Acht Tage waren vergangen.
Aus San Remo hatte ein Brief die glückliche Ankunft des Grafen gemeldet.
Gundula hatte die Zeilen verschiedentlich durchgelesen und jedesmal das
Empfinden gehabt, daß dieselben sehr wirr und unklar waren.
So schrieb wohl ein Fieberkranker!
Besorgt gab sie Tante Agathe den Brief zu lesen. Diese saß lange und
blickte schweigend auf das Schriftstück nieder.
Bedächtig nickte sie vor sich hin, und ihr gutes altes Gesicht trug
einen wundersamen Ausdruck.
»Ich glaube nicht, daß er krank ist, -- wenigstens nicht körperlich
krank!«
»O, ein seelisches Leiden wäre noch schlimmer!«
»Gott sei es geklagt!«
»Was glaubst du, was ihm fehlt?« forschte die Gräfin beunruhigt.
»Geld!« antwortete die alte Dame lakonisch.
Gundula lachte leise, wie von jäher Angst erlöst.
»Nun, solch ein Manko ließe sich am ersten verschmerzen!«
»Du glaubst?«
Die junge Mutter blickte heiter in das bekümmerte Gesicht der
Sprecherin, beinahe übermütig dehnte sie die blühenden Arme.
»Ja, Tantchen! Du weißt, daß ich das kostspielige Leben in der großen
Welt nie geliebt habe! Wenn Friedrich Karl die Mittel fehlen, seine
Unkosten zu bestreiten, ist er gezwungen, mit uns in dieser wonnigen
Einsamkeit zu bleiben! Wir werden endlich für uns leben und glücklich
sein!«
»Ahnst du, daß die Verhältnisse deines Mannes sehr derangiert sind?«
Gundula zuckte gleichgültig die Achseln: »Das müßte ich mir eigentlich
an den fünf Fingern abzählen können! Nach den ungeheuren Ausgaben,
welche er seit Jahren hatte, muß auch das größte Kapital
zusammenschmelzen! Aber was will das bei einem Grundbesitz wie dem
seinen besagen? Die Güter sind ja wundervoll, ein paar Jahre solide
gelebt und gespart -- und das Defizit ist bald ersetzt!«
»Die Güter sind leider kein Majorat! Nicht einmal der Besitz von
Hohen-Esp ist der Familie dauernd gesichert!«
Erstaunt blickte Gundula auf.
»Du irrst, Tante!«
»Doch nicht! -- Als das Majorat seit drei Generationen nur noch auf zwei
Augen stand, wurde es leider Gottes durch den Großvater deines Mannes
abgelöst, um die Güter eventuell auch auf Töchter vererben zu können.
Wie dies möglich war, ist uns heutzutage ein Rätsel, in den schweren
Jahren der Befreiungskriege war jedoch nichts unmöglich, und der alte
Hohen-Esp nahm eine sehr einflußreiche Stellung bei Hofe ein. Sein
einziger Sohn, welcher bereits in der Mitte der dreißiger Jahre stand,
blieb nach der Schlacht bei Waterloo spurlos verschwunden, man harrte
voll banger Sorge drei Jahre lang auf ihn, und da sich immer mehr
Augenzeugen fanden, welche ihn im feindlichen Feuer tödlich getroffen
vom Pferd stürzen sahen, so war man schließlich von seinem Ableben
überzeugt, und der Vater schickte sich an, sein Haus zu bestellen und
für seine beiden Töchter den ungeheuren Grundbesitz zu sichern, da kein
männlicher Erbe mehr in der Familie vorhanden war. -- Es gelang ihm, das
Majorat abzulösen, doch starb er, ehe er sein Testament gemacht, sehr
plötzlich während einer Cholera-Epidemie. Dieselbe raffte auch die
jüngste seiner noch unvermählten Töchter dahin. -- Ganz plötzlich, als
schon die älteste, verheiratete Tochter den Besitz angetreten hatte,
erschien der totgeglaubte Bruder wieder daheim. Er war durch einen
Zufall unter die englischen Verwundeten geraten, wochenlang in einem
englischen Barackenlager verpflegt und dann mit einem Transport nach
London geschafft.
