II.

Timofei Ssemjonytsch empfing mich in eigentümlicher Eile und, wie es mir

schien, sogar Verwirrung. Er führte mich in sein enges Arbeitszimmer und

schloß die Tür hinter uns zu. „Damit die Kinder uns nicht stören,“ sagte

er sichtlich besorgt und unruhig. Mit einer Handbewegung forderte er

mich auf, an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, während er sich selbst

in einen bequemen Sessel niederließ, die Schöße seines ziemlich

abgetragenen wattierten Schlafrocks übereinanderschlug und auf alle

Fälle eine gewissermaßen offizielle, fast sogar strenge Miene aufsetzte,

obgleich er doch weder mein noch Iwan Matwejewitschs Vorgesetzter war,

sondern stets nur für unseren Kollegen und sogar guten Bekannten

gegolten hatte.

„Ganz zuerst,“ hub er denn auch an, als ich meine Rede beendet hatte,

„muß ich Sie bitten, in Erwägung zu ziehen, daß ich kein Vorgesetzter

bin, sondern auf gleicher Stufe mit Ihnen wie mit Iwan Matwejewitsch

stehe ... Mich geht also die ganze Angelegenheit nichts an, weshalb ich

mich denn auch nicht in sie hineinmischen werde.“

Ich wunderte mich, – und zwar am meisten darüber, daß er bereits alles

zu wissen schien. Nichtsdestoweniger erzählte ich ihm noch einmal die

ganze Geschichte, und zwar noch ausführlicher. Ich sprach sogar sehr

erregt, denn ich wollte doch die Pflicht eines aufrichtigen, treuen

Freundes erfüllen. Doch auch diesmal hörte er mir ohne jede Verwunderung

zu, dafür aber mit allen Anzeichen des Mißtrauens.

„Denken Sie sich,“ sagte er zum Schluß, „ich habe schon immer vermutet,

daß gerade so etwas mit ihm geschehen würde.“

„Weshalb denn das, Timofei Ssemjonytsch? Dieser Fall ist doch an sich,

sollte ich meinen, noch viel mehr als außergewöhnlich ...“

„Zugegeben. Aber Iwan Matwejewitsch neigte schon immer, während seiner

ganzen dienstlichen Laufbahn, gerade zu einem solchen Abschluß. Er war

gar zu hitzig, war geradezu anmaßend. Ewig das Wort ‚Fortschritt‘ im

Munde und dann so verschiedene Ideen – da sieht man jetzt, wohin das

führt!“

„Aber dieser Fall ist, denke ich, durchaus außergewöhnlich, man kann ihn

daher doch nicht als Beweis gegen alle fortschrittlich Gesinnten

ausspielen ...“

„Nein, aber das ist nun schon einmal so. Glauben Sie mir, was ich sage.

Das kommt, sehen Sie mal, von übermäßiger Bildung. Jawohl. Denn die

übermäßig Gebildeten wollen ihre Nasen stets überallhin stecken,

vornehmlich dorthin, wo man sie nicht wünscht. Übrigens ist es ja

möglich, daß sie mehr wissen,“ unterbrach er sich plötzlich, offenbar

gekränkt. „Ich bin schon alt und überdies nicht gar so gebildet; ich bin

Soldatenkind und habe von unten begonnen – in diesem Jahre werde ich

mein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern ...“

„O, nein, Timofei Ssemjonytsch, ich bitte Sie! Im Gegenteil, Iwan

Matwejewitsch wartet nur auf Ihren Rat, er vertraut sich ganz Ihrer

Leitung an. Er wartet nur auf ein Wort von Ihnen, wartet sogar sozusagen

tränenden Auges ...“

„‚Sozusagen tränenden Auges‘. Hm! Nun, diese Tränen werden wohl

Krokodilstränen sein, die man nicht ernst zu nehmen braucht. Weshalb,

sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb wollte er ins Ausland reisen? Und

mit welchem Gelde schließlich? Er selbst hat doch kein Vermögen.“

„O, diese Summe hat er sich zusammengespart, Timofei Ssemjonytsch,“

versetzte ich mitleidig. „Er wollte ja nur auf drei Monate verreisen ...

