

tollkühner Fahrt durch Wetter und Sturm, wenn die Segel verloren und der

Mast gebrochen war, -- und die Erlebnisse der Jungen machten die Alten

beredt, so daß sie mit geheimnisvollem Augenzwinkern vom Klabautermann

und dem »fliegenden Dutschman« berichteten!

Und nun sollte jener grausige und doch so poesievolle Spuk, welcher

schon sein Kinderherz höher schlagen und seine Augen so oft in Nebel und

jagendes Gewölk spähen ließ -- hier auf der Bühne lebendig werden?

Er sollte von seinem sicheren Logenplatz aus im gemalten Wogenschwall

wohl ein Schiff von Pappe und Leinewand schauen, und den bleichen Mann

vom Tatenschiff bei elektrischem Licht an sich vorüberziehen sehen? --

Guntram Krafft lachte leise auf, und seine Augen blitzen.

Nein, beim »fliegenden Holländer« darf er nicht fehlen!

Es wird zwar ein armseliges Possenspiel sein für einen Mann, welcher so

oft in Todesnot auf rollenden Seen die Segel gesetzt hat und

hocherhobenen Hauptes auf den unheimlichen Gesellen wartete, dessen

Anblick das sichere Verderben bedeutet! Aber gleichviel!

Er sehnt sich nach Wogen und Wind, er sehnt sich nach seinem

heimatlichen Meer, in dessen Tiefe Perlen glänzen, und aus dessen kühler

Flut die Nixen steigen, ihn mit kristallenen Augen anzulächeln, so wie

sie ... jene Fremde ... die ihm doch bisher das einzig Traute und

Bekannte hier in der Fremde deuchte!

Und der Graf von Hohen-Esp schreitet gedankenvoll weiter durch die

menschenleeren Straßen, nach dem Theater, um sich einen Platz zu

sichern.

Der Wind fegt den Schnee von den Dächern, und ein rostiger Torflügel

kreischt in den Angeln, das klingt wie Möwenschrei vom fernen Strand ...

und Krischan Klaaden steht wieder neben ihm und legt warnend die Hand

auf seinen Arm.

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Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 30 / 110 题