Am dreizehnten Januar des laufenden Jahres sprach plötzlich um halb ein
Uhr mittags Jelena Iwanowna, die Gattin Iwan Matwejewitschs, meines
gelehrten Freundes, Kollegen und halb und halb sogar entfernten
Verwandten, den Wunsch aus, das Riesenkrokodil, das man gegen eine
gewisse Zahlung in bar seit kurzer Zeit in der Passage bewundern konnte,
mit eigenen Augen zu sehen. Iwan Matwejewitsch, der das Billett für
seine Reise ins Ausland – die er weniger aus Gesundheitsgründen, als aus
Neugier zu unternehmen beabsichtigte – bereits in der Tasche hatte, sich
also vom Dienst schon quasi entbunden betrachtete und sich demzufolge an
diesem Tage von allen Pflichten frei und ledig fühlte, hatte nicht nur
nichts gegen diesen Wunsch einzuwenden, sondern entbrannte alsbald sogar
selber in reger Wißbegier für die Sehenswürdigkeit.
„Eine prächtige Idee!“ sagte er sehr zufrieden, „nehmen wir das Krokodil
in Augenschein! Es ist nicht übel, wenn man, bevor man ins Ausland
reist, erst einmal gründlich das Inland mit allen seinen Tieren kennen
gelernt hat.“
Mit diesen Worten reichte er seiner jungen Gemahlin den Arm, um mit ihr
in die Passage zu gehen. Wie gewöhnlich schloß ich mich ihnen an, denn
ich war und bin ja der Hausfreund.
Noch nie hatte ich Iwan Matwejewitsch bei besserer Laune gesehen, als an
diesem denkwürdigen Vormittage, – wieder ein Beweis dafür, daß wir nicht
ahnen, was uns bevorsteht! Als wir die Passage betraten, äußerte er sich
ganz entzückt über den Bau des Gebäudes, und als wir beim
Ausstellungsraum, in dem man das neuerdings in der Hauptstadt
eingetroffene Ungeheuer bewundern konnte, angelangt waren, wünschte er
aus eigenem Antriebe auch für mich den vorschriftsmäßigen Obolus dem
Besitzer des Krokodils in die Hand zu drücken, was vordem noch nie von
ihm aus geschehen war. Wir wurden in ein nicht sehr großes Zimmer
geführt, in dem sich außer dem Krokodil noch Papageien, eigenartige
Kakadus und in einem besonderen Käfig an der Wand mehrere Affen
befanden. Gleich beim Eingang aber, links von der Tür, stand ein großer
Blechkasten – der Form nach einer Wanne nicht unähnlich –, den oben ein
starkes Drahtnetz zudeckte und auf dessen Boden etwa einen Zoll tief
Wasser stand. Und in dieser flachen Pfütze lag ein riesengroßes
Krokodil, lag regungslos wie ein Balken und hatte in unserem feuchten,
ungastlichen Klima augenscheinlich alle seine sonstigen Eigenschaften
eingebüßt. Dieses erklärt wohl auch den Umstand zur Genüge, daß es in
uns durchaus kein besonderes Interesse für sich hervorzurufen vermochte.
„Das also ist das Krokodil!“ meinte Jelena Iwanowna, fast mitleidig in
gezogenem Tone, „und ich dachte, daß es ... ganz anders aussähe.“
Anzunehmen ist, daß sie sich überhaupt nichts gedacht hatte.
Währenddessen blickte uns der Besitzer des Ungeheuers, ein Deutscher,
sehr stolz und sehr selbstzufrieden an.
„Er hat recht,“ raunte mir Iwan Matwejewitsch zu, „denn ihm gebührt die
Ehre, augenblicklich der einzige Mensch zu sein, der in Rußland ein
Krokodil besitzt.“
Diese recht überflüssige Bemerkung Iwan Matwejewitschs schreibe ich
gleichfalls seiner gehobenen Stimmung zu, da er sonst recht neidisch zu
sein pflegte.
„Ich glaube, Ihr Krokodil ist gar nicht lebendig,“ äußerte sich Jelena
Iwanowna, pikiert durch die Haltung des Deutschen, mit graziösem Lächeln
sich an ihn wendend, um auch diesen Grobian zu besiegen, – ein Manöver,
das die Frauen ja so gern üben.