in die Schweiz ... in die Heimat Wilhelm Tells ...“

„Wilhelm Tells? Hm!“

„In Neapel wollte er den Frühling empfangen. Wollte die Museen

besichtigen, Sitten und Tiere kennen lernen.“

„Hm! Tiere? Meiner Ansicht nach wollte er es einfach aus Stolz. Was für

Tiere denn? Tiere! Gibt es denn bei uns nicht genug Tiere? Wir haben

Menagerien, Museen, Kamele ... Bären gibt’s sogar in nächster Nähe von

Petersburg. Aber da ist er ja nun glücklich selbst in ein Tier

hineingeraten, und noch dazu in ein Krokodil!“

„Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich, der Mensch ist im Unglück, der

Mensch wendet sich an Sie als Freund, wie man sich etwa an einen älteren

Verwandten wendet, er bittet Sie um Ihren Rat, Sie aber ... machen ihm

Vorwürfe! ... So haben Sie doch wenigstens mit Jelena Iwanowna Mitleid!“

„Sie meinen seine Frau? Hm! Ein interessantes Dämchen,“ meinte Timofei

Ssemjonytsch, augenscheinlich etwas aufgeweckter, und schnupfte mit

Genuß seinen Tabak. „Ein subtiles Frauenzimmerchen. So–o ... rundlich,

und das Köpfchen hält sie immer so ein wenig zur Seite geneigt, so ein

wenig ... Ja. Sehr angenehm. Andrei Ossipytsch sprach noch vorgestern

von ihr.“

„Er _sprach_ von ihr?“

„Jawohl, und zwar in sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Die Büste, sagte

er, der Blick, die Coiffure – ein wahres Bonbon, sagte er, aber kein

Frauenzimmer, und darnach lachte er. Was wollen Sie, er ist ja ein noch

junger Mann.“ Timofei Ssemjonytsch schneuzte sich, als wolle er

trompeten.

„Tja, und da haben wir nun diesen anderen jungen Mann, und sehen Sie,

was der sich plötzlich für eine exzentrische Laufbahn wählt ...“

„Aber hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes, Timofei

Ssemjonytsch!“

„Gewiß, gewiß.“

„Also wie bleibt es denn nun, Timofei Ssemjonytsch?“

„Tja, was kann ich denn hierbei ausrichten?“

„Aber so raten Sie doch wenigstens zu irgend etwas, sagen Sie, was wir

tun sollen, Sie sind doch ein erfahrener Mensch! Welche Schritte soll

man tun? Soll man durch die Vorgesetzten oder ...“

„Durch die Vorgesetzten? Nein, das in keinem Fall,“ versetzte Timofei

Ssemjonytsch eilig. „Wenn Sie meinen Rat zu hören wünschen, so muß man

die Sache zuerst vertuschen und sozusagen ganz privatim vorgehen. Denn

der Fall ist verdächtig und außerdem neu, noch nie dagewesen. Das ist

die Hauptsache, daß es sich hier um etwas Noch-nie-dagewesenes handelt,

es hat hierfür noch kein Beispiel, keinen Präzedenzfall gegeben, und

schon deshalb ist er eine schlechte Empfehlung ... Daher ist vor allem

Vorsicht geboten ... Mag er dort vorläufig liegen. Man muß abwarten,

abwarten muß man ...“

„Ja, aber wie lange denn abwarten, Timofei Ssemjonytsch? Und wie, wenn

er dort erstickt?“

„Tja, weshalb denn das? Sie sagten doch, glaube ich, daß er sich dort

ganz behaglich fühle?“

Ich erzählte nochmals den ganzen Vorgang von Anfang an. Timofei

Ssemjonytsch wurde nachdenklich.

