Er saß mit hämmernden Pulsen und eiskalten Händen an Gundulas Lager,
er sah in ihr Antlitz, welches alle Himmelswonnen junger Mutterschaft
spiegelte, er hörte mit krampfhaftem Lächeln all die seligen
Zukunftspläne an, welche sie für des Kindes und ihr eigenes Geschick
schmiedete. Ja, sie wollten glücklich sein! --
Nun waren ja ihre kühnsten Hoffnungen erfüllt, nun lag der Sohn in
ihren Armen, welcher das alte Geschlecht zu jungem Glanz und junger
Herrlichkeit aufblühen wird! --
Und die Gräfin drückte seine Hände voll unaussprechlicher Liebe
zwischen den ihren und blickte ihm wieder in die Augen wie damals
... vor Jahren ... als er sie im Arme hielt und dem bräutlichen
Weib gelobte, »ich will alles tun, dich glücklich zu machen!« -- O
meineidiger, wortbrüchiger Gesell, der er ward!
Leichtsinnig und gewissenlos hat er all das morgenschöne Glück
zertrümmert!
Wahrlich, hat er es?
Nein! tausendmal nein! Noch wird er ein letztes Wort mit dem Schicksal
sprechen, noch kann alles wieder gut werden ... ach, so gut! -- Und
er flüstert ihr mit heiserer Stimme zärtliche Worte ins Ohr und wiegt
seinen Knaben auf den Armen.
Niemand ahnt, wie es dabei in seinem Herzen aussieht!
Wahrlich niemand?
Tante Agathe, welche zur Pflege ihrer geliebten Nichte gekommen,
blickte ihm oft so seltsam forschend, so wunderlich prüfend in das
fahle Angesicht.
Ahnt sie, wie es um ihn steht?
Warum nicht?
Daß seine Verhältnisse zerrüttet sind, pfeifen in der Residenz die
Spatzen vom Dache. Wie _trostlos_ sie sind, weiß man freilich noch
nicht. --
Der Tag kommt, an welchem der junge Bär von Hohen-Esp getauft werden
soll.
Auf Friedrich Karls Wunsch und zum beispiellosen Entzücken der Gräfin
hat man von jeder Festlichkeit Abstand genommen.
Im allerkleinsten Kreise, -- nur von den Eltern, Tante Agathe und dem
jungen Pastor aus dem nächsten Dorfe, bei welchem Hohen-Esp eingepfarrt
ist, wird das Kind über die heilige Taufe gehalten.
Wie schön sieht Gundula aus!
Ihre Figur ist voll, kräftig, schier königlich geworden.
Sie schreitet so hoch und stolz, so gebietend stattlich einher, wie
noch nie zuvor, und doch liegt eine Weichheit auf ihrem Angesicht, ein
Ausdruck in ihren Augen, welcher beweist, daß Gräfin Hohen-Esp in all
ihrem strahlenden Glück ein demütiges und frommes Weib geblieben. --
-- --
»Guntram Krafft« hat man den Knaben getauft, und der Prediger hat
über ihm die Hände gefaltet und gebetet, daß dieses Kind dereinst in
Wahrheit ein Schirmherr und Schutzvogt für alle sein möge, welche
unter seine starke Hand gestellt sind, daß er, ebenfalls furchtlos und
treu wie seine Ahnherren, die »Kraft«, welche ihm den Namen gibt, in
den Dienst seines Gottes und seiner Nächsten, für Fürst und Vaterland
stellen möge, daß auch er über den Inhalt seines Lebensbuches die
Devise schreiben möchte, unter welcher seine Väter Taten getan:
»Christe Kyrie --
Zu Lande und See --
Ein Schirmherr der Not --
Das walt' Herregott!«
Nie hatte Gundula geglaubt, daß ihr so sehr lebensfroher,
oberflächlicher Gatte von einer heiligen Handlung derart ergriffen sein
könne!
Auch der Prediger schaute voll warmherziger Teilnahme auf den Grafen,
welcher kaum imstande war, seine Erregung zu meistern. Und wie bleich,
wie leidend, wie nervös sah er aus! Kaum, daß er den Knaben halten
konnte, so bebten ihm die Hände.