„O nein, Madame,“ versetzte der Deutsche in gebrochenem Russisch und
begann sogleich, indem er das Drahtnetz aufhob, mit einem Stückchen das
Krokodil auf den Kopf zu stoßen.
Da entschloß sich das heimtückische Ungeheuer, zum Beweise seiner
Lebendigkeit, kaum-kaum den Schwanz zu bewegen, dann rührte es auch die
Vorderpfoten und erhob ein wenig seine gefräßige Schnauze, worauf es
einen eigentümlichen Laut von sich gab, der in etwas an ein langsames
Schnarchen erinnerte.
„Na, ärgere dich nicht, Karlchen!“ sagte der Deutsche schmeichelnd,
sichtlich befriedigt in seiner Eigenliebe.
„Wie widerlich dieses Tier ist! Ich erschrak ordentlich, als es sich zu
bewegen begann,“ sagte Jelena Iwanowna noch koketter. „Jetzt werde ich
es womöglich im Traume sehen!“
„Aber er wird Sie nicht beißen, Madame,“ versetzte mit einem Anflug von
Galanterie der Deutsche, worauf er als erster über seine eigenen Worte
zu lachen begann; von uns jedoch lachte niemand.
„Gehen wir, Ssemjon Sjemjonytsch“ wandte sich Jelena Iwanowna
ausschließlich an mich, „sehen wir uns lieber die Affen an. Ich liebe
Affen über alles! Einzelne sind geradezu süß, sind so reizend! ... das
Krokodil aber ist einfach abscheulich.“
„O, sei nicht so bange, meine Liebe,“ rief uns Iwan Matwejewitsch nach,
dem es angenehm war, vor seiner Gattin den Mutigen zu spielen, „dieser
schläfrige Landsmann Pharaos wird keinem ein Leid antun,“ – und er blieb
beim Blechkasten. Ja, er kitzelte sogar mit seinem Handschuh die Nase
des Krokodils, um es, wie er später selbst eingestand, zu veranlassen,
nochmals zu schnarchen. Der Besitzer der Menagerie folgte indes Jelena
Iwanowna, als der einzigen anwesenden Dame, zum weitaus interessanteren
Affenkäfig.
Bis dahin war alles gut abgelaufen und niemand hätte etwas Schlimmes
voraussehen können. Jelena Iwanowna gab sich ganz ihrem Entzücken hin,
in das die Affen und Äffchen sie versetzten; sie schrie mitunter leise
auf vor Vergnügen und wandte sich immer wieder an mich, um mich bald auf
diesen, bald auf jenen Affen aufmerksam zu machen, von denen jeder
auffallende Ähnlichkeit mit einem ihrer Bekannten und Freunde haben
sollte. Ihre Heiterkeit steckte auch mich an, denn die Ähnlichkeit war
bisweilen in der Tat ganz verblüffend. Nur der Menageriebesitzer, der
von Jelena Iwanowna als Luft behandelt wurde, wußte nicht, ob er lachen
oder ob er ernst bleiben sollte, und deshalb wurde er zum Schluß sehr
brummig. Doch gerade in dem Augenblick, als mir die Übellaunigkeit des
Deutschen auffiel, erschütterte plötzlich ein entsetzlicher, ja, ich
kann sogar sagen, ein widernatürlicher Schrei die Luft. Ich wußte nicht,
was ich denken sollte und stand wie erstarrt, als ich hörte, daß auch
Jelena Iwanowna aufschrie – da wandte ich mich zurück und ... was
erblickte ich! Ich erblickte – o Gott! – ich erblickte den armen Iwan
Matwejewitsch quer im entsetzlichen Rachen des Krokodils, das ihn in der
Mitte des Körpers gefaßt hatte. Ich sah ihn nur noch einen Augenblick,
wie er, horizontal in der Luft schwebend, wie ein Verzweifelter mit den
Beinen und Armen fuchtelte, und dann – verschwunden war.
Doch ich will dieses denkwürdige Ereignis ausführlicher schildern.
Während des ganzen Vorgangs stand ich wie ein lebloser Gegenstand, der
nur hörte und sah – deshalb ist mir nichts entgangen. Ich entsinne mich
nicht, jemals in meinem Leben mit größerem Interesse einem Vorgang
zugeschaut zu haben, als ich es in jenem Augenblick tat. „Denn,“ dachte
ich bei mir – soviel Überlegungskraft besaß ich doch noch! – „wie, wenn
das, anstatt mit Iwan Andrejewitsch, mit mir geschehen wäre – wie groß
würde dann die Unannehmlichkeit sein!“ Doch zur Sache.
