Die Affen hatten mich, wie ich zu erraten glaube, nur deshalb im Traum
belästigt, weil ich sie tags zuvor im Käfig beim Krokodilbesitzer
gesehen hatte; doch Jelena Iwanowna war ein besonderes Kapitel.
Ich will es nicht mehr verheimlichen: ich liebte diese Dame; doch ich
beeile mich, einem Mißverständnis vorzubeugen: ich liebte sie wie ein
Vater, nicht mehr und nicht weniger. Daß ich sie liebte – ersehe ich
daraus, daß ich oft genug Lust verspürt habe, ihr Köpfchen zu küssen
oder ihre zarten rosa Wangen. Und obschon ich das nie getan habe, so
hätte ich doch – wenn man einmal alles beichten soll! – ganz sicherlich
mich nicht geweigert, sie sogar fest auf die Lippen zu küssen. Denn ihre
Lippen waren gar zu süß und verstanden es vorzüglich, die Zähnchen
bloßzulegen, die dann, wie zwei Reihen ausgesuchter Perlen, zwischen dem
Rot der Lippen schimmerten, wenn sie lachte. Und sie lachte sehr oft.
Iwan Matwejewitsch nannte sie bisweilen liebkosend seine „liebe süße
Absurdität“ – was man als eine durchaus gerechte und charakteristische
Benennung bezeichnen muß. Sie war ein Bonbon und nichts weiter. Deshalb
blieb es mir auch unerklärlich, weshalb nun dieser selbe Iwan
Matwejewitsch in seiner Frau plötzlich eine russische Eugenie Tour zu
sehen begann. Doch wie dem nun sein mochte, jedenfalls hinterließ mein
Traum – abgesehen von den Affen – den angenehmsten Eindruck in mir, und
so beschloß ich, während ich bei meinem Morgenkaffee die Erlebnisse des
letzten Tages gedankenvoll an mir vorüberziehen ließ, auf dem Wege in
die Kanzlei bei Jelena Iwanowna vorzusprechen, was ja übrigens in meiner
Eigenschaft als Hausfreund auch meine Pflicht war.
In dem kleinen Zimmer vor dem ehelichen Schlafgemach, das von ihnen „der
kleine Salon“ genannt wurde, obwohl auch der große Salon nur ein kleines
Zimmer war, saß auf einer kleinen Chaiselongue vor einem kleinen
Teetischchen in einem duftig-luftigen Negligee Jelena Iwanowna und trank
aus einem kleinen Täßchen, in das sie ein kleines Biskuitplätzchen
bröckelte, ihren Morgenkaffee. Sie war verführerisch anzusehen, doch
schien sie mir etwas nachdenklich gestimmt zu sein.
„Ach, Sie sind es, Sie Ungezogener!“ empfing sie mich mit zerstreutem
Lächeln. „Setzen Sie sich, trinken Sie ein Täßchen. Nun, wo waren Sie
gestern? Wie haben Sie den Abend verbracht? Waren Sie auf dem
Maskenball?“
„Waren _Sie_ denn gestern auf dem Maskenball? ... Ich ... ich pflege
keine Bälle zu besuchen ... zudem habe ich den Abend bei unserem
Gefangenen verbracht ...“
Ich seufzte und empfing mit betrübter Miene das Täßchen.
„Wo? ... Bei wem? Bei welch einem Gefangenen? ... Ach, so! ... Ja, der
Arme! ... Nun, was tut er – langweilt er sich? Aber wissen Sie ... ich
wollte Sie etwas fragen ... Sagen Sie, ich kann doch jetzt eine
Scheidung verlangen?“
„Scheidung?!“ Mir wäre die Tasse fast aus der Hand gefallen. „Dahinter
steckt der Brünette!“ dachte ich empört bei mir.