„Hm!“ meinte er dann, indem er die Schnupftabakdose in der Hand drehte.

„Meiner Ansicht nach kann es nicht schaden, wenn er dort eine Zeitlang

abliegt, anstatt sich im Auslande herumzutreiben. Mag er jetzt einmal in

Muße nachdenken. Natürlich ist es nicht nötig, dabei zu ersticken,

deshalb wäre es angebracht, gewisse Vorkehrungen zur Erhaltung der

Gesundheit zu treffen, sich, zum Beispiel, vor Husten in acht zu nehmen,

vor diesem und jenem usw. Was aber den Deutschen betrifft, so ist er,

meiner persönlichen Ansicht nach, durchaus in seinem Recht, denn es ist

_sein_ Krokodil, in das Iwan Matwejewitsch, ohne ihn, den Besitzer, um

Erlaubnis zu fragen, hineingekrochen ist, nicht umgekehrt, nicht der

Deutsche in Iwan Matwejewitschs Krokodil, obschon übrigens dieser,

soviel ich weiß, niemals ein Krokodil besessen hat. Nun, das Krokodil

ist aber in diesem Fall persönliches Eigentum, folglich kann man es

nicht so ohne weiteres aufschneiden, das heißt – ohne dem Besitzer den

geforderten Schadenersatz zu zahlen.“

„Aber zur Rettung eines Menschen, Timofei Ssemjonytsch!“

„Tja, sehen Sie, das ist Sache der Polizei. Also wenden Sie sich an

diese.“

„Aber schließlich kann ja Iwan Matwejewitsch auch bei uns vermißt

werden. Man kann vielleicht irgendwelche Aufschlüsse von ihm verlangen,

ihn zu Rate ziehen wollen ...“

„Wen das? – Iwan Matwejewitsch! He–he! ... Zudem hat er ja jetzt Ferien,

folglich ignorieren wir ihn und sein Treiben, – mag er dort inzwischen

Europa besichtigen, was geht es uns an! Eine andere Sache ist es, wenn

er nach Ablauf der Frist nicht pünktlich erscheint. Nun, dann werden wir

uns erkundigen, Nachforschungen anstellen ...“

„Nach drei Monaten! Timofei Ssemjonytsch, erbarmen Sie sich!“

„Tja – ... Es ist seine eigene Schuld! Wer hat ihn gebeten, ins Krokodil

zu kriechen? Das käme ja schließlich darauf hinaus, daß der Staat ihm

noch eine Wärterin halten muß, das ist aber in keinem Budget vorgesehen.

Doch die Hauptsache: das Krokodil ist persönliches Eigentum, folglich

tritt hier bereits das sogenannte ökonomische Prinzip in Aktion. Das

ökonomische Prinzip aber geht allem voran. Noch vorgestern sprach

Ignatij Prokofjitsch auf dem Gesellschaftsabend bei Luka Andrejewitsch

ganz vorzüglich über diesen Punkt. Sie kennen doch Ignatij Prokofjitsch?

Ein Kapitalist, ^homme d’affaires^, und er redet, wissen Sie, ganz

vorzüglich. ‚Wir brauchen Gewerbe,‘ sagt er, ‚Gewerbe tut uns not.‘ Wir

müssen es eben schaffen, wir müssen es sozusagen erst gebären. Dazu

müssen wir zuerst Kapital schaffen, das heißt, der Mittelstand, die

sogenannte Bourgeoisie muß geboren werden. Da wir aber hierzulande

selbst kein Kapital haben, müssen wir es aus dem Auslande heranziehen.