Das Krokodil begann damit, daß es den armen Iwan Matwejewitsch in seinem
Rachen mit den Beinen zu sich drehte und dann einmal schluckte, – und
seine Beine waren bis zur Wade verschwunden. Dann, nachdem es wie ein
Wiederkäuer einmal aufstieß – was unseren Iwan Matwejewitsch wieder ein
wenig hervorstieß, so daß dieser, der sich vergeblich bemühte,
herauszuspringen, sich krampfhaft an den Kastenrand klammern konnte –
schluckte das Ungeheuer zum zweitenmal, und mein Freund verschwand bis
zu den Lenden. Dann, nachdem es wieder aufgestoßen, schluckte es noch
einmal, und dann noch einmal. So sahen wir, wie Iwan Matwejewitsch vor
unseren Augen im Ungeheuer verschwand. Endlich, nachdem es zum
letztenmal geschluckt, hatte das Krokodil meinen gelehrten Freund
tatsächlich restlos verschlungen. Nun traten an der Oberfläche des
Krokodils Wölbungen hervor, an denen man erkennen konnte, wie Iwan
Matwejewitsch mit all seinen Gliedmaßen langsam in den Bauch des Tieres
zu gleiten begann. Ich war bereits im Begriff, wieder aufzuschreien, als
das Schicksal sich noch einmal gewissenlos über uns lustig machte: das
Krokodil blähte sich, rülpste – offenbar war ihm die verschlungene
Portion doch zu groß – und öffnete nach einem neuen Aufstoß seinen
entsetzlichen Rachen, aus dem plötzlich, zusammen mit dem Aufstoß oder
gewissermaßen als dessen Personifikation noch einmal, zum letztenmal,
auf einen Augenblick der Kopf Iwan Matwejewitschs herausfuhr und wieder
verschwand, sodaß wir nur eine Sekunde lang sein verzweifeltes Gesicht
gesehen hatten, von dessen Nase im Moment, als sie über den Rand des
Unterkiefers hinausragte, die Brille in das zolltiefe Wasser auf dem
Boden des Blechkastens fiel. Es hatte fast den Anschein, als sei dieser
verzweifelte Kopf nur deshalb hervorgekommen, um noch einmal, zum
letztenmal, einen Blick auf alle Gegenstände zu werfen und bewußt von
allen weltlichen Freuden Abschied zu nehmen. Doch die Frist war gar zu
kurz bemessen: das Krokodil hatte schon einige Kräfte gesammelt und
schluckte von neuem und der Kopf verschwand wieder, diesmal, um nicht
mehr zum Vorschein zu kommen.
Dieses Erscheinen und Verschwinden eines noch lebenden Menschenkopfes
war so entsetzlich, gleichzeitig aber – sei es infolge der Überraschung,
der Geschwindigkeit oder weil ihm die Brille von der Nase fiel – war es
so unsäglich komisch, daß ich plötzlich schallend auflachte. Natürlich
besann ich mich sogleich – es ging doch nicht an, daß ich in meiner
Eigenschaft als Hausfreund in einem solchen Augenblick lachte! – wandte
mich daher schnell zu Jelena Iwanowna und sagte so mitfühlend als
möglich:
„Jetzt ist es aus mit unserm Iwan Matwejewitsch!“
Leider fühle ich mich der Aufgabe, die Erregung Jelena Iwanownas während
des ganzen Vorgangs zu schildern, nicht gewachsen. Ich kann nur sagen,
daß sie nach dem ersten Schrei gleichsam wie gelähmt in vollkommener
Regungslosigkeit verharrte und scheinbar ganz gleichgültig, nur mit weit
aufgerissenen, sogar ein wenig hervorquellenden Augen dem Vorgang zusah;
erst als das Haupt ihres Gemahls zum zweitenmal verschwand und nicht
wieder zum Vorschein kam, kehrten ihre Lebensgeister zurück und sie
begann herzzerreißend zu schreien. Da wußte ich mir nicht anders zu
helfen, als ihre Hände zu erfassen und sie krampfhaft festzuhalten. In
diesem Augenblick erwachte auch der Deutsche aus seiner Erstarrung; er
griff sich mit beiden Händen an den Kopf und schrie:
„O, mein Krokodil! O, mein allerliebstes Karlchen! Mutter, Mutter,
Mutter!“
Darauf öffnete sich eine Hintertür und die „Mutter“ erschien: eine
bejahrte, rotwangige Frau mit einer Haube auf dem Kopf, doch sonst
ziemlich unordentlich gekleidet. Als sie die Verzweiflung ihres Mannes
sah, stürzte sie ganz verstört herbei.