Da eine Kugel seine Kinnlade zerschmettert und seine Zunge gelähmt hatte
und sein Geist während langer Zeit getrübt blieb, ahnte man weder Namen
noch Heimat des Unglücklichen, und es ist wie ein Wunder zu betrachten,
daß er in jenen überfüllten Baracken überhaupt noch am Leben blieb und
endlich -- wenn auch nach Jahren erst -- völlig geheilt ward.
Sein Erscheinen rief einesteils jubelnde Freude, andernteils große
Bestürzung hervor.
Seine Schwester, eine Freifrau von Lutzbach, hatte im Krieg den Gatten
verloren, -- ihr Vermögen war aufgebraucht, die Zahl ihrer Kinder groß.
Mußte sie dem Bruder das große, väterliche Erbe zurückgeben, so war sie
eine Bettlerin. Sie drohte mit einem Prozeß, falls man ihr den Besitz
streitig machen wolle. --
Der Bruder schlug eine gütliche Einigung vor, und man kam überein, den
immerhin ungeheuren Besitz zu teilen.
So fielen Hohen-Esp, Walsleben, Gottern usw. an den Bruder zurück.
Dieser vermählte sich mit einer ebenfalls reichen Erbin, und da er nur
einen einzigen Sohn besaß, unterließ er es in unbegreiflichem
Leichtsinn, das Majorat wiederherzustellen. Auch dem Vater deines Mannes
wurde nur der eine Sohn geboren, und abermals unterblieb es, die
Erbfolge zu sichern.«
»Wie genau du Bescheid weißt, Tante Agathe!« murmelte Gundula, welche
aufmerksam gelauscht hatte --, »nun ... fürerst ist ja Guntram Krafft
auch der einzige, und ich denke, seine Güter werden ihm nie streitig
gemacht!«
Die alte Dame machte eine beinahe ungeduldige Bewegung.
»Die Güter sind durch Friedrich Karl bis auf das Äußerste verschuldet!«
sagte sie herb, »und ich fürchte, du wirst dein väterliches Vermögen
völlig zusetzen müssen, um wenigstens das eine oder andere zu
entlasten.«
Alles Blut wich aus dem Antlitz der Gräfin.
»Davon hat mir mein Mann nie ein Wort gesagt --!«
»Unverantwortlich!« --
»Herr mein Gott!... und mein Vermögen ...«
»Vollende!« --
»O, Tante Agathe!« --
»Es ist bereits verbraucht?«
Gundula krampfte die Hände ineinander und nickte stumm mit dem Kopf.
»Ich erwartete es kaum anders!« murmelte die alte Dame mit bitterem
Lächeln.
Da hob die Herrin von Hohen-Esp jäh das Haupt und starrte sie in
atemlosem Entsetzen an. --
»Wenn dem wahrlich so ist -- wenn die Güter verschuldet -- das Kapital
verbraucht und Friedrich Karl nicht fähig ist, sich zu arrangieren, --
-- was wird dann aus meinem Sohn?«
Das klang wie ein Aufschrei.
Das alte Fräulein von Wahnfried preßte herb die Lippen zusammen.
»Das Opfer väterlichen Leichtsinns, eine verlorene Existenz, welcher vom
Spielteufel das Schicksal diktiert ward!«
»Tante Agathe!« --
Gräfin Hohen-Esp faßte den Arm der Sprecherin, ihr Antlitz ward bleich
wie der Tod.
»Das wäre ... das wäre ein Verbrechen von Friedrich Karl!« ... stöhnte
sie auf und schlug wie in jähem Entsetzen die Hände vor das Antlitz.
»War ich denn mit Blindheit geschlagen, daß ich nicht mehr sah, was
um mich her vorging? Habe ich die ganze furchtbare Zeit verträumt und
verschlafen, daß ich nicht ahnte, zu welch einem Dasein ich mein Kind
geboren? Aber nein! nein! -- tausendfach nein! Es kann, es darf ja
nicht so sein! -- Du bist falsch unterrichtet, Tante Agathe, man hat
meinen Mann verleumdet! Es ist nicht so schlimm, es _kann_ nicht so
schlecht mit ihm stehen, sonst wäre er nun und nimmermehr nach San Remo
gefahren -- -- --«
»Er ist nach Monte Carlo gefahren!«
»Monte Carlo?« -- Gundulas Augen flammten.
