Und doch war es kein Traum, sondern unanfechtbare Wirklichkeit. Würde
ich es denn sonst überhaupt erzählen! Aber ich fahre fort ...
Es war schon ziemlich spät, gegen neun, als ich endlich in der Passage
anlangte. In die Menagerie konnte ich nur durch eine Hintertür gelangen,
da der Besitzer seine „Ausstellung“ offiziell bereits geschlossen hatte.
Er selbst ging in einem alten schmierigen Rock, doch dreimal zufriedener
mit sich und der Welt, in seinen Räumen umher. Man sah es ihm auf den
ersten Blick an, daß er nichts mehr befürchtete und das Publikum an
diesem Nachmittage sehr zahlreich herbeigeströmt war. Seine „Mutter“
erschien erst später auf der Bildfläche, und zwar, wie es schien, nur
deshalb, um mich im Auge zu behalten. Sie und ihr Gatte steckten oft die
Köpfe zusammen und tuschelten geschäftig. Obschon die „Ausstellung“
geschlossen war, verlangte er von mir doch noch die üblichen
fünfundzwanzig Kopeken. Gott, nichts ist schrecklicher als übertriebene
Akkuratesse!
„Sie werden jedesmal zahlen, wenn Sie kommen. Das übrige Publikum zahlt
jetzt einen Rubel pro Person, von Ihnen aber nehme ich nur
fünfundzwanzig Kopeken, denn Sie sind ein guter Freund Ihres guten
Freundes und Freundschaft respektiere ich ...“
„Lebt er, lebt er noch, mein Freund?“ rief ich laut, indem ich den
Deutschen stehen ließ und zum Krokodil eilte. Im geheimen hoffte ich,
daß mein lauter Ruf bis zu meinem Freunde dringen und seiner Eigenliebe
schmeicheln würde.
Ich hatte mich nicht getäuscht.
„Er lebt und ist gesund,“ tönte es sogleich wie aus der Tiefe des Raumes
zurück, oder wie unter einem Kissen hervor, obwohl ich fast schon beim
Krokodil angelangt war. „Er lebt und ist gesund, doch davon später ...
Wie steht es?“
Ich tat, als hätte ich die Frage nicht gehört und begann ihn eilig und
teilnahmsvoll mit meinen Fragen zu überschütten: wie er sich fühle, wie
es denn dort im Krokodil aussehe und was dort im Magen noch außer
ihm sei? – wie es die gewöhnliche Höflichkeit und jedes
Freundschaftsverhältnis verlangt. Doch ärgerlich und eigensinnig
unterbrach er mich.
„Wie es steht?“ schrie er kreischend, wie ein geärgerter heiserer
Kommandant, so daß er mir im Augenblick sehr unsympathisch war. Übrigens
hatte er sich mir gegenüber oft genug diesen Befehlshaberton erlaubt.
Ich unterdrückte meinen Groll und erzählte ihm mit allen Details, was
Timofei Ssemjonytsch gesagt hatte. Übrigens bemühte ich mich doch, durch
den Tonfall meiner Stimme zu verstehen zu geben, daß ich mich gekränkt
fühlte.
„Der Alte hat recht,“ entschied Iwan Matwejewitsch kategorisch, wie er
gewöhnlich mit mir zu sprechen pflegte. „Liebe praktische Menschen und
kann sentimentale Memmen nicht ausstehen. Bin aber bereit, zuzugeben,
daß auch deine Idee, mich hierher abkommandieren zu lassen, nicht ganz
barer Unsinn ist. Vermag allerdings vieles mitzuteilen, das sowohl
wissenschaftlich wie sittlich neu ist. Doch jetzt nimmt das alles eine
andere, ganz unerwartete Wendung und da lohnt es sich nicht wegen des
Gehalts zu streiten. Höre aufmerksam zu. Sitzt du?“
„Nein, ich stehe.“
„Setz’ dich auf irgend etwas, meinetwegen auf den Fußboden, und höre
aufmerksam zu.“
Wütend nahm ich einen Stuhl und stellte ihn so nachdrücklich hin, daß
die Beine laut aufschlugen.
„Höre,“ hub er im Befehlshaberton an, „Publikum hat es heute eine
Unmenge gegeben. Gegen Abend konnte der Raum die Menschen gar nicht
fassen, die eintreten wollten. Der Ordnung halber erschien die Polizei.