Und nun setzte ein ganzes Sodom ein: Jelena Iwanowna rief immer nur dies
eine Wort: „Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden!“ und stürzte bald
zum Deutschen, bald zur Mutter, die sie allen Anzeichen nach anflehte –
wohl in einem Augenblick des Vergessens und der Selbstverleugnung –
irgend jemanden oder irgendetwas aufzuschneiden. Der Besitzer aber und
die „Mutter“ beachteten weder sie noch mich und heulten wie die
Kettenhunde an ihrem Blechkasten.
„Er ist verloren, er wird sogleich platzen, er hat einen ganzen Menschen
verschlungen!“ schrie der Besitzer des „Karlchen“.
„Ach Gott, ach Gott, unser allerliebstes Karlchen muß sterben!“ jammerte
die Mutter.
„Sie haben uns zu Waisen gemacht, wir sind brotlos geworden!“ schrie
wieder der Deutsche, und –
„Ach Gott, ach Gott, ach Gott!“ jammerte wieder die Mutter.
„Aufschneiden, aufschneiden, aufschneiden! Sie müssen das Tier
schlachten!“ flehte und befahl Jelena Iwanowna, die sich an den Rock des
Deutschen klammerte.
„Er hat mein Krokodil gereizt, – weshalb hat Ihr Mann mein Krokodil
gereizt?“ schrie der Deutsche. „Wenn mein Karlchen jetzt platzt, müssen
Sie ihn mir bezahlen! Ich werde Sie auf Schadenersatz verklagen! Das war
mein Sohn, das war mein einziger Sohn!“
Ich muß gestehen, daß ich über diesen Egoismus des eingewanderten
Deutschen und diese Hartherzigkeit seiner unordentlichen „Mutter“ nicht
wenig entrüstet war. Auch Jelena Iwanownas immer wieder wiederholte
Bitte trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Besorgt dachte ich an
die Möglichkeit, daß jeden Augenblick gerade aus einem der anstoßenden
Lokale der Passage, in dem jemand eine Rede über Pflanzenkost hielt, ein
Vegetarianer die Menagerie betreten konnte – und was konnte es da nicht
alles für Mißverständnisse geben, wenn sie noch lange fortfuhr, immer
nur diese eine Bitte flehentlich und angstvoll zu wiederholen? Und in
der Tat sollte es sich bald zeigen, daß meine Befürchtungen nicht
grundlos waren: Zu meinem Entsetzen sah ich, wie plötzlich der Vorhang,
der den Ausstellungsraum von der „Kasse“ trennte, zur Seite gezogen
wurde und im Türrahmen eine bärtige Gestalt mit einer Beamtenmütze in
der Hand erschien, eine Gestalt, die nicht eintrat, wie zu erwarten
stand, sondern die sich in stark vorgebeugter Stellung mit den Füßen
jenseits der Schwelle hielt und ersichtlich sehr darauf bedacht war,
diese Schwelle nicht zu überschreiten, um nicht wegen des
Eintrittsgeldes, das der Unbekannte offenbar nicht zu zahlen gewillt
war, vom Direktor der Menagerie belästigt zu werden.