»Undenkbar! -- woher weißt du das?« --
»Ich sehe es aus diesem Brief ... und ich habe Menschenkenntnis genug,
um einen Mann wie Friedrich Karl richtig zu beurteilen!«
»Tante!« --
Gundula taumelte einen Schritt zurück und preßte die Hand gegen das
stürmende Herz -- »Du hast stets so hart und unbarmherzig über meinen
Mann geurteilt ...« -- sie unterbrach sich und horchte auf.
Drunten, auf dem holperigen Pflaster des Burghofs klang Hufschlag.
»Kommt er zurück?«
Agathe war an das Fenster getreten, ihre hohe, kraftvolle Gestalt schien
zusammenzuzucken.
»Der Administrator!« --
»Der Administrator? -- Was will der hier in Hohen-Esp ... bei mir ... zu
solch ungewohnter Zeit?« --
»Ich werde ihn sprechen ...«
»Nein! bleib! er soll hierherkommen!« und schon hatte Gundula das
bleigefaßte Fenster hastig geöffnet und rief durch den Herbststurm in
den Hof hinab:
»Ich bitte Sie, sogleich heraufzukommen, Herr Werner!«
Der alte Mann schrak zusammen, starrte mit verstörtem Blick empor und
stotterte »Zu Befehl, gnädige Frau!«
Dann gab er noch kurzen Befehl, das dampfende Pferd genügend abzureiben,
und wuchtete auf seinen schweren Reitstiefeln über die Steinfliesen nach
der Treppe.
Wenige Minuten später stand er auf der Schwelle, und Gundulas Blick
starrte ihm forschend entgegen.
Wie blaß und hohläugig der alte Getreue aussah, wie seine Gestalt
zusammensank, und wie kummervoll und mitleidig sein Blick die Gebieterin
traf.
»Verzeihen Frau Gräfin ...« stammelte er, »wäre es wohl vergönnt, daß
ich mit dem gnädigen Fräulein von Wahnfried ein paar Worte allein
sprechen kann?« --
Wie ein eisiger Schauer kroch es nach Gundulas Herzen, aber sie richtete
sich auf und schüttelte den Kopf. --
»Es gibt keine Geheimnisse vor mir! sprechen Sie ... was gibt es?!«
»Frau Gräfin sind noch leidend ...«
»Nein, nein! ich bin kräftig und gesund! -- Haben Sie so schlechte
Nachrichten zu bringen, daß Sie fürchten, mir schaden zu können?« --
Die Sprecherin nahm sich zusammen, so ruhig und fest wie sonst zu reden,
aber auf ihre Wangen traten zwei brennend rote Flecke, und die Hände
krampften sich fester um die Stuhllehne: »Sie haben über mißliche
Geldverhältnisse zu berichten?«
Der alte Mann senkte den Blick.
»Auch das, Frau Gräfin!« --
»Es steht sehr schlecht um die Güter meines Mannes?«
»Sehr, sehr schlecht, Frau Gräfin!«
»Hoffnungslos und trostlos?«
Werner zögerte. -- »Das wäre noch nicht das Allerschlimmste, Frau
Gräfin!«
Da schrak ihre schlanke Gestalt empor.
»Nicht das Allerschlimmste?! Was heißt das?!«
Agathe trat an ihre Seite und legte liebevoll den Arm um sie.
»Geh zu deinem Sohn, Gundula! Mich deucht, er weint! Ich spreche mit
Herrn Werner und teile dir nachher alles mit!«
Die Gräfin wehrte die Sprecherin mit bebenden Händen ab, -- ihre Augen
glänzten wie im Fieber.
»Sie bringen mir eine Nachricht von meinem Mann?« fragte sie hastig, --
flüsternd.
Der Administrator senkte den grauhaarigen Kopf tief zur Brust, ein
schwerer Seufzer rang sich über seine Lippen.
»Es ist so, Frau Gräfin!«
»Er braucht Geld?«
Werners Blick trifft wie Hilfe flehend Tante Agathe.
»Und Sie haben keins?« fährt Gundula schnell fort.
Der alte Mann schüttelte trostlos den Kopf.
»Ach, schlimmer, Frau Gräfin, viel schlimmer!«
»Herrgott des Himmels ... foltern Sie mich nicht! Ist er etwa krank?
schwer krank?«
Da zieht der Administrator mit jähem Griff einen Brief und eine Depesche
aus der Tasche und reicht beides Tante Agathe zu.