Gegen acht Uhr, also früher als sonst, schloß der Deutsche die
Ausstellung, erstens um das viele Geld zu zählen und zweitens, um sich
besser für morgen vorbereiten zu können. Morgen wird es hier ein ganzer
Jahrmarkt werden. Es ist also anzunehmen, daß mit der Zeit alle
gebildeten Leute unserer Hauptstadt, alle Damen der vornehmen
Gesellschaft, alle Gesandten und Botschafter, Legationsräte, Assessoren
und Juristen sich hier einfinden werden. Und nicht nur das: man wird aus
allen Provinzen unseres großen, neugierigen Reiches herkommen, um das
Wunder anzustaunen. Daraus ergibt sich, daß ich, obgleich persönlich
unsichtbar, doch die erste Rolle spielen werde. Werde die müßige Masse
belehren, werde, selbst belehrt durch eigene Erfahrung, mich als
Beispiel der Demut vor dem Schicksal hinstellen! Werde, um im Bilde zu
reden, ein Katheder sein, von dem herab ich die Menschheit unterweise.
Schon allein die naturwissenschaftlichen Aufschlüsse, die ich über das
von mir bewohnte Tier geben kann, sind unendlich wertvoll. Und deshalb
murre ich nicht nur nicht wider jenen Zufall, der mich hierherbefördert
hat, sondern hoffe, dank diesem Zufall, die glänzendste Karriere zu
machen.“
„Wenn’s nur nicht langweilig wird,“ bemerkte ich trocken.
Am meisten ärgerte mich, daß er, wenn er von sich sprach, das
persönliche Fürwort überhaupt nicht mehr gebrauchte, – so voll war er
von sich! Nichtsdestoweniger machte mich dieser Ton doch stutzig. „Was
bildet sich dieser dumme Kerl eigentlich ein!“ fragte ich mich geradezu
empört. „Weinen müßte er, aber nicht noch großtun!“
„Nein, das wird es nicht!“ antwortete er schroff auf meine Bemerkung,
„denn ich bin durchdrungen von großen Ideen. Kann erst jetzt zum
erstenmal in Muße über die Verbesserung der Lebensbedingungen der
Menschheit nachdenken. Aus diesem Krokodil soll fortan die Wahrheit und
das Licht hervorgehen! Werde unfehlbar eine neue, meine eigene Theorie
für die ökonomischen Verhältnisse erfinden und stolz auf sie sein können
– was mir bisher infolge des Bureaudienstes und der flachen weltlichen
Zerstreuungen nicht möglich war. Werde alles widerlegen, werde meine
Gegenbeweise vorbringen und ein neuer Charles Fourier werden. Hast du
Timofei Ssemjonytsch die sieben Rubel gegeben?“
„Ja, aus meiner Tasche,“ antwortete ich, und zwar so, daß allein schon
der Ton meiner Stimme sagte, daß ich seine Schuld aus meiner Tasche
bezahlt hatte.
„Das wird dir bezahlt werden,“ sagte er hochmütig. „Erwarte unbedingt
eine Gehaltserhöhung, denn wem sollte man sonst eine zusprechen, wenn
nicht mir? Ich bringe jetzt unendlichen Nutzen. Doch zur Sache. – Meine
Frau?“
„Du willst dich wohl nach dem Befinden Jelena Iwanownas erkundigen?“
„Meine Frau?!“ schrie er gerader wie ein altes Weib.
Da war natürlich nichts zu machen. Gehorsam, doch innerlich knirschend
erzählte ich, wie ich Jelena Iwanowna nach Hause begleitet und verlassen
hatte. Er unterbrach mich jedoch, noch bevor ich zu Ende erzählt hatte.
„Ich habe besondere Absichten mit ihr,“ sagte er gereizt. „Werde ich
_hier_ berühmt, nun, so will ich, daß sie _dort_ berühmt werde. Alle
Gelehrten, Dichter, Philosophen, Zoologen, ausländische wie inländische,
alle Staatsmänner werden, nach ihrer Unterhaltung mit mir am Vormittage,
am Abend in ihrem Salon erscheinen. In der nächsten Woche muß sie jeden
Abend bei sich empfangen. Mein verdoppeltes Gehalt wird ihr die Mittel
geben, die Kosten zu bestreiten, und da sich so etwas sehr gut nur mit
Tee und Lohndienern machen läßt, so brauchen wir über den Kostenpunkt
weiter kein Wort zu verlieren. Hier wie dort wird man nur von mir reden.