Vor allem muß man den ausländischen Gesellschaften, die hier den

Landankauf im großen betreiben, die ganze Bezirke kaufen wollen, mit

günstigeren Bedingungen entgegenkommen. ‚Dieses Gemeindewesen, wie wir

es jetzt haben, mit dem gemeinsamen Arbeiten und dem gemeinsamen Besitz,

der doch ebensogut wie kein Besitz ist – ist einfach Gift,‘ sagte er,

‚einfach unser Ruin!‘ Und wissen Sie, er redet so mit Feuer, mit

Temperament. Nun, ihm steht es auch zu: ein Kapitalist! ... Das ist

etwas anderes als ein Beamter. ‚Mit diesem Gemeindewesen,‘ sagt er,

‚wird man weder unser Gewerbe, noch unsere Landwirtschaft heben. Die

ausländischen Gesellschaften müßten nach Möglichkeit unser ganzes Land

ankaufen und dann müßte man die größeren Bezirke in kleinere teilen,

teilen, teilen, in möglichst kleine Parzellen teilen,‘ – und wissen Sie,

er sagt das so kategorisch: _tei_–len, _tei_–len, sagt er und schneidet

so mit der Hand – ‚und dann die einzelnen Landstücke an die Bauern

verkaufen, die sie als persönliches Eigentum erwerben wollen. Oder auch

nicht einmal verkaufen, sondern einfach verpachten. Wenn dann das ganze

Land in den Händen der ausländischen Gesellschaften sein wird,‘ sagt er,

‚dann kann man jeden beliebigen Preis als Pacht ansetzen. Folglich wird

der Bauer allein für sein tägliches Brot dreimal soviel arbeiten, wie er

jetzt arbeitet, und sobald es einem paßt, kündigt man ihm. Folglich wird

er sich in acht nehmen, wird gehorsam sein, fleißig, und das Dreifache

von dem, was er jetzt arbeitet, für denselben Preis leisten. Was fehlt

ihm jetzt in der Gemeinde! Er weiß, daß er vor Hunger nicht sterben

wird, na, und da faulenzt er eben und säuft. So aber würde hier Geld aus

allen Ländern zusammenfließen und würden Kapitale entstehen und eine

Bourgeoisie. Es sagt ja auch die große englische Zeitung, The Times, die

vor nicht langer Zeit einen Artikel über unsere Finanzen gebracht hat,

daß unsere Finanzen sich eben nur deshalb nicht bessern, weil wir keinen

Mittelstand haben, weil es bei uns keine großen Beutel gibt und keine

arbeitsfähigen Proletarier ...‘ Ja, Ignatij Prokofjitsch spricht gut,

das muß man ihm lassen. Ein geborener Redner. Jetzt beabsichtigt er eine

Schrift einzureichen, die soll direkt an die Behörden gehen und nachher

will er sie in den „Nachrichten“ veröffentlichen. Tja, das ist etwas

anderes als Gedichte machen, wie sie ein Iwan Matwejewitsch schreibt

...“

„Ja, aber wie bleibt es denn nun mit Iwan Matwejewitsch?“ lenkte ich

wieder ein, nachdem ich den Alten hatte ausreden lassen.

Timofei Ssemjonytsch sprach sich mitunter ganz gern einmal aus, um bei

der Gelegenheit zu beweisen, daß er nicht etwa zurückgeblieben, sondern

von allen neuen Strömungen wenigstens unterrichtet war.

„Wie es mit Iwan Matwejewitsch bleibt? Tja, das ist es ja, wovon ich

rede. Da bemühen wir uns nun um Heranziehung fremden Kapitals, doch kaum

hat sich das Kapital des herangezogenen Krokodilbesitzers durch Iwan

Matwejewitsch verdoppelt, da wollen wir, anstatt jetzt die Gelegenheit

zu benutzen und den ausländischen Besitzer zu protegieren, im Gegenteil

nichts weniger als seinem Grundkapital den Bauch aufschlitzen! Nun, ich

bitt’ Sie, geht denn das? Meiner Ansicht nach müßte sich Iwan

Matwejewitsch, wenn er ein treuer Sohn seines Vaterlandes wäre,

aufrichtig glücklich schätzen, sich freuen und stolz darauf sein, daß er

durch seine Person den Wert des ausländischen Krokodils verdoppelt oder

gar verdreifacht hat. Das aber ist ja die erste Bedingung zu einer

erfolgreichen Heranziehung fremden Kapitals. Glückt es hier dem ersten,

dann wird auch der zweite nicht lange auf sein Erscheinen warten lassen,

und der dritte wird dann vielleicht ganze drei oder vier Krokodile

mitbringen, und um diese beginnen dann die Kapitale sich zu gruppieren.