»Lesen Sie! lesen Sie!« murmelt er. »Ach, du Herr mein Gott, ich kann es
nicht aussprechen, -- es will mir nicht über die Lippen!« --
Gundula hat die Papiere mit heftigem Griff erfaßt, -- sie wankt nach dem
Fenster, sie öffnet und liest.
Der Administrator macht eine kurze, händeringende Bewegung gegen Tante
Agathe, -- -- sie versteht ihn nicht, und so tritt er selber hinter die
Gräfin, als wolle er bereit sein, eine Zusammenbrechende zu stützen.
Aber Gundula sinkt nicht unter dem furchtbaren Schlag, welcher sie
trifft, nieder. Nur das Papier der Depesche knistert und wankt zwischen
ihren Fingern, und ein leiser, halberstickter Schrei ringt sich von
ihren Lippen. --
»Tot! -- er ist tot!« --
Eine sekundenlange, furchtbare Stille.
Agathe ist mit fahlem Antlitz näher geeilt und schlingt die Arme um die
junge Witwe.
»Tot!« murmelte sie. »Allbarmherziger Gott, wie das?!«
Werner hatte einen der großen, eichengeschnitzten Sessel näher
geschoben.
Die Bärenköpfe, welche seine Knaufe bilden, verschwimmen vor Gundulas
Blick.
Sie sinkt schwer auf das Lederpolster nieder und starrt auf die
Depesche.
Ihre Augen sind weit offen, stier und tränenlos. »Es steht wohl alles in
dem Brief an die unglückliche Frau Gräfin!« murmelte Werner auf den
fragenden Blick Agathes, und er legte die Hand über die Augen und wendet
sich ab, als könne er den Anblick des schmerzversteinerten Antlitzes
nicht ertragen. Da hebt Gundula das Haupt, ein jäher Blick flammt aus
ihren Augen.
»Der Graf hat sich erschossen? in Monte Carlo erschossen?« fragt sie
langsam, und ihre Stimme klingt fremd und heiser.
»Wohl in einem Anfall von Geistesstörung!« stöhnte der alte Beamte; »es
ist zu viel Schweres in letzter Zeit gekommen, die Gläubiger haben so
gewissenlos gedrängt ...«
»Dieser Brief ist an mich gerichtet?« sie will das Schreiben heben, um
die Adresse zu lesen, aber ihre Hand sinkt schwer zurück.
»Sehr wohl, Frau Gräfin! ich erhielt ihn vorgestern von dem gnädigen
Herrn mit der Weisung, ihn nur dann an Eure Gnaden abzugeben, wenn eine
Depesche des Kammerdieners schlimme Nachricht über den Herrn Grafen
brächte!«
»Und diese Nachrichten kamen!« -- Wie der leise, grelle Schmerzensschrei
zerspringender Saiten klingt es über die wachsbleichen Lippen Gundulas,
dann sinkt ihr Haupt wieder schwer vornüber, ein herzzerreißendes Weh
zuckt über das Antlitz, sie krampft die Hände zusammen und ringt nach
Atem wie eine Erstickende.
Tante Agathe hat eine belebende Essenz aus dem Nebenzimmer geholt und
will Stirn und Schläfen der beklagenswerten Frau befeuchten, Gundula
aber wehrt sie jäh ab und richtet sich gewaltsam auf.
Sie reicht dem Administrator die Hand entgegen. »Ich danke Ihnen, daß
Sie selber kamen, -- ich danke Ihnen, daß Sie meinen Schmerz teilen.
Bleiben Sie in meiner Nähe, -- es gibt wohl viel schwere, traurige
Arbeit für uns. -- Jetzt kann ich noch keinen Gedanken fassen, -- selbst
den einen, furchtbarsten noch nicht, daß er freiwillig von mir ging,
daß er ein so namenloses Weh über mich gebracht! -- -- Lassen Sie mich
jetzt allein, -- auch du, Tante Agathe ... Der Tote will zum letztenmal
mit mir reden!«
Ihre zitternde Hand faßt den Brief, -- sie winkt damit --: »Geht! --
geht!«
»Frau Gräfin!« schluchzt der alte Mann auf, -- »meine arme, arme Frau
Gräfin!« und er faßt ihre Hand und drückt sie an die Lippen. Tränen
fallen darauf nieder.
»Gott erbarme sich Ihres Herzeleids! -- Gott gebe Ihnen Trost und Kraft
... Gott erhalte Sie für Ihren Sohn!«
Sie nickt wie geistesabwesend und drückt stumm seine Rechte, -- kalt wie
Eis liegen ihre schlanken Finger in derselben.