Habe mich lange nach einer Gelegenheit gesehnt, die von mir reden machen
könnte, doch blieb mir die Erfüllung dieses Wunsches versagt, da ich
durch meinen Rang und meine Bedeutung gebunden war. Jetzt ist alles dank
dem einen ingeniösen Einfall des Krokodils ohne weiteres erreicht. Jedes
meiner Worte wird jetzt niedergeschrieben, jeder Ausspruch erörtert,
weitergegeben, gedruckt werden. Werde mich ihnen offenbaren! Sie werden
begreifen, welche Fähigkeiten sie im Eingeweide eines Krokodils fast
haben umkommen lassen. ‚Dieser Mann könnte ein Minister sein und ein
ganzes Königreich regieren!‘ werden sie sagen. Inwiefern, sag’ doch
selbst, inwiefern bin ich schlechter als irgend solch ein Garnier-Pagès
oder wie sie da heißen? Meine Frau muß ein Pendant zu mir sein:
ich glänze durch meinen Verstand – sie durch Schönheit und
Liebenswürdigkeit. ‚Sie ist entzückend, deshalb ist sie seine Frau,‘
werden die einen sagen. ‚Sie ist entzückend, _weil sie seine Frau ist_,‘
werden die anderen den Ausspruch verbessern. Jedenfalls sage ihr, daß
sie sich sogleich morgen das enzyklopädische Lexikon kaufen soll, das
von Andrei Krajewskij herausgegeben worden ist, um über alles reden zu
können. Doch soll sie vor allen Dingen stets den Leitartikler in den
‚St. Petersburger Nachrichten‘ lesen und täglich mit dem Leitartikel des
‚Woloß‘ vergleichen. Nehme an, daß der Besitzer einwilligen wird, mich
bisweilen mit dem Krokodil in den Salon meiner Frau zu bringen. Werde
dann auf dem Boden dieses Blechkastens mitten im glänzenden Salon stehen
und mit Bonmots, die ich mir schon vom Morgen an zurechtlegen kann, nur
so um mich werfen. Dem Staatsmanne werde ich meine Projekte vorlegen;
mit dem Dichter werde ich nur in Reimen reden; mit den Damen werde ich
unterhaltend und amüsant sein, – da ich ja jetzt für ihre Männer ganz
ungefährlich bin. Allen übrigen werde ich als Vorbild dienen, als
Beispiel demutvoller Ergebung und Unterordnung meines Willens unter
denjenigen der Vorsehung. Meine Frau werde ich zu einer glänzenden
literarischen Erscheinung machen, ich werde sie hervorheben und dem
Publikum erklären; als meine Frau muß sie die größten Vorzüge haben, und
wenn man mit Recht Andrei Alexandrowitsch unseren Alfred de Musset
nennt, so wird man sie mit noch größerem Recht unsere Eugenie Tour
nennen.“
Offen gestanden, mir kam der Gedanke, daß mein Iwan Matwejewitsch,
obschon dieser ganze Unsinn an den ehemaligen Iwan Matwejewitsch
erinnerte, zur Zeit, wenn auch nicht gerade unheilbar erkrankt war, so
doch hohes Fieber haben mußte und demzufolge phantasierte. Im Grunde war
es ja ganz derselbe alltägliche Iwan Matwejewitsch, nur – wie soll ich
sagen? – etwa durch ein zwanzigfaches Vergrößerungsglas gesehen.
„Mein Freund,“ begann ich möglichst sanft, „hoffst du, bei diesem Leben
ein hohes Alter zu erreichen? Und überhaupt, sage doch: bist du gesund?
Was ißt du, wie schläfst du, wie atmest du? Ich bin dein Freund, und du
wirst doch zugeben, daß dieser Fall gar zu übernatürlich ist, um mein
Interesse nicht natürlich erscheinen zu lassen.“
„Es ist nur müßige Neugier von dir und nichts weiter,“ widersprach er
ärgerlich. „Doch ich will sie trotzdem befriedigen. Du fragst, wie ich
mich hier im Leibe des Krokodils eingerichtet habe? Erstens hat sich das
Krokodil zu meiner Überraschung als etwas vollkommen Leeres erwiesen.
Sein Inneres besteht gleichsam aus einem großen leeren Sack, der an jene
Gummigegenstände erinnert, die man in den Schaufenstern der großen
Kaufläden an der Morskaja, Gorochowaja und, wenn ich nicht irre, auch
auf dem Wosnessenskij Prospekt ausgestellt sieht. Denn – sage es dir
doch selbst – wie könnte ich mich sonst hier aufhalten?“
„Ist’s möglich!“ rief ich in begreiflicher Verwunderung aus. „Ist das
Krokodil wirklich ganz leer?“
„Vollkommen leer,“ bestätigte Iwan Matwejewitsch streng und
nachdrücklich. „Und aller Wahrscheinlichkeit nach ist es das gemäß den
Gesetzen seiner Natur. Das Krokodil setzt sich zusammen aus einem großen
Rachen, der mit scharfen Zähnen versehen ist, und außerdem einem langen
Schwanze, – und das ist das ganze Krokodil, genau genommen. In der Mitte
aber zwischen diesen zwei Extremitäten ist ein leerer Raum, der von
einer kautschukartigen Masse umfaßt wird – wahrscheinlich ist es
wirklicher Kautschuk ...“
„Aber die Rippen, der Magen, die Gedärme, die Leber, das Herz?“
unterbrach ich ihn fast persönlich gekränkt.