Da hätten wir alsdann die Bourgeoisie! Tja, man muß eben begünstigen,

begünstigen ...“

„Erbarmen Sie sich, Timofei Ssemjonytsch!“ rief ich aus, „Sie verlangen

ja eine ganz übermenschliche Selbstaufopferung vom armen Iwan

Matwejewitsch!“

„Ich _verlange_ nichts, und vor allem bitte ich Sie – wie ich es schon

einmal getan – nicht zu vergessen, daß ich nicht sein Vorgesetzter bin

und somit von niemandem etwas verlangen kann. Ich rede nur als Sohn

meines Vaterlandes – das heißt, nicht als ‚Sohn des Vaterlandes‘, wie

eine unserer großen Zeitungen sich nennt, sondern als gewöhnlicher Sohn

meines Vaterlandes. Und überdies die Frage: wer hat ihn denn gebeten, in

dieses Krokodil hineinzukriechen? Bedenken Sie doch nur: ein solider

Mensch, ein Beamter, der bereits einen gewissen Rang erreicht hat,

außerdem rechtmäßig verheiratet ist, und plötzlich – solch ein Schritt!

Sagen Sie doch selbst!“

„Aber dieser Schritt geschah doch ganz unfreiwillig, nur aus Versehen!“

„Wer kann das wissen? Und zudem, aus welcher Kasse soll dem Deutschen

das Krokodil bezahlt werden? – wenn Sie mir das gefälligst sagen

könnten.“

„Ginge es nicht a Konto des Gehalts?“

„Wird das ausreichen?“

„Nein, freilich nicht,“ mußte ich zu meinem Kummer zugeben. „Der

Deutsche erschrak zuerst nicht wenig, denn er glaubte, sein Krokodil

würde platzen; dann aber, als er sich überzeugt hatte, daß alles

glücklich abgelaufen war, wurde er gerader größenwahnsinnig und freute

sich sehr über die Möglichkeit, den Eintrittspreis zu verdoppeln.“

„Zu verdreifachen, zu vervierfachen! Das Publikum wird sich jetzt um

Eintrittskarten reißen! Und ein Krokodilbesitzer ist nicht so dumm, daß

er das nicht auszunutzen verstände! Nein, ich wiederhole: mag Iwan

Matwejewitsch vorläufig ganz inkognito nur beobachten, ohne sich zu

übereilen. Mögen es alle meinethalben wissen, daß er sich im Krokodil

befindet, aber möge man es nicht offiziell wissen. In dieser Hinsicht

trifft es sich sogar sehr gut, daß er offiziell als verreist gilt und

man ihn im Auslande glaubt. Wenn man uns also benachrichtigt, daß er

sich im Krokodil befindet, so werden wir es eben einfach nicht glauben.

Das läßt sich sehr leicht so machen. Die Hauptsache ist also nur:

abwarten. Ja, und es hat doch damit gar keine Eile ...“

„Aber wenn er zum Beispiel ...“

„Beunruhigen Sie sich nicht, der ist widerstandsfähig ...“

„Ja aber, was dann, wenn er sich nun geduldet hat?“

„Tja, ich will es Ihnen nicht verheimlichen, daß es ein sehr

verzweifelter Fall ist. Mit Überlegungen kommt man hier nicht vorwärts.