„Ihr Wunsch, meine Gnädigste,“ sagte der Unbekannte, bemüht, das
Gleichgewicht nicht zu verlieren, „macht Ihrer geistigen Entwicklung
wenig Ehre und ist nur auf den Mangel an Phosphorgehalt in Ihrem Gehirn
zurückzuführen. Sie werden wohl nichts dagegen haben, wenn die
Repräsentanten des Fortschritts und der Humanität Sie in ihren
satirischen Zeitschriften der nötigen Kritik unterwerfen, und ...“
Doch es sollte ihm nicht vergönnt sein, seine Rede zu beenden, denn als
der Menageriebesitzer zu seinem Entsetzen einen Menschen im
„Ausstellungsraume“ sprechen hörte, der für dieses Vergnügen nichts
gezahlt hatte, stürzte er in heller Empörung auf ihn zu und stieß ihn,
den humanen Repräsentanten des Fortschritts, unter deutschen
Kernausdrücken zur Tür hinaus: wir vernahmen nur noch ihre wortreiche
Auseinandersetzung hinter dem Vorhang. Doch der Deutsche kehrte sehr
bald zurück, um seine Wut, in die er sich hineingeredet, nunmehr an der
armen Jelena Iwanowna auszulassen, die es gewagt hatte, eine Operation
seines Karlchen zu verlangen, um ihren Gatten zu retten.
„Was! Sie wollen, daß meinem Karlchen der Bauch aufgeschlitzt werden
soll!“ schrie er. „Lassen Sie doch Ihren Mann aufschlitzen! ... _Mein_
Krokodil! Mein Vater hat das Krokodil schon gezeigt, mein Großvater hat
das Krokodil gezeigt und mein Sohn wird es wieder zeigen, und so lange
ich lebe werde ich es gleichfalls zeigen! Alle werden wir es zeigen! Ich
bin in ganz Europa bekannt, Sie aber sind nicht in Europa bekannt,
deshalb werden Sie mir Strafe zahlen, verstanden, Madame!“
„Ja, ja!“ pflichtete ihm seine böse dreinblickende Frau Mutter bei, „wir
werden Sie verklagen, wenn unser Karlchen platzt!“
„Übrigens wäre es auch zwecklos, das Tier aufzuschneiden,“ wandte ich
ziemlich ruhig ein, um Jelena Iwanowna zu besänftigen und sie dann zu
bewegen, nach Hause zurückzukehren, „denn unser lieber Iwan
Matwejewitsch wird sich bereits aller Wahrscheinlichkeit nach in den
Gefilden der Seligen befinden.“
„Mein Freund!“ ertönte da plötzlich unerwartet die Stimme Iwan
Matwejewitschs, die uns alle erstarren machte, „mein Freund, du
täuschest dich. Mein Rat wäre, sich direkt an den Polizeioffizier dieses
Quartals zu wenden, denn ohne polizeilichen Nachdruck wird dieser
Deutsche schwerlich die Wahrheit begreifen.“
Diese Worte, die noch dazu in festem, überzeugungsvollem Tone gesprochen
waren und in dieser Lage doch eine seltene Geistesgegenwart verrieten,
waren so überwältigend, daß wir unseren Ohren nicht trauten.
Nichtsdestoweniger eilten wir natürlich sogleich zum Blechkasten und
lauschten mit mindestens ebenso großem Mißtrauen als unfreiwilliger
Ehrfurcht den Worten des armen Gefangenen. Seine Stimme klang wie
diejenige eines Menschen, der sich in einem anderen Zimmer ein Kissen
vor den Mund preßt und schreiend laut spricht, etwa um das Gespräch
zweier Bauern nachzuahmen, die durch einen Fluß getrennt sich von Ufer
zu Ufer allerlei zuschreien, – ein Scherz, den ich einmal auf einem
Polterabend das Vergnügen hatte, kennen zu lernen.
„Iwan Matwejewitsch, Liebster, sag’, so lebst du noch?“ fragte Jelena
Iwanowna bebend.
„Ich lebe und befinde mich wohl,“ antwortete Iwan Matwejewitschs fernher
leise schreiende Stimme, „denn ich bin dank himmlischer Vorsehung ohne
jede Körperverletzung verschlungen. Was mich beunruhigt, ist nur die
Frage, wie meine Vorgesetzten diesen Zwischenfall auffassen werden; denn
wenn man das Billett zu einer Auslandsreise in der Tasche hat und dabei
nur in das Innere eines Krokodils gelangt, wird man schwerlich auf
Scharfsinn schließen.“
„Aber, Liebster, beunruhige dich jetzt doch nicht wegen des
Scharfsinns!“ sagte Jelena Iwanowna. „Die Hauptsache ist doch, daß man
dich irgendwie von dort herauszieht.“
„Herauszieht!“ rief der Deutsche nahezu entrüstet aus. „Das lasse ich
einfach nicht zu! Jetzt wird’s noch einmal so viel Publikum geben und
ich werde fünfzig Kopeken statt fünfundzwanzig pro Person nehmen, und
Karlchen fällt’s nicht ein, zu platzen!“
„Gott sei Dank!“ äußerte sich seine Frau dazu.