„Davon gibt’s hier n–_nichts_, absolut nichts, und aller
Wahrscheinlichkeit nach hat’s davon auch niemals etwas hier gegeben.
Alles das ist nur eine freie Erfindung der müßigen Phantasie
leichtsinniger Reisender. Wie man ein aus Gummi hergestelltes Sitzkissen
aufbläst, so kann ich jetzt mein Krokodil aufblasen. Sein Inneres ist
bis zur Unglaublichkeit dehnbar. Selbst du könntest noch als Hausfreund
hier Platz finden, wenn du so großmütig wärest, mir Gesellschaft leisten
zu wollen. Ich habe sogar daran gedacht, im äußersten Fall Jelena
Iwanowna hierher zu beordern. Übrigens stimmt diese leere Beschaffenheit
des Krokodils vollkommen mit den wissenschaftlichen Angaben überein.
Denn, nehmen wir zum Beispiel an, daß dir der Auftrag zuteil würde, ein
neues Krokodil zu schaffen, so würde sich vor dir doch unwillkürlich die
Frage erheben: welches ist der Lebenszweck eines Krokodils? Die Antwort
liegt auf der Hand: Menschen zu verschlingen. – Wie nun das Innere des
Krokodils zweckmäßig schaffen, damit es ohne eigene Lebensgefahr
Menschen verschlingen kann? Auf diese Frage ist die Antwort noch
leichter: man läßt es – leer sein. Wie du weißt, hat die Physik
bewiesen, daß die Natur keine Leere duldet. Infolgedessen wird durch
diese Leere, die die Natur nicht duldet, die Funktion des Krokodils
hervorgerufen, denn die Leere, die erwiesenermaßen nicht leer bleiben
kann, muß sich nach dem einfachen Gesetz der Natur füllen, und folglich
greift sie ganz naturgemäß nach allem, was sich in ihrem Bereich
befindet. Damit hast du den Grund, weshalb alle Krokodile Menschen
verschlingen. Das ist das Gesetz von der funktionierenden Leere. Doch
gilt es selbstverständlich nicht für alle Lebewesen. Ganz anders ist zum
Beispiel der Mensch beschaffen: je leerer zum Beispiel der Kopf eines
Menschen ist, um so weniger hat er das Bedürfnis, sich zu füllen, doch
ist das wiederum nur als eine Ausnahme aus der allgemeinen Regel zu
betrachten. Alles dieses ist mir jetzt so klar wie der Tag, und alles,
was ich dir hier sage, hat mir mein eigener Verstand erschlossen, durch
eigene Anschauung, während ich mich im Eingeweide der Natur selbst
befand, an der Quelle ihrer Geheimnisse, kann sagen, ihrem Pulsschlag
lauschend. Sogar die Ethymologie stimmt mit mir überein, denn allein
schon der Name des Tieres bedeutet Gesprächigkeit. Krokodil – Crocodillo
– ist zweifellos ein italienisches Wort, das vielleicht aus der Zeit
stammt, in der in Ägypten die alten Pharaonen herrschten, ein Wort, das
offenbar das französische Wort ^croquer^ zur Wurzel hat. Was ich dir
soeben gesagt habe, gedenke ich als erste Lektion zu lesen, vor dem
Publikum, versteht sich, das sich in Jelena Iwanownas Salon versammeln
wird, wenn man mich in diesem Kasten hinbringt.“
„Lieber Freund, sag’ mal, würdest du nicht irgend eine erleichternde
Arznei einnehmen wollen?“ fragte ich unwillkürlich. „Er hat Fieber, er
fiebert, er muß hochgradiges Fieber haben!“ dachte ich angstvoll.