Er geht, langsam, zögernd, den Blick sorgenvoll zurückgewandt.
Tante Agathe aber schlingt voll tiefen Mitgefühls die Arme um die
Unglückliche, küßt ihr Wangen und Stirn und flüstert treue, milde Worte;
dann schreitet auch sie über die Schwelle und folgt dem alten Beamten in
das Nebenzimmer. --
Einen Augenblick noch verharrt Gundula regungslos, preßt die Hand gegen
die Stirn, als müßte sie gewaltsam ihre Gedanken zusammenfassen, und
erbricht alsdann das Schreiben.
Ihre tränenlosen Augen starren wie geistesabwesend darauf nieder.
Die ersten Zeilen verschwimmen, sie faßt kaum ihren Sinn, dann schärft
sich ihr Blick, sie liest, liest immer hastiger und schneller, das Blut
stürmt wieder siedendheiß durch ihren Körper, eine fieberische Aufregung
erfaßt sie nach der todesstarren Ruhe!
Ja, nun wird ihr alles klar!
Er schreibt: »Ich konnte es nicht mehr ertragen, Dir und dem Kind in die
Augen zu sehen, denn mein Leichtsinn hat nicht nur mich, sondern auch
Euch zu Bettlern gemacht! Ich habe nicht nur _mein_ Eigentum, sondern
auch das deine vergeudet! Vergib es einem Sterbenden, einem Mann,
welcher in dem letzten halben Jahr unaussprechlich gebüßt hat, welcher
im Höllenbrand wilder Selbstanklagen selbst das heiligste und reinste
Glück verspielte, -- das Glück: Vater zu sein! -- Ich habe einen Kampf
der Verzweiflung gekämpft, um das Verlorene wiederzugewinnen! Morgen
wage ich es und setze mein Alles auf eine einzige Karte! Gewinne ich,
bin ich gerettet -- für euch und für ein besseres, glückliches Leben, --
verliere ich abermals, gibt es kein Wiedersehn mit Euch, -- ich habe
gesühnt, wenn Du diesen Brief in Händen hältst, geliebtes Weib! Wirst Du
meiner in mildem Erbarmen gedenken, Gundula? Ich war nicht schlecht, --
aber eine Schlechte, treulose und gewissenlose Welt hat mich
leichtsinnig gemacht! -- Bewahre unsern Sohn vor ihrem Gifthauch!
Erziehe einen bessern Mann aus ihm, als wie sein unglücklicher Vater es
war, -- mache ihn zu einem echten und wahren Hohen-Esp!«
-- Die Leserin ließ den Brief sinken, sie krampfte aufstöhnend die Hände
zusammen, ein Ausdruck bitteren, leidenschaftlichen Hasses lag auf dem
erst so steinernen Angesicht.
Ja, die Welt! Die falsche, treulose, gewissenlose Welt! Sie allein hat
all das Unglück ihres Lebens verschuldet, sie hat ihr das Glück
gestohlen und das Dasein vergiftet! -- Die Welt mit ihren
leichtsinnigen, schlechten Menschen! Die Welt mit ihrem lockenden
Irrlichtsgeflimmer über mordendem Sumpf!
Wie glücklich hätte sie an Friedrich Karls Seite sein können, -- die
Welt hat es nicht geduldet! Wie hätte sie ihn und sein Herz besitzen
können -- wenn die Welt ihn nicht aus ihrem Arm gerissen, ihn an den
grünen Tisch gebannt hätte!
Wie arm -- ach, wie bettelarm an allem hat die Welt sie gemacht, -- sie,
die einst die reichste und glückseligste der Frauen gewesen!
Und doch ... wie wenig nahm sie ihr noch im Gegensatz zu jenem Mann,
welcher mit durchschossener Stirn seinem verfehlten Dasein selber ein
Ziel gesetzt!
Sie nahm ihm nicht nur Geld und Gut, sondern auch die stolze, ehrenhafte
Festigkeit des Mannes, seinen Willen -- seinen Halt -- ja selbst den
letzten Rest eines klaren Überlegens und den Mut, den Kampf mit dem
Leben aufzunehmen!