Aber das Schlimmste ist, daß wir bisher nichts Ähnliches gehabt haben,

wie gesagt: uns fehlt ein Präzedenzfall, ein Beispiel. Hätten wir nur

einen einigermaßen ähnlichen Fall, so könnte man noch so manches

ausrichten. Denn sonst – wie will man sich hier zurechtfinden? Fängt man

an nachzudenken, so kann er lange warten ...“

Da kam mir plötzlich ein glücklicher Gedanke.

„Aber könnte man es nicht so machen,“ unterbrach ich ihn, „daß man, wenn

er nun einmal im Bauche des Krokodils ist und dieses dank himmlischer

Vorsehung nicht früher eingeht, – kann man dann nicht in seinem Namen

eine Bittschrift einreichen, daß man ihm diese Zeit als Dienst anrechne?

...“

„Hm! ... es sei denn, daß man sie als Urlaub anrechnet und

selbstverständlich kein Gehalt für diese Zeit zu zahlen braucht ...“

„Nein, ginge es nicht mit dem Gehalt?“

„Auf Grund wessen denn das, wenn ich fragen darf?“

„Ach, sehr einfach. Indem man die Sache so hinstellt, als sei er dorthin

abkommandiert ...“

„Was! – wohin?“

„In das Krokodil natürlich! ... Und einfach sozusagen zur Nachforschung

und Untersuchung der Tatsachen an Ort und Stelle. Das würde natürlich

etwas Neues sein, aber zugleich doch fortschrittlich, und außerdem würde

es eine Bemühung um Aufklärung sein ...“

Timofei Ssemjonytsch überlegte.