„Er hat recht,“ bemerkte ruhig Iwan Matwejewitsch, „zuerst kommt das
ökonomische Prinzip.“
„Mein Freund!“ rief ich ihm eifrig und möglichst laut zu, „ich werde
mich sogleich schleunigst zu deinen Vorgesetzten begeben, denn mir ahnt,
daß wir allein hier nichts werden ausrichten können.“
„Das denke ich auch,“ sagte Iwan Matwejewitsch, „nur wird es in unserer
Zeit der Handelskrisis schwer halten, ohne finanzielle Entschädigung den
Leib des Krokodils aufzutrennen, doch ist damit gleichzeitig die Frage
aufgeworfen: wieviel wird der Besitzer für sein Krokodil verlangen? Und
diese Frage zieht eine zweite nach sich: wer wird es bezahlen? Denn wie
du weißt, bin ich kein Kapitalist! ...“
„Ginge es nicht a Konto des Gehalts? ...“ wagte ich schüchtern
vorzuschlagen, doch der Besitzer des Krokodils unterbrach mich sogleich:
„Ich verkaufe mein Krokodil überhaupt nicht! Ich kann dafür dreitausend
Rubel verlangen, ich kann sogar viertausend verlangen! Jetzt wird das
Publikum herbeiströmen – ich kann auch fünftausend verlangen für mein
Krokodil!“
Kurz, er begann sich ganz entsetzlich zu brüsten. Habgier leuchtete in
seinen Augen.
„Ich fahre also!“ rief ich meinem Freunde, innerlich empört, zu.
„Ich auch, ich auch! Ich werde persönlich zu Andrei Ossipytsch fahren
und ihn durch meine Tränen zu erweichen suchen!“ sagte Jelena Iwanowna
erregt.
„Nein, tue das nicht, meine Liebe,“ versetzte Iwan Matwejewitsch
schnell, denn lange schon hegte er eifersüchtigen Groll gegen diesen
Andrei Ossipytsch: er wußte, daß seine Frau sehr gern zu diesem
Allmächtigen gefahren wäre, um sich ihm zur Abwechslung einmal in Tränen
zu zeigen, zumal ihr Tränen sehr gut standen. „Und dir, Ssemjon
Ssemjonytsch,“ wandte er sich an mich, „möchte ich gleichfalls abraten,
zu meinen Vorgesetzten zu gehen; man kann nicht wissen, was daraus
schließlich noch entsteht. Aber fahre heute mal zu Timofei Ssemjonytsch,
so, weißt du, ganz privatim. Er ist zwar ein altmodischer und etwas
beschränkter Mensch, dafür aber solide und, was die Hauptsache ist,
gerade heraus. Grüße ihn von mir und erkläre ihm den Sachverhalt. Ich
schulde ihm noch sieben Rubel – ich verlor sie im Kartenspiel – sei also
so gut und übergib sie ihm bei der Gelegenheit; das wird den Alten
günstiger stimmen. Jedenfalls kann uns sein Rat zur Richtschnur dienen.
Jetzt aber sei so freundlich und bringe Jelena Iwanowna nach Hause ...
Beruhige dich, meine Liebe,“ fuhr er fort, „ich bin nur müde geworden
von diesem Geschrei und will ein wenig schlafen. Hier ist es zum Glück
warm und weich, obschon ich noch nicht Zeit gehabt habe, mich genauer in
meinem neuen Heim umzusehen ...“
„Umzusehen? Ist es denn dort so hell?“ forschte neugierig, doch
sichtlich erfreut Jelena Iwanowna.
„Im Gegenteil, mich umgibt vollkommene Finsternis,“ antwortete der arme
Gefangene, „aber ich kann mit den Händen fühlen und mich hier tastend
orientieren ... Also auf Wiedersehen, sei unbesorgt und versage dir
nicht deine kleinen Zerstreuungen. Bis morgen! Du aber, Ssemjon
Ssemjonytsch, komme gegen Abend wieder her, und damit du es, bei deiner
bekannten Vergeßlichkeit, diesmal nicht wieder vergißt, binde dir
sogleich einen Knoten ins Taschentuch ...“
Ich muß sagen, daß ich froh war, endlich fortgehen zu können, denn
erstens war ich vom Stehen müde geworden und zweitens wurde es mir
allmählich langweilig. Ich reichte daher geschwind Jelena Iwanowna, die
durch die Erregung noch hübscher geworden war, mit artiger Verbeugung
meinen Arm und verließ mit ihr die Menagerie.