»Du bist krank, Friedrich Karl,« flüsterte ihm Gundula besorgt zu, als
sie sich an seine Brust lehnte: »jetzt sehe ich erst, wie schlecht du
aussiehst! Fühlst du Schmerzen -- hustest du etwa?«
Er zwang sich zu einem Lachen und scherzte. »Die Geburt eines Sohnes ist
ja für den Vater jedesmal sehr angreifend, doch geht es mir, den
Umständen nach, immer noch sehr gut! Eine kleine Luftveränderung, -- die
wird alles wieder gutmachen!«
»O, so reise bald! Du siehst, dem Kinde und mir geht es so
ausgezeichnet, daß du nun um unsertwillen nicht mehr zu zögern
brauchst!«
»Ich gedachte übermorgen nach San Remo zu fahren! Möchtest du mich
nicht begleiten? Fühlst du dich wohl genug? -- Unserm Jungen macht Tante
Agathe derweil die Kur!«
Sie schüttelte das Haupt und errötete. »Undenkbar! Du vergißt, daß ich
selber die Amme unseres Lieblings bin! Auch bist du ungenierter, wenn du
auf niemand Rücksicht nehmen mußt! Also übermorgen! -- und wie lange
bleibst du?«
»Das steht bei Gott! Halt mir den Daumen, mein braves Weib, daß ich bald
frisch genug sein werde, um heimkehren zu können! Ach, Gundula, -- du
glaubst nicht, wie gern ich wieder bei euch sein möchte!«
Er sah sie nicht an bei diesen Worten, er senkte das Haupt schwer auf
die Schulter.
* * * * *
Er reiste, -- und Gundula stand droben auf dem Söller des Turmes und
blickte dem entschwindenden Wagen nach.
Sein weißes Taschentuch flatterte noch lange zurück, so lange, bis die
mächtigen Waldungen den Weg deckten.
»Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter!« zog es voll wehmütiger
Sehnsucht durch den Sinn der Gräfin, als sie hinaus in die herbstlich
stille Gegend blickte, über welcher ein kühler Seewind brauste und die
dunklen Schatten eilenden Gewölks strichen. Regentropfen fielen kalt und
schwer hernieder, und Gundula erschauerte unter ihrem kühlen Kuß.
Mit weißen Schaumkämmen grüßten die fernen Meereswogen herüber, und
welke Blätter wirbelten von den drei Linden, welche den Burghof
beschatteten, zu ihr empor.
Ein niegekanntes Gefühl unbeschreiblicher Trauer überkam Gundula, es war
ihr plötzlich zu Sinn, als könne es nie wieder licht und hell auf dieser
Welt werden, als sei die Sonne für ewige Zeiten für sie untergegangen.
Wie in jäher Angst streckte sie die Arme nach der Richtung, in welcher
der Wagen verschwunden war, aus.
»Friedrich Karl!« -- rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen --
»Friedrich Karl!«
Der Wind verwehte den Klang, -- das bunte Laub rauschte auf und fegte
raschelnd über die Fliesen.
Keine Antwort. -- Sie preßte die Hand gegen das zitternde Herz und
schüttelte jählings den Kopf.
»Was ficht mich plötzlich an? Ich bin noch nervös und schwach, da nimmt
man alles so schwer! -- Wie oft ist Friedrich Karl in den letzten Jahren
verreist, kaum daß ich seine Abwesenheit bemerkte! Und nun, wo mir sein
Ebenbild am Herzen ruht, will mich die Sehnsucht übermannen? -- Das
ziemt sich nicht für eine Bärin, die ihr Junges säugt, auf daß sie es
zum Helden mache!« -- und mit schnellem Lächeln um die erblaßten Lippen
wandte sich die junge Mutter, um hastig das Zimmer ihres Kindes zu
erreichen. Da lag der kleine Guntram Krafft in seiner wunderlichen,
uralten Wiege, in welcher wohl schon seit Jahrhunderten die Stammhalter
der Hohen-Esps dem Leben entgegenschlummerten. Aus dunkelgebräuntem,
wurmstichigem Holz lag sie plump und ungefüge auf den breiten Kufen.
Zwei kleine geschnitzte Bären ruhten auf denselben und stützten die
Bettstatt, dieweil ein großer, hölzerner Bär hinter derselben stand und
mit erhobenen Pranken die grünen Vorhänge hielt.
Blühend und kraftvoll schlummerte Guntram Krafft in den Kissen, und voll
aufquellender Zärtlichkeit neigte sich Gundula und blickte in das
Antlitz des Kindes, welches sich in leisem Weinen verzog.
Die kleinen Hände griffen unruhig in die weißen Linnen, und in jähem
Aufschluchzen öffnete er die Augen mit angstvollem Blick. Da legte sich
die kühle, ruhige Hand der Mutter auf sein Köpfchen.
»Schlaf, kleiner Bär! schlaf ein!« lächelte sie. »Fürchtest du dich,
weil dein Vater von uns ging? -- Bist drum noch nicht verlassen! Deine
Mutter hält treue Wacht bei dir!«