Es gab nämlich einen gewissen Brünetten mit einem dunklen
Schnurrbärtchen, einen Beamten der Bauabteilung, der sie in letzter Zeit
auffallend oft besucht hatte und Jelena Iwanowna allem Anscheine nach zu
gefallen verstand. Ich muß gestehen, daß ich aufrichtigen Haß für ihn
empfand, denn ich zweifelte nicht daran, daß er gestern abend entweder
mit ihr auf dem Maskenball oder vielleicht sogar hier in ihrer Wohnung
gewesen war und ihr bei der Gelegenheit, versteht sich, manches in den
Kopf gesetzt hatte!
„Ja, aber wie denn,“ begann Jelena Iwanowna plötzlich ungeduldig, und
alles, was sie sagte, schien ihr ein anderer gesagt zu haben, „wie wird
denn das sein, er wird dort im Krokodil sitzen und vielleicht sein
ganzes Leben lang nicht zurückkommen, und ich soll dann hier sitzen und
vergeblich auf ihn warten! Ein Ehemann muß zu Hause wohnen, aber nicht
in einem Krokodil ...“
„Das ist doch ein unvorhergesehener Zufall ...“ begann ich in
begreiflicher Erregung zu widersprechen.
„Ach nein, schweigen Sie, schweigen Sie, ich will nichts hören, nichts,
nichts, nichts!“ wehrte sie ärgerlich jeden weiteren Einwand ab. „Sie
sind unausstehlich, ewig müssen Sie mir widersprechen! Mit Ihnen kann
man wirklich kein vernünftiges Wort reden, nie verstehen Sie einem zu
raten! Mir sagen sogar fremde Menschen, daß ich vollauf genügenden
Scheidungsgrund hätte, allein schon deshalb, weil doch Iwan
Matwejewitsch jetzt kein Gehalt mehr bekommen wird.“
„Jelena Iwanowna! Sind Sie es, die ich höre!“ rief ich fast pathetisch
aus. „Welcher Schurke hat Ihnen diese Gedanken eingeflüstert? Und
übrigens wird ein so nichtssagender Vorwand, wie die Einbuße des
Gehalts, nicht als Scheidungsgrund anerkannt. Und der arme, arme Iwan
Matwejewitsch vergeht dort inzwischen fast vor Liebesgram! Noch gestern
abend, während Sie sich auf dem Maskenball ihres Lebens freuten, sprach
er davon, daß er sich im äußersten Fall entschließen würde, Sie als
seine rechtmäßige Gattin aufzufordern, in das Innere des Krokodils zu
kommen, um so mehr, als sich dieses Tier als sehr geräumig erwiesen hat,
so daß nicht nur zwei, sondern sogar drei Menschen Raum in ihm hätten
...“
Und ich erzählte ihr zugleich diesen interessantesten Teil meiner
letzten Unterredung mit Iwan Matwejewitsch.
„Wie! was!“ rief sie ganz starr vor Verwunderung aus. „Sie wollen, daß
ich gleichfalls dorthin krieche! zu Iwan Matwejewitsch? Das fehlte noch!