„Unsinn!“ sagte er verächtlich. „Und außerdem wäre eine Purganz in
meinem gegenwärtigen Logis nicht ganz angebracht. Übrigens konnte ich es
mir denken, daß du unfehlbar mit so etwas kommen würdest.“
„Aber, Freund, wie ... wie wirst du denn jetzt überhaupt etwas zu dir
nehmen? Hast du heute zu Mittag gespeist?“
„Nein, das nicht, aber ich bin vollkommen satt und werde
höchstwahrscheinlich überhaupt nichts mehr genießen. Doch auch dieses
ist durchaus erklärlich: indem ich das ganze Innere des Krokodils
erfülle, mache ich es auf ewig satt. Jetzt braucht man es jahrelang
nicht zu füttern. Und andererseits: indem das Krokodil durch mich satt
ist, gibt es wiederum mir alle Lebenssäfte aus seinem Körper. Das ist
ungefähr dieselbe Ernährungsmethode, die raffinierte Schönheiten
anwenden, wenn sie zur Nacht ihren ganzen Körper mit rohen Koteletts
bedecken, und dann am nächsten Morgen nach einem duftenden Bade wieder
frisch, kräftig, geschmeidig und verführerisch sind. So erhalte ich,
indem ich das Krokodil ernähre, von ihm alle Nahrungssäfte zurück,
folglich ernähren wir uns gegenseitig. Da es aber selbst einem Krokodil
schwer fallen dürfte, einen Menschen von meiner Konstitution zu
verdauen, so ist anzunehmen, daß es eine gewisse Schwere im Magen
empfindet – obwohl es keinen Magen hat. Doch das tut nichts zur Sache.
Deshalb bewege ich mich hier so wenig als möglich, obschon mich nichts
hindern würde, doch unterlasse ich es einfach aus Humanität. Diese
geringe Bewegungsmöglichkeit wäre das einzige, was ich an meinem
gegenwärtigen Zustande auszusetzen hätte, und im allegorischen Sinne hat
Timofei Ssemjonytsch durchaus recht, wenn er sagt, ich läge auf der
Bärenhaut. Ich werde aber beweisen, daß man auch liegend das Schicksal
der Menschheit umstürzen kann. Alle großen Ideen und alle neuen
Tendenzen unserer Zeitungen und Zeitschriften stammen augenscheinlich
von Leuten, die auf der Bärenhaut liegen; das ist auch der Grund,
weshalb man sie Kabinettideen nennt ... Doch übrigens – gleichviel wie
man sie nennt! Ich werde jetzt ein ganz spezielles System erfinden, – du
ahnst nicht, wie leicht das ist! Man braucht sich nur irgendwohin in die
Einsamkeit zurückzuziehen oder auch in ein Krokodil hineinzugeraten, die
Augen zu schließen, und im Nu hat man ein ganzes Paradies für die
Menschheit erfunden. Vorhin, als ihr mich verließt, machte ich mich
sogleich daran, zu erfinden, und an diesem einen Nachmittage habe ich
ganze drei Systeme erfunden und soeben bin ich beim vierten. Es ist
wahr, zuerst muß man alles Bestehende verwerfen, man muß einfach alles
umstürzen; aber aus dem Krokodil heraus ist das so leicht; ja aus dem
Krokodil gesehen wird alles gleichsam sichtbarer ... Übrigens gibt es
hier doch noch einiges zu bemängeln, freilich nur Nebensächliches: es
ist hier zum Beispiel etwas feucht und wie mit Schleim bedeckt und
außerdem riecht es nach Gummi, ganz genau so wie meine alten Galoschen
vom vorigen Jahr. Aber das ist auch alles, was es hier zu bemängeln gibt
...“
„Iwan Matwejewitsch,“ unterbrach ich ihn, „was du da redest, erscheint
mir so wunderlich, daß ich kaum meinen Ohren traue. Aber sage mir doch
wenigstens das eine: hast du wirklich die Absicht, überhaupt nicht mehr
zu essen?“
„Du oberflächlicher, müßiger Mensch, um was du dich sorgst! Ich rede von
großen Ideen, du aber ... So höre denn, daß mich die großen Ideen
sättigen und die Nacht, die mich umgibt, taghell erleuchten. Übrigens
hat der gutmütige Deutsche, der Eigentümer des Krokodils, sich mit
seiner herzensguten Mutter beraten und da haben sie beide beschlossen,
mir jeden Morgen durch den Rachen des Krokodils ein gebogenes
Metallröhrchen zuzustecken, damit ich durch dasselbe Kaffee, Tee oder
Bouillon mit aufgeweichtem Zwieback genießen könne. Die Röhre ist
bereits bestellt, gleichfalls bei einem Deutschen hier in der
Nachbarschaft, doch ist sie, glaube ich, nur unnützer Luxus. Zu leben
aber hoffe ich mindestens tausend Jahre, wenn es wahr ist, daß ein
Krokodil so lange leben kann ... Jawohl! gut, daß ich das nicht
vergessen habe: sieh doch morgen in einer Naturgeschichte nach und teile