Die Welt, die verführerische Welt mit ihren Spielsälen und Hasardkarten
hat aus dem Grafen von Hohen-Esp einen erbärmlichen Schwächling gemacht,
der den Ruin über seine Familie heraufbeschworen und dann feige zu dem
Revolver greift, um den Folgen seiner Schuld zu entgehen!
Das tat Friedrich Karl -- der Mann, zu dem sie einst emporgesehen hatte,
wie zu einem Gott! --
Das tat er ihr, seinem hilf- und schutzlosen Weibe an, welchem er einst
geschworen: »Ich will dein Halt und deine Stütze sein, ich will dich
glücklich machen!« --
O, wie leicht ist die Waffe gehoben, jene eine, flüchtige Sekunde
überwunden, welche durch einen Druck des Fingers allem Elend ein Ziel
setzt -- und wie schwer, wie bitter schwer ist es, durch lange,
mühselige Jahre die Last der Armut zu schleppen, sich und ein Kind
ernähren zu müssen!
Hat Friedrich Karl denn gar nicht daran gedacht, was aus seinem Weib und
Kind werden soll, wenn er sie verläßt wie ein Feigling? Und wenn er sein
Geld und Gut vertan -- blieben ihm nicht noch seine kraftvollen Hände,
durch deren Arbeit -- und sei es der geringsten eine -- er die Seinen
ernähren konnte?
O nein! was hätte die Welt dazu gesagt, wenn ein Graf von Hohen-Esp
gearbeitet hätte!
Hat nicht die Welt selber ihm den falschen Begriff von Ehre eingeimpft,
einer Ehre, welche befleckt wird durch Schwielen in der Hand? --
Friedrich Karl ist in der großen Welt aufgewachsen, er ist gesäugt mit
ihren Ansichten über Stand und standesgemäßes Leben, über all die
haltlosen Verschrobenheiten, welche dem vornehmen Mann zum Gesetz
gemacht sind. Die Welt hat ihm ihre Ansichten, ihre Passionen und ihre
Laster eingeimpft, und er ist ihr Opfer geworden! --
Eine unsägliche Bitterkeit quillt in dem Herzen der verlassenen Frau
auf, und gleichzeitig bäumt ein wilder, ungestümer Trotz in ihr empor,
den Posten, welchen der pflichtvergessene Gatte so treulos verlassen,
nun selber einzunehmen und den Kampf für die Existenz ihres Kindes zu
wagen. --
Der Bär hat seine Brut feige im Stich gelassen, die Bärin aber wird
einstehen für ihr Junges und wird nicht Rast noch Ruhe kennen, bis sie
ihm die sichere Höhle gebaut!
Gundula faltet mit sicherem Griff den Brief zusammen, erhebt sich und
tritt festen Schrittes an ihren Schreibtisch, den Brief zu verschließen.
Ihr blasses Gesicht blickt schier unheimlich in kalter Ruhe, ihre
glanzlosen Augen sind so starr, wie jene steinernen der Bärenköpfe im
Burghof drunten.
Es ist alles zu furchtbar jäh, zu unvermittelt gekommen.
Gundula kann fürerst nur die krasse Tatsache fassen und hat noch kein
Verständnis für die Seelenqualen eines Mannes, dessen Geist die
Verzweiflung getrübt hat.
Jene Nachricht aus Monte Carlo ist wie ein scharfer Schnitt, welcher die
Vergangenheit von ihr losgelöst hat.
Ihr Stolz, ihr strenges Rechtlichkeitsgefühl bluten fürerst aus tiefern
Wunden noch wie ihr Herz. Das leise Wehklagen, Schluchzen, Flüstern und
Raunen verstummt in der Burg, als die Gräfin von Hohen-Esp ihr Zimmer
verläßt, als sie so starr und still wie ein steinernes Bild durch die
hohen Hallen schreitet. --
Sie nimmt ihr Kind in den Arm und blickt lange, lange in das lächelnde,
rosige Gesicht hernieder.
Der Zug herber Erbitterung tritt noch schärfer um ihre Lippen, und auf
ihrer Stirn und um die finstern Augen liegt eine Entschlossenheit,
welche voll eisernen Willens ein Gelübde ablegt und der verhaßten Welt
eine grimme Fehde ansagt auf Leben und Sterben. --
Die Bärin von Hohen-Esp.
Die Jungfer hat die Trauerkleider zurechtgelegt, und Gundula hat sie
schweigend angezogen.