Ja und wie sollte ich denn überhaupt das? – so, mit dem Hut und der
ganzen Krinoline? Gott, welch eine Dummheit! Und wonach wird denn das
aussehen, wenn ich hineinkrieche und ... und jemand womöglich noch
zusieht? ... Pfui! Und was werde ich dort essen? ... Und ... und wie ist
denn das, wenn ich ... Ach, mein Gott, was Sie sich nicht ausgedacht
haben! ... Und was gibt es denn dort für Zerstreuungen? ... Sie sagen,
es rieche dort nach Gummi? ... Und wie wird es denn sein, wenn wir beide
in Streit geraten? Da müssen wir doch beieinander liegen bleiben? Pfui,
wie widerlich das ist!“
„Einverstanden, ich bin vollkommen einverstanden mit Ihnen, meine
teuerste Jelena Iwanowna,“ unterbrach ich sie mit jenem begreiflichen
Eifer, der einen stets erfaßt, wenn man fühlt, daß man im Recht ist,
„nur haben Sie eines ganz außer acht gelassen, und das ist: daß er doch
wohl nicht mehr ohne Sie leben kann, wenn er Sie zu sich ruft; folglich
handelt es sich hier um Liebe, um leidenschaftliche, treue, sehnsüchtige
Liebe ... Sie haben die Liebe nicht berücksichtigt, teuerste Jelena
Iwanowna, die Liebe!“
„Nein, ich will nicht, will nicht, will nicht! Ich will davon überhaupt
nichts hören!“ wehrte sie mit ihrer kleinen, reizenden Hand, an der die
soeben gebürsteten und polierten Nägel rosa schimmerten, ganz entsetzt
ab. „Pfui, wie widerlich Sie sind! Sie bringen mich noch zum Weinen. So
kriechen Sie doch selbst zu ihm, wenn es Ihnen dort so angenehm zu sein
scheint! Sie sind doch sein Freund, nun, so legen Sie sich denn aus
Freundschaft neben ihn hin und streiten Sie Ihr Leben lang über irgend
eine langweilige Wissenschaft ...“
„Sie machen sich ganz unnütz über diesen Gedanken lustig,“ unterbrach
ich würdevoll das leichtsinnige Weibchen, „Iwan Matwejewitsch hat mich
bereits zu sich eingeladen. _Sie_ würde die Pflicht hinführen, mich
dagegen nur Großmut. Übrigens hat mir Iwan Matwejewitsch, als er mir
gestern von der ungeheuren Dehnbarkeit des Krokodils erzählte, deutlich
zu verstehen gegeben, daß er, da nicht nur zwei, sondern ganze drei
Menschen bequem dort Platz fänden, sowohl Sie wie mich, als Hausfreund,
erwartet, und deshalb ...“
„Wie das, ganze drei?“ wunderte sich Jelena Iwanowna und ihre Augen
blickten mich fragend an. „Ja, wie werden wir denn ... so alle drei dort
beisammen sein? Hahaha! Gott, wie Sie beide dumm sind! Hahaha! Ich würde
Sie die ganze Zeit nur kneifen, Sie Taugenichts, hahaha! Hahaha!“
Und sie bog sich vor Lachen und lachte bis zu Tränen. Doch dieses Lachen
und diese Tränen waren so bezaubernd, daß ich nicht lange widerstehen
konnte und ganz begeistert nach ihrem Händchen griff, um es mit Küssen
zu bedecken, was sie widerspruchslos geschehen ließ. Nur zupfte sie
mich, zum Zeichen unserer Aussöhnung, am Ohr.
Damit hatten wir unsere gute Laune wiedergewonnen, und ich schickte mich
an, ihr ausführlich alle ihre Person betreffenden Pläne Iwan
Matwejewitschs zu erzählen. Der Gedanke, in einem glänzenden Salon eine
auserlesene Gesellschaft zu empfangen, sagte ihr sehr zu.
„Nur brauche ich dann sehr viele neue Toiletten,“ bemerkte sie lebhaft.