mir dann mit, wie lange ein Krokodil lebt, denn es ist möglich, daß ich
es mit irgend einem anderen vorsintflutlichen Tiere verwechsle. Nur
eines erregt mein Bedenken: wie du weißt, bin ich angekleidet und zwar
ist mein Anzug aus russischem Tuch und an den Füßen habe ich Stiefel,
daher kann das Krokodil mich offenbar nicht verdauen. Hinzu kommt, daß
ich lebendig bin, mich deshalb der Verdauung mit meiner ganzen
Willenskraft widersetze, denn begreiflicherweise will ich mich nicht in
das verwandeln, in was sich schließlich jede Speise verwandelt, da ein
solches Ende gar zu erniedrigend für mich wäre. Nun fürchte ich aber,
daß der Stoff meines Anzuges einer tausendjährigen Frist nicht
standhalten wird; er kann, als minderwertige russische Ware, früher
verwesen und dann würde ich ohne diesen äußeren Schutz trotz meines
ganzen Unwillens oder Willens, vielleicht doch verdaut werden, denn wenn
ich es auch tagsüber unter keiner Bedingung zulassen werde, so kann mich
doch in der Nacht, wenn der Wille mich im Schlaf verläßt, das
gewöhnliche Schicksal einer genossenen Kartoffel oder Fleischpastete
ereilen. Diese Möglichkeit, oder auch nur der bloße Gedanke an diese
Möglichkeit macht mich rasend. Allein schon aus diesem Grunde müßte man
den Zolltarif ändern und den Import englischer Stoffe begünstigen, denn
da sie fester sind, würden sie den zersetzenden Einflüssen der Natur
länger Widerstand bieten, falls jemand in einem solchen Anzug in ein
Krokodil hineingerät. Jedenfalls werde ich mein diesbezügliches Projekt
bei nächster Gelegenheit einem Staatsmanne vorlegen und gleichzeitig
auch den Berichterstattern unserer Tageszeitungen. Mögen sie es
erörtern! Hoffe aber, daß sie nicht nur diese Idee von mir annehmen
werden. Ich sehe voraus, daß jeden Morgen eine ganze Schar dieser Leute
sich um mich drängen wird, um diesen Blechkasten, um meine Beurteilungen
der neuesten Telegramme zu vernehmen und jedes Wort, das ich fallen
lasse, gierig zu erhaschen. Mit einem Wort – ich sehe die Zukunft im
rosigsten Licht ...“
„Delirium, Delirium!“ dachte ich bei mir.
„Freund, aber die Freiheit?“ fragte ich, um seine Ansichten kennen zu
lernen. „Du bist doch jetzt geradezu ein Gefangener in einem dunklen
Verließ, während der wahre Mensch sich der Freiheit erfreuen soll.“
„Du bist dumm,“ war seine, für mich etwas unerwartete Antwort. „Nur die
Wilden lieben Unabhängigkeit, weise Leute lieben dagegen Ordnung, wenn
es aber keine Ordnung gibt ...“
„Iwan Matwejewitsch!“ rief ich aus.
„Schweig’ und höre!“ kreischte er, ärgerlich darüber, daß ich ihn
unterbrochen hatte. „Noch niemals hat sich mein Geist so hoch
emporgeschwungen wie jetzt. In meiner engen Wohnung fürchte ich
augenblicklich nur – die literarische Kritik unserer dicken
Tageszeitungen und den Spott unserer satirischen Blätter. Ich fürchte,
daß die leichtsinnigen Elemente unter den Besuchern der Ausstellung, die
Dummköpfe und Neider und überhaupt die Nihilisten, mich werden
lächerlich machen wollen. Doch ich werde Maßregeln zu ergreifen wissen.
Erwarte nur mit Ungeduld die Meinungsäußerungen des Publikums, doch
hauptsächlich – die Besprechungen der Zeitungen. Bringe morgen alle
Zeitungen mit, wenn du kommst!“
„Gut, ich werde einen ganzen Stoß mitbringen.“
„Eigentlich ist es aber noch zu früh, morgen schon Besprechungen zu
erwarten, gewöhnlich werden bei uns Neuigkeiten erst nach vier Tagen
besprochen. Doch von nun an komme jeden Abend durch den Hofeingang zu
mir, denn ich beabsichtige, dich als meinen Sekretär zu benutzen. Du
wirst mir die Zeitungen vorlesen und ich werde dir meine Gedanken
diktieren und Aufträge geben. Vor allen Dingen aber vergiß nicht die
neuesten Telegramme. Daß du mir jeden Tag die letzten europäischen
Drahtnachrichten bringst! Doch nun genug: du wirst jetzt schlafen
wollen. Geh also nach Hause und denke darüber nach, was ich dir soeben
über die Kritik gesagt habe: ich fürchte sie nicht, denn sie befindet
sich selbst in einer kritischen Lage. Man braucht nur weise und
tugendhaft zu sein und man wird unfehlbar auf ein Piedestal gehoben.