„Am Abend wieder fünfundzwanzig Kopeken Eintrittsgeld!“ rief uns noch
der Deutsche nach.
„O Gott, wie habgierig er ist!“ seufzte Jelena Iwanowna, die in jeden
Spiegel zwischen den Schaufenstern der Passage einen Blick warf und sich
augenscheinlich dessen bewußt war, daß sie noch hübscher als sonst
aussah.
„Das ökonomische Prinzip,“ versetzte ich in angenehmer angeregter
Stimmung, stolz auf meine Dame, die neidisch von den Vorübergehenden
betrachtet wurde.
„Das ökonomische Prinzip ...“ wiederholte sie mit koketter Langsamkeit,
„ich habe nichts von alledem begriffen, was Iwan Matwejewitsch dort
sprach, namentlich nicht, was er mit diesem dummen Prinzip meinte.“
„Das werde ich Ihnen sofort erklären,“ versetzte ich eilfertig und
begann ihr die günstigen Folgen der Heranziehung fremden Kapitals
auseinanderzusetzen, Ansichten, die ich am Morgen desselben Tages in den
„Petersburger Nachrichten“ gelesen hatte.
„Wie sonderbar das doch ist!“ unterbrach sie mich, als sie mir eine
Weile zugehört hatte. „Aber so hören Sie doch endlich auf, Sie
Plagegeist! Welch einen Unsinn Sie heute reden ... Sagen Sie, bin ich
sehr rot im Gesicht?“
„Nicht rot, sondern schön,“ antwortete ich, um die Gelegenheit, ihr eine
Schmeichelei zu sagen, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen.
„Sie Schmeichler!“ wehrte sie selbstzufrieden ab. „Der arme Iwan
Matwejewitsch,“ fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, kokett das
Köpfchen auf die Seite neigend, „er tut mir wirklich leid. Ach, mein
Gott!“ rief sie plötzlich ganz erschrocken aus, „aber sagen Sie doch,
wie wird er denn heute dort zu Mittag speisen und ... und ... wie wird
er denn ... wenn er sonst etwas wünscht?“
„Das ist ein unvorhergesehenes Problem,“ sagte ich, gleichfalls
bestürzt. „Ich habe, offen gestanden, an diese Möglichkeit noch gar
nicht gedacht. Da haben wir wieder einen Beweis dafür, daß in
Lebensfragen die Frauen weit praktischer sind als wir Männer!“
„Der Arme, wie ist er nur da hineingeraten! ... Und nun sitzt er da, so
ganz ohne Unterhaltung! Und außerdem ist es dort noch dunkel ... Wie
dumm, daß ich keine Photographie von ihm habe ... So bin ich denn jetzt
eigentlich Witwe, nicht wahr?“ fragte sie mit berückendem Lächeln,
sichtlich interessiert für ihren neuen Stand. „Hm! ... aber er tut mir
doch trotzdem leid! ...“
Mit einem Wort – ich sah und hörte die sehr begreifliche und natürliche
Sehnsucht einer jungen, interessanten Frau nach ihrem Manne. Endlich
waren wir in ihrer Wohnung angelangt und nach erfolgreichen
Beruhigungsversuchen, während welcher ich mit ihr zu Mittag gespeist
hatte, brach ich um sechs Uhr nach einem Täßchen aromatischen Kaffees
auf, um mich zu Timofei Ssemjonytsch zu begeben, denn ich nahm an, daß
um diese Zeit alle Ehemänner zu Hause liegend oder sitzend anzutreffen
sind.
Übrigens:
Nachdem ich das erste Kapitel in einem Stil geschrieben habe, der mir
der betreffenden Erzählung angepaßt scheint, gedenke ich fernerhin einen
minder hochtrabenden anzuwenden, der dafür natürlicher sein soll, wovon
ich den verehrten Leser im voraus in Kenntnis setze.