„Sagen Sie ihm deshalb, daß er mir möglichst bald und möglichst viel
Geld senden soll ... Nur ... nur, wie wird denn das sein,“ fuhr sie
nachdenklich fort, „wie wird man ihn denn im Blechkasten in meinen Salon
bringen? Das ... das wäre doch lächerlich! Ich will nicht, daß man
meinen Mann in einem solchen Kasten in meinen Salon trägt! Ich würde
mich ja dann ganz entsetzlich schämen vor meinen Gästen ... Nein, ich
will nicht, ich will nicht ...“
„Übrigens, um es nicht zu vergessen: war gestern Timofei Ssemjonytsch
bei Ihnen?“
„Ach, ja, er war bei mir; er kam, um mich zu trösten, und denken Sie
sich, wir haben die ganze Zeit Karten gespielt. Wenn er verlor, hatte
ich eine Bonbonniere gewonnen, wenn ich verlor, durfte er mir die Hände
küssen. Solch ein Plagegeist, wirklich! Und was glauben Sie wohl: – fast
wäre er mit mir auf den Maskenball gefahren, – nein, wirklich!“
„Weil er bezaubert war,“ bemerkte ich, „denn – wen bezaubern Sie nicht,
Sie Zauberin!“
„Ach, nun, jetzt kommen Sie mit Ihren Schmeicheleien! Warten Sie, dafür
werde ich Sie zum Abschied einmal kneifen – das verstehe ich nämlich
vorzüglich. Nun, was, wie war’s? Ach ja, sagen Sie doch, Sie sagten
vorhin, Iwan Matwejewitsch habe gestern viel von mir gesprochen?“
„N–n–nein, nicht gerade _sehr_ viel ... Ich muß gestehen, daß er jetzt
eigentlich mehr an das Schicksal der ganzen Menschheit denkt und die
Absicht hat ...“
„Ach, nun, mag er, reden Sie nicht weiter! Sicherlich langweilt er sich
entsetzlich. Ich werde ihn einmal besuchen. Morgen vielleicht. Heute
geht es nicht: ich habe Migräne und dort wird gewiß viel Publikum sein
... Da wird man womöglich noch sagen: das ist seine Frau, und mit den
Fingern auf mich weisen ... Schrecklich! Nun, leben Sie wohl. Am Abend
werden Sie doch ... dort sein, bei ihm?“
„Versteht sich. Ich muß ihm die Zeitungen bringen.“
„Nun, das ist sehr nett von Ihnen. Bleiben Sie bei ihm und lesen Sie ihm
die Zeitungen vor. Zu mir aber kommen Sie heute nicht mehr. Ich bin
nicht ganz wohl, oder vielleicht werde ich auch meine Bekannten
besuchen, ich weiß noch nicht. Nun, leben Sie wohl, Sie Schwerenöter.“
„Aha, der Brünette wird heute abend bei ihr sein!“ dachte ich bei mir.
In der Kanzlei ließ ich mir natürlich nicht das geringste merken. Ich
tat, als wüßte ich überhaupt nicht, was Sorgen sind. Doch bald fiel es
mir auf, daß einige unserer fortschrittlichen Blätter an diesem
Vormittage auffallend schnell von Hand zu Hand gingen und meine Kollegen
sich mit unheimlich ernsten Mienen in die Lektüre vertieften. Die erste
Zeitung, die ich erhielt, war der „Listok“, ein kleines Blättchen ohne
jede besondere Richtung, einfach nur so allgemein menschlich-human,
weshalb es bei uns auch allgemein verachtet, nichtsdestoweniger aber
doch gelesen wurde.
Nicht ohne Verwunderung las ich in ihm folgendes:
„Gestern verbreitete sich in unserer großen, schönen Hauptstadt ein
äußerst seltsames Gerücht, das sich inzwischen bestätigt hat. Ein
gewisser Gastronom, der zu unserer vornehmen Lebewelt gehört, und den
die kulinarischen Genüsse, die die Küche des –schen Klubs zu bieten
vermag, offenbar nicht mehr befriedigten, erschien am Nachmittage in der
Menagerie unserer Passage, wo zurzeit ein großes, soeben erst hier
eingetroffenes Krokodil zu sehen ist, und machte sich nach einer kurzen
Rücksprache mit dem Eigentümer ohne weiteres daran, das Riesenkrokodil
zu verzehren. Zuerst schnitt er dem lebendigen Wassertier nur die besten
Stücke seiner saftigsten Körperteile – d. h. der Körperteile des
Krokodils – mit einem Taschenmesser ab, doch allmählich verschwand das