Wenn nicht ein Sokrates, dann ein Diogenes, oder dieser und jener
zugleich – das wird meine zukünftige Rolle in der Menschheit sein.“
So leichtsinnig und aufdringlich – bei Gott, er mußte hohes Fieber
haben! – beeilte sich mein Freund Iwan Matwejewitsch, mich seine
Ansichten wissen zu lassen, jenen charakterschwachen alten Frauenzimmern
nicht unähnlich, von denen behauptet wird, daß sie kein Geheimnis
bewahren können. Ich aber muß gestehen, daß mir alles, was er da von der
inneren Beschaffenheit des Krokodils gesagt hatte, äußerst verdächtig
erschien. Wie war es möglich, daß ein Krokodil keinen Magen, kein Herz,
keine Lungen hatte? Ich könnte wetten, daß er alles das einzig aus
Prahlerei frei erfunden hatte, zum Teil vielleicht auch nur, um mich zu
kränken, zu erniedrigen. Freilich war er krank, und zu einem Kranken muß
man gut sein, doch wenn ich anstatt gut offen sein will, so muß ich
sagen, daß ich meinen Freund Iwan Matwejewitsch niemals habe ausstehen
können. Mein ganzes Leben hindurch, von Kindheit an, habe ich mich von
seiner Vormundschaft nicht befreien können. Tausendmal wollte ich ihm
den Laufpaß geben, doch immer wieder zog es mich zu ihm, als hätte ich
im geheimen immer noch gehofft, ihm irgend etwas beweisen oder irgend
etwas heimzahlen zu können. Ein wunderliches Ding war diese
Freundschaft! Ich kann ganz ehrlich sagen, daß meine Freundschaft zu
neun Zehnteln aus Wut bestand.
Doch an jenem Abend verabschiedeten wir uns fast gefühlvoll.
„Ihr Freund ist ein sehr kluger Mensch!“ sagte mir halblaut der
Deutsche, als er sich zu mir gesellte, um mich hinauszugeleiten. Er
hatte die ganze Zeit aufmerksam unserem Gespräch zugehört.
„Apropos!“ unterbrach ich ihn, „damit ich es nicht vergesse: wieviel
würden Sie für Ihr Krokodil verlangen, im Fall man es von Ihnen kaufen
wollte?“
Iwan Matwejewitsch, der meine Frage gehört haben mußte, schien mit
besonderer Spannung auf die Antwort zu warten. Offenbar wollte er nicht,
daß der Deutsche wenig für dasselbe verlange; jedenfalls vernahmen wir
nach meiner Frage ein eigentümliches Räuspern, das entfernt an ein
Grunzen erinnerte.
Zuerst wollte der Deutsche überhaupt nichts davon hören, ja er wurde
sogar ärgerlich.
„Niemand darf mein Eigentum ohne meine Einwilligung kaufen!“ schrie er,
im Jähzorn rot wie ein gekochter Krebs. „Ich will mein Krokodil
überhaupt nicht verkaufen! Geben Sie mir eine Million Taler – ich
verkauf’ es nicht! Ich habe heute hundertunddreißig Taler vom Publikum
eingenommen und morgen werde ich zehntausend Taler einnehmen und dann
hunderttausend Taler Tag für Tag! Nein! Ich will es überhaupt nicht
verkaufen!“
Iwan Matwejewitsch begann zu lachen vor Vergnügen.
Ich bezwang mich nach Möglichkeit und bat den übergeschnappten Deutschen
scheinbar ganz kaltblütig, sich die Sache zu überlegen, zumal seine
Berechnungen meiner Meinung nach nicht genügend mit der Wirklichkeit
übereinstimmten, daß zum Beispiel wenn er hunderttausend täglich
einnähme, in vier Tagen ganz Petersburg bei ihm gewesen sein müsse, und
damit wäre dann die Einnahmequelle versiegt. Und außerdem stehe unser
aller Leben und Tod in Gottes Hand, das Krokodil könne vielleicht doch
noch irgendwie platzen oder Iwan Matwejewitsch erkranken und sogar
sterben usw. usw.
Der Deutsche wurde nachdenklich.
„Ich werde ihm Tropfen aus der Apotheke geben,“ meinte er dann
schließlich nach reiflicher Überlegung, „dann wird er nicht sterben.“
„Tropfen hin, Tropfen her,“ meinte ich, „aber haben Sie auch das in
Erwägung gezogen, daß Sie es mit der Polizei und dem Gericht zu tun
bekommen können? Die Gattin Iwan Matwejewitschs kann zum Beispiel ihren
gesetzmäßig ihr angetrauten Gatten zurückverlangen. Sie haben nun die
Absicht, reich zu werden, haben Sie aber auch die Absicht, seiner Frau
eine Entschädigung, etwa eine Pension zu zahlen?“
„Nein, die habe ich nicht!“ antwortete streng und entschlossen der
Deutsche.