„Einen Beamten,“ begann er endlich, „in das Innere eines Krokodils

abzukommandieren, mit _besonderen_ Aufträgen, versteht sich, ist meiner

persönlichen Ansicht nach – Unsinn. Im Budget ist so etwas nicht

vorgesehen. Und was könnten denn das für Aufträge sein?“

„Vielleicht ... so zur wissenschaftlichen Untersuchung der Naturvorgänge

an Ort und Stelle, mitten im Leben sozusagen. Heutzutage ist doch

Naturwissenschaft Trumpf ... Da könnte er denn dort leben und alles

mitteilen ... nun, gleichviel, sagen wir: wie die Verdauung vor sich

geht, so gewissermaßen den Prozeß des Verdauens beobachten, oder sonst

etwas Ähnliches. Um eben Tatsachenmaterial zu sammeln ...“

„Das wäre also, sagen wir, etwas in der Art einer analytischen

Statistik. Nun, was das betrifft, muß ich sagen, daß ich nicht viel

davon verstehe, ich bin kein Philosoph. Sie sagen: Tatsachenmaterial, –

wir sind doch ohnehin schon mit Tatsachen überhäuft und wissen nicht,

was wir mit ihnen anfangen sollen. Hinzu kommt, daß diese Statistik auch

noch gefährlich ist ...“

„Inwiefern denn das?“

„Jawohl: gefährlich. Und zudem – das werden Sie doch einsehen – würde er

die Tatsachen mitteilen, indem er auf der Seite liegt. Was ist aber das

für ein Dienst, der liegend verrichtet wird? Das wäre schon wieder eine

Neueinführung, die außerdem gefährlich ist. Und weiter: es fehlt uns

jegliches Beispiel. Tja, wenn Sie uns nur ein einziges kleines Vorbild

nennen könnten, wenn auch nur ein einigermaßen ähnliches, so ließe es

sich, meiner Ansicht nach, eventuell noch machen, daß man ihn dorthin

abkommandiert.“

„Ja, aber bis hierzu ist doch noch kein lebendiges Krokodil nach Rußland

gebracht worden, Timofei Ssemjonytsch!“

„Hm! Ja ...“ Er überlegte. „Wenn Sie wollen, ist diese Ihre Einwendung

richtig und könnte sogar zur Basis eines entsprechenden Verfahrens in

dieser Angelegenheit dienen. Aber andererseits müssen Sie auch wieder in

Betracht ziehen, daß mit dem Erscheinen lebender Krokodile die Beamten

anfangen würden zu verschwinden, und bald würden sie alle verlangen,

zumal es dort warm und weich ist, abkommandiert zu werden, um dann auf

der Bärenhaut liegen zu können ... das ist doch, nicht wahr, ein

schlechtes Beispiel! So kann ja schließlich ein jeder dorthin wollen, um

auf diese Weise sein Gehalt ohne jede Mühe zu erhalten.“

„Nun, jedenfalls werden Sie doch ein gutes Wort für ihn einlegen,

Timofei Ssemjonytsch? Bei der Gelegenheit: Iwan Matwejewitsch hat mich

gebeten, Ihnen eine kleine Kartenschuld zu übergeben, sieben Rubel waren

es, glaube ich.“

„Ach richtig, die verlor er letztens bei Nikifor Nikiforytsch. Ich weiß.

Und wie guter Laune er damals war, er scherzte, lachte, und jetzt! ...“

Der alte Mann war aufrichtig gerührt.

„Also Sie tun etwas für ihn, Timofei Ssemjonytsch?“

„Gewiß, gewiß. Ich werde mich so unter der Hand erkundigen, nur um zu

sondieren ... Aber übrigens – könnten Sie nicht irgendwie, sagen wir,

inoffiziell, so auf Umwegen in Erfahrung bringen, wieviel der Besitzer

nötigen Falles für sein Krokodil verlangen würde?“

Timofei Ssemjonytsch war ersichtlich gütiger geworden.

„O, unbedingt,“ versprach ich freudig, „und wenn Sie erlauben, werde ich

bei Ihnen vorsprechen, sobald ich es erfahren habe.“

„Und seine Frau ... die ist jetzt wohl allein zu Hause? Langweilt sich?“

„Würden Sie sie nicht besuchen, Timofei Ssemjonytsch?“

„Gewiß, gewiß. Ich dachte schon gestern daran, und jetzt ist es ja eine

so günstige Gelegenheit ... Tja, was ihn nur geplagt haben mag, das

Krokodil zu besehen. Übrigens werde ich es mir doch auch einmal

anschauen müssen ...“

„Ja, besuchen Sie doch den Armen.“

„Gewiß, gewiß. Natürlich will ich ihm durch diesen meinen Schritt keine

Hoffnung machen. Ich werde eben nur als Privatperson hingehen ... Nun,

auf Wiedersehen, ich muß ja heute wieder zu Nikifor Nikiforytsch; werden

Sie dort sein?“

„Nein, ich gehe jetzt zum Gefangenen.“

„Tja, jetzt muß man zum ‚Gefangenen‘ gehn! ’s ist doch ein Leichtsinn,

ein Leichtsinn!“

Ich verabschiedete mich von ihm. Verschiedene Gedanken gingen mir durch

den Kopf. Dieser Timofei Ssemjonytsch war ja ein herzensguter und

grundehrlicher Mensch, als ich ihn aber verlassen hatte, freute ich mich

doch, daß er in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feiern

konnte und solche Timofei Ssemjonytschs immerhin schon eine Seltenheit

bei uns geworden sind.

Ich begab mich eilig und geradenwegs in die Passage, um dem armen Iwan

Matwejewitsch das Ergebnis meiner Unterredung mit unserem erfahrenen

Kollegen mitzuteilen. Ich muß aber sagen, daß mich auch meine Neugier

nicht wenig zu dieser Eile antrieb. Wie hatte er sich dort im Krokodil

eingerichtet und wie konnte ein Mensch überhaupt in einem Krokodil

leben? Wie war das möglich? Mitunter schien es mir wahrlich nur ein

ungeheuerlicher Traum zu sein, um so mehr, als es sich um ein Ungeheuer

handelte ...

Sämtliche Werke 17 · 第 31 / 36 题