ganze Tier in seinem umfangreichen Leibe, und es hätte nicht viel
gefehlt, so wäre dem Krokodil auch noch sein ständiger Begleiter, der
Ichneumon, gefolgt, denn weshalb sollte dieser nicht ebenso gut
schmecken? Wir haben natürlich gegen dieses neue Nahrungsmittel, das den
ausländischen Feinschmeckern schon seit Jahren bekannt ist, nichts
einzuwenden. Wir können uns sogar schmeicheln, die bevorstehende größere
Einfuhr dieses Leckerbissens vorausgesehen zu haben. Die englischen
Lords und Reisenden fangen die Krokodile in Ägypten wie man hierzulande
etwa Bären fängt: sie tun sich zu ganzen Jagdgesellschaften zusammen und
verzehren dann das ^à la^ Beefsteak zubereitete Rückenfleisch der Beute
mit Senf, Sauce und Kartoffeln. Die Franzosen, die mit Lesseps ins Land
gekommen sind, ziehen die kurzen, stämmigen Beine dem Rückenfleisch vor
– vielleicht nur den Engländern zum Trotz, die ein mitleidiges Lächeln
nicht verbergen können, wenn sie sehen, wie diese die Krokodilbeine in
heißer Asche backen. Bei uns wird man, aller Voraussicht nach, sowohl
die Beine wie den Rücken zu schätzen wissen, und können wir daher von
uns aus nur freudig diesen neuen Erwerbszweig begrüßen, denn gerade an
einem solchen fehlt es in unserem großen, so verschieden gearteten
Vaterlande. Nach der Vertilgung dieses ersten Krokodils dürfte es wohl
kaum ein Jahr dauern, bis man Krokodile zu Hunderten importieren wird.
Weshalb sollte man sie übrigens nicht in Rußland akklimatisieren? Falls
das Newawasser für diese südlichen Lebewesen zu kalt sein sollte, so
gibt es doch in der Stadt unzählige Teiche und außerhalb der Stadt noch
andere Flüsse und Seen, die in Frage kämen. Weshalb sollten sie nicht z.
B. in Pawlowsk oder Pargolowo leben können, oder in Moskau, wo doch die
Pressnenskischen Teiche sind? Ganz abgesehen davon, daß sie für unsere
Feinschmecker ein angenehmes und gesundes Nahrungsmittel wären, würden
sie den an den Teichen spazierenden Damen eine interessante Zerstreuung
bieten und die Kinder mit der tropischen Tierwelt schon in jungen Jahren
bekannt machen. Aus der Haut der verzehrten Krokodile lassen sich zudem
die verschiedensten Gegenstände herstellen, wie z. B. Futterale,
Reisekoffer, Zigarettenetuis, Brieftaschen usw., und vielleicht wird
noch so manch ein russischer Tausendrubelschein von der ältesten Sorte –
wie sie namentlich unsere Kaufleute bevorzugen – in Krokodilshaut
aufbewahrt werden. Hoffen wir, daß uns noch öfter Gelegenheit geboten
werden wird, auf dieses Thema zurückzukommen.“
Ich war auf vieles gefaßt gewesen, doch trotzdem verwirrte mich dieser
Artikel nicht wenig. Da niemand neben mir saß, mit dem ein
Meinungsaustausch möglich gewesen wäre, wandte ich mich an den mir
gegenübersitzenden Prochor Ssawitsch. Zu meiner Verwunderung saß dieser
müßig auf seinem Platz und schien mich schon längere Zeit beobachtet zu
haben, die Zeitung „Woloß“ zur Herübergabe bereithaltend. Wortlos nahm
er von mir den „Listok“ in Empfang und reichte mir seinen „Woloß“, indem
er mit dem Nagel nachdrücklich einen Artikel bezeichnete, auf den er
mich ersichtlich aufmerksam machen wollte. Dieser Prochor Ssawitsch war
ein sehr eigentümlicher Mensch: ein schweigsamer alter Junggeselle, der
sich keinem von uns anschloß, so gut wie nie ein Wort sprach – obschon
sich das Sprechen in einer Kanzlei unter Kollegen schwer vermeiden läßt
– ein Mensch, der immer seine eigenen Ansichten hatte, doch fast niemals
einem anderen diese Ansichten mitteilte. In seiner Wohnung ist bisher
noch keiner von uns gewesen. Wir wissen nur, daß er ein einsames Leben
führt.