„Nein, die haben wir nicht!“ bestätigte sogar mit merklicher Bosheit die
Mutter.
„Nun denn – wäre es für Sie da nicht ratsamer, jetzt sogleich und mit
einemmal eine zwar geringere, doch dafür sichere Summe zu empfangen, als
sich der Ungewißheit anzuvertrauen? Übrigens erachte ich es als meine
Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie nur aus persönlicher Neugier
frage.“
Der Deutsche nahm seine Mutter beiseite und begab sich mit ihr in den
fernsten Winkel, wo ein Käfig mit dem größten und widerlichsten aller
Affen stand, um sich dort flüsternd mit ihr zu beraten.
„Du wirst sehen!“ sagte Iwan Matwejewitsch in vielsagendem Tone zu mir.
Was mich betrifft, so muß ich sagen, daß ich ein unbändiges Verlangen
verspürte, erstens den Deutschen gründlich zu verprügeln, zweitens, noch
gründlicher seine Frau; und drittens – am gründlichsten und
schmerzhaftesten meinen Freund Iwan Matwejewitsch selbst wegen seiner
unverschämten Eigenliebe. Doch alles das war noch nichts im Vergleich zu
der Antwort des habgierigen Deutschen.
Der verlangte, nachdem er sich genugsam mit seiner besseren Hälfte
beraten, für sein Krokodil fünfzigtausend Rubel, zahlbar in Papieren der
jüngsten inneren Anleihe, außerdem ein steinernes Haus an der
Gorochowaja, und zwar eines mit einer dazugehörigen Apotheke, und
außerdem noch den Rang eines russischen Obersten.
„Siehst du!“ triumphierte Iwan Matwejewitsch, „ich sagte es dir!
Ausgenommen den letzten unbegründeten Wunsch, hat er vollkommen recht,
denn wie du siehst, versteht er den Wert seines Eigentums richtig zu
schätzen. Das ökonomische Prinzip geht allem voran!“
„Aber so sagen Sie doch,“ rief ich zornig dem Deutschen zu, „so sagen
Sie mir doch, wozu Sie den Rang und Titel eines Obersten brauchen? Was
für eine Heldentat haben Sie denn ausgeführt, wenn man fragen darf,
welch einen Dienst Rußland erwiesen, welchen Ruhm sich auf dem
Schlachtfelde erworben? Sind Sie nach alledem nicht einfach verrückt?“
„Ich – verrückt?“ rief der Deutsche mit gekränkter Würde aus. „Nein,
nicht verrückt, sondern sehr vernünftig, Sie aber sind das Gegenteil!
Ich habe den Rang eines Obersten verdient, weil ich ein Krokodil zeigen
kann, in dem ein lebendiger Hofrat sitzt, ein Russe aber kann ein
solches Krokodil, das mit einem lebendigen Hofrat gefüllt ist, der Welt
nicht zeigen! Ich bin ein sehr kluger Mensch und deshalb will ich ein
Oberst sein!“
„Leb wohl, Iwan Matwejewitsch!“ rief ich zornbebend meinem Freunde zu
und eilte aus dem Ausstellungsraum.
Ich fühlte, daß meine Selbstbeherrschung nur noch an einem Haar hing.
Die hirnverbrannten Hoffnungen dieser beiden Dummköpfe konnten einen aus
der Haut bringen! Doch die kalte Abendluft erfrischte mich wohltuend und
meine Empörung legte sich. Ich spie schließlich aus, rief energisch eine
Droschke heran, fuhr nach Haus, kleidete mich aus und ging zu Bett. Am
meisten ärgerte mich, daß ich gewissermaßen eingewilligt hatte, sein
Sekretär zu sein. Jetzt konnte ich mich dort allabendlich langweilen und
mich noch über das erhebende Gefühl, nur die Pflicht eines aufrichtigen
Freundes zu erfüllen, freuen! Ich hätte mich selbst prügeln mögen vor
Ärger über mich, und in der Tat: nachdem ich schon das Licht ausgelöscht
und mich zugedeckt hatte, schlug ich mir mehrmals mit der Faust auf den
Kopf und noch auf andere Teile meines Körpers. Dieses verschaffte mir
bedeutende Erleichterung und endlich schlief ich ein, schlief sogar
ziemlich fest, denn ich war sehr müde. Im Traum sah ich unendlich viele
Affen, die alle wild umhersprangen, gegen Morgen aber träumte mir von
Jelena Iwanowna ...