Sie spricht mit niemand ein überflüssiges Wort, nur mit dem
Administrator sitzt sie während des langen Abends und ordnet voll
geschäftsmäßiger Ruhe alles, was in solch schwerer Zeit zu besorgen und
zu bedenken ist. »Wenn der Graf beerdigt ist, wollen wir unsere
Verhältnisse arrangieren, Herr Werner! Ich bitte Sie, mir als Freund und
Berater beizustehen, ich habe niemand auf der Welt wie Sie!« --
»Gott helfe mir, daß ich Sie gut berate, Frau Gräfin!« -- antwortete der
alte Mann mit festem Händedruck. -- »Ach, hätte doch der Herr Graf auf
meinen Rat gehört, wir hätten diesen furchtbaren Tag nie erlebt!« --
-- Tante Agathe sitzt neben der Herrin von Hohen-Esp und hält ihre Hand
zwischen den ihren: »Die Güter können nicht gehalten werden, -- du mußt
alles verkaufen?«
Gundula beißt die Zähne zusammen. »Von Walsleben und Gottern trenne ich
mich nicht schwer, -- aber Hohen-Esp ist ein Stück von meinem Herzen,
das _kann_ ich nicht opfern, ich werde und muß es halten! Ich habe mir
gelobt, meine volle Kraft einzusetzen, um den ältesten Familienbesitz
für meinen Sohn zu retten!«
»Das ist selbstverständlich. Du zahlst die Schulden mit deinem Vermögen
ab und versuchst das Gut neu emporzuwirtschaften!«
»Meinem Vermögen?«
»Ja, dein Erbe von Tante Margarete. -- Weißt du nun, warum du mir einst
geloben mußtest, dasselbe vor Friedrich Karl nie zu erwähnen?«
Gundula schrickt beinahe empor: »Jenes Erbe? Du hast den Nießbrauch
davon!«
Agathe lächelt seltsam. »Ich habe es für dich verwaltet und erhalten, --
sonst nichts!«
Rote Flecken treten auf die blassen Wangen Gundulas. »Tante Agathe,« --
sagt sie mit zitternder Stimme, »wolltest du mir wahrlich dies Kapital
vorstrecken, damit ich keine Hilfe bei dem Herzog oder einem
Geldvermittler zu suchen brauche?«
»Dazu -- lediglich dazu hielt ich das Geld für dich bereit!«
Ein tiefer Atemzug hebt Gundulas Brust. »Ich habe nie an dieses Geld
mehr gedacht, oder gar damit gerechnet, weil ich es bis zu deinem Tode
als _dein_ Eigentum betrachtete, -- aber jetzt -- o, wenn du es mir
nicht geben, sondern nur leihen wolltest, Tante Agathe ... alles wäre
gut! Ich könnte die Saat säen -- und Gott der Herr wird mir eine Ernte
bescheren!« --
-- -- -- Schloß Walsleben und die Herrschaft Gottern wurden verkauft,
die Burg Hohen-Esp mit dem kleinen Landbesitz und den Waldungen blieb
nach Abtrag aller Schulden im Besitz der Gräfin. Herr Werner hatte voll
treuen Eifers die Interessen der verwitweten Frau gewahrt, die
zerrütteten Verhältnisse geordnet und mit Hilfe des von Tante Agathe so
sicher gehüteten Kapitals dem jungen Bären von Hohen-Esp eine
bescheidene und weltferne Heimat erhalten. Er sorgte noch für einen sehr
zuverlässigen und intelligenten Inspektor, welcher unter dem Oberbefehl
der Gräfin das Gut bewirtschaften sollte, dieweil er selber voll
unermüdlichen Fleißes tätig war, Gundula in finanziellen und
wirtschaftlichen Angelegenheiten zu ihrem eigenen Sachwalter
auszubilden.
Die Gräfin faßte mit scharfem Verstand schnell auf, zeigte eine große
Ausdauer und einen schier männlichen Schaffensdrang, und es währte nicht
lange, so leiteten ihre energischen Hände die Verwaltung des Besitzes,
so war sie selber voll eiserner Ausdauer bei Tag und Nacht, Wind und
Wetter zur Stelle, um durch rastlosen Eifer und voll sauern Fleißes in
Jahren wiedereinzubringen, was Friedrich Karl während ein paar
flüchtiger Nachtstunden vergeudet.
* * * * *