Der Artikel, auf den er mich aufmerksam gemacht hatte, lautete wie
folgt:
„Es dürfte wohl allen bekannt sein, daß wir uns mit Recht
fortschrittlich gesinnt und human nennen können und daß wir Europa in
dieser Beziehung nicht nachstehen wollen. Doch ungeachtet aller Wünsche
und der Bemühungen unseres Blattes scheinen wir noch längst nicht ‚reif‘
zu sein, was folgendes empörende Ereignis, das sich gestern in der
Passage zugetragen hat, wieder einmal anschaulich beweist. (Es sei hier
darauf aufmerksam gemacht, daß wir es bereits vorausgesagt haben.)
Vor nicht langer Zeit traf in der Hauptstadt ein Ausländer ein, der ein
lebendiges Krokodil mit sich führte, das jetzt in der Passage
ausgestellt ist. Wir beeilten uns sogleich, den ausländischen Vertreter
dieses neuen, nützlichen und belehrenden Gewerbezweiges, der unserem
großen Vaterlande zugute kommt, hier in der Hauptstadt willkommen zu
heißen. Da erschien plötzlich, eines Nachmittags gegen fünf Uhr, wie uns
gestern gemeldet wurde, ein außergewöhnlich dicker Herr in nicht ganz
nüchternem Zustande (gelinde ausgedrückt!), zahlte den Eintrittspreis,
und kaum war das geschehen, so ging er zum Behälter und kroch dem
Riesentier ganz einfach in den Rachen, ohne jemandem vorher etwas
gesagt zu haben. Das Krokodil war durch seinen natürlichen
Selbsterhaltungstrieb gezwungen, den Menschen zu verschlingen, da es
doch wohl nicht ersticken wollte. Doch der verschlungene Unbekannte
richtet sich im Magen des Ungeheuers sogleich häuslich ein. Weder die
Bitten des verzweifelten Besitzers, noch das Geschrei seiner
zahlreichen, unglücklichen Familie vermögen jetzt auf den Unbekannten
Eindruck zu machen. Selbst der Ruf, man werde die Polizei holen, bleibt
erfolglos. Aus dem Innern des Krokodils hört man nur Gelächter und die
Drohung, die Bestie aufzuschneiden. (^Sic!^) Währenddem vergießt das
arme Tier, das gezwungen war, eine solche Masse zu verschlingen, ganz
vergeblich seine Tränen. „Ein ungebetener Gast,“ sagt ein altes
russisches Sprichwort, „ist schlimmer als ein Tatar,“ und alle Tränen
des Krokodils können an der Lage nichts ändern: der freche Mensch will
seinen Aufenthaltsort nicht wieder verlassen. Wir wissen nicht, wie wir
eine so barbarische Handlungsweise erklären sollen, was uns um so
peinlicher ist, als sie, wie gesagt, unsere Unreife bezeugt und uns in
den Augen aller Ausländer herabzieht. Damit haben wir wieder ein
glänzendes Beispiel der Zügellosigkeit der russischen Natur. Jetzt fragt
es sich nur: was wollte der ungebetene Gast damit erreichen? Etwa einen
warmen und luxuriösen Aufenthaltsraum suchen? Aber es gibt doch
unzählige schöne Häuser in der Stadt, die vorzüglich eingerichtet sind:
sie haben billige und sehr bequeme Wohnungen, eine Wasserleitung, die
die Mieter mit Newawasser versorgt, eine mit Gas erleuchtete Treppe, und
nicht selten hält der Hausbesitzer auch noch einen Portier. Doch lenken
wir bei der Gelegenheit die Aufmerksamkeit unserer Leser auch noch auf
die rohe Behandlung des importierten Tieres. Natürlich wird es dem
Krokodil schwer fallen, ein so großes Quantum zu verdauen; und so liegt
es denn jetzt dort unbeweglich in seinem Behälter, hoch aufgeblasen von
der übergroßen verschlungenen Portion, und erwartet unter unerträglichen
Qualen den Tod. In Europa wird jede einem Tiere angetane Qual gesetzlich
bestraft. Doch ungeachtet unserer ausländischen Erleuchtung, unserer
neuen Trottoirs und neuen Häuser, sind _wir_ noch immer in Unwissenheit
und Roheit befangen.
‚Die Häuser sind zwar neu, doch unsere Vorurteile alt‘, um Gribojedoff
zu zitieren. Leider entspricht nicht einmal dieses vollkommen der
Wahrheit, denn auch die Häuser sind alt, wenn auch die Treppen neu sind.
Jedenfalls erwähnen wir es in unserem Blatte nicht zum ersten Mal, daß
im Hause des Kaufmanns Lukjanoff auf der Petersburger Seite die
Treppenstufen, die aus der Küche in die Wohnung führen, schon seit
langer Zeit verfault sind, und können heute nur hinzufügen, daß sie
jetzt endlich eingefallen sind und daß die Soldatenfrau Afimja
Skapidarowa, die die Bedienung übernommen hatte und stets Gefahr lief,
von der Treppe zu fallen – namentlich wenn sie Wasser oder Holz
hineintrug – gestern abend gegen halb neun Uhr tatsächlich mit der
Suppenterrine gefallen ist und sich ein Bein gebrochen hat. Leider
wissen wir noch nicht, ob Herr Lukjanoff jetzt endlich eine neue Treppe
bauen lassen wird. Der Verstand eines Russen ist schwerfällig, doch
können wir mitteilen, daß das Opfer dieser Schwerfälligkeit bereits ins
Hospital gebracht worden ist. Desgleichen ermüden wir nicht, darauf
aufmerksam zu machen, daß die Hausknechte, die auf der Wyburger Seite
von den hölzernen Trottoirs den Schmutz fegen, den Vorübergehenden
deshalb nicht die Stiefel zu beschmutzen brauchen, zumal es nur geringe
Mühe kosten würde, den Schmutz, wie man es im Auslande tut, zu Haufen
zusammenzufegen,“ usw. usw. ...
„Was bedeutet das?“ fragte ich, verständnislos Prochor Ssawitsch
anblickend. „Was soll das alles?“
„Was?“
„Aber ich bitte Sie, anstatt unseren Iwan Matwejewitsch zu bedauern,
bemitleiden sie hier das Krokodil!“
„Ja, was denn? Damit haben sie doch sogar ein Tier, ein unvernünftiges
Tier bemitleidet. Inwiefern stehen sie jetzt noch Europa nach? Dort tut
man es doch ebenfalls. Hi-hi-hi!“ kicherte der alte Sonderling, wandte
sich jedoch sogleich wieder seinen Schriften zu und sprach kein Wort
weiter.
Ich nahm die beiden Zeitungen, schob sie in die Tasche und versorgte
mich außerdem noch mit mehreren alten Nummern der „Nachrichten“ und des
„Woloß“. An diesem Tage verließ ich die Kanzlei früher als sonst. Zwar
war bis zum Abend noch viel Zeit, doch wollte ich früher in die Passage
gehen, um wenigstens von weitem zu sehen, was dort vorging, um
Meinungsäußerungen des Publikums aufzufangen und die Menschen kennen zu
lernen. Ich sagte mir, daß ich dort unfehlbar in ein großes Gedränge
geraten würde und schlug deshalb auf alle Fälle den Mantelkragen hoch,
denn aus irgend einem Grunde schämte ich mich, gesehen zu werden – so
wenig haben wir uns an die „Öffentlichkeit“ gewöhnt! Doch ich fühle, daß
ich kein Recht habe, im Hinblick auf dieses außergewöhnliche Ereignis,
meine eigenen prosaischen Gefühle zum Ausdruck zu bringen.